Das Verhältnis von Mensch und Maschine in der Matrix-Trilogie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
25 Seiten, Note: sehr gut

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Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Matrix

2. Identität
2.1 Neos Entwicklung
2.2 Identität und Geist in der Matrix
2.3 Identität künstlicher Intelligenz

3. Annäherung und Verschmelzung von Mensch und Maschine
3.1 Organisches und Mechanisches
3.2 Menschliche Nutzung von Maschinen
3.3 Symbiotische Beziehungen
3.4 Religionen, Mythen und Kulturen
3.5 Gefühle und Sexualität

4. Die Situation der Menschheit und wie es dazu kam

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

Einleitung

Im Jahr 1999 kam ein Film in die Kinos, der durch seine phantastische und trotzdem annähernd „hieb- und stichfeste" Geschichte sowohl neue Maßstäbe für das filmische Sciene-Fiction-Genre setzte als auch philosophische Diskussionen anheizte.

Die Matrix-Trilogie stellt eine Vorstellung von unserer Welt in ca. 200 Jahren dar, in der die Erde durch einen Krieg zwischen Menschen und intelligenten Maschinen zerstört und die Menschheit unterjocht wurde. Der ursprüngliche Grund für diese schrecklichen Auswirkungen ist die ungebremste Forschung an künstlicher Intelligenz, bis diese die organische Intelligenz zu übertrumpfen scheint.

Diese Arbeit soll das Verhältnis von Mensch und Maschine in der Matrix-Trilogie durchleuchten. Dies wird an Schlüsselszenen vonstatten gehen, da die Analyse des gesamten Filmmaterials wohl den Rahmen jeder Arbeit sprengen würde. Hierbei sollen - sofern möglich - auch immer Querverbindungen zu (aktuellen) Wissen­schaftsdiskursen aufgezeigt und beispielsweise durch Zitate belegt werden.

Zuerst möchte ich ganz kurz auf die virtuelle Realität namens Matrix eingehen, deren Aufbau und Charakteristik aber nach der Sichtung des Filmmaterials im Wesentlichen klar sein sollte.

Danach geht es um Identität und somit darum, wie sich ein Mensch in einer virtuellen Realität zurechtfinden kann, was er neu lernen muss und wie sich seine Situation in der virtuellen Welt von der in der realen Welt unterscheidet. Außerdem wird hier auch das im Film auftretende Identitätsbewusstsein von Programmen bearbeitet.

Dem folgen Bemerkungen zur Annäherung von Mensch und Maschine, wobei jetzt schon verraten werden kann, dass es sowohl um Menschmaschinen als auch um Ma­schinenmenschen geht, die Annäherung also in beide Richtungen verläuft. Anschließend komme ich zu der Frage, die sich aus der Gesamtsituation der Menschheit in der Trilogie erhebt und auch heute schon in diversen Zusammenhängen immer wieder auftritt; sei es bei der KI-Forschung, in der Gen-Forschung oder beim Klonen. Es ist die Frage, ob der Mensch aus ethischer Sicht alles das darf, was er kann und inwiefern Einschnitte gemacht werden müssen.

Am Ende wird ein kleines Fazit die grundlegenden Ergebnisse dieser Arbeit noch einmal konzentriert widerspiegeln.

1. Die Matrix

Was ist die Matrix? Diese Frage ist besonders für den ersten Teil der Trilogie, der natürlich alle in die Geschichte einführenden Elemente beinhalten muss, dermaßen zentral gewesen, dass sogar die offizielle lnternetseite des Films die Adresse www.whatisthematrix.com erhielt. Die Matrix ist eine computergenerierte Scheinwelt und einige ihrer wesentlichen Charakteristika finden sich - leicht abstrahiert - in folgendem Zitat, dass mit der Trilogie selbst eigentlich gar nichts zu tun hat, aber so doch auf eindrucksvolle Weise verdeutlicht, wie nah Film und wissenschaftlicher Diskurs teilweise beieinander liegen:

„Die Computertechnik eröffnete den Zugang zu einer Welt der Simulation, einer Welt aus bloßem Fluß von Zeichen. Mensch und Maschine fungieren in dieser Perspektive nur noch als Produzenten und Interpretatoren von Zeichen, von Text. Sie werden austauschbar. Der Bezug zur organischen Materie, zur Substanz der Wahrnehmung erlischt. Die immaterielle Welt der Zeichen, Symbole, Codes und Wörter erweist sich für die Funktion des Organischen als ambivalent: sie eröffnet Möglichkeiten seiner Verdrängung, zugleich aber relativiert sie die Notwendigkeit einer totalen Verdrängung. Denn die Welt der reinen Information ist universalistisch. Um den Zugang zur eigenen Logik beraubt, steht der Wiederkehr des Organischen prinzipiell nichts im Wege. (Berr, S. 108)

In diesem Zitat wird auch schon auf das Verhältnis von Geist und Körper in einer virtuellen Welt eingegangen, das im Folgenden auch noch Gegenstand dieser Arbeit sein wird.

Bemerkenswert ist aber auch die Namensgebung dieser simulierten Welt. Aus dem Lateinischen übersetzt bedeutet Matrix nämlich Muttertier, womit man z.B. so etwas wie Fürsorge, Pflege, Behaglichkeit und einen gewissen organischen Bezug asso­ziieren kann. Dem gegenüber steht ein mathematisches Konstrukt namens Matrix, dass in seinem tabellenartigen Aufbau ein wenig an den Code der Matrix, so wie er in der Trilogie dargestellt wird, erinnert. Etwas simplifiziert könnte man also sagen, dass sich in der Bezeichnung „Matrix" Organisches und Konstruiertes gegenüberstehen und sich doch - nämlich im Begriff selbst - irgendwie vereinen. Auch dieses Verhältnis von Organischem und Konstruiertem, Mensch und Maschine wird im Verlauf dieser Arbeit Gegenstand der Untersuchung sein.

2. Identität

2.1 Neos Entwicklung

Identitätsaufbau und Selbstfindung beschreiben einen bemerkenswerten Aspekt, der sich durch die gesamte Trilogie zieht, diesbezüglich grundlegendste Geschehnisse findet man aber (natürlich) besonders im ersten Film. So ist deutlich eine Entwicklung zu beobachten, die der „Auserwählte" erfährt und die auch filmisch immer wieder deutlich hervorgehoben wird. Natürlich muss hier aber gleich festgehalten werden, dass Neos Entfaltung nicht repräsentativ für das Eintreten in virtuelle Welten ist: die dargestellte Geschichte ist so einzigartig und speziell, dass sich ihre psychischen Folgen gewiss nicht auf andere virtuelle Realitäten - beispielsweise Chats oder Computerspiele - adaptieren lassen.

Am Anfang der Geschehnisse sieht man Neo in der vermeintlich realen Welt. Er lebt ein relativ normales Leben und hält sich schätzungsweise in etwa für so normal, wie Sie und ich es gerade tun. Er hat also eine Identität und wenn man so will sogar zwei: die als Programmierer namens Thomas Anderson und eine andere als Hacker mit dem Pseudonym „Neo".

Doch dann wird Neo von Morpheus aus der virtuellen Realität der Matrix befreit und in die wirkliche Realwelt eingeführt. Hier erfährt er, dass alles, was er bisher in seinem Leben gedacht, getan, gefühlt oder schlichtweg erlebt hat, nur Teil einer gigantischen Simulation war und er in der Wirklichkeit zeit seines Lebens zwecks Energieproduktion an eine Menschenplantage der Maschinen angeschlossen ist, die mittlerweile die Erde beherrschen. Für den Auserwählten bedeutet das die Auslöschung seiner Identität, denn alles, wodurch er sie aufgebaut hat, war nur eine Illusion. Bemerkenswert ist hierbei, dass sowohl die Seele (als Synonym zur Identität) „auf Null gesetzt" wird, als auch der Körper: Neos Muskeln müssen aufgebaut werden und seine Augen brennen, weil er in der realen Welt beides noch nie genutzt hat. Körper und Geist beginnen also gleichzeitig mit ihrem Neuaufbau und man könnte hier das dargestellt sehen, was schon La Mettrie festhielt: die „Entwicklung der Seele richtet sich nach der des Körpers" (S. 29) und die „verschiedenen Zustände der Seele stehen also immer in Wechselbeziehung zu denen des Körpers" (S. 30). Somit findet sich hier schon ein Hinweis darauf, dass im Verlauf der Trilogie Körper und Geist niemals absolut unabhängig voneinander existieren können.

Interessant ist in diesem Zusammenhang das sog. „Restselbstbild", „die mentale Projektion deines digitalen Selbst" (Zit. Morpheus, Matrix I). Es beinhaltet Details wie Aussehen und Kleidung - Stil, wenn man so will. Im übertragenen Sinn ist es mit dem vergleichbar, was einem heute schon im Internet unter dem Namen Avatar begegnet; „die Benutzter/innen kreieren eine Selbst-Repräsentation, das heißt, sie werden von ihren Avatars vertreten, die bestimmte Züge ihrer Vorstellungen aufweisen, darstellen. (s. Angerer, S. 170). Und genau damit konservieren Avatars auch Identität, wenn vielleicht auch nur indirekt oder bruchstückhaft. Das eigentlich Besondere ist der Umstand, dass dieses Restselbst oder diese Teilidentität digital ist und somit eher nicht auf der Ebene anzusiedeln ist, auf der wir Geist, Seele und ihre Entsprechungen sehen. Denn wörtlich genommen bezeichnet „digitales Selbst" den in eine Datenmenge umgewandelten Geist, eventuell binär codiert und somit extern speicherbar. Hier spiegeln sich extropistische Gedanken des „uploadings" wider (vgl. Becker, S. 53), die allerdings im Kontext der stark negativ konnotierten Zwangsscheinwelt Matrix ebenfalls in einem eher schlechten Licht stehen und kein adäquates Substitut der von uns gewohnten Identität darstellen. Digitalisiert und (eventl.) außerhalb des Körpers gespeichert heißt hier nämlich auch, dass die Identität eines Menschen von einer Maschine beliebig festgesetzt oder verändert werden kann. Leider fällt die Beschreibung des Restselbstbildes in der Trilogie zu knapp aus, um hier noch konkretere Überlegungen anzustellen.

Auf den totalen Identitätsverlust reagiert Neo natürlich geschockt und muss sich übergeben (s. Matrix I). Lutz Ellrich formulierte „Überlegungen zur personalen Identität im Zeitalter elektronischer Medien", und es ist beinahe verblüffend, wie passend Ellrichs Gedanken für den hier bearbeiten Aspekt der Identitätskrise Neos sind, wenn die Ausführungen auch nicht bildlich genommen werden sollten:

„Ekel ist eine (kulturell codier-, aber kaum beherrschbare) leib-seelische Abwehrreaktion auf die Gefährdung oder den Zerfall von Identitätsgrenzen. Es ist mehr als eine bloße Reaktion, sondern ein (zumeist viszeral oper­ierender) produktiver Mechanismus zur Behauptung von Identität. Durch das Abstoßen störender und eindringender Substanzen wird nämlich eine vorübergehende Kontrolle über die Innen/Außen-Differenz der Person als Körper zurückgewonnen." (S.74f.)

Die störende Substanz dürfte in diesem Beispiel eher die Realität als Neos Mageninhalt sei und die reale Welt wird entsprechend durch die einsetzende Bewusstlosigkeit abgestoßen. Es ist zu bedenken, dass nicht nur die Identität an sich als Lüge oder Illusion entlarvt wird, sondern dass sich auch die Umwelt, an die Identität gekoppelt ist, plötzlich ganz anders darstellt. Die erdrückende, deprimierende Realität einer zerstörten Erde und einer versklavten Menschheit, die kurz vor ihrem totalen Genozid steht, stellt eine Wirklichkeit da, die vor allem durch ihr so unmittelbares Eintreten für Neo einem schier unglaublichen Phantasmus gleich­kommen und seine Orientierungsfähigkeit nachhaltig erschüttern muss.

Nachdem Neos Identität quasi fast auf den Nullpunkt zurückgesetzt wurde, offenbart ihm Morpheus, dass er (Neo) „der Auserwählte" sei, dessen Ankunft ein Orakel vorausgesagt hätte und dessen Bestimmung es sei, den Krieg zwischen Menschen und Maschinen zu beenden. Hierdurch wird eine Art Wegweiser zum Identitätsaufbau geliefert, der die Richtung der Entwicklung anzeigt und außerdem die Frage aufwirft, ob Neo ohne das Zurücksetzen seiner künstlichen Identität überhaupt fähig gewesen wäre, die Rolle des Messias, die ihm nun auferlegt wird, anzunehmen und sein Selbst entsprechend aufzubauen. Ein erster Schritt in Richtung Selbstfindung ist also getan, jedoch wird das ganze Messias-Szenario in seiner Definität von eher mystischen Faktoren wie der Voraussage eines Orakels oder der Berufung auf Glauben (ungleich Wissen) untergraben. Auch der Umstand, dass Morpheus annähernd allein an Neos besondere Fähigkeiten glaubt, macht es für den Auserwählten alles andere als leicht, seine Rolle anzunehmen. Wie bereits oben angesprochen, steht Identität auch immer in einer Wechselbeziehung mit der Umwelt des Individuums. Wenn die Umwelt allerdings größtenteils negative oder neutrale Rückmeldungen auf den Identitätsentwurf gibt, in diesem Beispiel also nicht an den Auserwählten glaubt oder sich unsicher ist, so wird es für das Individuum sehr schwer, den eingeschlagenen Weg beizubehalten. Dem entsprechend fügt sich Neo in seine neue Rolle, ohne aber wirklich an seinen Status als Auserwählter zu glauben.

Bei einem Besuch des Orakels sagt es Neo, dass er nicht der Auserwählte sei, jedoch die Gabe dazu hätte. Somit scheint alles, was Neo bis zu diesem Zeitpunkt wieder an Identität aufgebaut hat, mit einem Schlag zerstört zu sein. Und mehr noch: Neo wird die Schuld daran gegeben, da er auf irgendetwas warte; Enttäuschung und Selbst­zweifel sind die Folge. Doch das Orakel verweist auf den Spruch „Erkenne dich selbst" und macht Neo deutlich, dass er an seine Bestimmung glauben muss, da er sie ansonsten nicht realisieren könne. Weiter verrät das Orakel, dass Morpheus so stark an Neo glaubt, dass er sein Leben für den Auserwählten opfern würde. Spätestens hier wird deutlich, dass Neo zwischen einer Identitätskonstruktion (seitens Morpheus und des Orakels, übergeordnet vielleicht seitens des Schicksals) und seiner eigenen Identitätsfindung steckt. Er wird in ein Muster gedrückt, was in sofern verständlich ist, als dass die Zeit drängt. Allerdings scheint dies alles so schnell abzulaufen, dass der junge Mann keine Gelegenheit hat, seine Bestimmung, seine Bedeutung zu verstehen, geschweige denn zu erproben und ganz anzunehmen.

Je länger Neo in der Realwelt ist und je besser er sich an die Matrix gewöhnt, desto mehr nimmt er die Rolle eines Widerstandskämpfers an. Vorläufiger Höhepunkt dieses Auftretens ist die Befreiung Morpheus', bei der der Auserwählte an seine Fähigkeiten zu glauben scheint und in sich trotz starker Unterzahl in ein Feuergefecht in der Matrix wagt. Morpheus wird befreit und Neo kann sogar Trinity noch aus dem abstürzenden Hubschrauber retten. Der Glaube oder zumindest das entsprechende Handeln eines Auserwählten scheint die Prophezeiung des Orakels zu realisieren. Im Drehbuch heißt es dazu (Hervorhebungen von mir, Seitenzahlangabe unmöglich):

INT. MAIN DECK

Tank stares at the screen, his mouth agape. TANK: He's the One. He's got to be... EXT. ROOFTOP (MATRIX) - DAY

Neo pulls Trinity up into his arms. Both shaking, they hold each other again.

MORPHEUS: I knew it! I goddamn knew it! TRINITY: Morpheus!

She runs at him, throwing her arms around him. MORPHEUS: Do you believe me now? He's the One! Who else could have done this?

Neo hat sich also gefunden, glaubt an sich und seine Fähigkeiten. Dies zeigt sich beispielsweise auch, als er im Bahnhof gegen einen Agenten kämpft (und ihn kurzzeitig besiegt), anstatt vor ihm zu flüchten. Doch dann wird der Auserwählte gegen Ende des ersten Films erschossen und alles scheint erneut zusammenzubrechen: die Voraussagung des Orakels kann nicht stimmen, da der angebliche Messias tot ist, ohne die Menschheit gerettet zu haben. Weiterhin kann Neo nicht der Messias sein, da dieser durch seine göttliche Bestimmung nicht vor der Erfüllung seiner Aufgabe sterben kann. Zynisch gesagt verliert Neo nicht nur sein Leben, sondern erneut seine Identität. Da dies aber alles nicht sein darf, wird der Auserwählte durch ein Wunder wiederbelebt. Damit ist sein Messias-Status quasi „amtlich" und Neo besitzt fortan die Fähigkeit, die Scheinwelt der Matrix in ihrem Code zu betrachten und zu durchschauen.

Somit endet die Odyssee der Suche nach dem eigenen Selbst, die geprägt war von einem ständigen Auf und Ab, Hoffnung und immer wiederkehrender Enttäuschung. Neo ist der Auserwählte und bleibt es auch. Sein Selbstbild festigt sich in den folgenden Teilen immer mehr, es wird aber nicht mehr grundlegend erschüttert.

2.2 Identität und Geist in der Matrix

Die geistige Identität in der Matrix gleicht der jeweiligen Identität in der Realwelt. Denkmuster und Handlungsstrukturen sind identisch, denn genau betrachtet ist der Geist aus der wirklichen Welt das einzige halbwegs reale Element in der Matrix. D.h., dass sich die Mitglieder des Widerstands mit ihrem Geist in die simulierte Welt einklinken, ihr Bewusstsein also den Körper verlässt und in die Scheinwelt eingespeist wird. Der organische Körper bleibt in der Realwelt zurück, ist aber ebenfalls in dem oben bereits angesprochenen Restselbstbild vertreten, so dass sich realer Geist und simulierter Körper in der Matrix wieder vereinen können.Das Trennen der Körper-Geist-Einheit bringt aber auch Gefahren mit sich:

Neo: If you are killed in the Matrix, you die here?

Morpheus: Your body cannot live without the mind.

Und exakt das macht einen wichtigen Unterschied der Matrix zu anderen virtuellen Welten aus: sie ist eben kein Spiel, bei dem man endlos viele Chancen und Möglich­keiten zum Neustart hat. Hier zeigen sich sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unter­schiede zu den Zielsetzungen der Extropiker: ihre Begründung für das uploading (s.o.) ist es, die „Dysfunktionalität und Fragilität des Körpers" (s. Becker, S. 53) zu über­winden, indem das eigentlich Wichtige - der Geist - in externen mechanischen Datenbanken exportiert wird. In der Matrix ist der Körper insofern bedeutungsvoll, als er notwendige Voraussetzung für die Existenz des Geistes ist. Es ist nämlich nicht nur so, dass der Tod des Geistes in der Matrix auch das Ende der Vitalfunktionen des organischen Körpers zur Folge hat, sondern auch umgekehrt: wird der Körper in der realen Welt letal verletzt (beispielsweise bei Angriffen von Wächtern), stirbt auch der Geist in der Scheinwelt.

Eine Eigenheit der Trilogie erinnert stark an den Spruch „Kleider machen Leute". So tragen die freien Menschen in der Real-Welt - sieht man von Senatoren und Offizieren ab - eigentlich nur Lumpen, zerrissene Kleider und legen ein eher ungepflegtes, oftmals verschwitztes Äußeres an den Tag (letzteres sicherlich durch die Nähe zum heißen Erdkern bedingt). Sobald sich Mitglieder des Widerstands aber in die Matrix einklinken, tragen sie eine weitaus andere Art von Kleidung, die zum einen neuwertig ist und zum anderen einen ganz besonderen Stil vermittelt: sehr lange, schwarze Mäntel (teilweise aus Leder) prägen das Bild, bei Trinity sind es enge, ebenfalls schwarze Latex-Kombinationen; geschlechtsunabhängig kombiniert mit schweren Stiefeln und ebenfalls schwarzen Sonnenbrillen. Die Unterschiede des äußeren Erscheinungsbildes in Real-Welt und Matrix verdeutlichen die jeweilige Position der Menschen: in der realen Welt sind es schwache Organismen, in der Matrix jedoch treten sie als Aggressor auf, was durch das martialische und selbstbewusste Auftreten (vgl. hierzu auch Morpheus' ständiges Verschränken der Arme hinter dem Rücken) verdeutlicht wird. Somit ist das Restselbstbild in Form des simulierten Körpers noch gegeben, das restliche Aussehen kann aber verändert werden und somit verändern sich auf gewisse Weise auch Teile der Identität. Wie bereits angesprochen, steht diese ja auch immer in direktem Bezug zu ihrer Umwelt, philosophisch ausgedrückt bin ich also so, wie ich es zu sein scheine.

2.3 Identität künstlicher Intelligenz

Die Feststellungen zu Identität in einer virtuellen Welt und zum Identitätsaufbau zwischen einer Realwelt und der Matrix sind sicherlich interessant und mitunter viel­leicht auch etwas verwirrend. Noch spannender ist m.E. die Entwicklung einer Identi­tät bei Programmen mit künstlicher Intelligenz. Diese soll im Folgenden an den beiden wohl wichtigsten auftretenden Programmen der Matrix untersucht werden, nämlich an Agent Smith und dem Orakel. Zuerst sollte allerdings festgehalten werden, was diesbezüglich unter Identität zu verstehen ist.

Identität und Autonomie sind bei diesem Untersuchungsaspekt zwei Begriffe, die sehr nah beieinander stehen. Ein normales Programm, das aus bloßen Befehlen und Rechenoperationen besteht, besitzt sicherlich keine dieser beiden Dinge. Und selbst eine programmierte künstliche Intelligenz handelt im Normalfall individuell, aber keinesfalls autonom. Sie befolgt immer und allein die ihr zugesprochene Aufgabe, nichts darüber hinaus. In der Matrix-Trilogie gibt es aber Programme, die sich verselbstständigt haben, beispielsweise Agent Smith, die indische Familie oder der Schlüsselmacher. Folglich gibt es sowohl bei den Menschen als auch bei den Maschinen Vertreter mit einer „Affinität zum Ungehorsam" (Zit. Morpheus, Matrix II), die sich gegen ihre Versklavung zur Wehr setzen und mehr oder weniger gegen das System der Scheinwelt agieren. Hier zeigt sich eine gewisse „Vermenschlichung" von Programmen, was aber später noch angesprochen wird.

Bei Agent Smith heißt es dazu im Drehbuch (Markierungen von mir):

„Agent Smith hides his knotting fist. He is becoming angry. It is something that isn't supposed to happen to agents.

(...)

AGENT SMITH: I hate this place. This zoo. This prison. This reality, whatever you want to call it, I can't stand it any longer. It's the smell, if there is such a thing. I feel saturated by it. I can taste your stink and every time I do, I fear that I've somehow been infected by it."

Es ist nicht ganz klar, inwieweit die Abneigung gegen den menschlichen Geruch wörtlich zu nehmen ist; allerdings tritt genau dieser Vorwurf auch in den folgenden Trilogieteilen erneut auf. M.E. soll er eher als Symbol für das Organische stehen, zumal der Agent Morpheus beim Verhör auch dessen Schweiß im wahrsten Sinne des Wortes „unter die Nase reibt".

Smith will also nichts mehr mit den Menschen zu tun haben, obwohl er es definitiv könnte: die Agenten Jones und Brown sind annähernd genauso programmiert wie Smith, scheinen dessen extreme Abneigung allerdings nicht zu teilen. Auffällig ist aber, dass Smith das Agenten-Trio anführt, woraus sich schließen lässt, dass seine KI höher ist, als die von Jones und Brown. Gerade hier muss die Ursache für die Bildung einer Identität bei Programmen liegen.

Hier spiegeln sich die Geschehnisse der Aufklärung wider, da Smiths künstliche Intelligenz so hoch ist, dass er selbstständig denken kann und die Fähigkeit zum „sapere aude" erlangt. Insofern hat ein Programmierer der Maschinen - eventuell sogar der Architekt - einen Fehler gemacht, der später das ganze System gefährden soll. Parallelen zur Zeit des europäischen 16. bis 18. Jahrhunderts sind auch hier nicht von der Hand zu weisen: der herrschenden Klasse (den Maschinen) gelingt es nicht, ihre Untertanen (Smith und andere Programme) auf einer primitiven und doch produktiven Ebene zu halten. Das System wird hinterfragt, das selbstständig denkende „Proletariat" vergrößert sich (Smiths Selbstklonen) und revoltiert schließlich gegen seine Unterdrückung, gegen das System.

Neben Parallelen zur Aufklärung verdeutlicht sich hier aber auch ein, wenn nicht der Vorbehalt gegen die Folgen ignorierende Forschung an künstlicher Intelligenz und das uneingeschränkte Vertrauen auf Maschinen. Nur beispielsweise sei hier an Barbara Becker verwiesen, die Prognosen über Maschinen von Kevin Kelly - seines Zeichens Herausgeber einer Internetzeitschrift zusammenfasst:

„Sie werden adaptionsfähig sein, sie können sich aus sich selbst heraus entfalten (evolvable hardware), sie werden elastischer, unbeschränkt und unbegrenzt in ihren Möglichkeiten aufgrund hochkomplexer Verschaltungen werden. Darüberhinaus wird unterstellt, daß sie zu autonomen, nicht länger zentral gesteuerten und kontrollierten Aktionen in der Lage seien (...). Die Nachteile derartiger Maschinen bestünden vor allem in ihrer mangelnden Kontrollierbarkeit, der Unvorhersagbarkeit ihrer Aktionen und der Nichtdeter­miniertheit der jeweiligen Abläufe." (s. Becker, S. 50).

Das, was einige (vielleicht viele) Menschen heute befürchten, der Verlust der Kontrolle über unsere Maschinen, hat sich demnach für die Matrix realisiert und die Simulation verliert die Gewalt über ihr Programm.

Die angesprochenen Parallelen sind insofern besonders interessant, als dass Menschen und Maschinen teilweise die gleichen Probleme zu haben scheinen, dass sich bestimmte Geschehnisse sowohl in einem organischen als auch in einem mechanischen System scheinbar zwangsläufig einstellen. Und weiter: die Menschen durchlebten die Aufklärung ab dem 18. Jahrhundert, die konkrete Angst vor unkontrollierbaren Maschinen stellte sich schätzungsweise Mitte des 20. Jahrhunderts ein. Die Menschheit beschäftigte sich mit diesen Aspekten also ca. 250 bi 450 Jahre vor der Verselbstständigung des Programms Smith - wenn dies tatsächlich etwa 2197 geschieht, wie Morpheus' es schätzt (vgl. Drehbuch). Somit hätten die Maschinen aus den Erfahrungen der Menschheit nicht gelernt, obwohl sie entsprechende Daten sicherlich parat hatten.

Smith entwickelt den Wunsch, die gesamte Menschheit zu vernichten; nicht aus Gehorsam gegenüber den Maschinen, sondern aus Rache an der Spezies, die er dafür verantwortlich macht, in der Matrix gefangen zu sein. Zweitens will er - wie in der Aufklärung - das System (der Maschinen) stürzen, um sich selbst zu befreien. Somit wäre alles Organische und Mechanische auf der Erde zerstört, nur ein Teil einer Virtualität würde noch existieren. Im dritten Film wird sogar die Vermutung angestellt, dass Smith nach der Zerstörung der Erde auch über andere Planeten und Welten herfallen würde. Wie dies geschehen soll, wie ein Programm ohne maschinell­elektronischen Träger „überleben" soll, bleibt dahingestellt.

Das Orakel ist ebenfalls ein Programm der Matrix, zumindest wird dies an verschiedenen Stellen konstatiert. Fraglich ist dann allerdings, wie dieser Umstand sich mit einer Äußerung des Architekten decken soll: „Wenn ich der Vater der Matrix bin, dann ist sie zweifellos die Mutter." (Matrix II). Allerdings nennt der Architekt selbst die Prophezeiung (und damit natürlich auch das Orakel) „nur ein weiteres Kontrollprogramm" (Matrix II). Die beiden letzten Zitate stehen sich in ihrer Aussage nach unserem Verständnis konträr gegenüber: wie oder warum soll etwas Schöpfer und gleichzeitig doch nur Teil einer simulierten Welt sein? Und weiter: warum hilft das Orakel dem Auserwählten, der die Matrix zerstören soll, wenn es sie selbst erschaffen hat? Diese und andere Fragen müssen offen gelassen werden und spiegeln auch dadurch den ungenauen Status des Orakels wider, der z.B. auch durch die oft zu vernehmende Äußerung „Sie hat dir gesagt, was du hören musstest." (sinngemäß) oder das Hinterfragen der eigenen Vertrauenswürdigkeit gegenüber dem Auserwählten verdeutlicht wird. Das Orakel ist nicht greifbar, so wie die Legenden und Sagen, in denen Orakel vorkommen; die Rolle des Orakels bleibt mystisch. Generell gibt es eine Instanz, die sich dem Menschen nie gänzlich erschließt: Gott. Dies passt zur Rolle der Matrix-Schöpferin und zur Gesellin des Architekten, dessen gottgleicher Status offensichtlicher ist, und wird außerdem durch den Orakel-Wächter Seraph angedeutet; zu ihm aber später mehr. Somit kann man dem Orakel eine göttliche Identität zusprechen und sollte sich nicht allzu sehr von der Einstufung als bloßes „Programm der Maschinen" irritieren lassen.

3. Annäherung und Verschmelzung von Mensch und Maschine

3.1 Organisches und Mechanisches

Zentrale Voraussetzung für das „Betreten" der Matrix aus der Realwelt heraus sind die Anschlüsse, welche die Maschinen an den versklavten Menschen zur Ernährung und Energieabfuhr angebracht haben. Frei Geborene haben diese Anschlüsse daher nicht und können sich nicht in die Matrix einklinken.

Von der Anwendungsweise erinnert das Einklinken über die Anschlüsse an das Plug-­and-Play-Verfahren, dass heute bei Computern allgegenwärtig ist. Auch hier wird einfach ein Stecker in die vorgesehene Buchse gesteckt und das angeschlossene Gerät ist betriebsbereit.

Denkt man einen Schritt weiter, so fällt vielleicht auf, dass es sicherlich nicht damit getan ist, einen großen Stecker in das menschliche Gehirn zu stoßen, um in diesem irgendwelche Veränderungen vornehmen, geschweige denn eine ganze Welt simulieren zu können, ohne das Gehirn dabei schwer zu beschädigen. Die Maschinen müssen es also geschafft haben, ein Interface oder „Biosensor" (vgl. Berr, S. 109f.) zu entwickeln und am menschlichen Gehirn anzubringen, das einen digitalen Input in Nervenströme o.ä. organische Spezifika umwandelt. Es ist nur allzu wahrscheinlich, dass der Mensch dabei der Lehrmeister war: „»Life Science«, eine Zusammenfassung von Gen-, Bio- und Informationstechnologie, wird immer häufiger als die Schlüsseltechnologie der Zukunft betrachtet" (s. Becker, S. 41). Gehen wir ins Detail: das just beschriebene Interface erfordert zwei wesentliche Schritte, nämliche seine Entwicklung und seine Installation. Bei der Entwicklung denke man nur an einen Herzschrittmacher und hat schon das Bild einer elektromechanischen Konstruktion vor Augen, die durch elektrische Impulse Reaktionen eines menschlichen Organs provoziert, was vom Prinzip her mit einem Gehirninterface vergleichbar ist. Bei der Installation sind Parallelen zur heutigen Realität eventuell noch offenkundiger: Roboter unterstützen in modernen Kliniken bereits Ärzte bei Operationen, die eine hohe Präzision verlangen, wie es besonders bei Arbeiten am Gehirn der Fall ist. Hierzu Barbara Becker:

„Bereits mit der Prothesentechnik drang die Maschine in den Körper, wurden technische Artefakte zu Teilen des Körperschemas. (...) Entsprechend ist die ohnehin problematische Aufrechterhaltung des traditionell als ontologisch gedeuteten Unterschieds von Technischem und Organischem immer weniger plausibel." (s. Becker, S. 52).

Die versklavten Menschen der Realwelt werden von den Maschinen zu Cyborgs gemacht. Als Neo das Wissen über verschiedenste Kampfsport-Arten über die Anschlüsse ins Bewusstsein geladen wird, heißt es im Drehbuch „Ten hours straight. He's a machine." (Zit. Tank über Neo). Das Organische tritt in den Hintergrund, Neos Körper liegt annähernd regungslos in einer Liege. Hier realisiert sich das, was heute von Extropikern prognostiziert wird und oben bereits angesprochen wurde.

Dreht man die Richtung des Ladens des Geistes und somit der Verschmelzung von Mensch und Maschine einmal herum, so gibt es in der Trilogie eine einzige Szene, in der sich ein Programm in das Gehirn eines Menschen in der Realwelt einspielt, nämlich als Agent Smith sich auf Bane überträgt. M.E. stellt dieses Ereignis ein großes Problem der extropianischen Idee vom uploading dar, das ich mit einer heute schon allgegenwärtigen Gefahr vergleichen möchte. So wählt man sich heute mit dem Computer in eine virtuelle Welt (das Internet) ein, kommuniziert, interagiert und verändert. Fängt sich der PC aber dabei einen Virus ein, so beeinflusst dieser den Rechner auch dann noch in negativer Weise, wenn die Verbindung zur virtuellen Welt gekappt wurde. Anti-Viren-Programme sind heute ebenso ein Muss, wie Anwendungen zur Abwehr von Hacker-Angriffen. Die Widerstandskämpfer der Matrix gehen scheinbar ohne Schutz in die Matrix und so passiert es, dass ein befallener Teil das ganze System, die ganze Gruppe gefährdet (Bane plant ein Messer­Attentat auf Neo, Bane zerstört ein Schiff und tötet die Besatzung, Bane will Neo von seiner Reise zu der Maschinenstadt abhalten). Vielleicht sollten sich Extropiker erst einmal Gedanken über den Schutz des Geistes beim uploading machen, bevor sie ihre Visionen ohne Überlegungen zu Präventivmaßnahmen fortsetzen.

3.2 menschliche Nutzung von Maschinen

Trotz all des Leids, das die Menschen durch die Maschinen erfahren haben, nutzen sie dennoch weiterhin Maschinen für ihre Zwecke. Beispiele hierfür sind die technischen Anlagen in Zion, die Schlachtschiffe oder die APUs. Letztere stellen im Prinzip nichts anderes dar, als eine Maschine mit menschlichem Gehirn. Die Maschine ist dabei dem Skelett eines Menschen nachempfunden und die Konstruktion bewegt sich auf zwei „Beinen". Besonders diese Fortbewegungsart ist eine an Maschinen sehr schwer umzusetzende und labile Form (vgl. Berr, S. 76f.) und stellt nicht gerade eine stabile Basis für die gesamte Konstruktion dar. Der Menschenkopf ersetzt auf tatsächlicher als sogar auch auf ikonographischer Ebene den Kopf des Roboters. Der Pilot der APU (Armoured Personnel Unit) ersetzt dabei technische Koordinations- und Kommunikationssysteme auf KI-Basis; bildhaft gesprochen, verleiht er der Maschine Geist. Ohne die mechanische Konstruktion könnte der Pilot mit seinem dann unmittelbar „als defizitär erlebten Körper[s]" (s. Becker, S. 44) und einem wesentlich geringerem Waffenarsenal entscheidend weniger gegen die angreifende Wächterschar anrichten. Es muss aber herausgestellt werden, dass es sich hierbei eigentlich nicht um eine transhumanistische oder extropianische Vision handelt. Vielmehr scheint diese Einheit aus Mensch und Maschine eine Alternative zu diesen Vorschlägen, wie man die Vulnerabilität und Insuffizienz des Leibkörpers kompensieren oder minimieren kann, zu sein.

Die Maschine wird als Werkzeug und Waffe gegen Maschinen eingesetzt. Vielleicht wurde auch deshalb auf eine KI-Steuerung der Abwehr-Einrichtungen in Zion verzichtet. In diesem Fall würde nämlich die Gefahr bestehen, dass die „bösen" Maschinen die eigentlich „guten" Maschinen auf ihre Seite bringen und Zion dann seine Verteidigung und Feuerkraft an den Gegner verliert. Ähnlich ist es bei den Schiffen (Hovercrafts): die Steuerung wirkt recht mechanisch, Niobe setzt bei ihrer Fahrt sogar auf (s. Matrix III), so dass die Vermutung nahe liegt, dass auch hier auf künstliche Intelligenz verzichtet wird.

Die Menschen haben die Angst vor den Maschinen internalisiert. Sie trauen (zu­mindest) künstlicher Intelligenz nicht mehr über den Weg und meiden sie selbst dort, wo sie sehr hilfreich sein könnte - wenn sie sicher wäre. Die Piloten in den APUs sterben, weil man sich nicht mehr auf KI oder allzu hoch entwickelte Programme verlassen will. Die dezimierte Menschheit hat gelernt und „Technikfolgen­abschätzung" (vgl. Wegner, 5.19) hat nun offensichtlich eine bemerkenswert hohe Priorität. Je mehr man die KI von Maschinen nutzt, desto mehr Informationen (über sich selbst und seine eigene Situation) muss man ihnen zur Verfügung stellen und desto abhängiger wird man auch von ihnen. Roßnagel stellte dazu fest:

„Information ist eine immaterielle Abbildung von Personen, Dingen oder Prozessen. Ihre Repräsentation erlaubt Planung, Steuerung und Kontrolle, schafft also Möglichkeiten, andere zu beeinflussen und eigene Zwecke durchzusetzen. Je mehr jemand über einen anderen weiß, um so leichter kann er ihn zum Ziel seiner Aktivitäten machen. Verfügt er über ausreichende Informationen, wird sein gegenüber für ihn transparent, er kann ihn besser überwachen und seine Reaktionen leichter vorausberechnen. Er kann (muß nicht) ihn beherrschen." (zit. n. Ziegelmeier, S. 127).

Dieses Zitat spiegelt ziemlich genau die Gefahr wieder, mit der sich die Menschheit in der Matrix-Trilogie konfrontiert sieht, falls sie intelligente Maschinen nutzt.

3.3 Symbiotische Beziehungen

Hinweise auf eine symbiotische Beziehungsform im Verhältnis von Mensch und Maschine werden ab dem zweiten Teil der Trilogie eingebaut und teilweise recht deutlich hervorgehoben. Zu Beginn des ersten Films wird verdeutlicht, dass die Maschinen aus den Menschen Energie für sich gewinnen und der homo sapiens wird als einfaches Batterie-Substitut dargestellt. So gesehen würden die Maschinen eher ein parasitäres Dasein fristen. Jedoch, so zeigt sich, verlangen die gezüchteten Menschen auch Pflege; in einem späteren Teil wird darauf hingewiesen, dass in einer früheren, schlechten Matrix-Version ganze „Ernten" ausfielen. Die Maschinen umsorgen die Menschen also mit einer virtuellen Welt, die den Ansprüchen einer minimalen Gehirnaktivität gerecht wird.

Die Menschen wiederum möchten die dominierenden Maschinen ausschalten. Was sie (neben dem Auserwählten) dazu aber vor allem brauchen, sind Maschinen. Wie oben angesprochen ist der menschliche Körper in einer physikalischen Auseinandersetzung den Maschinen aus Stahl absolut unterlegen. Man muss also auf entsprechende Werkzeuge zurückgreifen und Technisches mit Technischem schlagen. Hierbei sollte aber nicht vergessen werden, dass zwischen zwei elementaren Arten von Maschinen zu unterscheiden ist: jenen mit künstlicher Intelligenz und jenen ohne künstliche Intelligenz.

Zu Beginn des zweiten Teils spricht der Senator das hier geschilderte Verhältnis an:

„Es gefällt mir, daran erinnert zu werden, dass diese Stadt dank dieser Maschinen überlebt. (...) Diese Maschinen halten und am Leben, während andere Maschinen kommen, um uns zu töten.".

Diese Feststellung ereignet sich, als Neo und der Senator die mechanische Anlage bestaunen, die für das Öffnen und Schließen der Tore Zions zuständig ist. Diese Konstruktion wird als enorm Mechanik-lastig dargestellt, mit sehr großen Zahnrädern, Ketten usw. Ob es sich hierbei nun um eine Konstruktion mit oder ohne KI handelt, wird nicht richtig deutlich. Kurz nach obiger Szene kommt es zu folgendem Dialog:

Senator: „Was ist Kontrolle?"

Neo: „Wenn wir wollten, könnten wir diese Maschinen abschalten." (...)

Senator: „Also brauchen wir Maschinen und sie brauchen uns."

Das symbiotische Verhältnis wird hier sehr direkt angesprochen. Man darf aber keinesfalls vergessen, dass die Menschen Maschinen nur brauchen, um Maschinen zu zerstören. Hier zeichnet sich ein gravierender Unterschied ab: die Maschinen brauchen die Menschen zur Sicherung ihrer Energieversorgung und Existenz, während das eigentliche Ziel der Menschen ist, die Maschinen auszuschalten, wozu sie aber Maschinen benötigen. D.h., dass die Beziehung eigentlich nicht rein symbiotisch ist.

Die freie Menschheit befindet sich also in einem Dilemma, bei dem auch die Technikfolgenabschätzung eine große Rolle spielt und die Gradwanderung zwischen symbiotischem und feindlichem Verhältnis beeinflusst.

3.4 Religionen, Mythen und Kulturen

In der Trilogie sind die verschiedensten Kulturen, Nationalitäten und Religionen vertreten. Das Spektrum reicht von Amerikanern und Europäern über Inder bis hin zu Asiaten. Besonders letztere sind auch oftmals mit ihrer Kultur vertreten, sei es durch die diversen Kampfsportarten oder Seraph, den Beschützer des Orakels. Ferner finden sich Anspielungen und Gleichnisse aus griechischer und christlicher Mythologie, die interessanterweise von den Maschinen in die Matrix eingebaut wurden und die eigenen Programme betiteln.

Die Mystizität des Orakels wurde oben bereits angesprochen, daher möchte ich hier nun auf den Orakel-Wächter Seraph eingehen, der diesen Namen sicherlich nicht zufällig trägt. Nach der christlichen Lehre sind Seraphim die höchsten Engel und stehen Gott am nächsten. Sie sind umgeben von einer feurigen Aura oder Flammenhülle, die nichts von ihrem eigentlichen Körper preisgibt. Als Neo im zweiten Film zum ersten Mal auf Seraph trifft, sieht er ihn im Matrix-Code eindeutig als eine Art Fremdkörper, der nicht aus dem Code besteht, sondern eher aus einer pulsierenden feurigen Aura. Auch weiß und erkennt Neo nicht, wer Seraph sein könnte und er muss ihn fragen. Hält man an der christlichen Definition fest, so wäre Seraph quasi der Beweis für die Göttlichkeit des Orakels, die oben schon in Betracht gezogen wurde, da er ihr am nächsten steht und dauerhaften Kontakt zu ihr hat, wie es eben die Seraphim zu Gott haben.

Eine weitere sagenhafte Namensgebung betrifft Persephone, die Frau des Merowingers. Persephone ist eine Figur der griechischen Mythologie und wurde von Hades, dem Herrscher der Unterwelt, entführt und zu seiner Frau gemacht. Dem entsprechend werden Persephone und der Merowinger auch dargestellt: als Fürst und Fürstin im „underground", die sich in einem dunklen Club aufhalten, umgarnt von Vampiren (letztere natürlich eine weitere mythische Komponente). Somit stellt vor allem der Merowinger das Gegenteil zu Architekt und Orakel dar, denn das Programm mit der selbst gewählten französischen Identität handelt erstens gegen den Architekten, indem es Daten in die und aus der Matrix heraus schmuggelt, die Herrschaft des Architekten also untergräbt. Zweitens hält der Merowinger den Schlüsselmacher gefangen, agiert also so und mit der Aggression gegen Neo gegen die Wünsche des Orakels, falls man sich darauf einlässt, ihr solche zuzusprechen.

Die zentrale Frage, die sich allein anhand dieser beiden wohl auffälligsten Beispiele stellt, ist die Frage nach dem Sinn der Namensgebung und der damit verbundenen mythologischen Assoziation. Warum sollten Maschinen ihre Programme nach Sagengestalten einer humanen Kultur benennen? Selbst wenn die Funktion des Programms mit den Überlieferungen der Menschheit übereinstimmen oder auffällige Parallelen zeigen, so ist dies noch immer keine zufrieden stellende und signifikante Antwort. So interessant diese Fragestellung m.E. auch ist, läuft man doch Gefahr, den Wachowski-Brüdern (ihres Zeichens Drehbuch-Autoren der Trilogie) sozusagen „in die Falle zu gehen" und einen Punkt zu verfolgen, der vielleicht gar nicht so vielsagend ist, wie er es zu sein scheint. Ich möchte hier aber die Theorie aufstellen, dass die Berufung der Maschinen auf mythische Figuren folgende Aspekte der Trilogie verdeutlichen sollen: erstens haben sich die Maschinen notwendigerweise mit der Geschichte der Menschheit auseinander gesetzt, wahrscheinlich durch den immensen Daten-Input, den die Menschen beim Arbeiten mit den Maschinen erzeugen; zweitens könnten die mythologischen Bezeichnungen auch verdeutlichen, dass die Differenzen in der Mensch-Maschine-Beziehung gar nicht so groß sein müssen, wie sie durch den Krieg erscheinen, so dass auch hier eine Annäherung von Mensch und Maschine angedeutet wird. Die Theorien müssen so stehengelassen werden; bewiesen werden können sie wohl kaum.

3.5 Gefühle & Sexualität

Gefühle und sexuelles Selbstbewusstsein spricht man für gewöhnlich Tieren zu, womit ich Menschen einschließen möchte. In der Matrix-Trilogie gibt es aber diverse Momente, in denen auch Programme Gefühlsregungen zeigen und sogar ein sexuelles Verhältnis zwischen zwei Programmen wird angesprochen. Diese Szenen wirken recht befremdlich - sowohl auf den Zuschauer, als auch auf Neo - und sollen hier näher untersucht werden.

Der erste größere Gefühlsausbruch stellt sich ein, als Agent Smith versucht, die Zugangscodes zu Zion von Morpheus zu erfahren (die Szene wurde oben schon einmal angesprochen, s. S. 10). Im Drehbuch wird hier deutlich darauf hingewiesen, wie fremdartig dieses Verhalten bei einem Programm wie dem Agenten ist. Bemerkenswert sind hier zwei Details: das Entfernen des Ohrstöpsels und die emotionale Steigerung Smiths. Der entfernte Stecker symbolisiert Smiths Abkopplung vom System und es ist zu erwarten, dass die Matrix nun nicht mehr sonderlich gut überwachen kann, was Smith ab diesem Moment sagt. Außerdem wird hierdurch die später erfolgende tatsächliche Abkopplung von der Matrix eingeleitet oder vorausge­deutet. Das deutliche Hineinsteigern in die Wut und Verabscheuung verstärkt natürlich die Fremdartigkeit der Emotion bei einer Maschine und macht letztere gleichzeitig auch menschenähnlicher. Beinahe jeder Computer mit einer akustischen Ausgabemöglichkeit (Soundkarte) kann heute beispielsweise den Satz „Ich hasse dich." sagen. Zum einen handelt es sich dabei aber nur um zusammengesetzte Worte, deren Bedeutung der Computer nicht kennt. Zum anderen werden diese Worte aber auch extrem monoton vorgetragen, da der PC weder ein emotionales Bewusstsein, noch die Fähigkeit zur emotions­spezifischen Modulation seiner Stimme hat. Solche Voraussetzungen für eine emotionale Ausdrucksform finden sich eigentlich nur bei Menschen.

Das zweite Beispiel stellt die indische Familie dar, wie sie zu Beginn des dritten Trilogie-Teils zu sehen ist. Hier werden gleich zwei Phänomene gezeigt, nämlich Liebe als auch Sexualität unter Maschinen.

Man neigt eventuell dazu, die Liebe so zu betrachten, wie man es beim Hass von Agent Smith tut; doch ganz so „einfach" scheint es hier nicht zu sein. Neo ist irritiert, als der Inder von der Liebe zu seiner Frau spricht und jener klärt auf, dass Liebe nur ein Wort sei und es allein darauf ankomme, was man mit diesem Wort verbindet. Diese Aussage lässt nun allerhand Spielraum für Interpretationen und Fragen: weiß der Inder überhaupt, was Liebe (so wie sie die Menschen kennen) ist; ist er wirklich verliebt; wie und wieso sollte ein Programm die Fähigkeit zu Lieben entwickeln, stellt diese doch das vielleicht irrationalste und somit für Maschinen untypischste Gefühl der menschlichen Bandbreite dar. Alle diese Fragen müssen offen gelassen werden, und somit scheint das Implantieren von maschineller Liebe in die Geschichte des Films vielmehr zeigen zu wollen, wo die Grenzen bei der Entwicklung von künstlicher Intelligenz liegen könnten. Selbst wenn ich ein technisches, elektronisches System dazu bringen kann, von Liebe zu sprechen oder sich als verliebt anzusehen, so ist es dennoch ungewiss, was diese Maschine genau damit verbindet und ob sie wirklich das uns Menschen bekannte Gefühl meint, oder eher von einer Ansammlung und Aneinanderschaltung von separaten Prozessen und Befehlen ausgeht, Liebe also nur simuliert. In letzterem Fall könnte man durchaus argumentieren, dass Liebe mehr ist, als die Summe ihrer einzelnen Teile; dass die Simulation einzelner Gefühls­schwankungen niemals dem gleichkommt, was der Mensch als Liebe bezeichnet.

Das indische Paar hat zusammen eine Tochter, was zumindest aus menschlicher Sicht auf einen vorausgegangenen sexuellen Akt schließen lässt. Aus Sicht der Maschinen heißt es allerdings nichts anderes, als dass zwei Programme sich untereinander austauschen oder miteinander kommunizieren und ein drittes Programm kreieren. Irritierend ist hier also vielmehr erneut die Berufung auf die Liebe als Sinn gebendes oder rechtfertigendes Element. Interessant wird dieser Aspekt, wenn man sich auf die Geschichte der Trilogie einlässt und sich vorstellt, dass wir tatsächlich in der Matrix leben. Dann würde Sexualität nämlich jedem anderen Interaktionsvorgang gleich­gestellt und selbst, wenn der Inder die Liebe als Grund für die Zeugung des Kindes darstellt, würden die Einheit Liebe - Sexualität, so wie sie von vielen Menschen heute noch gesehen wird, doch recht stark wackeln oder zerfallen. Es stellt sich außerdem die Frage, inwiefern Liebe (nebst anderen Gefühlen) in der Matrix wirklich ein „freies" Gefühl ist oder wie sehr einem Gefühl von der simulierten Welt bzw. den Maschinen zugeschrieben werde.

Nach der Zeugung des Kindes hat die indische Familie das Problem, dass die Tochter (als Programm) keinen Sinn erfüllt, was für die Maschinen allerdings die einzige Daseinsberechtigung darstellt; unnütze Programme werden zur Sicherung freier Ressourcen gelöscht. Die Familie versucht daher, die Tochter mit Hilfe des Merowingers und seines Trainmans aus der Matrix zu schmuggeln. Hier wird wieder auf die Liebe (diesmal zur Tochter) als Motiv für das sicherlich riskante Handeln zurückgegriffen; es zeigen sich aber noch weitere, recht menschliche Verhaltensmuster. Der „Beschützerinstinkt" der Eltern gegenüber dem Kind ist nicht zu übersehen. Ob die Wortwahl „Instinkt" hier wirklich zutrifft, kann diskutiert werden, es gibt m.E. aber nur zwei wahrscheinliche Erklärungsansätze für das gezeigte Verhalten. Zum einen kann es sich wirklich um einen Instinkt handeln, der sich aus der Liebe und der Elternschaft heraus bildet. Dann würden die Programme (in Form der Eltern) hier nicht nur auf eine menschliche Ebene zurückfallen, sondern durch instinktgesteuertes Handeln eventuell sogar auf eine animalische und somit noch ursprünglichere Ebene der organischen Existenz. Zum anderen kann das schützende Verhalten aber auch vom menschlichen Verhalten adaptiert worden sein. D.h. die Maschinen beobachte(te)n Menschen und halten beispielsweise deren Ver­halten bei Elternschaft fest. Ob das Abrufen dieser Daten und deren Aufruf in einem Programm selbst ursprünglich gedacht war, bleibt dahingestellt, kann aber - wie anhand obiger Überlegungen zur Implikation von Liebe in künstlicher Intelligenz und entsprechenden Programmen zu sehen ist - als eher unwahrscheinlich eingestuft werden. Welche Theorie nun auch zutreffen mag: sicher ist jedenfalls, dass sich auch in dieser Szene eine Aufsässigkeit von Programmen gegen das System beobachten lässt. Vielleicht ist hier die stärkste Annäherung von Programmen (gewissermaßen als Repräsentant der Maschinen) an den Menschen zu beobachten; der Anspruch, als Maschine so etwas wie Liebe internalisiert zu haben, spricht sicherlich dafür.

Es bleibt also festzuhalten, dass auch in der Matrix-Trilogie, trotz gezeigten Erfolgen bei der Einbindung von Gefühlen und Gefühlsprozessen in Programmen, Gefühle immer noch als etwas für Maschinen Untypisches dargestellt werden. Trotz der mit heutigen Maßstäben verglichenen Hochentwicklung von Maschinen und KI in der Trilogie steckt die Realisierung von Emotionen in technischen Systemen scheinbar noch in den Kinderschuhen, wobei es fragwürdig ist, ob die Maschinen ernsthaft die Entwicklung von Gefühlen beabsichtigen (würden).

4. Die Situation der Menschheit und wie es dazu kam

Die Vorgeschichte der Trilogie, die in etwa der Zeit entspricht, in der wir uns gerade befinden, lässt sich wohl am besten anhand folgenden Zitats zusammenfassen:

"It started early in the twenty-first century, with the birth of artificia) intelligence, a singular consciousness that spawned an entire race of machines. At first all they wanted was to be treated as equals, entitled to the same human inalienable rights. Whatever they were given, it was not enough." (Morpheus, s. Drehbuch)

Durch die Schöpfung und Weiterentwicklung der künstlichen Intelligenz wurden also Maschinen geschaffen, deren Intelligenz irgendwann zu einem eigenen Selbstbewusst­sein ausreichte, woraufhin sich die Maschinen emanzipierten und menschengleich behandelt werden wollten. Die daraus resultierenden Konflikte führten schließlich zum Krieg zwischen Mensch und Maschine, womit man dann quasi die Filmhandlung einsetzt.

Hier soll nun nochmals das aufgegriffen werden, was oben schon mit dem Begriff der Technikfolgenabschätzung angerissen wurde und zu der Frage „Darf der Mensch alles, was er kann?" (Rentdorff, zit. n. Ziegelmeier, S. 265) führt.

Die Trilogie beantwortet diese Frage offensichtlich mit einem klaren Nein, Gedanken an einen positiven Einsatz oder Nutzen von intelligenten Maschinen tauchen eigentlich nicht mehr auf. Alle notwendigen Maschinen verfügen kaum noch über künstliche Intelligenz (vgl. Kap. 3.3).

Michel Tibon-Cornillot stellt schon heute starke Parallelen zu dem im einleitenden Zitat dargestellten Standpunkt von Mensch und Maschine fest:

„In der Tat scheint sich eine Sphäre »intermediärer« Realität ausgebreitet zu haben, ein :-,-.metarealer<< Saum, in dem das Maschinenhafte, Künstliche einen autonomen Platz gegenüber seinen menschlichen Produzenten einnimmt, die es ihrerseits als der klassischen Maschine weit überlegen anerkennen." (S. 146, Hervorhebungen von mir).

Die Emanzipation der Maschinen und ihr Verlangen nach Autonomie führen zu einer weiteren wichtigen Frage, die (sich) Tibon-Cornillot ebenfalls stellt: „Welches ist der existentielle Status eines geklonten Wesens?" (S. 149) - m.E. spielt es hier keine besondere Rolle, ob man von einem geklonten oder programmierten „Wesen" ausgeht. Die Antwort auf diese Frage ist entscheidend. Spreche ich der künstlichen Intelligenz einen autonomen, individuellen Status zu, muss ich mir über die Folgen dieses Schritts im Klaren sein und mögliche Gefahren und Nutzen abwägen. Entscheide ich mich gegen einen solchen Status, wird es höchste Zeit, die Entwicklung der KI einzustellen, da sie sich diesen Status sonst irgendwann selbst verschafft. Ein autonomer Status würde die Maschinen recht menschenähnlich, vielleicht sogar

menschengleich machen, was in dem Zitat mit „treated as equals" vertreten ist. J.-C. Beaune warnt hiervor:

„Je treuer die technische Imitation des Modells (des Menschen) ist, je mehr der Anthropozentrismus regiert, je mehr die menschlichen Zwecke des Objekts klipp und klar ausgedrückt werden müssen, desto mehr ist das Objekt dabei, seinem Fabrikanten zu entgleiten. Je mehr der Mensch seiner Produktion das menschliche Bild aufdrückt, um so mehr entgleitet ihm dieses Bild." (zit. n. Tibon-Cornillot, S. 153).

Von welcher Seite man das Problem auch beleuchten mag, das Grundprinzip bleibt immer das gleiche: prinzipiell ist es so, dass „der Mensch auf dieser Erde nur noch sich selbst gegenübersteht" (Heisenberg, zit. n. Tibon-Cornillot, S. 152), beispiels­weise indem er als Schöpfer seiner eigenen Feinde auftritt.

Umso wichtiger wird aber die Technikfolgenabschätzung. Der Mensch muss lernen, Verantwortung für sein Wissen zu übernehmen. Das kann von Überlegungen zu Atombomben bis zur Infragestellung von lebenserhaltenden Maßnahmen bei sehr alten Menschen reichen. Schon heute bekommt die Menschheit die Folgen der Entwicklung von Maschinen deutlich zu spüren: immer mehr Arbeitsplätze werden wegrationalisiert, Maschinen nehmen die Plätze von Menschen ein, die Arbeits­losenzahl steigt ständig. Selbst solche ökonomischen Faktoren, die neben der Bedrohung in der Matrix-Trilogie absolut trivial erscheinen, sind in der Technik­folgenabschätzung zu berücksichtigen.

5. Fazit

Wissenschaftlicher Diskurs und Science-Fiction-Film liegen in der Matrix-Trilogie oft sehr nahe beieinander, und es gibt zum Teil Überschneidungen, die durch ihre Ähnlichkeit verblüffen. Die Grenzen zwischen Realität und Vision scheinen in der Trilogie zu verschwimmen, was nicht zuletzt dadurch bewirkt wird, dass aktuelle Ereignisse und Fortschritte aus Bereichen wie beispielsweise der Forschung an künstlicher Intelligenz quasi den historischen Vorlauf der im Film dargestellten Apokalypse ausmachen.

Im Detail konnte festgestellt werden, dass schon die Namenswahl „Matrix" wohl überlegt gewesen sein dürfte, konzentriert sich doch schon in ihr sowohl Widerspruch als auch Gemeinsamkeit von Organischem und Künstlichem, was im Verlauf der Arbeit immer wieder Gegenstand der Untersuchung sein sollte.

Identität, Geist oder Seele - wie auch immer man es nennen möchte - scheint in einer virtuellen Welt zwischen Loslösung vom Körper und Angewiesensein auf den Körper zu variieren. Teilweise werden transhumanistische Phantasien in der Matrix auf­gegriffen und realisiert, oftmals wird aber z.B. der kompletten Loslösung vom Körper der Riegel vorgeschoben. Andersherum ist es interessant, dass im Film Programmen, also körperlosen Elementen eine Identität zugesprochen wird.

Der Abschnitt über die Annäherung von Mensch und Maschine nahm einen sehr großen Teil der Arbeit ein und musste in einige Unterkapitel gegliedert werden, da er zum einen so vielseitig ist, zum anderen aber auch sehr viele Beispiele zu finden sind. Und somit wird die Gesamtsituation des Films - der Krieg zwischen Menschen und Maschinen - befragt und deutlich gemacht, dass das Verhältnis zwischen beiden Kontrahenten keinesfalls immer absolut gegensätzlich ist.

Zuletzt wurde dann die Frage aufgegriffen, die mittlerweile in einige wissen­schaftliche Disziplinen Einzug gehalten hat. Auch wenn der Mensch immer mehr Wissen erlangt, so wird es doch immer fraglicher, ob und inwieweit er dieses Wissen auch anwenden darf. Die Matrix-Trilogie warnt vor einem unbedachten, unre­flektierten Umgang mit Wissen und ermahnt ganz deutlich dazu, sich vor dem Handeln über mögliche Gefahren bewusst zu werden. Und diese Warnung sollte sicherlich nicht nur als auf die KI-Forschung beschränkt angesehen werden.

6. Literaturverzeichnis

Angerer, Marie-Luise: Neue Technologien / Neue Grenzerfahrungen: Cyberbodies. In: Faßler, Manfred (Hrsg.): Alle möglichen Welten. Virtuelle Realität. Wahrnehmung. Ethik der Kommunikation. München 1999. S. 163-182.

Becker, Barbara: Cyborgs, Robots und »Transhumanisten« - Anmerkungen über die Widerständigkeit eigener und fremder Materialität. In: Becker, Barbara / Schneider, Irmela (Hrsg.): Was vom Körper übrig bleibt. Körperlichkeit - Identität - Medien. Frankfurt am Main - New York 2000, S. 41 - 69.

Berr, Marie-Anne: Technik und Körper. Berlin 1990.

Ellrich, Lutz: Der verworfene Computer - Überlegungen zur personalen Identität im Zeitalter der elektronischen Medien. In: Becker, Barbara / Schneider, Irmela (Hrsg.): Was vom Körper übrig bleibt. Körperlichkeit - Identität - Medien. Frankfurt am Main - New York 2000, S. 71 - 10 1.

La Mettrie, Julien Offray de: Der Mensch als Maschine. Nürnberg 1985.

Tibon-Cornillot, Michel: Die transfigurativen Körper. Zur Verflechtung von Technik und Mythen. In: Kamper, Dietmar / Wulf, Christoph (Hrsg.): Die Wiederkehr des Körpers. Frankfurt am Main 1982, S. 145 - 164.

Wegner, Gerhard: Das „Selbst" im Cyberspace. In: Faßler, Manfred (Hrsg.): Alle möglichen Welten. Virtuelle Realität. Wahrnehmung. Ethik der Kommunikation. München 1999. S. 19 - 24.

Ziegelmeier, Otto W.: Mensch und Maschine - Homo Computicus? Theologische Hinterfragung eines sozialisatorischen Effekts. Egelsbach - Frankfurt am Main - Washington 1994.

Drehbuch

Das Drehbuch ist auf diversen Internetseiten einzusehen und herunterladbar. Eine Seitenangabe bei den Zitaten war nicht möglich, da das Seitenlayout und die Seitenzahl in den verschiedenen Drehbuch-Versionen im Internet variieren.

4 von 25 Seiten

Details

Titel
Das Verhältnis von Mensch und Maschine in der Matrix-Trilogie
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Veranstaltung
HS "Von der Marionette zum Cyborg. Maschinenbilder im pädagogischen Diskurs"
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2005
Seiten
25
Katalognummer
V109795
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verhältnis, Mensch, Maschine, Matrix-Trilogie, Marionette, Cyborg, Maschinenbilder, Diskurs
Arbeit zitieren
Martin Hoche (Autor), 2005, Das Verhältnis von Mensch und Maschine in der Matrix-Trilogie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109795

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