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Selbstbestimmt Leben und das soziale Modell von Behinderung

Title: Selbstbestimmt Leben und das soziale Modell von Behinderung

Essay , 2003 , 13 Pages

Autor:in: Dr. phil. Walter Grode (Author)

Pedagogy - Orthopaedagogy and Special Education
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Dworkins eindrucksvolles Plädoyer für eine liberale Regelung der Sterbehilfe geht nun von der Feststellung aus, daß wir ein Leben leben und einen Tod sterben wollen, der unseren "wertebezogenen" Interessen gerecht wird. Es geht dabei also nicht allein um den Wunsch, daß einem unerträgliche Qualen erspart bleiben. Die Würde einer Person kann auch von einem Lebensende in Mitleidenschaft gezogen werden, von dem sie selbst gar nichts mehr mitbekommt: wenn sie über Jahre mit technischer Unterstützung im "vegetativen Zustand" gehalten und zu einer bloß biologischen Existenz verurteilt wird, die nichts mehr mit dem zu tun hat, was für sie den Sinn des Lebens ausmachte. In diesem Sinne ist es durchaus konsequent und keineswegs zynisch, wenn die >Deutsche Gesellschaft für humanes Sterben< (DGHS) ihre Zeitschrift >Selbstbestimmtes Leben< nennt. Autonom also >Selbstbestimmt Leben< ist in den vergangenen Jahrzehnten auch für viele behinderte Menschen zur Maxime geworden (Exner 2000). Die mutigsten und politisch aktivsten Vertreter dieses neuen Selbstwußtseins aber gaben sich nicht mit mühsamer (gar konsensorientierter) Interessenabwägung zufrieden, sondern verglichen ihren Protest mehr und mehr mit dem Kampf um Gleichberechtigung von Frauen, Schwarzen und Homosexuellen. Und sie kamen zu dem Schluß, daß sie gar nicht behindert seien, sondern von der Gesellschaft behindert würden. Dieses soziale Modell trat dem medizinischen Modell entgegen, das die Quelle der Behinderung im biologischen Mangel des Individuum sah. Es machte aus Almosenempfängern eine unterdrückte Minderheit, die jetzt lautstark und mit Erfolg ihre Rechte forderte. Das Ziel eines Selbstbestimmten Lebens bis hin zu Kindern nach eigenem Maß (Spiewak/Viciano 2002), schmeichelt natürlich dem Ego von behinderten Menschen gewaltig. Doch ist das rein soziale Modell von Behinderung, das diesem Ziel zu Grunde liegt, schon allein deshalb dringend revisionsbedürftig, weil es außerhalb der >disability community< auf völliges Unverständnis stößt - und (weil es sich um kein zufälliges Vermittlungsproblem handelt) auch stoßen muß! [...]

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

Spiegelbild und Behinderung

Zuschreibung als gesellschaftliche Sackgasse

Gesellschaft und Behinderung

Behindertensorgen ? - Nicht in den USA!

Der Terror der Normalität

Zielsetzung und Themen der Arbeit

Die vorliegende Arbeit kritisiert die einseitige Fokussierung auf das soziale Modell von Behinderung und hinterfragt dessen gesellschaftliche Folgen sowie das damit verknüpfte, oft missverstandene Autonomieideal. Der Autor analysiert, warum dieses Modell im sozialen Miteinander zu Isolation führen kann, und beleuchtet die Rolle behinderter Menschen als Spiegel der modernen Gesellschaft sowie die soziokulturellen Unterschiede zwischen den USA und Deutschland.

  • Kritik am rein sozialen Modell von Behinderung
  • Die Bedeutung von Autonomie und Integration im Alltag
  • Die Rolle behinderter Menschen als "Zerrspiegel" gesellschaftlicher Normen
  • Soziokulturelle Unterschiede in der Behindertenbewegung (USA vs. Deutschland)
  • Das Spannungsfeld zwischen Normalität und menschlicher Verletzlichkeit

Auszug aus dem Buch

Spiegelbild und Behinderung

Im August 2002 fand sich in der Wochenzeitung >Die Zeit< ein Portrait des britischen Bioethiker und Behindertenaktivisten Tom Shakespeare. Der kleinwüchsige Wissenschaftler arbeitet beim International Center for Life im nordenglischen Newcastle. Dort wird das Leben und wie es funktioniert erforscht, indem Wissenschaft und Biotechnologie, Forschung und Bildung, Unterhaltung und Ethik zusammenwirken. Shakespeare ist einer der Direktoren. Er organisiert Gentechnikdebatten, koordiniert Forschungsprojekte zu ihren sozialen Folgen und sucht nach Möglichkeiten, Paare besser über vorgeburtliche Untersuchungen zu informieren.

Tom Shakespeare, einer der Gründerväter der britischen Selbstbestimmt-Leben-Bewegung propagierte bis vor kurzem ebenfalls das rein soziale Modell von Behinderung. Und er verglich den Protest der Behinderten mit dem Kampf von unterdrückten Minderheiten. Durch eine schreckliche Fügung, schrieb er, mache die Gentechnik zur gleichen Zeit so große Fortschritte, dass die Geburt behinderter Menschen verhindert werden könne. Die Medizin degradiere auf diese Weise das eben erlangte Selbstbewußtsein behinderter Menschen zum Buchstabierfehler im Erbgut. Der britische Behindertenaktivist nahm sogar das Wort Nazi in den Mund, brachte die Horrorvision einer genetisch gesäuberten Zukunft zu Papier: >Der Schluß aus einem großen Teil der Genforschung ist, dass Leute wie ich nicht hätten geboren werden sollen.<

Es war nicht nur das Alter, das Shakespeare mäßigte. Es ist der behinderte Körper selbst und seine Gebrechlichkeit, der die Illusion des rein sozialen Modells von Behinderung über kurz oder lang zerstört oder nie aufkommen läßt. Shakespeare machte diese Grunderfahrung als er 1997 wegen seines geschundenen Skeletts, volle sechs Monate sein Bett nicht verlassen konnte. >Das hat mein Leben verändert.<

Zusammenfassung der Kapitel

Spiegelbild und Behinderung: Anhand der Biografie von Tom Shakespeare wird die kritische Auseinandersetzung mit dem sozialen Modell von Behinderung und die Bedeutung der körperlichen Realität veranschaulicht.

Zuschreibung als gesellschaftliche Sackgasse: Das Kapitel argumentiert, dass eine rein dekonstruktivistische Kritik an der Gesellschaft ohne positive Vision in der Sackgasse endet und historisch gesehen zu inhumanen Konsequenzen führt.

Gesellschaft und Behinderung: Hier wird diskutiert, wie behinderte Menschen durch gesellschaftliche Teilhabe heute aktiver integriert sind und welche Rolle sie als Spiegelbild gesellschaftlicher Normalitätsvorstellungen spielen.

Behindertensorgen ? - Nicht in den USA!: Das Kapitel hinterfragt den Erfolg der US-amerikanischen Behindertenbewegung und verdeutlicht, dass dieser Erfolg eng an spezifische soziokulturelle Bedingungen gebunden ist, die sich nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen lassen.

Der Terror der Normalität: Der Autor beschreibt den hohen Anpassungsdruck der modernen Gesellschaft und wie die Independent-Living-Bewegung versucht, diesem Druck entgegenzuwirken, wobei er die Ambivalenzen dieser Bewegung aufzeigt.

Schlüsselwörter

Soziales Modell von Behinderung, Selbstbestimmung, Integration, Disability Studies, Gentechnik, Tom Shakespeare, Gesellschaftskritik, Dekonstruktivismus, Autonomie, Behindertenbewegung, Normalität, Inklusion, USA, Deutschland, Körperlichkeit.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert kritisch das soziale Modell von Behinderung und beleuchtet dessen Grenzen sowie die Auswirkungen auf das gesellschaftliche Miteinander.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Zu den zentralen Themen gehören das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, die Rolle behinderter Menschen in der Moderne, medizinethische Fragen sowie die kulturellen Unterschiede in der Behindertenbewegung.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass ein rein soziales Modell von Behinderung den komplexen Realitäten nicht gerecht wird und eine differenziertere Betrachtung des Verhältnisses von Behinderung und Gesellschaft notwendig ist.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Der Autor nutzt eine politikwissenschaftliche und kulturhistorische Analyse, um aktuelle gesellschaftliche Diskurse kritisch mit theoretischen Modellen und historischen Beispielen zu konfrontieren.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil befasst sich mit der Dekonstruktion des sozialen Modells, dem Einfluss des "Terrors der Normalität" sowie einem Vergleich zwischen der US-amerikanischen und der deutschen Tradition der Behindertenbewegung.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Zentrale Begriffe sind Soziales Modell, Selbstbestimmung, Gesellschaftskritik, Inklusion, Normalität und der kritische Diskurs über Autonomie.

Warum hält der Autor die einseitige Betonung des sozialen Modells für problematisch?

Er argumentiert, dass dadurch die reale körperliche Erfahrung von Behinderung ausgeblendet wird, was zu einer gesellschaftlichen Isolation führt, anstatt wirkliche Integration zu fördern.

Welche besondere Bedeutung messen die USA dem Thema Behinderung bei?

Der Autor zeigt auf, dass die US-amerikanische Behindertenbewegung zwar sehr erfolgreich ist, dies aber eng mit dem dortigen, spezifischen soziokulturellen Klima von Leistungsbereitschaft und Wettbewerb verknüpft ist.

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Details

Title
Selbstbestimmt Leben und das soziale Modell von Behinderung
Author
Dr. phil. Walter Grode (Author)
Publication Year
2003
Pages
13
Catalog Number
V109437
ISBN (eBook)
9783640076185
ISBN (Book)
9783656247210
Language
German
Tags
Selbstbestimmt Leben Modell Behinderung
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Dr. phil. Walter Grode (Author), 2003, Selbstbestimmt Leben und das soziale Modell von Behinderung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109437
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