Objektivität in der Auslandsberichterstattung. Als deutscher Reporter in Israel. Eine Filmanalyse


Hausarbeit, 2003
17 Seiten, Note: 1,3

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Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1 Kriterien zur journalistischen Objektivität
1.1 Objektivität und Realität
1.2 Der Konstruktivismusansatz
1.3 Kriterien zur Annäherung an Objektivität

2 Als deutscher Journalist im Nahostkonflikt

3 Der Film: Terror über dem Grab des Patriarchen
3.1 Quellenkritik
3.1.1 Quellenbeschreibung
3.1.2 Äußere Kritik
3.1.3 Innere Kritik
3.2 Filmanalyse

4 Fazit

Literatur

Abbildungsverzeichnis

Friedrich Schreiber: deutscher Korrespondent in Israel

Establishing Shot: Die Moschee von Hebron

Jüdische Siedler

Intifada: Aufstand der Jugend

Radikaler Palästinenser

Ein Rachefeldzug

(Die Abbildungen entstammen sämtlich dem Film Terror über dem Grab des Patriarchen.)

0 Einleitung

Fast täglich erreichen uns neue Meldungen über Gewalttaten aus Israel und den von Israel besetz- ten Gebieten im Westjordanland und im Gaza-Streifen. Der Nahe Osten scheint in einer Spirale der Gewalt und Gegengewalt gefangen zu sein, deren Ursache und Hintergründe von Deutschland aus, aus dem Fernsehsessel oder vom Frühstückstisch hinter der Tageszeitung, schwer nachzu- vollziehen sind. Umso wichtiger ist die Aufgabe deutscher Journalisten in Israel, diesen komple- xen Konflikt ausführlich darzustellen und verständlich zu machen, die Hintergründe genau auszu- leuchten und die Linien des Konfliktes zwischen zwei Völkern, aber auch zwei Religionen, nach- zuzeichnen.

Hierbei stellt sich dem Korrespondenten ein Problem, vor dem jeder Journalist steht – das, wenn er über einen Konflikt berichtet, noch deutlicher zu Tage tritt: Die Objektivität. Objektiv zu berichten, sollte Grundsatz eines jeden Publizisten sein – doch ist dies überhaupt möglich? Neben der Ereignisrealität droht eine verzerrte Medienrealität zu entstehen. Sie ist im Falle eines Kon- fliktes schnell durch einen Krieg der Bilder geprägt; das Fernsehen wird zur Bühne des Dramas.

„Der Kampf um die Bilder der Nahostberichterstattung des Fernsehens ist [...] von erheblicher Bedeutung für eine Kommunikationsstrategie, die sich das Ziel gesetzt hat, Einfluss auf die inter- nationale Meinungsbildung zu nehmen.“ (Krüger 2002: 128.)

Was ist objektive Berichterstattung, wie lässt sie sich erreichen? Wie genau kann ein Journalist Realität abbilden? Was überhaupt ist Realität? Muss sich ein deutscher Korrespondent in Israel besonderen Anforderungen an seine Berichterstattung stellen? Dies sollen einige Leitfragen für diese Arbeit sein. Untersucht werden soll in diesem Zusammenhang ein Fernsehbeitrag: Terror über dem Grab des Patriarchen. Dieses Feature von Friedrich Schreiber beschreibt den Konflikt zwischen Juden und Palästinensern in Hebron, der aber stellvertretend für den gesamten Konflikt in Israel und den besetzten Gebieten steht. Die Analyse dieses Filmes untersucht die Frage, ob er den Konflikt objektiv darstellt.

Zu diesem Zweck lege ich in Kapitel 1 einige Kriterien journalistischer Objektivität dar. Es geht um das Verhältnis von Objektivität und Realität, der Ansatz des Konstruktivismus soll kurz vor- gestellt werden. Schließlich will ich einige konkrete Kriterien erarbeiten, anhand derer der Film analysiert werden kann. Das zweite Kapitel wendet sich der Frage zu, ob die Stellung als deut- scher Journalist im Nahostkonflikt eine besondere ist. Das anschließende Kapitel unternimmt eine Quellenkritik – beschreibt also den Fernsehbeitrag, enthält einige Worte zu Autor, Entstehungs- zeit und -ort, erläutert den Aufbau und ordnet kurz und knapp die Personen und Ereignisse in den Kontext ein, der zentral zum Verständnis des Beitrages ist. Die darauf folgende Analyse unter- sucht den Film auf Grundlage der Kriterien, die ich in Kapitel 1 erarbeitet habe.

Die vorliegende Arbeit ist keine rein wissenschaftliche (Seminar-) Arbeit. Sie soll in essayisti- scher, aber gründlicher Form kompakt und im vorgegebenen Rahmen bleiben; sie soll knapp, aber deutlich die Schwierigkeiten eines Korrespondenten in Israel darstellen und anhand eines Bei- spiels seine Arbeit kurz untersuchen. Sie erhebt dabei nicht den Anspruch, die Problematik der Objektivität in ihrer vollen Komplexität darzustellen oder den Film Terror über dem Grab des Patriarchen in voller Ausführlichkeit zu untersuchen. Der vorgegebene Umfang dieser Arbeit würde beides nicht erlauben.

1 Kriterien zur journalistischen Objektivität

1.1 Objektivität und Realität

„Die Sendungen des Bayerischen Rundfunks [...] sollen von demokratischer Gesinnung, von kul- turellem Verantwortungsbewusstsein, von Menschlichkeit und Objektivität getragen sein“ – so heißt es im Bayerischen Rundfunkgesetz (BayRG: 2). Objektivität wird oft von Journalisten gefordert. Doch – ist Objektivität überhaupt möglich?

Während Jürgen Wilke (1993) schreibt, in den USA habe man in den zwanziger Jahren des ver- gangenen Jahrhunderts die Objektivität zum Leitmotiv des Journalismus erhoben, glaubt Cordt Schnibben (1994: 16), SPIEGEL -Reporter, nicht an diesen Begriff: „Der Journalist als Wesen, das seine Umgebung objektiver sehen kann als andere Erdbewohner [...] – aus welchem Jahrhun- dert stammt dieser Mist?“ Wenn es also tatsächlich keine Objektivität gibt, stellt sich aber die Frage, wieso das Bayerische Rundfunkgesetz auf sie Bezug nimmt. Bevor die Arbeit von Journa- listen unter diesem Aspekt beurteilt werden kann, hilft eine Betrachtung des Begriffes an sich – und einiger weiterer Begriffe, die in diesem Zusammenhang auftauchen.

Die Brockhaus Enzyklopädie definiert Objektivität als „erkenntnistheoretische[n] Begriff für die überindividuelle, unabhängig vom einzelnen Sub- jekt bestehende Wahrheit eines bestimmten Gegenstandes (Objekt) oder Sachverhaltes.“ (Art. Objektivität 1996-1999.)

Dieses Zitat zeigt, dass es wesentlich ist, im Zusammenhang mit journalistischer Objektivität den Begriff der Wahrheit zumindest anzureißen. Wahrheit wird in der Brockhaus Enzyklopädie als ein Geltungsanspruch von Aussagen bzw. Urteilen über einen Sachverhalt beschrieben (vgl. Art. Wahrheit 1996-1999). Beiden Begriffen ist gemein, dass sie die Intersubjektivität betonen. Und genau hier liegt auch das Problem: Intersubjektivität bedingt die weitgehende Ausschaltung sub- jektiver Einflüsse. Dies kann aber immer nur in einem begrenzten Maß geschehen – als Konsens einer Anzahl von Subjekten, die sich auf gemeinsame Aspekte jenes oben zitierten Gegenstandes oder Sachverhaltes einigen. Jedes weitere Subjekt kann diese Einigung über die intersubjektive Wahrnehmung wieder zu Fall bringen.

Weischenberg belegt die Ausdrücke Objektivität und Wahrheit wieder ein wenig anders – und führt einen dritten Begriff ein – Realität: „Realität ist der Bezugspunkt, Objektivität das Mittel und Wahrheit das Ziel der Berichterstattung.“ (1992: Bd. 2, 154.) In diesem (kommunikations- wissenschaftlichen) Zusammenhang schreibt Bäuerlein, Objektivität hieße, die Wirklichkeit rich- tig zu beschreiben (vgl. 1956: 2). Sein Ausdruck „Wirklichkeit“ ist hier wohl mit der „Realität“ Weischenbergs gleichzusetzen. Gerade diese Beschreibung finde aber nicht statt, schreibt Wei- schenberg an anderer Stelle; die Medien würden vielmehr die Realität abbilden und damit „Wirk- lichkeitsentwürfe“ (1992: Bd. 1, 60) liefern. Auf dem Weg zum Rezipienten findet also mindestens eine zweifache Verzerrung statt: zuerst durch den Journalisten, dann durch den Rezipienten selber, der vor seinem Wissens- und Wertehorizont das Wahrgenommene des berichteten Gegen- standes oder Sachverhaltes anpasst. Dieser doppelten Verzerrung kann der Rezipient meist nicht entgehen: „Je weiter der Zuschauer von der Ereignisregion entfernt ist, desto wahrscheinlicher wird es, dass ihm nur bestimmte Ausschnitte aus dieser Region gezeigt werden“ (Krüger 2002: 7). Der Zuschauer ist auf die Medien (in ihrem wörtlichsten Sinne) angewiesen, anders kann er sich bei entfernt liegenden Ereignissen kaum informieren. Je weiter entfernt die Regionen aber lie- gen, „desto größer wird aber auch seine Abhängigkeit von der vermittelten Realität“ (ebd.).

1.2 Der Konstruktivismusansatz

Der Konstruktivismus gehört zu den Systemtheorien. Seine Vertreter versuchen zu beschreiben, wie ein Beobachter sich durch die subjektive Wahrnehmung der Umwelt seine eigene individuelle Realität konstruiert.[1]

Grundannahme des Konstruktivismus ist, dass eine intersubjektiv begründbare Realität an sich gar nicht existieren kann. Sie entzieht sich der menschlichen Erkenntnismöglichkeit von vornhe- rein. Jeder Mensch nimmt Realität auf eine ganz eigene Weise wahr, die durch sein Wissen, seine Erwartungen, seine Wertvorstellungen und seine biologischen, kognitiven und sozialen Prädispo- sitionen – letztlich durch die Realität, in der er lebt – geprägt ist. Jeder Mensch filtert somit die Umwelteinflüsse und schafft dabei seinen eigenen Wirklichkeitsentwurf. Er unterscheidet sich in dieser Wahrnehmung von anderen Menschen in seiner Umwelt. Dennoch ist Kommunikation über das Wahrgenommene, und damit ein Zusammenleben dieser Subjekte mit unterschiedlichen Wahrnehmungen, möglich. Grund ist ein Minimalkonsens, der dadurch zustande kommt, dass die Wahrnehmungsapparate der Menschen sich ausreichend ähneln; zum Leben notwendige Grund- annahmen lässt dieser Konsens gelten.

Den Medien kommt im Konstruktivismus eine zentrale Rolle zu. Sie treten als Vermittler von Realität auf, agieren zwischen Umwelt und Subjekt. Auf Grundlage der durch die Medien vermit- telten Inhalte kann ein Individuum oft erst seine Realitätsvorstellung konstruieren – sie erweist sich also als eine Konstruktion, die auf einer Konstruktion aufbaut. Die Realität, die eigentlich am Anfang der Konstruktionskette stehen sollte, scheint für den Rezipienten in den Medien zu lie- gen – sie ist somit nicht mehr Gegenstand journalistischer Berichterstattung sondern deren Ergeb- nis (vgl. Schönhagen 1998: 247).[2]

[...]


[1] Diesem Kapitel liegen vor allem zwei Texte zu Grunde: Weischenberg 1992: 60-65 und Burkart 1995: 288-301. Es werden daher nur Aussagen aus anderen Werken belegt.

[2] Zum Konstruktivismusansatz ist vor einiger Zeit ein neues Buch erschienen, das interessante Erkenntnisse und Überblicke zu diesem Thema enthält: Scholl, Armin (Hrsg.) (2002): Systemtheorie und Konstruktivismus in der Kommunikationswissenschaft. Konstanz.

17 von 17 Seiten

Details

Titel
Objektivität in der Auslandsberichterstattung. Als deutscher Reporter in Israel. Eine Filmanalyse
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Veranstaltung
Ressortkunde-Übung: Auslandsfernsehen zwischen Gewalt und Exotik.
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
17
Katalognummer
V109478
Dateigröße
768 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Objektivität, Auslandsberichterstattung, Reporter, Israel, Eine, Filmanalyse, Ressortkunde-Übung, Auslandsfernsehen, Gewalt, Exotik
Arbeit zitieren
Florian Oel (Autor), 2003, Objektivität in der Auslandsberichterstattung. Als deutscher Reporter in Israel. Eine Filmanalyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109478

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