Masse, Massengesellschaft, Massenkultur bei Siegfried Kracauer (1889-1966)


Essay, 2004

6 Seiten, Note: bestanden


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Masse, Massengesellschaft, Massenkultur bei Siegfried Kracauer (1889-1966)

Der Begriff der Masse bezeichnet größere, wenig strukturierte Kollektive, deren Mitglieder als leicht beeinflussbar gelten. Gleichzeitig bildet er einen begrifflichen Gegensatz zur Elite. Mit dem Begriff „Masse“, der von Siegfried Kracauer in seinem Essay „Das Ornament der Masse“ als „Strom des organischen Lebens“[1] umschrieben wird, bezeichnet Kracauer die Menschenmengen, die sich bei Sportereignissen in Stadien in gleicher Richtung bewegen und somit geometrische Figuren von gigantischen Ausmaßen produzieren[2]. Er überblendet in seinem Text die Tanzdarbietungen in Sportstadien und die Fließbandarbeit in der Weimarer Republik, um Parallelen von der Massengesellschaft zum Zustand der kapitalistischen Gesellschaft allgemein zu ziehen („Hierzulande regiert nun einmal das laufende Band“, resümiert Kracauer in seinem Text „Organisiertes Glück“[3], 1930).

Die Weimarer Republik war von Beginn an belastet durch die militärische Niederlage, die Härten des Versailler Vertrages (Reparationen, Gebietsverluste und als Folge der wirtschaftlichen Zerrüttung Inflation) und die Feinde der Republik: Putsche und Aufstände belasteten die Demokratie. Die wachsende Schicht der Angestellten wurde im Büro mit neuen Kommunikationsmitteln konfrontiert und nutzte in der Freizeit Möglichkeiten der modernen Konsumgesellschaft. Der Siegeszug der Elektrizität veränderte Arbeit und Alltag. Radio und Film wuchsen zu Massenmedien heran[4]. Die Umwälzung von Gesellschaft und Technik war begleitet von enthusiastischer Fortschrittshoffnung, die ihre Utopie in den USA oder in der Sowjetunion verkörpert sah. Die beschleunigte Modernisierung weckte aber auch Ängste, die schließlich eine Massenbasis für den Nationalsozialismus ermöglichten.

Die „Begegnung von Mensch und Technik [kann demnach als; d.V.] Grunderfahrung der Moderne“[5] bezeichnet werden.

1. Sigmund Freud wies darauf hin, dass das Streben nach Vereinfachung im Wesen der menschlichen Natur verankert sei. Freud schrieb, „der Mensch vervollkommne im Laufe der Zivilisationsentwicklung seine motorischen wie sensorischen Organe durch die Entwicklung von Werkzeugen. Motoren entgrenzen die Leistung von Muskeln in der Auseinandersetzung des Subjekts mit der Materie; physische Mängel werden durch künstliche Mittel korrigiert und organische Grenzen durch neue Instrumente überwunden“[6]. Es ist also ein natürlicher Trieb des Menschen, Arbeitsabläufe optimieren zu wollen, um Arbeit zu sparen.

2. Der Kapitalismus nutzt laut Kracauer dieses Streben. Das Ziel des Arbeitgebers ist die Steigerung der Effektivität im Sinne der Produktions- und letztlich der Gewinnmaximierung. Mit diesem Streben geht wiederum die Sprengung natürlicher Organismen einher, die von Kracauer konstituiert wurde[7].

Der entscheidende Unterschied zwischen dem Trieb der Natur (1) und seiner Ausnutzung (2) besteht darin, dass der Mensch die produzierten Waren bisher immer besessen hat. An die Stelle des Besitzens tritt nun der reine Profit. Kracauer resümiert, der kapitalistische Produktionsprozess sei „sich Selbstzweck“[8].

Damit argumentiert Kracauer ganz im Sinne von Karl Marx, der im „Produktionsprozess des Kapitals“ (1867) die Entfremdung des Menschen im Warenfetischismus des Kapitalismus sah[9]. In der Massengesellschaft des Kapitalismus stehen die Menschen unter den Sachzwängen bürokratischer Arbeitsteilung und Hierarchien, wodurch sie zu Anpassungsleistungen verschiedenster Art genötigt werden. Der Arbeitgeber lebt in der ständigen Angst vor dem Aufstand der Unterdrückten. Daher müssten die Massen im Kapitalismus ruhig gestellt werden.

Max Horkheimer und Theodor Adorno sahen die Medien als Fetische, die zur Unterdrückung der Massen dienten[10]. Über die Medien werden Kulturprodukte verbreitet, die den Anforderungen Popularität und Marktgängigkeit entsprechen. Die Produkte werden also auf den Massengeschmack reduziert. Kracauer befand in seinem Essay „Die kleinen Ladenmädchen gehen ins Kino“ (1927), die Filme seien der „Spiegel der bestehenden Gesellschaft“[11]. „Niemals aber wird er [der Produzent; d. V.] sich zu Darbietungen verführen lassen, die das Fundament der Gesellschaft im geringsten angreifen; er vernichtete sonst seine eigene Existenz als kapitalistischer Unternehmer“[12]. Ziel sei ein Zustand der Geistesabwesenheit der Zuschauer, um die Probleme der Gesellschaft zu verdecken. „Der Zuwachs an Weltkenntnis, den es bringt, dient zur Verklärung des bestehenden Systems, in dem er erworben wird“[13]. Insofern ist die Annahme zutreffend, die Massenkultur stelle gegenüber der Elitekultur eine inhaltliche Verflachung und Homogenisierung dar. Auch die These, die Produkte der Massenkultur seien konservativ, unkritisch, schablonenhaft und würden vor allem an Emotionen appellieren, wird von Kracauer in „Die kleinen Ladenmädchen gehen ins Kino“ vertreten, denn jedes Kapitel endet mit einem polemisch ironisierenden Satz, der stets (wie die Moral am Ende einer Fabel) das Verhalten der geistig schwachen Ladenmädchen im Kino thematisiert[14].

Freud kommt zu dem Schluss, man müsse „eine Oberschicht selbständig denkender, der Einschüchterung unzugänglicher, nach Wahrheit ringender Menschen erziehen, denen die Lenkung der unselbständigen Massen zufallen würde“[15].

Kracauer schreibt über die beeindruckenden Vorführungen in einem neu erbauten Kinopalast in Berlin: „Vorführungen wie diese sind heute in Berlin neben den echtbürtigen Revuen die entscheidende Attraktion. Die Zerstreuung gelangt in ihnen zu ihrer Kultur. Sie gelten der Masse[16]. Heute hat jene Gesellschaft, deren Anfänge Kracauer analysierte, ihr Reifestadium erreicht, scheint die Zerstreuungskultur allgegenwärtig zu sein.

Kracauer forderte daher in seinem Programm zur soziologischen Filmkritik („Über die Aufgabe des Filmkritikers“, 1932)[17], dass Filme immer als Spiegelbild der gesellschaftlichen Verhältnisse verstanden werden sollten[18]. Der Film sei im Kapitalismus eine Ware wie andere Waren auch. Aufgabe des Filmkritiker sei es, das Gesellschaftsbild der durchschnittlichen Filme aufzuzeigen, die Scheinwelt dieser Filme mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu konfrontieren: „Er [der Filmkritiker; d.V.] wird ferner die Scheinwelt solcher und anderer Filme mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu konfrontieren und aufzudecken haben, inwiefern jene diese verfälscht. Kurzum, der Filmkritiker von Rang ist nur als Gesellschaftskritiker denkbar“[19].

Auch heute ist das Bewusstsein, Kommunikationspartner der Medien zu sein und von diesen beeinflusst zu werden, wenig ausgeprägt. Es ist erstaunlich, dass der soziologische Aspekt der Massenkommunikation von den meisten Menschen nicht wahrgenommen wird. Im praktischen Verhalten findet die Beeinflussung durch die Medien heute beispielsweise ihren Ausdruck in Lebensstilen, die besonders anschaulich im Bereich des Konsumverhaltens sind. Ein weiterer Bereich ist sicherlich der enorme Einfluss der Massenmedien auf die politische Meinungsbildung. Für die Erforschung der Medienwirkungen ergeben sich mit zunehmender Popularität und Unüberschaubarkeit der Massenmedien neue Probleme: „Das Nebeneinander von höchst unterschiedlichen Lebensstilen, die rasch voranschreitende Pluralisierung von gesellschaftlichen Wert- und Normvorstellungen, die selektive Nutzung von Informations- und Unterhaltungsangeboten – mit beeinflusst durch Medien – irritiert die Gesellschaft auch deshalb, weil sich der Wandel immer rascher vollzieht, weil sich immer speziellere Kulturen und Subkulturen herausbilden, und weil die Ergebnisse dieser Veränderung kaum noch sicher zu prognostizieren sind.“[20].

Literatur

Freud, Sigmund (1960): Das Unbewusste – Schriften zur Psychoanalyse. Frankfurt am Main.

Hartmann, Frank (2000): Medienphilosophie. Wien.

Horkheimer, Max und Adorno, Theodor (1969): Dialektik der Aufklärung. Frankfurt am Main.

Jarren, Otfried (1997): Kommunikation – Macht – Politik. In: WSI Mitteilungen. 50. Jahrgang. Düsseldorf.

Kracauer, Siegfried (1974): Kino. Essays, Studien, Glossen zum Film. Frankfurt am Main.

Kracauer, Siegfried (1977): Das Ornament der Masse. Essays. Frankfurt am Main.

Kracauer, Siegfried (1996): Berliner Nebeneinander. Ausgewählte Feuilletons 1930-33. Zürich.

Marx, Karl (1974): Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses: Das Kapital. 1. Buch. Der Produktionsprozess des Kapitals. Frankfurt am Main.

Prokop, Dieter (1995): Medien-Macht und Massen-Wirkung. Ein geschichtlicher Überblick. Freiburg im Breisgau.

Dieser Text ist eine Kurzanalyse, die zum Erwerb eines unbenoteten Teilnahmescheins im Mittelseminar „Klassiker der Weimarer Filmtheorie II“ (Prof. Prümm, WS 2003/04) verfasst wurde.

Autor: Thorsten Schulte; Pommernstr. 24; 34537 Bad Wildungen;

Tel.: 0172-8004363; Email: schulte.stud@web.de

[...]


[1] Kracauer (1977): S. 51.

[2] „Ein Blick auf die Leinwand belehrt, dass die Ornamente aus Tausenden von Körpern bestehen, Körpern in Badehosen ohne Geschlecht. Der Regelmäßigkeit ihrer Muster jubelt die durch die Tribünen gegliederte Menge zu.“ Kracauer (1977): S. 51.

[3] Kracauer (1996): S. 73.

[4] „Als längst die Mittelschicht die Kinos erobert hatte, sah Walter Benjamin [...] immer noch in den Arbeitern das wichtigste Publikum des Kinos. Noch 1936 glaubte er, der Film könne die Arbeiter mobilisieren.“ Hartmann (2000): S. 163.

[5] Prokop (1995): S. 201.

[6] Prokop (1997): S. 196.

[7] Vgl. Kracauer (1977): S. 53.

[8] Kracauer (1977): S. 53.

[9] Bei Marx entspricht der Begriff der „Masse“ dem Begriff des „Proletariats“.

[10] Vgl. Horkheimer / Adorno (1969): S. 128-176.

[11] Kracauer (1977): S. 279.

[12] Kracauer (1977): S. 279. Und weiter: „Die Motive [der Filme; d.V.] freilich sind ausgesiebt. [...] Vermieden wird der Hinweis auf die Arbeiterschaft. [...] So verschafft sie [die `Oberschicht´; d.V.] sich die moralische Rückendeckung, ohne dass die Unterklasse aufhörte, unten zu bleiben, und die Gesellschaft Gesellschaft.“ Vgl. Kracauer (1977): S. 283/284.

[13] Kracauer (1977): S. 288.

[14] Bsp.: „Die kleinen Ladenmädchen aber gelangen zu der Erkenntnis, dass ihr glänzender Chef auch inwendig aus Gold ist, und harren des Tages, an dem sie einen jungen Berliner mit ihrem dummen Herzchen erquicken dürfen.“ Kracauer (1977): S. 289.

[15] Freud (1960): S. 428.

[16] Kracauer (1977): S. 312.

[17] Vgl. Kracauer (1974): S. 9-11.

[18] „Sie [die Filme; d.V.] üben vielmehr außerordentlich wichtige gesellschaftliche Funktionen aus, die kein Filmkritiker, der diesen Namen verdient, unberücksichtigt lassen darf.“ Kracauer (1974): S. 9.

[19] Kracauer (1974): S. 10/11.

[20] Jarren (1997): S. 480.

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Details

Titel
Masse, Massengesellschaft, Massenkultur bei Siegfried Kracauer (1889-1966)
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Veranstaltung
Klassiker der Weimarer Filmtheorie II
Note
bestanden
Autor
Jahr
2004
Seiten
6
Katalognummer
V109786
Dateigröße
346 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dieser Text ist eine Kurzanalyse, die zum Erwerb eines unbenoteten Teilnahmescheins im Mittelseminar 'Klassiker der Weimarer Filmtheorie II' (WS 2003/04) verfasst wurde.
Schlagworte
Masse, Massengesellschaft, Massenkultur, Siegfried, Kracauer, Klassiker, Weimarer, Filmtheorie
Arbeit zitieren
Thorsten Schulte (Autor), 2004, Masse, Massengesellschaft, Massenkultur bei Siegfried Kracauer (1889-1966), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109786

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