Das Erhabene bei Immanuel Kant Eine Untersuchung seiner Schrift: "Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen" von 1764


Hausarbeit, 2004

15 Seiten, Note: 2,7


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Unterscheidung des Schönen und des Erhabenen im Allgemeinen, im Hinblick auf die Geschlechter und die Nationalcharaktere
2.1. Die Unterscheidung des Schönen und Erhabenen im Allgemeinen
2.1.1. Die Unterscheidung des Schönen und Erhabenen im Hinblick auf die Geschlechter
2.1.2. Die Unterscheidung des Schönen und Erhabenen im Hinblick auf die Nationalcharaktere
2.2. Die Eigenschaften des Schönen und Erhabenen im Allgemeinen und im Hinblick auf die Geschlechter
2.2.1. Die Eigenschaften des Schönen und Erhabenen im Allgemeinen
2.2.2. Die Eigenschaften des Schönen und Erhabenen im Hinblick auf die Geschlechter
2.3. Die Charaktereigenschaften

3. Das Erhabene bei Kant: Eine Zusammenfassung / Schlußbetrachtung
3.1. Das Erhabene bei Kant: Eine Zusammenfassung
3.2. Schlußbetrachtung

4. Literaturverzeichnis
4.1. Quellen
4.2. Sekundärliteratur

5. Anhang
5.1. Anhang 1

1. Einleitung

Immanuel Kant beginnt seine vorkritische Schrift „ Beobachtungenüber das Gefühl des Schönen und Erhabenen “ aus dem Jahre 1764 mit den Worten: „ Die verschiedenen Empfindungen des Vergnügens oder des Verdrusses beruhen nicht so sehr auf der Beschaffenheit deräuß eren Dinge, die sie erregen, als auf dem jedem Menschen eigenen Gefühl, dadurch mit Lust oder Unlust gerührt zu werden. “ 1 Diese subjektiven Gefühle, die in uns hervorgerufen werden, nämlich die Empfindungen des Schönen und Erhabenen, werden in dieser Schrift untersucht. Der Hauptgegenstand meiner Arbeit wird jedoch das Gefühl des Erhabenen allein sein.

Die eigentliche Thematik dieser „populärphilosophischen“2 Abhandlung ist in den ersten beiden Abschnitten der vierteiligen Schrift zu finden. Im ersten Teil bespricht Kant den Unterschied des Gefühls vom Schönen und Erhabenen und legt hier von vornherein fest, daß er die Beobachtungen nicht als Philosoph vornimmt, sondern lediglich als Beobachter.3 Im zweiten Teil schreibt er über die Eigenschaften des Erhabenen und Schönen am Menschen. Der dritte Abschnitt beschäftigt sich eingehend mit der Psychologie der Frau, wobei Kant im Grunde genommen die Psychologie beider Geschlechter im Hinblick auf das Schöne und Erhabene untersuchen wollte. Der letzte Abschnitt behandelt die Nationalcharaktere im Bezug auf diese beiden Empfindungen.

Bevor ich zur Erläuterung des Erhabenen komme, werde ich im ganzen zweiten Abschnitt einen Einblick in Kants Schrift geben, um somit sowohl das Erhabene, als auch das Schöne zu beleuchten. Mein Ziel ist es hierbei aufzuzeigen, wie Kant das Schöne und Erhabene definiert und kategorisiert. Hierbei werde ich die Schrift des Philosophen in zwei Teile einteilen. In Punkt 2. - 2.1.2 werde ich die Unterschiede des Schönen und Erhabenen und in Punkt 2.2. -2.2.2. den moralischen Aspekt dieser Gefühle aufzeigen. In 2.3. werden die Charaktereigenschaften näher dargelegt.

Im dritten Abschnitt gebe ich dann die gesammelten Erkenntnisse über das Erhabene zusammenfassend wieder und ziehe ein Fazit aus der Analyse dieser Schrift.

2. Die Unterscheidung des Schönen und Erhabenen im Allgemeinen, im Hinblick auf die Geschlechter und die Nationalcharaktere

2.1. Die Unterscheidung des Schönen und Erhabenen im Allgemeinen

Das Gefühl für das Schöne ist nach Kant unmittelbar in der menschlichen Natur verwurzelt. Neben diesem ist auch das Gefühl des Erhabenen als eine feine Spezifikation des Schönen im menschlichen Naturell vorhanden.4 Die Empfindungen dieser beiden Gefühle sind auf sehr verschiedene Weise angenehm. Das Gefühl des Erhabenen drückt sich in „Schwermütigkeit“ und durch „grausiges Wohlgefallen“ aus, während das Gefühl des Schönen fröhliche Empfindungen hervorruft. Kant gibt viele Beispiele an um den Unterschied zwischen dem Schönen und dem Erhabenen zu verdeutlichen:

Die Nacht ist erhaben, der Tag ist schön. “ ... „ Das Erhabene rührt, das Schöne reizt. “ 5 „ Das Erhabene muß jederzeit groß , das Schöne kann auch klein sein. Das Erhabene muß einfältig. Das Schöne kann geputzt und geziert sein. “ 6 „ Verstand ist erhaben, Witz ist schön. Kühnheit ist erhaben und groß , List ist klein, aber schön. “ ... „ Erhabene Eigenschaften flöß en Hochachtung, schöne aber Liebe ein. Freundschaft hat hauptsächlich den Zug des Erhabenen, Geschlechterliebe aber des Schönen an sich.7 usf.

Beide Empfindungen sind voneinander abhängig und ergänzen sich.8 Jedoch ist die Rührung des Erhabenen stärker als die des Schönen. Die Empfindung des ersteren Gefühls allein kann nicht lange „ertragen“ werden, da es auf das menschliche Gemüt schlägt und für die Seele „anstrengend“ ist. Aus diesem Grunde ist eine Abwechslung vonnöten, die durch das Gefühl des Schönen, welches Freude hervorruft, gewährleistet wird. Der Mensch lernt somit die jeweiligen Gefühle zu schätzen. „ Die hohen Empfindungen, zu denen die Unterredung in einer Gesellschaft von guter Wahl sich bisweilen erhebt, müssen sich dazwischen in heiteren Scherz auflösen, und die lachende Freuden sollen mit der gerührten, ernsthaften Miene den schönen Contrast machen, welcher beide Arten von Empfindung ungezwungen abwechseln l äß t. “ 9

2.1.1. Die Unterscheidung des Schönen und Erhabenen im Hinblick auf die Geschlechter

Weiterhin teilt er das Menschengeschlecht in das Erhabene und Schöne ein. Der Mann ist erhaben, die Frau ist schön. Wie das Gefühl des Erhabenen vom Gefühl des Schönen ergänzt wird, so ergänzt die Frau den Mann. Das männliche Geschlecht steht demnach für die Ernsthaftigkeit und für tiefen Verstand. Die Frauen dagegen haben einen schönen Verstand, der sich nicht mit ernsthaften Angelegenheiten beschäftigen sollte, sondern nur mit Schmuck, Kleidern etc. Das Gefühl des Schönen sollte bei der Frau mit dem Edlen vermischt sein, so daß sie nicht läppisch wirkt. Die Frau ist stets auf ihren guten Ruf bedacht und weigert sich auf männliche Avancen einzugehen, während der Mann zart um sie werben muß, damit ihr Feingefühl nicht verletzt wird.10

„ Der Frau bleibt somit noch dasjenige, was der Mann für sich nicht in Anspruch nehmen wollte; sie darf sein, was er selbst nicht sein will. “ 11 Jauch möchte hiermit zu verstehen geben, daß Kant die Frau als einen minderwertigen Mann sieht, denn in der Frau sieht man die Natur (,d.h., die Frau läßt sich von ihren Gefühlen und Trieben leiten), und nicht eine Person, die die Begabung besitzt, intellektuelle Dinge fassen zu können12 „ [...] sie ist schön und nimmt ein, und das ist genug.13 Nichts von Sollen, nichts von Müssen, nichts von Schuldigkeit. “ 14 Der Mann jedoch hat Pflichten zu erfüllen und Verantwortung zu tragen. Wie bereits erwähnt, ist Kant der Ansicht, daß die Frau den Mann ergänzt. Der Mann aber kann ohne die Frau existieren, da er aufgrund seiner Erhabenheit einen Verstand besitzt und Verantwortung übernehmen kann und muß. Die Frau ohne Mann ist für Kant undenkbar und sie wird ohne seine Hilfe und Unterstützung zu einer „ rechtlichen und moralischen Unperson “.15

2.1.2. Die Unterscheidung des Schönen und Erhabenen im Hinblick auf die Nationalcharaktere

Im weiteren Verlauf seiner Beobachtungen untersucht Kant die Nationalcharaktere im Hinblick auf das Schöne und Erhabene. Das Gefühl des Schönen sei bei den Italienern und den Franzosen vorzufinden, während bei den Deutschen, Engländern und Spaniern das Gefühl des Erhabenen vordergründig sei. Das schöne Gefühl bei den Italienern drücke sich durch Bezauberung und Rührung aus, die dem Gefühl des Erhabenen sehr nahe seien, da das Gemüt bei diesen Empfindungen tiefsinnig und entzückt sei. Bei den Franzosen drücke sich das Schöne auf eine lachende und reizende Art aus, welches dem Wesen des Schönen Gefühls entspräche.

Die Erhabenen Nationalcharaktere unterteilt Kant in drei Arten: die schreckhaft erhabene Art, das Gefühl für das Edle und für das Prächtige. Die Spanier gehören der schreckhaft erhabenen Art an, da dieses mit Abenteuer verbunden sei, die Engländer werden dem edlen Gefühl zugeteilt und die Deutschen dem Prächtigen. Das Gefühl des Prächtigen ist für Kant eine Mischung aus dem Gefühl des Schönen und dem Edlen. Jedoch sei diese Art des schönen und erhabenen Gefühls kälter und nicht zu vergleichen mit dem den Franzosen zugeordneten Gefühls des Schönen und dem Gefühl des Erhabenen welches den Engländer ausmacht. Aus diesem Grunde könne der deutsche diejenigen Fehler vermeiden, die ein Franzose oder Engländer begehe, da es den Deutschen an der ausschweifenden Stärke der jeweiligen Gefühle fehlen würde.16

Nach der Untersuchung der europäischen Nationalcharaktere wirft Kant „einen flüchtigen Blick“ auf die „anderen Erdteile“. Er setzt die Araber mit den Spaniern gleich und die Perser mit den Franzosen. Die Chinesen werden wie folgt charakterisiert: „ Welche läppische Fratzen enthalten nicht die weitschichtigen und ausstudirten Complimente der Chineser; selbst ihre Gemälde sind fratzenhaft und stellen wunderliche und unnatürliche Gestalten vor, dergleichen nirgend in der Welt anzutreffen sind. “ 17 Das läppische bedeutet für Kant, daß das Edle nicht im Gefühl des Schönen vorkommt. Weiterhin bezeichnet er die „ Negers von Afrika “ 18 als ein Volk, deren Gefühl nicht über das Läppische hinausgeht. „ Herr Hume fordert jedermann auf, ein einziges Beispiel anzuführen, da ein Neger Talente gewiesen habe, und behauptet: daß unter hunderttausenden von Schwarzen, die aus ihren Ländern anderwärts verführt werden, obgleich deren sehr viele auch in Freiheit gesetzt werden, dennoch nicht ein einziger jemals gefunden worden, der entweder in Kunst oder Wissenschaft, oder irgend einer anderen rühmlichen Eigenschaft etwas Groß es vorgestellt habe, obgleich unter den Weiß en sich beständig welche aus dem niedrigsten Pöbel empor schwingen und durch vorzügliche Gaben in der Welt ein ansehen erwerben.19 Diesem Zitat nach ist bei der afrikanischen Bevölkerung keinerlei Gefühl für das Erhabene und Schöne zu finden.

2.2. Die Eigenschaften des Schönen und Erhabenen im Allgemeinen und im Hinblick auf die Geschlechter

2.2.1. Die Eigenschaften des Schönen und Erhabenen im Allgemeinen

Nach Kant ist die Moralität eines Menschen in der Empfindung dieser beider Gefühle begründet. Die wahre Tugend sei allein erhaben, da sie sich auf moralische Grundsätze gründet, während die Schönheit auf einer „adoptierten“ Tugend beruhe. Die Grenze zwischen wahrer Tugend und der adoptierten Tugend laufen aber ineinander über, da beide Empfindungen im Endeffekt eine wohlwollende Handlung nach sich ziehen.20 Wenn ein Mensch fähig sei, Mitleid für die Schicksale einzelner Menschen zu empfinden, dann sei dies zwar eine schöne Eigenschaft, aber reiche nicht aus, den wahren Grundsätzen der Tugend zu entsprechen, denn diese Gefühlsregung sei „ schwach und jederzeit blind “.21 Kant ist der Ansicht, das durch diese Gefühlsregung (Mitleid) und dem darauffolgenden Drang Menschen zu helfen, man blind für die eigenen Verpflichtungen werde, die man zu tragen habe. Man dürfe dann nicht helfen, wenn die eigene Existenz auf dem Spiel stehe.22

Wenn aber das Schicksal der Menschen im Allgemeinen einem wahrhaftig am Herz läge, und man es sich zum Prinzip mache, Menschen zu helfen, so entspräche dies der wahren Natur der Tugend. Jedoch dürfe man seine eigenen Verpflichtungen nicht aus den Augen verlieren und sich nicht von seinen Gefühlen leiten lassen. Die Distanz zu seinen Empfindungen in dieser Hinsicht mache aus der „schönen Leidenschaft“ eine „erhabene Leidenschaft“.23 Diese Distanz ist sehr wichtig, denn der Mensch darf niemals seinen Gefühlen die Oberhand lassen und eine gewisse Kaltblütigkeit bewahren, damit der Verstand nicht blockiert wird.24 Hieraus schließt Kant, daß wahre Tugend durch allgemeingültige Grundsätze geregelt werden sollte, und „ je allgemeiner sie [Grundsätze] sind, desto erhabener und edler wird sie [die Tugend] . “ 25 Diese Grundsätze sollen dem Gefühl des Schönen, und der Würde, welche dem Menschen angeboren sind, entsprechen. Das Gefühl des Schönen rufe allgemeine Wohlgewogenheit und das der Würde allgemeine Achtung hervor.26

Das Gefühl der Ehre und der Scham, welche aus dem Ehrgefühl entspringt, spiegelt für Kant keine wahre Tugendhaftigkeit wider, da die Taten, die aus diesem Gefühl vollzogen werden, lediglich aus dem Grunde entstehen Ansehen zu erlangen. „ Es ist auch diese Neigung nicht einmal so nahe wie die Gutherzigkeit derächten Tugend verwandt, weil sie nicht unmittelbar durch die Schönheit der Handlungen, sondern durch den in fremde Augen fallenden Anstand derselben bewegt werden kann. “ 27 Aus diesem Grunde nennt er dieses Gefühl, welches der Tugend zwar nahe kommt, jedoch kein ist, „Tugendschimmer“.28

2.2.2. Die Eigenschaften des Schönen und Erhabenen im Hinblick auf die Geschlechter

Die Tugendhaftigkeit der Frau ist eine schöne und die des Mannes sollte eine edle sein. Frauen meiden das Schlechte und Böse, nicht weil sie nicht gut sind, sondern weil sie „häßlich“ sind. Wenn eine Frau tugendhaft ist, dann nur, weil diese Handlungen „sittlich schön“ sind. Frauen müssen und sollen wie bereits oben beschrieben keine Verantwortung tragen, da diese „Last“ ihnen ihre Reize nehmen würde, außerdem seien sie nicht in der Lage Grundsätze zu besitzen. Der Mann sollte stets alles von ihr fernhalten, was ihr zartes Gemüt belasten könnte.29 Weiterhin bemerkt Kant, daß ein „femininer“ Mann, der nach Parfüm riecht und ein „Mannweib“, das nach Schießpulver riecht, Karikaturen ihrer Geschlechter (Fratzen) seien.30 Auch die gebildete Frau sei „entartet“, da sie versuche, intellektuelle Dinge zu verstehen, die lediglich einem tiefen, männlichen, also erhabenen Verstand vorbehalten sind. Ihr schöner Verstand leide hierunter und sie verliert all ihre Reize, da sie eine nachdenkliche Miene den schönen Gesichtszügen vorziehe.31

Bei verheirateten Paaren sollten Mann und Frau zu einer moralischen Person verschmelzen. Solch eine Verbindung der Geschlechter sollte der Mann mit seinem Verstand und die Frau mit ihrem Geschmack bereichern.32 „ So führen sie zusammen ein Ganzes der Menschheit herbei, zu dem keines der beiden Geschlechter für sich fähig ist. “ 33 Wenn jedoch diese vorbestimmte Rolleneinteilung durch einen von beiden nicht mehr eingehalten wird, und die Frau z.B. mehr Bestimmungsrecht in der Ehe besitzen möchte, so ist die „ Anmaß ung des Frauenzimmers in diesem harten Tone [...]äuß erst h äß lich und des Mannes im höchsten Grade unedel und verächtlich. “ 34 35

2.3. Die Charaktereigenschaften

Kant teilt die Menschen in verschiedene Temperamente ein: Die Temperamente des Gefühls sind Melancholiker und Sanguiniker, die der Tätigkeit sind die Choleriker und die Phlegmatiker.

Der Melancholiker wird nicht so bezeichnet, weil er permanent schwermütig ist, sondern weil er derjenige ist, der gefährdet ist, in Depressionen zu verfallen, falls eine schwere Situation auf ihn zukommt. Er ist sowohl für das Gefühl des Erhabenen, als auch für das Gefühl des Schönen empfänglich. Aber: „ Alle Rührung des Erhabenen haben mehr Bezauberndes an sich als die gaukelnde Reize des Schönen. “ 36 Seine Glücksempfindung geht niemals über Zufriedenheit hinaus. Er ist ein Mensch, auf den man sich verlassen kann, da er seine Empfindungen seinen Grundsätzen unterordnet. Für den Melancholiker ist alles was ihn betrifft sehr wichtig. „ Gesprächigkeit ist schön, gedankenvolle Verschwiegenheit erhaben. “ 37 Er ist stets ein wahrer Freund, der es auch bleibt, falls eine Freundschaft zerbrechen sollte. Freundschaftsgefühle sind für ihn erhaben. Er gibt sich so wie er ist und verstellt sich nicht; diesen Wesenszug erwartet er auch von seinem Gegenüber. Seine Freiheit ist ihm sehr wichtig und daher verabscheut er alles, was ihn seiner Unabhängigkeit beraubt. „ In der Ausartung dieses Charakters neigt sich die Ernsthaftigkeit zur Schwermuth, die Andacht zur Schwärmerei, der Freiheitseifer zum Enthusiasmus. “ 38 Kant ist der Ansicht, daß dieser Mensch Gefahr läuft in einer Phantasiewelt zu versinken, da er so hohe Ansprüche an sich und seine Umgebung stellt.39

Der Sanguiniker wird leicht von seinen Gefühlen mitgerissen, jedoch halten diese „Gefühlsausbrüche“ nicht lange an. Für ihn hat das Schöne eine hohe Bedeutung, daher ist er sorglos, fröhlich und gutmütig. Er verabscheut den Stillstand und alles, was ihn langweilen könnte. In Gesellschaften sorgt er für eine ausgelassene fröhliche Stimmung, daher mißt ihm Kant eine moralische Sympathie bei.

„ Sein sittliches Gefühl ist schön, allein ohne Grundsätze und hängt jederzeit unmittelbar

von dem gegenwärtigen Eindrucke ab, den die Gegenstände auf ihn machen. “ 40 Wahre Freunde kennt und braucht er nicht, er liebt alle Menschen für den Moment aber niemals dauerhaft. Alles was traurig und nicht lebhaft ist schreckt ihn ab, obwohl er kein schlechter Mensch ist, bekundet er sein Mitgefühl, zieht sich jedoch solange zurück, bis die Menschen aus seiner Umgebung die Krisen überwunden haben. „ Er ist ein schlimmer heiliger, niemals recht gut und niemals recht böse. “ 41 Er ist eine unzuverlässige Person, die von Gesetz und Gerechtigkeit nicht viel hält und Lasterhaftigkeit als verwegen ansieht. Er neigt hin zu kindischem Verhalten und läuft im Alter Gefahr, ein Geck zu werden.42

Der Choleriker besitzt das Gefühl des Prächtigen, welches Kant als „Schimmer der Erhabenheit“ bezeichnet. Er legt viel Wert auf den äußeren Schein und seine Handlungen sind stets gekünstelt. Cholerische Menschen sind nach Kant gefühlskalte, berechnende Menschen, die nichts dem Zufall überlassen. Er steht im krassen Gegensatz zum Sanguiniker, da der Sanguiniker die Zufriedenheit kennt, der Choleriker aber nur darauf achtet, von anderen als glücklich angesehen zu werden. Weiterhin handelt er nach strengen Grundsätzen, und will nach außen hin prächtig erscheinen, obwohl dieser Kants Ansicht nach nur eine linkische Person ist. Er wird schnell wütend, läßt sich aber durch schmeichelnde Worte sofort wieder beruhigen. Seine Gemütsschwankungen sind für außenstehende unberechenbar, jedoch hält kein Gemütsausbruch lange an. Besonders ausgeprägt ist bei ihm die Leidenschaft der Ehrbegierde. Er tut gutes damit andere ihn für einen tugendhaften Menschen halten.43 „ Er ist daher der Verstellung sehr ergeben, in der Religion heuchlerisch, im Umgange ein Schmeichler, in Staatsparteien wetterwendisch nach den Umständen. “ 44 Kant bezeichnet diesen Typ Menschen als Narren, falls sie weder Talente noch Vorzüge besitzen, die diesen Nimbus nicht von ihm nehmen.45

Der Phlegmatiker besitzt weder das Gefühl für das Erhabene noch das Gefühl für das Schöne.

3. Das Erhabene bei Kant: Eine Zusammenfassung / Schlußbetrachtung

3.1. Das Erhabene bei Kant: Eine Zusammenfassung

Das Erhabene ist nach Kant ein angenehmes Gefühl, welches eine „Rührung“ im menschlichen Gemüt hervorruft. Alles was groß und unermeßlich weit, hoch, tief usw. ist, erweckt in uns das Gefühl des Erhabenen. Als Beispiel gibt er rasende Stürme und hohe Gebirge an. Bei dem Anblick dieser Naturphänomene steigt in uns eine Empfindung, die als „grausiges Wohlgefallen“ bezeichnet wird.46 Ein Mensch, der in den Anblick des Erhabenen, z.B. einer Sommernacht, versunken ist, besitzt einen ernsthaften, fast starren Gesichtsausdruck (vor Staunen und Bewunderung). Die Empfindungen die im Anbetracht des Erhabenen aufsteigen sind unterschiedlicher Art, daher unterteilt er das Erhabene in: Das Schreckhaft - Erhabene, das Edle und zuletzt das Prächtige.47 Große Einöden, wie z.B. eine Wüste gleich welcher Art, rufen in uns das Gefühl des Schreckhaft - Erhabenen hervor. Es drückt sich dadurch aus, daß man ein Grausen empfindet und sich dadurch unbedeutend fühlt und depressiv wird. Das edle Gefühl erwacht im Menschen bei Gegenständen die Bewunderung einflößen. „ Der Anblick einerägyptischen Pyramide rührt, wie Hasselquist berichtet, weit mehr, als man sich aus aller Beschreibung es vorstellen kann, aber ihr Bau ist einfältig und edel. “ 48 Ein Gegenstand, der groß, einfältig und schön ist, bezeichnet Kant als prächtig. Als Beispiel für das Prächtige nennt er die Peterskirche in Rom, da dieser Bau groß, einfältig und schön ist. Die Schönheit des Gebäudes ist durch Mosaiken, goldene Elemente usw. gekennzeichnet.49

Bei der Ausübung des Gefühls des Erhabenen, welches durch „Grausen“ und „Schwermut“ ausgedrückt wird, wird der Mensch für tugendhafte Regungen empfänglich gemacht. Jedoch ist es anstrengend für das menschliche Gemüt, permanent das Gefühl des Erhabenen zu empfinden. Aus diesem Grunde braucht es das Gefühl des Schönen, um eine Abwechslung zu gewährleisten.

Wie wir gesehen haben, ist die Empfindung des Erhabenen im menschlichen Gefühl von Anbeginn verwurzelt und stellt die Grundlage für das moralische Gefühl dar.50 Kant ist sich aber bewußt, daß diese Empfindungen, aufgrund ihres metaphysischen Inhalts, subjektiver Art sind und versucht, ihnen Allgemeingültigkeit zuzusprechen, die durch die moralischen Empfindungen gewährleistet werden. Regungen, die der Mensch in gewissen Situationen empfindet, wie z.B. Mitleid, Drang zum Lesen etc. sollte man nicht freien Lauf lassen, denn solche Aufwallungen der Gefühle entspringen keiner tugendhaften Regung, da sie nicht immer im menschlichen Gemüt vorhanden sind, sondern lediglich in bestimmten Situationen auftreten. Da der Mensch sich nicht seinen unterschiedlichen Gefühlen hingeben sollte, ist es für Kant wichtig, daß sein Wirken und Empfinden auf moralische Grundsätze gründet und durch diese bestimmt wird. Erst dann sind die Regungen des Menschen erhaben.51 Es ist Kant jedoch bewußt, daß man seine Empfindungen nicht so leicht kontrollieren kann und sieht eben hierin das Problem der moralischen Grundsätze deutlich werden, das auch er nicht lösen kann.52

3.2. Schlussbetrachtung

Bei der Ausarbeitung dieser Thematik ist mir aufgefallen, daß sich bisher wenige „Kantforscher“ mit dieser Schrift befaßt haben. Liegt es nun daran, daß diese Schrift für die breite Öffentlichkeit bestimmt gewesen ist, oder daran, daß diese Schrift aus seiner vorkritischen Periode stammt? Vielleicht ist der Grund aber auch nur der, daß Kant hier, meiner Ansicht nach, keine hochwertige wissenschaftliche Arbeit verfaßt hat, sondern eine, die sich lediglich auf Vermutungen stützt, die nicht einmal begründet werden. Wie kommt Kant z.B. auf die Idee, daß die afrikanische Bevölkerung ein minderwertiges Volk sei? Oder das die Kultur der Chinesen läppisch sei? Er ist niemals in diesen Gefilden gewesen, hat sich die Menschen und die Kultur niemals angesehen und dennoch maßt er sich solch ein Urteil an. Das ist eine neue Seite von Kant, die ich bisher noch nicht kannte.

Bruno Bauch, der sich mit Immanuel Kant beschäftigt hat, schreibt in seinem 1917 erschienen Buch „Immanuel Kant“: „ So wenig nun ein wirklich moralischer Grundsatz erreicht sein mag, so wenig man nun auch im einzelnen der Geschlechtercharakterologie, wie sie Kant hier gibt, immer beistimmen mag, im Prinzip ist diese Geschlechtercharakterologie doch sehr wertvoll und bedeutsam. “ 53 Diese Äußerung von Bauch ist für mich unfaßbar, da er dieser chauvinistischen Ansicht Kants, daß Frauen, lediglich „minderwertige Männer“ seien, zustimmt. Jedoch ist hierzu anzumerken, daß beide Männer in Zeiten gelebt haben, in der die Frauen stets unterdrückt wurden und dies als „normal“ angesehen wurde. Bemerkenswert ist jedoch, daß Kant seine Arbeit im 18. Jahrhundert verfaßt hat und das Bauch diese Ansicht noch im 20. Jahrhundert weiter vertritt. Lediglich in diesem Punkt gibt Bauch seine eigene Meinung wieder. Im weiteren Textverlauf beschränkt er sich darauf, den Aufsatz Kants wiederzugeben. Aus diesem Grunde war dieses Werk in einigen Punkten sehr hilfreich für die Ausarbeitungen meiner Schrift. Andere Autoren haben sich lediglich darauf beschränkt, eine oberflächliche Zusammenfassung der Abhandlung wiederzugeben.

Weiterhin ist es bemerkenswert, daß diese Arbeit die erste ist, die ich verfaßt habe, die am Ende keinerlei wissenschaftliche Fragen offen gelassen hat. Falls welche aufkamen, wurden diese beantwortet, indem ich die „Kritik der Urteilskraft“ ergänzend zu Rate zog. Jedoch interessierte mich plötzlich der Mensch der hinter dieser Arbeit stand. War er ein Rassist? War er ein Frauenfeind? Warum dürfen, seiner Ansicht nach, die Frauen nicht gebildet sein? Sind denn die intelligenten Frauen von heute alle reizlos? Nach Kant`s Theorie schon.

Wie ich jedoch feststellen mußte, ist diese Abhandlung Kants zu seiner Zeit „ein voller Erfolg“ gewesen.54

4. Literaturverzeichnis

4.1. Quellen

Kant, Immanuel, Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen, in: Kants Werke, Vorkritische Schriften II 1757 - 1777, Akademie - Textausgabe 2.Bd., Berlin 1968.

4.2. Sekundärliteratur

Bauch, Bruno, Immanuel Kant, Berlin/Leipzig 1917.

Gulyga, Arsenij, Immanuel Kant, Frankfurt am Main 1981.

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=6744&ausgabe=200402: Immanuel Kant, kein Mann nach der Uhr - Rölf Löchel interviewt Reinhard Brandt., vom 20.04.2005.

Jauch, Ursula Pia, Immanuel Kant zur Geschlechterdifferenz: Aufklärerische Vorurteilskritik und bürgerliche Geschlechtsvormundschaft, Wien 1988.

5. Anhang

5. Anhang 1: Die Charaktereigenschaften in tabellarischer Form

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


1 Zitat aus: Kant, I., Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen, in: Kants Werke, Vorkritische Schriften II, 1757 - 1777, Akademie - Textausgabe, 2.Bd., Berlin 1968, S. 207.

2 Vgl.: http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=6744&ausgabe=200402: Immanuel Kant, kein Mann nach der Uhr - Rölf Löchel interviewt Reinhard Brandt.

3 Vgl.: Kant, S. 207.

4 Bauch, B., Immanuel Kant, Berlin/Leipzig 1917, S. 95.

5 Beispiele aus: Kant, S. 208f.

6 Beispiele aus: Ebd., S. 210.

7 Beispiele aus: Ebd., S. 211.

8 Bauch, S. 95.

9 Zitat aus: Kant, S. 211.

10 Ebd., S. 228f.

11 Zitat aus: Jauch, U.P., Immanuel Kant zur Geschlechterdifferenz: Aufklärerische Vorurteilskritik und bürgerliche Geschlechtsvormundschaft, Wien 1988, S. 92.

12 Ebd., 92ff.

13 Kant, S. 240.

14 Zitat aus: Ebd., S. 231.

15 Zitat aus: Jauch, S. 94.

16 Kant, S. 243f.

17 Zitat aus: Ebd., S. 252.

18 Bezeichnung aus: Ebd., S. 253.

19 Zitat aus: Ebd., S. 253.

20 Ebd., S. 217.

21 Zitat aus: Ebd., S. 215f.

22 Ebd., S. 216.

23 Ebd., S. 216.

24 Bauch, S. 96.

25 Zitat aus: Kant, S. 217.

26 Ebd., S.217.

27 Zitat aus: ebd., S. 218.

28 Ebd., S. 218.

29 Ebd., S. 231f.

30 Ebd., S. 230.

31 Ebd., S. 230.

32 Ebd., S. 242.

33 Zitat aus: Bauch, S. 97.

34 Kant, S. 242.

35 Siehe: Anhang 1.

36 Zitat aus: Kant, S. 220.

37 Zitat aus: Ebd., S. 221.

38 Zitat aus: Ebd., S. 221f.

39 Ebd., S. 222.

40 Zitat aus: Ebd., S. 222.

41 Zitat aus: Ebd., S. 222.

42 Ebd.,S. 222.

43 Ebd., S. 223f.

44 Zitat aus: Ebd., S. 224.

45 Ebd., S. 224.

46 Ebd., S. 208.

47 Ebd., S. 209.

48 Zitat aus: Ebd., S. 210.

49 Ebd., S. 210.

50 Bauch, S. 95.

51 Ebd., S. 96.

52 Ebd., S. 96.

53 Ebd., S. 98.

54 Vgl.: Gulyga, A., Immanuel Kant, Frankfurt am Main 1981, S. 77.

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Details

Titel
Das Erhabene bei Immanuel Kant Eine Untersuchung seiner Schrift: "Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen" von 1764
Hochschule
Universität Bielefeld
Veranstaltung
Aktuelle Fragestellung der philosophischen Ästhetik
Note
2,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
15
Katalognummer
V109923
Dateigröße
564 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erhabene, Immanuel, Kant, Eine, Untersuchung, Schrift, Beobachtungen, Gefühl, Schönen, Erhabenen, Aktuelle, Fragestellung
Arbeit zitieren
Arzu Yilmaz (Autor), 2004, Das Erhabene bei Immanuel Kant Eine Untersuchung seiner Schrift: "Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen" von 1764, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109923

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