Lokales Wissen - Mythos und Realität


Seminararbeit, 2006
27 Seiten, Note: 1,7

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Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Lokales Wissen und Entwicklung
1. Lokales Wissen
2. Wissen als Ressource
2.1. Lokales Wissen und Entwicklungszusammenarbeit
2.2. Partizipation
3. Wissensmanagement in der Entwicklungszusammenarbeit
3.1. Globale Wissensgesellschaft
3.2. Organisation von Wissen in der Entwicklungszusammenarbeit: Wissensmanagement
3.2.1. Epistemic communities
3.2.2. Sharing of knowledge/communities of practice
3.3. Wissen im Wissensmanagement.
3.4. Probleme der Entwicklung durch Wissen – Ausbeutung der­ Ressource
3.4.1. Knowledge gap
3.4.2. Digital divide.
3.4.3. Wissensmanagement und seine Folgen
4. Wissen von unten? – Anderes Wissen

III. Fazit

Literatur

„Es ist seit langem akzeptiert, dass „Wissen“ zu einem wesentlichen, wenn nicht dem wesentlichsten Entwicklungsfaktor geworden ist.“ (Evers et al. 2005: 3)

I. Einleitung

Lokales Wissen ist seit einiger Zeit (vgl. Evers et al. 2003: 62-64) eines der zentralen Konzepte der Theorien im Umfeld von Entwicklung und Entwicklungszusammenarbeit. Auch wenn es viele, zum Teil widersprüchliche Definitionen von lokalem Wissen gibt, so fehlt dennoch eine klare, Kriterien der Objektivität (oder zumindest der Kohärenz) genügende Begrifflichkeit die diesen autonomen Teilbereich der Theorien über Wissen und noch viel mehr seinen Zusammenhang mit Ideen der Entwicklung erfassen kann. In dieser Arbeit werde ich versuchen, ausgehend von Evers (et al. 2003), erst lokales Wissen neu – und klar- zu fassen, um es anschließend als Ressource zu interpretieren, die –von der jeweiligen Gemeinschaft oder durch Außenstehende- ausgebeutet bzw. genutzt werden kann.

Auf die Kritik am Konzept Entwicklung, die sicherlich vertretbar ist, kann hier nicht näher eingegangen werden. Ich benutze dieses Konzept zum einen, um lokales Wissen von den Vorstellungen eines „statischen“, traditionellen und somit irrelevanten Wissens abzugrenzen, wie sie sich in der wissenschaftlichen Literatur oft finden lassen; zum anderen –was hier relevanter sein wird-, um auf die Möglichkeiten, die ein solches dynamisches, lokal gebundenes Alltagswissen für eine lokal definierte Entwicklung geben kann hinzuweisen (darauf gehe ich näher ein in 2. Wissen als Ressource).

Auch der Begriff des Lokalen Wissens ist nicht unhinterfragbar. Ich verwende ihn –im Gegensatz zu Varianten wie z.B. Indigenes Wissen oder Traditionelles Wissen- um die Unterscheidung Lokale Realität – Globale Realität, bzw. deren jeweilige Konstruktion und die Interaktionen zwischen beiden (und eventuell anderen) Ebenen hervorzuheben. Eine interessante Darstellung bietet Antweiler 1998: 470-471.

So wie auch Entwicklung entstammt Lokales Wissen einem bestimmten Diskurs oder Bedeutungssystem von Begriffen; in diesem Fall demselben, das auch Vorstellungen wie Nachhaltigkeit oder Empowerment (vgl. Evers et al. 2003) hervorgebracht hat und mit Bedeutung versorgt. Man kann keines dieser Konzepte ohne die jeweils anderen, bedeutungshaft auf es Bezogenen verstehen, es nicht aus dem Kontext nehmen ohne das Bedeutungssystem als Ganzes zu beeinträchtigen. Es sei darauf hingewiesen, dass ich im Folgenden versuchen werde, eine eigene Bedeutung für Lokales Wissen zu finden und –aus Platz- und Zeitmangel- nicht auf andere bestehende Bedeutungsbeziehungen eingehen werde.

II. Lokales Wissen – Mythos und Realität

1. Lokales Wissen

Für die folgenden Ausführungen ist es zunächst angebracht, eine eigene Definition von lokalem Wissen zu geben, um zum einen klar zu machen, welche Verstehensweisen hier ausgeschlossen werden –und werden müssen- und zum anderen, um deutliche Verbindungslinien von lokalem Wissen hin zum Kontext von Entwicklung und Entwicklungszusammenarbeit ziehen zu können.

Man kann lokales Wissen in 4 Hauptpunkten zu begreifen suchen:

- Lokales Wissen ist kontextgebunden, es entstammt einem je lokalen Kontext und hat nur dort seine Bedeutung. Praktiken, Traditionen und kontexuale Theoriebildung sind immer lokal und immer in das jeweils bestimmte Bedeutungssystem eingebunden, das sie mit Sinn versorgt. “[L]ocal knowledge needs to be understood within its cultural `location´, and needs to be `integrated´ in the strict sense when conditions change, for instance in the context of externally initiated measures.” (Antweiler 1998: 484) Lokales Wissen ist nicht von der Kultur -mit Sozialisationsweisen, Werten, Arten der Sinnerzeugung etc.- in der es besteht zu trennen.
- Lokales Wissen ist problemorientiert und empirisch, nicht „theoretisch“ im landläufigen Sinn. Es wird zur Lösung oder Erklärung je konkreter Probleme produziert, nicht von einer schon bestehenden Theorie abgeleitet.
- Lokales Wissen ist Alltagswissen. Es ist nicht anderen Arten von Wissen (z.B. „Wissenschaft“) entgegengesetzt. “[L]ocal knowledge is a universal form of knowledge common to all human beings. This is diametrically opposed to a supposed dichotomy between knowledge `of a different kind´ or `non-Western knowledge´, and `Western´ or `scientific´ knowledge.” (Antweiler 1998: 477)
- Lokales Wissen ist Handlungswissen, nicht bloße Information (vgl. Antweiler 1998: 473). Oft beschäftigt es sich mehr mit dem praktischen „wie“ als mit einem objektiven „was“.

Das Konzept des lokalen Wissens ist ausgesprochen umfassend; kaum ist dieses Wissen aus seinem jeweiligen Kontext zu trennen oder zu objektivieren. Mehr noch, es ist schlichtweg überall, wenn auch in je anderen Formen. Es umfasst alles von alltäglichen Handlungsanweisungen („scripts“ bei Antweiler 1998) bis zu speziellem Expertenwissen über bestimmte Pflanzen oder Tiere.

„Für den Ethnologen Christoph Antweiler besteht lokales Wissen in handlungsorientierten sowie kulturell eingebetteten Kenntnissen und Fähigkeiten. Es ist weder in kulturrelativistischer Weise platt mit Wissenschaft gleichzusetzen, noch ist es eine "ganz andere" Erkenntnisweise. Vielmehr ist es eine Kombination aus spezifischem Wissen und alltagspraktischen "Daumenregeln" und hat empirische Dimensionen sowohl des Beobachtens als auch des Experimentierens. Es wird an seiner Effizienz gemessen und im "rigorosen Labor des Lebens" getestet. Kaum formalisiert, wird es in der Praxis erlernt ("Performanzwissen"). Oft ist es redundant, und es ist nur so präzis wie praktisch notwendig ("optimale Ignoranz").“ (Kramer 2002)

Da lokales Wissen in die jeweilige Kultur integriert ist aus der es entstammt, ist es auch den Regeln unterworfen, die sich diese Kultur gibt. Es ist nicht frei von Macht und nicht allgemein verfügbar. “It is often wrongly assumed that knowledge of indigenous peoples and local communities is evenly distributed and that practically every member of the group knows the same.” (Antweiler 1998: 472)

Diese Neigung zu Ungleichgewichtung steht in enger Beziehung zu seiner Flexibilität und Anpassungsfähigkeit. Lokales Wissen, wie jede Art Wissen, konzentriert sich in den Händen von Experten, die es –in gewissem Maße- verändern oder beeinflussen können. „Für die Ethnologen ist klar, dass lokales Wissen dynamisch ist und nicht essentialistisch mit "indigenen" Populationen starr gekoppelt ist; es kann auch von Migranten und externen Spezialisten ergänzt werden. Es steht auch nicht außerhalb der gängigen Machtstrukturen (Geschlechterdifferenz eingeschlossen […]).“ (Kramer 2002)

Ein wichtiges Problem des Konzeptes lokales Wissen ist die implizierte und nicht weiter aufgelöste Lokalität. Der Diskurs über das lokale Wissen lässt ungeklärt, was mit „lokal“ gemeint ist, so sehr in ihm Arten von Wissen erläutert werden. Man kann an dieser Stelle Ideologie vermuten, vielleicht auch “the problematic relationship between rubrics emerging from one culture and practices met in another” (Geertz 1983: 168). Um weiter mit der Begrifflichkeit des lokalen Wissen arbeiten zu können, müssen wir uns mit einer recht abstrakten Definition behelfen: „Lokalität wird geschaffen durch die Interaktion mit dem lokalen Raum und ist begrenzt durch die Grenzen der Interaktion“ (Kramer 2002).

“More recently a new factor of production has been added to the development debate; a factor that supposedly has overtaken the other factors in importance: Knowledge is now regarded as the main driving force of innovation and development.“ (Evers/Gerke 2004: 4)

2. Wissen als Ressource

In dieser Arbeit soll versucht werden, Wissen allgemein und lokales Wissen im Besonderen nicht als rein geistiges Phänomen zu betrachten, das vor allem von anthropologischem Interesse ist und mit einer materiellen Realität in engerem Sinne nur wenig zusammenhängt, sondern als eine Ressource, die in einem bestimmten Gebiet vorhanden ist und in anderen nicht oder in anderer Form. Diese Ressource, die einer bestimmten Gemeinschaft –im Rahmen deren Kultur (z.B. Arbeitsteilung, Herrschaftsstrukturen, Religion)- zur Verfügung steht, und nur für diese Gemeinschaft auch Sinn hat, kann zum einen von der Gemeinschaft selbst, nach selbstgewählten Regeln eingesetzt werden, um selbstgesetzten (Entwicklungs-)Zielen näher zu kommen. Zum anderen kann diese neue Ressource von außen gesteuert zu fremdbestimmten Zwecken –auch wenn dem Selbstverständnis nach im Interesse der Gemeinschaft- genutzt werden. Auf dieser Seite findet man sowohl klassische Agenturen der Entwicklungszusammenarbeit als auch Wirtschaftsverbände und Unternehmen der Industrieländer, die schon bestehende Strukturen der Ausbeutung anderer Ressourcen nutzen, umwandeln und ausbauen. Hier interpretiert man “local knowledge as a `marketable good´ for agro-industries, pharmaceutical corporations, or for the conservation of biological diversity.” (Antweiler 1998: 470)

Die Nutzung lokalen Wissens für das Ziel einer Entwicklung durch die Gemeinschaften selbst hingegen ist wenig erforscht (vgl. Antweiler 1998) und ist anscheinend gering. “The positive potential of traditional and local knowledge for the local development process […] remains widely unused.” (Antweiler 1998: 470) In der wissenschaftlichen Literatur zu diesem Thema ist viel über den Grund dieser Ignoranz spekuliert worden, wobei meist die Unvereinbarkeit von Wissens- und Ordnungssystemen vermutet wurde.

Es gibt zwei grundsätzliche Umgangsweisen mit lokalem Wissen als Ressource. Zum einen deren Nutzbarmachung für andere Gemeinschaften durch ein oder in einem übergeordnetem Wissenssystem, zum anderen (wechselseitigen) Austausch von Wissen und Wissensinhalten zwischen Gemeinschaften. Die erste Variante entspricht z.B. einer wissenschaftlichen Auswertung von lokalen Kenntnissen nach europäischen Werten, wobei es tatsächlich zu einer Asymmetrie kommen kann.

“Scientific knowledge always implies ignorance of other knowledges […]. This is especially significant in the context of the interest of development theorists and practitioners in local knowledge, since during the colonial era scientific knowledge occupied and in today’s development cooperation occupies an almost hegemonial role as a pillar of Western cultural dominance; it is a `world-ordering knowledge´ […].” (Antweiler 1998: 483)

In diesem Fall ist eine Ideologisierung und Instrumentalisierung des Begriffes lokales Wissen zu eigenen Zwecken kaum zu vermeiden. Nicht nur die Ganzheit des fremden Wissenssystems mit seiner spezifischen Organisation und Art der Bedeutungsgebung, sondern auch seine konkreten und eventuell objektivierbaren (und weiterverwendbaren) Inhalte werden entwertet. So ist eine Tendenz erkennbar zu „romantisierenden Heilsversprechen und instrumentalisierendem Utilitarismus, die sich für die gesammelten Daten des lokalen Wissens nur interessieren, weil sie sich damit zu geringen Kosten bedeutende Beiträge zur Nachhaltigkeit und zur Überwindung von Armut in der Dritten Welt zu entwickeln erhoffen oder mit Hilfe der Ethnobiologie neue Ressourcen der Medizin entdecken oder Biodiversität erhalten und nutzbar machen wollen.“ (Kramer 2002)

Auch der wechselseitige Austausch von Wissen und seinen Inhalten zwischen verschiedenen Gemeinschaften (oder zwischen einer Gemeinschaft und der „Weltgesellschaft“, wenn man das so sehen will) ist keinesfalls unproblematisch. Bloße Übermittlung von aus ihrem Entstehungskontext gerissenen Erkenntnissen oder Informationen ermöglicht nicht zwangsläufig auch deren Integration in ein anderes Umfeld. „Wissen kann zwar transferiert werden, aber Wissen ist notwendig, um Wissen zu verwerten (und weiter zu entwickeln, zu „lokalisieren“). Mangelnder Import von Nichtwissen (Wissen darüber, was man nicht weiß) […] erzielt nicht die erwünschten Ergebnisse“ (Evers et al. 2005: 5). Hier gewinnt das lokale Wissen der jeweiligen Region eine neue Bedeutung als „Aufnahmewissen“, das neue Teile integrieren und sie in seinen eigenen Konditionen mit Bedeutung versorgen muss.

„Die Übertragung von globalen [sic] Wissen in lokale Kontexte erfordert immer den Einsatz von lokalem Wissen. Hierin ist zumindest ein kompetitiver Vorteil solcher Entwicklungsländer begründet, die sich im Zuge der Globalisierung freiwillig oder erzwungenermaßen dem Weltmarkt öffnen.“ (Evers et al. 2005: 9)

Für Evers besteht keine Alternative zu dieser Praxis, wenn die Ressource Wissen effektiv für die jeweilige Gemeinschaft genutzt werden soll. „Globalisierung lokalen Wissens und Lokalisierung globalen Wissens sind die Voraussetzung für den Einsatz von Wissen als Entwicklungsfaktor.“ (Evers et al. 2005: 9)

2.1. Lokales Wissen und Entwicklungszusammenarbeit

In der Entwicklungszusammenarbeit nimmt lokales Wissen eine besondere Stellung ein, entweder, in der klassischen Theorie, als Beitrag der Zu-Entwickelnden, oder, in alternativen Ansätzen, als Möglichkeit zur selbstbestimmten Entwicklung einer Region. Diese zweite Möglichkeit wird im Abschnitt „Partizipation“ näher behandelt. Zu bemerken ist, dass die Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit als Ganzes Schwierigkeiten haben, eventuell schon lange bestehende Erkenntnisse auf lokaler Ebene zu nutzen und in ihre Projekte aufzunehmen. „[L]okales Wissen, das man als allgemein gültiges Alltagswissen definieren kann und das sich über lokale und globale Schnittstellen konstituiert, wird […] nur unzureichend als Ausgangspunkt für Entwicklungszusammenarbeit integriert.“ (Evers et al. 2003: 62/63) Diese Problematik kann auch auf eine (unterstellte) Neigung der Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit zurückgeführt werden, schwer kontrollierbare Elemente ihrer Arbeit oder der Regionen, in denen sie arbeiten, selbstgestellten Zielen oder Zwischenzielen unterzuordnen.

“With respect to development measures, the greatest risk is that local knowledge is functionalized without real regard for its content. It is wrongly assumed that local knowledge stocks can simply be `incorporated´ or added on to measures otherwise conventionally planned and implemented –like a module, as it were.” (Antweiler 1998: 484)

Diese mangelnde oder dekontextualisierte Aufnahme nur der objektivierbaren Wissensbestandteile in ein so offensichtlich übergeordnetes Wissens- und Bedeutungssystem kann dem Ziel einer Entwicklung –wie immer sie definiert wird- entgegenstehen, “silent protest can be expected against this `ordering knowledge´, which is not understood and which does not respect and integrate local experiences.” (Antweiler 1998: 486)

2.2. Partizipation

Überlegungen zu einer Teilnahme der lokalen Bevölkerung in den Entscheidungsbildungsprozessen auf lokaler und metalokaler Ebene wurden angestellt nicht nur um Widerstand gegen implementierte Projekte der Entwicklungszusammenarbeit zu vermeiden und stattdessen die Bevölkerung konstant einzubinden, sondern dem Selbstverständnis nach vor allem, um Entwicklungszusammenarbeit effizienter, pluralistischer und demokratischer zu machen. Wichtig ist hier, dass der Diskurs aus dessen Kontext der Ansatz der Partizipation entstammt keinesfalls frei von Ideologie ist und –wie schon erwähnt- nicht nur die Partizipation als solches, sondern auch andere Begriffe von ihm mit Bedeutung versorgt und in der Reichweite eingegrenzt werden.

Es fällt schwer, genau zu definieren, was unter Partizipation zu verstehen ist, abgesehen von der unterstellten „Teilnahme“ von jemandem in etwas, was vorher offenbar so nicht stattgefunden hat.

“The forms and effectiveness of `participation´ are so variable that the term actually denotes few specific practices, indicating only the notion of `efforts to increase control over resources and regulative institutions in given social situations, on the part of groups and movements hitherto excluded from such control´ […].” (Abram 1998: 6)

Abram (1998: 6) gibt zwei Varianten von Partizipation: zum einen das “Social planning”, was die Teilnahme an von oben bestimmten Projekten meint, also eine Pluralisierung klassischer Modelle, zum anderen die “Social action”, die sich auf eine „von unten“ gelenkte Planung wie Durchführung bezieht und oft als empowerment bezeichnet wird.

Nicht selten finden diese Ansätze ihren Kern in einem je definierten lokalen Wissen, was in einer auf Wissen basierenden Entwicklungsstrategie wichtigste Ressource, Leitidee und Kontrollinstrument in einem ist. “[L]ocal knowledge is eminently appropriate to the alternative empowerment approach to development.” (Antweiler 1998: 472)

Diese Ansätze der Partizipation oder des empowerment, eben dadurch, dass sie aus einem spezifischen Bedeutungssystem kommen, haben spezifische Ziele: „The approaches most closely in line with the concept of making local knowledge available and applicable are geared to local self-reliance, decentralization of decision-making and fair access to natural resources.” (Antweiler 1998: 469)

Um eine solche partizipative Einbindung von lokalem Wissen in Entwicklungsprozesse die auf Verbesserungen auf lokaler Ebene gerichtet sind zu erreichen, kommen Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit nicht umhin, verschiedene Arten von Wissen wie auch verschiedene Arten von Praxis zu integrieren, um so dem Lokalen zu dem zu verhelfen, was es benötigt um von außen aufgestellte Kriterien der Entwicklung zu erfüllen. Wie diese Integration konkret passieren soll, ist theoretisch schwer vorauszusagen. Wenn wir bei der oben entwickelten Dichotomie und einem europäischen Konzept von Entwicklung bleiben, gibt es auch hier zwei grundsätzliche Möglichkeiten. Zum einen kann versucht werden, in einem machtfreien Spiel gleichwertiger Kräfte, in einer neutralen Diskussion, die Vorzüge und Nachteile einer jeden Art von Wissen herauszustellen und daraus ein neues Wissen zu generieren, vielleicht ein postkoloniales Wissen, das z.B. wissenschaftliche Theorie und lokale Praxis verbindet. Dieser Punkt ist wichtig, nicht weil er leicht in die Wirklichkeit umzusetzen ist, sondern weil er zum einen dem Selbstverständnis vieler Entwicklungstheorien entspricht und zum anderen aus einer konkret europäischen, postmaterialistischen Tradition kommt. Die Definition von lokalem Wissen als universal und keinem anderen Wissen entgegengesetzt erlaubt es nicht, diese Vorstellung hier weiterzuentwickeln.

Zum anderen kann das lokale Wissen, bzw. bestimmte Elemente davon in ein leitendes Wissenssystem integriert werden, was zu einer –schon erläuterten- Vernachlässigung der je spezifischen Bedeutungen und des kulturellen Kontextes des jeweiligen lokalen Wissens führen kann.

“…if we define knowledge as ways of construing the world, rather than the simple accruing of facts, then we can see that participation in development must involve the meeting of different forms of knowledge. […] The problem for subordinated forms of knowledge is that once translated into the dominant (usually `scientific´ or `technical´) discourse, alternative rationalities, arguments and thoughts may lose their original force.” (Abram 1998: 6)

Nach einer einmaligen Integration “relevanten” und objektivierbaren Wissens finden Aushandlungen über Zielsetzungen und Ansätze nur noch im dominanten Wissenssystem und dessen Diskurs statt. Widerspruch wird (fast) unmöglich “when the subjects of development object to the assumptions and notions held by the developers, their objections are usually ruled out unless they can translate them into the terms set by the developers.” (Abram 1998: 6)

Sicherlich kann hier Bildung als Ausweg betrachtet werden, allerdings muss diese Bildung zwangsläufig eine Bildung im Kontext des dominanten (westlichen) Wissenssystems sein, kann also Kultur und Lokalität nicht berücksichtigen. Somit bliebe das Problem bestehen. Man kann hier nur spekulieren ob verschiedene Arten von Wissen nach verschiedenen Logiken funktionieren oder einer jeweiligen Kultur unterworfen sind, also kurz: den Gegensatz lokales – universelles Wissen wiedererrichten. Die Integration von verschiedenen Arten von Wissen ist der Punkt an dem das Gebäude des lokalen Wissens, sowie der gesamten Wissensphilosophie und ihrer jeweiligen Diskurse zu schwanken beginnt.

Noch einmal muss hervorgehoben werden, dass lokales Wissen kein „anderes“ Wissen ist, nicht nach grundsätzlich anderen Regeln funktioniert und somit alleine keine Veränderung bringen kann. “Depending on the ethic value system, local practices are neither ecologically sound nor socially just by definition.” (Antweiler 1998: 487)

3. Wissensmanagement in der Entwicklungszusammenarbeit

Dieser Teil der Arbeit soll dazu dienen, die bisher erarbeitete Vorstellung von Wissen auf lokaler, je aktueller („Mikro“-) Ebene in einen größeren („Makro“-) Kontext einzufügen, hier den der Entwicklungszusammenarbeit mit ihren spezifischen Problemen und Fragestellungen. Dazu wird das Modell von Wissensmanagement in der Entwicklungszusammenarbeit wie es Evers (et al. 2003) entwickelt erläutert und als eine Struktur der Ausbeutung der Ressource Wissen verstanden.

3.1. Globale Wissensgesellschaft

Der Ausgangspunkt dieser Überlegungen ist die –durchaus kritisierbare- Ansicht, dass die Welt sich auf dem Wege zu einer Weltgesellschaft und weiter zu einer globalen Wissensgesellschaft befindet. Diese Entwicklung, deren (überprüfbare) Basis in einer je zu definierenden „Globalisierung“ liegt, führt zu Veränderungen der Wissensstrukturen in deren sozialen, räumlichen und zeitlichen Dimensionen. Eine Trennung lokaler Probleme von globalen Strukturen ist nicht mehr möglich: „Die globale Homogenisierung und die lokale Komplexitätszunahme bedingen sich gegenseitig“ (Evers et al. 2003: 50).

Über den Aufbau einer „virtuelle[n] Infrastruktur“ (ebd.) entkoppeln sich Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit aus ihren nationalen Kontexten. So entsteht eine transnationale Wissenskultur, die „dynamische Kontextgenerierung von Wissen und […] Handlungsorientierung für die Akteure“ (Evers et al. 2003: 49) bedeutet und über diskursive Prozesse die Erzeugung von Macht impliziert. Die Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit werden zu Orten der Wissensproduktion.

Wissen wird in diesem Prozess globalisiert, homogenisiert, virtualisiert; Lokalität und lokales Wissen werden ausgeschlossen, Wissensmärkte entstehen. „Über Wissen wird ein neuer Markt konstituiert, der eine eigene Struktur der Wissensproduktion etabliert“ (Evers et al. 2003: 51). Wissen erhält hier seinen Wert über Marktmechanismen, wobei professionelles/privates/lokales gegen wissenschaftliches/allge­meines/globales Wissen gestellt wird.

3.2. Organisation von Wissen in der Entwicklungszusammenarbeit: Wissensmanagement

Auf die geänderte Lage reagieren die Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit mit neuen Formen der Organisation von Wissen, die sich kurz unter dem Begriff des Wissensmanagement fassen lassen. Ihr Ziel ist die Integration von relevantem Wissen und dessen personenunabhängige Speicherung und Nutzung, je nach aktuellem Bedarf. Da „nicht ein genereller Mangel an Wissen das Problem der Organisationen [ist], sondern die Gestaltung der Wissensbasis“ (Evers et al. 2003: 52), ist ihr Ziel, „tacit knowledge“ (ebd.), vorhandenes aber nicht genutztes Wissen in ein allgemeines „sharing of knowledge“ (ebd.) einzubinden.

„Nach Nonaka und Takeuchi ist `Information (…) ein Grundstoff, der Wissen ergeben kann´. Bei Wissen handelt es sich im Gegensatz zu Information um Vorstellungen und Engagement, Handeln und Bedeutung, woraus sich eine Personengebundenheit ableiten lässt. […] Wissen ist […] immer personen- und kontextgebunden […] Wissen gilt als Ergebnis von Lernprozessen“ (Wengelowski 2004: 253, 263).

Evers Modell des Wissensmanagement in der Entwicklungszusammenarbeit, sowie die hier vorzunehmende Interpretation lässt sich gut grafisch darstellen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenQuelle: eigene Darstellung

3.2.1. Epistemic communities

Eine zentrale Position in diesem Modell haben die lokalen Akteure der Entwicklungszusammenarbeit. Eine ihrer Hauptaufgaben ist es, zwischen der jeweiligen Organisation und der Region, in der sie arbeiten zu vermitteln und auf der einen Seite die globalen Strukturen im je Lokalen umzusetzen, auf der anderen, lokale Interessen im Globalen zu (re-)präsentieren. Auf ihr spezifisches Wissen und die Verbindungen zwischen ihnen zielt das Wissensmanagement ab. „Der einzelne Mitarbeiter als Wissensträger steht im Mittelpunkt des Modells. Die Gruppe fungiert als Plattform für das notwendige Zusammentreffen von Mitarbeitern und ihrem Wissen.“ (Wengelowski 2004: 253)

Eine formale Dezentralisierung gibt den lokalen Akteuren größere Entscheidungsbefugnisse und löst die eindimensionale Verbindung zwischen den Zentralen der Entwicklungszusammenarbeit und den Regionen, in denen sie arbeiten. „Es entstehen neben der Achse Zentrale - Durchführungsebene translokale Querverbindungen als Konsequenz der Dezentralisierung.“ (Evers et al. 2003: 58) Diese Verbindungen laufen aber immer über die lokalen Akteure und ihre Zentralen, wobei sich die Zentralen als Kommunikationsforen ihrer Mitarbeiter begreifen.

So vernetzen sich die lokalen Akteure zu virtuellen Gemeinschaften, zu epistemic communities, die in ihrer Position im neuen Organisationsmodell zu Händlern des Wissens werden. „In ihrer Eingebundenheit in translokale Querverbindungen verfügen diese epistemic communities über die Entscheidungsmacht des Inhalts der Wissensweitergabe, -aufnahme und –implementierung.“ (Evers et al. 2003: 58)

Die Art der Kommunikation und ihre Inhalte verändern sich, die neu geschaffenen Gemeinschaften lokaler Akteure funktionieren nach neuen Regeln.

„Frühere eindimensionale Kommunikationskanäle zwischen den Experten vor Ort und der Zentrale strukturieren sich jetzt in multidimensionalen, auf Erwartungen und Vertrauen basierenden, jedoch anonymen Vernetzungen. […] Wissensmanagement [wird] unter dem räumlichen Aspekt zu einer strukturierten Form, […] die Lokalitäten global miteinander verbindet.“ (Evers et al. 2003: 59/60)

Es entstehen „mikrosoziale globale Netzwerke“ (Evers et al. 2003: 60) der Akteure der Entwicklungszusammenarbeit aus denen die lokalen Bevölkerungen und deren Experten ausgeschlossen bleiben. Diese Netzwerke sind offen nach innen, in Richtung etwa anderer Organisationen eines Feldes, nach außen aber bleiben sie geschlossen. Exklusion erfolgt nicht nach Nationalität oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten Organisation, sondern orientiert sich an der generellen Einordnung der teilnehmenden Personen im neu entstandenen Schema. Und so entsteht ein virtueller sozialer Raum mit eigenen Regeln und Erkennungsmerkmalen.

„Die Experten teilen ein bestimmtes Set normativer Glaubenssätze (beliefs), sie leiten Analysen für ihr Gebiet aus bestimmten, einander ähnlichen Kausalketten ab (causal beliefs), sie haben die gleichen Vorstellungen über Validitätskriterien ihres Wissens, und sie setzen ihr Wissen für eine gemeinsame Sache, nämlich ein Politikfeld, hier der internationalen Entwicklungszusammenarbeit, ein.“ (Evers et al. 2003: 60)

3.2.2. Sharing of knowledge/communities of practice

Der von Evers zugrunde gelegte Ansatz des Wissensmanagement stützt sich auf zwei Säulen: externes und internes „sharing of knowledge“ zwischen den Mitarbeitern und zwischen Mitarbeiter(n) und Zentrale(n) und translokale „communities of practice“ oder “thematic groups“, die wiederum Zentralen und lokale Akteure einbinden. Problemlösungen laufen über einen “bottom-up exchange”. “Dabei wird auf Erfahrungswissen als der entscheidenden Ressource zurückgegriffen, gleichzeitig wird im Prozess der Problemlösung neues Wissen erzeugt und validiert […] und in die organisatorische Wissensbasis integriert.“ (Evers et al. 2003: 53) Allerdings bleiben auch hier lokale Bevölkerungen und deren Erfahrungen ausgeschlossen; der Akteur der Entwicklungszusammenarbeit fungiert als „Übersetzer“ von lokalem Wissen oder lokalen Erfahrungen in für das an Organisationen gebundene Wissensmanagement nutz- und verwertbare Informationen.

Das Ziel dieser Methoden ist nicht nur eine bessere Verwertung des schon vorhandenen Wissens, sondern eine Veränderung der Organisationsstrukturen als solches in Richtung auf eine „Kultur des Lernens“ in der das Lernen ein Prozess ist, der zum Ergebnis „Wissen“ führt. So soll Wissen nicht nur ausgewertet, sondern auch geschaffen werden.

„Beide Arbeitsprinzipien – sharing of knowledge und communities of practice - münden in eine Koppelung von Innen- und Außenbeziehungen und in einen Konversationsprozess zwischen individueller und organisatorischer Ebene und in der Schaffung von neuem Wissen.“ (Evers et al. 2003: 53)

3.3. Wissen im Wissensmanagement

Eine drohende Homogenisierung von Wissen wird verhindert durch „lokal spezifische Erfahrungen“ und „das Potential von lokalen Fachkräften“ (Evers et al. 2003: 62). Der internationalen Vereinheitlichung von Strukturen und der Internationalisierung der Programmbildung steht das Einbeziehen lokaler Experten entgegen. Über sie werden lokal verortete Wissensressourcen eingebunden; diese müssen allerdings nicht zwangsläufig über lokales Wissen in seiner Gesamtheit verfügen können.

In diesem System der optimalen Ausnutzung vorhandenen und der Erzeugung neuen Wissens erfährt integriertes lokales Wissen eine qualitative Veränderung: „Die Komplexität lokalen Wissens reduziert sich zur Information, welche in Entwicklungskonzeptionen nur additiv eingebaut wird, aber selbst nicht die Grundlage für Entwicklung darstellt.“ (Evers et al. 2003: 63, vgl. auch: Antweiler 1998: 488) Die „Hierarchisierung von lokalem Wissen und Expertenwissen“ (ebd.) erfährt offenbar keine Änderung durch das Wissensmanagement, erfolgt jetzt nur in einem anderen Rahmen und nach anderen Regeln. Die Erfahrung lokaler Bevölkerungen bleibt organisatorisch ausgeschlossen.

„Lokal vorhandenes Wissen wird durch das dialektische Verhältnis zwischen Alltags- und Expertenwissen und dem implizierten Machtverhältnis als ein System des Nichtwissens konstruiert und damit für den weiteren Planungsprozess von Entwicklung nicht zugänglich gemacht. Die Legitimation des eigenen Wissens dient der Delegitimierung lokalen Alltagswissens.“ (Evers et al. 2003: 63)

3.4. Probleme der Entwicklung durch Wissen – Ausbeutung der Ressource

3.4.1. Knowledge gap

Wenn man Wissen als eine wesentlich an Entwicklung beteiligte Ressource betrachtet, die sowohl entwickelt als auch ausgebeutet werden kann, und eine universelle Ungleichverteilung von Wissen unterstellt, wie es hier definiert wurde, wird klar, dass klassische Vorstellungen einer unilinearen Entwicklung von Unterentwickelten durch Entwickelte ihre Gültigkeit verlieren. Wissen ist verfügbar und verwertbar wie jede Ressource, und wie jede Ressource ist es nicht gleichmäßig verteilt. So kommt es zur „Annahme eines asymmetrischen Verhältnisses zwischen Industrie- und Entwicklungsländern“ (Evers et al. 2003: 54) auch in dieser Hinsicht. Die Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit lösen dieses Problem, indem sie –ihrer Herkunft entsprechend- westliches Wissen als Basis ihrer Arbeit nutzen und lokales Wissen nur additiv einfügen.

Die Spaltung zwischen den mehr und den weniger entwickelten Ländern oder der „Ersten“ und „Dritten Welt“, vollzieht sich von neuem, wiederum mit ungleichen Startbedingungen. Jetzt wird Wissen, seine Organisation und die Fähigkeit zu seiner Ausbeutung zum entscheidenden Element der Macht, zum wichtigsten Entwicklungsfaktor. “Knowledge increasingly explains the gap between developed and underdeveloped, between poor and rich countries” (Evers/Gerke 2004: 5). Evers schlägt zur Bezeichnung dieses Phänomens den Begriff des knowledge gap vor: “The knowledge gap […] refers to the uneven intensity of knowledge production, availability and dissemination world wide.” (Evers/Gerke 2004: 7)

3.4.2. Digital divide

Ein anderes, mit der knowledge gap gekoppeltes Problem ist das der „digitalen Teilung“, die sowohl zwischen den Industrie- und den Entwicklungsländern, als auch in den Entwicklungsländern selbst beobachtbar ist (vgl. Evers/Gerke 2004: 7). Diese neue, digitale Welt ist als Netzwerk organisiert, die Ungleichheit gewinnt eine neue Qualität. Sichtbar wird in einem Modell der Entwicklung auf nationalstaatlicher Ebene

“…a widening digital divide, which mirrors the income differences between developed and underdeveloped economies (World Bank 1999). There are nodal points where digital equipment is concentrated, where knowledge is produced and from where it is globally distributed.” (Evers/Gerke 2004: 6)

Beide Probleme, knowledge gap und digital divide, verstärken sich im Zuge der unterstellten Entwicklung in Richtung auf eine (globalen) Wissensgesellschaft, die einige Länder – aufgrund eines schon erarbeiteten „Vorsprungs“ auf Kosten anderer Länder- effektiver und schneller vollziehen können als andere (vgl. Evers/Gerke 2004: 8).

3.4.3. Wissensmanagement und seine Folgen

Die Neubewertung des Wissens in einer Umgebung, die betriebswirtschaftliche Konzepte auf menschliche Beziehungen anwendet, hat –trotz verbesserter Nutzung des Wissens innerhalb von Organisationen- eine Reihe negativer Auswirkungen insbesondere auf lokal verortetes, nicht in Organisationen eingebundenes Wissen. Dies liegt vor allem an dem nur schwer lösbaren Problem seiner Integration in ein anderes (globales) Wissenssystem.

Ein nicht vermeidbarer Effekt der Vermarktung von Wissen als ausbeutbare Ressource ist es, dass Wissen bezüglich seiner Inhalte neu definiert und auf eine Dimension reduziert wird. „Mit Wissensmanagement ging eine Ökonomisierung von Strukturen und Produkten einher, welche getragen wird von der Technisierung der Interaktionen zwischen Akteuren.“ (Evers et al. 2003: 65) Es erfolgt eine Transformation der je an einen Kontext gebundenen Wissensinhalte zu universal verwertbarer, „objektiver“ Information. Wissen wird durch seine Digitalisierung in den Strukturen des Wissensmanagement dekontextualisiert, die Kommunikation, die es reproduziert wird virtualisiert. Eine Exklusion der lokalen Bevölkerung wird unvermeidlich, eine Aushandlung von Wissen oder Macht über Wissen findet nicht statt.

„Diese Asymmetrie besteht durch den Mangel an Anschlussfähigkeit zu lokalem Wissen und fehlender Reflexivität innerhalb von Planungs- und Entwicklungsabläufen und wird nur teilweise durch die Integration lokaler Experten behoben.“ (Evers et al. 2003: 66)

Wissen wird zu einem vermarktbaren Gut, die Konditionen seiner Erzeugung werden am Ursprungsort dieser Marktstruktur definiert. Der neue Wissensmarkt ist exklusiv nicht durch seine Inhalte oder bestimmte Anbieter, er ist es durch seine Herkunft und die grundlegende Organisation seiner Bestandteile.

“The production of knowledge takes place in a framework of markets and power structures and is not necessarily guided by the use-value of knowledge to poor people. New insights may make old knowledge obsolete and lead to its replacement, but useful local knowledge may also vanish before the onslaught of knowledge systems thought to be superior. Research does not only produce new knowledge but also destroys old knowledge. In this sense ignorance rather than knowledge is enhanced.” (Evers/Gerke 2004: 7)

Die Strukturen dieses neuen Marktes wurden maßgeschneidert von seinen Urhebern, den industrialisierten Ländern. Es entsteht eine neue Dimension der Ausbeutung von Ressourcen, zu denen jetzt auch Wissen zählt.

“The knowledge gap is deliberately or inadvertently widened by the monopolisation of the application of knowledge through patents and the insistence on securing intellectual property rights by powerful organisations, especially the WTO. The TRIPS Agreement, concluded in 1995, determines rights over intellectual property and grants temporary monopolies for innovations and inventions. Poorer countries and people are excluded from access to vital ‘knowledge goods’, such as medicines, seeds, and educational materials (Oxfam 2001). Selling knowledge in the form of licenses, franchising and overseas education have developed into a multi billion dollar business for the OECD countries, which capitalise on the knowledge gap between them and the developing world.” (Evers/Gerke 2004: 8)

Der Wissensmarkt wird exklusiv in einem weiteren Sinne: er erzeugt Wissen und Nichtwissen, er bestimmt, welches Wissen in ihm gehandelt werden kann, Marktwert hat. Ein anderes Wissen ist in ihm nicht möglich.

“The value of knowledge is determined by experts, mainly from the industrialised knowledge economies and by processes in powerful organisations like the big transnational corporations, government departments, UNESCO, the World Bank and other large organisations. They determine what knowledge is essential and what is not. They construct the knowledge gap and the digital divide.” (Evers/Gerke 2004: 9)

4. Wissen von unten? – Anderes Wissen

Um die Frage nach alternativen Arten der Nutzung von Wissen gerade in seiner lokal gebundenen, kontextualen Form stellen zu können, muss man sowohl über traditionelle als auch modernistisch-ökonomistische Sichtweisen hinausgehen. Lokalität ist ein Mythos und war es immer, eine Rückkehr dahin ist nicht möglich. So müssen Verknüpfung und Vernetzung keinesfalls schädlich für lokale Gemeinschaften sein, in einer unterstellten globalen Wissensgesellschaft sind sie unvermeidlich.

“It is obvious that the information flow should be increased between the local communities and the `world beyond´. This is, by no means, a one-way street. […] the use of local knowledge should be led by the local communities and not necessarily by outsiders.” (Antweiler 1998: 489)

Für uns sichtbar werden nur die Versuche einer alternativen Vernetzung wo sie zu Widerstand gegen die Ausbeutung der Ressource Wissen werden. Aber diese „politics of place“ (Evers et al. 2003: 66) in den Entwicklungsländern -Beispiele sind die Diskursguerilla der EZLN in Mexiko oder die Kämpfe um intellektuelles Eigentum wie im Fall des indischen Neem-Baumes- müssen sich den Problemen des knowledge gap und der digitalen Teilung stellen. Mehr noch, eine alternative Vernetzung von Wissen ist auf einen Wandel im Bedeutungssystem, das je lokal und kontextgebunden ist, angewiesen. Und dieser Wandel lässt sich –eben wegen der Kontextualität der Bedeutungen- nicht ohne weiteres und erst recht nicht schnell vollziehen. Und die Integration von lokalen Bedeutungen in ein globales, nach westlichem Muster konstituiertes Bedeutungssystem oder, konkreter, in einen Diskurs, wie es die Sozialwissenschaft ist, ist kein einfaches Unterfangen.

Ein wichtiger, nur selten näher untersuchter Teil der globalen Konstituierung von Bedeutung im Hinblick auf Entwicklung und Strukturen der Ausbeutung wäre eine Untersuchung der Entwicklungszusammenarbeit in genau diesem Sinne.

„It is not enough to recognise the colonising effects of development discourses as the construction of a `Third World´, since, for the colonisers, `overseas development´ is only one manifestation of a much broader and more generalised approach to governance through which the state seeks to plan and control the future. […] If we recognise that development is one manifestation of particular ideologies which are enacted through forms of governance, we can begin to question the ideologies themselves.” (Abram 1998: 4/5)

III. Fazit

Diese Arbeit muss fragmentarisch bleiben, nicht nur weil die untersuchte Materie zu komplex ist. Zum einen ist dies eine rein theoretische Abhandlung und theoretisch lassen sich praktische Probleme –wie es lokales Wissen ist- nur selten lösen. Mein Wissen über Lokalität und lokal gebundenes Wissen ist gering, wenn man von einigen Büchern absieht. Und ich bin im Laufe dieser Arbeit auf keine „objektive“, nicht interessierte Untersuchung des Komplexes „lokales Wissen“ gestoßen. Ich vermute, dass dieses Feld nur wenig behandelt wurde, wenn es sich nicht gerade im Randbereich anderer Felder oder Disziplinen –wie bei Evers dem der Entwicklungszusammenarbeit oder bei Antweiler dem der Kulturanthropologie- befindet.

Zum anderen verbietet mir meine Verortung in dem Bedeutungssystem, in dem diese Arbeit stattfindet, mich von einigen grundlegenden, schon je bedeutungsvollen Konzepten –wie „Wissen“, „Organisation“ oder „Bedeutung“- zu lösen. Es ist wahrscheinlich, dass so mein Blick zumindest auf dieses konkrete Problem eingeschränkt bleibt.

Die vorgeschlagene Definition von lokalem Wissen ist nichts als eine Hypothese, die widerlegbar ist (was aber in der vorliegenden Literatur nicht passiert). Wichtig ist hier, dass die Idee des lokalen Wissens einem bestimmten Diskurs entstammt, also keinesfalls „objektiv“ oder auch nur politisch neutral ist.

Auch lassen sich Gegenargumente zur Vorstellung einer globalen Wissensgesellschaft mit spezifischen Verwertungsweisen von Wissen finden. Wenn wir aber von einem idealisierten Wissensmarkt als Symbol dieser Gesellschaft ausgehen, ergeben sich klare Schlüsse. Lokales Wissen bleibt im globalen Prozess der immer weiter wachsenden Produktion und Verwertung von Wissen als Information ausgeschlossen nicht nur weil es „anders“ sei, sondern weil lokales Wissen –auch solches, das sich in Industrieländern befindet- eine systematische Exklusion aus dem organisatorisch definierten Wissensaustausch oder Wissensmarkt erfährt. Nur die Teile dieses Wissens, die sich auf verwertbare Ziele richten, sind für eine wie auch immer geartete Ausbeutung interessant.

Die jeweils konkreten Formen von Ausbeutung der Ressource Wissen konnten hier nicht erörtert werden, fest steht aber, dass sich die neue Ausbeutung entlang schon bestehender Strukturen bewegt. Einige dieser Strukturen dienten zur Ausbeutung anderer Ressourcen und zur Reproduktion der Marginalisierung der auszubeutenden Bevölkerung, anderen wird eine andere Bedeutung zugewiesen. Es fällt auf, dass sich die Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit denselben Strukturen bedienen wie z.B. Wirtschaftsverbände und dass oft ein „verstaatlichter“ oder „verwirtschaftlichter“ Entwicklungsdiskurs entsteht. Zu fragen wäre, inwiefern daraus erwachsende Strukturen und Hintergrundinformationen zur Ausbeutung bestimmten lokalen Wissens genutzt werden und so die Ökonomisierung lokalen Wissen weitertragen.

Wissen ist zum entscheidenden Faktor für Entwicklung geworden. Die Frage ist jetzt, wer diese Ressource wie nutzt. Eine pluralistische Teilhabe aller an allem ist utopisch und nicht verwendbar. Wahrscheinlicher (und bereits real) ist eine Erneuerung schon bestehender Strukturen der Ausbeutung. Wissen wird zu etwas, was über den Menschen steht und leicht vermarktbar ist. Dieses Wissen kann ohne weiteres versandt, verkauft, ausgetauscht werden. Ob sich ein alternatives Wissen jenseits der entfremdeten Information behaupten kann, wird abzuwarten sein.

Literatur:

- Abram, Simone (1998): Introduction. Anthropological perspectives on local development, in: Abram, Simone; Waldren Jacqueline: Anthropological Perspectives on Local Development, New York, London: Routledge, S. 1-17.
- Antweiler, Christoph: Local Knowledge and Local Knowing. An Anthropological Analysis of Contested “Cultural Products” in the Context of Development. Anthropos 93 (4-6): 469-494.
- Evers, Hans-Dieter; Gerke, Solvay (2004): Closing the Digital Divide: Southeast Asia’s Path towards a Knowledge Society. Center for Development Research, Department of Political and Cultural Change Research, Group Culture, Knowledge and Development, http://www.uni-bonn.de/~uso00001/papers/WP1_Evers-Gerke.pdf, 5.3.2006.
- Evers, Hans-Dieter; Gerke, Solvay; Menkhoff, Thomas (2005): Wissen und Entwicklung - Strategien für den Aufbau einer Wissensgesellschaft, Zentrum für Entwicklungsforschung der Universität Bonn, http://www.uni-bonn.de/~uso00001/papers/Evers-Gerke-Menkhoff2005-Wissen_und_Entwicklung.pdf, aufgerufen: 10.2.2006.
- Evers, Hans-Dieter; Kaiser, Markus; Müller, Christine (2003): Entwicklung durch Wissen: eine neue globale Wissensarchitektur. Soziale Welt, 54: 49-70. Und: http://131.220.109.9/module/register/media/ee9f_Evers-Kaiser2003-Wissensarchitektur.pdf, aufgerufen: 14.2.2006.
- Geertz, Clifford (1983): Local knowledge. Further Essays in Interpretative Anthropology, New York: Basic Books.
- Kramer, Dieter (2002): Lokales Wissen – nur ein Modebegriff?. epd-Entwicklungspolitik 2/3/2002, http://www.entwicklungspolitik.org/index_1952.htm, aufgerufen: 10.2.2006.
- Kürzinger, Edith (1997): Nachhaltige Entwicklung, in: Schulze, Manfred (Hrsg.): Entwicklung: die Perspektive der Entwicklungssoziologie, Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 385-409.
- Pasquale, Sigrid; Schröder, Peter; Schultze, Uta (Hg.) (1998): Lokales Wissen für nachhaltige Entwicklung: Ein Praxisführer, Saarbrücken: Verlag für Entwicklungspolitik Saarbrücken.
- Wengelowski, Peter (2004): Wissensmanagement – Vielfältige Modelle und Anwendungen, in: Hammermeister, Jörg; Reich, Bettina; Rose, Edgar (Hg.): Information – Wissen –Kompetenz. Schriftenreihe Oldenburger Forschungsnetzwerk Wirtschaft – Recht – Bildung, Band 2, Oldenburg: Bibliotheks- und Informationssystem der Universität Oldenburg, S. 251-270.

27 von 27 Seiten

Details

Titel
Lokales Wissen - Mythos und Realität
Hochschule
Universität Trier
Veranstaltung
Kultur und Entwicklung
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
27
Katalognummer
V110034
Dateigröße
607 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lokales, Wissen, Mythos, Realität, Kultur, Entwicklung
Arbeit zitieren
Philipp Altmann (Autor), 2006, Lokales Wissen - Mythos und Realität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110034

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