Das Erzählmodell des Spaziergangs in Robert Walser "Der Spaziergang"


Hausarbeit, 2004
20 Seiten, Note: 1,7

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Inhaltsangabe

Einleitung

1. Welche Bedeutung kommt der Literatur des Spaziergangs zu und zu welchem Typ wird Walsers Erzähler gezählt?

2. Textinterpretation

3. Die Spieglungen der Figuren im Erzähler und umgekehrt

4. Das komplexe Verhältnis zwischen Autor, Leser und Erzähler

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

In der Literaturwissenschaft wird das Erzählmodell des Spaziergangs als eigenständige Kategorie behandelt, zu der Robert Walsers Werke in besonderem Maße beigetragen haben. Fast alle seine Texte sind durch das Thema des Spaziergangs befruchtet und sein Oeuvre wird oft in mehrere Bereiche unterteilt, dem auch „klassische“ Spaziergängerstücke zugeordnet werden. Texte wie Der Greifensee (1899) , Spaziergang I (1914) oder das in der Hausarbeit näher untersuchte Stück Der Spaziergang (1916) werden zu seinen frühen Werken gezählt und von den späteren Prosastücken, aus den Mikrogrammen stammenden, wie etwa Spaziergang II (1931/32), unterschieden.1 Vor allem inhaltlich wird die Grenze gezogen: die letzen Texte handeln zwar von Spaziergängen, es wird jedoch kein solcher vorgenommen, weder vom Erzählerprotagonisten noch von anderen Figuren und es wird auch nicht spaziergängerisch erzählt, was allerdings zu den Merkmalen des Spaziergängererzählmodells gehört. Ein solches Stück könne nach Definition von Claudia Albes eigentlich nicht zur Spaziergängerliteratur gezählt werden.2

In der vorgelegten Hausarbeit richtet sich der Fokus auf Walsers Ich-Erzähler in Der Spaziergang, wie dieser seine Umgebung wahrnimmt und vom Leser aufgenommen wird, wie er vom Autor realisiert wird und welche Verbindungen er mit den Personen im Text eingeht. Welcher Wert dem Spaziergang in diesem Geschichtsbändchen beigemessen wird und welche Auswirkungen das fiktive Spazierengehen auf den Autor hat. Zuletzt soll ein kurzer Abriss Walsers Schreib- und Spazierdrang erläutern und warum wir es mit einem `kranken Menschen, aber guten Schriftsteller` zu tun haben.

Zuerst einmal wird aber auf die Bedeutung der Spaziergängerliteratur eingegangen:

1. Welche Bedeutung kommt der Literatur des Spaziergangs zu und zu welchem Typ wird Walsers Erzähler gezählt?

Nicht nur die Literaturwissenschaft hat dem Spaziergang ein eigenes Feld eingeräumt, auch „die empirischen Kulturwissenschaften oder die Kunstgeschichte (haben) sich mit dem Phänomen befasst.“3 Der Spaziergang gilt als bürgerliches Verhaltensmuster. Die historische Wahrnehmung oder Eingrenzung der Thematik fand aber erst in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts statt, als es en Vogue war in der Geistes- und Sozialwissenschaft über „die Ursprünge der bürgerlichen Gesellschaft“4 zu resümieren. Das Forschungsinteresse blieb aber auf den deutschsprachigen Raum beschränkt, was kein Wunder ist, da Deutschland nicht nur `volkssportlich`, sondern vor allem literarisch die Vormachtstellung der Spaziergängertradition innehat. „(Die literarische Tradition geht schon auf alte Ursprünge der germanischen Saga zurück)“5 und sich niemals zur Ruhe zu setzten galt einst den Wandermönchen der Frühzeit als `Gottes Weg`. Auch im Deutschland des 17. Jahrhunderts scheint das Motiv der Lebenswanderung vielfach auf6. Es schient der Weg in sich selbst im Spaziergang besser zu gelingen, als im Verweilen an einem festgelegten Ort7: „der Spaziergänger auf der (ewigen) Suche nach dem Weg in die eigene Existenz.“8

Der literarische Spaziergang musste bald gegenüber anderen Fortbewegungsarten wie der Flanerie das Feld räumen9, da das Flanieren besser in die Moderne-Debatten passte, in denen es um Industrialisierung, Verstädterung und Identität, so wie Individualisierung und Sozialisation ging und sich mit der Frage beschäftigte wie sich der einzelne mit der neu geformten Lebensweise auseinandersetzen musste.

Flanieren ist die gemächliche Fortbewegung in der Stadt, wobei man beobachtet, beobachtet wird, sich dessen bewusst ist und sich demnach in Szene setzt. „Flanieren ist eine Art Lektüre der Straße“10, in denen alle Eindrücke von Straßencafés bis zu Personen, die einem mit der vorbeilaufenden Bewegung auffallen, sich wie in einem Heimkino im Kopf zusammensetzen. Literarischer Vertreter ist unter anderen Charles Baudelaire, der das Interesse hegte sich als dandyhaften Flaneur zu präsentieren und sich so in die Pariser Gesellschaft der Kulturmetropole des ausgehenden 19. Jahrhundert zu integrieren. Die Einsamkeit des urbanen Spaziergängers ist ihm allerdings gemäß11: er verzichtet auf jegliche Art von sinn- und einheitsstiftende Transzendenz und bewegt sich in der Anonymität der Labyrinthischen Großstadt.12

Der Spaziergang dagegen ist „keine Reise, Wanderung, Flanerie oder Exkursion“13, auch kein Vagabundieren: das unfreiwillige ziellose Umherirren heimatloser sozialer Außenseiter14, oder Abenteuerdasein. Von der Reiseliteratur des 19. Jahrhunderts muss sich die Spaziergängerliteratur auch abgrenzen, weil dem Reisen in Kutschen oder auch zu Fuß das Touristische überwiegt und die Fremde zum Hauptthema erhoben wird. „Der Spaziergänger ist nicht ins Offene gestellt wie der Abenteurer.“15 Ausgangspunkt und Endpunkt sind immer gleich, so dass der Spaziergänger einen Rundgang (vgl. Seite 27) umschreibt. „Eine gleichsam zentrifugale Erzählbewegung fort von der Ausgangsthematik wird durch ein erzählerisches Bestreben nach Rückkehr eben dorthin konterkariert.“16 Scheinbar Ziellos durchgeht er, ohne Gepäck, langsam Wege in der Natur oder in ländlichen Gebieten, bleibt aber immer in überschaubaren Bahnen, so dass er nicht zum Abenteurer wird, der sich der Suche nach Grenzerfahrung immer zu verirren droht. „Die Offenheit des Abenteurers läuft so ständig Gefahr, in die Besinnungslosigkeit einer unstillbaren Sehnsucht umzuschlagen; (…) was den Abenteurer sirenenhaft lockt und verführt, vielmehr gerade die Gefahr, die Möglichkeit des Untergangs selbst.“17 Dem Spaziergänger wird die Lust an der Ruhe nahe gelegt und wenn er sie vor Antritt des Ausflugs noch nicht mit sich führt, so sei ihm das Spazieren ein Ritual um sich zu beruhigen. Dabei kann er sich „zum Tagträumen oder zum Überdenken von Problemen (hinreißen lassen) oder wenn er (sich) in Gesellschaft (befindet, sich beschaulich unterhalten).“18 „(Da sich ein Spaziergänger innerhalb seiner gewohnten Umgebung bewegt lässt vermuten, dass sich das Erzählen in einer begrenzten Signifikanzordnung bewegt),“19 vgl. Seite 27. Oder umgekehrt, wenn sich ein Abenteurer oder Vagabund bewegt, müsse dies formal und inhaltlich in die Erzählung hineinreichen.

Keine literarische Arbeit über den Spaziergang kommt ohne Robert Walser aus, da „in dessen Texten gleich mehrere Traditionslinien des Verhaltensmodells Spaziergang zusammenlaufen. So verstehen sich Walsers Spaziergänger nicht selten als romantische Wanderer; außerdem greifen sie, durchaus zeittypisch, die Mode der Flanerie wieder auf und (das) Muster der Vagabondage“20, sowie andere Fortbewegungsformen. Walsers Texte berufen sich auf die Spaziergängertradition und auch in Der Spaziergang werden Textstellen aus Vorgängerwerken anderer Autoren inhaltlich zitiert. „Tatsächlich korrespondieren (…) die Spaziergängertexte (…) über ihre jeweiligen narrativen Verfahrensweisen miteinander. (…) Das narrative Modell Spaziergang produziert offensichtlich Texte, die bestimmte Familienähnlichkeiten aufweisen.“21 Demnach reflektieren die, durch das Erzählen hervorgebrachten, Erzählinhalte nichts anderes als das Erzählen selbst22, wie auch bei Walser in Der Spaziergang.

Wolfgang von der Weppen unterteilt in seinem Buch Der Spaziergänger. Eine Gestalt, in der Welt sich vielfältig bricht die Bewegungsarten der Erzähler in noch diffizilere Definitionen, wie Den Horizontsüchtigen, Den Vertraulichen Spaziergang, Den schweifenden Spaziergang, Den ordnend-beschaulichen Spaziergang, Den philosophisch-peripatetischen Spaziergang und Denkwege. Allen ist das meditative im Gehen und dem leer werden durch den entstehenden langsamen Geh- und Erzählrhythmus gleich. Nicht zu unterschätzen ist auch der Sozialisationsprozess durch den Spaziergang, indem der Spaziergänger seinen Hut vor den Nachbarn und Bekannten lüftet, zum gepflegten Plausch stehen bleibt und über den neuesten Tratsch informiert wird, so stellt man sich ihn vor hundert Jahren zumindest vor oder denkt an den (spießigen) bürgerlichen Sonntagsspaziergang von Spitzweg. „Was Müßiggang bedeuten soll, wird (allerdings als bürgerliche Attitüde des 19. Jahrhunderts) zur sonntäglichen Pflicht“23 und schließt man sich diesem vergesellschafteten Interaktionstreffen nicht an wird man durch Nicht-Zugehörigkeit zum bürgerlichen Kreis sanktioniert. Der Spaziergang als solcher ist zu Mode geworden.

2. Textinterpretation

In dem 1917 veröffentlichten Prosastück Der Spaziergang wird ein Tagesspaziergang des Ich-Erzählers von Beginn bis Ende geschrieben. Innerhalb eines kleinstädtischen oder eher ländlichen Rahmens bewegt sich der Erzähler zunächst auf Erkundungstour durch den Ort, wobei „(seine Beschreibung der einzelnen Stationen durch gelegentliche Begegnungen des Erzählers mit anderen Figuren unterbrochen wird).“24 Er schlendert sinn- und ziellos durch die Stadt und macht Besorgungen, trifft Bekannte, unterhält sich, teilt dem Leser seine Eindrücke und Emotionen mit und im Allgemeinen hat er nichts zu tun. Der Leser wird an die Hand genommen und muss mitspazieren.

Ebenso wie er sich durch das Spazierengehen in die Gesellschaft integriert findet die Sozialisation auch durch seinen Konsum statt, doch in den Geschäften führt er mit den Inhabern Streitgespräche, die die Textdynamik der Ruhe des Spaziergangs stören, wie zum Beispiel mit dem Buchhändler (vgl. Seite 8 ff) und dem Fehdebrief (vgl. Seite 24 ff). Nachdem er der Zivilisation den Rücken kehrt gelangt er in die fast menschenleere Natur, wo er sich an einem See seinem Gefühlsrucksack bewusst werden kann, zum Beispiel seine Isolation, um dann wieder den Heimweg anzutreten.

Trotz der alltäglichen Szenerie „lässt (der Erzähler) keinen Zweifel daran, dass er nur einen Spaziergang auf dem Papier unternimmt. Dies bezeugen zahlreiche Einschübe, die den Vorgang des Schreibens dokumentieren, vor allem selbstkritische Anmerkungen des Erzählers“25 und seine direkten Ansprachen an den Leser. „Gleich zu Beginn des Textes gibt er sich als Schriftsteller zu erkennen“26, („bereits in der frühen Prosa wird Walsers Thematik des Spaziergangs ausschließlich über die Praxis des Schreibens vermittelt“27 ) und „(teilt uns mit)“, dass er überstürzt aus seinem „Schreib- oder Geisterzimmer“ ins Freie läuft- noch schnell nach seinem Hut greift- um dann schnell „auf die Straße zu eilen“.28 Doch schreibt er diese Sätze in der Vergangenheitsform und man merkt schnell, dass er den Spaziergang schon gemacht hat und nun nachträglich schriftlich formuliert. Der Gleichzeitigkeitseffekt von Spazierengehen und Reflektion lenkt die Unmittelbarkeit des Geschehens auf den Zeitaspekt. Freudig ist er nun gespannt was ihm auf dem Spaziergang alles begegnen wird; obwohl er noch soeben in seinem Zimmer, über einem leeren Stück Papier gesessen hat vergisst er diese Anspannung gerne schnell.29 Er liebt es als (poetischer) Beobachter alles schrittweise zu erkunden.30 „Im späteren Verlauf wird die feierliche Stimmung auf die gesamte Sphäre naturnahen Lebens ausgeweitet. `Das zarte Land mit seinen lieben, bescheidenen Wiesen, Häusern, Gärten,` wird zum Schauplatz einer Szene, in der sich (das) Stilleerlebnis zum spirituellen Rausch steigert.“31 Den Raum, den die Stadt und die Umgebung darstellen, nutzt er für sein Schreiben. In impressionistischer Manier beschreibt er die synästhetischen Eindrücke. Durch den Einschub „Geisterzimmer“ scheint er seine Schreibstube allerdings negativ zu bewerteten und statt zu arbeiten bietet ihm der Spaziergang nun die Flucht. Dass es sich dabei letztendlich um einen Ausweg in die Verdrängung der eigenen (Todes)Ängste handelt, lässt sich unschwer auf seinem den Tag beschließenden `romantischen` Spaziergang am See erkennen. Auch ist auf Seite 41 wird klar, dass er nicht aus sportlicher Ambition spaziert, sondern weil er muss.

Doch erst alleine mit seiner Schwermut wird dem Erzähler sein Innenleben bewusst und um den Gedanken zu entkommen richtet er sich auf um weiter zu gehen.32 „Selbstvorwürfe (rühren) (ihn) von hinten an, (versperren ihm den weiteren Weg und machen ihm das Herz schwer).“33 Gedanken der Einsamkeit, Erkenntnis über die Vergänglichkeit allen Lebens und das Trauern über die verschmähte Liebe eines „schönen Mädchens“34 begleiten die letzten Worte des Erzählers. Trotzdem alles darauf schließen lässt, dass er sich erschöpft in die „treuherzige Natur“ hineinlegen wird und vielleicht ebenso stirbt wie der „leidvolle und todesmatte Mann“, von dessen Ableben er uns kurz zuvor berichtet, nimmt er am Ende wieder alle Vernunft zusammen um nach Hause zu gehen.35 „Wozu dann die Blumen?“36, obwohl er sie scheinbar schon in den Händen trägt37 ; er gibt sich keine Mühe mehr das Mädchen aufzuhalten, das er uns zuvor so liebevoll beschrieb, und von seiner Liebe zu überzeugen. Die trostspendende Natur „verweigert dem Spaziergänger die ersehnte Linderung, die Selbstvorwürfe brechen sich erneut Bahn.“38 „Es ist als könne er den Entschluss nicht finden, seinen Lebensweg (sei es im bürgerlichen Sinne, sei es im Sinne eines `gefassten` existentiellen Wegs) entschieden zu gehen.“39 Ein Anti-Held, der sich nicht recht entscheiden kann und deshalb niemals zum Abenteurer emporsteigen kann. Was ihm fehlt ist „die Entschlusskraft, aus seinem Kreis letztendlich herauszutreten. (…) Diese Innerlichkeit, die den begrenzten Raum zu sprengen droht, bleibt aber dennoch geborgen und aufgehoben und gleichermaßen befreit im Gehen der Wege selbst.“40 (Der romantische Spaziergänger projiziert den inneren Raum ins Äußere.41 „Der schweifende Spaziergänger (wie der Erzähler) reflektiert seinen Innenraum nicht, so wie der romantische, (…) er erfreut sich vielmehr (…) am Kleinen und Unscheinbaren.“42 ) „In Walsers literarischen Äußerungen wird Bewegung häufig explizit mit der Erfahrung von Depersonalisation assoziiert (…) Walsers promenierende `Helden` entwickeln sich nicht auf ein bestimmtes Ziel hin, sondern scheuen die räumliche wie die soziale Etablierung, und nicht selten (wie auch in Der Spaziergang) schließen die Texte (…) mit einem Aufbruch des Protagonisten ins Ungewisse.“43

Die Spiritualität des Erzählers bleibt an die Bedingungen des Irdischen gebunden.44 Der Schwierigkeit des Schriftsteller- oder Künstlerdaseins, der sich im Alltag immer rechtfertigen muss (vgl. hierzu Seite 41), kommen innere Ängste hinzu und finanzielle, deshalb die subtile Kritik am Buchmarkt (vgl. hierzu Seite 23). So heißt es auf Seite 41: „Spazieren, muss ich unbedingt (…) um zu schreiben. (…) Ohne Spazieren wäre ich tot.“ Dem Steuerbeamten muss er sein Spazierengehen rechtfertigen, da dieser, nach dem damaligen Rollenverständnis, glaubt spazieren gehen wird nur von wohlhabenden, gutbürgerlichen Menschen betrieben.45

Die eigenartige Differenz zwischen Schreibtischexistenz und dem komplementären Prozess der widerstreitenden Bewegung als freie Existenz trägt zu einem bestimmten Individuationsprozess bei, in dem sich der Spaziergänger als erfolgloser Schriftsteller in die Position des Außenseiters begibt.

„Die Folge des gesellschaftlichen Erwartungsdrucks auf die (Figur) Walsers ist ein ständiges Ringen mit der Umwelt und sich selbst im Zusammenhang mit mehr oder weniger unterschwelligen Forderungen und Rollenbildern: `also arbeiten soll ich? Aber das sage ich mir ja täglich selbst.`“46 „Wenn man den Einzelgängern bei Walser Einsamkeit zuschreibt ist das schon Interpretation – sie selbst schienen das nicht so zu empfinden.“47

Im Gehen wird erst die Literarische Arbeit möglich und ein Austausch zwischen dem Erzähler und seiner Umwelt findet dadurch statt.48 Der Spaziergang hat die Aufgabe den Erzähler in Verbindung zu seinen Mitmenschen zu bringen. Zum Beispiel in der Bahnüberführungsszene: wenn der Spaziergänger sich zwischen die wartende Menschenmenge stellt und dieses Nähegefühl genießt. Vor allem Personen aus Randgruppen der Gesellschaft, wie ältere Frauen oder Kinder, die nicht am Arbeitsprozess beteiligt sind. „Der Spaziergänger hat einen ausgeprägten Hang zum Monologisieren. Dabei scheint es ihm nicht so wichtig zu sein, ob ihm zugehört wird oder nicht: `ernsthaft und staunend hörte das Mädchen meinen Worten zu, die ich indessen mehr nur zu meinem eigenen Vergnügen sprach als um von der Kleinen gewürdigt oder begriffen zu werden, wozu ihr die nötige Reife fehlte.`(Seite ).“49

„Walser selbst lenkt den Blick auf die Zusammengehörigkeit von Gehen und Schreiben (…): `Ohne Spazieren und Berichtauffangen vermöchte ich nicht den leisesten Bericht abzustatten`. Hier fungieren Gehen und Schreiben als parallele Bewegungsarten, die sich wechselseitig einschließen und voraussetzen (der Text entfaltet sich im Gleichschritt mit der Figur des Spaziergängers).“50 „Erzählzeit und erzählte Zeit gelangen (dann) weitgehend zur Deckung, Gang und Erzählung kommen überein.“51

„Die gesamte Textökonomie entspricht der Dynamik des Gangs, der flüchtig-assoziativen Wahrnehmung eines in Bewegung eines in Bewegung befindlichen Subjekts. (…) (Permanenter Szenewechsel reflektiert die die Einstellungen eines Spaziergängers. Auch sprachlich setzt sich die Bewegung dynamisch um.)“52

3. Die Spieglungen der Figuren im Erzähler und umgekehrt

Jede Person ist ein singulärer Charakter, doch scheint der Duktus der Kommunikation austauschbar zu sein. Vor allem dann, wenn der Spaziergänger die Menschen durch seine distanzierte Art untertänigst behandelt, diese sich durch die Wandlung, den Rollentausch mit der Erzählersprache kontern.

In der Mittagessenszene bei Frau Aebi findet nun ein direkter Rollentausch statt. Bisher hatte sich der Erzähler als Spaziergänger vorgestellt, der auf seine spezielle autonome und von dem Kleinstadtgeschehen etwas entrückte Art und in geschwätziger Laune mit den Leuten kommuniziert, doch nun übernimmt die Hausfrau Frau Aebi, mit ironischem Geschick und der Erklärung ihr Verhalten wäre die Protokommunikation einer solchen Szene (vgl. Seite 33) die Rolle des Spaziergängers. Sie inszeniert das Mittagessengeplauder um sich einen Spaß mit dem Spaziergänger zu machen (vgl. Seite 33 ff). Die anfänglich „gute Hausfrau“ wandelt sich nun in ein hexenhaftes Monstrum, das den Spaziergänger durch Übermästung umbringen will und fängt an wie der Erzähler zu reden (vgl. Seite 31 ff).

Nach dem Mittagessen bei Frau Aebi scheint der so vergnüglich begonnene Spaziergang subtil in die Melancholie zu kippen: der Spaziergänger erhält beim Schneider seinen neuen Anzug, in dem er sich schlecht und unvorteilhaft abgezogen fühlt. Zwar wollte er den geliehenen Anzug, „in dem er sich `wie ein Lord, Grandseigneur, im Park auf- und abspazierender Marquis vor(kommt)`“53 gegen den neuen tauschen, doch damit scheint er einen schlechten Tausch getan zu haben. Genau gegenteilig erklärt Herr Dünn, der zunächst die Oberhand über das Verkaufsgespräch behält, dass der Anzug dem Spaziergänger „(vorzüglich sitzen)“ würde, doch der Erzähler findet ihn „verpfuscht“ (vgl. Seite 37 ff). „Der Wechsel des Anzugs etwa macht den zunächst scheinbar jugendlichen Erzähler zu einem alten Menschen mit Buckel und dickem Bauch; der Spaziergang ist zeitlich zwischen Morgen und Abend lokalisiert, jenen Tageszeiten also, die in der traditionellen Allegorese Jugend und Alter repräsentieren; am Schluss des Textes blickt der Erzähler auf sein vergangenes Leben zurück.“54

„Die Interaktion des Erzählers mit Frau Aebi und dem Schneidermeister verhalten sich also gewissermaßen spiegelbildlich zueinander. Während der Erzähler Frau Aebis ironischem Spiel mit der Rolle der mordlustigen Hausfrau naiv gegenübertritt, Frau Aebi also unterschätzt, unterschätzt er umgekehrt den unverschämten Schneider als `tückischen` Ironiker.“55

Im Gegensatz zum Spazierengehen wird der Riese Tomzack als Unruhe stiftendes Element empfunden56, der als einsame Figur und ohne Dach über dem Kopf herumirrt. „Tomzack, der ewig Sterbende, muss, so hieß es, auf ein `Grab mit Blumen` verzichten.“57 Der Erzähler versteht ihn aber, scheint er doch selbst ein Getriebener zu sein. Beide treten zwar in keine Interaktion zueinander, dennoch wirkt dem Spaziergänger die Figur auf intime Weise vertraut.58 In der Identität des Spaziergängers steckt eine Abspaltung Tomzacks.59 Der Protagonist scheint zu wissen, dass er, wenn er nicht Spazieren geht- das zum Medium der Selbstheilung wird60, weil es ihn in eine gewisse Regelmäßigkeit bringt- unter Umständen selbst zum Vagabund würde. Er steht auf der Kippe zum Untergang. Auch in diesen Abschnitt kann man eine Parallele im Auftreten des Riesen Tomzack und des ebenfalls durch den Anzug grotesk verzerrten buckeligen Erzähler ziehen.

Der Spaziergang ist mit dem Märchen vergleichbar, in dem sich die Dinge in ihr Gegenteil ändern können: von der guten Hausfrau wird Frau Aebi zum Monster; der zunächst erworbene Geldsegen in der Bankszene, in der der Erzähler wie ein Bankangestellter zu reden beginnt- also auch umgekehrt ist der Rollentausch möglich- ist mit einer überformten Gestaltung der Realität gleichzusetzen (vgl. Seite 12 ff); und die einzelnen Stationen seines Spaziergangs werden durch die erzählte Sprache überdeckt.

Die Bahnübergangszene ab Seite 45 ff scheint der Höhepunkt oder das Zentrum des Spaziergangs zu sein.61 Darin liegt eine Ironie, da der Text „kein eindeutiges Zentrum besitzt“62 ; und wenn, dann eher das Mittagessen bei Frau Aebi, da sich die Passage in der Mitte des Textes befindet und in der Mittagszeit liegt. Der Tiefpunkt des Textes könne das Zusammentreffen mit dem Riesen Tomzack sein, das wie erwähnt gleichzeitig die einsame Seele des Spaziergängers widerspiegelt und mit dieser Emotion schon eine Tiefstelle erreicht wird. Beide Szenen verlaufen spiegelbildlich und konträr zueinander, wie „Antiklimax und Klimax“, da der Riese `gänzlich ohne Glück, ohne Liebe, ohne Vaterland und Menschenfreude` lebt und der Spaziergänger durch die Bahnübergangsszene durch die Massenanhäufung der Personen Nähe zu den Mitmenschen erfährt.63

In dem Abschnitt Kostgängerei (vgl. Seite 58 f) stellt der Erzähler ein bürgerliches Klassenbewusstsein gegenüber die Ideale des `ernsthaften Schriftstellers, (der sich nicht berufen fühlt Anhäufungen des Stofflichen zu besorgen und im stetigen Bedürfnis nach Genuss und Kost und Abwechslung einen Mangel sieht)` (vgl. Seite 61). Damit wird eine Abgrenzung zum bürgerlichen Wertegefühl bezweckt, von dem sich der ernsthafte Schriftsteller bewusst ausschließt. Trotz der Ambivalenzen als Genussmensch lebt der Erzähler als taugenichtiger Müßiggänger derart hin und ist nicht als ewig verzichtender Sucher unterwegs.

4. Das komplexe Verhältnis zwischen Autor, Leser und Erzähler

Ein Tag im Leben Robert Walsers scheint nicht allzu entfernt vom schriftlichen Erzählen des Spaziergängers zu sein. Für beide scheint die Versprachlichung der Existenz mit dem direkten Verhältnis zur sozialen Umgebung zusammenzuhängen. Ihre Lebenswelt wird mit `inszenierter` Literatur überdeckt. Das Gehen wird zum Schreibobjekt: der geschriebene Spaziergang wird nur auf dem Blatt verschriftlicht und der Prozess des Schreibens dient der Mitteilung als Spazierendes Schreiben und als schreibendes Spazieren.

Die Lesehaltung schwankt ständig zwischen Autozität und Fiktion. Verschiedene Zeitabschnitte laufen hinter den einzelnen Erzählungen ab, wie zum Beispiel die Szene mit der vermeintlichen Schauspielerin, als der Spaziergänger ein junges Mädchen ansprach, ob sie nicht eine `alte` bekannte Schauspielerin sei. „Hinter der `vermeintliche(n) gewesene(n) Schauspielerin` liegt eine Vergangenheit, während die `jugendlichste vermutlichste angehende Sängerin` ihre Zukunft noch vor sich hat.“64 „(…) die Berichte (stehen) in keinerlei logisch-kausaler Beziehung zu einander (…), sondern (sind) lediglich durch das `narrative Arrangement` des erzählten Spaziergangs miteinander verknüpft. (…) Nicht selten (…) wird die Erzählzeit durch gedankliche Exkurse des Erzählers gedehnt und gerät so in ein disproportionales Verhältnis zur erzählten Zeit.“65 Die Wirklichkeit, bzw. Realität tritt hinter dem Mitteilen zurück und es entsteht der Eindruck, dass hinter den wortgewaltigen Beschreibungen des Erzählers nur leere Sätze entstehen, quasi eine reine Bewegung von Wörtern auf dem Papier mit leerem Sprachzentrum. Vgl. Seite 42 ff: dort ist die Rede von den Naturschönheiten und Romantik aber nicht einmal wird Spazierengehen als Thema ausgefüllt, die Satzketten bleiben leer. Es scheint sich alles in eine Sprache aufzulösen, die verdampft und ebenso scheint die Existenz der Literatur zu verschwinden. Statt seine Umgebung genau zu beschreiben drückt sich der Erzähler als umschreibender Autor aus. Die Abstraktion bleibt, anders als bei einer realistischen Erzählung, hinter der Sprachverliebtheit zurück, die zum künstlerischen Handwerk wird. „(Der Spaziergang ist) keinem geographisch konkret bestimmbaren Territorium mehr zugeordnet, sondern (konstruiert) reine Sprachräume.“66 Darin liegt die Modernität: die Erhebung von nicht- repräsentierbarer Literatur zu Kunst.

Walsers Ich-Erzähler stellt uns seine Welt vor und durchstreift den imaginären, erzählten Raum um dem Leser einen Eindruck seiner Wahrnehmung zu hinterlassen, an dem wir erkennen können, dass er als distanzierter Mitbürger das Geschehen der Kleinstadt betrachtet; „(als Sich-durch-die-Welt bewegender, schauender, kaum angekommen schon wieder Abschied nehmend: nicht als Beobachter, sondern als gelegentlich mitspielende Nebenfigur und als ganz und gar freier Schriftsteller, als `Poet` im ältesten und reinsten Sinn).“67 Dennoch begibt er sich dem Lesepublikum gleich auf der ersten Seite als entrückter Beobachter zu erkennen: „soviel ich weiß, ließ ich, indem ich so meines Weges ging, ziemlich viel würdevolles Wesen sehen. Meine Empfindungen liebe ich vor den Augen meiner Mitmenschen zu verbergen, (…).“ Dem Leser kann folglich nie ganz klar sein ob das Geschriebene nur im Innern oder auch im Äußeren des „(literarischen Grenzgängers) passiert, da es ihm selbst nicht immer bewusst ist.68

Das Vortäuschen einer Realität wird im Spaziergang allerdings nicht konsequent durchgehalten, sondern abwechselnd erzeugt und destruiert: Der Ich-Erzähler stellt sich als Autor des Textes vor und bezieht den Rezipienten in seine Wanderung ein und indem das Lesen in die Dynamik des Wanderns integriert wird, offenbart sich der fiktive Charakter der Bewegung.69 Das Ich ist Beobachter und Beobachteter.70 „Solange sich Spaziergängerfigur und Erzähler als `Subjekt der Aussage` und `Subjekt des Aussagevorgangs` unterscheiden lassen, hat die Darstellung eines Spaziergangs thematische Relevanz und metaphorische Bedeutung, mit der ein symbolisch codierter Erfahrungsraum eröffnet wird. Sobald aber der Spaziergang selbst als Schreibvorgang gefasst wird, werden die Grenzen zwischen Erzählung und Spaziergängerfigur unscharf. (…) (Das Motiv der Bewegung ist das eigentliche Thema der Erzählung).“71 Durch die Erklärung seines Motivs für das Spaziergehen: die Gesundheit und Berufstätigkeit zu erhalten, das er dem Finanzbeamten vorträgt und vehement gegenüber Formen des „Vagabundierens und unnützen Herumstreichens“72 abgrenzt, versucht der Erzähler sein Wirklichkeitsbild authentisch darzustellen. Die Entscheidung für die physische Bewegungsform des Spazierengehens beruht aber vor allem auf dem ganz bewussten Beharren auf Tradition, wie es seine Kritik, auf die moderne Bewegungsform des Autofahrens, zeigt (vgl. Seite 18).73 „Die Identität des erzählten Ich wird durch die verschiedenen Masken aufgelöst, in denen er vor sein imaginäres Publikum tritt.“74 Durch die Gleichzeitigkeit der Erzählerrolle und der Schriftstellerfunktion wird der Leser verunsichert welcher Position er nun folgen soll, da der Text auch nicht stringent in einem Modell verhaftet bleibt. „Signalisiert wird der Rollentausch durch den Tempuswechsel“75: Walser wechselt, wie schon erwähnt, dabei plötzlich vom Präteritum zum Präsens, wodurch sich der „Ich-Erzähler zeitweise vom Geschehen (entfernt), (er) hört vorübergehend auf, nur als dessen vermittelnde Instanz zu fungieren. An solchen Stellen zeigt sich bereits im Ansatz jene Form spielerisch-bewusster `Sprachverwilderung`, die Walter Benjamin als ein Hauptmerkmal der walserschen Prosa bezeichnet hat.“76 „Voll Ironie scheint daher die Bemerkung des Erzählers über den Verfasser, `man (wisse) ja zu Genüge, dass (dieser) ebenso gern spazier(e) als schreib(e), letzteres allerdings vielleicht nur eine Nuance weniger gern wie ersteres`.“77 Dennoch weist das Präteritum nicht zwingend auf den Spaziergang als Referenzobjekt hin und das Präsens auf den andauernden Schreibprozess.78

Mit direkten Anreden an den Leser nimmt ihn der Erzähler mit auf seinen Spaziergang (vgl. Seite 14). Durch die rhetorische Frage nach der (Un-)Möglichkeit der Begegnungen auf dem Spaziergang mit „(Riesen, Professoren, Buchhändlern und Sängerinnen)“, (vgl. Seite 44) will der Erzähler den Leser von der Realität seiner bisherigen Erzählung überzeugen. Auf Seite 51 meint er, dass „so zart und sanft wie (er) vielleicht noch nie ein Autor beständig an den Leser gedacht (hat).“ Gerade darüber aber muss sich der Leser sorgen, dass ihn der Erzähler um seines Egos willen: sich im Schreiben und Spazieren zu erfahren, vergisst. Durch dieses intime Näheverhältnis, das der Spaziergänger dem Leser gegenüber bekundet, soll nochmals der Eindruck entstehen die Erzählung sei real.

Schluss

„Vordergründig scheint sich im Oeuvre Robert Walsers fast ausschließlich der ganz gewöhnliche Alltag zu manifestieren: (…) (ebenfalls) mit weitläufigen Wanderungen und Spaziergängen durch die Schweizer Provinz“79 ; „(doch scheint diese Anspielungen des Textes auf biographische Details die Tatsache zu enthüllen, dass der scheinbar biographisch verbürgte Autor Robert Walser nur eine weitere fiktive Figur ist, deren Rolle der Erzähler des Spaziergangs zuweilen übernimmt).“80 Walser und sein Ich-Erzähler scheinen eher in eine Art Schizophrenie zu gehen, als in den eigenen Ich- Zustand so die Expertenmeinung.81 „(Er) hat selbst einmal die Bemerkung gemacht, er schreibe, im Grunde, von einem Prosastückchen zum nächsten, immer an demselben Roman, einem Roman, den man bezeichnen könne `als ein mannigfaltig zerschnittenes oder zertrenntes Ich-Buch`“82 allerdings bestand „nach Elias Canettis (…) die Besonderheit Walsers darin, dass er beim Schreiben immer die Angst in seinem Innersten leugnete, ständig einen Teil seiner selbst ausließ.“83

Das Abdriften in die inhaltlose Sprache, das was eigentlich erzählt wird, steht in keinem Zusammenhang zu Textfülle. Der Dichter überlässt sich seinen Phantasien und bleibt verhaften in seiner eigenkosmischen Wahrnehmung. Das Schreiben (Walsers) wird somit zum Selbstzweck, zur fundamental existentiellen Betätigung, der aber keinen substanziellen Bezug zum Inhalt braucht. Ist überhaupt noch an den Leser gedacht, oder wird hier nur für den Autor geschrieben? Einhergehend mit dieser Fragestellung eröffnet sich ein utilitaristischer Blick: warum braucht man Kunst? Ist Dichter folglich ein Beruf? Oder nur eine romantische Vorstellung des nach außen Wölbens der Subjektivität?

Auch die in Der Spaziergang durch den Ich-Erzähler kritisch konstatierte Einschätzung des Buchmarkts hat mit „Walsers Kritik an der Institution Kunst“84 zu tun. „(Sein) Verstummen als Dichter (war) die praktische Folgerung seiner Kunstkritik.“85 Schon Goethe bemängelte in seinem Torquato Tasso diese Nicht-Vereinbarkeit von Kunst und bürgerlichem Leben und noch einen Schritt weiter: „(wird sogar das Anliegen des opputunierenden Künstlers durch die Integration in die bürgerliche Gesellschaft entschärft).“86 Der Poet wird als Gegenteil zum Bürger definiert, doch was ist ein Poet konkret? Der Spaziergänger ist in einer anderen Dualität gefangen als Tasso. Er lebt ein `normales` Leben in einer `normal arbeitenden` Gesellschaft, hat zusätzliche Freiheiten aber auch Pflichten im Publizieren und muss sein Dichterdasein verteidigen. Die Ambivalenz besteht darin, dass er eigentlich eine vergnügliche Existenz lebt, trotzdem sich in seiner Freiheit gefangen fühlt und statt zu arbeiten taugenichtig spazieren geht und die Natur gegenüber dem Büro vorzieht. Es heißt zwar immer, dass „Erst in der Einsamkeit und Ungebundenheit, also in der Freiheit, (der Poet seine Entfaltung findet).“87

Als Antipool zur damaligen Kulturpolitik Berlins und dem nichtkompatiblen Lebenskonzept Literat und Bürger wird Walsers Rückzug aus dieser Großstadt gedeutet und sein neues naturverbundenes spazierendes Dasein als Flucht in den Heilungsprozess gesehen.88 „Das Walser allgemein bescheinigte literarische Außenseitertum hat er weitgehend bewusst angestrebt; einer bestimmten dichterischen Tradition hat er sich nicht eigentlich verpflichtet gefühlt. (…) Einer literarischen Schule (…) kann Walser kaum zugeordnet werden.“89 Verschiedene Epochen haben unterschiedliche Vorstellungen von einem Literaten. Heute wird der Dichter als Dienstleister betrachtet; der Markt ist überschwemmt von Menschen, die sich als Literaten sehen. Der Status hat sich verschoben zu einem Hobby, das das Tagebuch ersetzt.

Da sich unser Freizeitverhalten heute geändert hat ist es fraglich ob ein Spaziergang genauso betrieben wird und ebenso gewertet werden kann wie vor hundert Jahren. „Auf emphatische Weise gibt (zum Beispiel) der Bergsteiger Rheinhold Messner den Eindruck der kosmischen Weite wieder, welche den im Extremen abenteuernden Wanderer in die Einsamkeit der Weltgebirge umfängt und ihm so den Weg ins eigene Innere meditativ eröffnet“90, als „eine Art Nirwana“91 nimmt Messner diesen Zustand wahr. Doch kann diese Erfahrung des `existentiellen Innenraums` nicht „mit Selbsterkenntnis im Sinne des Sokrates (gleichgesetzt werden). `Erfahrung` des Selbst im Sinne von Selbsterkenntnis nämlich wird letztlich nur möglich im Heraustreten aus dem Raum der Erfahrung im Hinübergehen in den Grund der Möglichkeit von Erfahrung selbst. Dies meint etwas anderes als das Erleben der Grenzen der eigenen physischen und nervlichen Leistung.“92 „(Allerdings) wird, je weiter die Domestizierung der Wildnis in der Vereinnahmung durch die Zivilisation fortschreitet, (…) der Gang in die Offenheit der Wildnis zur Illusion.“93 Trotzdem ist es erstaunlich, dass gerade zeitgenössische Autoren sich der typisch deutschen `Wandertradition` mit neuem Elan widmen; in Werken wie In achtzig Tagen rund um Deutschland. Grenzerfahrungen, von Andreas Greve oder Berlin-Moskau. Eine Reise zu Fuß, von Wolfgang Büscher oder Die Ringe des Saturn. Eine Englische Wallfahrt, von W. G. Sebald. Die Autoren stehen zwar nicht ganz im Sinne der Tradition der Spaziergängererzählung, sondern veranstalten eher Gewaltmärsche, die sie an die Grenzen ihrer Abenteuerlust und Freiheitssuche führen, doch vielleicht lässt sich auch diese Tendenz als Flucht vor der großstädtischen Alltagsrealität, den Medien, der Oberfläche der Gesellschaft deuten- anknüpfend an die damaligen Moderne-Debatten. Oder um den Zwängen des eigens eingerichteten Lebens zu entkommen, wie es bei Walser gewesen sein soll.

Literaturverzeichnis

Albes, Claudia: Der Spaziergang als Erzählmodell: Studien zu Jean-Jacques Rousseau, Albert Stifter, Robert Walser und Thomas Bernhard; Francke, Tübingen (1999).

Evans, Tamara S.: Robert Walsers Moderne; Francke, Stuttgart (1989).

Fuchs, Anne; In: Mário Vaz, Grupo de Estudos Germanisticos da Faculdade de Letras de Coimbra (Hrg.): Simpósio Robert Walser; In: runa, 21, Lisboa (1994).

Jürgens, Martin: Robert Walser. Die Krise der Darstellbarkeit: Untersuchungen zur Prosa, 2. Aufl.; In: Kreuzer, Helmut (Hrg.): Theorie-Kritik-Geschichte, Band 4; Scriptor, Kronberg (1976).

Kieserling-Sonntag, Jochem: Gestalten der Stille: Untersuchungen zur Prosa Robert Walsers; Aisthesis, Bilefeld (1997).

Martin, Maurice-Jean: Untersuchungen zum Problem der Erlebten Rede: Der ursächliche Kontext der Erlebten Rede, dargestellt an Romanen Robert Walsers; In: Europäische Hochschulschriften, Reihe I. Deutsche Sprache und Literatur, Band 1009, Peter Lang, Frankfurt/Main.

Mohr, Daniela: Das nomadische Subjekt: Ich-Entgrenzung in der Prosa Robert Walsers; Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt/Main (1994).

Robert Walser; In: Kindlers Neuem Literaturlexikon; Komet, München (1998).

Robert Walser; In: Illustrierte Geschichte der Deutschen Literatur, Band III; Komet, München.

Robert Walser; In: Edition Suhrkamp, Neue Folge Band 316; Suhrkamp, Frankfurt/Main (1985).

Rothemann, Sabine: Spazierengehen – Verschollengehen: Zum Problem der Wahrnehmung und der Auslegung bei Robert Walser und Franz Kafka; Tectum, Marburg (2000).

Schwahl, Markus: Die Wirklichkeit und ihre Schwestern: Epistemologische Ideologiekritik und ihre ethnischen Implikationen im Werk Robert Walsers; Lang, Frankfurt/Main (2001).

Sebald, W. G.: Logis in einem Landhaus: Über Gottfried Keller, Johann Peter Hebel, Robert Walser und andere; Carl Hanser.

Siegel, Ilona; In: Vaz, Mário, Grupo de Estudos Germanisticos da Faculdade de Letras de Coimbra (Hrg.): Simpósio Robert Walser; In: runa, 21, Lisboa (1994).

Stefani, Guido; In: Reihe DOSSIER der Schweizer Kulturstiftung PRO HELVETIA: Robert Walser, Literatur 3; Zytglogge, Zürich (1984).

Walser, Robert: Der Spaziergang. Ausgewählte Geschichten; Diogenes, Zürich (1973).

Weppen, Wolfgang von der: Der Spaziergänger. Eine Gestalt, in der Welt sich vielfältig bricht; Attempto, Tübingen (1995).

[...]


1 Eingeteilt wird sein Oeuvre in seine Berliner, Bieler und Berner Zeit.

2 Vgl. hierzu Albes, Claudia: Der Spaziergang als Erzählmodell; 12.

3 Albes, Claudia: Der Spaziergang als Erzählmodell.; 9.

4 Albes, Claudia: Der Spaziergang als Erzählmodell; 9.

5 Weppen, Wolfgang von der: Der Spaziergänger; 82.

6 Vgl. hierzu Weppen, Wolfgang von der: Der Spaziergänger; 57.

7 Vgl. hierzu Weppen, Wolfgang von der: Der Spaziergänger; 61.

8 Weppen, Wolfgang von der: Der Spaziergänger; 65.

9 Vgl. hierzu Albes, Claudia: Der Spaziergang als Erzählmodell.; 10.

10 Weppen, Wolfgang von der: Der Spaziergänger; 96.

11 Vgl. hierzu Weppen, Wolfgang von der: Der Spaziergänger; 94.

12 Vgl. hierzu Weppen, Wolfgang von der: Der Spaziergänger; 91.

13 Albes, Claudia: Der Spaziergang als Erzählmodell.; 13.

14 Vgl. hierzu Albes, Claudia: Der Spaziergang als Erzählmodell.; 24.

15 Weppen, Wolfgang von der: Der Spaziergänger; 21.

16 Albes, Claudia: Der Spaziergang als Erzählmodell.; 14.

17 Weppen, Wolfgang von der: Der Spaziergänger; 21.

18 Albes, Claudia: Der Spaziergang als Erzählmodell.; 13.

19 Albes, Claudia: Der Spaziergang als Erzählmodell.; 14 f.

20 Albes, Claudia: Der Spaziergang als Erzählmodell.; 23 f.

21 Albes, Claudia: Der Spaziergang als Erzählmodell.; 26.

22 Vgl. hierzu Albes, Claudia: Der Spaziergang als Erzählmodell.; 28.

23 Weppen, Wolfgang von der: Der Spaziergänger; 126.

24 Albes, Claudia: Der Spaziergang als Erzählmodell; 19.

25 Albes, Claudia: Der Spaziergang als Erzählmodell; 19.

26 Albes, Claudia: Der Spaziergang als Erzählmodell; 221.

27 Rothemann, Sabine: Spazierengehen – Verschollengehen; 105.

28 Vgl. hierzu Walser, Robert: Der Spaziergang; 7.

29 Vgl. hierzu Walser, Robert: Der Spaziergang; 7.

30 Vgl. hierzu Walser, Robert: Der Spaziergang; 16.

31 Kieserling-Sonntag, Jochem: Gestalten der Stille: Untersuchungen zur Prosa Robert Walsers; 163.

32 Vgl. hierzu Walser, Robert: Der Spaziergang; 62 f.

33 Walser, Robert: Der Spaziergang; 61.

34 Vgl. hierzu Walser, Robert: Der Spaziergang; 63.

35 Vgl. hierzu Walser, Robert: Der Spaziergang; 62 f.

36 Walser, Robert: Der Spaziergang; 63.

37 Vgl. hierzu Walser, Robert: Der Spaziergang; 63.

38 Rothemann, Sabine: Spazierengehen – Verschollengehen; 176.

39 Weppen, Wolfgang von der: Der Spaziergänger; 30.

40 Weppen, Wolfgang von der: Der Spaziergänger; 29.

41 Vgl. hierzu Schwahl, Markus: Die Wirklichkeit und ihre Schwestern; 31.

42 Weppen, Wolfgang von der: Der Spaziergänger; 31.

43 Mohr, Daniela: Das nomadische Subjekt; 12 f.

44 Vgl. hierzu Rothemann, Sabine: Spazierengehen – Verschollengehen; 166.

45 Vgl. hierzu Kieserling-Sonntag, Jochem: Gestalten der Stille: Untersuchungen zur Prosa Robert Walsers; 160.

46 Stefani, Guido; In: Reihe DOSSIER der Schweizer Kulturstiftung PRO HELVETIA; 92.

47 Stefani, Guido; In: Reihe DOSSIER der Schweizer Kulturstiftung PRO HELVETIA; 90.

48 Mohr, Daniela: Das nomadische Subjekt; 29.

49 Stefani, Guido; In: Reihe DOSSIER der Schweizer Kulturstiftung PRO HELVETIA; 91.

50 Rothemann, Sabine: Spazierengehen – Verschollengehen; 105.

51 Kieserling-Sonntag, Jochem: Gestalten der Stille: Untersuchungen zur Prosa Robert Walsers; 159.

52 Mohr, Daniela: Das nomadische Subjekt; 10.

53 Albes, Claudia: Der Spaziergang als Erzählmodell; 230.

54 Albes, Claudia: Der Spaziergang als Erzählmodell; 230.

55 Albes, Claudia: Der Spaziergang als Erzählmodell; 265.

56 Vgl. hierzu Rothemann, Sabine: Spazierengehen – Verschollengehen; 166.

57 Rothemann, Sabine: Spazierengehen – Verschollengehen; 178.

58 Vgl. hierzu Rothemann, Sabine: Spazierengehen – Verschollengehen; 167.

59 Rothemann, Sabine: Spazierengehen – Verschollengehen; 167.

60 Vgl. hierzu Rothemann, Sabine: Spazierengehen – Verschollengehen; 169.

61 Vgl. hierzu Albes, Claudia: Der Spaziergang als Erzählmodell; 226.

62 Albes, Claudia: Der Spaziergang als Erzählmodell; 229.

63 Vgl. hierzu Albes, Claudia: Der Spaziergang als Erzählmodell; 228.

64 Albes, Claudia: Der Spaziergang als Erzählmodell; 227.

65 Albes, Claudia: Der Spaziergang als Erzählmodell; 226.

66 Mohr, Daniela: Das nomadische Subjekt; 24.

67 Robert Walser; In: Kindlers Neuem Literaturlexikon; 392.

68 Vgl. hierzu Weppen, Wolfgang von der: Der Spaziergänger; 62.

69 Vgl. hierzu Mohr, Daniela: Das nomadische Subjekt; 19.

70 Vgl. hierzu Rothemann, Sabine: Spazierengehen – Verschollengehen; 121.

71 Rothemann, Sabine: Spazierengehen – Verschollengehen; 105 ff.

72 Vgl. hirzu Walser, Robert: Der Spaziergang; 42 f.

73 Vgl. hierzu Kieserling-Sonntag, Jochem: Gestalten der Stille: Untersuchungen zur Prosa Robert Walsers; 161.

74 Mohr, Daniela: Das nomadische Subjekt; 5 f.

75 Albes, Claudia: Der Spaziergang als Erzählmodell; 232.

76 Jürgens, Martin: Robert Walser; 48.

77 Albes, Claudia: Der Spaziergang als Erzählmodell; 232.

78 Vgl. hierzu Albes, Claudia: Der Spaziergang als Erzählmodell; 234.

79 Schwahl, Markus: Die Wirklichkeit und ihre Schwestern; 23.

80 Albes, Claudia: Der Spaziergang als Erzählmodell; 257.

81 Vgl. hierzu Weppen, Wolfgang von der: Der Spaziergänger; 60.

82 Sebald, W. G.: Logis in einem Landhaus; 147.

83 Sebald, W. G.: Logis in einem Landhaus; 131.

84 Evans, Tamara S.: Robert Walsers Moderne; 154.

85 Evans, Tamara S.: Robert Walsers Moderne; 155.

86 Evans, Tamara S.: Robert Walsers Moderne; 154.

87 Robert Walser; In: Edition Suhrkamp; 269.

88 Vgl. hierzu Kieserling-Sonntag, Jochem: Gestalten der Stille: Untersuchungen zur Prosa Robert Walsers; 202.

89 Martin, Maurice-Jean: Untersuchungen zum Problem der Erlebten Rede; 131.

90 Weppen, Wolfgang von der: Der Spaziergänger; 62.

91 Weppen, Wolfgang von der: Der Spaziergänger; 63.

92 Weppen, Wolfgang von der: Der Spaziergänger; 63.

93 Weppen, Wolfgang von der: Der Spaziergänger; 84.

20 von 20 Seiten

Details

Titel
Das Erzählmodell des Spaziergangs in Robert Walser "Der Spaziergang"
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Veranstaltung
Oberseminar: Robert Walser, SS-04
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
20
Katalognummer
V110091
ISBN (Buch)
9783640126118
Dateigröße
742 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erzählmodell, Spaziergangs, Robert, Walser, Spaziergang, Oberseminar, SS-04
Arbeit zitieren
Kordula Marisa Hildebrandt (Autor), 2004, Das Erzählmodell des Spaziergangs in Robert Walser "Der Spaziergang", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110091

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