Die Dolchstoßlegende und ihre Auswirkungen


Seminararbeit, 2005
14 Seiten, Note: 2

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Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Dolchstoßlegende

III. Die Entstehung und Verbreitung

IV. Der Mißbrauch durch antidemokratische und nationalistische Kräfte

V. Die Machtlosigkeit und das Versagen der demokratischen Kräfte

VI. Schlußbemerkungen

Die Dolchstoßlegende und ihre Auswirkungen

I. Einleitung:

Bei der Neuordnung Europas nach dem 1. Weltkrieg (1914-1918) spielte das Deutsche Reich als eine der großen Kriegsparteien und Verlierer eine zentrale Rolle. Wie in vielen anderen Ländern Europas wurde auch hier die Monarchie abgeschafft und durch eine parlamentarische Demokratie ersetzt, die vielen Menschen im Reich Hoffnung auf eine bessere Zukunft ohne Kaiser und Elitedenken gab, in Anhängern des Kaiserreichs und Militaristen mit Hang zum Imperialismus jedoch Angst vor der Zukunft – ihrer eigenen und der des Reichs – aufkommen ließ. In dieser Zeit kam eine Parole auf, die sich zu einem Damoklesschwert für die noch junge Weimarer Republik entwickeln sollte – Die Dolchstoßlegende.

Fakt ist, daß die Oberste Heeresleitung (OHL) durch die Dolchstoßlegende die Schuld für die militärische Niederlage Deutschlands im 1. Weltkrieg von sich abwälzen und anderen in die Schuhe schieben wollte. Doch wie konnte diese Lüge entstehen, sie sich so leicht verbreiten und sich in vielen Köpfen festsetzen und wie konnte sie letztlich ihren Teil zum Untergang der Weimarer Republik beitragen und damit auch die Stabilität Europas gefährden?

II. Die Dolchstoßlegende:

Was ist die sogenannte Dolchstoßlegende und was war ihr Sinn und Zweck?

Feldmarschall Paul von Hindenburg schloß seine Ausführungen über die „Ursachen des deutschen Zusammenbruchs im Jahre 1918“ vor dem Untersuchungsausschuß der Nationalversammlung am 18. November 1919 für die Schuldfragen des ersten Weltkriegs mit folgenden Worten: „Ein englischer General sagte mit Recht: „Die deutsche Armee ist von hinten erdolcht worden“. Wo die Schuld liegt, ist klar erwiesen.“[1].

Wie kam er auf diese Aussage, die noch dazu nicht einmal von ihm selbst stammte, sondern ihm vom damaligen Abgeordneten der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) Karl Helfferich formuliert wurde[2] ?

Als sich die militärische Niederlage des Deutschen Reichs abzuzeichnen begann, wollte die OHL, besonders General Erich Ludendorff und Hindenburg, die Schuld für den verlorenen Krieg von der OHL wegschieben. Sie wollten das Versagen der politischen und militärischen Führungsinstanzen des kaiserlichen Deutschlands verschleiern, das alte Regime entlasten und den linken Revolutionären und den künftigen Trägern der Weimarer Republik die Niederlage anlasten[3].

Die alten Militäreliten versuchten durch die Verbreitung der Dolchstoßlegende ihre Herrschaft, die durch den verlorenen Krieg und die Novemberrevolution schwer erschüttert war, wieder zu festigen und darüber hinaus noch weiter als schon vor dem 1. Weltkrieg auszubauen. Denn sie alle waren Kinder des Kaiserreiches und als solche mit Gehorsam, Disziplin, Kolonialismus und Monarchie aufgewachsen. Ihr Ziel war die Wiederaufnahme des Kampfes um die Aufteilung der Welt in ihrem Sinne. Die im folgenden angesprochenen politischen und ideologischen Unternehmungen, aber auch nicht zu vergessen die ökonomischen, dienten letzten Endes hauptsächlich der Vorbereitung eines Revanche- und Eroberungskriegs[4], den Adolf Hitler nur wenige Jahre später auch beginnen sollte.

Die Dolchstoßlegende zeigt somit deutlich, daß die Militärs überhaupt nicht an einer wirklichen Neuordnung Europas nach dem ersten Weltkrieg interessiert waren. Sie wollten im großen und ganzen die alte Ordnung von vor dem Krieg wiederherstellen, nur mit leicht veränderten Vorzeichen, nämlich einer deutlich stärkeren Position des Deutschen Reichs in Europa.

Zunächst wurde behauptet, die Friedensresolution vom Juli 1917 hätte die innere Geschlossenheit des Reichs untergraben. Dazu kamen Revolten bei der Flotte und Kampfverweigerungen beim Heer. Unabhängige und Spartakisten hätten alles getan, um die Heimatfront zu unterminieren[5]. Aus Militärkreisen wurde behauptet, revolutionäre Kräfte wie besonders Karl Liebknecht hätten durch ihr Handeln Verrat an den nationalen Interessen des deutschen Volks begangen, was General Wilhelm Groener 1917, zu dieser Zeit noch Chef des Kriegsamtes, in einem Aufruf an die Arbeiterbewegung entsprechend formuliert hat: „Ein Hundsfott, wer streikt. Die schlimmsten Feinde stecken mitten unter uns – das sind die Kleinmütigen und die noch viel Schlimmeren, die zum Streik hetzen. Diese müssen gebrandmarkt werden vor dem ganzen Volke, diese Verräter am Vaterlande und am Heere.“[6] In die selbe Kerbe schlug auch Adolf Hitler wenige Jahre später, als er 1924 schrieb: „Für was kämpfte das Heer noch, wenn die Heimat den Sieg gar nicht wollte? Für wen die ungeheuren Opfer und Entbehrungen? Der Soldat soll für den Sieg fechten, und die Heimat streikt dagegen!“[7].

Weiterhin hätten die Parteien den Widerstandswillen der Heimat erschüttert[8]. Aus Militärkreisen kam die Behauptung, daß die Parteien der Reichstagsmehrheit durch ihre Vorbehalte gegen die nahezu grenzenlosen Kriegsziele des Militärs und die gelegentliche Beteuerung der Friedensbereitschaft die Zukunft Deutschlands in Frage gestellt und die Siegeshoffnungen der Entente gestärkt hätten[9]. Die Heimat soll folglich den tapfer kämpfenden deutschen Soldaten in den Rücken gefallen sein. Durch all dies „mußten deutsche Operationen mißlingen und der Zusammenbruch folgen“, wie Hindenburg verlauten ließ[10]. Die politischen Linkskreise wären demnach verantwortlich für die militärische Niederlage und den daraus resultierenden „Schmachfrieden von Versailles“, der auch immer wieder von nationalen und konservativen Kreisen der demokratischen Regierung, deren Politiker oft als „Erfüllungspolitiker“ beschimpft wurden, angelastet wurde. Hindenburg selbst stützte vor dem bereits oben erwähnten Untersuchungsausschuß der Nationalversammlung vom 18. November 1919 diese „Erklärung“ für die Ursachen des deutschen Zusammenbruchs[11].

Die OHL wollte außerdem durch die Verbreitung der Dolchstoßlegende den Nimbus von der Unbesiegbarkeit der deutschen Armee bewahren. Der Generalstab verbreitete die Vorstellung, er sei absolut unfehlbar, die politische Führung aber sei völlig unfähig und jegliche gemäßigte Politik sei das Verderben Deutschlands[12].

So formulierte Ludendorff zusammenfassend scharf: „Schließlich entwaffnete die Politik, vertreten von den sogenannten Volksbeauftragten, das vom Feinde unbesiegte Heer und lieferte Deutschland dem Vernichtungswillen des Feindes aus – um in Deutschland die Revolution ungestört durchzuführen. Das war der Gipfel des Verrats der Politik, vertreten durch die sozialdemokratischen Volksbeauftragten, an Kriegsführung und Volk. Das Verbrechen der Politik am deutschen Volke war damit erfüllt. Schlimmeres tat noch keine Politik. Sie allein, nicht der Feind, hat die Kraft der Kriegsführung und damit die Volkskraft gebrochen, die im Offizierskorps und Heer ihre Verkörperung fand.“[13]

In den Augen des Volkes sollten also die militärisch Verantwortlichen wie Hindenburg und Ludendorff von allen Fehlern, die zur Niederlage führten, freigesprochen werden. Besonders Ludendorff sollte später durch Hitler geradezu zum Helden stilisiert werden, wobei Hitler geschickt, wie mehrfach, seine Feinde versuchte, in die selbe für ihn verabscheuungswürdige Ecke zu stellen: „Es gehörte aber die ganze bodenlose Verlogenheit des Judentums und seiner marxistischen Kampforganisation dazu, die Schuld am Zusammenbruche gerade dem Manne aufzubürden, der als einziger mit übermenschlicher Willens- und Tatkraft versuchte, die von ihm vorausgesehene Katastrophe zu verhüten und der Nation die Zeit der tiefsten Erniedrigung und Schmach zu ersparen. Indem man Ludendorff zum Schuldigen am Verluste des Weltkrieges stempelte, nahm man dem einzigen gefährlichen Ankläger, der gegen die Verräter des Vaterlandes aufzustehen vermochte, die Waffe des moralischen Rechtes aus der Hand.“[14]. In der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft ab 1933 wurde diese Heldenverehrung Ludendorffs dann sogar ganz offiziell ein Teil der Geschichtsschreibung[15]. Hindenburg verbuchte in der Weimarer Republik noch weitere politische Erfolge, er wurde im Jahr 1925 sogar Reichspräsident, wurde 1932 gegen Hitler noch einmal wiedergewählt und behielt dieses Amt bis zu seinem Tod 1934, wobei er ab 1933 aber wohl nur noch eine Marionette der Nationalsozialisten war, mußte aber nie für die auch von ihm begangenen Fehler in der Kriegsführung geradestehen.

Dagegen waren nur wenige hohe Militärs wie General von Schönaich ehrlich genug, um zuzugeben, daß das Militär die Schuld an dem verlorenen Krieg trug, indem er in der „Frankfurter Zeitung“ vom 23. August 1924 feststellte: „Der deutsche Militarismus beging einfach Selbstmord.“[16].

Denn es ist einwandfrei belegt, daß der Krieg militärisch schon lange vor dem Ausbruch der Revolution verlorengegangen war, was Hindenburg und Ludendorff auch wußten, denn sie haben wider besseres Wissen die Zivilbevölkerung genau wie die Reichsregierung bis zum bitteren Ende bewußt falsch über die tatsächliche Kriegslage informiert. So hat Hindenburg als Oberbefehlshaber selbst im September 1918 die Einleitung von Waffenstillstandsgesprächen gefordert, weil die Armee besiegt sei. Die Revolution in Deutschland war also nicht die Ursache, sondern lediglich die unmittelbare Folge des verlorenen Krieges[17]. Dies belegt, daß die Dolchstoßlegende eine reine „Legende“, oder einfacher ausgedrückt, eine Lüge war und ist.

III. Die Entstehung und Verbreitung:

Wie entstand die Dolchstoßlegende genau und wer war dafür letztlich verantwortlich? Und wie konnte sie sich so unter der Bevölkerung verbreiten, daß sie für bare Münze genommen wurde?

Über die Entstehung dieser fatalen Lüge existieren mehrere Versionen, die zumeist von alldeutsch-vaterlandsparteilichen Kreisen und der OHL lanciert wurden, den eigentlichen Urhebern der Legende[18].

So soll Ende 1918[19] - andere Quellen sprechen von Mitte 1919, was im folgenden noch geklärt werden soll - Ludendorff in einem Gespräch mit dem Chef der britischen Militärmission, Generalmajor Sir Neill Malcolm, über die mangelnde Unterstützung der deutschen Front durch die Heimat im letzten Kriegsjahr geklagt haben. "You mean that you were stabbed in the back?" (Sie sagen also, daß Sie von hinten erstochen wurden?) fragte Malcolm erstaunt zurück. Diese Formulierung griff Ludendorff sofort auf: "Ja, genau das. Man hat uns einen Dolchstoß in den Rücken versetzt."[20].

Eine andere Variante wurde im Dezember 1918 dem englischen General Sir Frederick Maurice mit Verweis auf einen Artikel in der „Neuen Zürcher Zeitung“ vom 17. Dezember 1918 zugeschrieben, der gesagt haben soll, daß die deutsche Armee „von der Zivilbevölkerung von hinten erdolcht“ worden sei[21].

Die zweite Behauptung wurde von General Maurice selbst dementiert, indem er 1922 sagte: „Ich habe niemals an irgendeiner Stelle der Meinung Ausdruck verliehen, daß der Kriegsausgang, so wie er sich abgespielt hat, der Tatsache zu verdanken sei, daß das deutsche Heer von dem deutschen Volke rückwärts erdolcht worden sei (Dolchstoß der Heimat)[22] “.

Das Gespräch mit General Malcolm nahm Ludendorff wiederum zum Anlaß, den Versuch zu starten, diesem die Entstehung der Dolchstoßlegende unterzuschieben. Da Ludendorff Deutschland aber bereits am 16. November 1918 verlassen hatte, also zu einem Zeitpunkt, als in Deutschland noch gar keine englische Waffenstillstandskommission war, und erst im Februar 1919 aus Schweden zurückkam, kann das Gespräch demnach erst 1919 stattgefunden haben[23]. Aber spätestens im Dezember 1918 kannte man in Deutschland das Schlagwort vom „Dolchstoß der Heimat“[24].

Doch warum wurde von Seiten der militärischen Elite soviel Energie darauf verwendet, die Entstehung der Legende englischen Generälen anzudichten? Die bereits oben erwähnten alldeutsch-vaterlandsparteilichen Kreise und die OHL hofften, daß ihre Dolchstoßlegende so an Glaubwürdigkeit beim deutschen Volk gewänne, wenn sie als offizielle englische Position dargestellt würde und auch weil der Kriegsgegner seine eigenen militärischen Leistungen wohl kaum herabsetzen würde[25].

In Wahrheit liegt ihr Ursprung aber in Deutschland selbst. Sie war von Anfang an eine besondere Ausprägung der imperialistischen Ideologie und eine Kreation ewig gestriger deutscher Militaristen[26], die um ihren Einfluß in der neuen Ordnung fürchteten.

Offiziell vertreten wurde sie wie erwähnt von den rechten Parteien und militaristischen Organisationen, wobei die DNVP zunächst federführend war, denn hier vereinten sich preußische Junker und die meisten kaiserlichen Offiziere mit den reaktionären Teilen von Industrie und Kapital. Ein entschiedener Gegner der Weimarer Republik und einer der führenden Köpfe, ab 1928 sogar Vorsitzender, der DNVP war Alfred Hugenberg, dessen mächtiges Presse- und Verlagsimperium die Möglichkeit hatte, die Nachrichten in seinem Sinne zu verbreiten[27]. Dadurch hatten Leute wie Hugenberg und Gleichgesinnte die mächtige Waffe der Zeitungen in ihren Händen, wovon sie auch regelmäßig Gebrauch machten, indem sie unter anderem die Dolchstoßlegende propagierten. Neben der DNVP sorgten auch die deutschvölkischen Kreise, aus denen schließlich die Nationalsozialisten hervorgingen, die sich die Dolchstoßlegende in ihrer radikalsten und primitivsten Form zu eigen machten[28], was im kommenden Kapitel verdeutlicht werden soll, für rasche Verbreitung.

IV. Der Mißbrauch durch antidemokratische und nationalistische Kräfte:

Welchen Nutzen vermochte nun die demokratiefeindliche politische Rechte aus der Dolchstoßlegende zu ziehen?

Zunächst war da der wirtschaftliche Nutzen, denn die DNVP stützte sich auf einen großen Teil der Schwerindustrie, deren Interesse an einer Wiederaufrüstung und Kriegsvorbereitung schon rein wirtschaftlicher Natur war[29]. Diese Kreise hatten manchmal gar kein so ausgeprägtes Interesse an der Dolchstoßlegende an sich, doch versuchten sie es unter anderem mit Hilfe des Zeitungszars Hugenberg, die Stimmung so zu lenken, daß ihre wirtschaftlichen Interessen befriedigt werden konnten.

Weniger materiell als vielmehr ideologisch an der Verbreitung der Dolchstoßlegende waren die nationalistischen Kreise interessiert, wie die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei. Da auch große Teile des Volkes die Kriegsniederlage nicht ohne weiteres anerkennen wollte, wurde diesen Kreisen klar, was für ein wichtiges und schlagkräftiges Instrument sie mit der Dolchstoßlegende zur Rechtfertigung für den verlorenen Krieg in der Hand und zum Kampf gegen die junge Weimarer Republik hatten[30]. Die demokratischen Politiker wurden durchweg als „Novemberverbrecher“ gebrandmarkt und da Zeitungen, besonders die Hugenbergschen, die Dolchstoßlegende bereitwillig aufgriffen und weiterverbreiteten, setzte sie sich schnell in den Köpfen unzähliger Deutscher fest[31], wodurch für Konservative und Nationalisten eine Basis geschaffen wurde, auf der sie aufbauen und das „System“, wie die Weimarer Republik in diesen Kreisen und später unter den Nationalsozialisten auch offiziell abschätzig genannt wurde[32], ständig zu attackieren.

Da die unheilvolle Saat der Dolchstoßlegende sich nun schon gefährlich beim deutschen Volk auszubreiten begonnen hatte, konnten sich natürlich rechtsgerichtete Demagogen ihrer leicht bedienen, um die Flamme des Mißtrauens im Volk gegenüber der Republik und ihren gewählten Vertretern weiterhin am Köcheln zu halten oder sogar zum lodern zu bringen.

Hitler schlug von der Dolchstoßlegende eine fatale Brücke zu den von ihm verhaßten Juden und begann damals, 1924, noch recht subtil, diese als Gefahr für das deutsche Volk zu brandmarken. Er verstand es aber geschickt, zwei seiner Hauptfeinde – Juden und Sozialdemokraten – zu einem für ihn gemeinsamen Übel zu verbinden: „Es gehört schon eine wahrhaft jüdische Frechheit dazu, nun der militärischen Niederlage die Schuld am Zusammenbruch beizumessen, während das Zentralorgan aller Landesverräter, der Berliner „Vorwärts“, doch schrieb, daß das deutsche Volk dieses Mal seine Fahne nicht mehr siegreich nach Hause bringen dürfe!“[33].

V. Die Machtlosigkeit und das Versagen der demokratischen Kräfte:

Wie schätzten die Republikaner die mit der Dolchstoßlegende immer weiter verbreitete Gefahr für die Republik ein und welche Möglichkeiten hatten die republikanischen Kräfte überhaupt, gegen diese ständige Propaganda von rechts wirksam vorzugehen?

Die Parteien der Weimarer Republik unterschätzten die „politische Sprengkraft“, die von der Dolchstoßlegende ausging. Sie hätten dem Volk von Anfang an klar verdeutlichen müssen, wer die wahren Schuldigen für den verlorenen Krieg waren[34]. Die Passivität im Umgang mit dieser Lüge sollte sich für die demokratischen Kräfte als fatal erweisen, denn je weniger sie sich gegen diese ständigen Angriffe und Verdächtigungen wehrten, desto mehr wurden sie von der Öffentlichkeit verachtet[35].

Allerdings waren sie letzten Endes machtlos gegen diese Art der Anfeindung, die zumeist über Zeitungen verbreitet wurde, denn meist waren die Angriffe so subtil vorgetragen, daß mit rechtlichen Mitteln kaum dagegen vorgegangen werden konnte. War jemand einmal plump und dumm genug, vor ein Strafgericht zu kommen, kam er meist vor sehr verständnisvolle Richter, die oftmals sogar mit den Angeklagten sympathisierten. Nicht umsonst hieß es vielfach in gleich mehreren Zusammenhängen, auch wenn es um politische Attentate ging, daß die Justiz „auf dem rechten Auge blind sei“, also rechte Straftäter wesentlich seltener verurteilt wurden als linke[36]. So kam es nie zu Haftstrafen und gab es einmal eine eher geringe Geldstrafe, so wurde sie unproblematisch von der betreffenden Zeitung bezahlt, die sich selten Zeit ließ, um weiter im national-konservativen Interesse zu agitieren[37].

Denn das bereits oben erwähnte Presse- und Verlagsimperium Hugenbergs nutzte jede Möglichkeit, um Stimmung gegen die Republik und deren führenden Köpfe zu machen[38].

VI. Schlußbemerkungen:

Die Dolchstoßlegende wirkte selbst wie ein Dolchstoß für die Weimarer Republik, denn sie war ein Dolchstoß „in den Rücken des neuen Staates“[39]. Daher trug sie von Anfang an ihren Teil zur Destabilisierung der Weimarer Republik bei; so war Deutschland ein Unruheherd bei der Neuordnung Europas nach dem ersten Weltkrieg. Bei einer ehrlichen Analyse des verlorenen Weltkriegs durch die militärische Führung des Deutschen Reichs, aber auch durch ein entschlosseneres Angehen gegen die Dolchstoßlegende durch die demokratischen Kräfte hätte es zu einer stabileren Neuordnung in Deutschland kommen können. So konnten unter anderem bezugnehmend auf diese Lüge die nationalen Kräfte immer wieder Stimmung gegen die Republik und ihre Repräsentanten machen und eine stabile Neuordnung des Landes und wegen der zentralen Bedeutung Deutschlands für Europa eine stabile Neuordnung für den Kontinent untergraben.

Hinzu kamen allerdings auch unkluge und ungeschickte Handlungen der Kriegsgewinner, sei es durch den von den meisten Deutschen als reines Diktat verstandenen Versailler Friedensvertrag von 1919 oder auch durch die französische und belgische Besetzung des Ruhrgebietes 1923, die dazu führten, daß sich kein wirklicher Frieden oder gar Vertrauen zwischen Siegern und Besiegten bilden konnte. Diese labile europäische Neuordnung konnte so kaum lange bestehen und wurde - je nach Standpunkt – 1933 mit der Machtergreifung Hitlers, vielleicht erst 1938 mit dem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich, spätestens aber am 1. September 1939 mit dem Beginn des zweiten Weltkriegs endgültig beseitigt.

Literaturverzeichnis

Breucker, Wilhelm

„Die Tragik Ludendorffs. Eine kritische Studie auf Grund persönlicher Erinnerungen an den General und seine Zeit“

Stollhamm 1953

Fikenscher, F.

„Deutsche Geschichte“

Ansbach 1938

Hitler, Adolf

„Mein Kampf“

41. Auflage, München 1933

Kaehler, Siegfried A.

„Neuere Geschichtslegenden und ihre Widerlegung“

in: „Vorurteile und Tatsachen. Drei geschichtliche Vorträge“

Hameln 1949

Kolb, Eberhard

„Die Weimarer Republik“ („Grundriss der Geschichte“, Band 16)

2. Auflage, München 1988

Ludendorff, Erich

„Kriegführung und Politik“

Berlin 1922

Petzold, Joachim

„Die Dolchstoßlegende“

2. Auflage, Berlin 1963

Schulze, Hagen

„Weimar: Deutschland 1917-1933“ („Die Deutschen und ihre Nation“, Band 4)

Berlin 1982

Sturm, Reinhard

„Kampf um die Republik 1919-1923“

in: „Informationen zur politischen Bildung, Heft 261: Weimarer Republik“

Bonn 1998

Suchenwirth, Richard

„Deutsche Geschichte – Von der germanischen Vorzeit bis zur Gegenwart“

Leipzig 1936

[...]


[1] Sturm, Reinhard, „Kampf um die Republik 1919-1923“, in: „Informationen zur politischen Bildung, Heft 261: Weimarer Republik“, Bonn, 1998, S. 20

[2] Schulze, Hagen, „Weimar: Deutschland 1917-1933“ („Die Deutschen und ihre Nation“, Band 4), Berlin 1982, S. 207

[3] Kolb, Eberhard, „Die Weimarer Republik“ („Grundriss der Geschichte“, Band 16), 2. Auflage, München 1988, S. 37

[4] Petzold, Joachim, „Die Dolchstoßlegende“, 2. Auflage, Berlin 1963, S. 47

[5] Schulze, S. 207

[6] Petzold, S. 28

[7] Hitler, Adolf, „Mein Kampf“, 41. Auflage, München 1933, S. 214

[8] Schulze, S. 207

[9] Petzold, S. 28f

[10] Schulze, S. 207

[11] Kolb, S. 37

[12] Petzold, S. 29

[13] Ludendorff, Erich, „Kriegführung und Politik“, Berlin 1922, S. 319

[14] Hitler, S. 252

[15] Suchenwirth, Richard, „Deutsche Geschichte – Von der germanischen Vorzeit bis zur Gegenwart“, Leipzig 1936, S. 575f

[16] Sturm, S. 21

[17] Schulze, S. 206

[18] Petzold, S. 25

[19] Kaehler, Siegfried A., „Neuere Geschichtslegenden und ihre Widerlegung“, in: „Vorurteile und Tatsachen. Drei geschichtliche Vorträge“, Hameln 1949, S. 20

[20] Sturm, S. 20

[21] Petzold, S. 25

[22] Petzold, S. 26

[23] Breucker, Wilhelm, „Die Tragik Ludendorffs. Eine kritische Studie auf Grund persönlicher Erinnerungen an den General und seine Zeit“, Stollhamm 1953, S. 68

[24] Petzold, S. 27

[25] Petzold, S. 25

[26] Petzold, S. 28

[27] Petzold, S. 49

[28] Petzold, S. 50

[29] Petzold, S. 78

[30] Kolb, S. 37

[31] Schulze, S. 208

[32] Fikenscher, F., „Deutsche Geschichte“, Ansbach 1938, S. 421

[33] Hitler, S. 248

[34] Sturm, S. 21

[35] Schulze, S. 208

[36] Sturm, S. 25

[37] Schulze, S. 208

[38] Petzold, 49

[39] Kolb, S. 37

13 von 14 Seiten

Details

Titel
Die Dolchstoßlegende und ihre Auswirkungen
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Veranstaltung
Proseminar
Note
2
Autor
Jahr
2005
Seiten
14
Katalognummer
V109931
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dolchstoßlegende, Auswirkungen, Proseminar
Arbeit zitieren
Christian Hagen (Autor), 2005, Die Dolchstoßlegende und ihre Auswirkungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109931

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