Die Entwicklung des Gottes Rudra in der vedischen Literatur


Hausarbeit, 2004

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Rudra im Veda
1. Etymologie
2. R-gveda und Sāmaveda
3. Yajurveda
4. Atharvaveda
5. Theorien über Rudras Ursprung

III. Rudra in der spätvedischen Literatur
1. Brāhman-as
2. Upanis-aden
3. Sūtren

IV. Schlußbemerkung

Literatur

I. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit werde ich mich mit der Konzeption des Gottes Rudras in der vedischen Mythologie befassen. Mit der sich im Verlauf der Zeit verändernden Weltauffassung ist auch eine Entwicklung dieses Gottes festzustellen. Der rgvedische Rudra ist ein vergleichsweise unbedeutender Gott des vedischen Pantheons, der im Laufe der vedischen Literatur einen enormen Bedeutungszuwachs erlebte, während fast alle der am meisten verehrten Götter wie Indra oder Agni immer mehr an Bedeutung verloren. Die vedische Literatur umfasst die Sam-hitās der vier Veden, die Brāhmanas, die Upanisaden und die Sūtren, in deren Verlauf eine graduelle Identifizierung Rudras mit dem heute auf dem gesamten indischen Subkontinents verehrten Gott Śiva festzustellen ist.

Demnach wird die zentrale Frage dieser Arbeit wird sein, wie der im R-gveda noch unbedeutender Gott Rudra zu einem der heute am meisten angebeteten Götter aufsteigen konnte. Die Vermischung seiner Konzeption mit nicht-vedischen und nicht-arischen Elementen spielt dabei eine bedeutende Rolle. Einige Aspekte seines späteren Wesen wie der Beiname Paśupati und der Phalluskult werden mit dem als solchen vermuteten Kult der Industalkultur in Verbindung gebracht.

Die Gliederung dieser Arbeit richtet sich nach der Chronologie der vedischen Literatur, anhand welcher die graduelle Entwicklung dieses Gottes verdeutlicht werden soll. Die Texte habe ich wiederum in den Veda und in die späteren vedischen Texte unterteilt, da ich am Ende des ersten Teils dem ursprünglichen Wesen Rudras nachgehen möchte. Diese Fragestellung erscheint mir an dieser Stelle am Angemessensten, da fast ausschließlich der Veda Rückschlüsse darüber zu geben vermag. Es wurden bereits viele Spekulationen darüber angestellt, jedoch basieren diese Theorien meiner Auffassung nach hauptsächlich auf nebensächlichen Merkmalen Rudras Wesens und vernachlässigen die Kernaussagen der frühesten vedischen Texte. Die umstrittene Etymologie des Namens habe ich vorangestellt.

Auf den ersten Teil folgt der Abschnitt der spätvedische Literatur, in der Rudras Bedeutung ihren Höhepunkt erreicht.

II. Rudra im Veda

1. Etymologie

Die Etymologie des Namens rudra erweist sich als schwierig und hat schon viele Versuche

hervorgebracht. Im Nirukta des indischen Etymologen Yāska und in einem Kommentar Sāyanas zu Rgveda I, 114, 1 wird er auf die Verbalwurzel √ rud „(be)weinen“ zurückgeführt. So gibt es auch innerhalb der vedischen Texte Legenden, welche die Namengebung auf diese Weise erklären. Die Taittirīya Sam-hitā[1] des Yajurvedas besagt, dass Agni einst den Göttern, die sich im Kampf mit den Asuras befanden, ihr Gut wegnahm. Als die Götter dies bemerkten, eilten sie Agni hinterher und nahmen es ihm wieder weg. Daraufhin weinte er (Agni) und weil er weinte, heißt er Rudra.

Pischel bringt allerdings den Einwand hervor, dass rudra nicht nur als Bezeichnung eines bestimmten Gottes, sondern auch als Adjektiv erscheint, welches einer Anzahl von Göttern wie Agni, Indra, Soma Mitra, Varuna, den Maruts, den Aśvins und den Spaśah beigegeben ist. Er ist der Ansicht, dass dieses Adjektiv „nur auf die Macht, die Kraft oder die glänzende Erscheinung dieser Götter Bezug haben könne“.[2] Er hält ein Attribut, das die anderen Götter als weinend bezeichnet für unwahrscheinlich und bevorzugt die Übersetzung „rötlich“. Mayrhofer widerlegt dies jedoch damit, dass diese Übersetzung sprachlich nicht korrekt sein kann, da rot im altindischen rudhira heißt.

Pisani[3] führt das Wort rudra auf die selbe Wurzel wie die des elliptischen Duals rodasī, „Himmel und Erde“, zurück. Rodasī ist nach dem selben Prinzip wie der Dual pitarau, „Vater und Mutter“, gebildet, der im Singular „Vater“ bedeutet. Dementsprechend müsste auch rodasī einmal die Bedeutung von „Erde“ oder „Himmel“ besessen haben. Pisani hält erstere Übersetzungsmöglichkeit für richtig. Diese würde seine Auffassung von Rudra „dem Roten“ (eine erdige Farbe) untermauern.[4] Mayrhofer hält jedoch den „Himmel“ für die ursprüngliche Bedeutung und leitet davon das Adjektiv rudra „himmlisch“ ab. Es würde ebenso zu den anderen genannten Göttern passen. Welche der vielen Übersetzungsmöglichkeiten jedoch richtig ist, wird wohl nicht geklärt werden können.

2. R-gveda und Sāmaveda

Der R-gveda ist die älteste Sammlung der vedischen Texte und besteht aus zehn Büchern,

welche insgesamt 1028 Hymnen umfassen. Doch lediglich drei dieser Hymnen sind an Rudra gerichtet. Hinzu kommen 75 Erwähnungen Rudras in Hymnen an andere Götter[5].

Darin wird Rudra im Gegensatz zu all den anderen Göttern als respekteinflößender Gott

beschrieben. Er ist der Asura des Himmels[6], der rötliche Eber des Himmels. Er tötet Kühe und Menschen[7]. Seine Waffen sind Pfeil und Bogen und der Vajra. Er ist rot-braun, hat schöne Lippen und eine jugendliche Erscheinung[8]. Er sitzt auf einem Wagen und trägt goldenen Schmuck[9]. Er hat gewundenes Haar[10] und strahlt wie die Sonne[11]. Seine Söhne sind die Maruts, welche die Winde darstellen. Sie stehen jedoch in engerer Beziehung zu Indra, mit dem sie Soma trinken und Heldentaten vollbringen.

Im Gegensatz zu anderen Göttern wie zum Beispiel Indra werden ihm keine Heldentaten zugeschrieben, denn er kämpft nicht wie dieser für die Menschen gegen Dämonen.

Viele Anrufungen erbitten seinen Sanftmut und flehen ihn an, nicht seine todbringenden Waffen gegen den Sänger der Hymnen und dessen Familie zu richten[12].

Rudra ist jedoch eine sehr gegensätzliche Gottheit, denn er besitzt nicht nur die oben genannten schrecklichen Eigenschaften. Mir erscheint er als ein Gott, der vor allem wegen seiner positiven Eigenschaften verehrt wird. So wird er in Hymne X, 92, 9 als śiva (gütig, günstig) beschrieben, was jedoch viele Wissenschaftler als ein der Besänftigung dieses schrecklichen Gottes dienendes Adjektiv aufgefasst haben.

Die folgende Hymne II, 33 des R-gveda bestärkt jedoch meine Auffassung:

„4. Durch deine heilsamsten Arzeneien, die du gibst, o Rudra, möchte ich hundert Winter erleben. Jage die Anfeindung, die Not weit weg von uns, treib die Krankheiten auseinander!

3. Du bist an Herrlichkeit der Herrlichste (alles) Geborenen, der Stärkste der Starken, du Keulenträger Rudra. Führ uns heil an das Ende der Not, wehre alle Anfälle von Gebreste ab!

4. Nicht wollen wir dich, Rudra, mit unseren Verbeugungen entzürnen, nicht durch schlechtes Lobgedicht, du Bulle, nicht durch Mitanrufung (anderer Götter). Richte unsere Mannen auf mit deinen Arznenein! Ich höre, daß du der bester Arzt der Ärzte bist.

7. Wo ist, Rudra, diese deine mildtätige Hand, die heilend, kühlend ist, die das von Göttern kommende Gebreste fortnimmt? Du solltest doch mit mir Nachsicht haben, du Bulle!“[13]

In Vers II, 33, 9 wird er sogar als der „Herrscher dieser großen Welt“ bezeichnet und in Vers VI, 49, 10 als der „Vater der Welt“.

Im R-gveda findet sich das erste Mal die Bezeichnung Rudras als Trayambaka, über dessen ursprüngliche Bedeutung spekuliert wird. Im Vedischen heißt ambā oder ambikā „Mutter“, daher wurde der Beiname unter anderem von Keith[14] als „drei Mütter habend“ interpretiert. Aufgrund des späteren Auftretens einer Göttin Ambikā als Rudras Schwester wird trayambaka auch als „drei Schwestern haben“ aufgefasst. Im späteren klassischen Sanskrt bedeutet ambaka jedoch „Auge“ und im Mahābhārata wird Rudra-Śiva „drei-äugig“ genannt. Es handelt sich dabei um ein gängigen Beinamen des späteren Śivas. Welche die ursprüngliche Bedeutung dieses Beinamens bedeutet, bleibt jedoch unklar.

Im Laufe der vedischen Texte kommt es häufig zur Identifizierung Rudras mit Agni. Schon

im R-gveda[15] steht: „Du, Agni, bist Rudra, der Asura des Himmels“[16] Diese wird mit der Zeit noch zunehmen und zu Rudras Anerkennung innerhalb der arischen Gesellschaftsschichten beitragen.

In dieser vedischen Gesellschaft nimmt das Somaopfer einen besonderen Stellenwert ein. Doch während all den vedischen Göttern geopfert wird, hat Rudra keinen Anteil daran. Dies wird unter anderem daraus ersichtlich, dass er im IX. Mand-ala des R-gvedas, welches ausschließlich das Somaopfer behandelt, nicht erwähnt wird. Außerdem wird er vom Udgātr, der den Sāmaveda während des Opfers singt, nicht gepriesen[17]. Darin erscheint sein Name nur ein einziges Mal in Verbindung mit seinen Söhnen den Maruts[18]. Daraus läßt sich sehr deutlich ablesen, dass Rudra im vedischen Ritus keine Rolle spielte. Wie wir sehen werden, wir diese Stellung Rudras, abseits des Opfers, einer Veränderung unterliegen.

3. Yajurveda

Das Bild Rudras, welches sich uns im Yajurveda bietet, ist ein um einige Momente Erweitertes. Während der Rudra des R-gvedas noch in jugendlicher Erscheinung auftritt, wird er hier als gealtert, zwergenhaft, in Haut gekleidet, tausendäugig und in den Bergen wohnend (giriśanta) dargestellt. Er hat einen blauen Nacken, einen roten Rücken, einen weißen Hals und grüne Haare. Im Śatarudriya-Kapitel[19] (hundertrudra) werden ihm weit mehr als hundert Namen gegeben. Unter anderem findet man hier das im R-gveda noch adjektivisch verwendete Adjektiv śiva als Beinamen Rudras. Unter diesem wurden Rudras positive Aspekte vereint.

[...]


[1] Taittirīya Sam-hitā I,5,1,1.

[2] Pischel: Vedische Studien (Heft 1); nach Mayrhofer: „Der Gottesname Rudra“, S.142.

[3] Pisani, V.: „Umbrisch rusem-e, lateinisch Ruso r, sanskrit ródasī und eine indogermanische Erdgöttin“ ; nach

Mayrhofer: „Der Gottesname Rudra“, S. 145-146.

[4] Pisani, V.: „Und dennoch Rudra „Der Rote“, Z. D. M. G., 102, S. 136-139.

[5] Keith, A. B.: The Religion and Philosophy of the Veda and Upanishads, (Harward Oriental Series, Vol. 31),

Cambridge 1925 , S.142.

[6] Rgveda II, 1, 6.

[7] ebd. I, 114, 5; 10.

[8] ebd. II, 33, 10; 3; 5; 11; In der gesamten Hymne II, 33 wird sehr positiv von ihm gesprochen.

[9] ebd. II, 33, 9-11.

[10] ebd. I, 114, 1; 5.

[11] ebd. I, 43, 5.

[12] Geldner, K. F.: Der Rig-Veda..(Harvard Oriental Series, Vol. 34), Wiesbaden 1951, I, 114, 2: „Hab mit uns

Erbarmen, Rudra, und mach uns Freude! Wir wollen dir, dem Männerbeherrscher, in Demut dienen.“

[13] Geldner, K.F.: Der Rigveda. II, 33.

[14] Keith; A. B.: The Religion and Philosophy of the Veda and Upanishad. S. 143.

[15] R-gveda II, 1, 6.

[16] Geldner, K.F.: Der Rigveda. II, 1, 6.

[17] vergl. Hillebrandt, A.:Vedische Mythologie, (Band 2), Breslau 1929, S. 181.

[18] Tyagi, I. C.: Shaivism in Ancient India. S.47.

[19] Taittirīya Sam-hitā (TS) IV, 5.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Entwicklung des Gottes Rudra in der vedischen Literatur
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
21
Katalognummer
V109832
ISBN (eBook)
9783640080106
ISBN (Buch)
9783640859245
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entwicklung, Gottes, Rudra, Literatur
Arbeit zitieren
Julia Hensel (Autor:in), 2004, Die Entwicklung des Gottes Rudra in der vedischen Literatur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109832

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