Kriminalitätstheorien im Überblick


Referat / Aufsatz (Schule), 2003

7 Seiten, Note: gut


Leseprobe

Sebastian Knabben

Referat / Schulaufsatz

Kriminologie/Jugendstrafrecht/Strafvollzug

Die wichtigsten Kriminalitätstheorien im tabellarischen Überblick bezüglich ihrer Inhalte und Kritikpunkte.

A) Persönlichkeitsbezogene K.-Theorien


Begriff

Stichwort

Ansatz

Kritik

1) „Der geborene Verbrecher“ (biologische Theorie)

Lombroso/ Mergen

Verbrecher aufgrund von Vererbung; Schädelform und Gesicht als Anhaltspunkte; Chromosomenaberation xyy begünstigt kriminelle Entwicklung

Lombrosos Ansatz schon lange veraltet und einhellig abgelehnt; keine empirischen Anhaltspunkte für fundierten Nachweis erhöhter krimineller Energie durch zweites „y“

2)Zwillingsforschung (biologische Theorie)

Konkordanz

Eineiige Zwillinge haben hohe Übereinstimmung bei kriminellen Verhalten; vier mal höhere Konkordanzziffer als bei zweieiigen Zwillingen

Wenig Stichproben; Gleichbehandlung eineiiger Zwillinge aufgrund ihrer äußeren Ähnlichkeit -> Beeinflussung des Ergebnisses von außen

3) Adoptionsforschung (biologische Theorie)

Adoptivkinder

Rückschluss von kriminellem leiblichen Vater auf kriminelles Verhalten des Kindes trotz anderem familiären Umfeld; Belastung tatsächlich höher

Beziehung nicht auszuschließen; wenn beide Väter kriminell -> besonders hohe Belastung; Umwelteinflüsse haben folglich auch große Bedeutung; Wissen um Belastung des leiblichen Vaters beeinflusst Erziehung in neuer Familie

4) Ethologisches Triebmodell (biologische Theorie)

Lorenz; Verhaltensforschung

Irreversible Prägungsphase bei Säuglingen; mangelnde Zuwendung der Eltern in Prägungsphase kausal für späteres Problem Triebe zu kontrollieren; Aggressionstrieb -> Gewaltdelikte

Studien nur bezüglich Tieren (Gänse, Affen); absolute Übertragbarkeit auf den Menschen fraglich

5) Tiefenpsychologisches Modell (psychologische Theorie)

Freud; Es, Ich, Über-Ich

Entwicklung dieser drei Instanzen (Es/Ich/Über-Ich) in frühester Kindheit zu einem gesunden Gleichgewicht notwendig; zu starkes oder schwaches Über-Ich begünstigt Kriminalität; „Verbrecher aus Schuldbewusstsein“ -> Straftat und Sanktion zur Entlastung des eigenen latenten Schuldgefühls

Tatsächliche Existenz der „drei Instanzen“ nicht nachgewiesen oder empirisch belegt; dennoch guter Erklärungsansatz

6) Psychologische Lerntheorien

Konditionierung (Pawlow, Skinner); Frustrations-Aggressions-Hypothese (Dollard); Sozialkognitive Lerntheorie (Bandura)

Der Erfolg eines Verbrechers gibt diesem immer wieder neuen Reiz zur Wiederholung („Lernen am Erfolg“); jede erlebte Frustration ist Ursache für eine neue Aggression; Kriminelles Verhalten wird durch Beobachtung und Nachahmung erlernt (-> Clown Bobo; Kinder imitieren aggressives Verhalten)

Menschliches Verhalten nicht nur durch Reflexe erklärbar; Soziales Umfeld sehr bedeutend für aggressives Verhalten und zu viele verschiedene Arten von Aggressionen (zu weit); Sozialkognitiver Ansatz durchaus „brauchbar“

 

B) Gesellschaftsbezogene K.-Theorien


1) Theorie der differentiellen Assoziation (sozialpsychologische Theorie)

Sutherland/ Cressey

Kriminelles Verhalten wird erlernt a)in Interaktion mit anderen Personen b)meist in kleinen Gruppen, wobei c)das Erlernte sowohl die Motive als auch die Techniken kriminellen Verhaltens umfasst

Empirisch nur schwer überprüfbar; Ursache für ersten Kontakt (zur kriminellen Gruppe) ungeklärt; Keine Erklärung für Affekt- oder Triebtaten

2) Theorie der differentiellen Identifikation (sozialpsychologische Theorie)

Glaser

Weiterentwicklung von 1); Erlernen nicht nur in der Gruppe, sondern auch durch Imitation einzelner Personen (-> Identifikation mit Vorbild)

Gleiche Kritik wie 1)

3) Theorie der Neutralisations-
technik (sozialpsychologische Theorie)


Sykes/Matza; „Rechtfertigung“

Besonders jugendliche Täter kennen theoretisch Normen, aber rechtfertigen ihr kriminelles Verhalten durch bestimmte Neutralisationstechniken: a)soziales Umfeld verantwortlich b)Verneinung eines Schadens c)Rächerrolle d)Dehumanisierung des Opfers e)eigene Maßstäbe (z.B. Sektenziele)

Ursache bzw. Motiv für Begehung überhaupt bleibt unklar; wer wählt wann welche „Rechtfertigung“ ebenfalls nicht klar

4) Kontrolltheorie (sozialpsychologische Theorie)

Reiss/Reckless/Hirschi

Nicht Ursache für kriminelles Verhalten entscheidend, sondern warum sich jemand normgerecht verhält; kriminalitätshemmende Faktoren: a)emotionale Bindungen b)rationale Kalkulation c)Einbindung in normkonforme Aktivitäten d)Glauben an die moralische Gültigkeit der sozialen Normen

Brauchbarer Ansatz (-> Kriminalität in OstD nach Mauerfall); aber  trotz starker Bindungen werden Menschen kriminell, andere trotz fehlender Bindungen nicht

5) Labeling-Approach (sozial-
psychologische Theorie)




Etikettierungsansatz“; Shoham/Becker/Sack; Ubiquität

Kriminalität ist gleichmäßig in der Gesellschaft verteilt (ubiquitär); Selektion bei der Verfolgung (untere soziale Schichten stärker) führt zu falschen Ergebnissen bei der Kriminalitätsverteilung; „Klassengesetzgebung“

Gleichmäßige Verteilung der Kriminalität lässt sich gerade nicht nachweisen; genaugenommen keine Ursache sondern Bezeichnung von Beziehung der Gesellschaft zu strafrechtlichen Kontrollinstanzen; Opferabhängigkeit (Anzeigeverhalten)

6) Theorie von der sekundären Abweichung (sozial-
psychologische Theorie)


Lemert; „self-fulfilling prophecy“

Wird ein erstes Delikt bestraft (primäre Abweichung), tritt eine Stigmatisierung beim Betroffenen ein; -> sekundäre Abweichung – der Täter verhält sich immer ablehnender gegenüber gesellschaftlichen Normen um seiner „Rolle“ gerecht zu werden; Kriminalität wird Bestandteil eines Selbstkonzepts des Täters

Was hat zur Ersttat geführt?; warum gibt es Einmaltäter?; kein empirischer Nachweis

7) Anomietheorie im weiteren Sinne (soziologische Theorie)

Durkheim

Kriminalität normale Erscheinung in der Gesellschaft; wichtig für Normbewusstsein der Bevölkerung; Erst wenn gesellschaftliche Werte verloren gehen besteht Gefahr des Zustandes der Anomie -> Befriedigung der Bedürfnisse auf legalem Weg nicht mehr möglich

Erklärt nur Kriminalität in der Gesellschaft, nicht aber eines einzelnen Menschen; wo beginnt Zustand der Anomie?

8) Anomietheorie im engeren Sinne (soziologische Theorie)

Merton; nordamerikanische Einwanderergesellschaft

Keine Mittel und Wege um angestrebten Zustand (Wohlstand) vom derzeitigen Zustand (Armut) zu erreichen; „Anomiedruck“ führt zu Reaktionen: a)Konformität (Ziele werden legal erreicht) b)Ritualismus (Ziele werden heruntergesetzt) c)Rebellion (Ziele und Mittel werden bekämpft) d)Apathie (Ziele werden nicht weiter verfolgt) e)Innovation (Ziele werden mit illegalen Mitteln erreicht)

Ziele werden von Menschen trotz möglichen Mitteln illegal erreicht; Wovon welche Reaktion bei welchem Menschen abhängt bleibt unklar; nicht jede Kriminalität hat etwas mit Verwirklichung von Zielen zu tun

9) Ökologische Theorie (soziologische Theorie)

„Chicagoer Schule“; Shaw/Meckay; delinquency areas

Kriminalität abhängig vom Wohnort; jugendliche Bandenkriminalität vor allem in Gebieten mit schwacher Sozialstruktur

Abhängigkeit einleuchtend, aber insgesamt zu ungenau bezüglich konkreter Parameter

10) Subkulturtheorie (soziologische Theorie)

Whyte/Cohen („Chicagoer Schule“)

Bandenmitglieder (aus der Unterschicht) verhalten sich im Rahmen ihrer Normenstruktur konform (Gewalt als Lösung); eigenes subkulturelles System; „Bekämpfung“ der wohlhabenden Gesellschaft

Spezielle Erscheinung in amerikanischer Sozialstruktur (Deutschland?); Großer Teil der Unterschicht lebt aber regelkonform mit der Gesellschaft – Ursache nicht eindeutig

11) Kulturkonflikttheorie (soziologische Theorie)

Sellin; Ausländer – und Einwandererproblem

Widerspruch zwischen Werte- und Normensystem des Heimatlandes mit dem neuen Land führt zu kriminellen Verhalten; „Kulturschock“

Theorie ebenfalls durch amerikanische Einwanderergesellschaft entstanden; keine Bestätigung bei der ersten Gastarbeitergeneration in Deutschland -> zweite Generation hat deutliche Probleme (innerer Kulturkonflikt zwischen Elternhaus und sozialem Umfeld); Theorie durchaus gut vertretbar

 

C) Mehrfaktorenansätze 

Vielschichtiger als alle oben genannten Theorien, da es nach allgemeiner Erkenntnis nicht eine konkrete Ursache für Verbrechen gibt. Viele Faktoren und Merkmale werden hierbei berücksichtigt um den Täter und sein soziales Umfeld zu analysieren (Familie, Beruf, Freunde, Freizeit, ...). Alle Ansätze stützen sich primär auf empirische Untersuchungen (Vorwurf der Theorielosigkeit).

o Franz v. Liszt (Synthese von Anlage- und Umwelteinflüssen) 

o Kaiser (Unterschiedliche Sozialisation und Sozialkontrolle); Misslingt bei der Sozialisation innerhalb der Familie die Verinnerlichung der gesellschaftlichen Normen, kann dies zu kriminellen Verhalten führen

o Glueck/Glueck (Faktoren für kriminelles Verhalten); je stärker desto unwahrscheinlicher 

  • Beaufsichtigung des Jugendlichen durch die Mutter
  • Strenge Erziehung
  • Zusammenhalt in der Familie

o Göppinger (Täter in seinen sozialen Bezügen); kriminovalente (begünstigende) Faktoren (Gegenteil kriminoresistenet Faktoren) 

  • Vernachlässigung des Arbeitsbereiches
  • Fehlendes Verhältnis zu Geld und Eigentum
  • Unstrukturiertes Freizeitverhalten
  • Geringe Belastbarkeit
  • Irrige Anpassungserwartungen
  • Forderung nach Ungebundenheit

Vgl. hierzu auch Hemmer/Wüst (Kriminologie/Jugendstrafrecht/Strafvollzug) Rn 14-32; Schwind (Kriminologie – Eine praxisorientierte Einführung mit Beispielen) §§4-8; Alpmann/Schmidt (Kriminologie/Jugendstrafrecht/Strafvollzug) S.15-35

 

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Details

Titel
Kriminalitätstheorien im Überblick
Veranstaltung
Kriminologie
Note
gut
Autor
Jahr
2003
Seiten
7
Katalognummer
V110116
ISBN (eBook)
9783640082933
Dateigröße
590 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Kriminalitätstheorien, Kriminologie
Arbeit zitieren
Ass. Jur. Sebastian Knabben (Autor), 2003, Kriminalitätstheorien im Überblick, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110116

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