Hobbes - Die logische Unmöglichkeit des Vertragsschlusses


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
25 Seiten

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen und Analyseinstrumente
2.1. Der logische Aufbau einer Vertragstheorie
2.2. Merkmale der Spieltheorie oder interaktiven Handlungstheorie

3. Die Grundcharakteristika der Hobbesschen Individuen
3.1. Rationalität
3.2. Risikobereitschaft und Umsichtigkeit
3.3. Natur der Interessen
3.4. Physische und mentale Eigenschaften

4. Gefangenendilemma und Naturzustand
4.1. Definition des Gefangenendilemmas
4.2. Der Naturzustand als Gefangenendilemma

5. Die (Un-)Möglichkeit der individuellen Kooperation
5.1. Exkurs: Die Kooperation von Staaten im anarchischen Zustand
5.2. Patrick Neals normative Umsichtigkeit
5.3. Michael Taylor und der „hobbesian anarchism“
5.4. Gregory Kavka: Kritik der Rationalität von Präventivschlägen

6. Resümee

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Thomas Hobbes’ Leviathan ist eine der bedeutendsten Schriften des politischen Kontraktualismus’. Diese Art der politischen Theorie versucht zu zeigen, wie eine politische Ordnung durch eine Übereinkunft von vormals freien und selbstständigen Individuen im Interesse und zum Wohle aller legitimiert werden kann. Seinen speziellen Namen enthält der Kontraktualismus genau durch diese Übereinkunft, welche in Form eines Vertrages getroffen wird. Durch diese Konstruktion fällt folgerichtig das Augenmerk der Untersuchung auf die Charakteristika der Individuen, die diesen Akt der Übereinkunft durch ihre Handlungen vollbringen müssen.

Die These der vorliegenden Arbeit ist es, dass Hobbes seine interagierenden Individuen so speziell charakterisiert und spezifiziert hat, weswegen sie durch ihre unkooperative Natur keinen Akt der Zusammenarbeit und Übereinkunft vollziehen können. Dies ist aber, wie gesagt, die Voraussetzung für den zentralen Punkt einer jeden kontraktualistischen Theorie, dem Vertragsschluss. Insofern gilt es aufzudecken, dass dieser elementare Vorgang – allein wenn man sich strikt innerhalb des Hobbesschen System bewegt – nicht stattfinden kann, wenn die Individuen so charakterisiert sind, wie es Hobbes getan hat. Folglich wird behauptet, dass Hobbes innerhalb seiner politischen Theorie einen logischen Bruch bzw. eine starke, unumgängliche Inkonsistenz an dem Übergang vom vorstaatlichen Zustand in die bürgerliche Gesellschaft aufweist. Um diesen Beweis zu erbringen wird in dieser Arbeit auf das analytische Hilfsmittel der spieltheoretischen Interpretation zurückgegriffen. Mit ihr wird es möglich sein, das Ziel in aller Deutlichkeit zu erreichen.

Zu Beginn werden daher einführend die Grundlagen des Aufbaus einer Vertragstheorie und die Spieltheorie als Analysemodell vorgestellt. An dieser Stelle wird das argumentatorische Feld abgesteckt, in welchen sich diese Arbeit bewegt bzw. bewegen kann oder sogar muss.

Im Anschluss daran werden der Systematik einer Vertragstheorie folgend die Charakteristika der Hobbeschen naturzustandlichen Individuen herausgearbeitet, welche die Determinanten und unabhängigen Variablen ihrer Interaktionen sind. Gleichzeitig wird offenbar, dass diese Individuen den axiomatischen Agenten der ökonomischen Spieltheorie gleichen, so dass die Legitimation der Spieltheorie als Analysemodell gegeben ist.

Den zentralen Punkt stellt der positive Beweis bezüglich der Unmöglichkeit des Vertragschlusses dar. Nachdem gezeigt wurde, dass der Naturzustand bei Hobbes die Grundstruktur eines sog. einmaligen Gefangenendilemmas aufweist, in welchem Kooperation der Individuen strikt unmöglich ist, ist es unumgänglich zu folgern, dass auch dieser singuläre, aber durchaus fundamentale Akt der Staatslegitimierung nicht stattfinden kann.

Abgerundet wird die Arbeit durch die Begutachtung mehrerer alternativer Erklärungsansätze, die – im Gegensatz zu dieser Arbeit – behaupten, in Hobbes’ Naturzustand können die Individuen doch kooperieren. Durch die Widerlegung dieser Ansichten und ihrer Argumente wird der hier erbrachte Beweis nur noch bestärkt.

2. Grundlagen und Analyseinstrumente

Das Ziel ist es nachzuweisen, dass die Vertragstheorie, welche Thomas Hobbes in seinem Leviathan entwirft, an der zentralen Stelle einen logischen Bruch aufweist. Es wird gezeigt, dass unter Hobbes’ Annahmen bzw. Voraussetzungen, es niemals zu dem Vertragschluss, als einem Akt der freiwilligen Kooperation, der den Leviathan konstituierenden Mitglieder kommen kann.

Für die Beweisführung ist es daher sinnvoll sich am Anfang dem Aufbau einer solchen Vertragstheorie zu widmen. Dafür orientiert sich die Arbeit an der Heuristik von Jody Kraus[1], welche zwar nicht im Speziellen auf Hobbes’ Leviathan zurückgreift, statt dessen jedoch eine viel allgemeinere Sichtweise offenbart. Das Grundschema einer Vertragstheorie, mit all seinen Annahmen und Folgerungen, zu kennen, hilft im Übrigen später zu verstehen, auf welche Art und Weise manche Autoren dennoch die Möglichkeit der Kooperation bei Hobbes in Betracht ziehen können.

2.1. Der logische Aufbau einer Vertragstheorie

Zunächst soll kurz die Heuristik in ihrer Gesamtheit vorgestellt werden, um dann im Anschluss diese Schritt für Schritt auf den Leviathan anzuwenden. Dabei wird gleichzeitig gezeigt, dass die Spieltheorie, als mögliches Analyseinstrument, Gemeinsamkeiten mit den Annahmen Hobbes’ beinhaltet und somit verwendet werden kann.

Das offensichtlichste einer Vertragstheorie ist das bekannte Drei-Ebenen-Schema: 1) die Spezifizierung eines hypothetischen Zustandes, 2) die Analyse des aus den Spezifikationen resultierenden Problems und dessen Lösung, sowie 3) die Schlussfolgerung, welche aus den beiden vorherigen Ebenen zu ziehen ist.

Auf der ersten Ebene werden Grundcharakteristika der interagierenden Individuen einfach behauptet oder angenommen.[2] Während die unterschiedlichen Vertragstheorien, moderne sowie ältere, vielfache Variationen aufweisen, rekurrieren sie alle auf einzelne Basiskomponenten. Die Individuen werden 1) durch die Art ihrer Vernunft, 2) durch ihre Risikobereitschaft, 3) durch die Natur ihrer Interessen, 4) durch ihre Fähigkeit vorauszuplanen, d.h. ihre Umsichtigkeit, 5) durch ihre zu Verfügung stehenden Informationen und 6) durch ihre physischen und mentalen Fähigkeiten definiert.

Den grundlegenden Effekt auf eine Entscheidung des Individuums übt die Art der Vernunft aus. Folglich muss der Vertragstheoretiker eine Definition von Vernunft anbieten. Laut Kraus ist die ökonomische Sichtweise von Vernunft – Vernunft als Nutzenmaximierung – die gebräuchlichste, aber es sind durchaus auch andere Ansichten möglich. Voraussetzung allerdings ist und bleibt, dass die Individuen zumindest minimal rational sind, um Generalisierungen bezüglich ihres Verhaltens machen zu können.

Eine zweite wichtige Verhaltensdeterminante ist die individuelle Risikobereitschaft. Entscheidungen hängen sehr stark davon ab, ob jemand Risiken scheut („risk averse“), sich neutral verhält („risk neutral“) oder gerade zu das Risiko sucht („risk inclined“). Auf die Nutzenmaximierung angewandt, bedeutet Risikoscheu zu versuchen den größtmöglichen Verlust zu minimieren. Risikowagnis hingegen wäre das Streben nach Maximierung des möglichen Gewinnes unter Hinnahme eines Verlustrisikos.

Drittens müssen die Interessen der handelnden Individuen spezifiziert werden. Primär konzentriert man sich auf die leitenden Interessen, die die meisten oder alle Individuen als Handlungszielvorgabe zu Grunde legen. Ebenso muss der Bezug dieser Interessen beschrieben werden. Egoistische Menschen verfolgen dieselben Interessen wie Altruisten auf unterschiedlichen Wegen. Daher können die hypothetischen Menschen entweder egoistisch, altruistisch oder in gewissen Stufungen beides sein.

Die nächste Variable wird als Diskontrate („discount rate“), oder auch Umsichtigkeit, also die gegenwärtige Bewertung von zukünftigen Nutzen, bezeichnet. Mit ihr wird unterschieden, wie weit ein Individuum in die Zukunft sehen kann. Planvolles Investieren, also gegenwärtiger Verzicht für mehr Gewinn in Zukunft, oder reine Gegenwartsbezogenheit, die alleinige Maximierung des gegenwärtigen Nutzen, sind mögliche Alternativen.

Fünftens führt Kraus die Art und Menge von Informationen, welche Individuen im hypothetischen Zustand besitzen, an. Da vorausgreifend gesagt werden kann, dass diese Variable von Hobbes kaum angesprochen wird, sondern erst ein Thema der modernen Vertragstheorie ist, wird jetzt sowie später nicht ausführlicher darauf eingegangen.

Als letzte handlungsbeeinflussende Determinante sind die physischen und mentalen Eigenschaften der Individuen zu nennen. Um Generalisierungen zu erlauben, postulieren die meisten Theoretiker, so Kraus, ähnlich wie Hobbes eine derart gestaltete Gleichheit, dass keine systematische Dominanz eines über den anderen entsteht.

Im Anschluss an die Anfangsdefinitionen der Handelnden werden die Auswirkungen der Handlungen analysiert. Das Argumentationsmuster wechselt von der bloßen Deskription bzw. Postulation zur Analyse. Essentiell für eine Vertragstheorie ist das Resultieren der Interaktionen in ein mehr oder weniger schwerwiegendes Problem. Das gängigste Instrumentarium für Analysen von Interaktionen ist die Spieltheorie (deren Bezeichnung, so Myersen, irreführend ist und eher „interaktive Handlungstheorie“ lauten sollte)[3]. Voraussetzung dafür ist aber die Annahme einer bestimmten Art und eines bestimmten Maßes von Rationalität der Handelnden.[4] Die Spieltheorie untersucht unterschiedlichste Interaktionsmuster, die ihre jeweiligen Grundbedingungen beinhalten und fasst sie in exemplarische Interaktionsmodelle, sog. Spiele mit ihren Spielregeln, zusammen. Das „Gefangendilemma“ ist eines der bekanntesten und am häufigsten verwendeten Spiele.[5] Die Bestandteile dieses Spiel werden später ausführlicher betrachtet. Festzuhalten ist an dieser Stelle nur, dass das Gefangenendilemma eines von vielen möglichen Problemmodellen für eine Vertragstheorie ist. Gleicht aber die Problemstellung der Struktur eines Gefangendilemmas, so sind gewisse Lösungswege präjudiziert und andere definitiv ausgeschlossen. Die Variation der Problemmodelle ist zwingend logisch mit den Charakteristika der interagierenden Individuen verknüpft, d.h. nur eine Modifikation dieser Parameter ermöglicht eine Veränderung der Problemstruktur und deren ebenso logisch verknüpften Lösung.

Für die Lösung des Interaktionsproblems lassen sich zwei Varianten unterscheiden, zum einen sog. interne und zum anderen externe Lösungen.[6] Interne Lösungen sind solche, welche den Individuen im hypothetischen Szenario oder Naturzustand zur Verfügung stehen, ohne – in der Sprache der Spieltheorie – das Spiel (bzw. dessen Regeln) zu ändern. Die Struktur, welche das Problem verursacht, birgt in sich auch dessen Lösung. Den Individuen muss eine Möglichkeit gegeben werden, wie sie selbständig, freiwillig, allein auf ihre Rationalität vertrauend, ihre missliche Lage überwinden können, beispielsweise durch Wahlen, Vereinbarungen, Verhandlungen oder Verträge.

Externe Lösungen hingegen verändern das Spiel. Sie sind vergleichbar mit einem „deus ex machina“.[7] Ein neues Element, das vorher nicht existiert hat, wird in das Szenario eingeführt, wie z.B. eine bereits existierende politische Autorität. Diese Hilfskonstruktion einer Lösung, deren Resultat ein verändertes Verhalten der Individuen ist, hat dennoch ihren Wert, weil die Lösung ihre Legitimation dadurch erhält, indem sie einen von allen erwünschten Zustand ermöglicht, den die Interagierenden niemals alleine erreicht hätten. In gewisser Hinsicht dient die Argumentationsfolge einer externen Lösung der Apologetik einer bestehenden politischen Ordnung. Die Konstruktion eines vorstaatlichen Zustandes mit – vermeintlich – realistischen Annahmen über die menschliche Natur, der sich als konfliktreich und nicht erstrebenswert erweist, erhält pädagogischen Charakter unter der Maxime: „Seid zufrieden mit dem, was ihr habt!“.

Die Differenzierung der Lösungswege bekommt ihren hohen Stellenwert in dieser Arbeit, weil dies den zentralen Untersuchungsgegenstand ausmacht. Hobbes postuliert in seinem Leviathan eine interne Lösung gefunden zu haben[8], während im Folgenden nachgewiesen wird, dass dem nicht so ist. Auch andere Versuche eine interne Lösung aus dem Naturzustand herauslesen zu können, werden widerlegt. Dementsprechend konzentriert sich diese Arbeit auf die ersten beiden Argumentationsebenen und die letzte – die Begründung und Legitimierung einer bestimmten politischen Ordnung – wird nicht weiter beachtet. Dieses Vorgehen nimmt nichts an Argumentation fort, da die letzte Ebene nur die Schlussfolgerung und das Resultat der ersten beiden ist.

2.2. Merkmale der Spieltheorie oder interaktiven Handlungstheorie

Bevor nun im Detail die Grundcharakteristika der Hobbesschen Individuen herausgearbeitet werden und daran an geeigneter Stelle auch die weiter oben postulierte Anwendbarkeit der Spieltheorie auf Hobbes’ Theorie bewiesen wird, sollen nun zuerst die elementaren Merkmale der Spieltheorie vorgestellt werden. Das Instrument der spieltheoretischen Analyse ist zwingend notwendig, um die Unmöglichkeit der freiwilligen Kooperation, d.h. einer internen Lösung, zu belegen. Die Basiselemente der Spieltheorie lassen sich auf drei essentielle Merkmale reduzieren:[9] Individualismus, Nutzenmaximierung und Subjektivismus bzw. Relativismus.

Der methodologische Individualismus der Spieltheorie sieht die a priori charakterisierten Individuen als unabhängige Variablen der Interaktionen an, hingegen Beziehungen, Strukturen und Normen als abhängige Variablen. Elemente der Sozialität sind Produkte der individuellen Handlungen, nicht einflussnehmende Determinanten. Der „structural isomorphism“[10] zu Hobbes’ Theorie ist offensichtlich, sieht Hobbes doch den Menschen als „ Werkstoff und Konstrukteur “ (Einleitg., 5)[11] der Gemeinschaft an. „Jedes Ding ist individuell und einzeln“ (4, 26), daher kann der Mensch auch kein aristotelisches zoon politikon sein, welche gesellig zusammenleben (17, 133).

Eine der angesprochenen Antezendensbedingungen für Individuen ist die Sichtweise von Vernunft bzw. Rationalität als individuelle Nutzenmaximierung, also die ökonomische Definition davon. Diese Definition nimmt an, dass Individuen Rangfolgen von möglichen Handlungsalternativen (unter der Voraussetzung der Bedingungen von Reflexivität, Transitivität und Vollständigkeit) besitzen, die Präferenzen genannt werden.[12] Darüber hinaus wollen Individuen stets „mehr“ als „weniger“ wie möglich. Nutzen heißt bei Hobbes „Macht“, wie später gezeigt wird.

Das dritte Merkmal ist der Subjektivismus oder Relativismus der handelnden Individuen: „The good for an individual is constituted by the content of his (...) preferences, the object of his (...) desires.”[13] Ein gemeinsames Gut, ein höchstes allgemeines Gut kann nicht existieren. Gemeinsamkeit ist maximal nur eine zufällige Übereinstimmung der individuellen Präferenzen. „What there cannot be (...) is a common good understood as an end which is morally incumbent upon all men (...) to pursue, regardless of their particular preferences or desires.”[14] Das Eigeninteresse der Individuen dominiert jede Handlung und jeglicher Anschein von Altruismus, d.h. dem Übersteigen der Sphäre des Eigeninteresses mit Hinwendung zu anderen, ist in Wahrheit nur eine abgeleitete Form des Eigeninteresses.

3. Die Grundcharakteristika der Hobbesschen Individuen

3.1. Rationalität

Unserer Heuristik zu Folge ist die Art von Rationalität die wesentliche Einflussgröße auf die Handlungen der Individuen. Nun gilt es zu zeigen, dass die Hobbesschen Menschen ihrer Natur nach bei der Wahl ihrer Entscheidungen der Logik des rationalen ökonomischen Nutzenmaximierens folgen. Hier scheint es, dass auf den ersten Blick keine Übereinstimmung möglich sein kann. Hobbes sieht, auf Grundlage seiner Ontologie und Bewegungslehre, den Menschen als Materie oder Körper in Bewegung. Dessen Handlungen sind Produkte der den Menschen bildenden bewegten Materie. „Diese kleinen Anfänge der Bewegung, die sich im menschlichen Körper befinden, bevor sie als Gehen, Sprechen, Schlagen und andere sichtbare Handlungen in Erscheinung treten, werden gewöhnlich Streben genannt.“ (6, 39) „ Trieb und Abneigung (...) bedeuten beide Bewegungen, das eine die des Annäherns, das andere die des Zurückweichens.“ (6, 40) Für Hobbes sind Liebe, Verlangen, Abneigung und Hass, also die Leidenschaften, die Motoren und Auslöser der Handlungen. Die vernunftbezogene Basis von Handlungen der ökonomischen Rationalität scheint definitiv nicht gegeben.

Nichtsdestoweniger lassen sich Anzeichen erkennen, wie die Leidenschaften mit der Vernunft in Verbindung gebracht werden können.[15] Hobbes’ Vernunftbegriff fokussiert ausschließlich auf kalkulatorische Fähigkeiten: „Wo Addition und Subtraktion am Platze sind, da ist auch Vernunft am Platze, und wo sie nicht am Platze sind, hat Vernunft überhaupt nichts zu suchen.“; „ Vernunft in diesem Sinne ist nichts anderes als Rechnen.“ (5, 32) Vernunft bildet in gewisser Hinsicht keinen Zweck für sich selbst, sondern erhält instrumentellen Charakter: „ Wissenschaft (als die Akkumulation von Vernunft, d. Verf.) [ist] die Kenntnis dessen, was aus einer Tatsache für eine andere folgt und wie die eine von einer anderen abhängt.“ (5, 36)

Die Verbindung von leidenschaftsbasierter Handlung und Vernunft ist derart, dass die Vernunft das Instrument der Leidenschaft ist. „Denn die Gedanken sind gleichsam die Kundschafter und Spione der Wünsche, die das Gelände und den Weg zu den gewünschten Dingen finden sollen.“ (8, 56) Dieses Teamwork von Leidenschaften und Vernunft bei der Entscheidungswahl, das die Grundlage dafür bietet die spieltheoretische Konzeption anzuwenden, lässt sich auch bei Hobbes’ Definitionen von „Überlegung“ und „Willen“ finden.

Entstehen im menschlichen Geist abwechslungsweise Neigungen und Abneigungen, Hoffnungen und Befürchtungen, die ein- und dasselbe Ding betreffen, und fallen uns nacheinander gute und schlechte Folgen ein, die sich ergeben, wenn wir das in Frage stehende Ding tun oder unterlassen (...), so nennen wir die gesamte Summe der Verlangen, Abneigungen, Hoffnungen und Befürchtungen, die sich fortsetzen, bis das Ding entweder getan oder für unmöglich gehalten wird, Überlegung. (6, 46) Wille ist (...) die Neigung, die beim Überlegen am Schluss überwiegt. (6, 47)

Den deutlichsten Anhaltspunkt dafür, dass Hobbes mit seinen Vorstellungen von Vernunft ein Vorläufer der modernen ökonomischen Rationalität ist, findet sich bei seiner Charakterisierung von Macht, oder auch Nutzen. In der Interdependenz von Leidenschaften und Vernunft übernimmt die Nutzenmaximierung die führende Rolle.

Die Leidenschaften, die am meisten von allen die Verstandesunterschiede bewirken sind hauptsächlich das mehr oder weniger starke Verlangen nach Macht. (8, 56) Die Macht eines Menschen besteht allgemein genommen, in seinen gegenwärtigen Mitteln zur Erlangung eines zukünftigen anscheinenden Guts und ist entweder ursprünglich oder zweckdienlich. (10, 66)

Die Handlungen von Menschen werden nicht durch den einmaligen Drang einen bestimmten Wunsch zu erfüllen geprägt, sondern durch den permanenten Willen seinen Nutzen zu maximieren. „Glückseligkeit ist ein ständiges Fortschreiten des Verlangens von einem Gegenstand zum anderen.“ (11, 75) Bestandteil der nutzenmaximierenden Kalkulation ist auch die Vergegenwärtigung der Zukunft, d.h. später in seiner Nutzenmaximierung gestört zu sein, reduziert die momentane Glückseligkeit des Menschen, so „daß er die gegenwärtige Macht und die Mittel zu einem angenehmen Leben ohne den Erwerb von zusätzlicher Macht nicht sicherstellen kann“ (11, 75). Die Möglichkeit, dass sich ein Individuum in seinen Wünschen und Leidenschaften selbst beschränkt, also zu Gunsten anderer verzichtet, erwähnt Hobbes nicht und es ist auch nicht anzunehmen, dass er dies in Betracht gezogen hat.

Neben dieser Übereinstimmung bezüglich des Mehr-Wollens, decken sich Hobbes und ökonomische Rationalität auch bei ihrer Ansicht über Präferenzen: „Und folglich ist jede Neigung, jedes Verlangen und jede Liebe von größerer oder geringer Lust begleitet, und jeder Haß und jede Abneigung von größerer oder geringerer Unlust und größerem oder geringerem Verdruß.“ (6, 42)

Für Hobbes steht es also zusammenfassend fest, wenn Menschen Handlungen wählen, dann um ihre Macht zu maximieren: „So halte ich an erster Stelle ein fortwährendes und rastloses Verlangen nach immer neuer Macht für einen allgemeinen Trieb der gesamten Menschheit, der nur mit dem Tod endet.“ (11, 75)

3.2. Risikobereitschaft und Umsichtigkeit

Bei der Risikobereitschaft, zusammen mit der Diskontrate, lässt sich zeigen, dass das Hobbessche Individuum ein sehr gegenwartsbezogenes, das Risiko Macht zu verlieren scheuendes Wesen ist. Aus dem Wunsch Macht anzuhäufen, um in Zukunft ebenso Macht zu besitzen, ist es unmöglich, eine Aufforderung für planvolles, durchdachtes Investieren und gegenwärtiges Zurücksetzen des Verlangens herauszulesen. Vielmehr spricht bereits aus der Definition von Macht („Die Macht eines Menschen besteht (...) in seinen gegenwärtigen Mitteln.“ (10, 66, Herv. d. Verf.)) die Ablehnung der Umsichtigkeit („farsightedness“) und die Bekenntnis zur Kurzsichtigkeit („shortsightedness“)[16].

Denn alle Menschen sind von Natur aus mit bemerkenswerten Vergrößerungsgläsern ausgestattet, nämlich ihren Leidenschaften und ihrer Eigenliebe, durch die jede kleine Abgabe als große Belastung erscheint, aber es fehlen ihm die Ferngläser, nämlich Wissenschaft von der Moral und von Staaten, um von ferne die elenden Zustände zu sehen, die über ihnen hängen und ohne diese Abgabe nicht abgewendet werden können. (18, 144)

Bezüglich der Risikobereitschaft ist deutlich der Drang nach Sicherheit erkennbar. Die Motivation Macht zu akkumulieren ist stets mit der Sorge um die zukünftige Lage verquickt (6, 75). Jemand, der bemüht ist in Sicherheit zu leben, wird kaum Risiken eingehen, bei denen zu befürchten ist, hinter einen bereits erreichten Zustand zurückzufallen. „So ist es unausbleiblich, daß jemand, der ständig danach strebt, sich gegen ein befürchtetes Übel zu sichern und sich das gewünschte Gut zu verschaffen, ständig Sorgen um die Zukunft macht.“ (12, 82) Selbst vor Unbekanntem und Neuem haben die Menschen als solche bei Hobbes Unbehagen und scheuen vor ihnen zurück. „Aber Abneigung empfinden wir nicht nur gegen Dinge, von denen wir wissen, daß sie uns geschadet haben, sondern auch gegen solche, von denen wir nicht wissen, ob sie uns schaden werden oder nicht.“ (6, 40)

3.3. Natur der Interessen

Eine endgültige Befähigung zur Anwendung der Spieltheorie als Analyseinstrument setzt voraus, dass die Interessensnatur der „Spieler“ dem Subjektivismus entspricht. Nach oben genannter Definition muss das Maß aller Dinge der individuelle Mensch ohne Bindung zu anderen sein. Die Wertzuschreibung erfolgt rein subjektiv. Auch hier lassen sich Aussagen finden, die unsere Ansicht bestätigen, Hobbes stimme mit der Spieltheorie überein: „Denn die Wörter gut, böse und verächtlich werden immer in Beziehung zu der Person gebraucht, die sie benützt, denn es gibt nichts, das schlechthin und an sich so ist.“ (6, 41, Herv. d. Verf.) Ebenso gibt es für Hobbes keine überindividuelle Instanz, die eine soziale Bindung zwischen den Menschen schaffen kann. Moral ist einzig Produkt der unabhängigen Variablen von Handlungen, der Mensch, und keine intervenierende Größe. „Es gibt auch keine allgemeine Regel für Gut und Böse, die aus dem Wesen der Objekte selbst entnommen werden kann.“ (6, 41) „Es gibt kein finis ultimus, d.h. letztes Ziel, oder summum bonum, d.h. höchstes Gut.“ (11, 75) Folglich hat jeder bei seinen Aktionen nur seinen eigenen Nutzen im Sinn und denkt nicht, weil es ihm unmöglich ist, an den Nutzen der anderen.

3.4. Physische und mentale Eigenschaften

Als letzte individuelle Eigenschaft bleibt der physische und mentale Status. Die fundamentale Gleichheit der Individuen untereinander, wie Hobbes sie im 13. Kapitel (13, 94) erläutert, ist dergestalt, dass trotz aller etwaiger Unterschiede, die Verwundbarkeit aller gegeben ist. Niemand ist fähig sich allein durch seine physischen und/ oder mentalen Eigenschaften eine strukturelle Dominanz in den Interaktionen aufzubauen. Das Resultat „dieser Gleichheit der Fähigkeiten [ist die] Gleichheit der Hoffnungen“ (13, 94f.) ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Niemand muss sich, rational gesehen, bei seiner Interessensverfolgung zurückhalten. Fällt das jeweilige Interesse auf denselben Gegenstand und keiner hat a priori Grund anzunehmen, er sei unfähig sein Interesse durchzusetzen, d.h. ein Risiko ist nicht gegeben, so ist die Ausfechtung des Konfliktes rational. „So werden sie Feinde und sind in der Verfolgung ihrer Absicht, die grundsätzlich Selbsterhaltung und bisweilen nur Genuß ist, bestrebt, sich gegenseitig zu vernichten oder zu unterwerfen.“ (13, 95)

4. Gefangenendilemma und Naturzustand

An dieser Stelle sind wir an dem Punkt, an welchen die Definition bzw. Postulation des hypothetischen Szenarios in die logische Ableitung der Interaktionsergebnisse aus den Handlungsdeterminanten übergeht. Wie wir wissen, ist jenes Interaktionsresultat ein mehr oder weniger gravierendes Problem, das nach seiner eigenen spezifischen Lösung bittet. Es wird gezeigt, dass der kriegerische Naturzustand dem spieltheoretischen Analysemodell des einmaligen Gefangenendilemmas[17] gleicht. Sobald dieser Schritt erbracht wurde ist zugleich die These dieser Arbeit – es kann keinen Vertragsschluss der Menschen, als interne Lösung, geben unter den Vorausgaben, die Hobbes setzt – bewiesen. Das einmalige Gefangenendilemmaspiel ist definiert als nicht-kooperatives Spiel,[18] d.h. obwohl eine Lösung des Problems existiert, wird sie strukturell nie erreicht werden. Mit anderen Worten: Wenn der Naturzustand von Hobbes einem einmaligen Gefangenendilemma, aus welchen es keinen Ausweg gibt, gleicht, dann gibt es auch keinen Ausweg aus dem Naturzustand.[19] Doch nun folgen zuerst die Erläuterungen über das Gefangenendilemma.

4.1. Definition des Gefangenendilemmas

Das Gefangenendilemma[20] beschreibt das Verhalten von zwei Individuen („Spielern“), denen jeweils zwei Handlungsalternativen („Strategien“) offen stehen, in diesem Fall Kooperation (hier „C“) und Nicht-Kooperation bzw. Defektion (hier „D“). Die Spieler sind gezwungen in einer bestimmten Situation eine der Strategien zu wählen und zwar entweder gleichzeitig oder zumindest ohne Kenntnis dessen, welche Wahl der jeweils andere trifft. Die beiden Entscheidungen erzeugen einen Zustand von Interaktion („Strategieprofil“), dem jeder Spieler einen Nutzen oder Wert zuweist. Aufgrund der Annahme der ökonomischen Vernunft mit ihrer Präferenzenprämisse können die Strategieprofile nach ihrem Wert in eine ordinale Struktur gebracht werden. Wegen dem Ziel der Nutzenmaximierung versuchen die Spieler immer den von ihnen am meisten präferierten Zustand zu erreichen. Ein Gefangenendilemma ist gegeben, wenn die Spieler folgende Wertzuweisungen vollziehen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Ziffer links vom Komma ist Spieler 1, Ziffer rechts vom Komma Spieler 2)

Durch die Zuweisung y > x und w > z erreicht der Spieler einen höheren Nutzen durch die Wahl der Strategie D, egal welche Strategie der andere Spieler trifft. Dies wird als „dominante Strategie“ bezeichnet. In diesem Fall trifft jeder Spieler die Wahl D bevor C. Das Problem, das sich somit ergibt, ist dass – egal was passiert – immer der Zustand (DD) erreicht wird, obwohl Zustand (CC) für beide besser ist. Durch die Wahl der individuellen optimalen Strategie wird ein kollektives suboptimales Ergebnis erzielt. „Das Dilemma wird daher oft als Konflikt zwischen ‚individueller Rationalität’ und ‚kollektiver Optimalität’ beschrieben.“[21]

Wäre die Voraussetzung der Nicht-Kommunikation ausgesetzt, so dass sich die beiden Spieler derart verständigen könnten, beide C zu wählen, so würde dennoch (DD) eintreten, da kein Spieler Anlass hätte, sich an die Vereinbarung zu halten. Das Problem des Gefangenendilemmas ist weniger ein Koordinations- als vielmehr ein Vertrauens problem. Der Mangel an Vertrauen entsteht keinesfalls durch die Böswilligkeit der Spieler, sondern ist ein klares Gebot der Vorsicht seinen eigenen Verlust zu minimieren. Daher würden in einer solchen Situation selbst friedliebende, risikoscheue und defensive Menschen D wählen. Resultat ist die Bezeichnung des Gefangenendilemmaspiels, wenn Kommunikation unmöglich ist und/ oder die Vereinbarung nicht verpflichtend für die Spieler ist, als ein nicht-kooperatives Spiel.

In der Literatur[22] fällt in diesem Zusammenhang das Stichwort der „Hobbesschen Lösung“. Darunter ist gemeint, dass eine Sanktionsmacht eingerichtet werden muss, damit das Vertrauensproblem verschwindet, indem diese die Spieler zur Kooperation zwingt. Mit Hilfe unserer Heuristik ist dies als externe Lösung, welche das Spiel verändert zu bezeichnen. Hobbes’ Leviathan ist also eine externe Lösung, die aber – und das ist der springende Punkt – aus den Individuen selbst, also intern, geschaffen werden soll. Der Bruch in Hobbes’ Logik besteht demnach darin, dass seine Individuen aufgrund ihrer Charakteristika einen Zustand der Nicht-Kooperation erzeugen, der nur mit Hilfe einer externen Lösung, dem Leviathan, verhindert werden kann, dieser aber in diesem Zustand der Nicht-Kooperation durch einen Akt der Kooperation, dem Vertragschluss, erschaffen werden soll; und dies ist unmöglich.

4.2. Der Naturzustand als Gefangenendilemma

Jetzt muss allerdings gezeigt werden, dass der Naturzustand bei Hobbes genau – und nur dem – einmaligen Gefangenendilemma mit all seinen Spezifikationen gleicht. Die beiden Strategien, welche den Menschen zu Verfügung stehen, kommen in dem von Hobbes genannten ersten Gesetz der Natur hervor: „Jedermann hat sich um Frieden zu bemühen (...). Kann er ihn nicht herstellen, so darf er sich alle Hilfsmittel und Vorteile des Krieges verschaffen und sie benützen.“ (14, 99f.) Deutlicher bedeutet der erste Teil – das grundlegende Gesetz der Natur „Suche Frieden und halte ihn ein.“ (14, 100) – die Strategie „Kooperation“ und der zweite Teil – das natürliche Recht „Wir sind befugt, uns mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu verteidigen.“ (14, 100) – die Strategie „Defektion“.

Der Zustand (DD) muss also ein Zustand der absoluten Selbstverteidigung sein und ein suboptimales Ergebnis mit sich bringen. Aus den menschlichen Prämissen folgt aus der individuellen Nutzenmaximierung ein Konflikt bezüglich der Gegenstände der Nutzenmaximierung. Eine moralische Schranke existiert nicht, denn „ das natürliche Recht (...) ist die Freiheit eines jeden, seine eigene Macht nach seinem Willen zur Erhaltung seiner eigenen Natur, das heißt seines eigenen Lebens, einzusetzen“ (14, 99). Verstärkt wird dieser Drang zur Nutzenmaximierung noch durch das Setzen einer Pflicht hierzu durch die Vernunft.

Ein Gesetz der Natur (...) ist eine von der Vernunft ermittelte Vorschrift oder allgemeine Regel, nach der es einem Menschen verboten ist, das zu tun, was sein Leben vernichten oder ihm der Mittel zu seiner Erhaltung berauben kann und das zu unterlassen, wodurch es seiner Meinung nach am besten erhalten werden kann. (14, 99)

Aus diesem Grund muss jemand, der anhand eines Gegenstandes seinen Nutzen friedlich maximieren möchte, befürchten, dass er nicht in Frieden leben kann bzw. umgebracht wird. Das Produkt dieser Überlegung ist „gegenseitige[s] Misstrauen“ (13, 95). Folglich „gibt es für niemand einen anderen Weg sich selbst zu sichern, der so vernünftig wäre wie Vorbeugung “ (13, 95, Herv. d. Verf.). Das Ziel seinen individuellen Nutzen im Hinblick der anderen zu verfolgen potenziert sich immer mehr. „Wetteifer um (...) Macht führt zu Streit, Feindschaft und Krieg, da der Weg des einen Bewerbers zur Erlangung seines Wunsches dazu führt, den anderen zu töten.“ (11, 76) Aus Misstrauen und Konkurrenz, zweier Konfliktursachen (13, 95) folgt ein „Zustand (...), der Krieg genannt wird, und zwar ein (...) Krieg eines jeden gegen jeden“ (13, 96). Der Zustand, in welchen jeder sein Recht auf Selbstverteidigung nutzt, also Defektion wählt, resultiert in dem suboptimalen Ergebnis, dass „das menschliche Leben einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz [ist]“ (13, 96).

Dem gegenübergestellt muss es ebenso einen Zustand der kollektiven Optimalität (CC) geben. „So besteht das Wesen des Kriegs nicht in tatsächlichen Kampfhandlungen, sondern in der bekannten Bereitschaft dazu während der ganzen Zeit, in der man sich des Gegenteils nicht sicher sein kann. Jede andere Zeit ist Frieden.“ (13, 96) Frieden ist die Basis für Sicherheit, Fleiß, Wohlstand, ein angenehmes Leben. „Und folglich stimmen alle Menschen darin überein, dass der Frieden gut ist.“ (15, 122)

Diese dichotome Gegenüberstellung von Krieg, als suboptimalen Zustand, und Frieden, dem kollektiven Optimum, reflektiert die Grundstruktur eines jeden „collective action problems“, dessen Ausgestaltung eines einmaligen Gefangenendilemmas nur eine von vielen ist. Hobbes will auch in seiner Theorie einen Weg gefunden haben, wie die Individuen vom Kriegszustand zum Frieden kommen können: „Jedermann soll freiwillig, wenn andere ebenfalls dazu bereit sind, auf sein Recht auf alles verzichten (...) und er soll sich mit soviel Freiheit gegenüber anderen zufrieden geben, wie er anderen gegen sich selbst einräumen würde.“ (14, 100) Der Weg bedeutet also Freiwilligkeit, Einschränkung und Reziprozität. Das Ziel ist die Errichtung des Leviathans, der den Frieden garantieren soll; also eine externe Lösung, welche durch einen einmaligen individuellen Akt der Kooperation erreicht werden soll. Doch da es sich zeigen lässt – mit Hobbes eigenen Worten – dass sein Szenario ein Gefangenendilemma ist, ein rein nicht-kooperativer Zustand, erleidet seine Theorie hier einen Bruch. Dieser Akt der Kooperation, welcher Frieden schafft, wird nicht stattfinden und zwar aufgrund des oben genanten Vertrauensproblem.

Die Reziprozitätsformel soll vermeiden, dass die Zustände (CD) und (DC) eintreten können. Nur wie soll das vonstatten gehen, bei Individuen, die ohne soziale Bindung ihren eigenen Nutzen vergrößern wollen, dabei extrem risikoscheu sind, weil ihnen der Tod stets vor Augen ist, und primär in der Gegenwart als in der Zukunft leben?

Solange jemand das Recht beibehält, alles zu tun, was er will, solange befinden sich alle Menschen im Kriegszustand. Verzichten aber andere nicht ebenso wie er auf ihr Recht, so besteht für niemanden Grund, sich seines Rechts zu begeben, denn diese hieße eher, sich selbst als Beute darbieten. (14, 100, Herv. d. Verf.)

Auch Hobbes’ Versuch das Problem mit Hilfe des dritten Naturgesetzes („Abgeschlossene Verträge sind zu halten.“ (15, 110)) zu lösen, schafft das dominierende Vertrauensproblem nicht aus dem Raum. Vielmehr ist es ein weiteres Element der inneren Zerrissenheit der Individuen. Sie möchten alle in den Friedenszustand, aber sie leben in einem Kriegszustand, einem Zustand des absoluten Misstrauen und der Todesfurcht. Die Todesfurcht bedingt auch die Tatsache, dass das von den Individuen gespielte Spiel ein einmaliges ist. Gebe ich einmal, ein einziges Mal, zuviel auf, könnte ich betrogen werden und letztlich getötet werden. Der Tod verhindert die Möglichkeit ein zweites oder mehrere Male zu spielen, d.h. ausprobieren, ob der andere nicht doch auch kooperiert.

Wird ein Vertrag abgeschlossenen, bei dem keine der Parteien sofort erfüllt, sondern nur im gegenseitigen Vertrauen, so ist er im reinen Naturzustand (...) bei jedem vernünftigen Verdacht unwirksam. (...) Denn wer zuerst erfüllt, kann sich nicht sicher sein, daß der andere daraufhin erfüllen wird, da das Band der Worte viel zu schwach ist, um den Ehrgeiz, die Habgier, den Zorn und die anderen menschlichen Leidenschaften ohne die Furcht vor einer Zwangsgewalt zu zügeln. (...) Und deshalb gibt sich der zuerst Erfüllende nur seinen Feinden preis – entgegen dem unverzichtbaren Recht auf Verteidigung seines Lebens und auf die zur Fristung seines Lebens notwendigen Mitteln (14, 104f., Herv. d. Verf.)

Da keine vernünftige Person in einer solchen Situation den ersten Schritt machen würde, d.h. zu kooperieren bzw. sein Recht auf Selbstverteidigung einzuschränken, wegen der – berechtigten – Angst davor ausgenützt zu werden, käme theoretisch nur eine simultane Aufgabe des Rechts auf Selbstverteidigung durch alle als Lösung in Betracht. Doch auch jetzt kann sich niemand sicher sein, dass alle mitziehen und deshalb legt es die individuelle Rationalität nahe, aus dem Versprechen auszuscheren, zu defektieren. Ergebnis ist und bleibt das Suboptimum (DD).

Erst der Leviathan könnte durch seine Gewalt die Menschen dazu zwingen sich an ihre Versprechen und Verträge zu halten. Doch der Leviathan ist das Ziel, nicht das Mittel der naturzustandlichen Kooperation. Bevor man sich dem Zirkelschluss – die Einführung des Leviathans mit Hilfe des Leviathans – hingibt, sollte man anerkennen, dass Hobbes an dieser Stelle irrt und seine Konzeption des Vertragschlusses unmöglich ist. Die interne Lösung aus dem Naturzustand ist wegen seiner – für diesen Zweck – falschen individuellen Prämissen, die ein einmaliges Gefangenendilemma entstehen lassen, verbaut. Bleibt einzig und allein die externe Lösung: die Unterwerfung der Menschen durch einen bereits existierenden Leviathan, wie auch immer dieser errichtet worden mag.[23]

5. Die (Un-)Möglichkeit der individuellen Kooperation

In Hobbes’ Leviathan lassen sich jedoch ebenso Passagen und Aussagen finden, die dem oben gefolgerten Schluss widersprechen. Im 15. Kapitel argumentiert Hobbes über die Gerechtigkeit und stellt in Abrede, dass das Einhalten von Verträgen – das Wesen der Gerechtigkeit – nicht wider der Vernunft ist.

Narren (!) sagen sich insgeheim (...) das Abschließen oder Nichtabschließen, Halten oder Nichthalten von Verträgen [sei] nicht wider der Vernunft, wenn es einem Vorteile einbringe. (...) Sie fragen sich, ob Ungerechtigkeit (...) sich nicht bisweilen mit jener Vernunft vereinigen lasse, die jedem Menschen das eigne Wohl befielt, insbesondere wenn sie einem Vorteil führt, der uns in die Lage versetzt (...) die Macht anderer Menschen zu missachten. (15, 111)

Der Narr wäre derjenige, der immer defektiert bei Abschlüssen von Verträgen. Wie oben gezeigt wurde, entspricht aber das Verhalten des vermeintlichen Narrens dem normal rationalen Menschen im Naturzustand, so wie Hobbes ihn definiert hat. Um also dennoch Kooperation möglich erscheinen zu lassen, müsste Hobbes stillschweigend seine Prämissen über die menschliche Natur ändern – ein weiteres Anzeichen für die Inkonsistenz seiner Theorie.

Diese Aussagen aber haben einige Autoren dazu verleitet, anzunehmen, dass Hobbes vielleicht doch andere Annahmen bezüglich seiner Individuen und/ oder der Konzeption des Naturzustandes haben könnte. Im Anschluss sollen nun – in der gebotenen Kürze – drei unterschiedliche Interpretationsvarianten vorgestellt werden, deren Gemeinsamkeit darin besteht, nachweisen zu wollen, dass individuelle Kooperation dennoch möglich sei. Gleichzeitig wird aber ebenso deutlich, welche fundamentalen Modifikationen, Spekulationen oder sogar Fehlinterpretationen gemacht wurden, um zu diesen Ergebnissen zu kommen.

Um in die Argumentationsstrukturen einzuführen wird aber zuvor noch ein kleiner Exkurs in die Lehre der Internationalen Beziehungen (IB), in der ebenso Kooperation (hier von Staaten) in Gefangenendilemmastrukturen analysiert werden, vollzogen. Die Schlussfolgerungen daraus werden hilfreich sein, die angesprochenen Interpretationsvarianten besser zu verstehen.

5.1. Exkurs: Die Kooperation von Staaten im anarchischen Zustand

In der Lehre der IB war es ein übliches Argument einer Strömung – dem „Realismus“ – zu behaupten, Staaten hätten dieselben Charakteristika wie die Hobbesschen Individuen und müssten oder sollten sich genauso verhalten. Doch diese Sichtweise wurde stark angegriffen – hier nur exemplarisch von Hedley Bull[24] und Robert Jervis[25] – da Staaten durchaus andere Voraussetzungen haben als Menschen.

Im Folgenden sollen nun also diese anderen Voraussetzungen präsentiert werden, wodurch es Staaten in einem anarchischen Zustand in Gefangenendilemmastrukturen möglich ist zu kooperieren ohne sich „seinen Feinden preis zu geben“. Im Rückschluss wird dann klar, warum diese Bedingungen nicht für die Hobbesschen Individuen gelten können.

Staaten sind keine Individuen, sagt Bull[26], weil, als Resultat der Analyse, zwischen den Staaten ein gewisses Maß an Anarchie tolerierbar ist, die für Interaktionen von Individuen unvorstellbar ist. Begründet wird dies durch die Tatsachen, dass Staaten in erheblichen Maße weniger verwundbar sind als Menschen, weil jene sich beispielsweise durch Wachmannschaften und andere Spionagesysteme vor Übergriffen rüsten können und zusätzlich dazu einen Angriff durchaus „überleben“ können, d.h. nicht gänzlich vernichtet würden, käme es zu einem Überraschungsangriff. Drittens gibt es Unterschiede der Staaten bezüglich ihrer Größe und ihrer Stärke, wie sie bei den Hobbesschen Individuen per definitionem ausgeschlossen sind.

Aus dieser Sichtweise folgert Jervis[27] nun, dass zwischenstaatliche Kooperation selbst bei Gefangenendilemmata möglich ist und zwar, weil hier wiederholt gespielt werden kann. „If the game is to be played only once, the only rational response is to defect. But if the game is repeated indefinitely, the latter characteristic no longer holds.”[28] Unter der Vielzahl der Argumente, die Jervis anführt, welche Kooperation begünstigt, soll die Konzentration auf den vieren verweilen, welche am deutlichsten die Unterschiede zu Individuen beleuchten.

Zum einen können Staaten aufgrund ihrer geringeren Verwundbarkeit mehr Risiken eingehen. Die Gefahr ausgenutzt zu werden (CD) besteht weiterhin, nur sind die befürchteten Kosten (d.h. „Verletzungen“) geringer als bei Individuen. Verrat wird nicht essentiell. „States that can afford to be cheated in a bargain or that cannot be destroyed by a surprise attack can more easily trust others and need not act at the first, and ambiguous, sign of menace.”[29] Zusätzlich können Staaten gleiche Ideologien oder sonstige Gemeinsamkeiten, wie z.B. Wirtschaftsbeziehungen, untereinander haben, die das Misstrauen reduzieren, weil die Gefahr in den Zustand (CD) zu geraten unwahrscheinlicher wird. Der Anreiz des Kooperationspartners zu defektieren ist niedriger, da sein Verhalten auch ihm Nachteile bringen würde. Drittens haben Staaten mehr Spielraum bei der Bewertung von Gefahren. Nicht aggressiv auftretende Andere müssen nicht sofort als Gegner betrachtet werden, denen durch einen Präventivschlag zuvorgekommen werden muss. Allianzen, und dadurch Kooperationsgewinne für beide Seiten, werden möglich. Als letztes Argument, das sich besonders deutlich auf die Struktur des wiederholten Gefangenendilemmaspiels bezieht, lässt sich die Größe bzw. der Unfang von Interaktionen anführen. Durch Aufstückelung der Summe in viele kleine Teile (welche ein Vielzahl von Spielwiederholungen bedeutet) lässt sich überprüfen, ob der Gegenüber an der Kooperation teilnimmt oder nicht, ohne das Risiko einzugehen, zuviel auf einmal zu verlieren.

Im Großen und Ganzen besteht also der Unterschied zwischen Staaten und den Hobbesschen Individuen darin, dass – aufgrund der unterschiedlichen Charakteristika von beiden – bei jenen die Struktur der Anarchie (der Naturzustand) kein einmaliges Gefangenendilemma ist, sondern ein wiederholtes bzw. wiederholbares, ein sog. iteratives Gefangenendilemma oder „Gefangenendilamma-Superspiel“.

Das bedeutet, die folgenden Erklärungsversuche, welche behaupten, auch die Hobbesschen Individuen können mehrmals spielen, verändern die Prämissen oder interpretieren sie anders. Das ist zugleich auch die einzige Möglichkeit, das logische Problem, in welchem Hobbes steckt, zu lösen.[30] Ob dieses Vorgehen tatsächlich zulässig ist, ist eine andere Frage.

5.2. Patrick Neals normative Umsichtigkeit

Patrick Neal[31] widerspricht der Sichtweise, dass der Naturzustand einem einmaligen Gefangenendilemma gleicht, weil nach seiner Sicht, die ökonomische Rationalität, welche dies begründet, nicht auf die Hobbesschen Individuen angewandt werden könne. Nach ihm dürfe bei der Bewertung der möglichen Interaktionszustände nicht in formalen, sondern nur in substantiellen Begriffen gedacht werden. Es gäbe daher faktisch nur zwei mögliche Zustände, Leben und Tod. Ebenso mache auch bei der Beurteilung der Interessen die ökonomische Rationalität einen Fehler, da diese die Nutzenmaximierung nur formal betrachte, während es in Wahrheit nur substantielle Interesse gäbe, nämlich Selbsterhaltung und Todesfurcht. Die substantielle Nutzenmaximierung ließe nur noch ein Abwägen zwischen Leben und Sterben zu, das natürlich in der Höherbewertung des Lebens resultiert.

Das bedeutet, die Individuen überdenken ihre Lage und begreifen, dass über kurz oder lang jedes andere Verhalten als die Kooperation zu ihrem Tod führen muss. Defektion zahle sich vielleicht kurzfristig aus, um den gegenwärtigen Nutzen zu maximieren, doch „in the long run“ führe dies zwangsläufig zum Tod im Naturzustand. Die Überlegung der mit dieser substantiellen Umsichtigkeit ausgestatteten Individuen würde eine gedankliche Wiederholung des Gefangenendilemma mit sich bringen. Aus diesen beiden Gründen sei die Folge, dass der Naturzustand kein einmaliges Gefangenendilemma, sondern ein bloßes Koordinationsspiel, in welchem ein stabiles und optimales kollektives Ergebnis erreicht werden kann, wenn die Individuen es schaffen es zu errichten.

Dieses Argument gegen die bedingungslose Defektion bringt auch Iain McLean, der die Passagen bei Hobbes über den Narren so deutet, dass Hobbes an dieser Stelle normativ fordert, den „long-term benefit“ von Kooperation zu bedenken. Dadurch wäre die Kooperation die Handlungsanleitung der Vernunft und nicht mehr die Defektion.[32]

Das hieße aber, nachdem gezeigt wurde, dass Hobbes’ Individuen eben gerade nicht diesen long-term benefit erkennen können, weil sie per definitionem nicht umsichtig sind, diese Umsichtigkeit fälschlicherweise in Hobbes’ Theorie quasi durch die Hintertür einzuführen. Möglich wäre nur die Deutung, dass Hobbes, nachdem er die menschlichen Prämissen scheinbar deduktiv als Wahrheit abgeleitet hat, nun an seine Individuen flehend herantritt, sie sollen doch ihre Natur ändern, es wäre nur zu ihrem besten. Daher vielleicht auch die normative Belegung seiner Sprache bezüglich des „Narren“ (15, 111f.) und bei der Aussage über die menschlichen Vergrößerungsgläser (18, 144). Sein Leviathan wäre dann eher ein pädagogisches Projekt als eine konsistente politische Theorie.

5.3. Michael Taylor und der „hobbesian anarchism“

Ein zweiter Versuch Kooperation für möglich zu erklären rekurriert ausdrücklich auf die sog. dynamische Interpretation des Naturzustandes als Gefangenendilemma, d.h. die Iteration oder Wiederholung des Spiels. Aber im Gegensatz zu Neal geben die Autoren, welche diese Sichtweise vertreten, Michael Taylor und Iain McLean, zu, dass sie sich ein wenig im Bereich der Spekulation bewegen. Denn Voraussetzung für ein iteratives Gefangenendilemma ist ein ausdrückliches Bekenntnis zu der Variable „Zeit“, welches Hobbes jedoch nicht macht bzw. nicht ausdrücklich genug.[33] (Zusätzlich kann vorweg noch gesagt werden, dass nicht nur die Variable Zeit gebraucht würde, um eine Iteration möglich zu machen, sondern gewissermaßen auch eine Klausel der Nicht-Tötung bei defektierenden Verhalten. Wie schon gesagt, der Tod eines Handelnden ist eine hohe Schranke für die Wiederholung eines Spiels, Zeit hin oder her.)

Sollte es hingegen von Hobbes so gedacht sein, entstünde durchaus eine Möglichkeit für die Individuen im Naturzustand zu kooperieren. Aus dem zweiten natürlichen Gesetz – „Jedermann soll freiwillig, wenn andere ebenfalls dazu bereit sind, auf sein Recht auf alles verzichten.“ (14,100, Herv. d. Verf.) – mit seiner Reziprozitätsformel liest Taylor die Idee der bedingten Kooperation heraus. „Hobbes seems (!) to be saying here (...) that every man ought always to do what is conducive to Peace just as long as he can do so safely and this means that, in the state of nature, he should Cooperate if others do, but otherwise he should not Cooperate.”[34]

Mit Hilfe dieser Interpretation kann gefolgert werden, dass manchmal, unter bestimmten Umständen Kooperation erfolgen kann. Das Produkt jedoch dieser Kooperation wäre dann tatsächlich eine reine interne Lösung. Das hieße die Individuen schaffen es ohne Veränderung des Spiels, d.h. ohne externen Druck, eine stabile, konfliktfreie Umgebung zu produzieren. Ein konfliktfreier Zustand unter anarchischen Bedingungen ließe die Notwendigkeit eines Staates, als Vertragsgarantiemacht, entfallen und den Anarchismus möglich erscheinen. Dieses Ergebnis steht mit Hobbes’ Lehre so im Widerspruch, so dass gezweifelt werden kann, ob das tatsächlich Hobbes’ Vorstellung gewesen sein könnte.

Da jedoch der Anarchismus oder die bedingte Kooperation nur unter bestimmten Umständen überhaupt möglich ist – die wichtigsten sind: 1) eine sehr geringe Diskontrate bzw. hohe Umsichtigkeit, d.h. zukünftigen Gewinnen wird hoher gegenwärtiger Nutzen zugeschrieben, und 2) eine genügend große Anzahl von Kooperationswilligen in der Gemeinschaft[35] – nimmt Taylor an, dass Hobbes diese Instabilität der Anarchie in Hintergedanken gehabt hat und deshalb lieber auf einen starken Leviathan vertraut hat.[36]

Aber als Resultat lässt sich sagen, dass die Idee des „Hobbesian anarchism“ deutlich die Struktur eines spekulativen Gedankenkonstrukts aufweist, das sich weder mit Hobbes’ menschlichen Prämissen (Kurzsichtigkeit und Verwundbarkeit) noch mit seiner Intention der Konstruktion eines übermächtigen Leviathans in Einklang bringen lässt.

5.4. Gregory Kavka: Kritik der Rationalität von Präventivschlägen

Gregory Kavka[37] behauptet einen anderen Weg einzuschlagen. Er nimmt (scheinbar) die Prämissen, die Hobbes als gegeben setzt, an, will aber zugleich zeigen, dass Hobbes falsche Schlüsse aus ihnen gezogen hat, so dass Hobbes zu schnell und zu leichtfertig die naturzustandliche Kooperation als unmöglich abtut. Für Kavka ist es doch möglich, dass Hobbessche Individuen im Naturzustand Verteidigungspakte eingehen und sie sogar einhalten könnten, so dass die Hobbessche Dichotomie von Naturzustand und bürgerliche Gesellschaft unter einem Leviathan falsch sei.

Kavkas Kritik bezieht sich auf die Schlussfolgerung von Hobbes, die besagt Vorbeugung oder antizipierendes Verhalten sei das einzige vernünftige Verhalten im Naturzustand. „It is the transition, for which Hobbes offers no explicit justification, from the observation that persons in the state of nature must fear violence from others, to the claim that anticipation is the most reasonable way for such persons to attempt to protect themselves.”[38]

Drei Punkte soll Hobbes nach Kavka übersehen haben: 1) das angreifende Individuum würde sich der Verteidigungskraft des Anderen aussetzen, 2) der Angreifer würde sich anderen „Vorbeugern” als besonders gefährliche Person zu erkennen geben und dadurch Anreiz zu seiner Vernichtung geben und 3) durch das Anhäufen von Macht setzt sich der Mensch (ähnlich wie bei Punkt 2) der Gefahr aus wegen der Machtkonkurrenz angegriffen zu werden. Daher sei defensives Handeln, Wachsamkeit und Zurückhaltung die vernünftigere Alternative, welche durch das Bilden einer Verteidigungsallianz noch gesteigert werden könne.

Kavka begeht hier wieder den Fehler, den Hobbesschen Individuen zuviel Umsichtigkeit zuzuschreiben und dadurch zwangsläufig in die Sichtweise eines iterativen Gefangenendilemmas abzurutschen. Ausdrücklich nimmt er hierzu Bezug auf die oben erwähnten Passagen von Hobbes über den Narren.

In coming to the aid of an attacked partner, one encourages others to offer similar aid to one in the future. (…) Or, to put the point in more general terms, the fear of losing credibility and hence future opportunities for beneficial cooperation can suffice to motivate rational self-interested parties in the state of nature to keep their agreements with one another.[39]

Neben dem schon hinreichend erwähnten Fehlschluss dem Naturzustand von Hobbes den Charakter eines iterativen Gefangenendilemmas zuzuschreiben, macht Kavka auch den Fehler bei der Schlussfolgerungen bezüglich der Vorbeugung die fundamentale Gleichheit der Individuen zu übersehen. Berücksichtigt man dies, verliert sein Punkt 1 an Aussagekraft, da kein Individuum rational Grund hat zu befürchten bei einer Konfrontation den kürzeren zu ziehen. Die beiden anderen Punkte erhalten erst dann Begründungskraft, wenn die Individuen so umsichtig sind, dass sie jene Resultate ihres Handelns berücksichtigen würden. Insofern hat Hobbes weiterhin recht, wenn er sagt, dass unter den Voraussetzungen, die er macht, nur zwei Ergebnisse möglich sind: der Naturzustand oder die Unterwerfung unter einen übermächtigen Leviathan. Aber naturzustandliche Kooperation bleibt ausgeschlossen.

6. Resümee

Die Frage nach der Konsistenz von Hobbes’ Vertragtheorie am zentralen Punkt des Vertragschlusses war das Fundament dieser Arbeit. Mit Hilfe des Verständnisses des logischen Aufbaus einer Vertragstheorie wurde schnell klar, dass die Beantwortung dieser Frage bei der Charakterisierung und Spezifizierung der interagierenden Individuen zu finden ist. Da das Problem, also der Naturzustand, welche der Vertragsschluss lösen bzw. überwinden soll, nur eine logische Ableitung aus diesen individuellen Handlungsspezifikationen ist, kann deswegen ein möglicher Fehler nur bei diesen erfolgen.

Mit Hilfe der spieltheoretischen Analyse konnte gezeigt werden, dass das Resultat der Interaktionen der Hobbesschen Individuen, der Naturzustand als Krieg eines jeden gegen jeden, völlig deckungsgleich ist mit dem Modell des einmaligen Gefangenendilemmas, welches jegliche Kooperation in sich ausschließt. Dadurch wurde der Beweis erbracht, dass Hobbes bei der Definition der Eigenschaften seiner Individuen einen Fehler gemacht hat, in dem Sinne, dass diese logisch nicht dazu fähig sind, wozu Hobbes sie fähig sein hat lassen. Der Akt der Kooperation, der Vertragschluss, ist, allein auf die Angaben Hobbes vertrauend, nicht möglich. An dieser Stelle seiner politischen Theorie macht er denselben Fehlschluss, von dem er zu Beginn seines Leviathans warnt:

Denn Irrtümer, die bei Definitionen unterlaufen, multiplizieren sich mit fortschreitendem Rechnen und führen die Menschen zu Widersinnigkeiten, welche sie schließlich sehen, aber nicht vermeiden können, ohne von der Stelle an, wo der Grund ihres Fehlers liegt, von neuem zu rechnen. (4, 28)

Die alternativen Erklärungsansätze, welche in dieser Arbeit ebenso vorgestellt wurden, haben, um die Möglichkeit der Kooperation trotz allem doch möglich erscheinen zu lassen, diesen Rat befolgt und haben die Definitionen der interagierenden Menschen verändert – allerdings ohne es zu bemerken oder zuzugestehen. Die Unzulässigkeit dieser Argumentationen, um Hobbes eventuell zu verteidigen, wurde ebenso deutlich gemacht.

Es soll nicht geleugnet werden, dass durchaus Kooperation innerhalb menschlicher Interaktionen möglich ist, nur sind dann diese Menschen andere als diejenige, welche Hobbes vor Augen gehabt haben muss, als er seinen Leviathan verfasste. Nimmt man also Hobbes an dieser Stelle ernst, übernimmt also die Definitionen, die er setzt, so muss man schließlich zwangsläufig zu dem Schluss kommen, dass in diesem Fall keine Kooperation möglich ist. Hobbes’ politische Theorie ist demnach von einer großen Inkonsistenz gezeichnet.

7. Literaturverzeichnis

Thomas Hobbes: Leviathan. Oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und bürgerlichen Staats. Herausgegeben und eingeleitet von Iring Fetscher, Frankfurt am Main 1966.

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Jervis, Robert: Cooperation under the Security Dilemma, in: World Politics 30, Nr. 2 (1978), S. 167-214.

Kavka, Gregory S.: Hobbes’s War of All against All, in: Christopher W. Morris (Hrsg.): The Social Contract Theorists. Critical Essays on Hobbes, Locke, and Rousseau. New York u.a. 1999, S. 1-22.

Kern, Lucian/ Julian Nida-Rümelin: Logik kollektiver Entscheidungen, München/ Wien 1994.

Kraus, Jody S.: The limits of Hobbesian contractarianism, Cambridge University Press 1993.

McLean, Iain: The Social Contract in Leviathan and the Prisoner’s Dilemma Supergame, in: Political Studies 29 (1981), S. 339-351.

Myersen, Roger B.: Game Theory. Analysis of Conflict. Harvard University Press 1991.

Neal, Patrick: Hobbes and Rational Choice Theory, in: The Western Political Quarterly 41, Nr. 4 (1988), S. 635-652.

Park, Jung Soon: Contractarian Liberal Ethics and the Theory of Rational Choice, New York u.a. 1992.

Taylor, Michael: The Possibility of Cooperation, Cambridge University Press 1987.

[...]


[1] Vgl. Jody S. Kraus: The limits of Hobbesian contractarianism, Cambridge University Press 1993, S. 4-22.

[2] Hobbes nimmt für sich zwar in Anspruch diese Grundcharakteristika deduktiv richtig schlussfolgern zu können, doch verändert sich die Aussagekraft seiner politischen Theorie nicht durch die Verlagerung des Ausgangspunkts. Vgl. Thomas Hobbes: Leviathan. Oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und bürgerlichen Staats. Herausgegeben und eingeleitet von Iring Fetscher, Frankfurt am Main 1966, Einleitung, S. 7 und Michael Taylor: The Possibility of Cooperation, Cambridge University Press 1987, S. 126.

[3] Roger B. Myersen: Game Theory. Analysis of Conflict. Harvard University Press 1991, S. 1.

[4] Ebd., S. 4.

[5] Vgl. Jung Soon Park: Contractarian Liberal Ethics and the Theory of Rational Choice, New York u.a. 1992, S. 32f.

[6] Vgl. neben Kraus: Limits, S. 16-18, auch Taylor: Possibility, S. 21-24.

[7] Kraus: Limits, S. 16.

[8] Hobbes Lösungsweg stellt, genauer betrachtet, eine Kombination der beiden Varianten dar. Der Souverän, der Leviathan als solcher, ist eine externe Lösung, da dieser durch seine Existenz das Verhalten der Individuen verändert. Doch der Weg zur Errichtung des Leviathan soll aus den Individuen selbst erfolgen, also intern. Deswegen ist der interne Lösungsweg der vorgelagerte und für diese Arbeit der wichtigere von beiden. Siehe hierzu auch Kapitel 4.

[9] Vgl. Myersen: Game Theory, S. 1-4; Park: Contractarian Liberal Ethics, S 65f.; Patrick Neal: Hobbes and Rational Choice Theory, in: The Western Political Quarterly 41, Nr. 4 (1988), S. 635-652, hier S. 637f.

[10] Park: Contractarian Liberal Ethics, S. 65.

[11] Da der Leviathan die einzige verwendete Schrift von Hobbes ist, werden Zitate daraus durch die Nennung von Kapitel und Seitenzahl im Anschluss an das Zitat deutlich gemacht. Hervorhebungen sind, wenn nicht anders angegeben, von Hobbes. Zitate aus der restlichen Literatur werden weiterhin in Fußnoten angegeben.

[12] Vgl. Lucian Kern/ Julian Nida-Rümelin: Logik kollektiver Entscheidungen, München/ Wien 1994, S. 17; Neal: Hobbes, S. 638; Kraus: Limits, S. 5.

[13] Neal: Hobbes, S. 638.

[14] Ebd.

[15] Park: Contractarian Liberal Ethics, S 66.

[16] Kraus: Limits, S. 8.

[17] Der Gegensatz zum einmaligen Gefangenendilemmaspiel ist das wiederholte Spiel. Im Laufe der Arbeit wird offensichtlich, warum es hier tatsächlich nur um eine „einmalige“ Sache geht.

[18] Taylor: Possibility, S. 15.

[19] Neal: Hobbes, S. 642.

[20] Für die Definition des Gefangenendilemma siehe u.a. Kern/ Nida-Rümelin: Logik, S. 201-205 sowie Taylor: Possibility, S. 13-18. Für genauen Hintergrund und Namensgebung siehe Kern/ Nida-Rümelin: Logik, S. 201.

[21] Kern/ Nida-Rümelin: Logik, S. 202.

[22] Kern/ Nida-Rümelin: Logik, S. 204; Taylor: Possibility, S. 17.

[23] Im Hinblick auf Hobbes’ gesamte politische Theorie kann an diesem Punkt ebenso gefolgert werden, dass der sog. „Staat durch Aneignung“ (20, 155) der einzige Weg bleibt, seine Theorie konsistent durchzuhalten.

[24] Hedley Bull: Die anarchische Gesellschaft, in: Kaiser/ Schwarz: Weltpolitik: Strukturen, Akteure, Perspektiven, Bonn 1987, S. 31-49.

[25] Robert Jervis: Cooperation under the Security Dilemma, in: World Politics 30, Nr. 2 (1978), S. 167-214.

[26] Vgl. Bull: Die anarchische Gesellschaft, S. 34-37.

[27] Vgl. Jervis: Cooperation under the Security Dilemma, S. 170-183.

[28] Ebd., S. 171.

[29] Ebd., S. 172.

[30] Park: Contractarian Liberal Ethics, S. 79.

[31] Vgl. Anm. 9, hier v.a. S. 642f. und 647-651.

[32] Iain McLean: The Social Contract in Leviathan and the Prisoner’s Dilemma Supergame, in: Political Studies 29 (1981), S. 339-351, hier: S. 341.

[33] Taylor: Possibility, S. 31 u. 137; McLean: Social Contract in Leviathan, S. 342.

[34] Taylor: Possibility, S. 136, Hervorhebung im Original.

[35] Vgl. für die Bedingungen detaillierter und umfassender: McLean: Social Contract in Leviathan, S. 343-346 und Kern/ Nida-Rümelin: Logik, S. 214-227.

[36] Taylor: Possibility, S. 137.

[37] Gregory S. Kavka: Hobbes’s War of All against All, in: Christopher W. Morris (Hrsg.): The Social Contract Theorists. Critical Essays on Hobbes, Locke, and Rousseau. New York u.a. 1999, S. 1-22.

[38] Ebd., S. 5.

[39] Ebd., S. 7, Hervorhebungen durch den Verfasser.

25 von 25 Seiten

Details

Titel
Hobbes - Die logische Unmöglichkeit des Vertragsschlusses
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Veranstaltung
Hauptseminar Hobbes' Leviathan
Autor
Jahr
2004
Seiten
25
Katalognummer
V109568
Dateigröße
409 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hobbes, Unmöglichkeit, Vertragsschlusses, Hauptseminar, Leviathan
Arbeit zitieren
Philipp Mikschl (Autor), 2004, Hobbes - Die logische Unmöglichkeit des Vertragsschlusses, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109568

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