Grin logo
de en es fr
Shop
GRIN Website
Publish your texts - enjoy our full service for authors
Go to shop › Philosophy - Practical (Ethics, Aesthetics, Culture, Nature, Right, ...)

ZIVILISIERTE GRAUSAMKEIT - Der Mensch als williger Vollstrecker

Title: ZIVILISIERTE GRAUSAMKEIT - Der Mensch als williger Vollstrecker

Essay , 1996 , 10 Pages

Autor:in: Dr. phil. Walter Grode (Author)

Philosophy - Practical (Ethics, Aesthetics, Culture, Nature, Right, ...)
Excerpt & Details   Look inside the ebook
Summary Excerpt Details

In seiner kürzlich erschienenen Studie über die "willigen Vollstrecker" untermauerte der amerikanische Politologe und Historiker Daniel J. Goldhagen seine These von der stillschweigenden Billigung der Massenmorde an den Juden durch die Mehrzahl der Deutschen unter anderem mit Äußerungen in den Briefen von Angehörigen des Polizeibataillons 101, aber auch mit Photos, auf denen die Ermordung jüdischer Männer, Frauen und Kinder festgehalten wurde. (siehe auch: >Hitlers Rassenkrieg. Der Rußlandfeldzug und der Holocaust< http://www.wissen24.de/vorschau/23092.html). Man sieht auf diesen Bildern lachende SS-Chargen, aber auch freundlich dreinblickende Wehrmachtssoldaten, die offensichtlich stolz darauf sind, bei den Mordaktionen dabeisein zu können. Aus ihren Gesichtern spricht kein Unrechtsbewußtsein, statt dessen die Gewißheit, sich einer Aufgabe verschrieben zu haben, und zwar im Namen von "Führer und Volk". Wenn Goldhagen die Massaker des deutschen Polizeibataillons an den jüdischen Menschen Osteuropas in allen Einzelheiten schildert, so liefert er zwar keine Beweise für den vermeintlichen Rückhalt, den die "Täter aus freien Stücken" in der Bevölkerung hatten, zeigt aber sehr genau, wozu selbst "ganz normale Familienväter" in bestimmten Konstellationen fähig sind und welche schrecklichen Folgen daraus für die Betroffenen erwachsen. Massaker, Greuel und Exzesse aber sind in der Kriegsgeschichte wieder und wieder verzeichnet. Die Spur dieser Gewalttaten zieht sich von Magdeburg während des Dreißigjährigen Krieges, durch das Shenandoah-Tal in Nordvirginia während des amerikanischen Sezessionskriegs, bis ins vietnanesische My Lai. Und selbst die griechische Zivilisation war gegen den Zivilisationsbruch nicht gefeit. Thukidides schildert Gemetzel des Peloponesischen Krieges, die den Exzessen im gerade zu Ende gegangenen Bosnien-Krieg kaum nachstehen. Wir sollten uns davor hüten, Greuel und Exzesse als balkanische oder zentralafrikanische Besonderheit abzutun. Nicht nur in den Kriegen in Bosnien oder Ruanda, sondern in jedem anderen Krieg auch, kommt es zu einer Außerkraftsetzung des gesellschaftlichen Tötungsver- bots und damit zur Gefahr, daß im psychologischen Sinn männliche Tiefenschichten angeschnitten und aktiviert werden, die sich jeglicher Kontrolle entziehen. [...]

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

Der stets mögliche Zivilisationsbruch

Ganz normale Männer?

Der vermeintlich gelungene Zivilisationsprozeß

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit untersucht das Paradoxon, dass gerade moderne Zivilisationsprozesse Strukturen hervorbringen können, die grausame Handlungen durch ansonsten nicht grausame Menschen ermöglichen. Sie hinterfragt die Annahme, dass zivilisatorischer Fortschritt per se zur Humanität führt, und analysiert die Mechanismen von Autoritätsgehorsam, Konformitätsdruck und arbeitsteiliger Distanz zu moralischen Konsequenzen.

  • Analyse der Rolle des "willigen Vollstreckers" im Nationalsozialismus.
  • Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Zivilisationsprozess und Entstehung von Unmenschlichkeit.
  • Reflektion über psychologische Mechanismen von Gehorsam und Gruppenzwang (Milgram-Experiment).
  • Kritik an der "Neutralisierung" moralischer Werte in modernen arbeitsteiligen Strukturen.

Auszug aus dem Buch

Ganz normale Männer?

Im Zentrum des Buches von Browning, das er bezeichnenderweise "Ganz normale Männer" nannte, findet sich folgende Geschichte: Am 13. Juli 1942 gegen zwei Uhr morgens verläßt das Hamburger "Reserve-Polizeibataillons 101" die polnische Stadt Bilgoraj in Richtung Jozefow, einer kleinen Gemeinde im Süden Lublins, in der 1.800 Juden wohnen. Kurz vor vier Uhr sind die Männer am Ziel und sammeln sich im Morgengrauen um ihren Bataillonskommandeur Major Trapp.

Erst jetzt erfahren sie ihren Auftrag. Trapp, bleich und nervös, erklärt ihnen, daß sie den Befehl hätten, die Juden des Ortes zusammenzutreiben, die arbeitsfähigen Männer "auszusondern", und die übrigen, einschließlich der Alten, Frauen und Kinder, zu erschießen.

Ihm gefalle dieser Auftrag auch nicht, aber der Befehl komme von ganz oben, und die Polizisten sollten an den Bombenhagel denken, dem ihre eigenen Frauen und Kinder in Deutschland ausgesetzt seien. Im übrigen seien die Juden die Feinde Deutschlands und steckten mit den Partisanen unter einer Decke.

Dann jedoch macht Trapp ein ungewöhnliches Angebot: Wer von den Älteren sich dieser Aufgabe nicht gewachsen fühle, könne beiseite treten.

Wer nicht schießen wollte, hatte also durchaus Möglichkeiten, sich zu "drücken", nicht mitzumachen, ohne daß er ernste Konsequenzen für sich fürchten mußte. Doch nur ein Dutzend von mehr als 500 machte von dem Angebot Gebrauch und trat an jenem Morgen in Jozefow, an dem die Schwelle zum Massenmord erstmalig überschritten wurde, aus dem Glied.

Zusammenfassung der Kapitel

Der stets mögliche Zivilisationsbruch: Dieses Kapitel thematisiert die Anfälligkeit für zivilisatorische Brüche und hinterfragt, ob solche Gewaltphänomene auf spezifische Regionen beschränkt sind oder ob sie in jedem Krieg durch die Außerkraftsetzung gesellschaftlicher Tötungsverbote entstehen können.

Ganz normale Männer?: Das Kapitel untersucht anhand des Reserve-Polizeibataillons 101, wie gewöhnliche Individuen durch Konformitätsdruck, Autoritätsgehorsam und die Brutalisierung durch den Krieg zu Tätern des Holocaust wurden.

Der vermeintlich gelungene Zivilisationsprozeß: Dieses Kapitel schließt mit der Schlussfolgerung, dass die moderne arbeitsteilige Gesellschaft moralische Verantwortung durch Distanz neutralisiert und dass gerade die Errungenschaften der Zivilisation zur neuen Unmenschlichkeit führen können.

Schlüsselwörter

Zivilisationsbruch, Nationalsozialismus, Holocaust, Reserve-Polizeibataillon 101, Daniel J. Goldhagen, Christopher Browning, Gehorsam, Milgram-Experiment, Konformitätsdruck, Autoritätsfixierung, Zivilisationsprozess, Arbeitsteilung, Moral, Humanität, Politische Diakonie.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit reflektiert über die dunkle Ahnung, dass auch heutige Generationen in vergleichbaren Situationen zu willigen Vollstreckern von Grausamkeiten werden könnten, da der Zivilisationsprozess selbst Bedingungen für Unmenschlichkeit schafft.

Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?

Die zentralen Themenfelder sind die moralische Täterschaft im Nationalsozialismus, die Rolle des Zivilisationsprozesses als ambivalenter Fortschrittsbringer und die psychologischen Mechanismen des Gehorsams.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Das primäre Ziel ist es aufzuzeigen, dass das Böse in der modernen Gesellschaft keine bösen Menschen benötigt, sondern durch vernünftige Akteure in unpersönlichen, arbeitsteiligen Organisationen ausgeübt wird.

Welche wissenschaftlichen Bezüge werden verwendet?

Die Arbeit stützt sich unter anderem auf die Studien von Daniel J. Goldhagen, Christopher Browning, die Milgram-Experimente zur Gehorsamsbereitschaft sowie die Zivilisationstheorie von Norbert Elias.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil analysiert den Übergang von zivilisierten Gesellschaftsnormen zum Massenmord im Holocaust, den Konformitätsdruck innerhalb des Reserve-Polizeibataillons 101 und die heutige Relevanz von Affektkontrolle und Distanz zum Handeln.

Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit am besten?

Die Arbeit wird durch Begriffe wie "Zivilisationsbruch", "Banalität des Bösen", "Autoritätsgehorsam" und "Strukturelle Gewalt" charakterisiert.

Welche Bedeutung kommt dem Milgram-Experiment im Text zu?

Das Experiment dient als wissenschaftlicher Beleg dafür, dass auch "anständige Bürger" unter Autoritätsfixierung bereit sind, moralische Hemmschwellen zu überschreiten und andere Menschen zu schädigen.

Wie bewertet der Autor die Rolle der Kirche im heutigen Zivilisationskontext?

Angesichts der Gefahr, dass zivilisatorische Erfolge selbst Unmenschlichkeit hervorbringen, sieht der Autor die Kirche und eine "Politische Diakonie" als notwendige Instanzen, um gegen den Zeitgeist und die öffentliche Meinung zu intervenieren.

Excerpt out of 10 pages  - scroll top

Details

Title
ZIVILISIERTE GRAUSAMKEIT - Der Mensch als williger Vollstrecker
Author
Dr. phil. Walter Grode (Author)
Publication Year
1996
Pages
10
Catalog Number
V109446
ISBN (eBook)
9783640076277
ISBN (Book)
9783656247265
Language
German
Tags
ZIVILISIERTE GRAUSAMKEIT Mensch Vollstrecker
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Dr. phil. Walter Grode (Author), 1996, ZIVILISIERTE GRAUSAMKEIT - Der Mensch als williger Vollstrecker, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109446
Look inside the ebook
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
  • Depending on your browser, you might see this message in place of the failed image.
Excerpt from  10  pages
Grin logo
  • Grin.com
  • Shipping
  • Contact
  • Privacy
  • Terms
  • Imprint