Emile Durkheim und der Selbstmord


Seminararbeit, 2005

18 Seiten, Note: 6


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Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Emil Durkheim: Der Selbstmord
2.1 Erstes Buch: Die aussergesellschaftlichen Faktoren
2.2 Zweites Buch: Soziale Ursachen und soziale Typen
2.3 Drittes Buch: Vom Selbstmord als sozialer Erscheinung im allgemeinen

3 Die religiöse Topografie der Schweiz

4 Der Selbstmord in vier Schweizer Kantonen
4.1 Zürich
4.2 Bern
4.3 Luzern
4.4 Uri

5. Korrelation zwischen Religion und Selbstmord in der modernen Schweiz

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

"Erklären kann man nur, indem man vergleicht" schreibt Emile Durkheim in seiner Studie über den Selbstmord (1983: 23) - eine Idee, die auch für meine Proseminar-Arbeit gelten soll. Emil Durkheim vergleicht in seinem Werk "Der Selbstmord" die Selbstmordraten von Katholiken, Protestanten und Juden. Er geht dabei unter anderem relativ differenziert auf die Situation in der Schweiz ein, in der neben der sprachkulturellen und ethnischen Dimension auch die religiöse exemplarisch abgebildet ist: In der deutschsprachigen Schweiz leben Katholiken und Protestanten, so dass ein Vergleich des suizidalen Verhaltens innerhalb des deutschsprachigen Raumes möglich wird. Emile Durkheim weist innerhalb der Schweiz sowie im gesamteuropäischen Raum nach, dass die Protestanten eine höhere Anfälligkeit auf Selbstmord haben als die Katholiken, was er auf den weiter entwickelten Individualismus im Protestantismus zurückführt. Durkheim arbeitet empirisch; er wertet quantitative Daten aus und interpretiert diese. Da er erstaunlich detaillierte, wenn auch zeitlich nicht genau zugeordnete Selbstmorddaten der Schweiz hat, will ich diese mit der näheren Gegenwart vergleichen. Ich werde in einem ersten Schritt Emile Durkheims Arbeit und im Spezifischen den Schweiz-Bezug zusammenfassen. Ich werde dann Durkheims Daten mit jenen vergleichen, die ich vom Bundesamt für Statistik angefordert habe. Und ich werde die Korrelation zwischen kantonalen Selbstmordraten und Konfessionen erarbeiten - wie Emile Durkheim dies auch getan hat.

2 Emile Durkheim: Der Selbstmord

2.1 Erstes Buch: Die aussergesellschaftlichen Faktoren

Emile Durkheim kritisiert, dass in der Soziologie oftmals allzu allgemein theoretisiert wird. Dabei fokussiert er den Selbstmord, den er als "jeden Todesfall, der direkt oder indirekt auf eine Handlung oder Unterlassung zurückzuführen ist, die vom Opfer selbst begannen wurde, wobei es das Ergebnis seines Verhaltens im Voraus kannte" (1983: 27) definiert. Aber der Selbstmord ist nicht als isolierte Aktion eines Individuums zu verstehen; Emile Durkheim zeigt, dass unterschiedliche Gesellschaften voneinander abweichende Selbstmordraten aufweisen, die innerhalb dieser Gesellschaften auch dann konstant bleiben, wenn die allgemeine Sterblichkeit variiert. Während Italien im Zeitraum 1866 bis 1870 30 Selbstmorde auf eine Million Einwohner aufweist, so sind es in Belgien 66, in Bayern 90, in Preussen 142, in Dänemark 277 und in Sachsen 293 Selbstmorde. Wie kommt es zu dieser Differenz? Emile Durkheim definiert zwei aussergesellschaftliche Ursachen, denen man die Selbstmordrate zuschreiben kann: "zum einen die organisch-psychische Veranlagung, zum anderen die Beschaffenheit der physischen Umwelt" (1983: 41). Mit dem ersten Punkt spricht Durkheim die Geisteskrankheit an, die innerhalb der einzelnen Gesellschaften konstant auftritt. Aber dass die Anfälligkeit auf Geisteskrankheit von jener auf Selbstmord abweicht, lässt sich nachweisen, da viele Selbstmörder keine Symptome einer Geisteskrankheit aufweisen. Durkheim weist nach, dass die Länder mit der geringsten Anzahl Geisteskrankheiten die meisten Selbstmorde haben (1983: 63). Und dass Frauen anfälliger sind für Geisteskrankheiten, nicht aber für Selbstmord: "Dem Selbstmord einer Frau stehen vier Selbstmorde von Männern gegenüber" (1983: 60). Im Weiteren kommt Durkheim auf den heute schwierigen Begriff der Rasse zu sprechen. Dass der Selbstmord nicht "rassisch" bedingt ist, zeigt Durkheim an der Schweiz, in der lateinische wie germanische Menschen leben. Die Selbstmordrate in der Schweiz verläuft nicht entlang dieser ethnischen Trennlinie, sondern entlang religiöser Grenzen: Während deutschsprachige Katholiken 87 Selbstmorde aufweisen und französischsprachige 83, so begehen deutschsprachige Protestanten 293 und französischsprachige Protestanten sogar 456 Selbstmorde. Im Weiteren geht Emile Durkheim auf so genannt "kosmische Faktoren" (1983: 100) ein, zu denen etwa die nördlichen Breitengrade oder das Klima gehören. Durkheim weist nach, dass diese äusseren Faktoren den Selbstmord nicht direkt beeinflussen (1983: 122). Zur Nachahmbarkeit des Selbstmordes meint Durkheim, dass "der Selbstmord übertragbar ist, so doch niemals so, dass die Nachahmung auf die Selbstmordrate einwirkte" (1983: 146).

2.2 Zweites Buch: Soziale Ursachen und soziale Typen

Katholische Länder wie Spanien und Portugal haben tiefere Selbstmordtaten als das protestantische Preussen, Sachsen und Dänemark. Von den deutschen Staaten hat das katholische Bayern am wenigsten Selbstmorde. Durkheim: "So stellen also überall ohne jede Ausnahme die Protestanten viel mehr Selbstmörder als die Gläubigen anderer Religionen" (1983: 165). Wie ist dieser zu Religionsbezug erklären, wo beide christlichen Religionen den Selbstmord verbieten? Durkheim bezeichnet den Protestanten als den "Schöpfer seines eigenen Glaubens. Man gibt ihm die Bibel in die Hand und es wird ihm keine bestimmte Auslegung aufgezwungen" (1983: 169). Dieser religiöse Individualismus begünstigt gemäss Durkheim den Selbstmord. "Der wohltätige Einfluss der Religion ist also nicht auf den besonderen Charakter ihrer Heilslehre zurückzuführen. Wenn sie den Menschen schützt vor dem Drang der Selbstzerstörung, dann nicht weil sie ihm mit Argumenten sui generis die Achtung vor seiner eigenen Person predigt, sondern weil sie eine Gemeinschaft ist" (1983: 171). Emile Durkheim spricht beim durch Individualismus bedingten Selbstmord von "egoistischem Selbstmord" (1983: 186 ff.) - der Prototyp des modernen Selbstmordes, in denen der Protagonist in seinem Leben keinen Sinn mehr sieht. "Die Familie ist ein mächtiger Schutz gegenüber dem Selbstmord und wirkt umso nachhaltiger, je fester sie gefügt ist" (1983: 224). So erklärt sich auch die niedrige Selbstmordrate bei den Juden, die durch ihre hohe Bildung zum Selbstmord prädisponiert wären: Die gesellschaftliche Aussenseiter-Position fördert den Zusammenhalt. Durkheim versteht Religion also funktional - und die Familie oder der Staat können äquivalente Funktionen der Vergesellschaftung erfüllen. Im Weiteren spricht Durkheim vom "altruistischen Selbstmord" (1983: 242), der in primitiven Völkern vorkommt, wenn beispielsweise ein Diener seinem Vorgesetzten in den Tod folgen soll. Beim "anomischen Selbstmord" (1983: 273) begeht das Individuum aufgrund einer wirtschaftliche Krise oder einer Konjunkturphase Selbstmord. "Jede Störung des Gleichgewichts, sogar wenn sie einen grösseren Wohlstand zur Folge hat oder eine Stärkung der allgemeinen Vitalität, treibt die Selbstmordzahlen in die Höhe" (1983: 278). Auch der Bezug zwischen Ehescheidungen und Selbstmord wird hier anhand der Schweiz verdeutlicht: "Die protestantischen Kantone verzeichnen die meisten Scheidungen, und dort geschehen auch die meisten Selbstmorde" (1983: 298).

2.3 Drittes Buch: Vom Selbstmord als soziale Erscheinung im allgemeinen

"Die Selbstmordopfer sind eine verschwindende Minderheit, die in allen Richtungen verstreut sind. Jeder begeht die Tat für sich allein, ohne sich darüber bewusst zu werden, dass andere dasselbe tun. Und trotzdem bleibt die Zahl der Selbstmorde konstant, solange sich die Gesellschaft nicht verändert" (Durkheim 1983: 353). Damit sagt Durkheim, dass die soziale Wirklichkeit ein Eigenleben führt und dass die Gesamtheit mehr ist als die Summe seiner Teile. "Die tatsächliche Ursache des Geschehens entgeht notwendigerweise dem, der nur Einzelfälle beobachtet, denn sie liegt ausserhalb des einzelnen" (1983: 378). Schliesslich fragt Durkheim, ob die Zunahme der Selbstmorde in zivilisierten Gesellschaften als "normal" (1983: 426) zu verstehen sei. Als Antwort kritisiert er den Werteverfall und die zu laxe Moral in modernen Gesellschaften. "Die steigende Flut der Selbstmorde ist daher nicht als Zeugnis für den Vormarsch unserer Zivilisation zu betrachten, sondern als Signal für eine Krise, eine Störung, die gefahrlos nicht länger andauern kann" (1983: 347). Durkheims schlägt prophylaktisch vor, "dem Selbstmörder die Ehren eines üblichen Begräbnisses zu verweigern, versuchten Selbstmord mit dem Entzug bürgerlicher, politischer oder familienrechtlicher Befugnisse, beispielsweise einiger Elemente der väterlichen Gewalt oder des passiven Wahlrechts, zu ahnden" (1983: 439). Durkheim erwähnt, wie in Zürich vor dem Protestantismus die Leiche eines Selbstmörders einer schrecklichen Behandlung ausgesetzt wurde. Mit solchen Sanktionen soll sich der Selbstmord gemäss Durkheim einschränken lassen.

3 Die religiöse Topografie der Schweiz

"Heute ist ein Trend zur Deterritorialisierung der Glaubensgemeinschaften zu beobachten. Einzig die katholische Gemeinschaft verfügt in gewissen Kantonen noch über eine klare Mehrheit" (Bovay 2004: 35) - so lautet eine der Schlussfolgerungen der Volkszählung 2000. Während früher die Religionslandschaft entlang geografischer Trennlinien verlief - Luzern katholisch, Zürich protestantisch -, so haben wir es heute innerhalb der einzelnen Kantone und Städte mit einem Pluralismus zu tun, der aber nach wie vor regionale Eigenheiten aufweist. Zürich bildet den Trend zum Pluralismus exemplarisch ab: Lebten im Kanton Zürich 1970 noch fast 60% Protestanten, so waren es im Jahr 2000 nur noch 39.9% der Bevölkerung (Bovay 2004: 122). Die Ursache dieser Entwicklung ist auf vier Faktoren zurückzuführen: Erstens auf die interne Mobilität: "Die Mehrheit der Mitglieder der jeweiligen konfessionellen Minderheitsgruppe (protestantische Mitglieder in mehrheitlich katholischen und katholische in mehrheitlich protestantischen Kantonen) ist ausserhalb des Kantons geboren" (Bovay 2004: 28). Der zweite Faktor ist die internationale Mobilität - also die Immigration: Machten im Jahr 1970 Moslems 0,26% der Bevölkerung in der Schweiz aus, so waren es im Jahr 2000 4,26% (Bovay 2004: 11). Durch die Immigration wird die Gesellschaft religiös pluralistischer, auch wenn dieser Pluralismus nicht ein Auswuchs der Moderne (Baumann 2005) ist, wie dies rechtskonservative politische Kreise gerne behaupten. Auch hinduistische und buddhistische Vereinigungen, die in der Volkszählung von 1970 noch unter "Andere Kirchen und Religionsgemeinschaften" (0,26%) zusammengefasst wurden, sind im Jahr 2000 stärker und differenzierter vertreten: Buddhisten mit 0,29% und Hindus mit 0,38% der Gesamtbevölkerung. Das protestantische Zürich ist also Vergangenheit. Ebenso wie das katholische Luzern: Das Religionswissenschaftliche Institut der Universität Luzern hat alleine im Kanton Luzern 32 Zentren von nicht-christlichen Religionsgruppen registriert (2004, Projekt Religionspluralismus). Als dritte Ursache kommen die zunehmenden Kirchenaustritte hinzu. Hatten im Jahr 1970 noch 1,14% der Gesamtbevölkerung keine religiöse Zugehörigkeit, so waren es im Jahr 2000 bereits 11,11% (Bovay 2004: 11). Von diesen Austritte ist die evangelisch reformierte Kirche am stärksten betroffen, der im Jahr 1970 noch 46,42% der Gesamtbevölkerung angehörten, während es im Jahr 2000 noch 33,04% waren (Bovay 2004: 11). Bei der römisch-katholischen Kirche ist die Abwanderung geringer: 1970 gehörten der römisch-katholischen Kirch 49,39% der Bevölkerung an, 2000 noch 41,82% (Bovay 2004: 11). Allerdings führen nicht alle Kirchenaustritte in eine säkulares Existenz: Gerade der Protestantismus zeigt - nach amerikanischem Vorbild - eine Tendenz zur Ausdifferenzierung. Die "übrigen protestantischen Kirchen und Gemeinschaften" haben von 0,42% (1970) auf 1,44% (2000) zugenommen - darunter gehören unter anderem die Pfingstgemeinden und die neupietistisch-evangikalen Gemeinden. Die suizidale Tendenz, die Durkheim bei den Protestanten sieht, würde sich bei diesen kleineren Gruppen relativieren: "Es scheint also, dass die Selbstmordanfälligkeit der Protestanten abnimmt, wenn sie zur Minderheit werden" (Durkheim 1983: 167). Bedingt durch diesen Religionspluralismus wird die Korrelation zwischen kantonalen Selbstmordziffern und kantonaler Religionstopografie, die Emile Durkheim erstellt, zumindest erschwert. Was allerdings nicht heissen soll, dass eine Aussage unmöglich wäre.

4 Der Selbstmord in der Schweiz nach Kantonen

Ich habe vom Bundesamt für Statistik nur die Selbstmordraten von Zürich, Bern, Uri und Luzern erhalten, was in Bezug auf Protestantismus und Katholizismus immerhin repräsentative Kantone sind. Ich gehe von der rohen Rate der Selbstmorde pro 100'000 Einwohner aus. Leider decken sich die Jahrgänge der Selbstmorde nicht genau mit jenen der Volkszählung bzw. der erfassten Konfessionen.

4.1 Zürich

Zürich hatte 1981 eine rohe Selbstmordrate von 24,3 auf 100'000 Einwohner, im Jahre 2001 waren es 20,9 auf 100'000 Einwohner. Im Vergleich zu anderen Kantonen ist dies eine relativ hohe Zahl. Gemäss Emile Durkheim wurden in Zürich (zu einem Zeitpunkt, den ich infolge nicht vorhandener Zeitangabe nicht präzisieren kann) 28,8 (roh) bzw. 30,7 (Mittelwert) Selbstmorde begangen (1983: 299). Die Selbstmordrate in Zürich scheint also langfristig abzunehmen, womit man die These von Durkheim bestätigen könnte: Der zunehmende Religionspluralismus relativiert nicht nur die Normierungsmacht des Protestantismus, sondern er führt dazu, dass die ethnischen und religiösen Minderheiten gesellschaftlich stärker zusammengeschweisst sind, was die Selbstmordrate ebenfalls nach unten treibt. Zweifellos besinnt sich eine Minderheit stärker auf kollektive Werte und auf die Religion zurück als die Bevölkerungsmehrheit: Wenn also die 0,47% Buddhisten in Zürich (Bovay 2004: 126) durch ihren Minderheitsstatus näher an ihre Religion gebunden sind als dies in Thailand der Fall wäre, dann nimmt gemäss Durkheim die Tendenz zum Selbstmord ab; wobei ich hier bewusst nicht darauf eingehe, dass manche Religionen - darunter bestimmte buddhistische Traditionen - den Selbstmord unter besonderen Umständen befürworten (statistisch dürften die Fälle sehr klein sein). Wie Emile Durkheim geht auch Claude Bovay davon aus, dass der Minderheitsstatus die religiöse Identität der Gruppe stärkt; "um den Fortbestand oder die Ausdehnung einer religiösen Gruppe zu bewirken, wird oftmals ein Partner aus derselben religiösen Gemeinschaft geheiratet" (Bovay 2004: 78). Der Fall Zürich kann als Bestätigung der These von Durkheim verstanden werden: Mit der Entwicklung von einer protestantischen Gesellschaft in eine pluralistische weist Zürich heute weniger Selbstmorde auf.

4.2 Bern

Wie Zürich ist auch Bern eine protestantisch geprägte Stadt. Emile Durkheim berichtet von einer Selbstmordrate von 22,9 auf 100'000 Einwohner. 1981 hatte der Kanton Bern eine rohe Selbstmordrate von 23,3 auf 100'000 Einwohner und eine standardisierte von 22,6. Im Jahr 2001 lag die rohe Selbstmordrate bei 18,4 auf 100'000 Einwohner und die standardisierte Rate bei 15,6. Wir sehen eine ähnliche Entwicklung wie bei Zürich.

4.3 Luzern

Luzern hat 1981 eine rohe Rate von 20,6 Selbstmorden auf 100'000 Einwohner und eine standardisierte von 20,9. Im Jahre 2001 beträgt die rohe Rate 19,0 auf 100'000 Einwohner und die standardisierte 18,5. Innerhalb dieser zwanzig Jahre ist die Selbstmordrate stabiler geblieben als in Zürich oder Bern - allerdings hat sie zugenommen, wenn wir sie mit der von Emile Durkheim erwähnten Selbstmordrate vergleichen: Damals hatte Luzern eine Selbstmordrate von 10,0 auf 100'000 Einwohner - ein massiv tieferer Wert als das damalige Zürich. Obwohl Luzern heute einen relativ hohen religiösen Pluralismus aufweist, ist der Kanton katholischer geblieben als Zürich protestantisch: Im Jahr 2000 machen die Katholiken in Luzern immer noch 70,9% aus - dies auch, weil die Kirchenaustritte bei den Katholiken nach wie vor geringer sind wie bei den Protestanten (Bovay 2004: 20). Wie würde sich Durkheim heute die Zunahme der Selbstmordrate in Luzern erklären? Zweifellos so, indem sich der moderne Individualismus auch längst im katholischen Luzern durchgesetzt hat. Anders gesagt: Die Vergesellschaftungsfunktion des Katholizismus dürfte sich in modernen Kommunikationsgesellschaften relativiert haben. Der Individualismus wurzelt zwar sozialgeschichtlich im Protestantismus, aber er ist heute weit mehr als ein rein protestantisches Phänomen.

4.4 Uri

Emile Durkheim berichtet von einer Urner Selbstmordrate von 6,0 auf 100'000 Einwohner, was sehr tief ist (1983: 299). Das Bundesamt für Statistik hat in Uri im Jahr 1981 eine rohe Rate von 17,9 auf 100'000 Einwohner eruiert und eine standardisierte von 17,1. Erstaunlich ist es daher, dass Selbstmordrate im Jahr 2001 wiederum abgenommen hat; die rohe Rate liegt bei 8,5 auf 100'000 Einwohner und die standardisierte bei 8,9. Innerhalb von zwanzig Jahren hat sich die Selbstmordrate also fast halbiert. Wie ist dies zu erklären? Hat der Katholizismus in den 80er-Jahre seine Vergesellschaftungsfunktion verloren, da die Moderne durch soziale Mobilität und massenmediale Vernetzung den Kanton Uri "eingeholt" hat? Und weshalb ist die Selbstmordrate in den folgenden Jahren massiv gesunken? Ganz bestimmt wirken verschiedene Faktoren mit - und ganz bestimmt hat dies mit der internen sozialen Mobilität (Abwanderung) zu tun. Man müsste also der Frage nachgehen: Wer wandert aus in Stadtkantone? Und wer bleibt zurück? Die abwandernde sowie die bleibende Gruppe müsste man nach soziodemografischen Kriterien wie Ausbildung, Einkommen, Zivilstand, Religion, Gesundheit etc. betrachten.

5. Korrelation zwischen Religion und Selbstmord in der modernen Schweiz

Ich habe in dieser Arbeit dieselbe Ausgangslage wie Emile Durkheim im Jahr 1897 verglichen; die Konfessionen und die Selbstmordraten der einzelnen Kantone. Aufgrund nicht vollständiger Daten habe ich lediglich vier Kantone betrachtet, die jedoch, was die Konfession betrifft, exemplarisch sind. Die These, die Emile Durkheim aufstellt, dass nämlich protestantische Gesellschaften stärker zum Selbstmord neigen wie katholische, wird nach wie vor bestätigt. Tatsächlich haben im Jahr 2001 Zürich (20,9 Selbstmorde auf 100'000 Einwohner) und Bern (22,9 Selbstmorde auf 100'000 Einwohner) nach wie vor höhere Selbstmordraten als Luzern (18,5 Selbstmorde auf 100'000 Einwohner) und Uri (8,5 Selbstmorde auf 100'000 Einwohner). Es stimmt auch, dass in Zürich mit zunehmender Pluralisierung die Selbstmordrate zurückgegangen ist, was man sehr wohl als Bestätigung der These von Emile Durkheim verstehen kann. Nichtsdestotrotz bleibt die Frage offen, ob man diese Zahlen tatsächlich auf die religiöse Topografie der Schweiz zurückführen kann? Einiges spricht dagegen: Erstens hat der religiöse Pluralismus innerhalb der einzelnen Kantonen zugenommen, so dass man nur noch bedingt von protestantischen und katholischen Kantonen sprechen kann. Und zweitens ist der Individualismus, der den Selbstmord begünstigt, nicht mehr explizit mit dem Protestantismus in Verbindung zu bringen, sondern möglicherweise mit Indikatoren wie urbanes oder ländliches Umfeld. Anders gesagt: Auch wenn die quantitative Ausgangslage die These von Emile Durkheim zu bestätigen scheint, wäre es gewagt, dies tatsächlich so zu formulieren. Denn Selbstmord ist ein allzu komplexes Phänomen, das man in einer zunehmend individualisierten, pluralistischen und zu grossen Teilen säkularisierten Gesellschaft nicht mehr alleine auf die Konfession zurückführen kann. Durkheim konnte seine These so formulieren, weil die Konfessionen noch geografischen Trennlinien folgten - und da sich dieser Tatbestand heute verändert hat, gelangen wir an die Grenzen der Methode von Emile Durkheim.

6 Fazit

Ich bin mir bewusst, dass Selbstmord ein allzu komplexes Phänomen ist, bei dem der positivistische Ansatz von Emile Durkheim an Grenzen stosst; alleine die Daten, von denen Emile Durkheim ausgeht, könnte man hinterfragen: Weisen ländliche katholische Gebiete im 19. Jahrhundert statistisch auch deshalb weniger Selbstmorde auf, weil das Thema in verstärktem Masse ein gesellschaftliches Tabu ist und deshalb Selbstmorde verschwiegen werden? Dieser Frage bin ich nicht nachgegangen. Genauso wenig wie jener, inwieweit andere Phänomene (wirtschaftliches Klima, Nachahmung, Sucht) einen Einfluss auf die Selbstmordrate haben könnten. Dies alles würde den Rahmen einer Proseminar-Arbeit sprengen. Ich folge daher dem methodischen Grundsatz von Durkheim, der besagt, dass sich die Soziologie explizit auf eine einzige Fragestellung beschränken soll. Diese Fragestellung ergibt sich aus der Ausgangslage - dieselbe übrigens, von der Emile Durkheim im Jahr 1897 ausgegangen ist: Daten über die kantonalen Konfessionen und Selbstmordraten. Diese Reduktion ermöglicht erst den Vergleich zwischen kantonalen Konfessionen und Selbstmordraten. Emile Durkheim hat den Individualismus ausschliesslich mit dem Protestantismus (unter bestimmten Umständen auch noch mit dem Judentum) in Verbindung gebracht, was erstens heute so nicht mehr zutrifft und zweitens schon damals eine von mehreren möglichen Deutungsansätzen ist. Der Individualismus prägt moderne Gesellschaften mehr oder weniger unabhängig davon, ob sie protestantisch oder katholisch sind. Der Individualismus hat bestimmt auch damit zu tun, wie weit wirtschaftlich und wissenschaftlich eine Gesellschaft fortgeschritten ist, wie weit der Zugang zu modernen Technologien und Medien demokratisiert ist. Bei Immigranten, die nicht oder nur bedingt in unsere Kultur integriert sind und die sich in ethnischen und kulturellen Communities bewegen, mag der Individualismus weniger ausgeprägt sein, was sich nach der Integration der Zweitgeneration sehr schnell ändern kann. Nun stellt sich natürlich die Frage, was denn mit diesem Vergleich überhaupt ausgesagt werden soll, wenn sich das Fundament sich verändert hat, auf dem er steht? Die Antwort: Die Aussage liegt eben genau in der sich wandelnden Gesellschaft. Nicht ob die These von Durkheim heute noch zutrifft oder nicht, sondern dass die Gesellschaft zu pluralistisch geworden ist, um so aufgrund von Konfession und Selbstmordverhalten noch eine Hypothese über die Religion und den Selbstmord aufzustellen - dies ist eigentlich die Kernaussage. Dass die quantitative Ausgangslage aber die These von Durkheim bestätigt, müsste man als soziologisches Phänomen analysieren, bei dem weit mehr Indikatoren als nur die Konfession zugezogen werden müssten. Die Komplexität in unserer Gesellschaft ist zu hoch, als dass man ein komplexes Phänomen wie den Selbstmord alleine auf die Frage der Konfession zurückführen könnte, zumal die Konfessionen nicht mehr entlang geografischer Trennlinien verläuft. Die soziale Mobilität hat zugenommen und moderne Gesellschaft ist jenseits der kantonalen Strukturen pluralistisch und komplex geworden, so dass der methodische Ansatz von Emile Durkheim heute vermutlich in dieser Form nicht mehr aussagekräftig wäre.

7 Literaturverzeichnis

Ariès, Philippe, 2002: Geschichte des Todes. Deutscher Taschenbuch Verlag, München.

Atteslander, Peter, 2003: Methoden der empirischen Sozialforschung. Walter de Gryter, Berlin - New York.

Baumann, Martin, 29./30.Januar 2005: Viele Religionen schaden der Gesellschaft nicht, Neue Zürcher Zeitung.

Bovay, Claude, Broquet, Raphaël, Dezember 2004; Volkszählung 2000; Religionslandschaft in der Schweiz, Bundesamt für Statistik, Neuenburg.

Durkheim, Emile, 1983: Der Selbstmord. Neuwied; Berlin: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt am Main.

Durkheim, Emile, 1994: Die elementaren Formen des religiösen Lebens.

Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt am Main.

Kaelser, Dirk, 2003: Klassiker der Soziologie 1. Verlag C. H. Beck, München.

Knoblauch, Hubert, 1999: Religionssoziologie. Berlin; New York: Walter de Gruyter.

Suizid, Kanton, 2004. Neuenburg; Bundesamt für Statistik (BFS).

18 von 18 Seiten

Details

Titel
Emile Durkheim und der Selbstmord
Hochschule
Universität Luzern
Note
6
Autor
Jahr
2005
Seiten
18
Katalognummer
V109704
ISBN (Buch)
9783640112463
Dateigröße
397 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Emile, Durkheim, Selbstmord
Arbeit zitieren
Francis Müller (Autor), 2005, Emile Durkheim und der Selbstmord, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109704

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