Mutierte Sprache: Elemente des prostoreèie in 'Kys'"


Hausarbeit, 2004
13 Seiten, Note: 1,3

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Inhalt

1. Einleitung

2. Begriffsbestimmung des prostorečie

3. Mutierte Sprache von mutierten Wesen ..
3.1. Das prostorečie I und prostorečie II in „Kys’“
3.2. Die von Tat’jana Tolstaja ausgedachten Neologismen...
3.3. Funktionen des in „Kys’“ vorkommenden prostorečie .

4. Tat’jana Tolstajas Einstellung zur Sprache des Romans.

5. Schlusswort

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Sprache des Romans „Kys’“ von Tat’jana Tolstaja1 existiert außer in Fedor Kuz’mičsk nicht, niemand, außer die Einwohner von Fedor Kuz’mičsk, spricht sie. Trotzdem ist diese Redeweise problemlos verständlich, weil die Autorin sie auf der Basis der russischen Sprache konstruierte. Einen wichtigen Bestandteil bilden das prostorečie, Archaismen, Argot, Jargon usw. Dabei wurden Spracheinheiten und Wörter, die zu verschiedenen Zeitperiode gehören, vermischt. Die Einwohner von Fedor Kuz’mičsk benutzen sowohl Wörter, die im 18. Jahrhundert aktuell waren, als auch Wörter, die erst im 21. Jahrhundert entstanden.

Im Roman spiegeln sich Steinzeit, Mittelalter, Altrussland, Sowjetepoche und Gegenwart wider. Zur verschiedenen Epochen gehören die Buchstaben, mit deren das in „Kys’“ vorhandene Alphabet ausgestattet wurde, das in der Realität nie existierte. Chvorost’janova stellt dar, dass im russischen Alphabet „iže“, „i kratkoe“, „i desjateričnoe“ und „ižica“ nie gleichzeitig vorhanden gewesen seien2.

Voraussetzung für eine Untersuchung des prostorečie in „Kys’“ ist daher eine genaue Begriffsbestimmung, die das prostorečie von anderen Kategorien wie dem Argot, dem Jargon oder dem Dialekt abgrenzt.

In dieser Arbeit wird untersucht, welche Formen des prostorečie im Roman vorkommen und in welchem Zusammenhang sie zum Inhalt des literarischen Werks stehen. In Betracht kommen auch die von Tat’jana Tolstaja ausgedachten Neologismen. Es wird erforscht, welche Ableitungsstämme und Wortbildungsmittels sie für ihre Konstruktion benutzte.

Der Stil des Romans ist neuartig, bisher schrieb Tat’jana Tolstaja ihre anderen Werke in eleganter russischer Sprache. Aus diesem Grund soll eine Untersuchung ihrer Einstellung zur Sprache des Romans nutzbringend sein.

2. Begriffsbestimmung des prostore cie

In der russischen linguistischen Literatur gab es zur Zeit der Sowjetunion zwei Meinungen über die Begriffsbestimmung des prostorečie, und zwar das literarische prostorečie, das als eine stilistische Einheit der Sprache eine expressive Prägung habe, und das nichtliterarische prostorečie, das Menschen in ihrer alltäglichen Kommunikation benutzten1.

Infolge politischer und gesellschaftlicher Umstellungen nach dem Zerfall der Sowjetunion veränderte sich die russische Sprache. Aufgrund dessen erschienen viele wissenschaftliche Arbeiten, die die Sprache und die entstehenden Veränderungen erforschen. In vielen Abhandlungen steht das prostorečie im Vordergrund, so z. B. in Kester-Tomas Untersuchung2. Auch V. V. Chimik widmet dem prostorečie ein ganzes Buch3.

Im Folgendem soll v. a. die erwähnte Arbeit Kester-Tomas einer weiteren Analyse zugrunde liegen. Kester-Toma schreibt, dass das prostorečie eine Mittellage zwischen Nonstandard und Substandard einnehme. Das gegenwärtige prostorečie sei eine Gesamtheit von stilistisch neutralen Abweichungen der kodifizierten Sprachnormen. Diese Abweichungen verbreiteten sich sowohl in Phonetik, Morphologie, Phraseologie als auch in Syntax und Lexikologie4.

Bei Kester-Toma5 sowie bei Zemskaja und Kitajgorodskaja6 steht fest, dass es sinnvoll ist, zwei Gruppen des prostorečie zu unterscheiden. Das prostorečie I ist ein altes traditionelles Sprachmittel, dessen Dialektentstehung deutlich festzustellen ist.

Das prostorečie II seien neue Sprachmitteln, die eine Abweichung der Standardsprache widerspiegelten und meistens ins prostorečie aus sozialen Jargons kämen1.

3. Mutierte Sprache von mutierten Wesen

Nach dem Grossen Knall musste alles – Menschen, Tiere, die Natur – mutieren. D.h., die Welt veränderte sich, alle, die am Leben bleiben wollten, mussten sich dieser neuen Welt anpassen oder sterben. Die Menschen von Fedor Kuz’micsk mutierten hauptsächlich in zwei Richtungen. Dadurch entstanden zwei Gruppen. Zur ersten Gruppe gehören Gestalten des Romans, die Tat’jana Tolstaja über dreihundert Jahren leben lässt, pereroždency und Prežnie. Zur zweiten Gruppe gehören alle anderen Einwohner, und zwar golubčiki und kochinorcy, die dreihundert Jahren nach dem Grossen Knall geboren wurden. Pereroždency und Prežnie, sowie golubčiki und kochinorcy haben ihre eigene Sprache. Die Sprache der kochinorcy verstehen andere Einwohner von Fedor Kuz’micsk überhaupt nicht. Kaum besser verstehen sich Prežnie und golubčiki.

„[…] Prežnich, počitaj, i net počti, razve čto pereroždency, da oni vrode kak i ne ljudi, a s nonešnimi golubčikami, s nami to est’, togo razgovoru už ne zavedeš’. Da i to skazat’: Prežnie našich slov ne ponimajut, a my ichnich.“ 2

Eigentlich erscheinen im Roman kurz noch zwei Tschetschenen, ein Alter und eine Alte, die in Wirklichkeit aber keine Tschetschenen sind, sondern ebenfalls die golubčiki. Obwohl der Alter und die Alte aus dem Süden kommen und in Fedor Kuz’micsk nie früher waren, unterscheidet sich ihre Sprache von der hiesigen nicht, was eigentlich unvorstellbar ist. Zwischen den Einwohnern aus Fedor Kuz’micsk und Menschen aus dem Süden, die im Roman die beiden Tschetschenen verkörpern, liegt ein großer Abstand, und zwar dreihundert Jahre, und eine räumliche Entfernung – die Alte und der Alter waren fast zwei Wochen zu Fuß unterwegs.

Es steht fest, dass jede Stadt ihre Merkmale des prostorečie hat. Aus diesem Grund können Menschen, zwischen denen der dreihundertjährige Abgrund liegt, nicht nach dem gleichen Mustern sprechen.

Es ist nicht verwunderlich, dass im Süden und auch in Fedor Kuz’micsk die gleichen mutierten Wesen vorkommen: „ognec“ und „rybka-vertizubka“. Es ist nicht verwunderlich, dass es im Süden Prežnie gibt. Aber es ist erstaunlich, dass sie die gleichen Namen tragen. Tat’jana Tolstaja lässt aber die golubčiki aus dem Süden, sowie aus Fedor Kuz’micsk, unterschiedslos sprechen, und hebt damit ihre Gleichartigkeit hervor. Demzufolge ist eindeutig, dass die beiden Tschetschenen in der Tat Russen sind.

3.1 Das prostorečie I und prostorečie II in „Kys’“

Tat’jana Tolstaja lässt fast alle Einwohner von Fedor Kuz’mičsk das prostorečie sprechen, eine Ausnahme macht sie nur für die Prežnie, mit denen sie die russische Intelligenzija abbildet.

Die Sprache der golubčiki enthält in sich solche Wörter, deren Dialektentstehung deutlich festgestellt werden kann. Über diesen Redestil verfügen Menschen, die niedriges Bildungs- und Kulturniveau haben. Dies ist das so genannte prostorečie I, das sich in der russischen Sprache sowie im Roman in Phonetik, Morphologie, Phraseologie, Syntax und Lexikologie verbreitet.

Pereroždency, die ebenso lange wie Prežnie leben, aber von denen sie sich bedeutend unterscheiden, sprechen prostorečie II, das eine Mittellage zwischen Sozial- und Berufjargon einnimmt.

Chimik schreibt, dass die Wortübernahme aus Sozialjargon in die normative Umgangssprache die typische Erweiterungsmethode des russischen Sprachwortschatzes sei: Jargonworte drängen erst in die Jugendkultur ein, dann ins prostorečie, und schließlich seien sie in der umgangssprachlichen Literatursprache festzustellen. Wörter des prostorečie seien ein Produkt des Sprachspiels1.

Das prostorečie II sei eine junge Abart der Stadtrede, die im Gegensatz zum prostorečie I, das über einigen bestimmte Besonderheiten verfüge, im Phonetik- und Morphologiebereich 1 Chimik, V. V.: Poėtika nizkogo, ili prostorečie kak kul’turnyj fenomen.

zufälligen Charakter habe. Für das prostorečie II seien verschiedenen Arten der persönlichen Anrede typisch, in deren Funktion solchen Wörter gebraucht würden, die auf eine Verwandtschaft oder soziale Rolle hinwiesen1.

Das prostorečie II dient der eingeschränkten Alltagssphären der Kommunikation, deshalb wird es meistens in den Sprachdarbietungen benutzt, die eine illokutive Funktion, z.B. Bitte-, Beschuldigungs- oder Zusicherungsfunktion haben.

Die Sprache der golubčiki ist die Staatsprache in Fedor Kuz’mičsk und die Standardsprache des Romans. Für diese Redeweise einer mutierten Welt fand die Autorin neuen Signifikationsstrategien. So wurde im Roman die Wortsemantik dem reduzierten Referenzbereich entsprechend verengt. Golubčiki sagen „kon’“, meinen „myš’“. Abstrakta werden von ihnen „wörtlich“ verstanden:

- […] A vot vy pro svobody govorite – tak i pro svobody pišut. Učat, kak svobody delat’. […] „Pletennja“. Da! „Pletennja žinkovich žaketov“. „ Pri vyvjazyvanii projmočki delaem dve petli s nakidom, dlja svobody dviženija. Sbrasyvaem na pravuju spicu ne provjazyvaja“ 2.

Die Bedeutung mancher Wörter, Begriffe und Kategorien sind für golubčiki verlorengegangen, deshalb machen sie grobe sprachliche Fehler im Ausdruck, durch entstehen Barbarismen: „ONEVERSTECKOE ABRAZAVANIE”, „FELISOFIJA”, „TRODICYI” usw. Alle Barbarismen des Romans wurden durch die Großschreibung hervorgehoben. Und infolge dieser Prestigeschreibung nehmen sie eine auffällige Stellung in „Kys’“ ein.

In der Sprache der golubčiki ist die Neigung zur Euphemisierung auffallend. Für dieses Ziel benutzt Tat’jana Tolstaja ein Verfahren der „Verfremdung“ 3, und zwar das Fremdmachen vertrauter Begriffe. Im Roman werden Menschen „ golubčiki“ genannt, und schreckliche Mutationen – „Posledstvija“.

In „Kys’“ kommen folgenden Merkmale des prostorečie I vor.

Phonetik

- Assimilation von Konsonanten:

nešto ← nečto, krepše ← krepče,

ne napasessi ← ne napasešsja (hier kommt noch Zwischensilbenassimilation des

Vokals),

boissja ← boišsja, bespokoissja ← bespokoišsja (nur Assimilation der Konsonanten),

obchochočeš’si ← obchochočešsja (nur Zwischensilbenassimilation des Vokals ohne

Assimilation des Konsonanten).

- Dissimilation von Konsonanten:

kalidor ← koridor, Sekletar’ ← sekretar’.

- Vereinfachung der Silbenstruktur von Worten:

otymem ← otnimem, Ivanyč ← Ivanovič.

- Vereinfachung der Konsonantengruppe durch Einfügen eines Konsonanten:

agromadnyj ← gromadnyj, Paulin ← pavlin.

- Ersetzung von Vokalen in erster Silbe:

sur’eznoe ← ser’eznoe, sumnenija ← somnenija, surpriz ← sjurpriz, sužet ← sjužet.

Morphologie

- Nicht korrekte Konjugation:

chodjut ← chodjat, pečalujutsja ← pečaljatsja.

Wortbildung

- Gebrauch von meistens nur in Umgangsprache vorkommenden Suffixen:

dedulja (meistens wird dies von Kindern gebraucht),

tošnechon’ko (-ochon’k- → verstärkter Grad von einer Eigenschaft wurde mit Zärtlichkeit verbunden).

Lexikologie

- Phraseologismen:

bočku usažival, ja tja sob’ju s pachvej.

- Archaismen:

noneča, ažno.

- Nur im prostorečie vorkommende Worte:

baby, rugan’, okotilas’ (bezüglich auf eine Frau in der Bedeutung: ein Kind zur Welt bringen).

Syntax

- Adverbialpartizipien auf -vši, -mši als Nominalteil von Prädikat:

sgnivši, osemši, sobramšis’ usw.

Die Autorin platziert die pereroždency auf der niedrigsten Sozialstufe der Gesellschaft von Fedor Kuz’mičsk. Sie sind keine Menschen mehr, sondern irgendwelche mutierten Wesen, deren Funktion den Leser Pferde ähneln und deren Sprache – Taxifahrern aus einem Taxiunternehmen aus der Sowjetepoche.

„Zverinec u testja bol’šoj, počitaj celaja ulica, a po storonam vse kleti da zagony. Spervonačalu chlev prostornyj,v tom chlevu stojla, a v stojlach pereroždency. Volosatye,černye – strast’. Vsja šerst’ po bokam v koltuny svaljamšy. Mordy chamskie. Kto o prut’ja bok češet, kto pojlo iz žbana lakaet, kto seno žuet, kto spat’ zavalilsja, a troe v uglu v berestjanye karty dujutsja, pererugivajutsja.

- Ty čto, opupel, s bubej chodit’?

- A ty pomalkivaj!

- Ach tak, značit. A vot tebe podkidon!

Test’ nedovolen, kogtjami poskreb.

- Opjat’ igraem? A stojla ne čiščeny!

Pereroždency – chot’ by chny.

- Ne be, chozjain! Vse budet čiki-čiki. Chodi, Va-lera.“ 1

Die Sprechweise der pereroždency ist mit den Elementen des prostorečie II ausgestattet. Sie benutzen die Worte „ chozjain”, „rebjata“ in Funktion der persönlichen Anrede. In ihrer Sprache erkennt man leicht mehrere Sprüche, die in die normative Umgangssprache aus dem Gefängnisjargon eingeführt wurden. Ihre Sprechhandlung hat meistens eine illokutive Betonung in sich. Sie kommunizieren überwiegend durch verschiedene Beschimpfungen, die härter sind als die Beschimpfungen der golubčiki 2 . Im Grunde existiert diese Sprache heutzutage. Auf solche Art spricht in der gegenwärtigen Zeit ein großer Teil der Bevölkerung sowohl in Moskau als auch in vielen anderen Städten Russlands.

3.2 Die von Tat’jana Tolstaja ausgedachten Neologismen

Im Roman trifft man einzelne Worte, die in der russischen Sprache nicht existieren. Tat`jana Tolstaja erfand für die mutierte Welt des Romans über zehn Worte. So entstanden neue Benennungen für die sichtbaren Dinge, deren Namen verloren gegangen waren. Pflanzen und Tiere bekommen neuen Bezeichnungen, dafür konstruierte die Schriftstellerin aus zwei verschiedenen Wörtern ein Wort:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tat`jana Tolstaja schaffte einzelne Benennungen für die neue mythologische Weltordnung („Кys’“, „Ptica-paulin“), sowie für die erst durch die Katastrophe entstandenen Begriffe und Dinge. Mutierte Menschen, die den „Großen Knall“ überlebten, heißen „ pereroždency“ und „ Prežnie “, ein Grundstoff für die verschiedensten Flüssigkeiten von Tinte bis Alkohol heißt „ržav’“.

Einige von Tat’jana Tolstaja ausgedachten Neologismen entstanden durch eine Veränderung schon existierender Wörter der russischen Sprache, z.B. verwandelte sie den „verizub“, „vyrezub“ aus Dal’s Wörterbuch, einen Fisch, der in den Flüssen Voronež, Don vorkommt1, in „rybka-vertizubka“ . Außerdem bildete sie neue Wörter mit Hilfe von Suffixen, z. B. ognec ← ogon’ + -ec, červyr’ ← červ’ + -yr’.

Meistens haben die Neologismen einige deutlichen Nuancen des prostorečie. So z. B. im Wort „Ptica-paulin“ wurde die Konsonantengruppe vereinfacht. Für die Konstruierung des Wortes „ptica-bljadunica” benutzte die Autorin eins der bekanntesten russischen Schimpfworten. Sie fügte zum schon existierenden Substantiv Maskulinum das Suffix –ic hinzu und bildete ein Substantiv Femininum. Auf diese Weise trägt die Taube, ein Symbol der Liebe und der Frieden, den Namen „ptica-bljadunica” im Roman.

3.3 Funktionen des in „Kys’“ vorkommenden prostorečie

Die moderne Antiutopie ist verschiedenartig. Tat’jana Tolstaja macht ein gedankliches Experiment. Sie schildert eine nationale Katastrophe, deswegen kann der Roman „Kys’“ als die nationale Antiutopie definiert werden.

Die Antiutopie sei immer personalisiert. Der Erzähler nehme normalerweise an der Geschichte teil. Die antiutopische Welt sei durch die Empfindung seines Bewohners, der unter Regeln dieser Welt leiden müsse, dargestellt1.

Demzufolge ist nachvollziehbar, dass der fiktive Erzähler, die Hauptfigur Benedikt und alle anderen Gestalten des Romans über eine ihrer Umgebung, ihrem Charakter, Benehmen und ihren Handlungen entsprechende Sprachkompetenz verfügen.

Über eine normale Sprachfähigkeit verfügen im Roman nur die Prežnie. Nur sie lässt die Autorin vorwiegend „gutes“ Russisch sprechen, nur ihre Benennungen werden großgeschrieben.

Durch den Unterschied zwischen der mutierten Ausdrucksweise der golubčiki sowie dem Redestil der pereroždency, die aus den Elementen des prostorečie II komponiert wurden, und der korrekten russischen Sprache der Prežnie stellt Tat’jana Tolstaja den Bruch der Generationenfolge dar.

Durch die Verwendung des prostorečie I, dessen Wörter zum größere Teil in der gegenwärtigen Sprache nicht mehr gebraucht werden, und des prostorečie II sowie der ausgedachten Neologismen erschwert die Autorin automatisierte Darstellungs- und Mitteilungsvorgänge. Dank der Neologismen wird das Lesen rätselhaft, jedenfalls solange dem Leser nicht offensichtlich wird, welche Objekte sie benennen.

4. Tat’jana Tolstajas Einstellung zur Sprache des Romans

Für die Konstituierung der Sprache des Romans benutzte die Schriftstellerin die „dörfliche“ Redeweise ihrer Amme und einige literarische Quellen: Platonov, Dal’. Sie ist begeistert von der altmodischen Eigenartigkeit der Ausdrucksweise, die noch vor der Sprachreform von Peter dem Großen existierte, aber zugleich konstatiert sie, dass es in der Sprache viel Beleidigendes und politisch Inkorrektes gebe2.

Tat’jana Tolstaja stattete die golubčiki mit allen möglichen „Sünden” aus.

Galina Nefagina ist Recht zu geben, wenn sie schreibt, dass der Roman eine Geschichte der moralischen, intellektuellen und geistigen Degradierung der Gesellschaft darstelle1.

Die Golub čiki erreichten dabei in ihre moralischen Degradierung, die auch durch ihrer Sprache abgebildet wurde, den niedrigsten Stand. Sie klauen unter einandere, haben kein gutes Verhältnis zu den kochinorcy, die eine in Fedor Kuz’micsk lebende Minderheit sind. Sie kennen kein Gefühl von Mitleid.

„Konešno, jasnoe delo, eželi mne kto člen kakoj povredit, uron tulovu pričinit, ėto ne smešno, ėto ja oserčaju, sporu net. Tut i rassuždat’ nečego. No ėto esli mne. A esli drugomu – togda smešno. A počemu? – potomu čto ja - ėto ja, a on – ėto už e ja, ėto on.” 2

Die Golub čiki haben wenig Respekt vor anderen Menschen. Sie spielen Spiele wie poskakaločka und udušiločka 3. Ihr Verhalten gegenüber Frauen ist noch respektloser. In ihrer Sprache existiert das Wort „Frau“ nicht. Stattdessen wird das Wort „baby“ benutzt, das nur im prostorečie vorkommt und nicht korrekt ist. Deswegen ist nachvollziehbar, dass eine solche Diskriminierung von keiner Frau akzeptiert wird. Die Autorin äußerte sich mit aller Deutlichkeit darüber in ihrem Essay:

„Prezident prinjal delegaciju čučmekov“ – nevozmožnyj zagolovok v gazete. „Vydajuščeesja bab’e v russkoj kul’ture“ – nemyslemoe nazvanie dlja knigi. Ėto vsem ponjatno: v pervom slučae zadevajutsja lica nekotorych nacional’nostej (rasistskoe vyskazyvanie), vo vtorom – lica ženskogo pola (vyskazyvanie seksistskoe). Ponjatno, čto

napečatat’ ili publično proiznesti podobnoe bylo by oskorbitel’nym chamstvom… 4

Tat’jana Tolstaja gab mehrmals ihre Meinung in Bezug auf den heutige Zustand der russischen Sprache kund. Mit ihrer kritischen Bewertungen der gebräuchlichen Ausdrucksweise weist sie deutlich daraufhin, dass das gegenwärtige alltägliche Sprachvermögen immer mehr Kennzeichnen der Primitivität trägt, selbst die Medien bemühten sich nicht, sich adäquat auszudrücken 1.

Aufgrund dessen ist die mutierte Sprache des Romans eine implizite Kritik an der derzeitigen Unwissenheit der Sprachträger. Die Sympathie der Autorin gehört unverwechselbar den Prežnie, und keinesfalls den golubčiki oder den pereroždency.

5. Schlusswort

In ihrem Roman schaffte Tat’jana Tolstaja eine Welt, die nach ihren Regeln existiert. In dieser Welt verändert sich alles ständig. Da gibt es nichts Grundlegendes, Stabiles. Alle Gestalten des Romans sind Mutanten. Ihr Bewusstsein, ihre Seele und ihre Moral haben sich umgestellt. Nachvollziehbar ist, dass auch ihre Sprache mutierte.

Die Standardsprache des Romans besteht vor allem aus dem prostorečie, dabei herrscht in der Redeweise der golubčiki überwiegend das prostorečie I vor , während das Sprachvermögen der pereroždency aus den Elementen des prostorečie II gebildet wurde.

Mithilfe des prostorečie macht Tat`jana Tolstaja auf den Bruch der Generationenfolge sowie auf das Massenanalphabetentum und die Unmenschlichkeit der abgebildeten Gesellschaft aufmerksam.

Die Schriftstellerin stellte die Ausdrucksweise analphabetischer Bauern aus dem 18. Jahrhundert, die im 20. Jahrhundert praktisch verschwanden, wieder her. Bei alledem bereichert sie diesen Redestil mit Ausdrücken heutiger Jugend, deren Mehrzahl in der gegenwärtigen Zeit wenig oder überhaupt nicht liest. Auf solche Weise kommt eine Sprache von Menschen heraus, die ihre Bücher verloren haben.

Tat`jana Tolstaja gestand im Interview für die russische Zeitschrift Afiša, dass die wichtigste Spätfolge der im Roman geschilderten Katastrophe eine Mutation der Sprache sei2.

Literatur

Dal’,V. I.:Tolkovyj slovar’ V. Dalja on-line: [republikacija vypolnena na osnove II izdanija 1880-1882 gg.]. (http:// vidahl.agava.ru).

Chimik, V. V.: Poêtika nizkogo, ili prostorečie kak kul’turnyj fenomen. SPb: SpbGU. 2000. (http://www.klass-teatr.ru/?section=september1_2001).

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Tolstaja, T.: Na lipovoj noge. Tuda-sjuda-obratno. In: Den’. M. 2003, S.354-367.

Tolstaja, T.: Nepal’cy i mjumsiki. In: Kys’. M. 2003, S. 330.

Tolstaja, T.: Političeskaja korektnost’. In: Ne kys’. M. 2004, S.583.

Zemskaja, E. A, Kitajgorodskaja M. V.: Nabljudenija nad prostorečnoj morfologiej. In: Zemskaja, E. A.; Šmelev, D. N.: Gorodskoe prostorečie. Problemy izučenija. M. 1984, S. 66-102.

[...]


1 Tolstaja, T.: Kys’. M. 2003.

2 Chvorost’janova, E.V.: Imja kysi: sjužet, kompozicija, povestvovatel’ romana Tat’jany Tolstoj „Kys’”. In: Bobrov, A.G. u.a. (Hgg.): Tradicionnye modeli v fol’klore, literature, iskusstve: v čest’ N. M. Gerasimovoj. Sankt-Peterburg, 2002, S.114-128.

1 Zemskaja, E. A.; Kitajgorodskaja, M. V.: Nabljudenija nad prostorečnoj morfologiej. In: Zemskaja, E. A.; Šmelev, D. N.: Gorodskoe prostorečie. Problemy izučenija. M. 1984, S.66.

2 Kester-Toma, Z.: Standart, substandart, nonstandart. In: Rusistika 2 (1993), Berlin, S. 15-31.

3 Chimik, V. V.: Poėtika nizkogo, ili prostorečie kak kul’turnyj fenomen. SPb: SpbGU. 2000. (http://www.klass-teatr.ru/?section=september1_2001).

4 Kester-Toma: Standart, substandart, nonstandart. S. 22.

5 Kester-Toma: Standart, substandart, nonstandart. S.15-31.

6 Zemskaja / Kitajgorodskaja: Nabljudenija nad prostorečnoj morfologiej. S. 66-102.

1 Prostorečie. In: Ėnciklopedija „Krugosvet”. http://www.krugosvet.ru/articles/66/ 1006650/1006650a1.htm.

2 Tolstaja, T.: Kys’. S.27.

1 Prostorečie. (http://www.krugosvet.ru/articles/66/ 1006650/1006650a1.htm)

2 Tolstaja, T.: Kys’. S.237-238.

3 Šklovskij, V.: Iskusstvo, kak priem. In: J. Striedter (Hg.): Texte der russischen Formalisten. Bd. 1. S. 2-35.

1 Tolstaja, T.: Kys’. S.167.

2 Tolstaja, T.: Kys’. S. 119 .

1 Nefagina G.: Antiutopija v Russkoj Proze Konca XX Veka i Roman T. Tolstoj Kys’. S. 199.

2 Tolstaja, T.: Kys’. S.148.

3 Tolstaja, T.: Kys’. S.148-149.

4 Tolstaja, T.: Političeskaja korektnost’. In: Ne kys’. M. 2004, S.583.

1 Tolstaja, T.: Na lipovoj noge. Tuda-sjuda-obratno. In: Den’. M. 2003, S.354-367.

2 Tolstaja, T.: Nepal’cy i mjumsiki. In: Kys’. M. 2003,S. 330.

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Titel
Mutierte Sprache: Elemente des prostoreèie in 'Kys'"
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
13
Katalognummer
V109846
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Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mutierte, Sprache, Elemente
Arbeit zitieren
Ulyana Sorych (Autor), 2004, Mutierte Sprache: Elemente des prostoreèie in 'Kys'", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109846

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