Handtaschen, Punks und Karaoke: Wie Japan Südostasien beeinflusst


Seminararbeit, 2006

16 Seiten


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Inhalt

Der Trendkatalysator

Generation XASIA

Punks in Designerlabels und Japans „no-smell”

Soft-Power Weltmacht

Schlussfolgerung

Bibliographie

In den vergangenen zehn Jahren haben viele südostasiatische Gesellschaften sich stark verändert und ein gewisser „Lifestyle“ hat Fuß gefasst. In Vietnam darf man nun Unternehmer sein, in Indonesien finden Designerlabel reißenden Absatz, die Philippinen sind Weltmeister im Versenden von Textmessages und gerade noch neu entstandene Industrienationen wie Singapur oder Malaysia beginnen ihre Produktion aus Kostengründen auszulagern. Hanoi bekommt seinen ersten Supermarkt und Manila seine ersten Shopping-Mega-Malls. Südostasien, ein Markt so groß wie China, ist im Kommen. Auch wenn Wachstumsraten von 10% nach der Asienkrise 1997 erstmal einen Dämpfer bekommen haben, wächst das BIP in den meisten Ländern noch immer wesentlich stärker als in europäischen Staaten.

Die deutlich sichtbaren Veränderungen haben, wie aus dieser kurzen Einleitung ersichtlich, vor allem mit Konsum zu tun. Wenn die jüngere Generation beginnt zu konsumieren, und nicht einfach nur über die Runden zu kommen, dann beklagt sich die ältere Generation über „Amerikanisierung“. Dieses Schlagwort ist schnell zur Hand, wenn in einem Dorf ein klimatisierter Convenience-Store eröffnet, doch wo kommt der neue Konsum eigentlich her? Wirklich aus Amerika? Nein, Südostasien liegt in einem ganz anderen Einzugsgebiet: Lifestyle kommt aus Japan.

Der „Trendkatalysator“

Trends jeglicher Art werden normalerweise von wirtschaftlich besser gestellten Gruppen nach unten weiter gegeben. In Südostasien bedeutet das, dass die chinesischen Gemeinden in den einzelnen Ländern in gewissem Maße stilprägend sind.

Karaokeläden in Kuala Lumpur beispielsweise, sind chinesisch geprägt. Natürlich gibt es auch eine gewisse Auswahl an malaysischen Popsongs, doch die überwältigende Mehrheit sind chinesische Lieder. Diese stammen mehrheitlich aus den beiden chinesischen Hitzentren Taiwan und Hongkong (letztere in Kantonesisch, demjenigen Dialekt den auch die meisten Chinesen in Kuala Lumpur sprechen). Auch über Singapur werden einzelne Interpreten popularisiert und der Stadtstaat steuert noch den ein oder anderen eigenen chinesischsprachigen Star bei, wie letztendlich auch Malaysia selbst. Doch wo kommt Karaoke, diese Freizeitbeschäftigung, die Ostasien geradezu typisiert, her? Es handelt sich um eine japanische Innovation, die zu gegebenen Zeiten des Wirtschaftswachstums auch nach Südkorea, Taiwan und Hongkong gelangte, und von dort in die chinesischen Gemeinden der ganzen Region getragen wurde.

Karaoke entstand Ende der siebziger Jahre in Japan. Mit der Entwicklung von Laser Discs nahm die neue Freizeitunterhaltung noch mal einen großen Aufschwung und seit Beginn der neunziger Jahre gibt es kompakte Karaokestationen mit Monitor und Laser Disc-Wechsler, wie sie heute in den Karaokepalästen in jedem separaten Zimmer stehen[1]. Mit zunehmendem wirtschaftlichen Wohlstand in Hongkong, Taiwan und Südkorea (Newly Industrialized Economies- NIE), als diese sich von reinen Billigfertigungsstandorten zu Dienstleistern und High-Techherstellern wandelten, fand Karaoke Ende der achtziger bis Anfang der neunziger Jahre auch dort große Verbreitung. An diesen vier Orten ist auch heute noch die höchste Konzentration an Karaokeetablissements, mit regelrechten Karaokepalästen, die über Dutzende Zimmer verfügen.

Von diesem Punkt an drang Karaoke als chinesische Unterhaltung in die Überseegemeinden in Südostasien, selbstverständlich mit japanischer Technologie.

Dieser Weg behält Allgemeingültigkeit für viele andere Bereiche, die Japan letztlich zum Trendsetter der Region machen: Musik, Fernsehserien, Mode.

Hongkong-Popmusik (Canto-Pop) modellierte sich ab den 70er/80er Jahren stark nach japanischer, westlich- und marktorientierter, Popmusik. Einige japanische Stars wie Utada Hikaru oder die Boyband SMAP werden auch unmittelbar in Südostasien (einschließlich Hongkong, Taiwan, Südkorea) konsumiert und ihre Songs werden von lokalen Künstlern mit muttersprachlichen Texten versehen und nachgesungen. Das japanische Fernsehformat der TV- Dramas, eine fortgesetzte Geschichte mit zehn bis zwanzig Folgen, die jeweils abendfüllend sind, fand in der ganzen Region Verbreitung. Konkrete japanische Serien wurden in den achtziger Jahren in mehreren Ländern ausgestrahlt, doch mittlerweile sind koreanische Dramas ein weitaus größerer Exportschlager. Letztlich liegt die Stärke des Formats jedoch im local content, so dass jedes Land seine eigenen Serien produziert. Im muslimischen Raum konkurrieren die Serien schließlich auch mit indischen Importen aus der Filmmaschinerie Bombays.

Das folgende Diagramm veranschaulicht den Weg, den der japanische Lifestyle nimmt. Neben den dargestellten Einflüssen wären da noch die japanischen Kapitalflüsse, die direkt in jedes dargestellte Feld fließen. So sind beispielsweise Vietnam und Indonesien große Empfänger japanischer Investitionen, doch der Einfluss auf den Lifestyle bleibt vorerst beschränkt wegen dem vergleichsweise niedrigen Entwicklungsstand der Länder. Doch auch

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Länder, die nicht unmittelbare Katalysatoren japanischer Trends sind, können den Einflüssen direkt ausgesetzt sein. So haben Malaysia, Singapur oder Thailand eine große Anzahl japanischer Kaufhaus- und Supermarktketten, die einerseits zwar auch lokalisiert sind, andererseits aber gerade für die Konsumoberschicht jene Accessoires anbietet, die auch in Japan Mode sind. Viele Kaufhäuser geben auch eigene Modehefte heraus, die wiederum japanischen Geschmack verbreiten.

Diese teuren Direktimporte, die später durch Markenpiraterie und Imitation lokaler Hersteller für den südostasiatischen Markt noch erschwinglich werden, sind dann schließlich Gegenstand des Phänomens das Solvay Gerke[2] als „Lifestyling“ bezeichnete. Ungeachtet des Bedarfs, Nutzens oder der Erschwinglichkeit werden Produkte mit Statussymbolik (die von der Verwendung in wohlhabenden Gesellschaften herrührt) erworben, um den eigenen oder eingebildeten sozialen Rang zu repräsentieren. Gerke beschreibt dies als ein Phänomen der unteren Mittelschicht bis Unterschicht, die diese Symbole eben nicht „real“ konsumieren kann, sondern vielmehr einen Status vorspielt. Das kann dann zu solch grotesken, aber auch pragmatischen Lösungen führen, wie der gemeinsame Erwerb eines T-Shirts durch drei Personen, die es dann abwechselnd tragen. Wie Joanne Finkelstein schreibt: „ …consuming is about aspiring to be something other than what we are…there has been a new emphasis given to the subjective and the playful desire to re-invent oneself. Advertising for mass consumption amplifies these desires…Durkheim (1897) noted the same phenomenon when describing how modern life encouraged the appetites.”[3]

Allgemein ist zu beobachten, dass Schwellenländer viel größeren Wert auf Statussymbolik legen und jene Ironie, mit der „Überflussgesellschaften“ den Status von Luxusprodukten wiederum brechen, ist dort vollkommen unbekannt.

Generation X ASIA

Wie verschiedene Autoren bereits besprochen haben, hat die Idee einer „Generation X“ und das damit einhergehende „Slackerwesen“ (vorsätzlich nachlässige Kleidung, ironische Stilzitate, keine Karriere, keine Ambitionen) nie in Asien Fuß gefasst. Erklärt wird das damit, dass Werte wie Karriere machen und Geldverdienen (die „vier C“: Career, Condo, Credit Card, Car) für asiatische Jugendliche tatsächlich erstrebenswerte Ziele darstellen. Es handelt sich um Werte, die ihre eigenen Eltern noch nicht erzielen konnten, weshalb sie immer noch attraktiv scheinen, im Gegensatz zum westlichen „Slacker“, der in den Wohlstand seines Elternhauses hinein geboren wurde und dessen überdrüssig ist.

Der Autor des ursprünglichen Romans „Generation X“, Douglas Coupland, schreibt im „Details Magazine“, die von ihm beschriebenen Charaktere seien aufgeblasen worden zu einer ganzen Generation und nachdem sie einmal kategorisiert wurde, meinte man sie auch ausbeuten zu können, was zur „Hypervermarktung“ des Phänomens führte. Doch die Marketingmenschen hätten nicht verstanden, dass ‚X’ keine Generation ist, sondern eine Art, die Welt zu sehen.[4]

Genau diese Weltsicht aber ist in Ostasien abwesend. Coupland beschreibt seine drei Romancharaktere als drei junge Menschen, die beschließen, sich aus der Gesellschaft zurück zu ziehen, in ein Haus in Palm Springs ziehen und in lästigen Billigjobs am Ende der Nahrungskette arbeiten. Das alles, um sich selbst besser definieren zu können und in ihrer Psyche „persönliche Erinnerungen um Boden kämpfen zu lassen gegen kommerzielle Erinnerungen“.

Hieraus spricht also eine Überdrüssigkeit gegen die Konsumgesellschaft, deren wirklicher Klimax den Jugendlichen in Asien erst noch bevor steht. Glaubt den Umfragewerten der Gegenseite, den Marketingspezialisten, so sind junge Leute (die kritische Zielgruppe von 20 bis 30jährigen) in Ostasien Werbung gegenüber sehr aufgeschlossen und nehmen diese als Kaufberatung an. 85% der Befragten in Singapur, Malaysia und Hongkong hielten Werbung zumindest für etwas irgendwie Wichtiges. Mehr als die Hälfte gab an, Werbung tatsächlich zu mögen und die meisten bezeichnen sie als wichtig oder sogar sehr wichtig für sich.[5] Eine zweite Studie zeigt, dass vor allem Jugendliche in den chinesischen Wirtschaftszentren (sowie in Vietnam, das man zumindest als chinesisch beeinflusst bezeichnen kann) hohe Karriereambitionen haben und sehr wettbewerbsorientiert sind, während sie gleichzeitig dank ihrer Markenloyalität über ihre Verhältnisse leben[6]

Diesen Umständen ist es schließlich zu verdanken, dass klassische Generation X-Kampagnen wie die weltweit eingesetzte Kampagne für CKone in den hier behandelten Ländern auf Unverständnis stieß. Abgehärmte, irgendwie nach Drogen aussehende junge Leute in ausgebeulten T-Shirts und mit fettigen Haare- so wollte sich nun wirklich niemand in Ostasien sehen. Junge Singapuris zum Beispiel behandeln ihren Körper als Tempel und statten ihn Markentextilien und Pflegeprodukten aus. Eine Erklärung dafür, die vielleicht auch ein wenig fragwürdig ist, lautet, dass aufgrund verschiedener Quoten und finanzieller Hindernisse, die die Anschaffung eines Autos im kleinen Stadtstaat Singapur erschweren sollen, es jungen Leuten unmöglich macht ein Auto zu besitzen. Deshalb fixiere sich ihre gesamte Statusrepräsentation auf den eigenen Körper.[7] Hinzu kommt die Präsentation eines Unisex-Duftes, und das in Ländern, wo Düfte für Männer strikt männlich präsentiert werden müssen und zumindest auch noch irgendwie etwas mit Schweiß zu tun haben sollten.[8]

Mit einem Satz: junge Ostasiaten orientieren sich anders und ein amerikanisches Wertebild ist nur bedingt einflussreich.

Punks in Designerlabels und Japans „no-smell“

Ein konfuzianisch geprägtes Weltbild bringt es außerdem mit sich, dass es keine wirkliche Jugendprotesthaltung in Ostasien gibt, und damit auch keine Proteststile. Wohl aber wurden Stile wie Punk kopiert, doch der japanische Punk ist, wie Leo Ching schreibt, ein gesäuberter Punk, sehr trendy, sehr uniform, versehen mit Punk-Accessoires von Vivienne Westwood und Paul Smith. Dieser „Punk“ hat nichts mehr mit dem Protest der britischen Arbeiterjugend zu tun, sondern ist einfach nur chic (und teuer). Der japanische Punk wurde schließlich nach Taiwan exportiert als „dehistorisierter, dekontextualisierter Trend ohne bestimmte Herkunft“[9].

Amerika dominierte nach dem Zweiten Weltkrieg alle nicht-kommunistischen asiatischen Staaten als uneingeschränkter Lifestyle-Regent. Auch Japan wurde massiv von der US-Kultur beeinflusst, reifte aber ab den siebziger Jahren selbst zum Exporteur. Ching stellt sich die Frage, ob es sich dabei (wie viele schnell rufen) um die kulturelle Logik des japanischen Imperialismus handelt, oder vielmehr um eine regionale Manifestation eines generellen Globalisierungstrends.[10]

Ein interessantes Phänomen ist, dass man überall auf der Welt amerikanischen Einfluss verteufelt und eine Erosion oder Verwässerung der eigenen Kultur wittert, jedoch niemand sich vor einer Erosion durch japanische Kultur fürchtet. Dabei ist Japan in unser aller Leben sehr präsent und erfolgreich, dank seiner Konsumgüter, und in asiatischen Ländern eben auch im kulturellen Bereich. Chua weist darauf hin, dass die größten Kaufhäuser in Singapur sämtlich japanische Stammhäuser besitzen, doch es gibt keine einzige amerikanische Kaufhauskette dort, vor dessen Einfluss man sich so fürchtet.[11] Er führt diese Tatsache darauf zurück, dass japanische Exporte „no-smell“-Produkte sind, dass ihnen eben kein Japanisch-sein anhängt. In einem Satz, japanische Waren seien ohne Mehrwert.[12] Wohingegen westliche Staaten ihre Exporte, sächlicher oder kultureller Natur, stets mit dem Export der eigenen Werte und Kultur verbinden, sei es Frankreich mit seiner „mis en valeur“-Doktrin in Indochina oder Amerika bei zahllosen Gelegenheiten in aller Welt. Doch solche Geschäfte, um auf Singapur zurück zu kommen, die vor Ort versucht haben ihre eigene Kultur unterzubringen, seien sämtlich gescheitert.[13]

Chua fährt fort: „Japanese retail businesses are successful internationally, because for them profit is strategic and essential, while selling ‘culture’ is always tactical and incidental.”[14]

Chua untersucht den japanischen Einfluss in Singapur in den Bereichen Mode, Medien und Essen, und obwohl er sich die Frage stellt, inwiefern die einheimischen Konsumenten sehr beliebter Popmusik aus Taiwan sich überhaupt bewusst sind, wie viel japanischer Einfluss in in taiwanscher Musik steckt[15], lautet seine Schlussfolgerung jedoch, dass Japan trotz massiver wirtschaftlicher Präsenz keinen Einfluss auf die Lebensweise der Singapuri hat. Um das Beispiel Mode anzuführen, auf das ich später noch zurück kommen möchte, schreibt er, dass in den neunziger Jahren eine „Ethnisierung“ formeller Kleidung einsetzte, das heißt, dass etwa Batikhemden oder chinesische Kleider eine höhere Präsenz und Status erzeugten, als der dunkle Anzug, den der Autor als japanische Uniform identifiziert. Was Freizeitkleidung betrifft, führt Chua als Einfluss japanische Touristen an, die ab den neunziger Jahren vermehrt nach Singapur kamen. Diese Touristen trugen Sonnenhüte, pastellfarbene Kleidung mit kleinen floralen Mustern, weiße Nylonsöckchen und bequeme Laufschuhe. Diese Erscheinung wurde zu einem Klischee für Japaner und von den Einheimischen nur belächelt. Hinzu kam, dass japanische Frauen sich stets wie alberne Kinder auf einer Klassenfahrt benahmen, und das fand nun wirklich niemand cool und imitierenswert.[16] Ich bin mir sicher, dass jeder Leser eine ähnliche Erscheinung japanischer Touristen vor Augen hat, doch Chua irrt sich, wenn er darin den einzigen Einfluss von Streetfashion sieht. Wie bei seinem Beispiel der Popmusik aus Taiwan, dürfte den wenigsten Singapuri bewusst sein, wie viel Japan in ihren Modezeitschriften steckt, und zwar das „High-street-Japan“, das „Omotesando-Japan“[17], und das würde ich doch eher als das wahre Japan in Sachen Stil und Mode bezeichnen. Wie viele andere Menschen auch, kleiden sich Japaner im Ausland eben lieber praktisch um den ganzen Tag unterwegs sein zu können und erinnern sich überdies an das japanische Sprichwort: „Tabi ni haji o sute“ – Auf Reisen wirf die Scham fort!

Teebraun gebleichte Haare, durchgestufte Fransenfrisuren, Bundhosen in Stiefeln oder zu Sandalen mit Pfennigabsätzen, die omnipräsenten Louis-Vuitton-Accessoires, ja sogar die Tarnfarbenmode waren zu allererst in Japan und dann überall sonst in Asien.[18]

Chua begeht den gleichen Fehler, wenn er über Dramas spricht. Die letzte erfolgreiche japanische Serie „Oshin“ lief im Jahr 2000 und seitdem seien japanische Importe auf die Vormittagsprogramme obskurer Drittsender verbannt. Wiederum verkennt er jedoch Japan als Urheber der unglaublich erfolgreichen taiwanschen und koreanischen Dramas (eine Welle die sogar nach Japan zurück schwappte), ganz abgesehen von den Anime -Serien, die nun den dominierenden Animationsstil nicht nur in ganz Asien darstellen. Japan lieferte den Rohstoff, auch wenn es nun nicht mehr das Endprodukt liefert. Doch wie sehr Taiwan ist ein Format, das komplett von Japan übernommen wurde? Serien aus Taiwan treiben konfuzianische Familienthemen auf die Spitze und sind damit bei Chinesen erfolgreich. Das heißt, sie sind international genug um überall Anhänger zu gewinnen, und sie sind mit Sicherheit japanisch genug, um sie Kopien zu nennen.

Soft-Power-Weltmacht

Douglas McGray schreibt in „Foreign Policy“: “Japan has been perfecting the art of transmitting certain kinds of mass culture – a technique that has contributed mightily to U.S. hegemony around the world.”[19] Und deutet damit auf den Begriff der “Soft-Power” hin, den er im selben Artikel vom ehemaligen Harvard-Direktor Joseph Nye zitiert. „Soft-Power“ bezeichne demnach die Mittel, mit denen ein Land beeinflussen kann, was ein anderes will, oder seine gesellschaftlichen Werte.[20]. McGray nennt dieses Potential auch „National Cool“. Japan besitze davon derzeit jede Menge, weshalb die logische Konsequenz wäre, dass eigentlich alle gern in Japan studieren oder arbeiten wollen müssten. Doch Japan schaffe es nicht, sein Potential in diesem Maße zu nutzen. Es schaffe keine Anreize (defensive bzw. nicht vorhandene Immigrationspolitik) und besitze darum auch keinen Reiz über seine Konsumgüter hinaus.

Leo Ching weist den Vorwurf des Kulturimperialismus, wie er von einigen westlichen Beobachtern gern benutzt wird, vollkommen zurück. Während in Taiwan etwa Amerika die politisch dominante Kraft sei, sei Japan schon immer der Importeur von Technologie, Kapital und Wissen gewesen. Japan spiele also die Rolle eines Vermittlers zwischen den Newly Industrialized Economies und den USA, und zwar aus geopolitischen Gründen. Die USA haben ein gewisses Interesse an jenen Ländern und Japan hat ein Interesse daran, in Amerikas Schutz zu stehen, auf den es durch die US-japanischen Sicherheitsverträge angewiesen ist. Japan stellt also zur Umsetzung amerikanischer Interessen gebrauchte Technologie und Know-how zur Verfügung. Ching schlussfolgert daraus, dass Japan das Zünglein an der Waage sei, was den Unterschied in der Entwicklung von NIE und NIC (Newly Industrialized Countries), also den Schwellenländern, betrifft. Darum seien etwa Länder in Latein- und Südamerika oder Südosteuropa wesentlich langsamer in ihrem wirtschaftlichen Wachstum, da ihnen der potente Geber Japan fehle.[21]

Darüber hinaus sei es völlig unangebracht Taiwan eine Opferrolle des japanischen Imperialismus zuzuschreiben, denn die meisten japanischen Unternehmen in Taiwan haben sich dort als Joint Ventures mit 50% oder mehr taiwanscher Beteiligung gegründet.[22] Ching zitiert Robert Reich, den State Secretary of Labor unter Bill Clinton: “In the ‘global web’ of present-day multinational capitalism, […] the notion of a national economy which is tied to the well-being of a population and […] products that have national origins are becoming obsolete.”[23]

Letzten Endes werden auch (und insbesondere) in Taiwan sämtliche japanische Produkte so behandelt, wie auch in anderen asiatischen Ländern: sie werden getestet, kopiert und weiter verkauft. Diese Methode garantiert das geringste Risiko, da der Erfolg bereits bewiesen ist.[24]

Taiwan profitiert also von japanischen Investitionen, was jeglichen Vorwurf einer kulturellen Dominanz hinfällig macht.

Tsan Hung-chih[25] identifiziert drei Ströme japanischen Lifestyle-Einflusses: Information, z.B. gibt es in Taiwan mehr japanische Zeitschriften als englische und 1985 waren 31% aller verliehenen Videofilme japanisch[26].

Zum Zweiten Zitate, z.B. hat das massive Investment japanischer Supermarktketten zum Konsum japanischer Produkte und japanischem Kaufverhalten geführt. Ebenso wurde japanische Mode importiert und als chic geltende Aktivitäten wie in coffe-shops-sitzen (von Japanern natürlich von Frankreich nachempfunden) begonnen. Wie schon bei dem Beispiel des „japanischen Punks“ wurde diese neue Mode aber nicht als französisch, sondern als japanisch empfunden, zumal es auch ergänzt wurde um eigene Elemente, wie klitzekleine perfekte Kuchen mit grellbuntem Zuckerguss essen, dazu giftgrüne Soda mit einer Kugel Vanilleeis darin.

Zum Dritten wäre da schließlich die Industrie, denn Japan verkaufte seine gebrauchten Industriemaschinen nach Taiwan, Südkorea usw. weiter. In jüngster Zeit, in der auch koreanische Hersteller Präzisionsmaschinen fertigen, ist der Import von Know-how aus Japan jedoch viel wichtiger geworden. Es erübrigt sich zu sagen, dass damit auch japanisches Management und Organisation Einzug halten.

Diese drei Ströme also kreieren in Taiwan einen japanischen „Modus vivendi“. Solche zuvor zitierten „dehistorisierte, dekontextualisierte Trends“ supranationaler Moden und Ideologien, sind dann auch ziemlich genau das, was dem singapurischen Wissenschaftler J.M. Nathan für Singapur vorschwebt. In seinem Aufsatz „Reframing Modernity – The challenge of remaking Singapore“ schreibt er: „…one advantage of such a move [multiculturalism] is that it gives rise to what Giddens calls „detraditionalization“, which combines with globalization to increase the scope and significance for individuals to become self-consciously reflective[…] which is the continuous reordering and reconceptualizing of one’s thoughts…”[27]

Er fährt fort, dass Konservatismus, als Bewahrer der Tradition, nicht aufrecht zu erhalten sei im Angesicht von Detradtionalisierung und Flexibilität. Diese Flexibilität, dieses Einfügen von fremden Lebensweisen, Gütern etc. sieht er bei seinen Landsleuten bereits verwirklicht. Singapur sei demnach jetzt schon eine Gesellschaft, die sich stets neu erfindet um stets einen Schritt voraus zu sein (und das bisher sehr erfolgreich).

Schlussfolgerung

Abschließend lässt sich also sagen, dass Japan ganz ohne Zweifel maßgeblich in der Region ist, schon wegen seiner Position als weltweit zweitgrößte Wirtschaftsnation. Aber auch im kulturellen Bereich ist Japan zunehmend einflussreicher, wobei die eigene Kultur nicht offensiv verbreitet wird, wie es zum Beispiel die USA oder Frankreich tun, sondern hauptsächlich über Konsum. Die asiatischen Verbraucher wissen gerade die „Geruchlosigkeit“ japanischer Produkte zu schätzen, gleichwohl sie bewusst japanische Produkte ihrer Qualität wegen kaufen.

Japan ist sich, wie McGray schreibt, seines Platzes in der Welt nicht bewusst. Japaner könnten beispielsweise in vielen Fällen gar nicht sagen, was japanischer Lifestyle sei, und schon gar nicht können sie sich vorstellen, dass so viele andere Länder daran teilhaben. Das ist wohl auch der Grund, warum japanischer Lifestyle sich geradezu passiv verbreitet und nicht staatlich sanktioniert „promoted“ wird. In jüngster Zeit greift dieser Trend sogar auf die ursprünglichen Trendsetter Amerika und Europa über, so dass wir vielleicht bald vom „Japanese Way of Life“ (oder passender: Nihon no ikikata) sprechen werden.

Bibliographie

CHING, Leo: Imaginings in the Empires of the Sun: Japanese Mass Culture in Asia, in: Boundary 2 21:1, Durham NC: Duke University Press, 1994.

CHUA, Beng Huat: Life is not complete without shopping – Consumption Culture in Singapore, Singapore: Singapore University Press, 2003.

COUPLAND, Douglas: Generation X'd, in: Details Magazine, Juni 1995.

EWING, Michael T. & CARUANA, Albert: Communicating with the Cohort: Exploring Generation X ASIA’S Attitudes Towards Advertising, in: Schütte, Helmut & Ciarlante, Deanna: Consumer Behaviour in Asia, New York: Haworth Press, 1999.

FINKELSTEIN, Joanne: The Anomic World of the High Consumer: Fashion and Cultural Formation, in: Chua, Beng Huat (Hg.): Consumption in Asia – Lifestyles and Identities, The New Rich in Asia series, London, New York: Routledge, 2000.

GERKE, Solvay: Global Lifestyles und Local conditions. The New Indonesian Middle Class, South East Asian Studies Working Paper No.1, Bonn: Universität Bonn, 1999.

MCGRAY, Douglas: Japan ’s Gross National Cool, in: Foreign Policy, June/July 2002.

NATHAN, J.M.: Reframing Modernity – The Challenge of Remaking Singapore, in: DaCunha, Derek (Hg.): Singapore in the New Millennium. Challenges facing the City-state, Singapore: 2002.

YASUE, Mariko & GU, Xiang Wen: Asian Youth and Implications for Marketing Strategies. Changes and Differences in Consumption Attitudes and Lifestyle Values, in: Leong, SM; Ang, SH; Tan, CT: Marketing in the New Asia, Singapore: McGraw Hill, 2001.

[...]


[1] Vgl. brand eins, 07/2005, sowie die entsprechenden Wikipedia.org-Einträge

[2] GERKE, Solvay: Global Lifestyles under Local Conditions. The New Indonesian Middle Class, Bonn: 1999.

[3] FINKELSTEIN, S. 238

[4] COUPLAND, Douglas in: Details Magazine, Juni 1995, S. 72

[5] EWING,CARUANA, S. 45-46

[6] YASUE, GU, S. 106, 113

[7] CHUA, S. 32

[8] Ebenda, S. 31

[9] CHING, S. 213-14

[10] Ebenda, S. 200

[11] CHUA, S. 141

[12] Ebenda, S. 139

[13] Ebenda, S. 151

[14] Ebenda

[15] Ebenda, S. 147

[16] Ebenda, S. 144

[17] Die wohl angesehenste Einkaufsstraße in Tokyo, nach dem der Glamour der Ginza verblasste.

[18] Vgl. „Influence of Japanese fashion designs on other designers” und andere Artikel auf: http://www.mynippon.com

[19] MCGRAY in: Foreign Policy, Onlineausgabe

[20] Zitiert nach MCGRAY

[21] CHING, S. 202

[22] Ebenda, S. 206-7

[23] Zitiert aus Robert Reich: The Work of Nations, NY: 1991.

[24] CHING, S. 207-8

[25] Tsan Hung-chih: City watching:new language, new contact and new culture, Taipei: 1989. Übersetzt in CHING, S. 209 ff

[26] Taiwan war eine der ersten japanischen Kolonien vor dem Zweiten Weltkrieg. Japanisch wurde als Pflichtfach in den Schulen gelehrt, weshalb einige Überlebende der älteren Generation noch Japanisch verstehen. Ching weist aber darauf hin, dass moderne Japanischlehrwerke in Taiwan sich aber bewusst an junge Leute wenden und die Beliebtheit japanischer Musik und Comics nutzen.

[27] NATHAN, S. 198

16 von 16 Seiten

Details

Titel
Handtaschen, Punks und Karaoke: Wie Japan Südostasien beeinflusst
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Veranstaltung
Neue Lifestyles in Südostasien
Autor
Jahr
2006
Seiten
16
Katalognummer
V110043
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die meisten Staaten Südostasiens sind in den letzten Jahren zu Konsumgesellschaften gereift. Dabei prägen sich viele Muster aus, die zuvor auch schon in anderen asiatischen Ländern zu beobachten waren. Der Ursprung aller Trends in der Region ist jedoch nicht, wie man vielleicht annehmen würde, Amerika, sondern Japan. Die meisten japanischen Trends in Mode, Musik und Medien werden hauptsächlich in Taiwan und Hongkong für die chinesischen Gemeinden in Südostasien aufbereitet.
Schlagworte
Handtaschen, Punks, Karaoke, Japan, Südostasien, Neue, Lifestyles, Südostasien
Arbeit zitieren
Morten Pritzkow (Autor), 2006, Handtaschen, Punks und Karaoke: Wie Japan Südostasien beeinflusst, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110043

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