Das Exempel "Fliegen auf dem Geschwür" im "Schachzabelbuch" von de Cessoli, "Schachzabelbuch" Konrads von Ammenhausen, den "Gesta Romanorum" und Paulis "Schimpf und Ernst"


Seminararbeit, 2005

19 Seiten, Note: 2.3


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Schachzabelbuch des Jacobus de Cessoli
2.1. Das Werk
2.2. Das Exempel bei Jacobus de Cessoli

3. Das Schachzabelbuch des Konrad von Ammenhausen
3.1. Das Werk
3.2. Das Exempel bei Konrad von Ammenhausen

4. Die Gesta Romanorum
4.1. Das Werk
4.2. Das Exempel in den Gesta Romanorum

5. Johannes Paulis Schimpf und Ernst
5.1. Das Werk
5.2. Das Exempel bei Johannes Pauli

6. Zusammenfassung

7. Fazit

8. Anhang Fehler! Textmarke nicht definiert
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Die Exempel Fehler! Textmarke nicht definiert.

Quellenverzeichnis

1.Einleitung

Exempel spielen in mittelalterlichen Schriften, vor allem in Werken mit moralisch didaktischer Zielsetzung eine große Rolle. Sie können als kurze, meist erzählende Texte mit belehrender Tendenz beschrieben werden. Die Autoren benutzen die Exempel dabei, um ihre Argumentation aufzubauen, zu belegen oder zu untermauern.

Außerdem werden Exempel in so genannten Exempel-Sammlungen verwendet, wo eine größere Anzahl von Exempeln zusammengefasst und teilweise mit einer Moralisation versehen wird, um so ihre weitere Verwendung in einer der oben beschriebenen Schriften oder in Predigten zu vereinfachen, aber auch um als Lesebuch zu dienen.[1]

Aufgrund dessen ist auch eine Vielzahl der überlieferten Exempel in mehreren Werken dokumentiert, da die Autoren sich oft der Exempelsammlungen bedienten. Aber auch der umgekehrte Fall, nämlich das Übernehmen von Exempeln aus Werken wie dem Schachzabelbuch ist möglich. Dies ist auch bei dem hier untersuchten Exempel wahrscheinlich, worauf aber später noch genauer eingegangen wird.

Exempel können in unterschiedlichen Zusammenhängen auftreten und wurden von den Autoren meist auch im Sinn der von ihnen erwünschten Deutung abgewandelt, so dass ein und dasselbe Exempel oft in unterschiedlichen, manchmal sogar konträren Argumentationen ihren Platz finden kann und seine Form bis auf den Kern des Exempels variiert.

Der Inhalt dieser Arbeit soll die Herausstellung und der Beleg von Unterschieden und Schwierigkeiten sein, die bei einem Autor auftreten können, wenn er ein Exempel für eine bestimmte Argumentation nutzbar machen möchte, die nicht zu der eigentlich schon innewohnenden Bedeutung passt.

Zur Verdeutlichung solcher Unterschiede ist es sinnvoll, ein bestimmtes Exempel, das in unterschiedlichen Werken benutzt wurde auf mögliche Gegensätze hin zu untersuchen. Zu diesem Zweck ist hier das Exempel „Fliegen auf dem Geschwür“ ausgewählt worden. Vergleichen möchte ich die Versionen dieses Exempels in den Schachzabelbüchern Jacobus’ de Cessoli und Konrads von Ammenhausen sowie in den Exempelsammlungen „Gesta Romanorum“ und „Schimpf und Ernst“.

Im Folgenden werde ich, ausgehend von Jacobus’ Schachzabelbuch das die Grundlage unseres Seminars bildete, über dasjenige von Konrad von Ammenhause und die beiden Exempelsammlungen, die jeweilige Verwendung und Deutung dieses Exempels im Zusammenhang des Werks beurteilen und erklären. Der Betrachtung des Exempels werde ich dabei jeweils eine kurze Beschreibung des Gesamtwerkes und seiner Bedeutung voranstellen. Die wichtigsten Ergebnisse dieser Betrachtungen werde ich daraufhin zusammenfassen, um so eventuelle Unterschiede und Parallelen noch deutlicher zum Vorschein zu bringen, und Schwierigkeiten bei der Anwendung des Exempels in einem konkreten Zusammenhang zu beschreiben. Abschließend werde ich zur Art und zu den Unterschieden der Verwendung dieses Exempels und von Exempeln im Allgemeinen Stellung beziehen.

In meiner Arbeit werde ich dem Exempelvergleich absoluten Vorrang gewähren, so dass Besonderheiten des jeweiligen Werkes, die nicht in direktem Zusammenhang mit dem bearbeiteten Exempel stehen, kaum Beachtung finden werden. Auf die Verwendung von Sekundärliteratur werde ich weitestgehend verzichten, da im Bereich dieses speziellen Themas kaum verwendbare Forschungsergebnisse vorliegen.

2. Das Schachzabelbuch des Jacobus de Cessoli

2.1. Das Werk

Das Schachzabelbuch des Jacobus ist nach Aussage des Autors ursprünglich als ein Predigtzyklus entstanden, der der kritisch moralischen Unterweisung der verschiedenen Berufsgruppen und Stände diente. Es wurde dann aber niedergeschrieben und gelangte zu einer großen Verbreitung. Es sind über 250 Handschriften erhalten und das Werk wurde in 6 Volkssprachen übersetzt. Eine der vier Deutschen Versfassungen des Buches ist das Schachzabelbuch Konrads von Ammenhausen, das später noch behandelt werden wird.[2]

In diesem Buch werden die Figuren und ihre Bewegungen auf dem Schachbrett als ein Spiegel der Gesellschaft gedeutet. Den Figuren werden die Mitglieder der wichtigsten Stände und Berufsgruppen zugeordnet. Während den Bauern oder ‚Venden’, wie es in dem Buch heißt, die Berufsgruppen des einfachen Volkes zugeordnet werden, entsprechen König, Königin, die Alten (Richter), Ritter und Rochen (hohe Beamte z.B. Staathalter) ihrer Bezeichnung. Jacobus beschreibt, was die Aufgaben der Vertreter der jeweiligen Gruppen sind und mit welchen Tugenden sie ausgestattet sein sollten. Dabei fällt auf, dass er mögliche negative Eigenschaften der einzelnen Vertreter im Gegensatz zu anderen zeitgenössischen Werken wie zum Beispiel den Totentänzen, wo diesen Eigenschaften das Hauptaugenmerk geschenkt wird, völlig außer Acht lässt. Vielmehr hebt Jacobus die positiven Tugenden hervor und zeichnet damit ein idealisiertes jedoch nicht unbedingt wahrheitsgetreues Bild der Beschriebenen, was bei diesen allerdings eine moralisierende Wirkung gehabt haben dürfte, da auch ihnen der Unterschied zwischen Ideal und Realität bewusst geworden sein wird.

Inhaltlich beginnt Jacobus in seinem in vier Teile und mehrere Unterabschnitte gegliederten Werk mit der Begründung für die Erfindung des Schachspiels, bevor er im zweiten Teil die niederen Stände und im dritten Teil die vornehmen Stände beschreibt. Zuletzt widmet er sich dem Spielfeld und den Zügen der verschiedenen Figuren.

Das von mir bearbeitete Exempel ist im zweiten Teil zu finden und dort in dem mit ‚Von den Rochen’ überschriebenen Kapitel angesiedelt, da es sich mit hohen Beamten des Königs beschäftigt.

2.2. Das Exempel bei Jacobus de Cessoli

In diesem Exempel, als dessen Quelle Jacobus Flavius Josephus anführt, wird beschrieben, wie Kaiser Tiberius, als er gefragt wird warum er seine Statthalter solange in ihren Ämtern ließe, mit einer kurzen Geschichte antwortet. Die Geschichte führt er an, um so zu belegen, dass es dem Volk nicht nützlich sei, wenn er die Beamten oft auswechsle. Der Beleg des Kaisers erzählt, wie er Mitleid mit einem kranken und schwachen Mann hatte, der auf der Straße lag und zu schwach war, sich der Maden, die überall auf seinem Körper saßen, zu erwehren, und deshalb die Maden von dem Mann vertrieb. Doch entgegen der erwarteten Reaktion jammerte der Kranke und sagte, Tiberius habe ihm doppelten Schaden zugefügt, da er die Maden vertrieben habe, die schon mit seinem Blut voll gesogen waren, und so den hungrigen den Weg frei gemacht habe.

Deshalb, so sagt Tiberius, sei es besser die Beamten lange in ihren Ämtern zu lassen, da sie dann genug hätten und die Armen schonen würden. Andernfalls würden die neuen Beamten danach streben, so viel Besitz zu erlangen wie ihre Vorgänger. Um dies zu erreichen, würden sie nicht auf die Bedürfnissen der armen Leute achten, sondern nach deren Hab und Gut streben, höhere Abgaben als ihre Vorgänger einführen und nicht weiter auf die Gerechtigkeit achten. Dies würde den armen Leuten dann den doppelten Schaden zufügen.

Das Exempel ist in der Beschreibung der Rochen, also der hohen Beamten oder Statthalter angesiedelt und soll dort speziell als Beleg für die Tugend der ‚diemütichait’, die Jacobus für diese Berufsgruppe als wichtig erachtet, dienen. Die in der Einleitung von mir kurz beschriebene Problematik ein Exempel, das schon eine eigene Aussage beinhaltet in einen bestimmten Kontext, der eigentlich nicht genau diese Aussage erfordert einzuordnen, tritt hier deutlich hervor.

Isoliert betrachtet vermittelt das Exempel die Aussage, dass die ‚amptlawt’ allesamt das schwache Volk wie ‚meyden’ aussaugen, bis sie fett sind und keinen Bedarf an weiteren Gütern haben. Dem Kaiser obliegt die Aufgabe den Schaden, den seine Untergebenen anrichten so gering wie möglich zu halten, indem er diejenigen, die genug haben in den Ämtern lässt und so selten wie möglich neue Beamten, ‚die nichtz hieten’ und sich deshalb an den schwachen schadlos halten einsetzt. Den Beamten werden also eigentlich nur negative Eigenschaften zugewiesen, was allerdings nicht im Sinne von Jacobus sein kann, da sein Konzept ist, den Ständen positive Eigenschaften zuzuordnen und da dieses Exempel konkret die ‚diemuot’ der Beamten zeigen soll.

Um die gewünschte Aussage durch dieses Exempel zum Ausdruck zu bringen, muss der Leser dem von Jacobus gewünschten Gedankengang folgen und dabei einige in diesem Exempel enthaltene Aussagen ignorieren. Wenn man nicht beachtet, dass die Beamten, die schon lange ein Amt haben einst auch das Volk ausgesaugt und die Gerechtigkeit nicht beachtet haben, so erfüllen sie im Zustand des ‚vol’ -sein die Forderung der ‚diemuot’, wenn auch nur weil sie schon alles haben und nichts mehr brauchen. Aber dieser Weg der Interpretation ist der einzig mögliche, wenn auch etwas befremdlich wirkende, um dieses Exempel in Jacobus’ Konzept zu integrieren.

Verwunderlich stimmt es daher auch, dass Jacobus keine weiteren Ausführungen zur Erklärung dieses Exempels hinzufügt, wie es sonst oft der Fall ist. Eventuell hat er die Schwierigkeit an diesem Exempel erkannt, ist allerdings nicht in der Lage sie zu beheben, oder es scheint ihm zu aufwändig, längere Ausführungen aufgrund dieses Exempels anzuführen und er hofft vielmehr, das die Problematik vom Rezipienten nicht erkannt wird.

3. Das Schachzabelbuch des Konrad von Ammenhausen

3.1. Das Werk

Das Schachzabelbuch Konrads von Ammenhausen ist eine Bearbeitung des Werkes von Jacobus de Cessoli und wurde 1337 fertig gestellt. Es gilt im deutschen Sprachraum als die umfangreichste und bedeutendste Bearbeitung von Jacobus’ Werk und erreichte aufgrund seines unterhaltsamen Stils ein breites Laienpublikum. Die Grundstrukturen belässt Konrad wie in seiner Vorlage, das heißt, Konrads Werk ist ebenfalls in vier Teile unterteilt, die inhaltlich in allen Punkten den Vorgaben Jacobus’ folgen. Allerdings gliedert Konrad sein Werk in deutlich mehr Unterpunkte und legt ein größeres Gewicht auf die Beschreibung der niederen Berufe. Außerdem ist Konrads Werk in Versform gehalten und wird nicht wie bei Jacobus in Prosaform präsentiert. Der Umfang des Schachzabelbuchs Konrads übertrifft den seiner Ursprungsquelle, da er sich nicht scheut, eigenen und fremden Erzählungen hinzuzufügen und die vorhandenen Erläuterungen durch Kommentare zu erweitern. Daher kann man bei Konrads Schachzabelbuch von einem eigenständigen Werk sprechen.

3.2. Das Exempel bei Konrad von Ammenhausen

Konrad lässt in seinem Werk das eigentliche Exempel in weiten Teilen unverändert, erreicht jedoch durch geringfügige Änderungen einen weitreichenden Effekt bei der letztendlichen Deutung. Eine Änderung von geringer Wichtigkeit ist die, dass es nicht der Kaiser selbst ist, der dem leidenden Mann die Fliegen verscheucht und dass es zu einem kurzen Dialog zwischen diesem Mann und dem Kranken kommt. Diese Veränderung betrifft die Sinngebung des Exempels allerdings kaum. Vielmehr scheint sie aus stilistischen Gründen getätigt worden zu sein, um so eine gewisse Spannung aufrecht zu halten, da ein Dialog das Publikum eher gefesselt haben mag als ein Monolog. Außerdem stellt dieser Dialog genau die Frage die sich der Zuhörer an dieser Stelle des Exempels ebenfalls unweigerlich stellen wird, nämlich warum der Kranke auf die ihm angediehene „Wohltat“ hin anfängt zu klagen und sich nicht wie erwartet dafür bedankt. Dadurch wird jedoch auch eine zweite mögliche Interpretationsebene des Exempels ermöglicht, die durch eine weitere inhaltliche Erweiterung, noch ausgebaut wird. Der Kranke trifft in Erklärung seiner „Undankbarkeit“ nämlich die Aussage, dass jemand der so handle wie sein „Wohltäter“ einen ‚steinîn lîp’ haben müsse.

Mit dieser, der Moralisation des Exempels in den Gesta Romanorum nicht unähnlichen Aussage, wird eine Deutung des Exempels als Plädoyer für umsichtiges und bedachtes Handeln ermöglicht.

Eine weitere wichtige Erweiterung ist die kurze Erläuterung die Konrad direkt vor dem Exempel einfügt, um dieses so besser in den Kontext des Werkes zu integrieren. Während es bei Jacobus ohne jegliche Erläuterung zwischen zwei anderen angesiedelt ist, versucht Konrad eine Integration dadurch zu erreichen, dass er dieses Exempel als Kontrast zu den vorherigen darstellt. Während dort beschrieben wird, dass ‚die lantvögt dur diemüetekeit von ir emptern sölten gân’, also ihre Demut durch eine selbstständige Abdankung beweisen, möchte er hier belegen, dass die selbe Tugend auch durch ein langes Verbleiben in den Ämtern bewiesen werden kann.

Es gelingt Konrad, durch die vorangestellte Erläuterung und vor allem durch die zweite Interpretationsmöglichkeit, eine sinnvollere Deutung des Exempels zu ermöglichen als das bei Jacobus der Fall ist. Allerdings werden dadurch neue Probleme aufgeworfen, da die veränderte Deutungsmöglichkeit kaum eine Verbindung zum eigentlichen Kapitelthema „Demut“ erkennen lässt. Auch Konrad erreicht keine nahtlose Integration des Exempels in den Kontext des Werkes, allerdings sind deutliche Fortschritte gegenüber dem Versuch des Jacobus zu erkennen.

4. Die Gesta Romanorum

4.1. Das Werk

Die Gesta Romanorum sind eine Exempelsammlung, die vermutlich in Deutschland oder England entstand und dann im gesamten romanischen Sprachraum zu einer großen Verbreitung gelangte. Sie waren im Gegensatz zu den meisten anderen Exempelsammlungen schon mit einer Moralisation versehen. Häufiger wird die Verwendung der jeweiligen Exempel durch ihre Einordnung unter bestimmte Themengebiete impliziert. Die Gesta Romanorum basieren auf einer Vielzahl unterschiedlicher Quellen, wozu sowohl antike Sagen und Geschichten als auch der Bibel entlehnte Texte, Kirchenschriftsteller und viele weiterer Quellen zu zählen sind. Daraus folgt, dass auch das Spektrum der behandelten Themen eine große Bandbreite aufweist.[3]

Die herausragende Besonderheit der Gesta Romanorum ist ihre zweiteilige Gestaltung. Im ersten Teil wird die eigentliche Geschichte erzählt, die dann im zweiten Teil mit der geistlichen Moralisation versehen wird. Dabei werden Exempel, die anderen Quellen entnommen sind oft gewaltsam diesem Schema angepasst, wobei unter Umständen ganze Passagen im Sinne der erwünschten Auslegung verändert, hinzugefügt oder weggelassen werden.

Die Gesta Romanorum sind in mehreren Handschriften überliefert, die große Unterschiede in Form und Inhalt aufweisen. Es gibt Fassungen mit und Fassungen ohne Moralisation, und die Anzahl der aufgenommenen Exempel ist starken Schwankungen unterworfen. Allerdings sind die wichtigeren Versionen mit Moralisationen versehen. Daher ist auch das hier bearbeitete Exempel einer solchen Version entnommen.

4.2. Das Exempel in den Gesta Romanorum

Das Exempel ist in dieser Version der Gesta Romanorum wesentlich kürzer gefasst als Jacobus und Konrad. Die Passage in der der Kaiser sein Fazit aus der von ihm erzählten Geschichte zieht und das Bild der Fliegen auf dem kranken Mann noch einmal auf die Situation der Statthalter und Sinn oder Unsinn des schnellen Auswechselns derselben überträgt wird hier völlig ausgespart. Sie wird durch die Moralisation ersetzt, die die Aussage enthält, dass niemand, der nicht ein Herz von Stein anstatt aus Fleisch habe, daran zweifeln könne, dass der Stachel der leeren und hungrigen Fliegen dem Kranken Mann das Doppelte an Leid zufüge.

Mit diesem Schluss bekommt das Exempel eine vollkommen andere Bedeutung zugewiesen als bei Jacobus. Zu der Version des Exempels bei Konrad besteht dagegen eine augenscheinliche Ähnlichkeit.

Doch während in den Schachzabelbüchern die Tatsache des langen Belassens der Statthalter in ihren Ämtern eine wichtige Rolle spielt, wird hier der Mann der die Fliegen vertreibt zum Ziel der Interpretation des Exempels. Er stellt durch die Kurzsichtigkeit seiner Handlung unter Beweis, dass er ein Herz von Stein habe, also nicht in der Lage ist die Bedürfnisse seines Mitmenschen zu erkennen sondern vielmehr schnell und ohne Bedacht und Herz handelt.

Der Funktion der Gesta Romanorum als Exempelsammlung entsprechend, lassen sich Verbindungen zu den beiden vorher besprochenen Schachzabelbüchern belegen. Es wird deutlich, dass der Autor der Gesta Romanorum dieses Exempel von Jacobus de Cessoli übernommen hat, worauf auch schon die für die Gesta Romanorum untypische Einleitung des Exempels hindeutet.[4] Auch zum Schachzabelbuch Konrads besteht höchstwahrscheinlich eine Beziehung, da die Moralisation hier und die Erklärung des Kranken bei Konrad, einerseits in teilweise ähnlichem Wortlaut gehalten sind und andererseits ähnliche Deutungen begründen.

Auch hier ist die Einordnung des Exempels in diesen Deutungszusammenhang nicht vollkommen geglückt. Der Autor versucht eine Moralisation hinzuzufügen, die dem Zweck der Gesta Romanorum als Hilfe zur Vorbereitung von Predigten eher entspricht.

Jedoch glückt auch dieser Versuch der Einordnung des Exempels in einen bestimmten Deutungszusammenhang kaum besser als die vorher beschriebenen, denn durch diese Art der Deutung verlieren große Teile des Exempels ihre Existenzberechtigung. Der Teil, in dem der Kaiser kritisiert wird weil er die Statthalter so lange in ihren Ämtern belässt wird überflüssig. Er steht mit dem Fazit des der Autoren in keinerlei Zusammenhang und leistet zur fortschreitenden Handlung keinen Beitrag, sondern verwirrt den Leser, da ein begonnenes Element der Geschichte nicht abgeschlossen wird.

5. Johannes Paulis Schimpf und Ernst

5.1. Das Werk

Schimpf und Ernst ist eine weitere Exempelsammlung, die sich aber von den vorher behandelten Gesta Romanorum in wesentlichen Punkten unterscheidet. Das Werk wurde 1522 erstmalig veröffentlicht und war danach für lange Zeit eines der beliebtesten deutschen Bücher, welches seinem Autor auch den Ruf als Begründer der deutschen Schwankliteratur einbrachte.[5] Im Gegensatz zu den Gesta Romanorum stellt Pauli den Themenbezug des Exempels nicht allein aufgrund einer abschließenden Moralisation her, sondern vielmehr dadurch, dass die Exempel einer Vielzahl unterschiedlicher Themengebiete zugeordnet sind, die dann noch zusätzlich durch die Unterscheidung zwischen ‚von schimpf’ und ‚von ernst’, in positive und negative Beispiele aus der jeweiligen Gruppe unterteilt werden. Die Quantität an Exempeln übertrifft die der Gesta Romanorum bei weitem, da auch eine noch größere Bandbreite an Themen behandelt wird. Auf das Hinzufügen einer Moralisation wird verzichtet, so dass hier auch keine zweiteilige Struktur wie bei den Gesta Romanorum zu finden ist.

5.2. Das Exempel bei Johannes Pauli

Pauli präsentiert das Exempel in sehr ausführlicher Form und ordnet es unter der Themengruppe ‚Von der Geitigkeit’ ein, wodurch das abschließende Deutungsziel schon deutlich wird. Er versieht es mit Ausschmückungen, die auf den Sinn des Exempels keinerlei Effekt haben, die es allerdings für den Rezipienten ansprechender gestalten. Einige weitere Passagen die er ändert haben einen direkten Effekt auf den Zusammenhang und die mögliche Deutung dieses Exempels:

Als Kaiser Tiberius von seinen Untergebenen kritisiert wird, weil er die Vögte nur ersetze wenn einer gestorben sei oder ein anderer triftiger Grund dazu vorläge wird auch noch hinzugefügt: ‚es solt ein anderer auch etwas uberkumen’. Sie wünschen also, durch ein Amt als Vogt Privilegien zu erlangen und kritisieren den Kaiser, weil er diese Privilegien ihrer nach ihrer Meinung nicht gerecht verteilt. Des Weiteren stellt der Kaiser den Vergleich der neu eingesetzten Vögte mit hungrigen Fliegen seinem Exempel schon vorweg, so dass die Bedeutung der Fliegen bei ihrem Auftreten im Exempel schon völlig klar ist.

Während der Erzählung des Tiberius ist es wieder nicht er, der die Fliegen verscheucht, sondern ein anderer Mann.

Der wichtigste Unterschied zu den vorherigen Exempeln ist jedoch die abschließende Erklärung des Kaisers, der zuerst ein weiteres Mal den Vergleich zwischen hungrigen Mücken und hohen Beamten zieht, um dann noch weiter zu gehen und zu beschreiben, wie nicht nur das gemeine Volk von der Gier ‚geitige [r] herren’ betroffen wird, sondern wie auch ihre direkten Untergebenen dieser Gier zum Opfer fallen, wenn sie zu Hab und Gut kommen. Dieses nämlich weckt dann die Begierden ihrer Vorgesetzten, die nach Gründen suchen es ihnen zu nehmen, ‚und brotlöffel usz inen [zu] machen’, die sie dann später verzehren werden.

Im Fokus dieser Auslegung des Exempels liegt eindeutig die Gier der Herren, wobei nicht genau geklärt ist, welche Herren gemeint sind, so das diese Kritik bis zur höchsten Instanz, also dem König oder dem Kaiser reichen kann. In keiner der vorhergehenden Formen des Exempels wird der Vergleich zwischen Beamten und Fliegen so drastisch und eindeutig gezogen wie in diesem, und nirgends ist die Kritik so weitreichend und verallgemeinerbar.

Der Inhalt des Exempels und seine Deutung wirken konsistent. Der Vergleich zwischen Beamten und Fliegen, der in den bisherigen Auslegungen aus unterschiedlichen Gründen nicht stattfand, sich aber aufdrängt, wird hier gezogen. Es wird nicht versucht das Verhalten der Beamten zu schönen, sondern die unter ihnen verbreitete Gier wird zum Ziel der Kritik. Außerdem wird die Klugheit und Weitsicht des Kaisers, der nicht den Wünschen seiner Berater und direkten Untergebenen nachgibt, sondern das Wohl des Volkes im Auge behält, gelobt. Das Zusammenpassen von Inhalt und Deutung des Exempels ist möglicherweise auch eine Folge der Tatsache, dass es hier nicht in einen großen Textzusammenhang gestellt wird, wie in den beiden Schachzabelbüchern, sondern sich in einer Exempelsammlung befindet, wo es nur durch den Oberbegriff ‚geitigkeit’ an die restlichen Elemente der Sammlung gebunden ist.

6. Zusammenfassung

Wie aus der detaillierten Beschäftigung mit den verschiedenen Formen des Exempels in den einzelnen Werken deutlich wurde, sind große Unterschiede sowohl inhaltlicher Art als auch bei der Verwendung im Gesamtkontext des Werkes und bei seiner Anwendung auf einen bestimmten Deutungszusammenhang zu erkennen. Diese Unterschiede können sowohl von der Art des Werks als auch von seinem Verwendungszweck und den Zielen, die der Autor beim Rezipienten erreichen möchte, abhängen. Um diese große Anzahl von Daten übersichtlicher darzustellen und so einer Interpretation zugänglicher zu machen, habe ich die wichtigsten Daten in tabellarischer Form zusammengefasst.

Auf den ersten Blick scheinen die Unterschiede zwischen den beiden Schachzabelbüchern nur marginal, was auch nicht weiter verwundern kann, da Konrads Schachzabelbuch zu weiten Teilen eine Kopie des Buchs Jacobus’ ist. Bei genauerer Betrachtung ist jedoch zu erkennen, dass Konrad durch wenige Änderungen, eine etwas besserer Integration des Exempels ins Werk und eine, für den Rezipienten schlüssigere Deutung ermöglicht. Durch diese Änderungen scheint Konrads Exempel derjenigen Version der Gesta Romanorum sowohl inhaltlich, als auch die Deutung betreffend, zumindest genau so nahe wie der Version des Jacobus. Allerdings wirft die, durch die Änderungen erreichte neue Deutungsmöglichkeit andere Probleme auf, da sie kaum noch Verbindung zum Gesamtkontext des Werkes erkennen lässt. Auch Konrad gelingt es letztendlich nicht, den starken Unterschied, der zwischen der Position des Exempels im Text und der ihm innewohnenden Bedeutung besteht, zu beheben.

Da dem Exempel in den Gesta Romanorum nahezu ohne inhaltliche Zwänge eine Deutung zugewiesen werden kann wäre eigentlich zu erwarten, dass diese dann besser zum Inhalt des Exempels passen würde. Doch aufgrund des Gesamtkonzeptes dieser Sammlung, die die Exempel in eine grob aufeinander folgende Sinnreihenfolge einordnet, wird auch hier versucht, mit Hilfe der abschließenden Moralisation eine Deutung für das Exempel zu erschließen, die seinem Inhalt nicht vollkommen entspricht. Daran ändert auch die Auslassung eines Teils des Exempels nichts. Die Nutzung des Exempels für die Verwendungszwecke des Autors ist auch in diesem Fall nicht geglückt.

Am besten gelingt es dem Autor von Schimpf und Ernst, das vorliegende Exempel für seine Zwecke nutzbar zu machen und dem Inhalt entsprechend zu deuten. Dies mag einerseits darauf beruhen, dass hier kein textueller Kontext vorliegt, in den es irgendwie eingearbeitet werden muss, sondern eine Sammlung von Exempeln zu verschiedenen Themengebieten ohne direkten Zusammenhang. Jedoch hat das vorhergehende Beispiel deutlich gemacht, das auch dies kein Garant für eine passende Deutung ist. Allerdings war es für den Autor dieser Sammlung noch einfacher das Exempel einzufügen, da sein Sammlungskonzept nur aus dem Einordnen bestimmter Exempel unter Themengebiete bestand, und er nicht wie bei den Gesta Romanorum inhaltlichen Strukturen folgen musste.

7. Fazit

Die vielfache Verwendung des bearbeiteten Exempels in solch unterschiedlichen Deutungszusammenhängen ist eine erstaunliche Tatsache, die den Leser zu der Annahme führen könnte, dass die Autoren die dieses Exempel verwendeten ein großes Geschick bei der Einarbeitung in einen bestimmten Kontext bewiesen. Allerdings ist es bei näherer Betrachtung augenscheinlich, dass sich das Interesse der Autoren hauptsächlich auf die Verwendung einer großen Zahl von Exempeln beschränkte, was bei der damaligen Wichtigkeit schriftlicher Belege auch nicht verwunderlich ist. Dabei wurde der offensichtliche Sinn des Exempels entweder ignoriert oder es wurde versucht ihn durch Änderungen so zu entstellen, dass man die eigene Deutung ohne große Probleme in das Exempel integrieren konnte. Aber dem aufmerksamen Rezipienten aller Zeiten mögen diese Versuche aufgefallen sein.

Anhang

Vergleichstabelle

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quellenverzeichnis

- Gräße, Dr. Johann Georg Theodor (Hrsg.): Das älteste Mährchen und Legendenbuch des christlichen Mittelalters, oder die Gesta Romanorum, Dresden/Leipzig 1847
- Österley, Hermann (Hrsg.): Schimpf und Ernst, Stuttgart 1866
- Schmidt Gerard F. (Hrsg.): Das Schachzabelbuch des Jacobus de Cessoli, Berlin, 1961
- Weiske, Brigitte, Gesta Romanorum, Tübingen, 1992
- Vetter, Ferdinand (Hrsg.): Das Schachzabelbuch Kunrats von Ammenhausen, Möchs und Leutpriesters zu Stein am Rhein, Frauenfeld, 1892
- Lexikon des Mittelalters, 1980, München

[...]


[1] Vgl. Lexikon d. Mittelalters Bd. IV, S.161

[2] vgl. Lexikon d. Mittelalters Bd. VII, S.1428

[3] vgl. Lexikon d. Mittelalters Bd. IV S.1408

[4] vgl. Weiske Brigitte, S. 95

[5] vgl. Lexikon d. Mittelalters Bd. VI, S.1811

19 von 19 Seiten

Details

Titel
Das Exempel "Fliegen auf dem Geschwür" im "Schachzabelbuch" von de Cessoli, "Schachzabelbuch" Konrads von Ammenhausen, den "Gesta Romanorum" und Paulis "Schimpf und Ernst"
Hochschule
Universität Trier
Veranstaltung
Proseminar III: Das Schachzabelbuch des Jacobus de Cessoli
Note
2.3
Autor
Jahr
2005
Seiten
19
Katalognummer
V109427
ISBN (eBook)
9783640076086
ISBN (Buch)
9783656824770
Dateigröße
597 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vergleich, Exempels, Fliegen, Geschwür, Jacobus`, Cessoli, Schachzabelbuch, Konrads, Ammenhausen, Schachzabelbuch, Gesta, Romanorum, Johannes, Paulis, Schimpf, Ernst, Proseminar, Schachzabelbuch, Jacobus, Cessoli
Arbeit zitieren
Tobias Dondelinger (Autor:in), 2005, Das Exempel "Fliegen auf dem Geschwür" im "Schachzabelbuch" von de Cessoli, "Schachzabelbuch" Konrads von Ammenhausen, den "Gesta Romanorum" und Paulis "Schimpf und Ernst", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109427

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