Der Naturbegriff in der Physik des Aristoteles


Essay, 2005
2 Seiten

Gratis online lesen

Der Naturbegriff in der Physik des Aristoteles

Man kann zum einen das Stoffliche an natürlichen Dingen als ihre Natur bezeichnen, zum anderen kann man das den Dingen, die den Anfang der Bewegung in sich selbst tragen, jeweils Zugrundeliegende, Natur nennen. In diesem Fall entspricht „Natur“ dann dem Sinn des natürlichen Dinges, also dem, was es in vollendeter Form darstellt.

Aber was kann solchen Dingen zugrunde liegen? Zunächst erkennen wir Lebewesen, wie auch Gegenstände, an ihrer Erscheinung, oder an ihrem Anblick. Dabei nehmen wir den Stoff, aus dem sie bestehen, aber auch schon wahr. So besteht ein Mensch aus Fleisch und Knochen, ein Baum hingegen aus Holz und Blättern. Mit dieser Feststellung umgeht Aristoteles die Theorie des Antiphon, die alle Dinge auf ihre letzten Elemente (Feuer, Wasser, Erde, Luft) zurückführt. Die Frage nach den letzten Elementen ist hier uninteressant, da es ja um das Bestimmte den Dingen Zugrundeliegende geht.

Ein weiterer Aspekt des Naturbegriffs ergibt sich, wenn die Gestalt, also die Form, eines Dinges als seine Natur betrachtet wird. So sind Fleisch und Knochen allein noch kein Mensch, dieser ergibt sich erst durch die konkrete Form und den Geist. Kinder hätten demnach für Aristoteles wohl keine Menschen sein können, sondern nur Menschen der Möglichkeit nach, denn Form bezieht sich immer auf Vollständiges. So nehmen wir einen Menschen laut Aristoteles erst auf dem Höchststand seiner Entwicklung als solchen wahr.

Menschen sehen demnach intelligent. Wir würden beispielsweise einen Baum niemals als solchen erkennen können, ohne zu wissen, was denn ein Baum ist. Anhand von Kriterien lernen wir Gebilden Begriffe zuzuweisen.

Können aber Fähigkeiten, wie zu lieben oder intelligent zu handeln, als zur Form des Menschen zugehörig betrachtet werden? Hier unterscheidet Aristoteles Wirklichkeit und Möglichkeit. Was der Möglichkeit nach ein Mensch ist, ist noch kein Mensch, sondern wird erst dann ein solcher, wenn es wie ein Mensch wirkt. Also sind nicht nur Stoff und Form, sondern auch so etwas wie „arttypische Wirksamkeit“ notwendig, um von einem Ding sagen zu können, dass es seiner Natur nach ist.

Wenn aber umgekehrt einem vollständig entwickelten Ding eine charakteristische Eigenschaft oder Fähigkeit fehlt, so bedeutet das noch nicht, dass das Ding nicht ist. Dies scheint von der Schwere des Mangels abzuhängen. Ein blinder Mensch etwa, bleibt auch ohne die Fähigkeit zu sehen doch ein Mensch.

Der Begriff „Natur“ kann des Weiteren als „Entstehen“, also als „Werdensprozess“, verstanden werden. Diese Überlegung führte uns zur doppelten Bedeutung von „Natur“ und „Gestalt“. Zum einen kann man beide am vollendeten Ding als dessen vollendete Form betrachten, zum anderen kann aber auch eine Instanz im Werdensprozess gemeint sein. Im letzten Fall spricht Aristoteles aber immer nur von der Form im Sinne des Unvollendeten. Es fehlen dem Ding noch entscheidende Charakteristika, um es erkennbar zu machen. Es ist nie die Rede von einem Unfertigen, sondern nur von etwas, dem ein Mangel anhaftet. So ist ein Stein beispielsweise als Stein gesehen ein in Natur und Gestalt vollendetes Ding. Betrachtet man ihn aber als Statue, so denn als Statue, der das entscheidende Charakteristikum der Form fehlt.

Offen blieb im 2. Kapitel die Frage, ob „fehlende Bestimmung und Gegensatz bei dem streng genommenen Entstehen etwas bedeuten oder nicht“ (Aristoteles: Physik, II, 2, 193b).

Da Gegensatz die Möglichkeit einer vollendeten Bestimmung, also den Höchststand der Entwicklung, einem Ding versagt, kann es als Kontrahent der fehlenden Bestimmung betrachtet werden. Denn auch wenn wir nur in der Retrospektive von einem Ding sagen können ihm fehle die Bestimmung, so bleibt es doch dabei, dass dem Ding das Potential seine vollständige Bestimmung zu erreichen, nicht abgesprochen werden kann.

2 von 2 Seiten

Details

Titel
Der Naturbegriff in der Physik des Aristoteles
Hochschule
Universität Rostock
Veranstaltung
Proseminar: Aristoteles Naturphilosophie
Autor
Jahr
2005
Seiten
2
Katalognummer
V109766
Dateigröße
339 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Mit unserem heutigen, einseitigen Verständnis des Begriffes "Natur" liegen wir dem des Aristoteles sehr fern. Dieses Essay versuch das Aristotelische Verständnis zu plausibilisieren.
Schlagworte
Naturbegriff, Physik, Aristoteles, Proseminar, Naturphilosophie
Arbeit zitieren
Julia Lippmann (Autor), 2005, Der Naturbegriff in der Physik des Aristoteles, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109766

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Naturbegriff in der Physik des Aristoteles


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden