Die vorliegende Arbeit beleuchtet die Sozialisation von Pflegekindern in Ersatzfamilien.
In diesem Zusammenhang ist die maßgebende Fragestellung der Diplomarbeit, welche Faktoren eine positive bzw. negative Sozialisation eines Kindes in einer Pflegefamilie beeinflussen. Ein solcher Faktor ist unter anderem das Handeln des Jugendamtes bzw. des Pflegekinderdienstes, insbesondere bei der Vorbereitung, Vermittlung und Unterstützung von leiblichen Eltern, Pflegekind und Pflegefamilie vor und während des Pflegeprozesses. Es wird untersucht, welche Einstellungen, Motivationen und Eigenschaften Pflegefamilien aufweisen sollten, die zum Gelingen einer guten Sozialisation in einer Pflegefamilie beitragen. Des weiteren geht die Arbeit darauf ein, welche Verhaltensweisen der Herkunftsfamilie die Sozialisation positiv oder negativ beeinflussen können. Untersuchungsziel ist es, herauszufinden welche von den einzelnen am Pflegeprozess beteiligten Personen ausgehenden Faktoren, auch in ihrem Zusammenspiel, zu einer positiven oder negativen Sozialisation eines Kindes in einer Pflegefamilie führen.
In Kapitel 2 wird zunächst auf die historische Entwicklung des Pflegekinderwesens seit dem Mittelalter unter besonderer Berücksichtigung der Entwicklung im 20. Jahrhundert eingegangen. Dabei wird deutlich, dass sich die Fremdplatzierung von Kindern seit langer Zeit in den zwei Grundformen der Pflegefamilienerziehung und der Anstalts- bzw. Heimerziehung vollzieht. Diese beiden Formen der Fremdunterbringung außerhalb der Herkunftsfamilie sind ihrerseits jeweils einem stetigen Wandel unterlegen und standen, bzw. stehen in einem als Konkurrenz zu bezeichnenden Verhältnis zueinander. Die jeder der beiden Unterbringungsarten innewohnenden Vor- und Nachteile sowie die deren Abgrenzung voneinander lassen sich erst durch das Verständnis ihrer historischen Entwicklung umfassend begreifen. Aus diesem Grunde wurde die geschichtliche Entwicklung des Pflegekinderwesens der Darstellung der heutigen Situation vorangestellt.
Das dritte Kapitel dieser Arbeit befasst sich mit dem Gegenstandsbereich der Arbeit. Dieser besteht grundsätzlich allgemein in der Sozialisation von Pflegekindern in Ersatzfamilien. Besonderes Augenmerk wird jedoch auf Dauer- bzw. Vollzeitpflegeverhältnisse gelegt, da sich hierbei der Sozialisationsort des Pflegekindes vornehmlich in der Pflegefamilie befindet [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Historische Entwicklung des Pflegekinderwesens
2.1 Pflegefamilien als traditionelle Form der Fremdunterbringung
2.2 Familienpflege versus Anstaltserziehung
3. Gegenstandsbereich und Definitionen
3.1 Definition der Vollzeitpflege
3.2 Ergänzende Definitionen zur Vollzeitpflege
3.2.1 Definition des Pflegekindbegriffs
3.2.2 Definition der Begriffe Familienpflege, Pflegefamilie und Pflegeperson
3.2.3 Definition des Begriffs Pflegekinderwesen
3.3 Unterschiede zwischen Pflegekindschaft und Adoption
4. Statistische Daten zum Pflegekinderwesen
4.1 Pflegekinder in der Bundesrepublik Deutschland
4.2 Alter der Kinder bei der Inpflegegabe
4.3. Dauer von Pflegeverhältnissen
5. Rechtliche Grundlagen des Pflegekinderwesens
5.1 Grundlegende Rechte des Kindes und der Eltern
5.2 Das Kinder- und Jugendhilfegesetz und die Vollzeitpflege
5.3 Die Vollzeitpflege gemäß § 33 KJHG
5.3.1 Mitwirkung der beteiligten Personen und Hilfeplanung
5.3.2 Zusammenarbeit, Beratung und Unterstützung der Herkunftsfamilie und Pflegefamilie
5.3.2 Konsenserarbeitung bei der Ausübung der Personensorge
5.3.3 Pflegegeld
5.3.4 Krankenhilfe
5.3.5 Pflegeerlaubnis
5.4 Das Recht der Pflegekindschaft im Bürgerlichen Gesetzbuch
5.4.1 Die Unterbringung eines Kindes in einer Pflegefamilie
5.4.2 Das Entscheidungsrecht der Pflegeeltern in Angelegenheiten des täglichen Lebens; §1688 BGB
5.4.3 Übertragung von Angelegenheiten der elterlichen Sorge auf die Pflegeperson; § 1630 BGB
5.4.4 Schutz des Pflegekindes bei einem Herausgabeverlangen der leiblichen Eltern; § 1632 BGB
6. Aufgaben des Jugendamtes im Pflegekinderwesen
6.1 Organisation und Rahmenbedingungen
6.2 Gründe für eine Inpflegegabe
6.3 Indikation für die Unterbringung in einer Pflegefamilie
6.4 Erstellung und Überprüfung eines Hilfeplanes
6.5 Werbung und Öffentlichkeitsarbeit
6.6 Auswahl und Eignung von Pflegeeltern
6.7 Vorbereitung von Pflegefamilien
6.8 Vermittlung von Pflegekindern
6.9 Unterstützung und Beratung von Pflegeverhältnissen
6.10 Vorbereitung und Anbahnung einer Rückführung in die Herkunftsfamilie
6.11 Zusammenfassung
7. Die Sozialisation in der Pflegefamilie
7.1 Die Bedeutung der Familie im Sozialisationsprozess
7.1.1 Spezifische Vorteile der Pflegefamilienerziehung
7.1.2 (Pflege-) Familien im gesellschaftlichen Wandel
7.2 Die Situation der Pflegefamilie
7.2.1 Struktur und sozialer Status von Pflegefamilien
7.2.2 Motivation und Selbstkonzept der Pflegeeltern
7.2.3 Problematiken der Pflegeelternschaft
7.3 Die Situation der Herkunftsfamilie
7.4 Die Situation des Pflegekindes
7.5 Exkurs: Bindung und Trennung in der Kindheit
7.5.1 Die Bedeutung beständiger und kontinuierlicher Bindungen für das Gelingen der Frühsozialisation
7.5.2 Mutterentbehrung und Deprivation in der frühen Kindheit und ihre Auswirkungen auf die Sozialisation
7.6 Integration und Neuaufbau von Beziehungen in der Pflegefamilie
7.6.1 Gestaltung der Trennungssituation
7.6.2 Prozess der Integration in die Pflegefamilie
7.6.3 Erfolgreiches Handeln von Pflegepersonen
7.7 Beziehungen und Kontakte zu den Herkunftseltern
7.8 Ersatzfamilie versus Ergänzungsfamilie
7.9 Positive Bedingungen für das Gelingen eines Pflegeverhältnisses
8. Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Faktoren, die eine positive oder negative Sozialisation von Pflegekindern in Ersatzfamilien beeinflussen. Dabei steht insbesondere die Rolle des Jugendamtes und die Dynamik zwischen Pflegefamilie, Herkunftsfamilie und Kind im Fokus der Forschungsfrage.
- Historische Entwicklung und rechtliche Rahmenbedingungen des Pflegekinderwesens
- Aufgaben des Jugendamtes bei Vermittlung und Hilfeplanung
- Psychologische Aspekte von Bindung, Trennung und Integration
- Die unterschiedlichen Rollen der Pflegefamilie (Ersatz- vs. Ergänzungsfamilie)
- Bedeutung und Herausforderungen von Besuchskontakten zur Herkunftsfamilie
Auszug aus dem Buch
Die Bedeutung der Familie im Sozialisationsprozess
Als Sozialisation bezeichnet man den Prozess, durch den Kinder zu vollwertigen und handlungsfähigen Mitgliedern der Gesellschaft werden. Durch direkte und indirekte Einflüsse, die von den Eltern, anderen Menschen und der Umwelt ausgehen, erlernen Kinder sozial relevante Verhaltensweisen, übernehmen verschiedene Rollen, bilden eine Geschlechtsidentität aus und entwickeln Kommunikationsfertigkeiten, Kooperationsfertigkeiten, Frustrationstoleranz usw.. Die Sozialisation gilt als lebenslanger Prozess, erfährt aber ihre Grundlegung in der Familie (primäre Sozialisation) (vgl. Textor 1991, S.110).
Der Familie wird heute nach wie vor die Hauptverantwortlichkeit für die Sozialisation der in ihr lebenden Kinder und die Befriedigung deren Bedürfnisse zugeschrieben. Dies wird auch in den UN-Konventionen über die Rechte des Kindes deutlich. Hier heißt es in der Präambel, „dass das Kind zur vollen und harmonischen Entfaltung seiner Persönlichkeit in einer Familie umgeben von Glück, Liebe und Verständnis aufwachsen sollte“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Themas, des Untersuchungsziels sowie eine methodische Einordnung der Arbeit.
2. Historische Entwicklung des Pflegekinderwesens: Rückblick auf die Entwicklung von Fremdunterbringungsformen seit dem Mittelalter und deren heutige Bedeutung.
3. Gegenstandsbereich und Definitionen: Klärung zentraler Fachbegriffe, insbesondere im Hinblick auf Vollzeitpflege und verschiedene Pflegeformen.
4. Statistische Daten zum Pflegekinderwesen: Analyse der Fallzahlen, Altersstrukturen und Dauer von Pflegeverhältnissen in Deutschland.
5. Rechtliche Grundlagen des Pflegekinderwesens: Darstellung der gesetzlichen Basis (KJHG/SGB VIII, BGB) und der Rechte von Kindern, Eltern und Pflegeeltern.
6. Aufgaben des Jugendamtes im Pflegekinderwesen: Erläuterung der operativen Arbeit, von der Werbung bis zur Hilfeplanung und Eignungsprüfung.
7. Die Sozialisation in der Pflegefamilie: Kernkapitel über Prozesse der Bindung, Integration und die Interaktion mit der Herkunftsfamilie.
8. Schlussbetrachtung: Zusammenfassendes Fazit der Arbeit und Ausblick auf die Weiterentwicklung des Bereichs.
Schlüsselwörter
Pflegekinder, Vollzeitpflege, Jugendamt, Sozialisation, Ersatzfamilie, Herkunftsfamilie, Bindungstheorie, Hilfeplan, Pflegeerlaubnis, Kindeswohl, Familienpflege, Integration, Trennungstrauma, Adoptionspflege, Pflegegeld
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Sozialisation von Pflegekindern in Ersatzfamilien unter Berücksichtigung rechtlicher, historischer und pädagogischer Aspekte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf der rechtlichen Grundlage der Vollzeitpflege, den Aufgaben des Jugendamtes und den Prozessen der kindlichen Bindung und Integration in eine neue Familie.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Faktoren zu identifizieren, die eine positive bzw. negative Sozialisation eines Pflegekindes beeinflussen, und das Zusammenspiel der beteiligten Akteure zu analysieren.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Neben einer umfassenden Literaturanalyse enthält die Arbeit empirische Einblicke durch Interviews mit einer Fachkraft des Jugendamtes sowie einer betroffenen Pflegefamilie.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden neben den rechtlichen Grundlagen (KJHG, BGB) vor allem die Aufgabenbereiche des Jugendamtes und die sozialisationspsychologischen Prozesse in der Pflegefamilie detailliert beschrieben.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören das Kindeswohl, die Vollzeitpflege, der Hilfeplan sowie die Dynamik der "Ersatzfamilie" gegenüber der "Ergänzungsfamilie".
Warum ist die Unterscheidung zwischen Ersatzfamilie und Ergänzungsfamilie so wichtig?
Die Unterscheidung ist entscheidend für die Zielsetzung der Hilfeplanung: Während die Ersatzfamilie eine dauerhafte neue Lebensperspektive bietet, fokussiert die Ergänzungsfamilie auf eine Rückführung in die Herkunftsfamilie.
Welche Rolle spielt das Jugendamt bei der Vorbereitung eines Pflegeverhältnisses?
Das Jugendamt übernimmt eine Schlüsselrolle bei der Werbung, Auswahl, Eignung und Vorbereitung der Pflegeeltern sowie bei der Hilfeplanung, die als Instrument für die Qualitätssicherung dient.
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- Nina Weber (Author), 2002, Pflegekinder. Zur Sozialisation von Kindern in Ersatzfamilien, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11009