Den Gespenstern auf der Spur. Judith Hermann aus rezeptionsästhetischer Perspektive


Hausarbeit, 2005
15 Seiten, Note: 1,0

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Inhaltverzeichnis

I. Einleitung: Nichts als Gespenster?

II. Wolfgang Isers rezeptionsästhetischer Ansatz oder: Die Geister, die ich rief

III. Was die Autorin nicht sagt und dennoch wirkt
a) Ruth (Freundinnen), Nichts als Gespenster
b) Hurrikan (Something farewell), Sommerhaus, später

IV. Fazit: Mehr als Gespenster!

Literaturverzeichnis

Nachschlagewerke

Primärliteratur

Sekundärliteratur

Abbildungsverzeichnis

I. Einleitung: Nichts als Gespenster?

Über Ästhetik und die richtige Bedeutung eines fiktionalen Textes läßt sich bekanntlich und zum Glück streiten; so auch im Falle der zugrundeliegenden Werke von Judith Hermann. Im Rahmen dieser Hausarbeit soll allerdings nicht so sehr über den Facettenreichtum des subjektiven Gefallens diskutiert werden, als vielmehr über ein Phänomen, das bei den konventionellen Interpretationsverfahren, insbesondere in Anwendung auf die neuzeitliche Literatur weitestgehend ausgeblendet wird. Dieses Phänomen ist dadurch geprägt, daß es in unzähligen modernen fiktionalen Texten auftritt, meist aber nur unbewußt vom Leser wahrgenommen wird, weil es sich zwar im Text befindet, jedoch nicht direkt über das sprachliche Zeichensystem des Textes dargestellt wird[1]. Die Rede ist von sog. Leerstellen[2] im Text, die m. E. nach fast wie Gespenster in Hermanns Erzählungen für einen Moment vor dem Auge des Betrachters – in diesem Falle des Lesers – aufzutauchen scheinen, im nächsten Augenblick aber schon wieder verschwunden sind und dennoch im Leser eine Unruhe, etwas beinahe Irrationales zurücklassen, mit dem es sich als Leser auseinanderzusetzen gilt.

Daß diese Leerstellen in einem Text vorhanden sein können, steht gemäß Wolfgang Isers Auffassung außer Frage. Die Schwierigkeit besteht für ihn vielmehr darin, sie zu lokalisieren, sowie ihre Funktionalität innerhalb des Textes und den ihnen eigenen Sinn eben nicht im klassischen Ansatz „richtig“ zu deuten, sondern gerade die Vielzahl subjektiver Bedeutungen aufzuzeigen, das Sinnpotential als solches zu konstituieren und diesem möglichst intersubjektiv Geltung zu verschaffen[3]: eine Aufgabe, der sich Iser in seinem Buch „Der Akt des Lesens“ gewidmet hat und dessen Überlegungen hier als Modell meiner eigenen und gleichermaßen subjektiven Interpretationsansätze der Hermann’schen Texte dienen soll. Die Interpretationsansätze werden jedoch ganz im Sinne Isers und der Rezeptionsästhetik keinen Absolutheitsanspruch erheben, sondern lediglich das Sinnpotential und die damit verbundene Bedeutungsvielfalt der ausgewählten Textausschnitte veranschaulichen.

II. Wolfgang Isers rezeptionsästhetischer Ansatz oder: Die Geister, die ich rief

Um das Sinnpotential und die Ästhetik eines fiktionalen Textes ausreichend zu würdigen, geht Iser nicht von einem starren Text aus, der sich dem Leser als ein in sich abgeschlossenes Kunstwerk darstellt, sondern legt ein Kommunikationsmodell zugrunde, bei dem der Text durch den Autor den künstlerischen und der Leser den ästhetischen Pol der Konkretisation des Gesagten bzw. des Gemeinten besetzt[4] und zwischen denen während der Lektüre Interaktion bzw. Kommunikation stattfindet. Damit diese Kommunikation nicht scheitert, müssen Text und Leser ständig eine gewisse Flexibilität in der semantischen Auslegung des Gesagten, wie auch in der Wahl der Anschließung der Leseperspektiven untereinander wahren. Der Text weist dem Leser während der Lektüre immer wieder wandernde Blickpunkte auf die momentane Textsituation zu, die der Leser als perspektivische Horizonte während der Lektüre abbildet und die er koordinieren und mit seinen eigenen (bspw. dem Erwartungshorizont[5] ) verknüpfen muß[6]. Da aber die Welt des Textes mit der Rolle des Lesers aufgrund seiner, des Lesers, lebensweltlichen Dispositionen in einem gewissen Spannungsverhältnis steht[7], ergeben sich durch die ständige Integrationsaufforderung der jeweiligen Horizonte an den Leser Sinn- und Deutungskonflikte, die gelöst werden müssen. Gleichzeitig aber stellt sich in genau diesem Akt das ästhetische Moment dar. Iser ist der Auffassung, daß die Konfliktlösung primär Aufgabe des Lesers ist, da der Text zwar ein sich aus Negationen entwickelndes Lösungsrepertoire bereithält, welches allerdings durch den Autor, der aus einer zum Leser abweichenden Welt heraus schreibt, eingeflochten wurde und das folglich bei der Lösung bzw. der gegenseitigen Integration der verschiedenen Horizonte nur bedingt vom Leser realisiert werden kann[8].

Dieser Aufforderungscharakter des literarischen Textes liefert neben Isers Annahme eines impliziten Lesers [9] die Grundlage für die Interaktion bzw. die Kommunikation des Textes mit dem Leser. Nun hält der Text aber neben den divergierenden Lösungsvorschlägen zur Beilegung der Sinndifferenzen in Bezug auf das Gesagte nur begrenzten Anleitungscharakter für die Verknüpfung der Horizonte bereit. Die Unbestimmtheitsstellen[10] bzw. Leerstellen - wie Iser sie konkreter benennt -, die sich hieraus für den Leser ergeben, dienen laut Iser nicht zwingend dem Spannungsaufbau, sondern sind Kombinationsanreiz und haben ihren Sinn in einer Ausfächerung der verschiedenen Anschlußmöglichkeiten, zwischen denen der Leser vor dem Hintergrund seiner Dispositionen wählen kann. Dadurch kann es nicht zu einer willkürlichen, sondern lediglich zu einer subjektiven Sinndeutung kommen[11]. Die Wahl für einen geeigneten Anschluß der Perspektiven wird nur insofern vorstrukturiert, als der Text dem Leser ein vorgefertigtes Repertoire an Möglichkeiten liefert. Jeder Leser bildet und bringt jedoch seine individuellen Horizonte mit in die Lektüre ein, wodurch das entstehende Gesamtbild und mit ihm die Sinnkonstituierung und –deutung immer anders auszufallen vermag. Erst die mögliche Interaktion zwischen den Kommunikationspolen und die Wirkung sich aus einem Mangel an Bestimmtheit des Textes ergebender Leerstellen als potentielle Scharniere zwischen den gebildeten und noch zu integrierenden Horizonten ermöglicht es dem Leser, den Sinn des Textes individuell zu konstituieren[12], aus einem Sinnangebot des Textes ein Sinnprodukt unter Anstrengung der eigenen kognitiven Fähigkeiten vor dem Hintergrund der individuellen Dispositionen zu erzeugen; ein Produkt, das als solches nicht im Vorfeld im Text konkret vorhanden sein konnte, sondern erst durch die Lektüre und im Leser konkretisiert werden kann. Die Leerstelle ist demnach elementare Kommunikationsbedingung zwischen Text und Leser[13].

Es läßt sich also festhalten, daß Wolfgang Iser von einer Art Lesepsychologie[14] ausgeht, die als eine Erweiterung des hermeneutischen Verfahrens[15] betrachtet werden kann, da sie Interaktionen und Spannungen zwischen Text und Leser verdeutlicht und ihre wechselseitigen Funktionsweisen nicht nur transparent macht, sondern sich darüber hinaus auch als eine adäquate Möglichkeit für eine individuelle Sinnkonstituierung qualifiziert.

Im folgenden soll nun anhand zweier ausgewählter Beispiele verdeutlicht werden, daß Judith Hermanns Texte o.g. Leerstellen enthalten und wie weit sich mittels dieser die Möglichkeiten einer Deutung fächern lassen.

III. Was die Autorin nicht sagt, und dennoch wirkt

a) Ruth (Freundinnen), Nichts als Gespenster

Gleich zu Beginn[16] drängt sich dem Leser dank des Titels[17] der Verdacht auf, daß es in der folgenden Erzählung um die Freundschaft zu einer gewissen Ruth geht. Der Leser skizziert infolgedessen vorab die (ihm vertraute) Bedeutung des Wortes „Freundinnen“ bzw. „Freundschaft“ als einen ersten Horizont, vor dem nun alles weitere stattfindet. Doch bereits am Ende des ersten Absatzes erfährt der Leser mit den Worten „[...] sie hätte es nicht sagen sollen[18] eine markante, wenigstens aber ungewöhnliche Einschränkung von Freundschaft. Sogleich aber fragt der Leser „warum“? Eine Frage, die der Text aus hermeneutischer Sicht nicht stellt und der Leser trotzdem beizeiten beantwortet (haben will). Ich gehe nun hier bewußt den Weg eines moralischen Interpretationsansatzes, da sich die Hermeneutik m. E. nach genau diesen Zugang versperrt, indem sie direkter und textorientierter vorgeht[19], als die Rezeptionsästhetik, wenngleich ich weiterhin immer auch auf das hermeneutische Modell angewiesen bleibe.

Die Leseblickpunkte, die der Leser im weiteren Verlauf durchwandern wird, ruhen trotz hochfrequentiertem Wechsel zwischen den zu kombinierenden Perspektiven fortlaufend auf der Ich-Erzählerin, wodurch nach und nach die einseitig gefärbten Anschauungen der Protagonistin als geschichtete Horizonte in den „Freundschafts-Horizont“ des Lesers integriert werden können. Die einseitige Erzählperspektive hindert den Leser m. E. jedoch nicht daran, gleichwohl Ruths Vorstellungen über Freundschaft zu integrieren, die sich im direkten, wie indirekten Redeanteil von Ruth manifestieren. Nun ist das Verhältnis zwischen Ruth und der Ich-Erzählerin, soweit es dem Text entspringt, einstmals ein sehr inniges gewesen[20], wenngleich - zumindest ohne Ruths konkretes Wissen -nun beide Freundinnen den selben Mann, Raoul, begehren[21], der einerseits in einer offenkundigen Beziehung zu Ruth steht, andererseits der Protagonistin sehr nahe zu treten versucht. Anzeichen für ein doch etwas gestörtes Verhältnis zwischen Ruth und der Ich-Erzählerin liefern die eingeschobenen Erinnerungspassagen im Text, in denen die Protagonistin von einst vorhandenem, inzwischen verblaßtem Neid auf Ruth[22] spricht. Der stärkste Bruch zwischen den Frauen aber scheint mir Ruths Auszug aus der gemeinsamen Wohnung gewesen zu sein[23]. Der Schmerz und die Trauer über das Auseinanderreißen dieser Lebensgemeinschaft, in der Ruth zu einem festen Bestandteil geworden ist, ist m. E. nach konsistent mit dem Horizont, den der Leser zu Beginn entworfen hat, denn auch er kennt mit hoher Wahrscheinlichkeit das Gefühl des Verlassenwerdens, das Gefühl am Ende einer Beziehung. Hieraus ließe sich aus psychologischer Sicht ein bekanntes Muster bzw. Schema entwerfen, nach dem die Ich-Erzählerin handelt: die Protagonistin internalisiert während der engen Bindung zu Ruth deren Verhaltensmuster, die nach Ruths Auszug aus der gemeinsamen Wohnung nicht mehr weiter vorprojiziert werden; sie erleidet sozusagen einen Identitätsverlust. Die sich daraus ergebende seelische Leere in der Ich-Erzählerin kompensiert diese, indem sie das Problem, namentlich das gespannte Verhältnis zwischen Ruth und Raoul[24], mittels der bereits internalisierten Verhaltensmuster selbst zu lösen beginnt, sprich: sie selbst den Konflikt mit Raoul austrägt in der Rolle seiner eigentlichen und etwas spröden Partnerin[25]. Der entscheidende Konflikt[26] stellt sich für den Leser jedoch erst dann dar, wenn die namenlose Protagonistin gegen Ende der Erzählung nach Würzburg reist, um der Einladung des ihr vermeintlich[27] fremden Raouls zu folgen. Da die Freundschaft zwischen Ruth und ihrer Freundin sehr eingleisig von Ruth auf die Ich-Erzählerin verläuft[28], bleibt unklar, ob sie ggf. auch aus einer gewissen Kaltschnäuzigkeit, ja vielleicht sogar aus einer Rachsucht heraus dieser Einladung - wie von fremder Hand geleitet - folgt. Was aber erwartet der Leser nun? Daß die Ich-Erzählerin die Nacht mit Raoul verbringt, wenngleich sie doch Unbehagen quält? Hätte Ruth aufgrund genau dieser Vermutung - wie der Leser sie nun durchaus mit Recht hegen kann - denn etwa nicht ihrer Freundin dieses präventive Versprechen abringen sollen, nichts mit Raoul anzufangen[29] ? Die Protagonistin empfindet es, noch bevor sie das Bett mit Raoul teilt, als Verrat[30], und dennoch hindert sie später diese Einsicht nicht ausreichend daran, sexuell mit Raoul zu verkehren.

Der Leser steht am Ende der Erzählung vor der Entscheidung, welche (moralische) Position er hier einnehmen will, wie er die vom Text produzierten Horizonte nun mit seinen eigenen verquicken kann, ohne daß sich ein Konsistenzproblem für ihn hieraus ergibt. Er stellt sich im Zuge der Horizontintegration konkret jene Fragen, die der Text nicht sprachsystematisch, sondern durch seine diskursiven Leerstellen zwischen den Leseperspektiven aufwirft. Sie sind m. E. nach der nicht für jedermann „hörbare“ emotionale Prozeß, der sich aus den hohen Integrationsansprüchen der unterschiedlichen Horizontstrukturen ergibt. Und so mannigfaltig die Fragen (Darf man eine Freundin mit ihrem Freund betrügen? Geschieht der spröden Ruth Recht? Oder doch eher der Protagonistin?), so mannigfaltig die Antworten, die nun geradezu unheimlich am geistigen Ohr des Lesers wie eine polyphone Harmonie[31] vorbeihuschen. Die Antworten jedoch können nicht ausschließlich identifikatorischer Natur sein, denn so stark auch die Integrationsansprüche der einseitig durch die Erzählperspektive (der Heldin?) gefärbten Horizonte sein mag, so kann der Leser im Sinne Isers gleichermaßen die bedingte Identifikation mit Ruth (der Anti-Heldin?) präferieren, da nicht nur die beiden Frauen nicht identisch sind, sondern darüber hinaus auch der Leser mit beiden Figuren nicht völlig identisch sein kann[32]. Der Leser ist gehalten - ähnlich wie die Ich-Erzählerin -, den Konflikt, der sich vor ihren Augen abspielt und den der Leser seinerseits während der Lektüre unmerklich zu seinem eigenen transformiert, selbst zu lösen. Das aber führt zu subjektiven Sinndeutungen der im Text vorliegenden Verhaltensmuster. Weiterhin sieht man leicht, daß durch diese (zeitlich relativ begrenzte) Unentschiedenheit der Konflikt im Leser eben noch nicht gelöst ist, wodurch das auch in den Rezensionen der Hermann’schen Texte häufig beschriebene Phänomen des Nachbebens entsteht und sich eine latente Sehnsucht nach Frieden[33] im Leser einstellt, die über die Lektüre hinaus anzuhalten vermag.

b) Hurrikan (Something farewell), Sommerhaus, später

Wieder vom Titel ausgehend, wird die Erzählung[34] höchstwahrscheinlich sowohl von einem heftigen Sturm, als auch von einem Abschied berichten. Diese zwei Vorannahmen bilden einen ersten Horizont im Leser, der nun im Verlauf der Lektüre seine Annahmen als Motive im Text suchen wird, sie allerdings - so viel sei an dieser Stelle vorausgeschickt - nicht in vollem Umfang wiederfinden kann. Ich werde daher im folgenden nicht mehr so genau am Text entlang arbeiten, da die produzierten Horizonte dieser Erzählung ihre Hauptanschlußpunkte m. E. nach nur an zwei Stellen des Textes, dafür aber umso stärker vor strukturieren. Der erste wäre demzufolge die kurze Szene, in der Christine Noras Brief liest, der Christine von einer dem Leser noch unbekannten Schuld freispricht[35]. Da „Schuld“ für die meisten Leser ein sehr schwerwiegender und in jedem Falle interpretationsbedürftiger (damit wieder subjektiver) Begriff ist, ergibt sich für den nun entstehenden Horizont vorab ein diffuser, jedoch enger Rahmen, den es während der Lektüre mit Leben zu füllen gilt, um das noch zu verdichtende Gesamtgebilde anschließend in stark subjektivem, nicht jedoch willkürlichem Maße integrieren zu können.

Die zweite Anschlußstelle unterliegt m. E. nach einer kleinen, aber feinen Schwierigkeit, die sich über einen interessanten Umweg lösen läßt und im folgenden knapp umrissen werden soll.

Wenngleich der Text immer wieder von Sturmwarnungen spricht, tritt der Hurrikan als meteorologisches Phänomen etwas außerhalb der primären erzählten Zeit auf, sprich: er ereignet sich sprachsystematisch erst nach Christines Abreise, am Ende der Erzählung[36]. Folglich muß sich der angekündigte Sturm auf eine andere bzw. eine metaphorische Weise bereits während der Lektüre darstellen, obgleich der Leser das aus Gründen der textuellen Abfolge nicht im Vorfeld wissen kann.

Setzt man nun einmal voraus, daß der Leser die meteorologischen Bedingungen und Zusammenhänge eines Hurrikans kennt, so läßt sich der Sturm-Horizont nur aus dem Abgleich mit Christines Wirkungsweise auf der Insel adäquat bilden. Diese Wirkungsweise nimmt der Leser in einer Mischung aus personaler und auktorialer Perspektive[37] wahr, die zunächst nahe Kaspers Standpunkt angesiedelt ist.

Christine braut sich – metaphorisch gesprochen - gleich dem Hurrikan, langsam über dem verdunstenden Wasser des Meeres zusammen, streift zunächst ihr Ziel, scheinbar noch unsicher über Zeitpunkt und Ausmaß der Verwüstung, gleichwohl aber immer von der Insel angezogen, um sich zu entladen. Das Ziel des Hurrikans ist die Insel, Christines Ziel hingegen könnte etwas oder besser gesagt jemand auf der Insel sein. Ihre lebhafte und unternehmungsfreudige Art[38] sorgen folglich sozusagen für Wirbel, obwohl sie im Inneren, ihrem Zentrum (dem sog. Auge des Sturms) auf vortäuschende Art und Weise ruht[39]. Christine selbst würde also den angekündigten und bis zu vier Wochen (im übrigen auch die Dauer ihres Inselaufenthaltes) andauernden Sturm verkörpern, der seine maximale Kraft entwickelt, wenn die Luft über dem verdunstenden Wasser ausbleibt[40] und starke Verwirbelungen verursacht[41]. An dieser Stelle aber beginnt der Text, sich perspektivisch von Kasper weg und zu Christine hin zu entwickeln[42]. Das ermöglicht dem Leser im weiteren Verlauf der Lektüre, den Sturm (Christine) und seine (ihre) weitere Entwicklung aus nächster Nähe zu verfolgen.

Der als zweites zu integrierende Horizont wäre sodann ein metaphorisches Konstrukt; ein Umstand, der allerdings dem rezeptionsästhetischen Verfahren nicht zuwider läuft, sondern besagtes Verfahren vielmehr in seinem Funktionsrahmen und seinen Anwendungspotentialen erweitert, es letztlich aufgrund seines „Teamverhaltens“ gegenüber anderen Interpretationsmodellen ein Mal mehr für die Hermann’schen Texte qualifiziert.

Nimmt man nun das mittels all dieser Annahmen und Vergleiche gewonnene Substrat, so läßt sich der Integrationsanspruch des Schuldbegriffes weitestgehend realisieren, denn Christines „Schuld“ löst sich für den Leser als Resultat ihrer stürmischen, zerstörerischen Wirkungsweise[43] ein: „ Cat schlägt Lovy, und Lovy schlägt Cat, liebe Christine, du bist nicht wirklich schuld.“[44]

Wie schwerwiegend der Kuß zwischen Christine und Cat im einzelnen nun ist, strukturiert der Text zwar in Form des Briefes an Christine vor, obliegt aber letztenendes der subjektiven Bewertung des Lesers, denn in einem Sog[45], wie ihm Christine und auch ein Hurrikan folgen bzw. unweigerlich folgen müssen, läßt sich Geschwindigkeit und Richtung nicht aktiv steuern. Infolgedessen läßt sich hier die Frage nach dem „warum“ und der Moral nur schwerlich beantworten. So multikausal die Umstände für die Bildung eines Hurrikans sind, so multikausal mögen sie für Christines Wirken und Handeln sein. Möglicherweise wurde der Leser hier schlicht Zeuge einer immer wiederkehrenden Laune der (menschlichen) Natur. Jeglicher Versuch einer Sinndeutung fiele somit aus, denn wer getraut sich schon, „Schicksal“ oder „Zufall“ richtig zu deuten? Hier wird nicht nur ein Unbefriedigt-Sein im Leser erzeugt, sondern der Leser scheint mir nahezu genötigt, diesem Dasein zu fristen.

Fest steht m. E. nach nur, daß der Leser hier aufgrund der etwas verzwickten Perspektivenorganisation und den sich daraus ergebenden (qualitativ hochwertigen) Leerstellen den wenigen Horizonten gegenüber eine hohe Integrationsleistung erbringen muß, die zusätzlich durch eine nachgeschaltete sprachästhetische Transformation des Sturm-Horizonts erschwert wird.

Der emotionale Sturm ist nach Christines Abreise vergangen, einen richtigen Abschied hat es zwischen ihr und Cat nicht gegeben, und er wartet nun darauf, daß sie wiederkommt. So wie ein Hurrikan von Zeit zu Zeit wiederkommt: unberechenbar, unabwendbar, kurz und alles andere als schmerzlos[46]. Dem Leser aber bleibt wie so oft ein nicht enden wollender lauer Wind als das Zeichen eines kleinen und großen Ereignisses[47] im Haar zurück.

IV. Fazit: Mehr als Gespenster!

Wie nützlich und ergiebig die Verwendung des „Iserschen Handwerkzeugs“ tatsächlich ist, konnte m. E. nach anhand der ausgewählten Textbeispiele verdeutlicht werden. Daß die Wahl nur auf diese beiden fiel, ist nicht Zeichen dafür, daß die übrigen Erzählungen sich in irgendeiner Weise für eine rezeptionsästhetische Analyse disqualifiziert hätten, sondern ist schlicht auf das große Ausschöpfungspotential einer jeden Erzählung zurückzuführen, deren vollständige Berücksichtigung allerdings den Rahmen der Arbeit gesprengt hätte.

Ich hoffe, daß im Leser keine allzu große Enttäuschung über die fehlende klare Interpretation der Erzählungen zurückbleibt, denn dies kann und will die Rezeptionsästhetik nicht leisten. Aber sie kann dem Leser aufzeigen, wie eine evt. Enttäuschung über einen fiktionalen Text zustande kommen bzw. aus ihm selbst resultieren kann, warum man sich bspw. nach der Lektüre von Judith Hermann mal ein wenig unruhig, mal ein wenig ausgebrannt fühlt.

Nun, nach dem Brennen kommt bekanntlich das Nachglühen. Und genauso wenig, wie das Nachglühen nur ein Gespenst des feurigen Brandes ist, sondern seine notwendige Folge, so ist auch die gedankliche und emotionale Nacharbeit schlicht eine Folge seiner Ursache, hier: eine Folge der Lektüre und eben kein Gespenst. Die Leerstellen ihrerseits sind infolgedessen nur „ästhetische Brandbeschleuniger“, die zwar nach und nach wie Alkohol zu verfliegen scheinen, aber mit jeder weiteren Lektüre wieder dasselbe Feuer zu entfachen vermögen, welches das Lesen der Hermann’schen Texte - trotz ihres fiktionalen Charakters - so heiß und aufregend, aber auch so verworren und sehnsuchtsvoll wie das wirkliche Leben macht.

Judith Hermmans Texte sind in ihrer Struktur aber mehr als ein „interessantes Phänomen“, das zum Gegenstand einer rezeptionsästhetischen Analyse zu werden fordert. Gleichzeitig ist die willkürlich wirkende Aneinanderreihung der Leseblickpunkte ein typisches Merkmal der Gegenwartsliteratur. Schaut man sich in der literarischen Nachbarschaft der Judith Hermann um, findet man auch dort ausreichend Schnittpunkte mit der rezeptionsästhetischen Theorie, zum Beispiel im Bereich der Popliteratur und des für sie typischen Samplings: Literatur wird wie Musik „tontechnisch“ abgemischt und die einzelnen Erzähl- und Lesesituationen wie Tonspuren zusammengeschnitten, die in Form der Lektüre dem Leser vorgespielt werden. Spätestens hier wird klar, was Iser mit „polyphoner Harmonie“ meint: die Spur der Gespenste r.

Hiermit versichere ich, diese Hausarbeit in Eigenarbeit erstellt und mich keiner unerlaubten Hilfsmittel bedient zu haben.

Kreuzlingen, den 15. Mai 2005

Literaturverzeichnis

Nachschlagewerke

Reinhold, Dr. phil. Gerd (Hrsg.): Soziologie-Lexikon, München; Wien 42000.
http://www.leixoletti.de
http://lexikon.freenet.de

Primärliteratur

Hermann, Judith: Nichts als Gespenster, FFM 42003.
Hermann, Judith: Sommerhaus, später, FFM 101998.

Sekundärliteratur

Böttiger, Helmut: Schnee auf den Seelen, Stuttgarter Zeitung vom 31.01.2003.

Link: http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/detail.php/834658

Gadamer, Hans-Georg: Kleine Schriften IV, Tübingen 1977.

Ingarden, Roman: Das literarische Kunstwerk, Tübingen ²1960.

Iser, Wolfgang: Der Akt des Lesens, München 1976.

Jauß, Hans Robert: Literaturgeschichte als Provokation, FFM 1970.

Rauchfleisch, Udo: Außenseiter der Gesellschaft. Psychodynamik und

Möglichkeiten zur Psychotherapie Straffälliger , Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1999.

Ricoeur, Paul: Der Text als Modell: hermeneutisches Verstehen,

in Walter L. Bühl (Hrsg.), Verstehende Soziologie. Grundzüge und Entwicklungstendenzen, München 1972.

Warning, Rainer: Rezeptionsästhetik, München 1975.

Abbildungsverzeichnis

www.literaturhaus-muenchen.de/lithausData/dateien/literaturhaus/previews/gespenster.jpg

[...]


[1] Wolfgang Iser, Der Akt des Lesens, München 1976, S. 197.

[2] Iser, S. 284.

[3] Iser, S. 40 ff.

[4] Iser, S. 38

[5] Vgl. Hans Robert Jauß, Literaturgeschichte als Provokation, FFM 1970.

[6] Iser, S. 177 ff.

[7] Iser, S. 64

[8] Iser, S. 80 f.

[9] Iser, S. 60 ff.

[10] Vgl. Roman Ingarden, Das literarische Kunstwerk, Tübingen ²1960.

[11] Iser, S. 355.

[12] Iser, S. 286 f.

[13] Iser, S. 286-294.

[14] Iser, S. 67 ff.

[15] Vgl. Hans-Georg Gadamer, Kleine Schriften IV, Tübingen 1977, S. 57f.

[16] Judith Hermann, Nichts als Gespenster, FFM 42003, S. 11. (im folgenden: NaG)

[17] Vgl. Rainer Warning, Rezeptionsästhetik, München 1975, S. 467.

[18] NaG, S. 11.

[19] Vgl. Paul Ricoeur, Der Text als Modell: hermeneutisches Verstehen, in Walter L. Bühl (Hrsg.), Verstehende Soziologie. Grundzüge und Entwicklungstendenzen, München 1972.

[20] Vgl. NaG, S. 17.

[21] Vgl. NaG, S. 41.

[22] Vgl. NaG, S. 20.

[23] Vgl. NaG, S. 20 f.

[24] Vgl. NaG, S. 26.

[25] Vgl. Udo Rauchfleisch, Außenseiter der Gesellschaft, Psychodynamik und Möglichkeiten zur Psychotherapie Straffälliger, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1999. Anm.: Die Protagonistin ist m. E. nicht delinquent, legt aber ein von Rauchfleisch beschriebenes Verhaltensmuster an den Tag.

[26] Iser, S. 73 f.

[27] Vgl. NaG, Ss. 22 f. u. 25.

[28] Vgl. NaG, S. 17 f.

[29] Vgl. NaG, S. 11.

[30] Vgl. NaG, S. 49.

[31] Iser, S. 269.

[32] Iser, S. 75.

[33] Vgl. Helmut Böttiger, Stuttgarter Zeitung vom 31.01.2003. Link: http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/detail.php/834658, am 12.05.2005.

[34] Judith Hermann, Sommerhaus, später, FFM 101998. (im folgenden Ssp)

[35] Vgl. Ssp, S. 32.

[36] Vgl. Ssp, S. 54.

[37] Vgl. hierzu Link: http://www.leixoletti.de/theorie/perspektive.htm, am 14.05.2005.

[38] Vgl. Ssp, S. 32.

[39] Vgl. Ssp, Ss. 42, 46 u. 53. Anm.: Sie läßt Cat über ihre Motive im Unklaren, belügt ihn sogar.

[40] Vgl. Ssp, S. 46. Anm.: Sie fühlt sich seltsam atemlos bzw. ihr bleibt die Luft weg.

[41] Vgl. hierzu Link: http://lexikon.freenet.de/Hurrikan, am 14.05.2005

[42] Vgl. Ssp, S. 46 ff.

[43] Vgl. Ssp, S. 52 f.

[44] Ssp, S. 32.

[45] Vgl. Ssp, S. 52.

[46] Vgl. Ssp, S. 54.

[47] Vgl. Ssp, S. 41.

15 von 15 Seiten

Details

Titel
Den Gespenstern auf der Spur. Judith Hermann aus rezeptionsästhetischer Perspektive
Hochschule
Universität Konstanz
Veranstaltung
Gegenwartsliteratur
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
15
Katalognummer
V109557
ISBN (Buch)
9783640119875
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gespenstern, Spur, Judith, Hermann, Perspektive, Gegenwartsliteratur
Arbeit zitieren
Frank Schmitz (Autor), 2005, Den Gespenstern auf der Spur. Judith Hermann aus rezeptionsästhetischer Perspektive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109557

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