Interkulturelle Kommunikation und Kulturstandards


Seminararbeit, 2000
17 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Interkulturelle Kommunikation - was ist das?
a) Kommunikation
b) Kultur
c) Interkulturelle Kommunikation

3. Kulturstandards – ein Modell
a) Kultur
b) Standard
c) Kulturstandard
3.1. Wie entstehen Kulturstandards?
3.2. Wie lernt man Kulturstandards?

4. Schlußbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Ich möchte vorausschicken, daß ich das Problemfeld noch nicht ausführlich und tiefgehend genug untersucht habe. Ich möchte an dieser Stelle nur einige oberflächliche Meinungen äußern, die möglicherweise falsch sind. Für Unzulänglichkeiten und Fehler in meinen Äußerungen bitte ich um Kritik und Verbesserungsvorschläge.“[1]

Das Zitat soll nicht als entschuldigender Beginn dieser Arbeit verstanden werden, schließlich sind bei einer wissenschaftlichen Hausarbeit längere Recherchen und abgewogene Äußerungen gefragt. Doch auch als Einstieg in einen öffentlichen Vortrag, zum Beispiel bei einem Referat, scheinen die obigen Sätze nicht geeignet. Sie müßten in einer derartigen Situation entweder als leicht durchschaubares fishing for compliments und daher als nicht angemessen erscheinen, oder, die nicht minder bessere Alternative, sie treffen tatsächlich zu. Dann aber ist dem Referenten vorzuwerfen, daß er seine ihm gestellte Aufgabe nicht adäquat lösen konnte, denn wer öffentlich etwas von sich gibt, hat gut vorbereitet zu sein und seine Äußerungen müssen korrekt sein.

Die oben zitierte Einleitung ist in China allerdings der übliche Beginn eines öffentlichen Vortrags. In Deutschland hingegen würde durch diesen Beginn das Anspruchsniveau der Zuhörer stark nach unten getrieben, da, wer sich schon im Vorhinein für das entschuldigt, was er sagen wird, es besser ganz bleiben läßt, sich öffentlich zu äußern. Nun haben Chinesen, wenn sie obige Eröffnung wählen, sicherlich kein Interesse daran, ihre Zuhörer gleich zu Beginn der Rede zu enttäuschen und es ist überhaupt fraglich, ob sie wirklich so schlecht vorbereitet sind, wie sie es scheinbar zum Ausdruck bringen. Ihre (chinesischen) Zuhörer indes werden an dieser Redeeröffnung keinen Anstoß nehmen, ganz im Gegenteil: Wählte man einen bei uns üblichen Einstieg, würde dieser „bei chinesischen Zuhörern dagegen häufig den Eindruck des unhöflichen, schlecht erzogenen sozialen Barbaren“[2] hinterlassen.

Als über das Thema der interkulturellen Kommunikation im Seminar zu referieren war, wurde, als kleines Experiment, die „chinesische Vortragseröffnung“ gewählt. Wie erwartet reagierten die Zuhörer überrascht. Es wurde gesagt, der Referent solle doch einfach beginnen, man werde dann schon sehen. Andere äußerten ihre Verwunderung über diesen „gehemmten“ Beginn.

Die Reaktionen zeigen die Schwierigkeit von Kommunikation beim Vorliegen unterschiedlicher Voraussetzungen. Was im Experiment lediglich für Verwunderung sorgte, kann im Bereich der deutsch-chinesischen Zusammenarbeit weitaus gravierendere Konsequenzen haben. Für andere Bereiche ließen sich weitere Beispiele finden. Doch bereits so ist zu erkennen, daß Werte und Normen kulturspezifisch sind, im angeführten Beispiel sind es die Regeln für Gesprächs- und Redesituationen. In allen Bereichen des Lebens kann dies zu problematischen Situationen, besser: zu scheiternden Kommunikationssituationen, führen. Sei es auf Reisen, sei es bei der wirtschaftlichen Zusammenarbeit oder auf dem Gebiet des interreligiösen Dialogs. Daraus folgt für Stefan Kammhuber:

„Um interkulturelle Mißverständnisse und Konflikte durch die nicht beabsichtigte Wirkung des eigenen kommunikativen Handelns zu vermeiden, wird interkulturelles Lernen notwendig, das eine Reflexion sowohl der eigenen als auch der fremden kulturellen Handlungsmuster beinhaltet.“[3]

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Modell der Kulturstandards als einer Form, die kulturellen Handlungsmuster zu reflektieren.

2. Interkulturelle Kommunikation - was ist das?

Auf Kulturstandards wird im Bereich der interkulturellen Kommunikation zurückgegriffen. Dieser Begriff ist schwierig, da er in unterschiedlichen Diskursen auf verschiedene Weise gebraucht wir. Jeder Teil des Wortes ist mannigfaltig besetzbar. Kommunikation läßt sich am umfassendsten mit dem bekannten Wort von Watzlawick kennzeichnen, wonach es nicht möglich sei, nicht zu kommunizieren.[4] Dies ist für den Bereich der interkulturellen Kommunikation von Bedeutung, da es oft gerade Gesten, Rituale etc. sind, die am Fremden stören. Verbale und nonverbale Äußerungen sind nie eindeutige Zeichensysteme, und Kommunikation kann daher auch in ihrer innerkulturellen Variante mißlingen.

a) Kommunikation

Um die Komplexität von Kommunikation zu veranschaulichen, hat Friedemann Schulz von Thun[5] ein vierdimensionales Kommunikationsmodell entwickelt. Es betont, daß eine Nachricht verschiedene Ebenen enthält. So zum Beispiel die Meinung des Senders über den Empfänger und das, was er mit dieser Nachricht erreichen will.

Die vier Seiten des Modells verdeutlichen zunächst den Sachaspekt, der der Frage nachgeht, wie Sachverhalte verständlich mitgeteilt werden können, während der Beziehungsaspekt die Behandlung des Angesprochenen durch die Art der Kommunikation verdeutlichen soll. Der Selbstoffenbarungsaspekt hingegen nimmt den Sender der Nachricht ins Visier: „Wenn einer etwas von sich gibt, gibt er auch etwas von sich – dieser Umstand macht jede Nachricht zu einer kleinen Kostprobe der Persönlichkeit.“[6] Der Appellaspekt schließlich zielt auf die beabsichtigte Wirkung der Nachricht.[7]

Für die interkulturelle Kommunikation ist besonders der Beziehungsaspekt von Bedeutung. Wie der Gesprächspartner eingeschätzt wird, was man von ihm hält wird mit der eigentlichen Nachricht mittransportiert. Wenn jemand einen aus einer anderen ethnischen Gruppe für minderwertig hält, muß er dies also nicht unbedingt in einer Beleidigung expressis verbis offenbaren, sondern die Art und Weise wie er mit ihm spricht, kann diese Haltung schon klar zum Ausdruck bringen.

Kommunikation, so unausweichlich sie auch ist, ist immer vom Scheitern bedroht; selbst wenn sich zwei Personen aus einer Kultur in einer Muttersprache unterhalten: Es schwingt viel Unausgesprochenes mit. Unklarheiten führen jedoch weniger häufig zum Mißlingen führen, da beide über den gleichen kulturellen Hintergrund und - zumindest ähnliche – Erfahrungen verfügen.

b) Kultur

Für Raymonde Carroll ordnet jeder Mensch seine Welt nach der Logik seiner eigenen Kultur, die er erfahren hat. Dies geschieht unbewußt, da die Ordnungskriterien verborgen sind

„dans les histoires que l’on m’a racontées, dans les livres que j’ai lus, dans les chansons que j’ai chantées; dans la rue, à l’école, dans les jeux; dans les rapports des autres dont j’étais témoin, dans les jugements que j’entendais, dans l’esthéthique affirmée, partout jusque dans mon sommeil et dans les rêves [...]. Cette logique, j’ai appris à la respirer et à oublier qu’elle était apprise. Je la trouve naturelle.“[8]

Diese eine Beschreibung von Kultur (cf. 4a) verdeutlicht den Hintergrund der besonderen Schwierigkeit interkultureller Kommunikation. Individuelle und gesellschaftliche Faktoren spielen demnach ineinander; bei Personen unterschiedlicher kultureller Herkunft, also einer Situation interkultureller Kommunikation, fehlt dieser gemeinsame Hintergrund.

„Kulturelle Bedingungen, wie z.B. Normen und Konventionen, können auf der einen Seite dazu führen, daß es beim Verstehen überhaupt zu einem Konsens kommt, also daß nicht alle immer völlig Unterschiedliches verstehen, auf der anderen Seite aber sind es wiederum kulturelle Bedingungen, z.B. die ganz persönlichen Erfahrungen und Entwicklungen, die für unterschiedliches Verstehen verantwortlich sind.“[9]

[...]


[1] Yong Liang „Sprachroutinen und Vermeidungsrituale im Chinesischen.“ In: Alexander Thomas (Hrsg.) (1996) Psychologie interkulturellen Handelns. Göttingen: Hogrefe, pp. 247-268, p. 247.

[2] Stefan Kammhuber „Kulturstandards in der interkulturellen Kommunikation: Grobe Klötze oder nützliche Denkgriffe?“ In: Ingrid Jonach (Hrsg.) (1998) Interkulturelle Kommunikation. München, Basel: Reinhardt, pp. 45-53, p. 45.

[3] Ibid.

[4] P. Watzlawick, J. Beanvin, D. Jackson (1969) Menschliche Kommunikation: Formen, Störungen, Paradoxien. Bern: Hans Huber.

[5] (1992) Miteinander Reden 1: Störungen und Klärungen. Allgemeine Psychologie der Kommunikation. Rheinbeck: Rowohlt. Abb. 1, p. 14.

[6] Schulz, p. 14.

[7] Ibid., pp. 13f.

[8] Raymonde Carroll (1987) Évidences Invisibles. Paris: Editions du Seuil, pp. 17f.

[9] Margret Ammann (31995) Kommunikation und Kultur: Dolmetschen und Übersetzen heute. Eine Einführung für Studierende. Frankfurt a.M.: IKO - Verlag für Interkulturelle Kommunikation, pp. 41f.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Interkulturelle Kommunikation und Kulturstandards
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Religions-, Missionswissenschaft und Ökumene)
Veranstaltung
Antirassismus, Fremdenfreundlichkeit und interkulturelle Kommunikation
Note
2,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
17
Katalognummer
V10993
ISBN (eBook)
9783638172684
Dateigröße
377 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Interkulturelle Kommunikation Rassismus Fremdenfeindlichkeit Kulturstandards Ökomene
Arbeit zitieren
Ralf Strauss (Autor), 2000, Interkulturelle Kommunikation und Kulturstandards, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/10993

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