Ethik in der Wirtschaft


Essay, 1997

4 Seiten


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Walter Grode

Ethik in der Wirtschaft

Noch Mitte der 90er Jahre galt eine Wirtschaftsethik, die nicht über die internen Abläufe und Folgen des Wirtschaftens hinausreichte, als kaum vermittelbar, geschweige denn mehrheitsfähig. Der diese Situation spiegelnde Rezensionsessay erschien im Heft 5/1997 der >Lutherischen Monatshefte<. Kirche im Dialog mit Kultur, Wissenschaft und Politik.

Anhaltend hohe Arbeitslosenzahlen, die vor allem industriell bedingte nachhaltige Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen, ein global gesehen stetig wachsendes Nord-Süd-Gefälle sind einige der Symptome die ganz offensichtlich auf ethische Defizite in unserem Wirtschaftsleben verweisen, heißt es im Klappentext eines hoch interessanten Sammelbandes (Lenk 1996) - hervorgegangen aus einer öffentlichen Seminarreihe der Universität Karlsruhe - der aus sehr unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Perspektiven und Erwartungen, die Chancen verantwortlichen wirtschaftlichen Handelns auszuloten versucht und zugleich eine fundierte Grundlage für weiterführende Diskussionen bietet.

Für die vier im Band vertretenen Wirtschaftswissenschaftler und Unternehmensberater liegt das Hauptproblem offenbar darin, der Wirtschaft zielgerichtet die Vorteile der Ethik nahe-zubringen. Angeboten werden "praktische Umweltethik" zur ökologischen Profilierung des Unter-nehmens (Hartmut Kreikebaum), "Wirtschaftsethik" als vermittelnde Beratung zwischen den verschiedenen technischen und ökonomischen Perspektiven (Michael Wörz), desgl. als Teil der individuellen Führungskompetenz (Ralf Winnes) oder genereller als "dialogische Unternehmens-ethik" (Albert Löhr). Ihrer, so heißt es in doppelt kühner These, in einer modernen Marktwirtschaft genauso wie es "zur Entfaltung des Kapitalismus der protestantischen Ethik bedurfte."

Der Erlanger Wirtschaftswissenschaftler Albert Löhr erläutert in seinem Beitrag die Grundlagen des von ihm und Horst Steinmann entwickelten "republikanischen Konzeptes" der Unternehmensethik. Danach soll die Unternehmensethik in der Marktwirtschaft darauf hinwirken, von der unternehmerischen Freiheit einen sozialverträglichen Gebrauch zu machen. Die friedliche Koordination wirtschaftlicher Handlungen kann und soll nicht nur über Ordnungsebenen erfolgen, sondern bei allen unternehmerischen Entscheidungen berücksichtigt werden. Der Unternehmer wird somit nicht mehr rein privatwirtschaftlich gesehen. Im "republikanischen Konzept" ist das private Wirtschaften stets auch eine öffentliche Sache (res publica) und dem gesellschaftlichen Frieden verpflichtet. Die philosophische Fundierung dieses Ansatzes beruht auf der lebenpraktischen Einsicht, daß in Konfliktsituationen die friedliche Argumentation, wie sie die Unternehmensethik fordert, allen machtinduzierten Manipulationen vorzuziehen ist, wogegen alle anderen Konfliktlösungen instabil sind. Die ökonomische Begründung der Unternehmensethik liegt in ihrer Fähigkeit das Konfliktpotential der Marktwirtschaft zu begrenzen und damit zusätzliche Erfolgsvoraussetzungen für ihre Funktionsfähigkeit und Legitimation zu schaffen. In diesem Sinne stellt die Unternehmensethik ein notwendiges Regulativ der Marktwirtschaft dar.

Für Ralf Winnes - Geschäftsführer der Karlsruher Gesellschaft für Unternehmensführung -wird die Führungsqualität in einem Unternehmen immer mehr zu einem Wettbewerbsfaktor. Die Wirtschaft bewegt sich von der Qualität der materiellen Güterproduktion hin zu der Qualität einer Dienstleistungsgesellschaft. Die Mitarbeiter entwickeln durch gesteigertes Selbstbewußtsein und veränderte Wertstrukturen eine neue Anspruchshaltung dem Beruf und den Führungskräften gegenüber. Die heutige Führungskompetenz kann inhaltlich durch vier Schwerpunkte erläutert werden. Fachkompetenz mein fachliche Fähigkeiten wie beispielsweise manuelle Geschicklichkeit, aber auch solides Ingenieurwissen. Methodische Kompetenz beinhaltet Problemlösungs-fähigkeiten und Arbeitstechniken. Methodenkompetenz heißt auch "Lernen zu lernen". Die soziale Kompetenz ist geprägt durch das kooperative Verhalten der Mitarbeiter und der Führungskräfte zueinander. Ethische Kompetenz berücksichtigt ökonomische, soziale und ökologische Bedürfnisse der Menschen. Die Wirtschaftswissenschaften waren in den letzten Jahrzehnten vor allem durch mathematische Verfahren und Methoden geprägt. Diese Situation hat sich geändert. Zunehmende Bedeutung kommt heute der Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern und unserer Umwelt zu. Die Ethik hat in der neuen Ausrichtung der Prozeßorientierung wirtschaftlicher Abläufe als Teil einer Prozeßkette größere Chancen zur Wirksamkeit

Hartmut Kreikebaum - Professor für Industriebetriebslehre an der Uni Frankfurt und Auf-sichtsratmitglied der Adam Opel AG - untersucht, welchen Beitrag eine Umweltethik liefern kann. Um das Spannungsverhältnis zwischen Ökologie und Ökonomie zu versöhnen. Den Ausgangs-punkt bilden einige offenen Probleme im Bereich des Umweltschutzes, sowohl in den Industrie- als auch in den Entwicklungs- und Schwellenländern. Die Umweltethik soll dabei die Wechselwirkung zwischen Unternehmen, Politik, Gesellschaft und Natur unter dem Gesichtspunkt der ökologischen Bedingungen des Wirtschaftens analysieren und gleichzeitig normative Wertvorstellungen zum sinnvollen Einsatz der natürlichen Ressourcen und zur Vermeidung bzw. Verminderung von Umweltbelastungen entwickeln. Kreikebaum plädiert für einen pragmatischen Ansatz, der die gleichberechtigte Verfolgung ökonomischer und ethischer Ziele beinhaltet und auf dem Prinzip der Verantwortlichkeit für die Umwelt beruht. Darauf aufbauend werden von ihm praktische Bedingungen für die Umsetzung einer Umweltethik im Unternehmen aufgezeigt. Beispielhaft können die Implementierung umweltethischer Leitlinien in Ethikkodizes und die Motivation der Mitarbeiter zu einem umweltethischen Arbeitsverhalten genannt werden.

Michael Wörz - Selbstständiger Unternehmensberater und Referent für Technik und Wirt-schaftsethik an der Fachhochschule des Landes Baden Württemberg - stellt Wirtschaftsethik als Beratung vor Dieses zur Zeit viel diskutierte Beschäftigungs- und Berufsfeld für Philosophen - man denke etwa an den Frankfurter Jesuitenpater Rupert Ley oder den Essener Philosophieprofessor Vittorio Hösle - erfreut sich auch in Wirtschaftsunternehmen zunehmender Beliebtheit. Wirtschaftsethik als ethische Unternehmensberatung zielt auf die Verringerung der Handlungsunsicherheit der Wirtschaftsakteure. Das Problem der Unsicherheit der Entscheidung des Unternehmers kann nicht alleine durch die Experten verschiedener Fachabteilungen reduziert werden, da diese Vorschläge oftmals miteinander nicht vergleichbar sind, sondern bedarf der Klärung sowohl der Handlungs- als auch der Orientierungsalternativen. Zunächst muß die Lösung der Orientierungsalternativen, die als Lösung des Problems zweiter Ordnung angesehen wird, von einem geschulten Philosophen strukturiert und begleitet werden, bevor die Lösung erster Ordnung, nämlich die tatsächlichen Handlungsalternativen angegangen werden kann. Diese philosophische Beratung arbeitet nach einem Drei-Stufen-Modell. Auf der ersten Stufe sollen die verdeckten Orientierungen entschlüsselt werden, um dem Unternehmer die Bewertung der verschiedenen Fachberaterperspektiven in bezug auf seine eigene Lebensvorstellung zu ermöglichen. Bei der zweiten Stufe geht es um die Vermittlung von verschiedenen Lebensinteressen einerseits mit den Funktionserfordernissen des Unternehmers andererseits. Als dritte Stufe folgt die "dialogische Ethik", die nicht auf den Abbau von Spannungen zielt, wie etwa die "diskursive Ethik" nach Jürgen Habermas, sondern aus den Differenzen der Meinungen und Vorschläge eventuell neue und geeignete Optionen herausfiltert. Diese philosophische Beratung wird von Wörz am Beispiel der Planung eines Großprojektes, der Baumaßnahme eines Staudamms verdeutlicht.

Entgegen diesem postmodernen Trend, hin zu zielgruppenspezifischer ethischer Vielfalt, bestehen die Karlsruher Philosophen Hans Lenk und Matthias Maring altmodisch-aufklärerisch auf einer einzigen Ethik, die für die gesamte Gesellschaft zu gelten habe. Angesichts der offensichtlich vorhandenen ethischen Defizite unseres derzeitigen Wirtschaftens ist für beide die ethische Reflexion über aktuelle technische und sozioökonomische Entwicklungen dringend geboten. Eine Ethik, die die dies leisten will, darf jedoch, ihrer Auffassung nach, nicht moralisieren, sondern muß praxisorientiert, dialogisch und kooperativ sein. Sowohl für die Ethik als auch für die Ökonomie ist für sie eine integrierte Betrachtungsweise notwendig. So hat sich eine Wirtschaftsethik den Fragen: "Was sollen wir tun?" und "Was dürfen wir tun?" zu stellen, und zwar ganz konkret und auf bestimmte ökonomische Probleme und Entscheidungen bezogen. Dies bedeutet jedoch nicht, daß es eine Sondermoral für die Ökonomie und die in diesem Bereich Tätigen gibt. Prüffeld für ethische Überlegungen und Überzeugungen muß immer das spezifische Handeln der Wirtschaftsakteure sein. Davon strikt zu trennen ist eine Wirtschafts- und Unternehmensethik, die lediglich der Verfolgung partikulärer Interessen - wie etwa der Imagepflege - dient.

Wie unzeitgemäße Fremdkörper wirken dagegen die aus der christlichen Sozialethik schöpfenden Beiträge. Friedhelm Hengsbach, der Leiter des renomierten Oswald von Nell-Breuning Instituts für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik, spricht weder von Umweltethik im Unternehmen, noch von Identitätsfindung für Manager, sondern davon, wie sehr Gerechtigkeit in der Marktwirtschaft ein dynamischer Prozeß ist, ein "konflikthaftes Spiel", das an wechselnden Orten unter wechselnden Machtverhältnissen stattfindet.

Noch konkreter wird diese Skepsis gegenüber der Wirtschaftsethik, wenn sich der Jesuitenpater Johannes Müller und der evangelische Pfarrer Torsten Meireis mit der globalen Schuldenkrise bzw. der Möglichkeit sinnerfüllter menschlicher Arbeit auseinandersetzen. Die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit in unserem Land hat zu einem tiefen Riß in der Gesellschaft geführt, durch den immer mehr Menschen von der Teilhabe am gesellschaftlichen Wohlstand ausgeschlossen werden und dadurch unter Armut zu leiden haben. Eine Lösung für diese in den allermeisten Industriegesellschaften schwerwiegendste wirtschaftliche und soziale Misere sehen viele Fachleute in der Einforderung eines Rechts auf Erwerbsarbeit.

Torsten Mareis - tätig in der Industrie- und Sozialarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau - verweist in seinem Beitrag auf die Probleme dieses Vorschlages und legt dar, daß dieser Ansatz angesichts der gegenwärtigen Situation nicht mehr ausreicht, solange in einem "klassischen Verständnis" vom "Recht auf Arbeit" die Möglichkeit der Existenzsicherung allein an die Erwerbsarbeit gebunden ist. Als möglicher Schlüssel zur Lösung wird eine Ausweitung des Arbeitsbegriffes vorgeschlagen. Arbeit wird nicht mehr nur auf Erwerbsarbeit beschränkt, sondern schließt alle Tätigkeiten mit ein, die für die Existenz der Gesellschaft und ihrer Mitglieder von Nutzen sind. Diese auf die jüdisch-christliche Tradition zurückgehende Arbeitsverständnis drückt aus, daß Arbeit nicht vorrangig Mühsal oder notwendiges Übel sein soll, sondern vor allem zu einem erfüllten Leben beitragen kann. Als materielle Grundlage für eine solche Neuorientierung des Arbeitsbegriffes und deren Umsetzung werden verschiedene Formen einer bedarfsorientierten Grundsicherung erörtert, die eine menschenwürdige gesellschaftliche Teilhabe auch durch andere Tätigkeiten als bezahlbare Arbeit erlaubt.

Johannes Müller - von 1968-1981 in der praktischen Entwicklungsarbeit in Indonesien und seit 1984 Professor für Sozialwissenschaften und Entwicklungspolitik in München - gibt einen umfassenden Überblick über Ursachen und Folgen der Verschuldung. Neben finanztechnischen Aspekten, die dazu geführt haben, daß seit 1984 von den meisten Entwicklungsländern de facto ein Nettokapitaltransfer in die Industrieländer stattfand, spielen vor allem politische Gründe eine Rolle. Zu unterscheiden sind dabei "interne" Ursachen in den Entwicklungsländern selbst, wie eine verfehlte Wirtschafts- und Finanzpolitik, unrentable Prestigeobjekte und Korruption der Staatseliten, sowie globale "externe" Ursachen, die auf das von den Industrieländern dominierte Weltwirtschafts- und Weltfinanzsystem zurückzuführen sind. Das seit 1982 existierende internationale Krisenmanagement unter Federführung des IWF zur Lösung des Schuldenproblems hat zwar die reale Gefahr eines Zusammenbruchs des internationalen Finanzsystems abwenden können, die damit verbundenen Maßnahmen haben jedoch weitreichende soziale und ökologische Auswirkungen und verhindern eine nachhaltige Eigenentwicklung der betroffenen Länder. Daran wird deutlich, wie sehr die internationale Schuldenkrise nicht nur ein wirtschaftliches, sondern vor allem auch ein ethisches Problem darstellt.

Geprägt durch ihre seelsorgerische Tätigkeit in der Dritten Welt bzw. der evangelischen Industrie- und Sozialarbeit wissen Müller und Mareis offenbar zur Genüge, wieviel von der angepriesenen Wirtschaftsethik übrigbleibt, wenn asymmetrische Machtkonstellationen herrschen, die Ökonomie sich nicht mehr zu legitimieren braucht und die be- und getroffenen Menschen ihr Selbstbewußtsein verloren haben.

Lenk, Hans u.a. (1996): Ethik in der Wirtschaft. Chancen verantwortlichen Handelns. Stuttgart,

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Details

Titel
Ethik in der Wirtschaft
Autor
Jahr
1997
Seiten
4
Katalognummer
V109985
Dateigröße
362 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Essay erschien im Heft 5/1997 der Lutherischen Monatshefte. Kirche im Dialog mit Kultur, Wissenschaft und Politik.
Schlagworte
Ethik, Wirtschaft
Arbeit zitieren
Dr. phil. Walter Grode (Autor), 1997, Ethik in der Wirtschaft , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/109985

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