Katholische Motive und Strukturen in "Die Präsidentinnen" von Werner Schwab


Hausarbeit, 2005
18 Seiten, Note: 1,0

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1. Das Stück

1.1 Der Autor

Werner Schwab wurde am 4.2.1958 in Graz geboren. Von 1978 bis 1982 studierte er Bildhauerei an der Akademie der bildenden Künste in Wien bei Bruno Gironcoli. Zwischen 1981 und 1989 lebte Schwab zurückgezogen auf einem abgelegenen Bauernhof in der Südsteiermark und widmete sich neben diversen Tätigkeiten zum Gelderwerb dem Schreiben von Prosatexten, sowie der Herstellung von Skulpturen, bevorzugterweise aus organischen, der Verwesung preisgegebenen Materialien. Als Dramatiker trat Schwab erstmals im Jahre 1990 in Erscheinung, mit der Uraufführung seines ersten Stückes „Die Präsidentinnen“ am Künstlerhaus Wien. 1991 wurde sein Stück „Volksvernichtung oder meine Leber ist sinnlos“ unter der Regie von Christian Stückl an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt. Diese Inszenierung, die auch zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde, verschaffte Schwabs dramatischer Kunst schlagartig die Aufmerksamkeit einer breiten Öffentlichkeit. Ein regelrechter Schwab-Boom erfasste die gesamte deutschsprachige Theaterlandschaft und der äußerst produktive Autor versorgte die Bühnen mit immer neuen Texten. Bei seinem Tod am 1.1. 1994 hinterließ Schwab sechzehn abendfüllende Stücke.

1.2 Formale Struktur

Auffällig am formalen Aufbau der „Präsidentinnen“ ist die Verschränkung gewisser dreiteiliger Strukturen auf verschiedenen Ebenen. Den drei Protagonistinnen entspricht die Aufteilung des Stückes in drei Szenen; und so wie die Figur der Mariedl sich von ihren Kolleginnen Grete und Erna abhebt, so hebt sich auch die dritte Szene von den zwei vorhergehenden ebenso deutlich ab. Der Versuch einer Deutung dieser Dreierfiguren wird später in dieser Arbeit noch erfolgen.

Innerhalb der drei Szenen ist ein dramaturgischer Verlauf feststellbar, der von einem relativ realistischen Ausgangspunkt immer mehr in imaginär-surreale Gefilde hineinführt, bis schließlich in der dritten Szene die Grenze zwischen der sogenannten Realität und dem Imaginären sich vollständig aufgelöst hat, wie weiter unten noch genauer zu besprechen sein wird.

1.3 Die Handlung

Das Personal der „Präsidentinnen“ besteht, wie bereits angedeutet, aus den drei Putzfrauen Erna, Grete und Mariedl. Erna und Grete sind bereits in Pension, Mariedl dagegen ist um einiges jünger als die beiden anderen und dementsprechend noch berufstätig. Obgleich nur Mariedl im Stück ganz klar als Toilettenfrau gekennzeichnet ist, entnehme ich dem Titel des Stückes, dass es sich bei allen dreien um solche handelt, da doch eine hervorstechende Eigenschaft der Toilettenfrau darin besteht, vor der Toilette bei einem Teller mit Kleingeld zu sitzen, also gewissermaßen zu präsidieren. Aber dies nur nebenbei.

Die drei Frauen haben sich nun in Ernas grotesker Wohnküche[1] eingefunden, um gemeinsam der Fernsehübertragung einer Papstmesse beizuwohnen. Nach der Übertragung unterhalten sie sich über verschiedene Themen des Alltags, wie etwa über die Grenze zwischen rechtmäßiger und übertriebener Sparsamkeit, über den Leberkäse des Metzgermeisters Karl Wottila, (eine Figur, die sowohl vom Namen, als auch von seiner angedeuteten Biographie her als Karikatur des Papstes angelegt ist), sowie über ihre missratenen Kinder: Herrmann, Ernas Sohn, ist Alkoholiker und weigert sich zum großen Verdruss seiner Mutter, einen „Verkehr“ aufzunehmen[2] und Erna also die ersehnten Enkelkinder zu schenken. Gretes Tochter Hannelore, die als Kind von ihrem Vater regelmäßig sexuell missbraucht worden ist, ist mittlerweile nach Australien ausgewandert und hat jeden Kontakt zu ihrer Mutter, die den Missbrauch damals stillschweigend geduldet hat, abgebrochen. Beide, Grete und Erna, sind heute geschieden.

Die Figur der Mariedl hebt sich schon in der ersten Szene von den beiden anderen auf gewisse Weise ab. Sie wirkt in ihrer Naivität fast ein bisschen geistig zurückgeblieben und scheint auch von ihren beiden Freundinnen nicht ganz ernst genommen zu werden.

Im Laufe des Gesprächs geraten Grete und Erna in Streit. Erna wirft Grete vor, nur auf das Sexuelle fixiert zu sein, Grete beschimpft Erna daraufhin als „zugenähte Klosterschwester“, Erna daraufhin Grete als „hitlerische Nazihur“[3] etc. Es kommt zu Handgreiflichkeiten zwischen den beiden. Nach längerem Ringen gelingt es Mariedl schließlich, den Streit zu schlichten und bei einem Glas Wein versöhnen sich Grete und Erna wieder.

Die zweite Szene schließt direkt an die erste an. Ich zitiere die Regieanweisung zur zweiten Szene:

Wieder Ernas Wohnküche. Die Einrichtung ist zwar noch dieselbe, aber der Raum hebt irgendwie ab. Er ist als soziales Merkmal undeutlicher geworden, hat festlichen Charakter, gewissermaßen Jahrmarkt-atmosphäre angenommen. [...] Man sitzt bequem und nippt vom Wein.[4]

Bereits diese Regieanweisung macht deutlich, dass das Stück nunmehr vom (Pseudo-)Realismus des Sozialdramas abrückt und mehr ins Imaginäre, Undeutliche gleitet. Dementsprechend findet in der zweiten Szene auch keine eigentliche Kommunikation zwischen den drei Figuren mehr statt. Vielmehr beginnen sie, sich in ihrer Vorstellung ein Volksfest auszumalen und beschreiben nun abwechselnd ihre diesbezüglichen Phantasien, die jedoch zunächst seltsam privat und voneinander abgekoppelt erscheinen.

So imaginiert Grete einen feschen jungen Musikanten namens Freddy, der sich stante pede in sie verliebt, ihr beim Tanzen sogleich den „Zeigefinger in den Hintern“ steckt, um ihr daraufhin einen „rechtschaffenen Heiratsantrag“ zu machen[5]. Die etwas prüdere Erna stellt sich vor, auf diesem Fest dem frommen Metzgermeister Wottila zu begegnen, der ihr dann bei einer Tasse Milchkaffee ebenfalls einen Heiratsantrag macht, wenngleich aus etwas pragmatischeren Beweggründen heraus, als dies bei Freddy und Grete der Fall ist: Der Metzgermeister hätte dann nämlich eine Frau, die ihm im Geschäft hilft, und Erna selbst hätte im Handumdrehen den Aufstieg von der Putzfrau zur Unternehmerin geschafft.

Mariedls Traum ist von den dreien der absurdeste: Sie stellt sich vor, alle Toiletten des Volksfestes seien verstopft. In höchster Aufregung ruft man Mariedl zu Hilfe, von der weithin bekannt ist, dass sie auch ohne Gummihandschuhe in den verstopften Abort hinuntergreift. Und indem sie dieses tut, stellt sich heraus, dass der örtliche Pfarrer in jedem Abort ein Geschenk für Mariedl versteckt hat: Eine Büchse Gulasch, eine Flasche Bier und zuletzt ein Parfümfläschchen, welches sie kurzerhand austrinkt.

Bis zu diesem Punkt haben sich die Phantasien der drei Frauen jeweils immer weiter ins (für sie) märchenhaft Schöne gesteigert. Doch nun geht Mariedls Phantasie mit ihr durch und in ihrer Vorstellung gerät das bisher als so schön geträumte Fest außer Kontrolle: Hannelore kommt aus Australien zurück, schlägt ihrer Mutter ins Gesicht und weist sie ins Irrenhaus ein. Freddy erkennt plötzlich Gretes Hässlichkeit und wendet sich angeekelt von ihr ab. Herrmann betritt ebenso plötzlich den Festplatz und schlägt die Köpfe seiner Mutter Erna und des Metzgermeisters Wottila solange gegeneinander „bis das Blut spritzt und die Seelen auswandern“.[6] Sich selbst sieht Mariedl indes als Heilige: Die Exkremente, mit denen sie über und über bedeckt ist, verwandeln sich in Goldstaub und sie schwebt, allem Irdischen entrückt, über dem in ein blutiges Chaos verwandelten Festplatz.

Nachdem Mariedl auf diese Weise Gretes und Ernas Wunschträume zerstört hat, schneiden diese ihr kurzerhand mit dem Küchenmesser die Kehle durch. Dieser ebenso plötzliche, wie kaltblütig und ruhig begangene Mord an Mariedl beendet die zweite Szene.

Die dritte Szene markiert, wie bereits angedeutet, den vollständigen Bruch in der Dramaturgie des Stückes: Auf der Bühne ist ein kleiner, dreckiger Theatersaal inklusive Publikum aufgebaut, wobei das dargestellte Publikum mit dem Rücken zum echten Publikum sitzt. Sodann betreten die „Original Hinterlader Seelentröster“ die Bühne auf der Bühne. Der Name stellt eine offenkundige Anlehnung an in der volkstümlichen Musik übliche Bandnamen, wie „Zillertaler Schürzenjäger“ oder „Wildecker Herzbuben“, dar. Diese „Seelentröster“ singen nun ein Lied, dessen absurder Text darin besteht, dass der Herrgott Strophe für Strophe mit einem anderen profanen Gegenstand verglichen wird: Vom Autobus über die Melkmaschine bis hin zum Schnellkochtopf.

Nach Absingen des Liedes verlassen die Musikanten die Bühne auf der Bühne und „drei junge, hübsche Frauen“[7] beginnen das Stück „Die Präsidentinnen“ zu spielen, was vom dargestellten Publikum durch Lachen und Szenenapplaus honoriert wird. Die sozusagen wahren Präsidentinnen Erna, Grete und (die offensichtlich wiederauferstandene) Mariedl, die sich im Publikum befinden, stehen nach kurzer Zeit entsetzt auf und verlassen in höchster Erregung den Theatersaal.

1.4 Die Sprache

Sein besonderer Umgang mit der Sprache ist das, was Werner Schwab vor allem berühmt gemacht hat. Wortneuschöpfungen durch Verwendung falscher bzw. ungewöhnlicher Präfixe und die Verfremdung der Grammatik, unter anderem durch die Anlehnung an den österreichischen Dialekt, erzeugen eine Kunstsprache, die einen ganz eigenen Sog entwickelt. Was die Erzeugung einer eigenen Sprache durch die Vermischung von Hochsprache und Dialekt betrifft, hat Schwab natürlich durchaus Vorläufer, vor allem Ödön von Horváth und späterhin Autoren wie etwa Franz Xaver Kroetz. Dennoch wurde Schwabs Sprachgebrauch immer als absolut eigentümlich und unverwechselbar empfunden. Was diesen, gern als typisch Schwabisch apostrophierten Sprachgebrauch angeht, muss allerdings bemerkt werden, dass dieser Stil in „Die Präsidentinnen“, als Schwabs erstem Stück, noch am wenigsten stark entwickelt war. In den späteren Stücken hat Schwab diese ihm eigene Methodik der Sprachverzerrung noch zu viel groteskeren Blüten fortgetrieben.

1.5 Kernthemen

Die Hauptthemen des Stückes sind die Scheiße, das Exkrement auf der einen Seite, und die Religion, der christliche Glaube auf der anderen. Es geht darum, wie drei Klofrauen, deren Lebensinhalt in der Beseitigung des niedrigsten und ekelhaftesten Schmutzes besteht und deren Existenzen nichts als gescheitert und erbärmlich sind, wie solche Menschen also sich in imaginäre gedankliche Welten flüchten, um ihrer sinnlosen Existenz den Anschein der Sinnhaftigkeit zu verleihen. Und die christliche Religion ist natürlich das Parade-Phantasma, in das man sich in einer solchen Situation flüchten mag – zumal in einem durch und durch katholischen Land wie Österreich – richtet sich doch die Botschaft des Evangeliums gerade an die sozial Unterprivilegierten.[8]

Es geht also in dem Stück vor allem um die Flucht des Menschen aus einer schmutzigen, unerträglichen Wirklichkeit in eine schöne, geträumte Vorstellungswelt. Dass das Theater ebenso ein solches Weltfluchtsvehikel ist, thematisiert Schwab in der dritten Szene. Nicht umsonst sind es die Seelentröster, die in diesem Theater im Theater auftreten. Doch dies nur nebenbei. Die Aufgespanntheit zwischen den extremen Polen Fäkalien und Schmutz einerseits und christliche Heilsversprechung andererseits, zeigt sich am deutlichsten und interessantesten an der Figur der Mariedl, die ja am wenigsten Ekel vor der Fäkalienwirklichkeit hat und gleichzeitig am stärksten die christlichen Moral- und Wertvorstellungen verinnerlicht hat. Im folgenden Verlauf der Arbeit wird zu untersuchen sein, auf welche verschiedenen Weisen Schwab das Problem des Katholizismus in den „Präsidentinnen“ thematisiert und welche Bedeutung unter diesem Aspekt der Figur der Mariedl zukommt.

2. Katholische Motive und Strukturen in „Die Präsidentinnen“

In René Girards Buch Das Heilige und die Gewalt stoßen wir auf folgende Passage:

Ist man mit dem Ethnologen, der den Opferritus als ein Drama, eine Art Kunstwerk beschreibt (siehe beispielsweise Victor Turner in The Drums of Affliction: „The unity of a given ritual is a dramatic unity. It is in this sense a kind of work of art“, S. 269), einverstanden – und wie könnte es anders sein – dann muß die Reziprozität echt sein: das auf der Bühne dargestellte Drama muß eine Art Ritus darstellen, die dunkle Wiederholung des religiösen Phänomens.[9]

Es mag sein, dass eine solche Deutung nicht unbedingt das ist, worauf Girard mit dieser Passage abzielt; dennoch behaupte ich, dass sein Diktum auf „Die Präsidentinnen“ von Werner Schwab sehr aufschlussbringend angewandt werden kann. Tatsächlich scheint mir, dass das Stück als ein dunkler und verzerrter Nachvollzug eines katholischen Gottesdienstes gelesen werden kann. Dass das Stück an der Oberfläche des Textes zahlreiche Verspottungen des Katholizismus enthält, versteht sich von selbst und muss hier nicht mehr explizit belegt werden. Schon die Karikatur des Papstes in der Figur des frommen Metzgermeisters Karl Wottila, spricht hier eine deutliche Sprache. Wo sich in den tieferen Strukturen des Stückes Anspielungen auf katholische Riten und Glaubensinhalte verbergen, soll hier im Folgenden untersucht werden.

Es ist immer ratsam, sich den Beginn eines Stückes genau anzuschauen, will man über seine wesentliche Aussagetendenz etwas in Erfahrung bringen. Tatsächlich beginnt „Die Präsidentinnen“ mit folgender Regieanweisung:

Während das Publikum Platz nimmt, hört man die Übertragung einer Messe, die der Papst mit irgendeiner Masse feiert. Die Fernsehsendung geht zu Ende und der Vorhang auf.[10]

Es scheint mir wesentlich, dass noch bevor das Stück im eigentlichen Sinne anfängt, also bei noch geschlossenem Vorhang, über rein akustische Signale bereits ein sozusagen kirchlicher Raum evoziert wird. Wenn sich dann nach Öffnen des Vorhangs „Ernas groteske Wohnküche“ zeigt, so offenbart sich dadurch natürlich erst einmal ein krasser Gegensatz zu jenem Kirchenraum. Gleichzeitig ist vorstellbar, dass sich durch das akustische Vorspiel auch eine gewisse sakrale Atmosphäre auf die Wohnküche überträgt.

Als nächstes richten wir unsere Aufmerksamkeit auf den Übergang von der ersten zur zweiten Szene. Wie wir bereits gesehen haben, endet die erste Szene mit dem in Handgreiflichkeiten ausartenden Streit zwischen Grete und Erna. Nachdem Mariedl den Streit mit den Worten „Jetzt ist die Nächstenliebe wieder aufgebaut“ für beendet erklärt, wird bei einem Glas Wein Versöhnung gefeiert. Meine These ist nun, dass dieser Akt des Trinkens eines Versöhnungsweines einen – durchaus persiflierenden – Nachvollzug des zentralen Bestandteils jedes katholischen Gottesdienstes darstellt: der Kommunion. Nachdem der Priester im Akt der Wandlung Brot und Wein in Fleisch und Blut Christi verwandelt hat, nimmt er beides zu sich und reicht es sodann an die Gemeinde weiter. Dieser Vorgang ist seinerseits der immer wieder wiederholte Nachvollzug des letzten Abendmahls, das Jesus mit seinen Jüngern gefeiert hat, bevor er gefangen genommen und gekreuzigt wurde. Der erbitterte Streit, der bis heute um die katholische Transsubstantationslehre geführt wird, gibt Zeugnis darüber, von welch zentraler Bedeutung dieser Aspekt für den katholischen Glauben ist. Es geht hierbei um die Frage, ob Brot und Wein in der Wandlung tatsächlich im buchstäblichen Sinne des Wortes zu Fleisch und Blut Christi werden, oder ob es sich dabei nur um Symbole für dasselbe handelt, wie der Protestantismus lehrt. Wenn ich nun den Wein, den Grete, Erna und Mariedl miteinander trinken, als Anspielung auf den Messwein, der im katholischen Ritus das Blut Christi nicht nur darstellen soll, sondern tatsächlich ist, begreife, so tue ich dies nicht ohne Grund. Ich zitiere den Schluss der ersten Szene:

GRETE

Genau, warum solln nicht auch ein paar alte Blunzen, wie wir welche sind, eine Hetz haben. Ich geh rüber und hol einen Wein.

MARIEDL

Was ist das noch schnell, eine Blunzen?

GRETE

Blutwurst.

ERNA

Ha ha, da wärn wir ja schon wieder beim Wottila Karli.[11]

In schneller Abfolge werden hier der Wein, die Blutwurst und der Wottila Karli als karikiertes Alter Ego des Papstes genannt. Auch die weiter oben zitierte Beschwörung des Gebotes der Nächstenliebe durch Mariedl stützt meine These, denn dieses Gebot wurde durch Jesus just anlässlich des letzten Abendmahles verkündet.[12]

Das Weintrinken am Ende der ersten Szene von „Die Präsidentinnen“ ist also als Analogie zum katholischen Ritus der Kommunion aufzufassen. Und ebenso, wie das im Evangelium beschriebene letzte Abendmahl eine Vorwegnahme von Jesus` realem Tod darstellt, ist meiner Ansicht nach die eben beschriebene Szene aus „Die Präsidentinnen“ eine Vorwegnahme des Mordes an Mariedl, der am Ende der zweiten Szene erfolgt.

In Georges Batailles Studie „Der heilige Eros“ stoßen wir auf folgende Passage:

Die Literatur kommt in der Tat nach den Religionen, sie beerbt sie. Das Opfer ist ein Roman, ist ein Märchen, auf blutige Weise illustriert. Oder vielmehr ist es, in unentwickeltem Zustand, eine Theatervorstellung, ein bis auf die Schlußepisode reduziertes Drama, in dem das Opfer – ob Mensch oder Tier – allein, aber bis zum Tode auftritt. Der Ritus ist der zu bestimmten Daten wieder aufgeführte Mythos, das heißt, im wesentlichen, das Bild vom Tode eines Gottes. Nichts dürfte uns hierbei überraschen. In symbolischer Form handelt es sich beim täglichen Meßopfer um dasselbe.[13]

Die Passage ist für uns in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich. Zunächst macht Bataille, ähnlich wie Girard, die tief verwurzelte Verwandschaft zwischen Drama und Ritus, und zwar speziell dem Opferritus, deutlich. Zugleich führt er uns aber wieder vor Augen, dass das christliche Messopfer seinerseits nur ein symbolischer, quasi theatralischer Akt ist, der an der elementaren Monstrosität eines tatsächlichen Opferrituals fast alles eingebüßt hat. Bataille fährt dementsprechend weiter hinten fort:

Wie quälend auch das Bild des Gekreuzigten sei, die Vorstellung eines Blutopfers ist mit der Messe nicht leicht zu vereinen.[14]

Wenn sich also im Schluss der ersten Szene von „Die Präsidentinnen“ eine verfremdete Wiederholung des katholischen Kommunionsrituals verbirgt, so handelt es sich dabei um den symbolischen Nachvollzug eines symbolischen Nachvollzugs, und es läge nahe zu vermuten, dass durch diese Doppelung jegliche ursprüngliche Kraft des Rituals verlorengeht. Daher belässt Schwab es nicht dabei, sondern verfolgt sozusagen im Verlauf des Stückes das Ritual auf seinem Weg zurück zum Ursprung, indem er am Ende der zweiten Szene den tatsächlichen Mord an Mariedl auf der Bühne zeigt. Erna, die das Blut der eben Ermordeten aufwischt, bemerkt dabei lakonisch: „Daß der Mensch aber auch so viel Blut haben muß im Fleisch.“[15] Dass hier in einem Atemzug die zentralen Begriffe der katholischen Transsubstantationslehre – Fleisch und Blut – genannt werden, zeigt wiederum deutlich, dass wir uns in permanenter Nähe zum gedanklichen Gebäude des Katholizismus befinden.

Für die Figur der Mariedl scheint mir aus den bis hierher angestellten Überlegungen zu folgen, dass sie sozusagen eine verfremdete und entstellte Wiedergängerin von Jesus Christus, als auch der Jungfrau Maria in Personalunion darstellt. Für ihre Maria-Funktion scheint nicht nur der Name Mariedl zu sprechen, sondern auch ihre sexuelle Unbedarftheit, die sie von den beiden anderen Protagonistinnen des Stückes deutlich abrückt. Man vergleiche hierzu folgende Stelle:

GRETE

[...] (zu Mariedl) Los Mariedl, sing du einmal ein flottes Liedl.

MARIEDL

(denkt nach)

(singt) Zipfel eini, Zipfel außi, aber heit gehts guat, aber heit gehts guat...

ERNA

Na so was...

(Mariedl verstummt, Erna und Grete schauen verblüfft. Plötzlich beginnt Grete laut zu lachen und zu kreischen.)

GRETE

Die versteht gar nicht, was sie da singt, hahaha...[16]

Und in ihrer Schlussvision, kurz bevor sie von Grete und Erna ermordet wird, rückt sich Mariedl selbst in die Nähe der Jungfrau Maria und überhebt sich sogar über diese:

MARIEDL

[...] Hoch und höher schwebt sie, die Mariedl. Da unten ist Lourdes, so groß wie eine Zündholzschachtel. Und da fliegt ja die Jungfrau Maria, die schon wieder jemandem erscheinen muß... nicht größer als eine Wanze. Gütig schaut sie drein, das arme Hascherl.[17]

Gleichzeitig erfüllt Mariedl innerhalb der Logik des Stückes naturgemäß eine jesusartige Funktion, indem sie das Menschenopfer darstellt, welches zur Versöhnung der beiden anderen, die sich in der ersten Szene noch gegenseitig umbringen wollten, geschlachtet werden muss. Dass sie in der dritten Szene wieder auftritt, und also offensichtlich von den Toten wieder auferstanden ist, folgt exakt dieser Logik und kann in Anbetracht der hier angestellten Überlegungen also kaum überraschen. Es scheint mir daher auch nicht zu weit hergeholt, zu behaupten, dass die weiter oben angesprochenen wiederkehrenden Dreierstrukturen innerhalb des Stückes, durchaus in Anlehnung auf die große Bedeutung zu lesen sind, die solchen Dreierformationen in der christlich-katholischen Gedankenwelt zukommt. Man denke hierbei etwa an die sogenannte Heilige Dreifaltigkeit, die drei Kreuze auf dem Berg Golgatha, die Auferstehung am dritten Tag etc.

Schluss

Ich glaube gezeigt zu haben, dass sich in Struktur und Bildersprache des Stückes „Die Präsidentinnen“ zahlreiche Motive aus dem Symbolkatalog des Katholizismus wiederfinden. Es versteht sich von selbst, dass Schwab diese Motive zum Mittel der Kritik bzw. Bloßstellung des Katholizismus verwendet. Indem er sie aus ihrem sakrosankten Umfeld herausnimmt und in die profane Lebenswelt von drei Klofrauen einbaut, zeigt er wahlweise ihre im Ritual verdeckte, ursprüngliche Monstrosität und Barbarei, wie im Falle des Menschenopfers, andererseits aber auch ihre Lächerlichkeit. Die sexuelle Unbeflecktheit einer Mariedl wird so zur Lachnummer selbst für ihre katholischen Freundinnen.

Mit einer solchen Kritik am Katholizismus steht Schwab in guter Gesellschaft innerhalb der österreichischen Literatur. Man denke etwa an Thomas Bernhards wiederkehrende Tiraden gegen das katholisch-nationalsozialistische Österreich, oder auch an die lebenslange, selbstzerfleischende Auseinandersetzung eines Josef Winkler mit dem selben Thema. Schwabs in jeder Hinsicht extreme Haltung, sowohl was die Sprache als auch den Inhalt seiner Stücke angeht, wird gleichwohl dafür sorgen, dass er auch was seine Auseinandersetzung mit dem Katholizismus betrifft als einzigartig und unverwechselbar gelten mag.

Literaturverzeichnis

Bataille, Georges. Der heilige Eros. Frankfurt am Main:Ullstein, 1986.

Das Neue Testament. Stuttgart: Katholische Bibelanstalt GmbH, 1988.

Girard, René. Das Heilige und die Gewalt. Zürich: Benziger, 1987.

Schwab, Werner. Fäkaliendramen. Graz – Wien: Droschl, 1991.

[...]


[1] vgl. Schwab, S.15

[2] ebd., S. 18

[3] ebd., S. 32

[4] ebd., S. 36

[5] ebd., S. 45

[6] ebd., S. 55

[7] ebd., S.58

[8] vgl. z.B. Lk 6,22: Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und aus ihrer Gemeinschaft ausschließen, wenn sie euch beschimpfen und euch in Verruf bringen um des Menschensohnes willen. Freut euch und jauchzt an jenem Tag.

[9] Girard, S. 427/28

[10] Schwab, S. 15

[11] Schwab, S. 34/35

[12] vgl. Joh 13,34

[13] Bataille, S. 84

[14] ebd., S.85

[15] Schwab, S. 56

[16] ebd., S.37/38

[17] ebd., S. 55

18 von 18 Seiten

Details

Titel
Katholische Motive und Strukturen in "Die Präsidentinnen" von Werner Schwab
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
18
Katalognummer
V110057
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Katholische, Motive, Strukturen, Präsidentinnen, Werner, Schwab
Arbeit zitieren
Andreas Wolf (Autor), 2005, Katholische Motive und Strukturen in "Die Präsidentinnen" von Werner Schwab, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110057

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