Der Armutsbegriff bei Franziskus von Assisi


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

28 Seiten, Note: 2,3


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung – Versuch einer Definition des Begriffs „Armut“

2. Die Armut in der biblischen Überlieferung
2.1 Allgemeines
2.2 Der Armutsbegriff im Neuen Testament – Jesus Christus und die Armut

3. Der Armutsbegriff bei Franz von Assisi
3.1 Die Bekehrung des Heiligen Franziskus von Assisi und sein Weg zur „Herrin Armut“
3.2 Der frühe Franziskanerorden und die „äußerste Armut“ als Ideal
3.3 Der Franziskanerorden nach Franziskus von Assisi – Wirkungsweise des angestrebten Armutsideals auf die kirchliche Obrigkeit - Der „Theoretische Armutsstreit“

4. Abschlussbetrachtung – Franziskanische Armut in der heutigen Zeit

- Abkürzungsverzeichnis

- Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung – Versuch einer Definition des Begriffs „Armut“

Der Armutsbegriff erscheint in seiner Vielschichtigkeit als nur schwierig definierbar. Eine allgemeingültige Definition gibt es daher nicht.

Aus heutiger Sicht kennen wir den Begriff fast ausschließlich im Zusammenhang mit den Problemen der Entwicklungsländer, bringen ihn mit materieller Not und einem Leben am Existenzrand in Verbindung. Ob der Hungerleidende in der dritten Welt, oder der Bettelmann vor der Pforte eines Gotteshauses – der Armutsbegriff präsentiert sich uns als ein häufig aufgezwungener Zustand, gemessen an Einkommen und Besitz, verbunden mit der Chancenlosigkeit der Betroffenen und einem Versorgungsmangel an materiellen Gütern.

Durch diese Sichtweisen, die zumeist ökonomisch-konzeptionell beeinflusst sind, versperrt sich der Betrachter einen breiten Blick auf den Armutsbegriff, und erscheint die Definition als unvollkommen und defizitär.

Immer mehr in den Hintergrund geraten und als - freilich im historischen Sinne - vergangener Aspekt abgetan, vernachlässigt man den Armutsbegriff als ein von Minderheiten ausgeübtes Lebensideal. Freilich klingt der Begriff „Ideal“ im Zusammenhang mit den sichtbaren Nöten in der Welt ein wenig befremdlich. Dennoch ist nicht von der Hand zu weisen, dass gerade unter dem Dach der Religiosität die Armut nach wie vor als eine anzustrebende Lebensnorm angesehen wird. So spielt die Armut als zölibatäres Gelübde, neben der Keuschheit und dem Gehorsam, ebenso eine zentrale Rolle im Leben eines katholischen Geistlichen, wie auch in verschiedenen geistlichen Orden.

Diese letztgenannte Variante der gelebten Armut geht in ihrer Geschichte bis auf die Wirkungszeit von Jesus Christus zurück und gipfelt als anzustrebende Lebensnorm im Wirken und Schaffen des Heiligen Franziskus von Assisi, der wie kein anderer die Armut und den damit verbundenen Verzicht verehrt und gelebt, um nicht zu sagen, geliebt hat.

Als Gründer des noch heute aktiven Franziskanerordens, ist er das Vorbild der Bescheidenheit ganz im Sinne des christlichen Armutsbegriffs.

In folgender Ausarbeitung wird der Versuch unternommen, die Rolle und den Begriff der Armut im Leben von Franziskus von Assisi genauer zu betrachten. Dazu soll zunächst als kurzer Exkurs durch die Betrachtung der frühchristlichen Armutsoption und dem Armutsbegriff unter Jesus Christus, dem größten Vorbild des Heiligen Franziskus, eine Folie gebildet werden.

2. Der Armutsbegriff in der biblischen Überlieferung

Das Armutsthema ist seit jeher ein zentrales Thema des Christentums und auch in der Geschichte der Kirchenbewegung. Titulierungen, wie „die Kirche der Armen“ oder „die Armen Gottes“, finden ihre Prägung bereits in der frühchristlichen Zeit und begleiten das Wirken und Schaffen von Christus. Die Bibel ist die eigentliche Quelle, die es uns ermöglicht, historische als auch theologische Einblicke in die christlichen und vorchristlichen Sichtweisen zum Armutsbegriff zu gewährleisten. Dazu müssen wir zunächst von der Glaubwürdigkeit und „Echtheit“ der Bibel ausgehen.

2.1 Allgemeines

Ähnlich wie in der Septuaginta, der griechischen Bibelübersetzung, finden wir auch in der lateinischen Bibel, der Vulgata, drei unterscheidbare Armutsoptionen.

Zunächst wird man mit dem Wort egenus konfrontiert. Dies ist in der lateinischen Bibel die Bezeichnung für Menschen, die deshalb an Armut leiden, weil sie wenig erzeugen und ihnen somit eine gutsituierte Lebensform untersagt bleibt.[1] Ein zweiter Begriff heißt inops – diese Menschen sind bedürftig, weil sie keinerlei Reichtum vorzuweisen haben, also im ursprünglichen Sinne des Wortes mittellos sind.[2]

Die dritte Bezeichnung lautet mendicans und steht für diejenigen, die aufgrund einer Behinderung nicht arbeiten, keine Erträge erwirtschaften können und deshalb als Bettler ihr Dasein fristen müssen.[3]

Diese drei Optionen bieten eine grobe Einordnung des Armutsbegriffs innerhalb der Bibel.

Im Allgemeinen verdeutlicht die Bibel den Reichtum und die Armut, trotz ihrer Gegensätzlichkeit, als von Gott gewollte Phänomene, die der Gottesfürchtige akzeptieren muss. So erscheint die ertragreiche Getreideernte ebenso als ein Segen, wie jede andere Lebensoption, sei sie auch verbunden mit Armut und Krankheit, denn sie ist von Gott gewollt.[4]

Ein anderer interessanter Aspekt ist der Schutzzuspruch, den die Armen in der biblischen Überlieferung seit jeher erfahren.

So finden wir im Alten Testament folgende Zeilen:

„Parcet pauperi et inopi

et animas pauperum salvas faciet.” [5]

Und weiter heißt es:

„…Ex oppressione et violentia redimet animas eorum, et pretiosus erit sanguis eorum coram illo.“ [6]

In diesen Zeilen wird Gott als Beschützer und Retter der Armen dargestellt, der sie vor Gewalt und Unterdrückung bewahrt.

Gott ist also, laut Bibel, die alleinige Hoffnung für die Armen.

In der Heiligen Schrift wird der Armutsbegriff häufig gleichgesetzt mit den Attributen schwach und jung, wobei letzteres im Sinne von machtlos zu verstehen ist.

Eine gewichtige Stelle im Alten Testament verdeutlicht diese These:

„... qui respondens ait obsecro Domine mi in quo liberabo Israhel ecce familia mea infima est in Manasse et ego minimus in domo patris mei.“ [7]

Hier fleht ein junger Knabe, der sich und seine Familie als schwach bezeichnet, Gott an, er solle ihm helfen bei der Befreiung Israels. Die Bibel also präsentiert ihn, den Schwachen und Armen, als von Gott auserwählt, seine Bürde zu tragen.

An anderer Stelle erfahren die „Armen Gottes“ in der göttlichen Planung und Vorsehung eine exemplarische Zuwendung, die durch die Überlieferungen des Propheten Isaias (Jesaia) in seiner Kritik an den Reichen bestätigt wird.[8]

Und weiter heißt es bei Isaias:

„…frange esurienti panem tuum et egenos vagosque induc in domum tuam cum videris nudum operi eum et carnem tuam ne despexeris .“ [9]

Die genannte Zuwendung für die Armen, wird in diesen Zeilen verdeutlicht durch die Aufforderung, den Hungrigen Brot zu geben, die Obdachlosen ins Haus aufzunehmen, und den Unbekleideten. Kleidung zu geben.

Auch in der vorchristlichen Zeit ist unstrittig, dass die Armut sowohl ein durch Umstände aufgezwungener Zustand als auch durch eigene Schuld verursachter Zustand sein kann. Dass Gott sich seiner Armen jedoch erbarmt und ihnen Schutz bietet, kann in der Heiligen Schrift ebenso nachvollzogen werden.

So sind es, laut Bibel, die Armen, die am Ende die Erde erben werden.[10]

2.2 Der Armutsbegriff im Neuen Testament – Jesus Christus und die Armut

Zur Zeit von Jesus Christus präsentierte sich Israel als römische Kolonie. Dementsprechend bestimmten die Römer nicht nur das kulturelle und gesellschaftliche Leben innerhalb der Kolonie, sondern auch das wirtschaftliche Leben. Die Verantwortung für eine damals vorhandene Klassengesellschaft lag aber nicht allein bei den Kolonialherren. Vielmehr war diese Klassengesellschaft ein etabliertes System im jüdischen Volk. Mit dem Ältestenrat, den Schriftgelehrten und dem Priesteradel auf der einen Seite, und den Armen und Unterdrückten auf der anderen, bestand der Alltag des jüdischen Volkes aus starken Unterschieden bezüglich Reichtum und Macht. Besonders der Priesteradel, verantwortlich für den so genannten Tempelkult, machte den Armen das Leben schwer durch die Erhebung der nicht geringen Tempelsteuer, die zu entrichten jeder jüdische Mitbürger verpflichtet war.[11] Die Hohenpriester, zumeist Sadduzäer[12], genossen ebenso Zuwendungen durch Opfergaben der Reichen[13] und waren, durch ihre Zusammenarbeit mit den Römern, starke Nutznießer der Kolonialherrschaft.

Zu den besser Gestellten im Volk fügten sich die Schriftgelehrten hinzu, die zum größten Teil Pharisäer waren. Die Pharisäer sonderten sich nicht nur gemäß der ursprünglichen Etymologie ihres Namens[14] von der übrigen, besser gestellten Schicht ab, sondern auch ganz besonders von den an Armut leidenden Menschen im Volk. Durch ihren starken Glauben an die Gesetze des Moses, verbot ihnen eine, aus heutiger Sicht klare, Fehlinterpretation der Reinheitsgesetze des Moses eine direkte Berührung mit den Armen und Bedürftigen. Deren Bildungsmangel und Lebensart war den Pharisäern fremd und suspekt und so stuften sie die Armen als Sünder oder gottlos ein.[15]

Eine geringfügige, irdische und greifbare Hoffnung für die Armen stellten die so genannten Zeloten[16] dar, die sich gegen die römische Kolonialherrschaft und die Steuerabgaben an den Priesteradel auflehnten. Sie glaubten daran, dass Gott das Volk Israel erretten würde, wenn sie ihre Kraft gegen die Römer einsetzten, und dass danach ein Zeitalter des Wohlstandes für alle im Volk anbrechen würde.

In so einer, von den Ungerechtigkeiten der Stände geprägten Zeit kam Jesus Christus nach Israel. Er selbst war ein Vertreter aus dem armen Volk, der aus Galiläa gekommen war. Sich selbst zum „guten Hirten“ eines zerrütteten Volkes ernannt, stellte er bald den Hoffnungsträger der Armen dar, derer er sich laut Bibel besonders annahm.[17]

Seine Aufgabe, den Armen, Schwachen und Behinderten zu helfen, sah Jesus wiederum in den Worten des Propheten Isaias bestätigt.

So werden im Lukas-Evangelium die Worte aus den Schriften Isaias berichtet:

„Spiritus Domini super me propter quod unxit me evangelizare pauperibus misit me … .“[18]

Das Evangelium nach Lukas ist nur eines der vier Evangelien, denen wir entnehmen können, welche Hilfsbereitschaft und welches Bekenntnis zur Armut Jesus den Bedürftigen aufzeigt.

Im Allgemeinen herrscht innerhalb des Neuen Testaments die einheitliche Auffassung, dass Jesus den Kreis der Armen als eine Art Solidargemeinschaft sah, in der er sich selbst befand.[19]

Das bedeutendste Fundament des Armutsbegriffs bei Jesus Christus liefert uns das Neue Testament mit der Bergpredigt. Der biblischen Überlieferung nach, besteht die Bergpredigt aus den Lehren, die Gott für sein Volk vorgesehen hat und die von Jesus, auf einem Berg sitzend, verkündet wurden.[20]

Nach dem Jesus Christus am Kreuz für die Sünden der Menschen gestorben war, herrschte unter ihnen die einheitliche Erkenntnis, dass Jesus der Bote eines Gottes war, der für die Armen und Schwachen eintritt und ihnen sein Reich widmet. So wurde Christus zum menschgewordenen Gott, zum stärksten Fürsprecher der Armen und zu einem überirdischen Vorbild.[21]

Dieses überirdische Vorbild von Gottes eingeborenem Sohn prägt die gesamte Christenheit von ihren Anfängen bis in die Gegenwart. Und so auch den hl. Franziskus von Assisi, der das Lebensbild von Jesus Christus als sein eigenes annahm, und die durch die Bibel überlieferten Ideale von Armut und Verzicht ebenso lehrte und lebte.

3. Der Armutsbegriff bei Franziskus von Assisi

„Die Heilige Armut macht alle Habsucht und den Geiz und die Sorgen dieser Welt zuschanden.“ [22]

Diese Worte des Heiligen Franziskus von Assisi machen zunächst einmal deutlich, wie ernst und bedeutend ihm, dem Gründer des Franziskanerordens, die „Schwester Armut“ gewesen sein mochte. Franziskus sieht sie als die Feindin der Habsucht, des Geizes und der Sorgen. Im „Lobpreis der Tugenden“ wird die Armut von Franz von Assisi zusammen mit anderen, ihm wichtigen, Tugenden aufgezählt. So sind es neben der Armut unter anderem die Weisheit, die Einfalt, die Liebe und die Fügsamkeit, denen er ebenfalls besondere Bedeutung zumisst. Eine weitere, ihm gewichtige Tugend finden wir in der Demut, denn sie macht, wie er schreibt,

„... den Stolz zuschanden und die Anmaßung der Welt.“ [23]

An einer anderen Stelle heißt es:

„Herrin Heilige Armut,

Gott erhalte Euch durch Eure Heilige Schwester Demut.“ [24]

Die Demut, sie scheint demnach, nach Ansicht von Franziskus, eine wichtige Vorraussetzung für das Leben in Armut zu sein. Ohne sich demütig mit seinem Schicksal abzufinden, wird man also nicht im Stande sein, die Armut als ein zu lebendes Ideal anzusehen und anzunehmen.

Die Armut als Tugend. - Das ist es wohl, was das zentrale Element des Lebens und Schaffens des Heiligen Franziskus war.

Dietmar Westemeyer, seiner Zeit selbst Franziskaner, schrieb unmittelbar nach Ende des 2. Weltkrieges in seinem Buch über Franziskus von Assisi folgendes über die gelebte Armut:

„Er [Franziskus von Assisi] hat die Armut in Formen geübt, dass selbst jene unter uns, denen Bombenwurf und Flammenfraß alles geraubt haben, ihn nicht übertroffen zu haben scheinen.“

Und weiter heißt es bei Westemeyer:

„Er lagert, ohne durch Not dazu gezwungen zu sein, an Toreingängen und auf freiem Felde. Obgleich er in steinernen Wohnungen hätte leben können, versteift er sich auf Holz- und Lehmhütten. In Rivotorto, dem Nazareth des Ordens, haust er wochenlang in einem Schuppen, [...]. Während andere die Armut fliehen [sic!], sucht er sie, sucht sie in solchem Maße, dass er von Unruhe gepackt wird, solange auch nur etwas ihm zu eigen zu sein oder ein anderer ihn darin zu übertreffen scheint. ‚Niemand’, sagt Bonaventura, ‚ist so gierig nach dem Golde gewesen wie er nach der Armut’.“[25]

Diese Worte Westemeyers, möglicherweise geprägt durch die Wirrungen und Emotionen der Nachkriegszeit, stellen ein wahrhaftes Plädoyer für Franz von Assisi und seine Lebensrichtlinien dar. Die Gründe für diese Armutsliebe allerdings bleiben bei Westemeyer ungeklärt.

So soll es im Folgenden zunächst die Aufgabe sein, den Weg von Franziskus von Assisi zu jener Tugend nachzuzeichnen.

3.1 Die Bekehrung des Heiligen Franziskus von Assisi und sein Weg zur „Herrin Armut“

Es versteht es sich von selbst, dass ein Leben voller Verzicht und gelebter Armut nicht immer von vornherein für einen Menschen bestimmt ist.

Für Franziskus von Assisi, geboren 1181/82 unter dem Namen Giovanni di Pietro di Bernardone, war der Armutszustand unaufgezwungen und selbst gewählt. Überhaupt schien seine Kindheit, und damit seine frühe Entwicklung, geprägt durch Sorglosigkeit. Die ausreichend vorhandenen finanziellen Mittel seines Vaters, des Tuchhändlers Pietro di Bernardone, ermöglichten ihm, der von seinem Vater Francesco (Franziskus)[26] gerufen wurde, nahezu völlige Unbeschwertheit in seiner Jugend.[27]

Ein solches Leben gegen eines in Armut zu tauschen, wäre, rein objektiv betrachtet, unverständlich und kaum nachvollziehbar.

Die Biographie des Heiligen Franziskus zeigt uns aber zwei bemerkenswerte Ereignisse auf, die möglicherweise das Leben des jungen Franziskus derart stark zu beeinflussen vermochten, dass sie letztlich eine Wende forcierten.

Zum Einen ist es eine einjährige Kriegsgefangenschaft infolge eines Kleinkrieges zwischen Assisi und Perugia im Jahre 1202. Durch den Sieg Perugias, wurden Ritter und Söhne wohlhabender Familien, so auch Franziskus, in Gefangenschaft genommen. Eine Tortur mag diese Haft vielleicht nicht gewesen sein, aber wohl doch ein Einschnitt im Leben eines jungen Mannes, der außer Freude und Lebenslust bislang nichts kannte. Das zweite Ereignis erscheint uns schon etwas gravierender. So wird überliefert, dass Franziskus, unmittelbar nach seiner einjährigen Haft, sehr schwer erkrankte und für geraume Zeit bettlägerig war. Woran er litt, ist nicht zu erfahren, wohl aber, dass er sich für den Rest seines Lebens nie wieder richtig von dieser Krankheit erholte, und aus einem jungen, stabilen Organismus ein kränkelnder, demütigerer Mensch geworden war.[28]

Geprägt durch eine fundierte Ausbildung sowohl im Schreiben als auch in der Literatur, zog es Franziskus um 1204 weg von Assisi nach Apulien. Es war das Ritterdasein, welches er gemeinsam mit einem adligen Assisiaten[29] anstrebte. Der Überlieferung nach waren es verschiedene Träume und Visionen, die den Eifer in Franziskus entzündeten, sich dem Rittertum zuzuwenden und wiederum auch wieder abzuwenden. So erzählt uns seine Biographie von einer Vision, die ihn zur Rückkehr in seine Heimatstadt bewegte und ihm das „geistliche Rittertum“ als Lebensaufgabe nahe legte.

Die so genannte Vision von San Damiano jedoch ist es, die den Lebenswandel von Franziskus am stärksten verdeutlicht. In jener Kirche San Damiano nämlich vernahm er während eines Gebetes die Stimme des Herrn vom Kreuz herab, der ihn der Überlieferung nach beauftragte, seine Kirche wieder aufzubauen. Zunächst im wörtlichen Sinne fehlgedeutet, erneuerte Franziskus mit eigenen Händen und ganzer Körperkraft den Kirchenbau von San Damiano. Erst da schien ihm die wahre Bedeutung der göttlichen Aufforderung bewusst. Der Wiederaufbau seines Hauses – damit schien viel mehr eine Reform der mittelalterlichen Christengesellschaft gemeint zu sein.[30] Und da es für Franziskus zweifelsohne Jesus gewesen war, der ihn vom Kreuz herab ansprach, liegt womöglich auch in dieser Legende der Grund für die Vorbildwirkung von Jesus Christus auf Franziskus von Assisi vor (imitatio Christi).

Diesen so genannten „Bekehrungsvisionen“ folgen viele weitere, die eine nachvollziehbare Wende im Leben von Franziskus verdeutlichen mögen, aber deren Nennung an dieser Stelle den Rahmen sprengen würde.

Tatsache ist, dass es jene Visionen waren, die Franziskus aufforderten und sogar ermahnten, sein Leben von Grund auf zu ändern.

Die Abnabelung von seinem Vater, die offenbar unter keinem glücklichen Familienstern gestanden hatte, liefert ein Schlüsselerlebnis, das die Bestrebungen von Franziskus, Gott allein zu dienen, beinhaltet. So war es der Wiederaufbau der Kirche San Damiano, der Vater und Sohn gewissermaßen entzweite. Das Geld des Vaters nämlich sollte den Wiederaufbau finanzieren. Nach Rückforderung des Vaters, kam es auf öffentlichem Platz zu einem Eklat, in dem Franziskus dem Vater nicht nur alle Schulden, sondern auch seine Kleider vor die Füße warf und nackt erklärte, er wolle nur noch einem Vater, nämlich Gott, dienen.[31] Dieses Ereignis sah Franziskus als das Ende eines Lebens in Sünde an und als den Anfang eines Lebens unter göttlicher Führung.

Franz von Assisi legte zu jenem Zeitpunkt also alles Weltliche ab und „... denkt nur noch an Gottes Gerechtigkeit“, wie uns bereits Celano[32], der erste Biograph des Hl. Franziskus, wissen ließ.[33]

Ob Franziskus, nun in seinen Ansichten bekehrt, zunächst ein Leben als Mönch führte, kann ihm historisch nicht nachgewiesen werden. So ist nicht belegt, dass er sich irgendeinem höheren Geistlichen unterstellte oder in einem Kloster um Aufnahme bat. Als sehr wahrscheinlich gilt die Annahme, dass ihm bereits bestehende Orden und ihre Regeln nicht zusagten und er den göttlichen Auftrag in der Bestrebung sah, seine eigene Bewegung zu finden.[34]

Durch diese Ausführungen, haben wir uns eine Brücke gebaut, die erklärt, wie aus einem wohlhabenden und lebenslustigen Burschen, ein ernsthafter, tief im Glauben verwurzelter Mensch wurde.

Dieser Weg war notwendig, um die Glaubensgrundlagen darzulegen, die letztendlich zur Armut als Lebensbekenntnis von Franziskus von Assisi führten.

Doch wie kam der Heilige Franziskus von Assisi mit der Armut, die ihm Bekenntnis und Heilsgarantie wurde, in Berührung?

Schenken wir Helmut Feld, dem langjährigen Franziskus-Biographen, Glauben, so mag es wohl ein ganz bestimmtes Datum gewesen sein, das auf Franziskus, angesichts seiner ohnehin bereits vollzogenen Lebenswende, große Wirkung gehabt haben kann. Vom 24. Februar 1208, dem St. Matthias-Tag nämlich, wird überliefert, dass Franziskus in der Portiuncula-Kirche erstmals ausführlich mit dem 10. Kapitel des Matthäus-Evangeliums in Verbindung gekommen war. Dort fand er seine Ahnungen über die Armut von Jesus Christus und seinen Jüngern bestätigt. Diese „evangelische Armut“ offenbar wurde Franziskus zum unerschütterlichen Vorbild.[35]

3.2 Der Frühe Franziskanerorden und die äußerste Armut als Ideal

Das Leben und Leiden Jesu Christi zum Vorbild[36] genommen, begannen Franziskus und seine Anhänger[37] die „evangelische Armut“ als Auftrag Gottes zu leben.

Ein Auszug aus dem Testament des hl. Franziskus aus dem Jahre 1226 verdeutlicht uns, den „göttlichen Auftrag“, wie Franziskus ihn sah:

„ Et postquam dominus dedit mihi de fratibus, nemo ostendebat mihi, quid deberem facere, sed ipse Altissimus revelavit mihi, qoud deberem vivere secundum formam sancti Evangelii. Et ego paucis verbis et simpliciter feci scribi, et dominus papa confirmavit mihi.“ [38]

In diesem Testaments-Auszug wird deutlich, dass Franziskus von Assisi seine Aufgabe, nach eigener Meinung, von niemand geringerem als von Gott selbst bekommen hatte. Für ihn war es die forma sancti Evangelii, die Form des heiligen Evangeliums, welche die Lebensrichtlinie für ihn und seinen Orden bildete, und als Regula bullata schon drei Jahre zuvor Bestätigung durch den Papst[39] fand.

Das Evangelium also sollte die Hauptregel für Franziskus und seine Bewegung sein. Zusätzliche Regeln waren ihm unnötig und so mahnte er seine Brüder, keinerlei andere Regeln hinzuzufügen.[40]

Das zweite biographische Buch des Thomas von Celano, das Buch der Vita secunda sancti Francisci, liefert uns nicht weniger als neun bestätigende Abschnitte, die beschreiben, welche Bedeutung die paupertas, die Armut, als wichtigstes Prinzip im Leben des jungen Franziskanerordens hatte. So zum Beispiel im Kapitel De laude paupertatis, das uns die große Rolle der franziskanischen Armut verdeutlicht.

Celano stellt die Armut als Braut bzw. Gemahlin (uxori) des Franziskus dar, und Franziskus selbst als Liebhaber (amator) ihrer Schönheit. Laut Celano gibt Franziskus für diese Gemahlin alles auf und lässt sein früheres Leben hinter sich. Den Minderbrüdern seines Ordens jedoch hätte Franziskus die Armut als Maßstab religiöser Vervollkommnung (perfectionis viam) dargestellt.[41]

Natürlich ist es möglich, dass Thomas von Celano, selbst einer der späteren Minderbrüder und Zeitzeuge des Franziskus, in seinen biographischen Schriften der Franziskanischen Armut durch reiflich gewählte Rhetorik ein stärkeres Antlitz verleihen wollte, als es möglicherweise der Wirklichkeit entsprach. Ob seine Angaben verlässlich sind, kann nicht immer festgestellt werden, aber im Angesicht eines gottverbundenen und demütigen Lebens, können vollkommene Falschaussagen bei Celano wohl ausgeschlossen werden.

Mit der Armut als anzustrebendes Lebensideal und Maßstab religiöser Vervollkommnung im Hinterkopf, entwickelte sich Franziskus mehr und mehr zum Helfer der Armen und Aussätzigen, die er, wo er nur konnte, unterstützte.

Einen konkreten Hinweis auf die Umwandlung des hl. Franziskus zum Freund der Aussätzigen, finden wir in der so genannten Legenda trium sociorum, der Drei-Gefährten-Legende (3 Soc). Dort wird in zwei Ereignissen beschrieben, wie Franziskus sich der Aussätzigen annahm, ihnen Geld gab und ihre Hände küsste.[42]

An dieser Stelle muss aber auch bemerkt werden, dass diese Hilfsbereitschaft nicht unbedingt nur auf der Liebe zu den Armen basierte, sondern ebenso auf Neid.

Edmund Weber schreibt dazu:

„Niemand war weniger diakonisch als Franz. Gab er einem Armen sein Letztes, so deshalb, weil er diesen übertreffen wollte – in Elend und Not, um sicherzustellen, daß seine Liebe zu Frau Armut die feurigste, seine äußerliche Armut die größte sei.“ [43]

Zurück zur Drei-Gefährten-Legende[44].

Sie liefert uns die Hauptquelle früher franziskanischer Armut. Sie zeigt uns die Armutsidee des hl. Franziskus als die Form der imitatio Christi auf.[45] So wird dort beschrieben, wie Franziskus sich von der Fürsorge eines hilfsbereiten Priesters abwandte, um nur noch vom Bettel zu leben. Er wollte ein Leben in vollständiger Armut führen „... um der Liebe dessen willen, der arm geboren wurde, noch ärmer in der Welt lebte, nackt und arm am Kreuz verblieb und in einem fremden Grab bestattet wurde.“ [46]

Die Armut als solche wurde von Franziskus und seinen Anhängern gewissermaßen personifiziert und zur domina paupertas, zur Herrin Armut, erklärt.[47]

Mit seinen ersten Anhängern, Bernhard und Petrus, die am 16. April 1208 zu ihm kamen, ging Franziskus in die Kirche San Nicolo, die er offenbar aufsuchte, um die biblischen Grundlagen seiner Vereinigung auszuloten.

„Geh und verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen“ [48], „Nehmt nichts mit auf den Weg“ [49] und „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst“ [50], in diesen Aussagen, den Evangelien entnommen, mögen die jungen Franziskaner, denen sich Ende April 1208 ein junger Mann namens Ägidius anschloss, die Aufgabe gesehen haben, die mittelalterliche Christenheit in ihrer Angelegenheit zu missionieren.[51] Erste Missionierungsversuche blieben der Überlieferung nach erfolglos. Möglicherweise ist das auf die Mittellosigkeit, die Franziskus und seine Brüder durch ihre verwahrloste Kleidung auch optisch zum Ausdruck brachten, und auf ihr vom Bettel gezeichnetes Leben zurückzuführen.[52]

Durch eine bis zum Jahre 1209 anwachsende Mitgliederzahl des Ordens war es möglich, Missionsreisen zeitgleich in verschiedene Weltrichtungen zu unternehmen, die als erfolgreicher betrachtet werden dürfen.

Ein gewichtiges Datum in der Geschichte des jungen Franziskanerordens bildet der Besuch von Franziskus bei Papst Innocenz III (1198-1216), der wohl zwischen den Oster- und Pfingstfeiertagen 1209 in Rom stattfand. Der Heilige Vater segnete die Vorstellungen des Franziskus über die Armut und seinen Auftrag genehmigend ab.[53]

Für Franziskus und seine Bewegung war dieser Besuch beim Papst sehr bedeutend. Hatte doch die „göttliche Obrigkeit“ ihnen den Weg für ihr Leben in Armut und für ihre Mission befürwortet.[54]

Mit dieser Bestätigung waren die jungen Franziskaner nun bestrebt ihr Leben in völliger, absoluter Armut zu verbringen. Dass sie dies nach dem Vorbild des Evangeliums (vita evangelica) zu tun hatten, wurde bereits mehrfach erwähnt. Unproblematisch war diese Lebensweise jedoch nicht. Vergleichst man die Ideale des frühen Franziskanerordens mit anderen zeitgenössischen Gruppierungen des Mönchs- oder Erimitentums, so fällt auf, dass das Vorhaben des Franziskus ein vollkommen neuer Versuch war, die Lebenszustände von Christus und seinen Jüngern nachzuahmen. Keinem anderen Orden konnte bislang ein solches Leben nachgewiesen werden.[55]

Von ihrem „göttlichen Auftrag“ sowie der Armut als Heilsgarantie überzeugt und unerschütterlich glaubend, zeichnete sich das frühe Ordensleben durch Strenge und eine gewisse Unerbittlichkeit aus. So war Franziskus, wie bereits erwähnt, zunächst gegen Neuerungen der Ordensregel oder zusätzliches Regelwerk. Die absolute Abwertung des Geldes ist denn möglicherweise auch so zu erklären.

Berufen auf das Evangelium des Lukas[56] nämlich, gab es im frühen Ordensleben das Verbot, Geld oder Münzen zu berühren, aufzuheben oder anzunehmen, denn von ihnen sollten die Minderbrüder des Ordens „... keinen größeren Nutzen haben und erwarten als von

Steinen.“ [57] Einzige Ausnahmen waren Notsituationen und Krankheit.

Verfolgen wir das Testament des hl. Franziskus weiter, erfahren wir, wie die gelebte Armut äußerlich aussah.

So heißt es in der deutschen Übersetzung des Testamentes weiter:

„Und diejenigen, die kamen, um diese Lebensform auf sich zu nehmen, gaben allen ihren Besitz den Armen; und sie waren zufrieden mit einer Kutte, innen und außen mit Flicken besetzt, mit einem Leibgurt und Hosen. Und wir wollten nicht mehr haben.“ [58]

So gaben sie denn auch wirklich alles ab, was ihnen im Widerspruch zur „Herrin Armut“ erschien, gaben es den Bedürftigen oder verzichtet einfach darauf.

Die Forderungen von Franziskus von Assisi nämlich bedeuteten Verzicht auf jedweden Besitz. Selbst Kleidung war als Leihgabe anzusehen. Das galt nicht nur für die Mitglieder als einzelne Individuen, sondern für den Orden als Ganzes.[59]

In der Regula non bullata von 1221 heißt es an einer Stelle:

„Die Brüder dürfen sich nichts aneignen: weder Haus, noch Platz, noch irgend etwas. Und wie Pilger und Fremde auf dieser Welt sollen sie in Armut und Demut dem Herrn dienen und vertrauensvoll Almosen betteln gehen, und sie brauchen sich nicht zu schämen, weil der Herr sich für uns zum Armen auf dieser Welt gemacht hat. Das ist die Höhe der allerhöchsten Armut, [...].“[60]

Nach Ansicht der jungen Franziskaner, sollte aber auch der Hochklerus Verzicht auf Besitz und Macht üben. So gab es denn auch keinerlei Toleranz gegenüber Reichtum und Besitzanspruch höherer katholischer Geistlicher. Man stelle sich vor, wie die franziskanischen Lebensideale vom höheren Klerus wahrgenommen wurden.

Angefangen von Guido von Assisi (1204-1228), Johannes Kardinal von St. Paul bis hin zu Kardinalbischof Hugo von Ostia und seiner Heiligkeit Papst Innozenz III selbst, waren alle bestrebt, Franziskus von seinem radikalen Armutsbild abzubringen. Besonders Hugo von Ostia präsentierte sich in dieser Angelegenheit als scharfer Widersacher der franziskanischen Idee.[61]

So war er bestrebt, die Franziskaner „... als normalen Orden in das kirchliche Rechts- und Machtsystem zu integrieren.“ [62] Eine andere Möglichkeit sah er wohl darin, den jungen Orden mit dem Predigerorden des Spaniers Dominikus zu vereinen. Diese Möglichkeit wurde aber entschieden von Franziskus zurück gewiesen.[63]

Zu Lebzeiten von Franziskus konnte durch Gehorsamsgelöbnisse und zwischenmenschliche Höflichkeit ein Eklat in dieser Sache verhindert werden.

Erinnern wir uns aber an den göttlichen Auftrag, den Franziskus in der Kirche San Damanio vernommen hatte, und der ihm von einer Reform der mittelalterlichen Christengesellschaft kündete, so scheint offensichtlich, dass Franziskus sich in seinem Bestreben von der Obrigkeit nicht beeinträchtigen ließ. Nach seiner Vorstellung hätte es vice versa eine Umorientierung des Hochklerus geben müssen.

Es war nämlich die Bekehrung, die er stärker als die bloße Reform anstrebte. So war es ihm wichtig, das die Prälaten mit ihm in einem idealistischen Konnex standen, kurz, dass sie so dachten wie er.

„Denn ich will durch Demut und Ehrfurcht zuerst die Prälaten bekehren. Wenn sie unser heiligmäßiges Leben und die Ehrfurcht ihnen gegenüber sehen, dann werden sie euch bitten, dass ihr predigt und das Volk bekehrt.“ [64]

Diesen Worten entnehmen wir Programm und Vorhaben des Heiligen Franziskus, auch den Hochklerus für seine Ansichten zu gewinnen. Dieses Programm blieb, wie noch gezeigt werden wird, unverwirklicht.[65] Für die klerikale Obrigkeit war es undenkbar, Besitztümern privater und gemeinschaftlicher Natur zu entsagen.

Den jungen Franziskanern indes schlossen sich immer mehr Menschen an, die dem Ideal des Heiligen Franziskus folgen wollten. Franziskus selbst führte verschiedene Missionsreisen durch, die ihn weit über Mittelitalien hinaus bis in den Orient (1219-1220) führten.

Die Franziskanische Armut in den letzten Lebensjahren des Franziskus weiter zu verfolgen, erscheint an dieser Stelle unangebracht, haben wir uns doch einen ausreichenden Überblick über das franziskanische Ideal und das franziskanische Anliegen verschaffen können.

Im Folgenden soll es die Aufgabe sein, die Probleme, die sich in der Armutsfrage auch schon zu Lebzeiten des Ordensgründers ergaben, nach dem Tode des Franziskus darzulegen.

3.3 Der Franziskanerorden nach Franziskus von Assisi – Wirkungsweise des angestrebten Armutsideals auf die kirchliche Obrigkeit - Der „Theoretische Armutsstreit“

Nach dem Franziskus im Jahre 1226 bei der Portiuncula-Kirche gestorben war, befand sich der Franziskanerorden in einem instabilen Zustand. Zwar hatte Franziskus sich schon lange vor seinem Tod von der Führung seines Ordens distanziert[66], doch blieb er seinen Anhängern verständlicherweise Vorbild, ideeller Geist und Fels der franziskanischen Idee. Nach seinem Tod jedoch war die treibende Kraft der Bewegung gewissermaßen nicht mehr existent. Folglich stellte sich den Franziskanern die Frage nach ihrer Zukunft und die Frage nach einem geordneten Ordensleben ganz im Sinne des heiligen Franziskus. Wir wissen, die franziskanische Idee bedeutete absoluten Verzicht auf privaten Besitz, sowohl im Einzelnen als auch für den Orden als Ganzes, sowie Verzicht auf Geld und Wertgegenstände. Das heißt auch, den Franziskanern stand laut Franziskus kein Grundbesitz zu. Diese absolute Armut, welche fordert, dass der Franziskanische Mönch nichts besitzt außer seinem Körper, stellte sich im Laufe der Zeit als nicht unproblematisch heraus. Die forma sancti evangelii, die schon mehrfach erwähnt wurde, stand, als Regula bullata vom Papst abgesegnet, den Franziskanern, die auch nach dem Tod ihres Anführers einen enormen Zuwachs verzeichnen konnten[67], als für sie unabdingbare Grundregel zur Verfügung. Das Leben von Christus und seinen Jüngern der Überlieferung nach exakt nachzuleben, schien in der Realität jedoch schwierig zu werden.

Um von Konkurrenz geprägten Auseinandersetzungen mit anderen zeitgenössischen Orden vorzubeugen und ihre Missionsaufgaben ungehindert und geschützt weiterführen zu können, war es auch für die Franziskaner unumgänglich, den Weg der kirchlich-juristischen Institutionalisierung und Absicherung zu gehen, und die Mithilfe der Amtskirche zuzulassen.[68] So musste ein realitätstreuer Kompromiss geschaffen werden, zwischen den unerbittlichen Forderungen des Franziskus und den Notwendigkeiten des täglichen Lebens.[69]

In Folge dessen offenbarte sich immer mehr die Tatsache, dass die Armut, wie Franziskus sie wollte, kaum hundertprozentig umzusetzen war. So bestand der Errichtungsbedarf von Gebäuden, wie Kirchen und Konventen, ebenso, wie der Bedarf der Verrichtung von Alltagsgeschäften, die unter absoluter, finanzieller Besitzlosigkeit nicht absolviert werden konnten.

Der gefundene Kompromiss bestand in einer Trennung zwischen Eigentumsrecht und freiem Gebrauch. Der so genannte simplex usus facti, der „rein faktische Gebrauch“, war es denn auch, den die Franziskaner mit ihren Ordensregeln zu vereinbaren wussten. So lebten sie offenbar in Gebäuden, deren Nutzung ihnen oblag, aber die Eigentum anderer waren.

Die vorerst vollständige Lösung des Problems wurde im Jahre 1245, also beinahe 20 Jahre nach dem Tod des Heiligen Franziskus, durch Papst Innozenz IV. mit der Bulle Ordinem vestrum erreicht. Demnach übernahm der Papst alle Besitzansprüche über die Güter, die die Franziskaner nutzten.[70] Der Heilige Bonaventura[71], der den Franziskanern ab 1257 als General vorstand, erörterte das vorläufige Ende des mittlerweile leidigen Disputs später in seinen Schriften und befürwortete den Kompromiss als usus arctus, als „engen Gebrauch“.[72]

Er war es auch, der in der Armutsfrage zwischen den Fratres de communitate (communitas ordinis)[73], die der absoluten Armut gemäßigt gegenüberstanden, und den Spiritualen, die dem Ideal des Franziskus unbeirrbar zur Seite standen, fortan als Vermittler fungierte. Diese Notwendigkeit, zwischen zwei verschiedenen Flügeln zu vermitteln, zeigt, wie zahlreich die Konflikte bezüglich der franziskanischen Armut auch innerhalb des Ordens waren.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass noch am 7. Mai 1318 vier des Spiritualen-Flügels in Marseille auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden, weil sie sich den päpstlichen Auffassungen nicht unterwarfen.[74] Sie zahlten so den höchsten Preis für ihr höchstes Ideal, waren sie doch die „wahren“ Erben des Heiligen Franziskus.[75]

Dieser Konflikt verschärfte sich fast 100 Jahre nach dem Tod des Ordensgründers noch einmal. Nennenswert ist in diesem Zusammenhang ein Schreiben Johannes’ XXII. vom 12. November 1323 mit dem Titel Cum inter nonnullos. In dieser Schrift wird die Annahme, Jesus und seine Jünger hätten weder privaten noch gemeinschaftlichen Besitz gehabt, auch unter Bezugnahme auf Genesis 1, 28[76], für irrig erklärt. Durch diese Schrift wurde den Franziskanern, die die Franziskanische Armut mittlerweile zumindest in der Theorie preisen und lehren wollten, die eigentliche Basis ihrer Existenz entzogen und, wie Helmut Feld verdeutlicht, „... das ursprüngliche Ideal des Franziskus selbst (!) zur Häresie erklärt... .“ [77]

Die weiteren Auseinandersetzungen können an dieser Stelle nicht weiter im Detail verfolgt werden. Tatsache aber ist, dass der so genannte „Theoretische Armutsstreit“ als Disput noch viele Jahre andauerte und erst nach dem Tode Johannes’ XXII allmählich abflachte. Nichtsdestotrotz blieben die Vermögenszustände und das apostolische Leben in Armut für Franziskaner und die Kirchenobrigkeit ein heikles Thema.[78]

Rein objektiv betrachtet, handelte es sich beim „Theoretischen Armutsstreit“, ganz dem Titel entsprechend, wohl eher um einen Disput um Worte und Auslegung der Heiligen Schrift. So mussten die Franziskaner letztendlich einsehen, dass das Armutsideal nicht auf Klerus und die gesamte Menschheit übertragbar war und auch für sie und ihre Mission lediglich als eine im höchsten Maße anzustrebende Lebensnorm gelten konnte, die dem Ideal des Heiligen Franziskus von Assisi entsprach, aber der Realität keinesfalls.

4. Abschlussbetrachtung – Franziskanische Armut in der heutigen Zeit

Die Franziskaner sind noch heute in Ordensgemeinschaften aktiv. Diejenigen, die sich in direkt-ideeller Nachfolge des Hl. Franziskus von Assisi sehen, sind in einem Orden zusammengefasst und werden in drei Gruppierungen unterschieden. Zum ersten in die Franziskaner (OFM[79] ), zum zweiten in die Kapuziner (OFMcap) und zum dritten in die Minoriten bzw. Konventualen (OFMConv)[80]. Eine ebenfalls vom Frühen Franziskanerorden abstammende Gemeinschaft bildet der Orden der Klarissen, die auf die hl. Klara von Assisi[81] zurückgehen und in verschiedenen Zweigen wirken.

Die so genannte Franziskanische Gemeinschaft (FG), die den dritten Orden bildet, ist seit dem 19. Jahrhundert in zwei Zweige aufgeteilt, zum einen in die Franziskanerbrüder und zum anderen in die Franziskanerinnen.

Alle diese genannten Ordensgemeinschaften[82] gehen auf die franziskanische Idee und damit auf Franziskus von Assisi zurück.

Auch heute gilt es für diese kontemplativen Orden, das Armutsideal des Franziskus so weit als möglich zu leben.

So verdienen sie ihren Lebensunterhalt weitestgehend mit handwerklichen, pädagogischen und sozialen Arbeiten, sind ebenso stark in seelsorgerischer Funktion tätig und erbitten bzw. erarbeiten nur das, was zum Leben notwendig ist. Eine Form der altissima paupertas, der allerhöchsten Armut, ist freilich nicht erkennbar. Doch ist auch heute bemerkenswert, dass die Kirchen- und Konventsgebäude, die die Franziskaner nutzen, nicht von Prunk und Schätzen gefüllt oder umgeben sind. So versuchen die Franziskaner ein Leben in völliger Bescheidenheit zu führen, ganz im Einklang mit der Natur, um dem Vorbild des Franziskus, freilich der heutigen Zeit etwas angepasst, so nah wie möglich zu kommen.

Sowohl in der älteren als auch in der aktuellen Forschungsliteratur, wird die altissima paupertas, wie Franziskus sie predigte, als kaum umsetzbar betrachtet.

Nichtsdestotrotz bleiben gerade die Extreme, die Franziskus von Assisi in vollkommener Liebe zur Herrin Armut anstrebte, im höchsten Maße beeindruckend. Die Vielzahl seiner noch heute existenten Nachfolger spricht für sich.

In unserer Zeit, in der ökonomisch geprägter Wettbewerb, Egoismus und Wohlstand auf der einen Seite und tiefste Not und Leiden auf der anderen Seite, sich in ihrer Gegensätzlichkeit und Stärke zu den Themen der Medienwelt machen, erscheint die freiwillige Armut als reliquiert und stark in den Hintergrund gedrängt. Nach wie vor aber ist sie jedoch, vielleicht wegen ihrer Realitätsferne, ein bewundernswertes Ideal.

Werte wie Bescheidenheit, Rücksichtnahme, Selbstlosigkeit und Hilfsbereitschaft sind bis auf wenige Ausnahmen zumeist nur noch unter dem Dach der Religiosität zu finden, aber es gibt sie.

Einen nicht geringen Anteil daran haben religiöse Gemeinschaften, die das apostolische Leben von Jesus Christus, geprägt von Nächstenliebe und Bescheidenheit, stets zum Vorbild hatten und auch heute noch haben. So auch der Heilige Franziskus von Assisi, der nicht zuletzt durch seine unbedingte Liebe zur Armut und zu den an Armut leidenden Menschen zu einer bemerkenswerten historischen Persönlichkeit geworden ist, die noch heute eine Vorbildwirkung hat.

Abkürzungsverzeichnis

- In der Vulgata nach Hyronimus gebräuchliche Abkürzungen, die für vorliegende Arbeit verwendet wurden:

Vetus testamentum (Altes Testament)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Novum testamentum (Neues Testament)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

- In der deutschen Bibelübersetzung gebräuchliche Abkürzungen, die für vorliegende Arbeit verwendet wurden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quellen- und Literaturverzeichnis

Quellen:

- Fontes Franciscani, a cura di Enrico Menèsto e Stefano Brufani, S. Maria degli Angeli / Assisi 1995.

Elektronische Datenbanken:

- Vulgata (www.die-bibel.de)
- Nova Vulgata (www.vatican.va/archive/bible/nova_vulgata/documents/nova- vulgata_index_lt.html)
- Die Bibel (www.bibel-online.de)

Monographien, Untersuchungen und Darstellungen:

- Bernhardt, Joseph: Franz von Assisi. Der Verkündiger der religiösen Armut, Lübeck 1933.
- Conrad, Susanne: Franziskanische Armut als Heilsgarantie. Das Zusammenspiel von vita evangelica und Apokalyptik im Verständnis von Petrus Johannes Olivi, in: Gert Melville; Annette Kehnel (Hgg.), In proposito paupertatis. Studien zum Armutsverständnis bei den mittelalterlichen Bettelorden (Vita Regularis 13), Münster 2001.
- Feld, Helmut: Franziskus von Assisi und seine Bewegung, Darmstadt 1994.
- Feld, Helmut: Franziskus von Assisi, München 2001.
- Miethke, Jürgen: Paradiesischer Zustand – Apostolisches Zeitalter – Franziskanische Armut. Religiöses Selbstverständnis, Zeitkritik und Gesellschaftstheorie im 14. Jahrhundert, in: Franz J. Felten u.a. (Hgg.), Vita Religiosa im Mittelalter. Festschrift für Kaspar Elm zum 70. Geburtstag (Berliner Historische Studien 31 = Ordensstudien 13), Berlin 1999.
- Sartory, Thomas und Gertrude: Franz von Assisi. Geliebte Armut. Texte zum Nachdenken, Freiburg 1991.
- Schürer, Markus: Armut als Sinn und Zweck. Beobachtungen zur Wertigkeit der Armut im Selbstverständnis der frühen Franziskaner und Dominikaner, in: Gert Melville; Annette Kehnel (Hgg.), In proposito paupertatis. Studien zum Armutsverständnis bei den mittelalterlichen Bettelorden, Münster 2001.
- Sickert, Ramona: Armut im Vergleich. Überlegungen zur zeitgenössischen Wahrnehmung franziskanischer Armut im 13. Jahrhundert, in: Gert Melville; Annette Kehnel (Hgg.), In proposito paupertatis. Studien zum Armutsverständnis bei den mittelalterlichen Bettelorden (Vita Regularis 13), Münster 2001.
- Weber, Edmund: Die Reformation des Franz von Assisi. Eine theologische Studie, in: Andreas Mehl; Wolfgang Christian Schneider (Hgg.), Reformatio et Reformationes. Festschrift für Lothar Graf zu Dohna zum 65. Geburtstag (THD-Schriftenreihe Wissenschaft und Technik 47), Darmstadt 1989.
- Westemeyer, Dietmar : Franz von Assisi und die Gegenwart (Franz von Assisi und unsere Zeit), Münster 1946.

[...]


[1] Vgl. Vulgata, Ps. 69, 6; Ps. 108, 22 und 2 Cor. 8, 9.

[2] Vgl. Ebd., Ps. 73, 21; Ps. 85, 1.

[3] Vgl. Ebd., Mr. 10, 46; Lc. 18, 35.

[4] Vgl. Vulgata, Lv. 25, 21 und Dt. 28,8.

[5] Vgl. Nova Vulgata, Ps. 72, 13.

[6] Vgl. Ebd., Ps. 72, 14.

[7] Vgl. Vulgata, Id. 6, 15.

[8] Vgl. Ebd., Is. 5, 8.

[9] Vgl. Vulgata, Is. 58, 7.

[10] Vgl. Vulgata, Mt. 5, 3.

[11] Vgl. Ebd., etwa Lc. 18, 12; Mt. 23, 23.

[12] Begriff offenbar abgeleitet von dem Hohenpriester Sadduk.

[13] Vgl. Vulgata., Mr. 12, 41-44.

[14] Pharisäer, (heb.) „die Abgesonderten“.

[15] Vgl. Vulgata, etwa Lc. 18, 9; Io. 7, 49.

[16] Zeloten, (heb.) „die Eiferer“.

[17] Vgl. Vulgata, etwa Io. 10, 11-21; Ez. 34, 11-31.

[18] Vgl. Ebd., Lc. 4, 18.

[19] Vgl. Ebd., etwa Mr. 10.

[20] Vgl. Vulgata, Mt. 5., Die Bergpredigt.

[21] Vgl. Vulgata , Ph. 2, 6 ff.

[22] Zit. nach Sartory, Thomas und Gertrude: Franz von Assisi. Geliebte Armut. Texte zum Nachdenken, Freiburg 1991, S. 90, Der Heilige Franziskus im „Lobpreis der Tugenden“.

[23] Zit nach Ebd., S. 90.

[24] Zit. nach Ebd., S. 89.

[25] Vgl. Westemeyer, Dietmar: Franz von Assisi und die Gegenwart (Franz von Assisi und unsere Zeit), Münster 1946, S. 3.

[26] Ital. für „Franzose“.

[27] Vgl. Feld, Helmut : Franziskus von Assisi, München 2001, S. 18.

[28] Vgl. Feld, Franziskus von Assisi , S. 19.

[29] Ein Einwohner aus Assisi.

[30] Vgl. Feld, Franziskus von Assisi, S. 20.

[31] An dieser Stelle sollte nicht verschwiegen werden, dass Vater und Sohn nicht entzweit blieben. Wie uns die Drei-Gefährten-Legende verrät, erteilte der Vater seinem Sohn im Angesicht der Armut später seinen Segen. (siehe: Sartory, Thomas und Gertrude, Franz von Assisi. Geliebte Armut, S. 39, „Des Vaters Segen“.)

[32] Thomas von Celano; aus Celano stammender Biograph (ca. 1190-ca.1260), der auch einer der Minderbrüder im Orden des Hl. Franziskus von Assisi war und selbst von ihm aufgenommen wurde.

[33] Zit. nach Feld, Franziskus von Assisi, S. 24.

[34] Vgl. Feld, Helmut: Franziskus von Assisi und seine Bewegung, Darmstadt 1994, S. 135.

[35] Vgl. Feld, Franziskus von Assisi, S. 27.

[36] Neben dem direkten Vorbild, das Jesus Christus bot, mag auch der Mystiker Bernhard von Clairvaux (1090-1153; Mitbegründer des Zisterzienserordens ), der mit seiner Idee der cognitio Dei experimentalis der Auffassung sola ratione des Scholastikers Petrus Abälardus (1079-1142) entgegen stand, ein weiteres Vorbild gewesen sein.

[37] Die ersten Anhänger der franziskanischen Bewegung, von Franzikus ganz der Demut entsprechend Minderbrüder genannt, waren nach einem Namenlosen, den Thomas von Celano erwähnt, Bruder Bernhard von Quintavalle, Bruder Petrus Catanii, und Bruder Ägidius. Die drei Gefährten mögen später hinzugekommen sein.

[38] Zit. nach Miethke, Jürgen: Paradiesischer Zustand – Apostolisches Zeitalter – Franziskanische Armut. Religiöses Selbstverständnis, Zeitkritik und Gesellschaftstheorie im 14. Jahrhundert, in: Franz J. Felten u.a. (Hgg.), Vita Religiosa im Mittelalter. Festschrift für Kaspar Elm zum 70. Geburtstag (Berliner Historische Studien = Ordensstudien 13), Berlin 1999, S. 503.

[39] Gemeint ist Papst Honorius III. (1216-1227), der die im Testament niedergeschriebenen Richtlinien als Ordensregeln (Regula bullata) am 29. November 1223 in der Bulle Solet annuere bestätigte.

[40] Vgl. Miethke, Paradiesischer Zustand – Apostolisches Zeitalter – Franziskanische Armut, S. 504-505.

[41] Vgl. Schürer, Markus: Armut als Sinn und Zweck. Beobachtungen zur Wertigkeit der Armut im Selbstverständins der frühen Franziskaner und Dominikaner, in: Gert Melville; Annette Kehnel (Hgg.), In proposito paupertatis. Studien zum Armutsverständnis bei den mittelalterlichen Bettelorden (Vita Regularis 13), Münster 2001, S. 84/85.: „ De laude paupertatis. In valle lacrimarum positus pater iste beatus communes filiorum hominum opes inopes dedignatur, celsiores siquidem ambitiosus fastigii de omni corde suo inhiat paupertati. Hanc Filio Dei familiarem attendens, iam iamque toto orbe repulsam studet caritate perpetua desponsare. Amator igitur factus formae illius, ut uxori fortius inhaereret, ac duo essent in uno spiritu, non solum patrem matremque reliquit, verum etiam universa submovit. Proinde castis eam stringit amplexibus, nec ad horam patitur non esse maritus. Hanc filiis suis dicebat perfectionis viam, hanc aeternarum divitiarum pignus et arrham.”

[42] Vgl. Feld, Franziskus von Assisi und seine Bewegung, S. 121.; auch Sartory, Thomas und Gertrude, Franz von Assisi. Geliebte Armut , S. 31-33, „Bekehrung und Verwandlung“.

[43] Vgl. Weber, Edmund: Die Reformation des Franz von Assisi. Eine theologische Studie, in: Andreas Mehl; Wolfgang Christian Schneider (Hgg.), Reformatio et Reformationes. Festschrift für Lothar Graf zu Dohna zum 65. Geburtstag (THD-Schriftenreihe Wissenschaft und technik 47), Darmstadt 1989, S. 67.

[44] Gemeint sind die drei Ordensbrüder Leo, Angelus und Rufinus, die mit ihren Aufzeichnungen als Gefährten und erste Anhänger der franziskanischen Bewegung in die Geschichte eingingen.

[45] Zeitgenössische Biographen zweifelten den Status der imitatio Christi nicht an. Celano bezeichnet das franziskanische Lebensbild in seiner Abhandlung über die Wunder als „Zeichen eines neuen apostolischen Zeitalters“, das die „... Vollkommenheit der Urkirche wieder ans Licht“ bringt. Auch der Heilige Bonaventura befindet das Leben der jungen Franziskaner als deckungsgleich mit dem Leben von Christus und seinen Jüngern. Eine kritische Stimme finden wir bei Thomas von Aquin, der der Meinung war, man könnte dem Leben Christi ebenso nachfolgen, wenn man Reichtümer besitzt. Als Beispiel führte er Abraham an. (siehe: Feld, Franziskus und seine Bewegung, S. 192)

[46] Zit. nach Schürer, Markus: Armut als Sinn und Zweck, S. 83.

[47] Ebd., S. 83

[48] Vgl. Bibel, Mk. 10, 21.

[49] Vgl. Ebd., Lk. 9, 3.

[50] Vgl. Ebd., Mt. 16, 24.

[51] Aus diesen biblischen Weisungen entstanden die ersten Grundregeln des jungen Ordens, die Franziskus im Jahre 1209 von Papst Innocenz III. absegnen ließ.

[52] Vgl. Feld, Franziskus von Assisi, S. 29.

[53] Vgl. Feld, Franziskus von Assisi und seine Bewegung, S. 167ff..

[54] Tatsächlich kam dem damaligen Pontifex die Gründung des Franziskanerordens unter dem Dach der römisch-katholischen Kirche sehr gelegen. Bedenken wir die seinerzeit stark zunehmende Abspaltung vieler Gläubiger in Richtung Waldenser und Humiliaten, kann es dem Papst nur recht gewesen sein, einem jungen, der kirchlichen Obrigkeit loyal gegenüberstehenden Orden seinen Segen zu geben, um so eventuell gewährleisten zu können, dass durch die Missionsreisen der jungen Franziskaner möglicherweise einige Gläubige die Seiten erneut wechseln. So wurde Franziskus mit seinen Anhängern durchaus wichtig für eine ausstehende Kirchenreform, wie sie auch der Benediktiner Johannes Kardinal von St. Paul, der einen nicht geringen Einfluss auf Papst und Klerus hatte, vertrat. - Als Befürworter der radikalen Armut jedoch zeigten sich die höheren Kleriker nicht.

[55] Vgl. Feld, Franziskus von Assisi, S. 39.

[56] Vgl. Vulgata, Lc. 12, 15.

[57] Zit. nach Sartory, Thomas und Gertrude, Franz von Assisi. Geliebte Armut, S. 64/65, „Geldentwertung“.

[58] Zit. nach Feld, Franziskus von Assisi, S. 27.

[59] Vgl. Ebd., S. 40.

[60] Zit. nach Feld, Franziskus von Assisi und seine Bewegung, S. 190; (auch siehe: Fontes Franciscani, a cura di Enrico Menèsto e Stefano Brufani, S. Maria degli Angeli / Assisi 1995, Regula non bullata, S. 183-212.)

[61] Nach seiner Ernennung zum Obersten der röm.-kath. Kirche, erklärte Hugo von Ostia, als Papst Gregor IX (1227-1241), das Testament des Franziskus in der Bulle Quo elongati als rechtsgültige Regel für unwirksam. Dennoch sprach er Franziskus 1228 heilig. Möglicherweise war dies auch ein Ausgleich, um einer eventuellen Aufsässigkeit und einem Protest der Franziskaner vorzubeugen und somit eine Abspaltung zu verhindern.

[62] Vgl. Feld, Franziskus von Assisi, S. 40 / 41.

[63] Vgl. Bernhardt, Joseph: Franz von Assisi. Der Verkündiger der religiösen Armut, Lübeck 1933, S. 38.

[64] Vgl. Feld, Franziskus von Assisi, S. 41. Zitat des Franziskus.

[65] Nach dem Ableben des Franziskus wurden sogar Minoriten in die Kardinalswürde erhoben und in Hieronymus von Ascoli kam sogar der erste Papst, Nikolaus IV. (1288-1292) nämlich, der dem Franziskanerorden entsprang, auf den Heiligen Stuhl. Diese Entwicklungen freilich hätten Franziskus, der gegen höhere Ränge seiner Minderbrüder war, aller Wahrscheinlichkeit nach nicht gefallen.

[66] Wie die Biographie des Franziskus berichtet, nahm sein Einfluss auf die eigene Bewegung ab 1222 ab. Kardinal Hugolino, seit 1220 auf Bitten von Franziskus als Ordensprotektor eingesetzt, war es, der immer mehr den Ton anzugeben schien. Hugolino von Ostia war daran interessiert, die Franziskaner auch im juristischen Sinne an die Kirche zu binden und als Orden zu institutionalisieren. Die Regula bullata, die gegenüber der Regula non bullata viel eher kanonistische Züge aufzeigt, mag möglicherweise auch seine Handschrift getragen haben.

[67] Schon zu Lebzeiten von Franziskus breitete sich die Bewegung ab etwa 1217 nach Frankreich, Deutschland, Ungarn, Spanien, Marokko und Syrien aus.

[68] Die Franziskaner waren nicht die Einzigen, die die paupertas Christi als Lebensideal für sich beanspruchten. So gab es auch die Benediktiner und Dominikaner, die, schon lange vor den Franziskanern entstanden, für sich gelernt hatten, mit ihrem Armutsanspruch und der absoluten Armut mit all ihren Forderungen flexibeler umzugehen.

[69] Vgl. Miethke, Paradiesischer Zustand – Apostolisches Zeitalter – Franziskanische Armut, S. 513.

[70] Vgl. Ebd., S. 515.

[71] Johannes Bonaventura (1221-1274), Franzikus-Biograph, leitete seit 1257 den Franziskanerorden und galt als „zweiter Ordensstifter“; 1273 Ernennung zum Kardinalbischof von Albano; Bonaventura war Mitvorbereiter des 2. Konzils von Lyon; 1482 durch Síxtus IV. heilig gesprochen.

[72] Durch Nikolaus III. (1277-1280) wurde der Begriff Bonaventuras als usus moderatus („maßvoller Gebrauch“) um 1279 rechtlich fixiert. Später wurde der Begriff als usus pauper durch Petrus Johannis Olivi festgeschrieben.

[73] Vgl. Sickert, Ramona: Armut im Vergleich. Überlegungen zur zeitgenössischen Wahrnehmung franziskanischer Armut im 13. Jahrhundert, in: Gert Melville; Annette Kehnel (Hgg.), In proposito paupertatis. Studien zum Armutsverständnis bei den mittelalterlichen Bettelorden (Vita Regularis 13), Münster 2001, S. 90.

[74] Im Jahre 1317 erließ Papst Johannes XXII. (1316-1334) die Bulle Quorandum exigit, in der er die Auffassungen der Spiritualen als häretisch definierte.

[75] Vgl. Feld, Franziskus von Assisi, S. 100.

[76] Im Genesis 1, 28 heißt es: „ Seid fruchtbar, mehret euch und füllet die Erde und macht sie euch untertan und herrscht... .“ Auf diese Aussage stützten sich Papst und Gegner der Franziskanischen Armut. Damit sollte belegt sein, dass Gott den Menschen durchaus ein dominium im gemeinschaftlichen Sinne zugestand.

[77] Vgl. Feld, Franziskus von Assisi, S. 100.

[78] Vgl. Miethke, Paradiesischer Zustand – Apostolisches Zeitalter – Franziskanische Armut, S. 522ff..

[79] Lat. ordo fratrum minorum

[80] Die frühe Spaltung wurde 1517 durch Leo X. anerkannt. Fortan gab es die Konventualen, die gemeinschaftlichen Besitz akzeptierten, auf der einen Seite und auf der anderen die so genannten Observanten, die versuchten, streng nach dem Ideal des Franziskus zu leben.

[81] Klara von Assisi, eigentl. Chiara dei Scifi, wurde vermutlich um 1193 in Assisi geboren und schloss sich um 1211 der jungen Gemeinschaft um Franziskus an. Für sie gründete Franziskus den zweiten Orden „der armen Frauen“, der als Zweig der Franziskaner fungieren sollte. Auch Klara strebte die altissima paupertas an. Sie wurde zwei Jahre nach ihrem Tod (1253) durch Papst Alexander IV. (1254-1261) heilig gesprochen.

[82] An dieser Stelle sei angemerkt, dass es in heutiger Zeit auch Laiengruppierungen außerhalb der röm.-kath. Kirche gibt. So z.B. die Ökumenische Franziskanische Bruderschaft (OFB).

28 von 28 Seiten

Details

Titel
Der Armutsbegriff bei Franziskus von Assisi
Hochschule
Universität Leipzig
Veranstaltung
Hauptseminar - Historisches Seminar - Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte
Note
2,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
28
Katalognummer
V110119
Dateigröße
723 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Vorliegende Arbeit konzentriert sich darauf, das Armutsideal des Franziskus von Assisi in seiner Entwicklung nachzuzeichnen. Dabei wird der Versuch unternommen, die frühchristliche Armut und die Armut unter Jesus Christus in die Betrachtung einzubeziehen. Eine genauere Begutachtung der allgemeinen Armut im Mittelalter findet nicht statt.
Schlagworte
Armutsbegriff, Franziskus, Assisi, Hauptseminar, Historisches, Seminar, Lehrstuhl, Mittelalterliche, Geschichte
Arbeit zitieren
Nando Lierath (Autor), 2005, Der Armutsbegriff bei Franziskus von Assisi, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110119

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