Frauen, Konfliktbearbeitung und festliches Handeln im Kudrunepos


Seminararbeit, 2001
15 Seiten

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Inhaltsverzeichnis

Frauen, Konfliktbearbeitung und festliches Handeln im Kudrunepos

Einleitung

1. Kudruns Versöhnungspolitik

1.1 Eskalierende Gewalt und Rache

1.2 Widerstand gegen die Gewalt, Friedensstiftung und Versöhnung6
Widerstand gegen die Gewalt
Kooperation
Herstellung des Willens und der Integrität des Anderen

2. Festliches Handeln als Mittel der Integration
2.1 Exkurs: Warum ist das Fest grundsätzlich geeignet, gestörte Verhältnisse wieder ins Lot zu bringen?
2.2 Die festliche Aussöhnung im Kudrunepos
Zusammenfassung
Verwendete Literatur

Einleitung

Eine der Auffälligkeiten am Kudrunepos ist sein positiver, versöhnlicher Schluß nach einer desaströsen Entwicklung.

Ich möchte im ersten Teil meiner Arbeit dem Zustandekommen dieser Versöhnung und insbesondere der Rolle der Titelheldin dabei nachgehen und die Funktionsweise von Kudruns Versöhnungspolitik aufzeigen. Nicht allein Kudrun, sondern auch andere Frauen (z.B. Ortrun, Hildeburg, Hilde) spielen dabei eine herausragende Rolle: Diese Rolle ist letztendlich eine produktive, versöhnende und integrierende (abgesehen von Gerlint und Heregart, die als Negativbilder fungieren), im Gegensatz zum größtenteils zerstörerischen, gewalttätigen und rachsüchtigen Handeln der Männer.

Im wesentlichen habe ich mich bei diesem Punkt auf Theodor Noltes Buch „Das Kudrunepos- ein Frauenroman?“ (Tübingen 1985) gestützt.

Eine besondere Rolle spielt bei dieser Versöhnungspolitik festliches Handeln, insbesondere Gesten der Begrüßung. Diesen Fragen möchte ich im zweiten Teil meiner Arbeit nachgehen. In diesem Zusammenhang möchte ich zunächst klären: Warum sind Feste grundsätzlich geeignet, Dinge wieder ins Lot zu bringen?

Darauf möchte ich mich der Frage widmen, welche Formen diese Integration im Kudrunepos annimmt und warum sie in diesem Fall gelingt. Denn wie Peter Johanek in seinem Aufsatz „Fest und Integration“ ausführt, ist die gemeinschaftsstiftende und versöhnende Kraft des Festes nicht absolut.

In diesem Kontext stellt sich auch die Frage: Wie instrumentalisieren Frauen (insbesondere Kudrun) im Kudrunepos festliches Handeln für sich- und wo geraten sie durch festliche Handlungen in Zwänge?

1. Kudruns Versöhnungspolitik

1.1 Eskalierende Gewalt und Rache

Schon im Hagen- und im Hilde-Teil hat es eine Steigerung der Gewalttaten gegeben. Hagen kann noch verhindern, daß der Graf von Garadie ihn als Geisel nimmt und die drei Prinzessinnen raubt, die mit ihm auf der Insel waren, und wirft dabei dreißig Leute des Grafen ins Meer (Str. 135[1] ).

Als Hetel um Hilde wirbt, entführt er mit ihr zwanzig Frauen (Str. 482, 1), und in der Schlacht, die er gegen Hagen ausfechten muß, lassen dreihundert Mann ihr Leben.

Im Kudrun- Teil gerät die höfische Welt dann vollends aus den Fugen: Hartmut entführt mit Kudrun zweiundsechzig Frauen, und in der Schlacht vor Kassiane in Ormanie geht die Zahl der Toten in die Tausende, allein auf seiten der Hegelingen sind es über dreitausend.

Aber nicht nur an den absoluten Zahlen läßt sich die Steigerung der Grausamkeiten ablesen. Das Prinzip ist: Die Rache überbietet die vorher erlittenen Grausamkeiten. Nachdem auf dem Wülpensant fast eine ganze Kriegergeneration der Hegelingen ausgelöscht worden ist, so daß Hilde mit ihrem Rachefeldzug warten muß, bis die Waisen erwachsen sind, tötet Wate in Ormanie sogar die Kinder in den Wiegen, damit nur keine Feinde mehr „nachwachsen“- er versucht also, den Kriegernachwuchs von Ormanie auszurotten. Der Rachefeldzug artet zum Vernichtungskrieg aus.

Diese Eskalation hat natürlich zum einen erzählerische und dramatische Gründe: Es muß im Lauf der Erzählung eine Steigerung geben[2].

Zum anderen hat die Eskalation der Rache auch einen realistischen Hintergrund. Die Rache muß die vorher erlittene Grausamkeit überbieten, damit die eigene Überlegenheit unter Beweis gestellt wird (etwa nach dem Motto: „zwanzig Frauen aus dem Gefolge des Gedemütigten sind soviel wert wie sechzig Frauen vom Hof des Beleidigers“[3] )- und um die Befriedigung zu erlangen, nicht nur den eigenen Schaden wettgemacht zu haben, sondern zusätzlich dem anderen Schaden zugefügt zu haben[4].

Auch die Grausamkeiten, die Kudrun von Gerlint erleiden muß, durchlaufen eine Steigerung: erst muß sie den Ofen heizen und die Zimmer fegen, dann am Strand Wäsche waschen, wobei ihr Gerlint keine Kleidung außer einem Hemd und zuletzt auch bei strengem Frost keine Schuhe gönnt. Sie versucht (wie sie in Str. 999 auch ganz offen erklärt) Kudruns Willen zu brechen; auch sie führt, um mit Nolte[5] zu sprechen, Krieg- mit psychologischen Mitteln. Dabei verliert sie ihr ursprüngliches Ziel aus den Augen und läßt in ihrem maßlosen Haß Kudrun, die ja eigentlich Hartmut heiraten soll, beinahe erfrieren; zuletzt droht sie ihr an, sie mit Dornenruten zu schlagen und ihr damit die Haut von den Knochen trennen (Str. 1283).

Dieses kriegerische Vorgehen zeichnet sich durch den Versuch aus, den Willen des anderen zu brechen; das Fremde wird entweder ausgegrenzt und geleugnet oder aber raubartig angeeignet.

1.2 Widerstand gegen die Gewalt, Friedensstiftung und Versöhnung

Die Eskalation steuert auf eine Katastrophe zu, und was sie aufhält und das Geschehen zum Guten wendet, ist vor allem das Verhalten der Frauen.

Dieses Verhalten zeichnet sich durch folgende Eigenschaften aus:

Widerstand gegen die Gewalt

Kudrun läßt „die Gewalt [Gerlints] wirkungslos an sich abprallen“[6], indem sie die Demütigungen, die Gerlint ihr zufügt, mit ungebrochenem Stolz erträgt. Damit trotzt sie dem „Mechanismus der eskalierenden Aggression“ (ebd.). „Ihr Leidensmut entspringt einer Haltung, die Gewalt nicht als Möglichkeit der Konfliktlösung anerkennt.“ (ebd.)

Sie beschützt auch (in der Schlacht um Kassiane) die Frauen aus Ormanie vor der Gewalt der Hegelingen. Sogar ihrer Erzfeindin Gerlint gewährt sie Schutz, obwohl sie deutlich ihren Haß zum Ausdruck bringt- auch dies ist (so Nolte) eine Konsequenz ihrer Nichtanerkennung von Gewalt als Mittel der Konfliktlösung.

Kudrun selbst rechtfertigt ihr Verhalten auf andere Weise: Ihre hartnäckige Weigerung, Hartmut zu heiraten, begründet sie damit, daß er von seinem Stand her ihrer Familie unterlegen und daher ihr unangemessen sei (Str. 959) und daß sie mit „vil staete eiden“ (Str. 1043) an einen anderen, nämlich Herwig, gebunden ist, daß darüber hinaus Hartmut ihre Verwandten, besonders ihren Vater getötet hat (Str. 1033).

Ihre Argumentation, als sie Hilde um einen Kuß für Ortrun bittet, durchbricht deutlich das Rachedenken: „gedenke, liebiu muoter, waz ich des hiete schulde, swen slüegen mîne mâge.“ (Str. 1582).

Für ihr versöhnendes Verhalten gegenüber Hartmut bringt sie überhaupt keine Rechtfertigung vor, außer „daz niemen mit übele sol deheines hazzes lônen“ (Str. 1595), als sie Hilde bittet, Hartmut gegenüber großmütig zu sein. Das ist aber m.E. für die Rehabilitation, die sie Hartmut später zukommen läßt, eine zu schwache Rechtfertigung.

Das kriegerische Handeln, die Rache und das versöhnende Verhalten schließen einander nicht aus. Keine der Figuren im Text äußert sich verurteilend über kriegerisches Handeln und Rache an sich. Sie werden von allen Beteiligten als notwendig und gerechtfertigt angesehen. Lediglich die maßlose Gewalt, wie sie etwa Wate in der Schlacht um Kassiane anwendet, wird verurteilt[7].

Ohne kriegerisches Verhalten und Gewaltanwendung ist eine Lösung des Konflikts um Kudrun für den mittelalterlichen Menschen nicht denkbar. Die Versöhnung und die Wiederherstellung der Ehre derer von Ormanie kann erst erfolgen, wenn die Hegelingen ihre Rache bekommen haben und so mit ihre Integrität wiederhergestellt ist. Stellvertretend sei hier Wate zitiert, der am beharrlichsten auf der Unterwerfung der Ormanier besteht:

Dô sprach Wate der alte: „wer möhte ez süenen ê,

unz Ortrûn und Hartmuot für froun Hilden gê

und biete sich ze füezen der edelen küniginne?

und lobet siz al eine, sô müge wirs alle wol ze hulden bringen. (Str. 1646)

Kooperation

Eine wesentliche Rolle spielen die Frauen, die sich mit Kudrun solidarisieren: Hildeburg und Ortrun. Letztere ist besonders bedeutsam, da sie erstens die Gegensätze zwischen den verfeindeten Gemeinwesen überbrückt und zweitens diese enge Beziehung der beiden erst ermöglicht, daß Kudrun in der Schlacht das Eingreifen Herwigs zugunsten Hartmuts veranlaßt. (Ortrun befindet sich zudem in einer ähnlichen Situation wie Kudrun: Ihr Vater wurde getötet. Der Tod ihres Bruders hätte katastrophale Auswirkungen für sie, da sie als Frau von ihren männlichen Verwandten abhängig ist. Der Verlust aller männlicher Verwandtschaft würde ihr vollkommenes Ausgeliefertsein an die Hegelingen und ihre persönliche Handlungsunfähigkeit bedeuten.)[8]

Diese enge Beziehung wäre nicht denkbar ohne Ortruns wiederholt bekundetes (in Str. 1039 und Str. 1310) und tatkräftig demonstriertes (Str. 1046) Mitgefühl mit Kudrun. Kudruns späteres Mitleid mit Ortrun beruht also auf Gegenseitigkeit, wie auch Kudrun selbst bestätigt, als Ortrun sie in der Schlacht um Kassiane anfleht:

„Und lâz mich des geniezen“, sprach daz edele kint,

„so dich niemen klagete aller, die hie sint

du hêtest friunde niht mêre danne mich vil einen.

swaz dir iemen taete sô muoste ich ze allen zîten umb dich weinen.“

Dô sprach diu Hilden tohter: „des hâst du vil getân.[...]“ (Str. 1481/82)

Dieses Mitgefühl versuchen Hartmut und Gerlint zwar für sich einzuspannen:

diu sollte mit ir zühten, si mit ir gesinde

eines guoten willen die armen Kûdrûnen überwinden. (Str. 1037)

Sie scheitern jedoch damit, weil Kudruns Dankbarkeit sich nur auf Ortrun bezieht (siehe ihre Bestätigung von Ortruns Einschätzung als ihre einzige Freundin in Str. 1482), und an ihrer Ablehnung Hartmuts als Heiratskandidaten nichts ändert.

Was zur Rettung führt, ist einerseits Kudruns Mitleid mit Ortrun, die in diesem Augenblick in der Gefahr ist, ihren letzten männlichen Verwandten zu verlieren, und andererseits Herwigs Bereitschaft, auf Kudrun zu hören, als diese ihn bittet, Hartmut (seinen Rivalen!) aus dem Kampf mit Wate zu trennen. Herwig ist (dem höfischen Ritterideal entsprechend) bereit, auch das für sie zu tun, um ihr seine Ergebenheit zu demonstrieren:

Er sprach: „sît irz Kûdrûn, diu liebe frouwe mîn,

sô sol ich iu gerne immer diende sein

sô bin ichz Herwic und kôs iuch mir ze trôste

und lâze iuch daz wol schouwen daz ich iuch von allen sorgen gerne lôste. (Str. 1487)

Dieser Moment ist aber m.E. entscheidend: Ohne Hartmuts Rettung und die Versöhnung mit ihm würde die Spirale der Gewalt sich bis zum bitteren Ende, das heißt der gegenseitigen Vernichtung der Hegelingen und der von Ormanie, weiterdrehen.

Herstellung des Willens und der Integrität des Anderen

Wie Nolte betont, beruht Kudruns Erfolg als Friedensstifterin nicht darin, zu vergeben und zu vergessen, sondern der erste, entscheidende Schritt zum Frieden ist die Wiedereinsetzung Hartmuts in seine Rechte. Dadurch, daß Kudrun ihm einen ehrenvollen Auftritt bei Hofe ermöglicht, kann sein Ansehen wiederhergestellt werden.

Mit den vier Hochzeiten stiftet Kudrun zugleich Bündnisse, und zwar genau zwischen den Königreichen, die einander vorher bekriegt hatten. Die Parteien, zwischen denen der ärgste Konflikt stattgefunden hat- Hegelingen und Ormanie- werden durch eine Doppelhochzeit miteinander verbunden. Die Hochzeiten schaffen aber nicht nur bilaterale Bündnisse, sondern multilaterale: Jedes Land ist jetzt mit jedem direkt oder indirekt verbunden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[9]

Ferner werden Hartmut und Ortrun vom gesamten Hof als vollwertige Mitglieder der höfischen Gesellschaft behandelt, nachdem sie erst einmal als solche präsentiert worden sind.

Für diese Rehabilitation spielen festliche Gesten eine wesentliche Rolle, wie ich im folgenden demonstrieren werde.

2. Festliches Handeln als Mittel der Integration

2.1 Exkurs: Warum ist das Fest grundsätzlich geeignet, gestörte Verhältnisse wieder ins Lot zu bringen?

Wie Gerd Althoff[10] beschreibt, boten die rituellen Handlungen des Festes - Empfang, Mahl, Geselligkeit wie Jagd, Reiterspiel etc., Beschenkung und Abschied- allesamt die Möglichkeit, friedliche Absichten und die Fähigkeit zum friedlichen Umgang zu demonstrieren. Ganz allgemein gilt:

Mit Mählern und Festen begründete und stärkte man eine Gemeinschaft, schuf und erprobte eine Atmosphäre des friedlichen Umgangs miteinander, die auch in der Zukunft die Grundlage des Verhältnisses von Speisenden und Feiernden sein sollte.[11]

Dieser friedliche Umgang miteinander war keineswegs selbstverständlich: Gewaltanwendung gehörte ja fest zum Verhaltensrepertoire des adligen Mannes und konnte in „domestizierter“ Form (Turniere!) sogar Bestandteil des Festes sein. Unter diesen Umständen waren Gesten, die friedliche Absichten bezeugen, nicht nur Höflichkeit, sondern dienten der Vermeidung gewalttätiger Auseinandersetzung. Besondere Bedeutung kommt m.E. dem Gruß zu:

Die Begrüßung war eine feierliche Handlung von rechtlicher Bedeutung. Denn der Gruß war ein Friedenszeichen: wen man grüßte, dem erwies man dadurch seine Huld. Wem man feindlich gesinnt war, dem wurde der Gruß verweigert.[12]

Zweitens aber ist auch die festliche Atmosphäre besonders geeignet, um schwierigen Verhandlungen Vorschub zu leisten: das Fest ist

...die Gelegenheit, bei der Verhandlungen angebahnt werden können, ganz besonders die Besprechung heikler Materien, die geeignet sein konnten, die Harmonie [...] zu stören, jedoch in der entspannten, friedlichen Atmosphäre des Festes traktabel erscheinen mochten.[13]

Gerade der Grenzen aufhebende, nicht-alltägliche Charakter des Festes macht es möglich, auch Schwierigkeiten innerhalb der versammelten Gesellschaft auszugleichen und ein Gemeinschaftsgefühl unter den Versammelten zu stiften.

Für die integrierende Wirkung des Festes ist zweierlei von Bedeutung. Erstens betont das Fest Gemeinsamkeiten:

Sie suchen aber doch nach einem gemeinsamen Nenner, um ihnen allen gemeinsame Interessen durchsetzen oder verwirklichen zu können.[14]

Zusätzlich werden potentielle Konflikte besänftigt:

Das Fest in seinem Vollzug vermag Spannungen und Gegensätze zwar nicht grundsätzlich zu beseitigen und auszuräumen, es überdeckt sie jedoch oder gestattet ihre Austragung in ritualisierter Form und bewirkt dadurch ihre Zähmung[15].

Zum zweiten aber beruht die integrative Wirkung von Festen auf einem Appell an Emotionen. Dieser kommt teilweise durch rituelle Handlungen zustande: „Der Appell an die Emotionen wird getragen durch Liturgie, Ritus und Zeremoniell“[16]. Diese rituellen Handlungen müssen beeindrucken, zumindest aber in ausreichendem Maße sinnlich ansprechend sein[17], damit sie ein weiteres wesentliches Element der integrierenden Wirkung in Gang setzen und steigern können: die Begeisterung der Teilnehmer, die ein „zumindest partiell rauschhafter Zustand“[18] ist.

Die versöhnende Kraft des Festes kann aber nicht unbegrenzt strapaziert werden. Allzu gravierenden Konflikten kann sie ihre Schärfe nicht nehmen, auch wenn - wie Johanek anmerkt- in Grenzfällen eine den Verhältnissen angepaßte Inszenierung die Stimmung unter Umständen wenden kann[19].

2.2 Die festliche Aussöhnung im Kudrunepos

Das Fest bietet eine Plattform, auf der sich die Gefangenen aus Ormanie- Hartmut und Ortrun- in standesgemäßer Weise präsentieren können und auf der sie wieder in die Gemeinschaft integriert werden können. Die Bewährung der Ormanier beruht dabei nicht nur auf ihrem eigenen (vorbildlichen, angemessenen) Verhalten, das sie als vollwertige Mitglieder der höfischen Gesellschaft ausweist - anders ausgedrückt: ihrer Selbstdarstellung- , sondern auch zu einem wesentlichen Teil auf dem Handeln der Gastgeberinnen Hilde und Kudrun, die diese Bewährung Ortruns und vor allem Hartmuts erst möglich macht und sie als vollwertige Angehörige des Hofes anerkennt und rehabilitiert.

Zwei Arten festlichen Handelns sind von besonderer Bedeutung: Zum einen Geschenke und hier besonders Kleidung (Hartmut wird heimlich von Kudrun eingekleidet [Str.1600], Hilde beschenkt die Frauen aus Ormanie mit Kleidern [Str. 1610]), herausragender aber sind in ihrer Bedeutung Gesten der Begrüßung, wie z.B. im Falle Hartmuts:

„Dô sun der Ludewiges durch den palas gie,

diu beste noch die boeste deheine daz verlie,

si tâtenz im ze liebe und stuonden von dem sedele.“ (Str.1631)

Hartmut, der vorher die Rolle eines Feindes gespielt hat, wird also wie ein vollwertiger Angehöriger des Hofes begrüßt.

Die Begrüßung Ortruns und Hartmuts hat, wie schon die rechtliche Bedeutung des Grußes als Friedenszeichen nahelegt (siehe Bumke), Signalcharakter: Sie sind am Hof Hildes willkommen und nicht mehr als Feinde anzusehen. Dessen ist sich Hilde auch voll und ganz bewußt, als sie sich zunächst sträubt, Ortrun zu küssen:

„Ich sol ir niht küssen; zwiu raetest du mir daz? daz ich si hieze toeten, daz zaeme mir vil baz. ja habent mir ir mage getân vil der leide. swaz ich hân her geweinet daz was ir kunden bestiu ougenweide.“ (Str. 1581)

Der Kuß, den Ortrun von Hilde schließlich dennoch bekommt, stellt eine ganz besondere Auszeichnung dar: „Von der Herrin des Hofes geküßt zu werden oder sie küssen zu dürfen, galt immer als eine besondere Auszeichnung.“[20]

Mit dem Kuß Hildes ist Ortrun also nicht nur am Hof willkommen geheißen, sondern zugleich als eine der Herrscherin Hilde nahestehende, besonders geschätzte Person bezeichnet.

Schwieriger ist Hartmuts Integration: Ihn läßt Kudrun gar nicht erst von Hilde begrüßen, sondern erbittet nur, daß er ohne Fesseln am Hof geduldet wird. Sie läßt ihn heimlich baden und neu einkleiden (Str. 1600). Sein vorbildliches Verhalten bei Hofe führt dann „schleichend“ zur Anerkennung durch die Hofgesellschaft:

mit vollen wart versüenet der haz, den si dâ truogen daz si des gar vergâzen daz ir recken ê einander sluogen. (Str. 1602)

Was läßt die Integration hier gelingen? Immerhin haben sich die Gemeinwesen von Hegelingen und Ormanie gegenseitig einen Schaden zugefügt, der als unverzeihlich gelten müßte, wofür ihn Hilde zunächst ja auch ansieht (Str. 1581 und 1596) Und auch Hartmut möchte lieber sterben als zu einer erniedrigenden Heirat gezwungen werden (Str. 1638). Von den vier Eheanbahnungen verläuft lediglich die zwischen Siegfried und Herwigs Schwester ohne profunde Bedenken.

Alle Beteiligten kooperieren jedoch freiwillig, nachdem Kudrun ihnen glaubhaft gemacht hat, daß sie von den angestrebten Verbindungen Vorteile haben werden. Diese Vorteile werden ganz konkret benannt: im Fall Ortwins „du hâst mit ir wünne“ (Str. 1621) und (wie Herwig sagt) „manigen recken guoten“ (Str. 1623) (also einen militärischen Nutzen), bei Hartmut ist es seine Wiedereinsetzung in seine Rechte als Herrscher und Frieden zwischen Ormanie und Hegelingen:

dâ mite wirt behalten dîn lant und ouch dîn êre, und ouch der vîntschefte dâ von wirt gewahenet nimmer mêre. (Str. 1637)

Nur bei ihrer Mutter muß sie zu einem emotionalen Appell, man könnte auch sagen: emotionalem Druck greifen, um sie zum Einlenken zu bewegen: sie bricht in Tränen aus (Str. 1583), im Falle Hartmuts unterstützt von ihrem Gefolge (Str. 1598), was Hilde nicht lange mitanhören kann (Str. 1583 und1599).

Hilde gerät durch den Kuß, den sie Ortrun gibt, jedoch auch in Zugzwang: Nachdem sie eine Angehörige des Königshauses von Ormanie und Frauen aus deren Gefolge mit einer Begrüßung bedacht hat, die eine Auszeichnung darstellt, und anerkannt hat, daß Ortrun Kudrun geholfen hat (Str. 1583), kann sie schlecht weiterhin bei ihrer harten Linie gegenüber Hartmut bleiben. Kudrun setzt hier also eine Geste aus dem festlich-höfischen Verhaltensrepertoire ein, um eine Entwicklung in Gang zu setzen, die zwar zuerst dem Rachebedürfnis Hildes entgegenläuft, aber letztlich allen nützt.

Einen ähnlichen Versuch, Begrüßungsgesten zu instrumentalisieren, unternimmt Gerlint bei der Heimkehr Ludwigs und Hartmut aus Hegelingen: Sie will Kudrun küssen (Str. 978). Hellsichtig erkennt Kudrun jedoch Gerlint als Urheberin ihres Leidens (Str. 979) und verweigert ihr diese Begrüßung, die auch als Vereinnahmung gedeutet werden könnte. Würde Kudrun sich hier auf Gerlints auszeichnende Begrüßung einlassen, wäre das ein Beweis ihrer Gewogenheit und würde nahelegen, daß sie bereit ist, auf Gerlints Wünsche einzugehen.

Gerlints späteres Verhalten- d.h. die harten Arbeiten, die sie Kudrun und den Frauen in ihrem Gefolge auferlegt- entlarvt die freundliche Begrüßung von Kudruns Frauen als Versuch, sich einzuschmeicheln, um Kudrun gnädig zu stimmen, und charakterisiert sie zusätzlich zu ihrem lügnerischen Verhalten gegenüber ihrem Sohn (bes. Str.1018) als Heuchlerin.

Hilde hingegen schwenkt, nachdem sie der geschickte Schachzug ihrer Tochter dazu bewegt hat, mehr und mehr auf eine versöhnliche Linie um und bleibt dabei, wenn auch mit einer gewissen Reserviertheit. So ist sie z.B. anfangs gegen die Hochzeit Ortwins mit Ortrun, bis Frute auf den militärisch-politischen Nutzen dieser Verbindung aufmerksam macht: „du [Ortwin, C.K.] hâst von ir manigen recken guoten“ (Str. 1623). Als ehrliche Herrscherin hält Hilde, was sie mit der Begrüßung von Ortrun und der späteren Beschenkung der Frauen aus Ormanie (Str. 1610) versprochen hat.

Warum aber tut Kudrun das alles? Wie wir bereits gesehen haben, wartet sie gerade für ihr versöhnendes Verhalten mit keiner Rechtfertigung oder Erklärung auf außer „daz niemen mit übele sol deheines hazzes lônen“ (Str. 1595) . Was sie aber mit Hartmut und Ortrun tut, ist deutlich mehr als ihnen kein Leid zuzufügen; im Gegenteil, auch die Angehörigen der ehemals verfeindeten Familie profitieren am Ende.

Genau das, was Hartmut auch zum Eingehen auf Kudruns Heiratspolitik geleitet hat, nämlich die langfristige Aussicht auf Gewinn, ist möglicherweise auch Kudruns Triebfeder. Sie steht am Ende, als ihre Planung aufgegangen ist, in der Position derjenigen, die am meisten gewonnen hat: Sie hat den Mann ihrer Wahl bekommen, ihre Familie ist durch drei Ehen mit anderen Königshäusern verbunden- eine Position also, die ihr einen beträchtlichen Einfluß sichert.

Zusammenfassung

Die desaströse Entwicklung von eskalierender Gewalt und Rache wird im Kudrunepos gleichsam in letzter Minute zum Guten gewendet durch das Verhalten von Frauen, namentlich Kudrun.

Dieses Verhalten zeichnet sich dadurch aus, das es das von Vergeltung geprägte Denken durchbricht und eine andere Lösung als die Vernichtung des Gegners anstrebt. Wesentliche Bedingung für Kudruns Strategie ist die Kooperation mit Ortrun, die zu ihrer Bereitschaft führt, Herwigs Intervention zugunsten Hartmuts zu veranlassen. Und zuletzt zeichnet sich die Versöhnungspolitik Kudruns dadurch aus, daß sie nach vollzogener Genugtuung die ehemaligen Gegner nicht nur rehabilitiert, sondern zu Verbündeten macht.

Diese Versöhnungspolitik funktioniert auf zwei Ebenen: zum einen durch die Wiedereingliederung Ortruns und Hartmuts, zum anderen durch die Ehen, die Kudrun anbahnt.

Dabei spielt festliches Handeln eine wesentliche Rolle. Vor allem Begrüßungsrituale und Kleidung werden von Kudrun instrumentalisiert, um die ehemaligen Feinde Ortrun und Hartmut zu vollwertigen Mitglieder der festlichen Hofgemeinschaft zu machen. Ist diese Integration der ehemaligen Feinde erst gelungen, fällt es Kudrun nicht mehr schwer, die letzten Vorbehalte gegen die Ehen auszuräumen, die sie stiftet, und die Vorteile erkennen zu lassen, die diese neuen Bündnisse bieten.

Rache und Vergeltung an sich werden dabei nur in ihrer exzessiven Form verurteilt, ebenso wie kriegerisches Verhalten und Gewalt von allen Beteiligten als selbstverständlich und notwendig angesehen werden.

Kudruns besondere Leistung liegt m.E. in der Erkenntnis, daß Kooperation langfristig mehr Nutzen bringt als die Vernichtung und Unterwerfung des Anderen- und in der Umsetzung dieser Erkenntnis. Kudrun ist dabei mitnichten selbstlos: Sie ist diejenige, die am Ende am weitesten auf der Gewinnerseite steht.

Verwendete Literatur

Als Textgrundlage diente mir:

Kudrun. Herausgegeben von Karl Bartsch, 5. Auflage. Überarbeitet und neu eingeleitet von Karl Stackmann, F.A. Brockhaus Wiesbaden 1965

Althoff, Gerd: „Fest und Bündnis“, in: Feste und Feiern im Mittelalter. Paderborner Symposion des Mediävistenverbandes, hg. von Detlev Altenburg, Jörg Jarnut und Hans-Hugo Steinhoff, Sigmaringen 1991, S. 29-38

Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter, München 1986

Johanek, Peter: „Fest und Integration“, in: Feste und Feiern im Mittelalter. Paderborner Symposion des Mediävistenverbandes, hg. von Detlev Altenburg, Jörg Jarnut und Hans-Hugo Steinhoff, Sigmaringen 1991 S. 525- 540

Nolte, Theodor: „Das Kudrunepos- ein Frauenroman?“ ,Tübingen 1985

[...]


[1] Zitiert nach: Kudrun. Herausgegeben von Karl Bartsch, 5. Auflage. Überarbeitet und neu eingeleitet von Karl Stackmann, F.A. Brockhaus Wiesbaden 1965

[2] so gesagt (sinngemäß) in der Seminardiskussion vom 22.1. 2001

[3] ebd.

[4] ebd.

[5] Theodor Nolte: Das Kudrunepos- ein Frauenroman?, Tübingen 1985, S. 48

[6] Nolte, S. 49

[7] durch Irolt in Str. 1502

[8] (Siehe auch Ergebnisse der Simulation im Seminar am 8. 1. 2001.)

[9] Nolte, S. 68

[10] Althoff, Gerd: Fest und Bündnis, in: Feste und Feiern im Mittelalter. Paderborner Symposion des Mediävistenverbandes, hg. von Detlev Altenburg, Jörg Jarnut und Hans-Hugo Steinhoff, S. 29-38

[11] Althoff, S.29

[12] Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter; München (dtv) 1986, S. 299

[13] Johanek, Peter: Fest und Integration, in: Feste und Feiern im Mittelalter. Paderborner Symposion des Mediävistenverbandes, hg. von Detlev Altenburg, Jörg Jarnut und Hans-Hugo Steinhoff, S. 525- 540, hier: S. 534

[14] Johanek, S. 525

[15] Johanek, S. 525

[16] Johanek, S. 529

[17] siehe Johanek, S. 529

[18] siehe Johanek, S. 530

[19] Johanek, S. 534

[20] Bumke, S. 300

14 von 15 Seiten

Details

Titel
Frauen, Konfliktbearbeitung und festliches Handeln im Kudrunepos
Hochschule
Freie Universität Berlin
Veranstaltung
Grundkurs C "Das höfische Fest in der mittelhochdeutschen Dichtung"
Autor
Jahr
2001
Seiten
15
Katalognummer
V109487
Dateigröße
369 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frauen, Konfliktbearbeitung, Handeln, Kudrunepos, Grundkurs, Fest, Dichtung
Arbeit zitieren
Anne Camilla Kutzner (Autor), 2001, Frauen, Konfliktbearbeitung und festliches Handeln im Kudrunepos, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109487

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