Die Entwicklung des türkischen Nationalismus


Seminararbeit, 2001
11 Seiten, Note: unbenotet

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Gliederung

1. Die Tanzimat–Periode – der „Osmanische Staatsbürger“ wird kreiert
1.1. Die Jung-Osmanen und die hamidische Periode

2. Anatolien – die Entdeckung der Wiege der türkischen Kultur

3. Die Bewegung der Jungtürken
3.1. Ziya Gökalp (1875 – 1914)

4. Turanismus / Panturkismus – die ethnischen Varianten des Nationalismus
4.1. Yusuf Akçura (1876 – 1935)

5. Resumée

6. Literaturliste

1.Die Tanzimat-Periode – der „Osmanische Staatsbürger“ wird kreiert

Das Erwachen des türkischen Nationalismus im Osmanischen Reich war ein langsamer Prozess. Ihm ging der Versuch voran, ein osmanisches Nationalgefühl im multi-ethnischen und multi-religiösen Reich zu etablieren.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte das Osmanische Reich empfindlich an seiner früheren Macht und Stärke eingebüßt: Mehrere Niederlagen in Folge gegen Russland, serbische und griechische Revolten innerhalb der eigenen Grenzen, die militärische Abhängigkeit von westlichen Mächten – insbesondere Groß-Britannien – und die wirtschaftlichen Zugeständnisse gegenüber diesen, lähmten das Reich, so dass es im Ausland als „der kranke Mann am Bosporus“ belächelt wurde. Die Ursache für diesen Verfall wurde in der Unfähigkeit der Janitscharen gesehen. Diese sollten mit Hilfe der Tanzimat-Reformen durch eine moderne Armee ersetzt werden. Doch die Reformen, die unter der Regentschaft von Mahmud II durchgeführt wurden, sollten nicht nur einen militärischen Wandel herbeiführen, sondern auch das Verhältnis der Bevölkerung zu ihrem Staat neu definieren. Erstmals wurde eine Homogenisierung des multi-ethnischen und des in zahlreichen, verschiedenen millets organisierten Volkes angestrebt. Ab 1839 wurde in mehreren Erlässen eine Gleichstellung aller Untertanen – in gesetzlicher wie auch in steuerlicher Hinsicht – verankert. Ziel dieser Neuerung war es, unter der nicht-muslimischen Bevölkerung Loyalität gegenüber dem Osmanischen Reich hervorzurufen, um so künftig Revolten und Unzufriedenheit vorzubeugen. Der Sultan folgte somit den westlichen Vorbildern, deren Konzepte von

„ [...] nation, freedom, homeland, and equalitiy [...]“[1] zu den osmanischen Eliten durchgedrungen waren und die die Idee vom „Osmanischen Bürger“ geweckt hatten.

Die Durchsetzung der neuen Osmanlılık-Politik (Osmanismus) gestaltete sich jedoch nicht problemlos: viele Muslime beharrten auf ihrer übergeordneten Position im Osmanischen Reich und auf der des Islams. Auch die nicht-muslimischen Gemeinden waren meist nicht gewillt, sich als Osmanen zu verstehen und sich zu integrieren, sondern tendierten eher dazu, ihre neuen Rechte zu genießen und weitere für sich zu fordern.

1.1. Die Jung-Osmanen und die hamidische Periode

In der späten Tanzimat-Periode (1867-78) entstand und agierte die Bewegung der so genannten Jung-Osmanen. Diese standen unter der Regentschaft von Abdülhamid II, der die Politik des Osmanismus zugunsten eines Panislamismus zurückstellte. Trotz dieser unter-schiedlichen ideologischen Ausrichtung legten beide Parteien – die Jung-Osmanen und Abdülhamid II – wichtige Grundsteine für den türkischen Nationalismus.

Die Jung-Osmanen entsprangen der osmanischen Intelligenz und propagierten eine Modernisierung des Staates, die mit der Erhaltung des Islams verbunden sein sollte. Unter ihnen befanden sich Namık Kemal und Ali Suavi, die beide auf ihre Art einen Beitrag zur Entwicklung des türkischen Nationalismus leisteten.

Die Vision Namık Kemals bestand in der Errichtung einer Gesellschaft, die alle ethnischen und religiösen Gruppierungen des Reiches als voll integrierte Osmanen vereint - dies sollte unter der Herrschaft des Islams und somit auch unter der seriat geschehen. Diese Zielsetzung erwies sich jedoch als utopisch, da sich die verschiedenen religiösen Minderheiten nie dem Islam unterordnen würden. Als ihm dieses in seinen letzten Jahren bewusst wurde, wandte er sich der „ [...] glorious past of the Turks [...]“[2] zu und propagierte die türkische Sprache als Möglichkeit, die Muslime des Reichs zu vereinen.

Außerdem prägte er zwei Begriffe, die später im Erwachen des türkischen Nationalismus von immenser Bedeutung sein sollten: ‚hürriyet’ und ‚vatan’ . Letzterer war bei Namık Kemal jedoch noch nicht mit einer geographischen Bedeutung belegt, sondern eher einer emotionalen bzw. religiösen.

Ali Suavi vertrat die Idee einer „[...] direct, Islamic democracy [...]“[3], deren Konzept wenig demokratische Züge trug. Neben seiner stark islamischen Ausrichtung konzentrierte er seinen Blick aber auch hin zu den zentralasiatischen Türken und benutzte den Begriff ‚Türke’, welcher zu dieser Zeit noch verpönt war. Außerdem forderte er die Kodifizierung der seriat in türkischer Sprache sowie die Einführung von Türkisch als einzige Unterrichtssprache an den osmanischen Schulen.

Wie Namık Kemal und Ali Suavi rückte auch Abdülhamid ein Stück weit von der Idee des „Osmanischen Bürgers“ ab. Er wandte sich aus politischer Räson dem Panislamismus zu, mit Hilfe dessen er zumindest die muslimische Bevölkerung einen wollte. Nicht nur die Griechen, Armenier und Mazedonier zeigten separatistische Tendenzen, sondern auch muslimische Gruppen wie die Albaner, Kurden und Araber entdeckten den Nationalismus für sich. Daher schien es einigen Intellektuellen, dass einzig die Türken ihre Loyalität gegenüber dem Osmanischen Reich bewahrt hatten und den Staat stützten. Im Zuge der Tanzimat-Reformen und mit der Absicht, das Staatsvolk zu homogenisieren, bestimmte Abdülhamid 1984 das umgangssprachliche Türkisch als Pflichtsprache und das Vermeiden von weniger gebräuchlichen persischen und arabischen Vokabeln. Diese Sprachreform sorgte in der Presse für eine Diskussion über das „Türkentum“, das bisher nur mit der „unkultivierten“ anatolischen Bauernschaft verbunden worden war und lenkte den Blick zudem Richtung Zentralasien, der eigentlichen türkischen Heimat (Turan) und den dort lebenden türkischen „Brüdern“ (dis türkler).

2. Anatolien – die Entdeckung der Wiege der türkischen Kultur

Das Gebiet Anatoliens, das einst zum seldschukischen Emirat gehört hatte, und dessen Bevölkerung vorrangig türkisch und muslimisch war, hatte im Osmanischen Reich bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert lediglich als „Rekrutenreservoir“ und Steuereinnahmequelle fungiert. Ansonsten hatte es den Ruf, von ungebildeten Bauern und Nomaden bevölkert zu sein. Die Begriffe ‚Türke’ oder ‚türkisch’ waren daher im Allgemeinen negativ besetzt. In der Zeit Abdülhamids erfuhr dieses Bild von Anatolien jedoch einen enormen Wandel. Ausgelöst wurde dieser durch eine katastrophale Dürre, die eine Welle der Hilfsbereitschaft und Mitgefühl mit den Anatoliern in der osmanischen Bevölkerung hervorrief. Des weiteren führten die nationalistischen Bestrebungen der Armenier und der Griechen, sowie die Gebietsverluste auf dem Balkan zu einer neuen Wertschätzung des Herzstücks des Osmanischen Reichs.

Im Zuge dieser Entwicklung wurde Anatolien als die Wiege der türkischen Kultur entdeckt, was dem Entstehen des türkischen Nationalgefühls förderlich war. Es folgte eine Welle der Romantisierung der anatolischen Bauernschaft, ihrer Folklore und ihrer Funktion als Hüter der wahren nationalen Tugenden durch Menschen wie Necib Asım und Ziya Gökalp.

Schließlich wurde Anatolien im Laufe der letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts immer stärker mit Namık Kemals Begriff des ‚vatan’ verknüpft. Die einst von Namık intendierte Bedeutung von ‚vatan’ die eher eine emotionale Bindung zu dem Herkunftsort ausdrückte, wurde damit durch den Bezug auf ein bestimmtes Territorium abgelöst.

3. Die Bewegung der Jungtürken

Im Rahmen der Tanzimat-Reformen unter Abdülhamid II hatte der Bildungssektor große Aufmerksamkeit erfahren. Die Früchte, die die Verbesserungen des Schulsystems am Ende des 19. Jahrhunderts hervorbrachten, sollten dem Sultan jedoch zum Verhängnis werden.

Im Jahre 1889 formierte sich die jungtürkische Bewegung aus einer Gruppe mazedonischer Beamter und Armee-Offizieren, die als neue Elite aus dem frisch reformierten Bildungswesen hervorgegangen waren. Die multi-ethnische Bewegung[4] wurde „ [...] durch den Hass gegenüber dem Absolutismus des Sultans Abdülhamid II, ihrem Wunsch diesen abzusetzen und ihrem Willen die seit 1878 “suspendierte“ Verfassung wieder herzustellen geeint [meine Übersetzung!]“[5] Außerdem missfiel den Jungtürken der Gedanke, dass das Osmanische Reich auch noch die letzten Gebiete, die es auf dem Balkan besaß, verlieren könnte. Der christliche Nationalismus und die Anwesenheit von ausländischen Offizieren und Marine in Mazedonien, stachelten zusätzlich den Patriotismus der jungen Offiziere an.

Angesichts der rigiden Verfolgung Oppositioneller durch den Sultan, zogen es die Jungtürken bis 1906 vor, weitgehend klandestin zu agieren. Im Jahr darauf verbündeten sie sich mit anderen revolutionären Kräften des Osmanischen Reichs und bildeten gemeinsam das Komitee für Einheit und Fortschritt (Ittihad ve teraqqui gem iyyeti).

1908 gelang dem KEF die Revolution, und ein Jahr später wurde Abdülhamid endgültig entmachtet und ins Exil geschickt. Die verschiedenen Gruppen, aus denen das KEF bestand, hatten jedoch nun, da die Revolution erfolgt war und die Macht bei ihnen lag, kein gemeinsames Programm. Die Jungtürken, die den Kern des Komitees bildeten, vertraten eine Politik, die eine Türkisierung des Reiches vorsah. Allerdings zogen sie es vor, ihre türkisch-nationalistische Ausrichtung vorerst unter dem Deckmantel des Osmanismus zu verstecken, um Aufstände der nicht-türkischen Gruppen des Reiches zu vermeiden. Als jedoch der albanische Nationalismus aufkeimte, reagierten die Jungtürken mit Maßnahmen, die ihre eigentliche Zielsetzung offen legten. So führten sie Türkisch-Pflichtkurse in albanischen Schulen ein und siedelten muslimische und jüdische Emigranten in den albanischen Gebieten an. Rebellionen nicht-türkischer Gruppen, wie die der Albaner, prägten die Regierungszeit der Jungtürken und trieben die Entwicklung des türkischen Nationalismus passiv voran.

1909 wurden sämtliche politischen Organisationen, die einen ethnischen oder nationalen Charakter hatten, durch das „Assoziationsgesetz“ kurzerhand verboten.

Weitere Reformen, mit denen die Türkisierung des Volks erreicht werden sollte, waren im Bildungswesen zu verzeichnen. Türkisch wurde nun als Pflichtkurs in der Grundschule und als Unterrichtssprache in der Mittel- und Oberschule verlangt. 1916 wurde Türkisch zur Pflichtsprache am Arbeitsplatz, außerdem wurden Türkisch-Kenntnisse für die gesamte Bevölkerung unabdingbar, da auch die Straßenbeschilderung nun in dieser Sprache erfolgte.

Die grausamste Seite der türkisch-nationalistischen Dominanz der Jungtürken zeigte sich im Genozid und den Deportationen der separatistischen Armenier im Jahre 1915.

3.1. Ziya Gökalp (1875 - 1914)

Ziya Gökalp wird als der Hauptideologe der jungtürkischen Bewegung angesehen. Er war ein überzeugter Nationalist, und auch pantürkistischen Ideen gegenüber zeigte er sich nicht abgeneigt. Der Kern seines Nationalismus war die türkische Kultur und nicht die Rasse, da er die folgende Auffassung vertrat:„ [...] education and feeling and not racial origin determine the nationality of man.“[6].

In seinen frühen Jahren sprach er dem Islam eine große Bedeutung für den Zusammenhalt der türkischen Gruppen und dem „[...] strengthening [of] Turkish patriotism [...]“[7] zu, da fast[8] alle Türken auch Muslime waren. Außerdem stellte der Islam die „[...] basis for cooperation and solidarity with other Muslim peoples“[9] dar. Dieser islamisch gefärbte Nationalismus wurde jedoch durch die Revolten verschiedener muslimischer Gruppen gegen das Osmanische Reich abgeschwächt.

Trotzdem hielt Ziya Gökalp an der Idee eines türkisch-islamischen Nationalismus fest, wenn auch die Rolle des Islams anders definiert sein sollte. Sein theoretisches Modell zum Türkismus sah vor, dass der Islam auf die Funktion einer rein ethischen Religion reduziert werden sollte. Mit dieser Idee war verbunden, dass die seriat nicht mehr die Grundlage der Legislative bilden sollte. Die Religion (ümmet) sollte also rigoros von politischen und sozialen Aufgaben gereinigt werden.

In diesem Modell, das sich an den Idealen der „Turkification, Islamization, Modernization“[10] orientierte, vollzog Ziya Gökalp einen weiteren wichtigen ideologischen Schritt. Er trennte „Zivilisation“ (medeniyet) und der „Kultur“ (hars) voneinander. Mit dem Begriff der „Zivilisation“ verband er die technologischen und wissenschaftlichen Errungenschaften der westlichen Nationen, die von jeder Gesellschaft geteilt werden konnten; der „Kultur“ ordnete er die (nicht religiösen) moralischen Werte und Anschauungen zu, die von einem Volk geteilt werden und seine Identität ausmachen. Da er „Nation“ als „ ‚a society united by culture’“[11], definierte, machte diese Trennung der Begriffe die Adaption westlicher, moderner Strukturen möglich, ohne dass dabei die türkische Kultur bzw. der türkische Nationalismus verraten würde.

Dieses Modell der Dreiteilung von „Zivilisation“, „Islam“ und „Kultur“ stellte sich als unrealistisch heraus. So war der Islam, der ganz und gar der arabischen Kultur entstammte, mit der Idee einer homogenen türkischen Kultur nicht vereinbar. Außerdem war Gökalps Vision von der Reduktion der Gesetzesreligion „Islam“ auf einen ethischen Kanon illusorisch.

4. Turanismus / Pantürkismus – die ethnischen Varianten des Nationalismus

Während sich der osmanische Nationalismus, der im Zuge der Tanzimat-Epoche „von oben“ verordnet worden war, auf der Erzeugung eines Loyalitätsgefühls der Bürger zu den Institutionen und dem Territorium des Osmanischen Reichs gründete, war der von den Jungtürken propagierte türkische Nationalismus eher kultureller Natur. So wurde die Bedeutung der türkischen Sprache, der türkischen Geschichte betont, die „wahren Tugenden“, die in der türkischen Bauernkultur zu finden waren, wurden hervorgehoben. Wie die jungtürkische Politik der Türkisierung der nicht-türkischen Bevölkerung aber nahe legt, war dieser Nationalismus nicht unbedingt ethnisch orientiert.

Eine ethnische Variante des türkischen Nationalismus – der Pantürkismus - war aber schon während der Regierungszeit von Abdülhamid II – zum Beispiel von Ali Suavi – vertreten worden. Diese Ideologie zielte auf die Vereinigung aller türkischen Völker ab, also auch der Türken außerhalb der Grenzen des Osmanischen Reichs. Dieselbe ideologische Ausrichtung wies der Turanismus auf, der Anfang des 20. Jahrhunderts durch Yusuf Akçura begründet wurde. Die turanistische Idee war allerdings durch die Vorstellung eines Landes namens „Turan“ erweitert, das die eigentliche Heimat aller Turkvölker darstellte und sich über weite Teile Zentral- und Nordasien erstrecken sollte.

4.1. Yusuf Akçura (1876 - 1935)

Wie viele russische Intellektuelle aus der Wolga-Region, Aserbaidschan und von der Krim, die sich der Bedrohung durch das Russische Reich ausgesetzt sahen, sollte sich Yusuf Akçura dem türkischen Nationalismus zuwenden und ihn in seiner Entwicklung entschieden vorantreiben.

Durch seine Schulzeit, die er an osmanischen Schulen verbracht hatte und durch seine Mitgliedschaft in der jungtürkischen Bewegung war er intensiv mit dem Osmanischen Reich und seinen verschiedenen nationalistischen Konzepten konfrontiert worden.

In seiner Schrift „Die drei politischen Systeme“ (Üç tarz-ı siyaset), die er im Jahr 1904 veröffentlichen ließ, stellte Akçura einen Vergleich der drei vorherrschenden Ideologien Osmanismus, Panislamismus und Pantürkismus an. Indem er sie auf ihre „Nützlichkeit für das Osmanische Reich [meine Übersetzung!]“[12] und ihre „Anwendbarkeit [meine Übersetzung!]“[13] hin überprüfte, kam er zu dem Schluss, dass lediglich die pantürkistische Ideologie (Türkçülük) als politische Option für das Osmanische Reich zu favorisieren sei. Im Sinne des Pantürkismus plädierte er also für eine Vereinigung aller Türken, die durch ihre ethnische Herkunft, ihre Sprache und ihre Bräuche mit einander verbunden waren. Da ein Großteil der Turkvölker im zentral- und nordasiatischen Raum ansässig war, wurde Akçuras Blick auf diesen geographischen Raum gelenkt, der auch historisch und kulturell das Zentrum der türkischen Welt bildete.

Um seine Ideologie zu verbreiten, gründete Akçura in den folgenden Jahren die Publikationen Türk Dernegi (1908) und Türk Yurdu (1911) und verhalf der Organisation Türk Ocagı zum Leben (1911).

5. Resumée

Die Gründe für die zögerliche Entwicklung des türkischen Nationalismus waren, wie man sehen konnte, verschieden.

Zunächst war der Begriff „Türke“ bis zur Neuentdeckung der anatolischen Bauernkultur stets mit negativen Konnotationen besetzt. Unter solchen Bedingungen konnte sich schlechthin kein Stolz auf die türkische Herkunft entwickeln.

Des weiteren forderten die türkisch-nationalistischen Propagandisten in ihren Modellen immer wieder eine Verquickung von Islam und türkischen Nationalismus. Dieser Ansatz eines islamisch-türkischen Nationalismus war in sich ein Paradoxon.

Außerdem war die Entstehung eines türkischen Nationalgefühls war über Jahrzehnte hinweg lediglich innerhalb elitärer Kreise zu spüren. Die nationalistischen Ideen entstanden oftmals in den Köpfen Intellektueller, die von der politischen Unfähigkeit des Sultans und ihrer eigenen Handlungsunfähigkeit unter dem despotischen hamidischen Regime frustriert waren. Eine türkisch-nationalistische Revolution scheiterte aber daran, dass keine Mobilisierung der breiten Bevölkerung für diese Ideen erfolgt war. Der Grund dafür lag in der unüberbrückbaren intellektuellen Kluft zwischen dem Volk und der osmanischen Elite, die durch die geringe Alphabetisierung des Volkes aufrecht erhalten wurde.

Erst mit dem Ausbruch des Unabhängigkeitskrieg im Jahre 1919, der eine Reaktion der türkischen Nationalbewegung auf die Bedingungen des Vertrags von Sèvres darstellte, wurden die türkisch-nationalistischen Gefühle in der Bevölkerung entfacht.

6. Literaturliste

Georgeon, François. Aux Origines du Nationalisme Turc. Yusuf Akçura (1876-1935). Paris 1980.

Heyd, Uriel. Foundations of Turkish Nationalism. The Life and Teachings of Ziya Gökalp. London, Beccles 1950.

Kushner, David. The Rise of Turkish Nationalism 1876-1908. New Jersey, London 1977.

Poulton, Hugh. Top Hat, Grey Wolf and Crescent. New York 1997.

Shaw, Stanford. Das Osmanische Reich und die moderne Türkei. In: Hg. Gustave Edmund von Grunebaum. Islam II. S. 24 –159, Frankfurt a. M. 1971.

[...]


[1] Kushner, David. The Rise of Turkish Nationalism 1876-1908. London, New Jersey 1977, S. 3

[2] Poulton, Hugh. Top Hat, Grey Wolf and Crescent. New York 1997, S. 56.

[3] ibid. S. 57.

[4] Sie bestand aus Türken, Armeniern, Arabern, Albanern und Kurden.

[5] Georgeon, François. Aux Origines de Nationalisme Turk. Yusuf Akçura 1876-1935. Paris, 1980, S.15.

[6] Heyd, Uriel. Foundations of Turkish Nationalism. The Life and Teachings of Ziya Gökalp. London, Beccles 1950, S. 21.

[7] Poulton, Hugh. Top Hat, Grey Wolf and Crescent. New York 1997, S. 78.

[8] Die Gagauz und die Dobrudzha waren Türken christlichen Glaubens.

[9] Kushner, David. The Rise of Turkish Nationalism 1876-1908. New Jersey, London, 1977,

S. 100.

[10] Heyd, Uriel. Foundations of Turkish Nationalism: The Life and Teachings of Ziya Gökalp. London, Beccles 1950, S. 149.

[11] Kushner, David. The Rise of Turkish Nationalism 1876-1908. New Jersey, London, 1977, S. 100.

[12] Georgeon, François. Aux Origines de Nationalisme Turk. Yusuf Akçura 1876-1935. Paris, 1980, S. 24.

[13] ibid. S. 24.

11 von 11 Seiten

Details

Titel
Die Entwicklung des türkischen Nationalismus
Hochschule
Universität Hamburg
Veranstaltung
Proseminar "Kontinuität und Wandel in der Republik Türkei"
Note
unbenotet
Autor
Jahr
2001
Seiten
11
Katalognummer
V109600
Dateigröße
354 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entwicklung, Nationalismus, Proseminar, Kontinuität, Wandel, Republik, Türkei
Arbeit zitieren
Caroline Thon (Autor), 2001, Die Entwicklung des türkischen Nationalismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109600

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