Der reformpädagogische Ansatz Maria Montessoris - ein wirksamer erzieherischer Schutz gegen Hektik und Reizüberflutung im Kindergartenalter?


Facharbeit (Schule), 2005
15 Seiten, Note: 1

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hektik und Reizüberflutung bei Kindern

3. Reformpädagogische Ansätze Maria Montessoris
3.1 Anthropologische Grundgedanken nach Montessori
3.2 Entwicklungen im Kindergartenalter
3.3 Sensible Phasen
3.4 Montessori-Materialien
3.5 Der Grundsatz der freien Wahl
3.6 Disziplin
3.7 Polarisation der Aufmerksamkeit

4. Praktische Beobachtungen im Montessori-Kindergarten Sendenhorst

5. Ergebnis der Facharbeit

6. Versicherung

1. Einleitung

In der elften Klasse hörte ich zum ersten Mal von der Montessori-Pädagogik und fand die Methoden faszinierend, dachte jedoch nicht weiter darüber nach. Als ich jetzt in der zwölften Klasse ein Thema für meine Facharbeit im Fach Pädagogik brauchte, fiel mir wieder Maria Montessori ein und dass ich mehr über ihre Erkenntnisse erfahren wollte, da sie so ganz anders als die „normalen“ Erziehungsmethoden scheinen. Hinzu kam, dass in Sendenhorst ein Montessori-Kindergarten ist und ich ihn sogar besuchen durfte, um Beobachtungen zu machen, sodass ich keine reine Literaturarbeit machen musste, was mich ermunterte, schnell voranzukommen.

Nun, am Ende meiner Bearbeitung des Themas, stehe ich auf jeden Fall hinter dieser Pädagogik und kann mir sogar sehr gut vorstellen, später einmal meine eigenen Kinder nach den Vorstellungen Montessoris zu erziehen.

2. Hektik und Reizüberflutung bei Kindern

„Kindheit droht zu verschwinden, wird liquidiert, ist Medienkindheit, Institutionskindheit, ist Kindheit in der Krise“[1] schreibt Gerd Harms in einem Artikel. Tatsächlich scheinen die Kinder heutzutage ihr Leben immer mehr dem Leben von Erwachsenen anzupassen. War die Uhr in den sechziger Jahren noch ein „Symbol für das Erreichen des Jugendalters“ (op.cit.), wenn Jugendliche sie z. B. zur Konfirmation erhielten, so ist sie heute schon ein natürlicher Bestandteil des täglichen Lebens bei Vorschulkindern. Diese Tatsache verändert auch die Gewohnheiten bei Kindern: All ihre Tätigkeiten – egal ob eine Verabredung mit Freunden, ein Arzttermin, das Sporttraining oder einfach nur eine Fernsehserie – werden auf eine bestimmte Zeit festgelegt, sodass die Zeit dazwischen nur als Überbrückung dient. Dadurch entsteht bei Kindern im Endeffekt Zeitdruck. Das heißt, dass sie schon im jungen Alter die „Fähigkeit der Planung“ und die „Kontrolle [über die Zeit]“(op.cit.) ausbilden müssen, um in der modernen Zeit der Hektik ihre Freizeit gestalten zu können und nicht zu Außenseitern zu werden. So eine Gefahr besteht vor allem, weil es immer mehr Ein-Kind-Familien gibt und damit immer weniger Kinder. Folglich haben Kinder nicht so viele verschiedene Möglichkeiten sich sozial zu orientieren und klammern sich häufig zwanghaft an einige wenige Freunde. Ein weiterer Grund für Hektik bei Kindern kann zum Beispiel sein, dass sie oft Arbeitslosigkeit und Armut in ihrer Umwelt sehen und aus Angst genau solche Probleme zu bekommen versuchen besser zu sein als andere und unter Leistungsdruck stehen. Sie haben Angst, bestimmte Anforderungen der Umwelt oder der Eltern an sie nicht erfüllen zu können, da sie sehr sensibel sind und jede Schwierigkeit überfordernd wirkt.

Eltern sind sehr wichtig für Kinder: sie sind Vorbilder, denen sie versuchen nachzueifern und alles recht machen möchten, was schon Stress bedeutet und wenn die Eltern selbst im Terminstress oder in sonstiger Hektik sind, überträgt sich das leicht auf die Kinder und diese verhalten sich in Zukunft genauso in Stresssituationen. Sie können auch nicht lernen ruhig zu bleiben und sich zu konzentrieren, weil sie z. B. ständig von anderen Menschen (Eltern, Kindergärtner, Lehrer etc.) von ihrer Beschäftigung weggerissen werden, wenn sie etwas anderes erledigen sollen. Außerdem leiden heute viele Kinder unter Reizüberflutung. Durch Reize wie Geräusche, irgendwelche Gegenstände oder andere Menschen werden sie ständig z. B. von ihren Hausaufgaben abgelenkt. Besonders in der Großstadt besteht eine Reizüberflutung aufgrund der vielen Menschen, des hektischen Verkehrs, der bunten Schaufenster und des Lärms. Hilfreich dagegen wären Gespräche mit den Eltern, sodass das Kind seine Ideen und Gedanken ausdrücken kann und nicht alle in sich aufstaut. Auch während des Lesens trainiert es Ausdauer und Geduld, was die Fähigkeit zur Konzentration fördert. Weiterhin haben sie manchmal zu

viele Ideen auf einmal, was daran liegen könnte, dass sie im Fernsehen künstlich schnell aufeinander folgende Bilder sehen und ihre Gedanken dadurch auch schneller ablaufen. So können sie auch nicht lange bei ein und derselben Idee oder Tätigkeit verweilen.

Hektik und Stress führt schon im jungen Alter zu psychischen Störungen und chronischen Krankheiten, wie sie früher erst bei gestressten Erwachsenen vorkamen. Dazu gehören unter anderem Kopfschmerzen, Magengeschwüre, Kreuz- und Rückenschmerzen, Schlafstörungen und sogar Herz- und Atembeschwerden und Händezittern wie bei alten Menschen[2].Forschungen haben gezeigt, dass diese Symptome eindeutig „mit akuten oder überdauernden Belastungssituationen im Lebensalltag“(op.cit.) zusammenhängen.

3. Reformpädagogische Ansätze Maria Montessoris

3.1 Anthropologische Grundgedanken nach Montessori

Nach Montessori ist der Mensch von Geburt an ein „Geschöpf mit Geist“[3]. Man muss ihn nicht nur körperlich pflegen, sondern ihm von Anfang an helfen, seine geistige Entwicklung zu vollbringen, da jeder Mensch seinen eigenen individuellen Geist hat, den man versuchen muss zu entfalten. Montessori bezeichnet das Wachsen und reifen eines Kindes als „lange und schwere Arbeit“(op.cit.), weshalb es von der Umwelt dabei Unterstützung benötigt. Es muss frei sein in seinen Entscheidungen (wie bei der Wahl der Arbeit) und es muss ihm Zeit gelassen werden, genug Zeit, damit es seinen eigenen Rhythmus findet und seinen individuellen Weg gehen kann, d. h. die Pädagogik geht vom Kinde aus, da nur der innere Geist eines Kindes der Leitfaden der Entwicklung ist. Jedes Kind hat seine eigene Persönlichkeit und Geschichte und trägt den Willen und die Energie zum Lernen und Entdecken um sich selbst zu entfalten in sich, auch

wenn es nur unbewusst ist. Das Ziel der Entwicklung des Kindes ist Selbstständigkeit und Unabhängigkeit. Hierfür ist es nötig, ihm Freiheiten zulassen, seine Begabungen, Interessen und Stärken zu

entdecken. Die Faktoren der Entwicklung sind die natürlichen Anlagen eines Kindes, sowie seine Umwelt. Nur wenn diese Faktoren ausgeglichen sind, ist das Kind „normalisiert“, was soviel bedeutet, dass es zu seinem eigenen einzigen Ich findet und sich vollkommen im Gleichgewicht befindet. Diese Normalisation erkennt man an der Konzentration, an der Ordnungsliebe und an der Freude an Selbstständigkeit. Ein Leitsatz in der Montessori-Pädagogik ist „Hilf mir, es selbst zu tun“[4]. Das heißt, dass Erzieher dem Kind „soviel Hilfe wie nötig, und so wenig wie möglich“(op.cit.) geben müssen, damit es etwas lernt. Es erlernt Dinge nicht bewusst, sondern durch einen inneren Geist, man nennt ihn den „absorbierenden Geist“. Dieser lässt das Kind automatisch lernen, je nach dem wofür es gerade am aufnahmefähigsten ist, d. h. in welcher sensiblen Phase es sich gerade befindet.

3.2 Entwicklungen im Kindergartenalter

Das Kind entwickelt sich indem es sich mit seiner Umwelt beschäftigt und die Umweltreize verarbeitet. Es durchläuft verschiedene „sensible Phasen“ in denen er für ganz bestimmte Reize empfänglich ist. Die Entwicklung eines Kindes teilt Montessori in Stufen auf: die 0-3jährigen und die 3-6jährigen Kinder, die 6-12Jährigen und die 12-18Jährigen. Jede Stufe muss auf ihre eigene Weise ablaufen, damit das Kind reift ohne Wichtiges zu verpassen. Zusätzlich bauen die stufen aufeinander auf, sodass es wichtig ist, dass das Kind alles lernt, damit es keine schwerwiegenden Probleme bekommt.

Von der Geburt an bis zum dritten Lebensjahr schafft das Kind die Fähigkeiten wie essen, laufen, sprechen etc. In der Zeit vom dritten bis zum sechsten Lebensjahr verfeinert es diese. Durch einen inneren Antrieb lernt es viele Dinge und schult somit seine Fertigkeiten. Es spielt nicht nur, es lernt auch die alltäglichen Dinge des Lebens, wie Besteck und Werkzeug und damit umzugehen. Seine Wahrnehmung

und seine Fähigkeiten werden immer komplexer und geschickter. Auch der Körper wird kräftiger und die Bewegungen zunehmend beherrschter. Schließlich erlangt der junge Mensch ein sicheres Körpergefühl und lernt seine Leistungen zu schätzen.

3.3 Sensible Phasen

Während der gesamten Kindheit durchläuft der Mensch verschiedene Phasen, in denen er für ganz bestimmte Dinge aufnahmefähig ist. In diesen sensiblen Phasen, wie Maria Montessori sie nennt, lernt es gerade diese Dinge am schnellsten und einfachsten und entwickelt dadurch seine Fähigkeiten immer weiter. Zudem werden sein Verhalten und sein Geist geordnet. Die Erzieher müssen deswegen dem Kind in der jeweiligen Phase mit der vorbereiteten Umgebung die passenden Eindrücke und Anregungen bieten, damit es sie aufnimmt und verarbeitet. Ist der Zeitpunkt einmal verpasst, ist er nicht mehr zu wiederholen und das Kind muss diese Dinge später mit großer Mühe erlernen. Dazu ist die Möglichkeit der freien Wahl erforderlich und die vorbereitete Umgebung, denn der Erzieher muss Beobachter sein und beobachten, wofür sich das Kind interessiert, um zu erschließen, wofür es z. Zt. am sensibelsten ist. In allen sensiblen Phasen ist dies unentbehrlich, z. B. in der Kindergartenzeit befindet sich das Kind in der sensiblen Phase für Sprache und die Sprache ist später nur sehr schwer zu erlernen. Der Erzieher muss also vermehrt Impulse durch die vorbereitete Umgebung geben. In der Phase der Ordnung erkennt und stellt es Beziehungen zwischen den Dingen her. Es braucht die Ordnung um sich zu orientieren. Für Montessori ist das Ordnen der Umwelt durch das Kind ein Zeichen dafür, dass es beginnt seine innere Ordnung herzustellen.

3.4 Montessori-Materialien

Die Spielsachen in den reinen Montessori-Einrichtungen sind ausschließlich von Maria Montessori speziell konzipierte Materialien für die sensiblen Phasen und zur Vorbereitung auf die Polarisation der Aufmerksamkeit. Es gibt keine normalen Spielsachen (wie z. B. Lego o. ä.) Die didaktischen Prinzipien des Montessori-Materials sind Selbstständigkeit und eigene Kontrollmöglichkeit, sodass das Kind nicht auf die Hilfe von Außenstehenden angewiesen ist und die Möglichkeit hat, selbstständig Erfahrungen zu machen. Das Material hat einfache Formen, damit das Kind keine Reizüberflutung erlebt und sich nur auf den Ablauf des Spiels und somit auf die Entwicklung seiner Persönlichkeit konzentrieren kann. Es hat einheitliche Farben (z. B. braune Treppe, rosa Turm etc.) und ist leicht zu fassen. Die Stoffe aus denen es gemacht wird sind natur nah, es gibt z. B. viel Holz. Durch das Spiel mit dem Material entwickelt das Kind die Sprache, die Motorik und die Koordination seiner Bewegungen, außerdem Regeln, Vergleichsmöglichkeiten bzw. Unterschiede und viele andere nützliche Dinge, die es später für den Alltag benötigt.

Die braune Treppe: Die braune Treppe besteht aus 10 hölzernen Prismen, die alle 20cm lang sind. Die Seitenflächen sind Quadrate, deren Kantenlänge stetig von 10cm bis 1cm abnimmt. Ein Kind ab drei Jahren nimmt diese Beschäftigung an und entwickelt dadurch die Motorik, die Koordinierung der Bewegung und die Bildung von Ordnungsstrukturen. Das direkte Ziel des Spiels ist die Begriffsbildung von „dick“ und „dünn“. Durch das Umspannen mit der Hand „begreift“ das Kind die unterschiedlichen Größen. Die Leiterin macht dem Kind die Übung vor, sodass es die Regel kennt und ermutigt es, es ihr nachzumachen.

3.5 Der Grundsatz der freien Wahl

Das Prinzip der freien Wahl der Arbeit entwickelte Maria Montessori als sie in ihrem Kinderhaus erkannte, dass die Kinder das Material am liebsten selbst aussuchten und nicht von ihren Erziehern annehmen wollten und genauso selbst wieder an ihren Platz stellten. Die Voraussetzung zur freien Wahl ist, dass das Kind über den Gebrauch eines jeden Stückes informiert ist und mit ihm vertraut ist. Dennoch ist es bemerkenswert, dass die Kinder nach der Einführung des Materials durch die Erzieherin „mehr oder weniger alle dasselbe“[5]

Material aussuchten und die anderen Gegenstände teilweise „unberührt liegen blieben“(op.cit.). Aus diesem Grund gibt es in den Montessori-Einrichtungen niedrige Schränke, so dass das Kind sich seine Beschäftigung selbst aussuchen, nehmen und jederzeit wieder zurückstellen kann, wenn es damit fertig ist. Das unterstützt, dass es seine inneren Bedürfnisse auf Ordnung selbst erkennt und sich die Selbstständigkeit aneignet eigene Entscheidungen zu treffen. Ein weiterer entscheidender Punkt ist, dass es seinen eigenen Lernrhythmus und -fortschritt bestimmt, so dass es genug Zeit hat um sich mit dem Gegenstand vertraut zu machen und die Übungen zu wiederholen. Es wird nicht gehetzt, was eine höhere Erfolgschance mit sich bringt.

3.6 Disziplin

Die Rolle Des Erziehers in der Montessori-Pädagogik ist sehr wichtig. Der Lehrer ist ein Bindeglied zwischen dem Kind und der vorbereiteten Umgebung. Er benötigt nach Montessoris Auffassung Ruhe, Geduld, Barmherzigkeit und Demut, was nirgendwo anders als in der Erziehung am wichtigsten ist. Der Erzieher beobachtet das Handeln und den Entwicklungsprozess des Kindes differenziert und wachsam und muss immer wieder auf Verhaltensveränderungen und Neuentdeckungen vorbereitet sein. Nebenbei hat er die Aufgabe, das Kind unterstützend in seiner Entwicklung zu begleiten, ihm mit Rat und Tat zur Seite zu stehen und ein Vorbild mit bestimmter Moral und gewissen Normen zu sein, damit sich das Kind an ihm orientieren kann. Wichtig ist es für ihn, dass sich das Kind nicht an ihn, sondern an die Sachverhalte erinnern kann, die er ihm erklärt hat. Der Einfluss des Erziehers auf die Kinder nimmt mit der Zeit ab, da der Einfluss des Materials zunimmt. Deswegen muss er sich im richtigen Moment zurückziehen und die Umgebung muss für die Kinder vorbereitet sein. Zwischenzeitlich sorgt er für soziale Ordnung innerhalb einer Gruppe von Kindern, sodass die Rechte jedes einzelnen Kindes bewahrt bleiben. Dadurch, dass die Erzieher in den Montessori-Einrichtungen keinen Druck auf die Kinder ausüben, das heißt mit ihren Anordnungen und Wünschen an die Kinder sehr vorsichtig und bewusst umgehen, merken diese, dass man ihnen Selbstständigkeit zutraut und Freiheit gibt. Sie wissen, dass sie alleine für alles, was sie tun, verantwortlich sind. Man könnte sagen in Dankbarkeit für dieses Vertrauen von Seiten der Erzieher führen sie ihre Aufgaben freiwillig, ordentlich und diszipliniert aus und sind dennoch spontan und gelöst: “Ihre körperlichen Bewegungen wurden harmonischer und sogar ihr Gesichtsausdruck entspannt und vergnügt.“[6] Selbst in Abwesenheit des Erziehers bleibt das Kind ruhig und diszipliniert, da es die eigene Verantwortung für seine Taten spürt aber auch die erleichternde Freiheit selbst zu entscheiden, wie es handelt.

3.7 Polarisation der Aufmerksamkeit

Das Montessori-Material ist so konzipiert, dass das Kind, je nach dem in welcher sensiblen Phase es sich befindet, sich dafür interessiert. Alle Sachen stehen ordentlich in den Regalen, die nicht überfüllt sind, denn es gibt jede Übung nur einmal. Wenn ein Kind eine Aufgabe gefunden hat, die es anspricht und bei der es völlig ungestört sein kann, polarisiert es seine ganze Konzentration darauf. Man kann dann

beobachten, dass es sich von keinen Geräuschen oder anderen Menschen von seiner Arbeit ablenken lässt und sie ständig wiederholt. Erst wenn es selbst genug gesättigt von der Arbeit fühlt, hört es von alleine damit auf und ist glücklich und stolz, etwas ganz alleine geschafft zu haben. Es ist sich seines Fortschrittes bewusst und sein Selbstwertgefühl steigt. Man sollte nicht versuchen, seine Fehler zu verbessern oder es zu loben, d. h. der Erzieher darf nicht stören, da es sonst sein Interesse für das Spiel verlieren könnte. Diese Konzentration ist sehr wichtig für das Kind. In dieser Phase verbessert es durch die ständigen Wiederholungen seine Fähigkeiten und wird dabei „von einer inneren Energie angetrieben“[7]. In dieser tiefen Ruhe der Aufmerksamkeit schafft es sich eine eigene Ordnung seiner Psyche und Persönlichkeit und seine eigenen Maßstäbe. Voraussetzung für die Polarisation der Aufmerksamkeit ist, dass die Umgebung vorbereitet ist und dass niemand das Kind bei der Beschäftigung unterbricht. „[Hat] einmal das Phänomen der Polarisation der Aufmerksamkeit stattgefunden, dann [scheint] alles, was von Unordnung und Unbeständigkeit in der Seele des Kindes existierte, sich in einer inneren Schöpfung zu organisieren, deren überraschende Merkmale sich in jedem einzelnen Kinde [wiederholen].“[8]

4. Praktische Beobachtungen im Montessori-Kindergarten Sendenhorst

Zwei Tage lang hatte ich die Möglichkeit, mich im Montessori-Kindergarten in Sendenhorst aufzuhalten um Beobachtungen zu machen. Es ist eine 2-Gruppenanlage mit insgesamt 50 Kindern und zwei Gruppenleitern. Hinzu kommen zwei Hilfskräfte, das Küchenpersonal (aufgrund der Übermittagsbetreuung) und evtl. Praktikanten.

Das erste, was mir auffiel, als ich in den Kindergarten hereinkam, war die freundliche und ansprechende Atmosphäre. Ich bemerkte sofort die nach Montessori geforderte Einrichtung, wie kleine Stühlchen und Tischchen bis hin zu der Küchenzeile, die extra niedrig gebaut ist, damit die Kinder selbstständig handeln können. Mir fiel eine spezielle Belichtung auf. Eine Wandseite besteht komplett aus Glas, womit das natürliche Tageslicht als Beleuchtung dient, was beruhigend wirkt. Die vielen Pflanzen geben der Eingangshalle eine familiäre Atmosphäre. Ich fand eine Kuschelecke vor, die die Kinder nutzen, um Ruhe vom Spielen zu finden, oder einfach nur um alleine zu sein und die auch sehr beliebt zu sein scheint. Sie haben die Freiheit sich im Flur zu bewegen und es gibt eine gleitende Frühstückszeit. Die Frühstückssachen stehen immer auf dem Tisch und die Kinder nehmen sich die Sachen, die sie wollen, wann sie wollen selber. Später räumen sie auch selbstständig ihren eigenen Platz auf und spülen ihr Geschirr. Durch dieses Verfahren stehen sie nicht unter Druck, sich mit dem essen zu beeilen und lernen, wie sie im Alltag handeln können. Z. B. führt eine Erzieherin das Eingießen von Milch aus einer Kanne in ein Glas vor, damit die Kinder das Eingießen lernen. Dieselbe Übung kennen die Kinder aus dem Gruppenraum, wo sie Wasser aus einer Kanne in verschiedene Gläser umfüllen können. Sie drängeln nicht, wenn sie etwas von einer Erzieherin wollen, sondern warten ruhig ab, bis sie sich ihnen zuwendet. Auch im Übrigen beschäftigten sich die Kinder die meiste Zeit selbstständig. Ein Mädchen z. B. arbeitete in der Nische für die Übungen des täglichen Lebens und sortierte mit einer Pinzette Perlen nach ihren Farben in verschiedene Schälchen. Bei ihr konnte man ganz deutlich die Polarisation der Aufmerksamkeit beobachten. Sie ließ sich nicht durch andere Kinder von der Arbeit ablenken. So konnte sie die Farben lernen. Was auch hilfreich dabei ist, ist die Tatsache, dass die Nischen leicht abgetrennt von dem übrigen Raum sind und die Kinder sich dahin zurückziehen können. So können sie einen eigenen Arbeitsrhythmus entwickeln, so wie Maria Montessori es vorgesehen hatte. Ein dreijähriges Mädchen baute die braune

Treppe als Turm auf, machte ihn wieder kaputt umfasste jedes Prisma, prüfte die Größe und baute ihn wieder auf, bis sie mit ihrem Ergebnis und ihrer Leistung zufrieden war. Zum Ende hin wurden ihre Bewegungen koordinierter und sicherer und der Turm war richtig geordnet. Sie zeigte ihn stolz der Leiterin und legte ein Schild mit ihrem Namen und ihrem Foto daneben. Diese Schilder sind dazu da, damit die Kinder neben ihr Material legen können, um es später weiter zu nutzen oder damit sie es jemandem zeigen können. Die anderen Kinder dürfen es dann nicht benutzen und müssen zuerst dasjenige Kind fragen. Erst dann können auch andere dieses Material wieder auswählen. Wie schon erwähnt ist das Material nach Montessori nur einmal in einer Gruppe vorhanden. So lernen die Kinder Disziplin, zu warten, bis sie an der Reihe sind, mit dem Material zu spielen und Frustrationstoleranz, wenn sie spielen wollen, es aber nicht dürfen. Was mir außerdem erklärt wurde war, dass es hier im Gegensatz zum Regelkindergarten Einzeltische gibt, an denen das Kind etwas ganz alleine, wann, wie und solange es will bearbeiten kann. Falls es nicht gestört werden möchte und keiner bei seiner Beschäftigung zuschauen darf, gibt es kleine Stopp-Schilder, die es aufstellen kann, sodass jeder Bescheid weiß, dass er nicht stören darf. Auf diese Weise lernen auch die anderen Kinder, das Recht von anderen zu respektieren. Die Gruppenleiterin erklärte mir, dass es so genannte „Montessori-Kinder“ gibt, die sich wirklich, wie Maria Montessori es beobachtete, für längere Zeit ruhig hinsetzen und sich konzentrieren und etwas bearbeiten. Aber es gibt auch Kinder, die lebhafter sind und die lieber herumtoben als ihre Aufmerksamkeit für längere Zeit auf etwas Bestimmtes zu richten.

5. Ergebnis der Facharbeit

Im Großen und Ganzen bin ich der Meinung, dass die Montessori-Pädagogik ein wirksamer Schutz gegen Hektik und Reizüberflutung ist. Zunächst einmal, weil überall klare Grenzen und Absprachen vorherrschen, die dann aber auch von allen beteiligten eingehalten

werden müssen. Die Kinder haben ihren eigenen Raum. Wenn sie nicht gestört werden wollen, stellen sie ihre Stopp-Schilder auf und wenn sie noch mit dem Material, mit dem sie beschäftigt waren, später weiterspielen möchten, legen sie ihre Namensschilder auf. Die Freiheit eines Kindes beginnt da, wo die eines anderen aufhört. Zudem sind die Regale nach Montessoris Vorgaben nicht voll gestellt nach dem Motto „weniger ist mehr“ und sind gekennzeichnet, in welchen Bereich (z. B. Sinnesmaterial, Rechnen etc.) sie einzuordnen sind und alle Materialien haben so ihren eigenen Platz. Die Kinder werden nicht von vielen Reizen überflutet, sodass sie sich in Ruhe für eine Beschäftigung entscheiden und das Material nach der Beschäftigung wieder an ihren eigenen Platz stellen und Ordnung schaffen können, für die sie gerade jetzt so sensibel sind. Das macht das Kind zufrieden und ausgeglichen. Durch die viele Zeit und Gelegenheit zur Ruhe haben Kinder die Möglichkeit, sich zu konzentrieren und werden nicht von anderen gestört.

In meinen Beobachtungen stellte ich fest, dass den Kindern schon früh die Möglichkeit gegeben wird, konzentriert zu arbeiten und dass sie aufgrund ihrer positiven Persönlichkeitsentwicklung und der ruhigen Atmosphäre im Kindergarten einen ausgeglichenen, zufriedenen Eindruck auf mich machten.

Allerdings bin ich der Meinung, dass das Kind sich auch von alleine auf die Polarisation der Aufmerksamkeit einlassen muss. Es braucht um zur Polarisation der Aufmerksamkeit zu kommen innere Ruhe.

Es gibt nämlich viele Kinder, die viel lebhafter sind und lieber mit anderen Kindern toben als sich für eine Zeit lang zu konzentrieren. Jedes Kind ist anders, wie schon Maria Montessori sagte, und vielleicht sollte man diesen Kindern einfach Zeit lassen, ihre Selbstständigkeit und ihr Selbstbewusstsein, sich auf eine andere Art und Weise zu finden.

Literaturverzeichnis

Harms, Gerd, „Lebensumwelten heutiger Kinder“,

Grundschule 5/1989

Hurrelmann, K., „Plädoyer für die Ganztagsschule“,

Pädagogik 3/1990

Holtstiege, Hildegard, „Anthropologie nach Montessori“,

Pädagogische Schriften, Heft 4

Pädagogische Konzeption des Montessori-Kindergarten Sendenhorst

Biebricher, Helga/ Speichert, Horst, Montessori für Eltern,

Reinbek bei Hamburg, 1999, Rowohlt

Montessori, Maria, Grundgedanken der Montessori-Pädagogik,

Freiburg, 1966, Herder

Montessori, Maria, Über die Bildung des Menschen,

Freiburg, 1966, Herder

Maier-Hauser, Heidi, Lieben – ermutigen – loslassen,

Weinheim, 2000, Beltz & Gelberg

Montessori, Maria, Von der Kindheit zu Jugend,

Freiburg, 1966, Herder

Montessori, Maria, Das kreative Kind,

Freiburg, 1972, Herder

[...]


[1] Harms, Gerd „Lebensumwelten heutiger Kinder“, 1989, S.13

[2] Vgl. hierzu: Hurrelmann „Zur Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen in Deutschland“, in Pädagogik 3/90, S.38, Z.63ff

[3] Holtstiege, H., „Anthropologie nach Montessori“ Pädagogische Schriften, Heft 4

[4] Pädagogische Konzeption des Montessori-Kindergarten Sendenhorst

[5] Biebricher/Speichert Montessori für Eltern, Rowohlt 1999, S.42

[6] Standing, S.34, zitiert in Biebricher/Speichert Montessori für Eltern, Rowohlt 1999, S.51

[7] Pädagogische Konzeption des Montessori-Kindergarten Sendenhorst

[8] Maria Montessori Grundgedanken der Montessori-Pädagogik, S.18

15 von 15 Seiten

Details

Titel
Der reformpädagogische Ansatz Maria Montessoris - ein wirksamer erzieherischer Schutz gegen Hektik und Reizüberflutung im Kindergartenalter?
Note
1
Autor
Jahr
2005
Seiten
15
Katalognummer
V109821
Dateigröße
360 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ansatz, Maria, Montessoris, Schutz, Hektik, Reizüberflutung, Kindergartenalter
Arbeit zitieren
Alla Dick (Autor), 2005, Der reformpädagogische Ansatz Maria Montessoris - ein wirksamer erzieherischer Schutz gegen Hektik und Reizüberflutung im Kindergartenalter?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109821

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