Büchners Naturbegriff


Referat (Ausarbeitung), 2001

6 Seiten


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1. Einleitung

Beschäftigt man sich mit Georg Büchners Naturauffassung, so findet man in seiner Naturwissenschaftlichen Tätigkeit einen ersten Ansatzpunkt. Seine Beschäftigung mit den Schädelnerven der Barben, einer Karpfenart, liefert neben den Sektionsergebnissen auch naturphilosophische Gedanken. Um Büchners Naturbegriff allerdings wirklich auf den Grund zu gehen, bleibt es natürlich nicht aus, sich auch mit seinen literarischen Werken zu beschäftigen.

2. Probevorlesung „Über Schädelnerven“

Die Probevorlesung, gehalten 1836 im Rahmen seiner Promotion vor der philosophischen Fakultät der Universität Zürich, ist eines von zwei erhaltenen Dokumenten über Büchners naturwissenschaftliche Tätigkeit. Das Zweite, seine Doktorarbeit „Sur le systeme nerveux des barbes“ soll hier keine Rolle spielen, seine Ergebnisse sind ohnehin widerlegt.

In der Probevorlesung stellt Büchner gleich zu Anfang die teleologische und die philosophische Naturbetrachtung einander gegenüber, wobei er sich als Anhänger der letzteren bezeichnet. Daraus geht der Grundgedanke seiner Naturphilosophie: Die Teleologie, die alle Dinge durch deren Zweck definiert genügt Büchner nicht, er stellt dem Prinzip der Zwecklehre die Definition der Dinge durch deren Wirkung gegenüber. Mittels dieser philosophischen Betrachtungsweise führt er alles Materielle auf einen gemeinsamen, möglichst einfachen Urtyp zurück.

Um dies bezüglich der Schädelnerven anhand von Experimenten verdeutlichen zu können, beschäftigt er sich mit Fischen, als der niedrigsten Entwicklungsstufe der Wirbeltiere. Damit folgt er der Logik, daß das am wenigsten entwickelte Tier dem Urtyp am nächsten sein muß. Auch unter den Schädelnerven versucht er einen „type primitif“ erkennbar zu machen.

Im weiteren Verlauf stellt Büchner die Ansätze der Naturforscher Carus und Oken dar, denen er weitgehend zustimmt. Anschließend eröffnet er seine eigenen Interpretationen, wobei er darauf bedacht ist, ein möglich einfaches Ergebnis zu erhalten.

3. Büchners Naturphilosophie

Die Naturphilosophie Georg Büchners entsteht zunächst nicht aus eigener Naturbetrachtung, sondern aus seiner Kritik an der Teleologie. Georg Büchner akzeptiert den Ausgangspunkt nicht, daß alles seiende nur über den Zweck, den es zu erfüllen hat, definiert. Diese Zwecke verneint er zwar nicht, Büchner erkennt aber die Schwäche einer solchen Sichtweise: Es kann keinen letzten Zweck geben, da dieser sich auch wieder über eine nach außen gerichtete Funktion definieren müßte. Büchner ist der Ansicht, daß alles was ist, sich selbst genug ist. Dem Zweck setzt er die Wirkung gegenüber: „wir haben nicht Hände, damit wir greifen können, sondern wir greifen, weil wir Hände haben.“

Wenn sich alle Dinge selbst genug sind, so wirkt dies auf den ersten Blick recht trivial. Es scheint, als sei damit alles Streben im Leben von vornherein sinnlos: Warum soll ein Mensch irgendwelche Aufgaben erfüllen, wenn er sich doch schon von seinem Wesen her selbst genug ist? Ähnliche Ansichten sind auch bei den Epikureern und Hedonisten im Altertum, sowie bei den Utilitaristen zu erkennen. Im Utilitarismus gilt beispielsweise eine höhere Existenz als die des Menschen als ausgeschlossen und damit das Streben des Einzelnen nach dem größtmöglichen Glück als der einzige Lebensinhalt. Für viele, die diese Gedanken im 19. Jahrhundert zu trivial verstanden haben, war solch ein Gedankengut ein Freibrief, soziales Elend im Gegensatz zu persönlichem Reichtum zu erklären und in Kauf zu nehmen. Eine ähnliche philosophische Grundhaltung erscheint im Zusammenhang mit Georg Büchners Biographie völlig ausgeschlossen.

So entsteht aus Büchners Grundgedanken auch keine Sinnlosigkeit, sondern die Ansicht, das alle Existierende auf ein höheres Konzept zurückzuführen ist. Büchner nennt dies das Grundgesetz. Es bestimmt für alles Materielle einen Urtyp, der sich verschiedenartig weiterentwickelt. Das zweckmäßige Zusammenwirken ist somit „die nothwendige Harmonie eines und desselben Gesetzes.[1] “ Alle Dinge sind Manifestationen eines und desselben Urgesetzes, verschiedenartige Entwicklungsstufen des aus diesem Gesetz hervorgehenden Urtyps. Für den menschlichen Fötus gilt so nach Büchner, daß er im Mutterleib alle Entwicklungsstufen durchläuft und sich somit zur Höchsten Stufe emporarbeitet: dem Mensch (in bezug auf die Wirbeltiere gilt der Fisch wie bereits erwähnt als die niedrigste Stufe). Streng genommen ist somit der Prozeß der Menschwerdung erst im Moment der Geburt vollzogen. Dies wäre zumindest in bezug auf Abtreibungs-problematik eine diskussionswürdige Sichtweise; ob Büchner dies jedoch im Hinterkopf hatte ist fraglich.

Das Urgesetz gibt weiterhin eine Weltursache vor, aus der alles Leben hervorgeht; das Leben ist die Manifestation des Urgesetzes und somit auch der Weltursache. Diese Weltursache wird von Büchner nicht weiter definiert und erhält somit einen dogmatischen Charakter, etwas das er sonst gerade im Hinblick auf die Religion kritisierte.

Außerdem spricht Büchner vom Urgesetz als einem Gesetz der Schönheit, das besagt, daß alles, was harmonisch und zweckmäßig zueinander ist, schön sei. Alles Leben ist somit schön. Inwiefern er mit dem zweckmäßigen Zusammenwirken Abnormitäten ausschließt ist nicht klar. Sollte ein zweckmäßiges Zusammenwirken in bezug auf den Menschen die Fortpflanzung bedeuten, so hieße dies, daß Georg Büchner homosexuelle Beziehungen ablehnte. Dies erscheint unvereinbar mit dem Freiheitsstreben, das ansonsten das Leben des Schriftstellers durchzog.

4. Vergleich mit Goethe

Diese Naturauffassung ist der Goetheschen sehr ähnlich. Auch er lehnt die Teleologie ab und führt alles Materielle auf ein gemeinsames Grundgesetz zurück. Somit scheint Büchners Naturphilosophie im Gegensatz zu seiner materialistisch-deterministischen Weltsicht zu stehen. Seine Kritik am Idealismus legt nahe, daß er auch die Natur-philosophie der Idealisten ablehnt, aber wie die Analogie zu Goethe zeigt, ist dies nicht der Fall.

Ein Widerspruch an sich ist dies aber nicht, da für Büchner nicht ein transzendentes Wesen zur Weltursache wird, sondern die Materie selbst. Er spricht nicht vom Geist oder von Gott, sondern vom Urtyp, als erster Manifestation eines Grundgesetzes. Dieses Gesetz ist auch das Determinierende, das den freien Willen negiert.

Ferner versucht er nicht, gesellschaftliche Dinge anhand von natürlichen Gegebenheiten zu erklären, wie dies dem Darwinismus widerfahren ist. Der daraus resultierende Sozial-darwinsmus verklärte die besitzende Bevölkerungsschicht dahingehend, daß sie sich als die Stärkeren durchgesetzt haben und es ihr gutes recht sei, die ärmere Bevölkerung auszubeuten. Soziale Belange und Naturwissenschaft wurden vermischt. Die beiden Gebiete trennt Büchner streng voneinander ab, was der Versuchung vorbeugt, seinen Naturidealismus auf seine gesamte Weltsicht zu übertragen.

5. „Woyzeck“ in bezug auf Büchners Philosophie

Im „Woyzeck“ finden sich viele Beispiele für Philosophiekritik und somit auch Hinweise auf seine eigene Überzeugung. Die Textbeispiele sind meistens parodistischer Natur, so etwa die Szene 16 „Der Hof des Doktors“, in der der Doktor über die Objekt/Subjekt-Beziehung spricht. Hier wird die Apologetik des Idealismus parodiert. Der Doktor spricht von der „organischen Selbstaffirmation des Göttlichen“, was auf die Problematik hinweist, wie die Idealisten in allem nicht nur ein Ding oder ein Wesen sahen, sondern es als Manifestation des Göttlichen rechtfertigten. Es ist anzunehmen, daß Büchner sich besonders daran stieß, daß jeder Mensch zwar Göttlich sei, die Armen aber unterdrückt und ausgebeutet wurden.

Die Kritik an der Teleologie wird besonders in Szene 12 „Wirtshaus“ deutlich, wo ein Handwerksbursche den Existenzgrund des Menschen zu erklären versucht. Er gibt dazu folgende Logik vor:

„Warum ist der Mensch? – Aber wahrlich ich sage euch, von was hätte der Landmann, der Weißbinder, der Schuster, der Arzt leben sollen, wenn Gott den Menschen nicht geschaffen hätte?“[2]

Genau wie in Büchners Augen die Teleologie den wahren Seinsgrund nicht anhand von Zweckorientierung findet, so verstrickt sich auch dieser Handwerksbursche in eine Kausalkette, die nie ein Ende haben kann.

Im Hinblick auf Büchners materialistische Weltsicht ist die gestrichene Szene 10 „Ein Wirtshaus“ interessant. Dort heißt es: „Was ist der Mensch? - Knochen! Staub, Sand, Dreck. Was ist die Natur? Staub, Sand, Dreck!“[3] Die Existenz etwas Göttlichem wird hier eindeutig negiert, was die Grundlage aller materialistischer Philosophie ist. Ferner Wird die Trennung von Mensch und Natur aufgehoben: Wenn der Mensch genau wie die Natur nur Staub, Sand und Dreck ist, dann sind sie Teil desselben Ganzen. Dies deckt sich mit Büchners Naturphilosophie, genau wie mit der Goetheschen, der aber als Vertreter des Idealismus nicht mit der Nicht - Existenz des Göttlichen übereinstimmen würde.

Es liegt nahe, daß hier zwar keine Parodie vorliegt, wie in den beiden vorangegangenen Beispielen, aber die Simplizität des Ausspruches deutet trotzdem darauf hin, daß auch keine tiefschürfende Erkenntnis eröffnet wird. Das ist typisch für Büchners Schreibstil, für seinen Humor.

Generell läßt sich aber sagen, daß der gesamte Text des Woyzeck mit Philosophiekritik, häufig in Form von Parodie durchzogen ist. Dies gilt allerdings auch für „Dantons Tod“ und „Leonce und Lena“, wobei der Woyzeck die beiden Werke diesbezüglich wohl noch an Intensität übertrifft.

Literaturverzeichnis:

Knapp, Gerhard P. (Hrsg.).

Georg Büchner – Gesammelte Werke.

Augsburg, 1998.

Glebke, Michael.

Büchners Philosophie.

Marburg, 1995.

[...]


[1] Büchner, Georg. Probevorlesung „Über Schädelnerven“. In: Georg Büchner -Gesammelte Werke. Augsburg, 1998.

[2] Büchner, Georg. Woyzeck. In: Georg Büchner - Gesammelte Werke. Augsburg, 1998.

[3] Ebenda

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Details

Titel
Büchners Naturbegriff
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Autor
Jahr
2001
Seiten
6
Katalognummer
V109620
Dateigröße
333 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ein kurzer, prägnanter Abriss über Büchners Naturstudien und wie sie in seine Literatur eingeflossen sind. In erster Linie beruht die Ausarbeitung auf einem Werk Michael Glebkes zur Büchner-Philosophie.
Schlagworte
Büchners, Naturbegriff
Arbeit zitieren
Guido Scholl (Autor), 2001, Büchners Naturbegriff, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109620

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