Die vorliegende Masterarbeit untersucht mittels einer sozialwissenschaftlichen Dokumentenanalyse den Diskurs um eine Neue Weltwirtschaftsordnung (NWWO) ab den 1970er Jahren. Dabei steht im Zentrum die Frage: inwiefern fortschrittliche Aspekte zur Einhegung bzw. Überwindung der hegemonial etablierten und kapitalistischen Weltordnung – im Sinne einer aufscheinenden solidarischen Produktions- und Lebensweise und ihrer politischen Rahmenbedingungen – thematisiert wurden. In Anlehnung an dem analytischen Strukturbegriff „Imperiale Lebensweise“, der Regulationstheorie und der soziohistorischen Analyse der Annales-Schule rekonstruiere ich die hegemoniale Etablierung, relative Stabilität und inhärente Widersprüchlichkeit des kapitalistischen Akkumulationsregimes. Fortschrittliche Aspekte der Einhegung bzw. Überwindung dieses Regimes werden aus dem Konzept der solidarischen Lebensweise sowie der Degrowth-Debatte und dem Post-Development-Ansatz generiert. Der Diskurs um eine NWWO ist – in Summe – zu begreifen als eine zeitgemäße Form der Darstellung der Gegensätze, die der bestehenden Wirtschaftsordnung zugrunde liegen. Sie ist in keiner Weise aber schon die Aufhebung dieser Gegensätze in einer neuen Wirtschaftsordnung.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Forschungsfrage und methodologische Herangehensweise
2.1 Stand der Forschung und Relevanz dieser Arbeit
3. Theoretischer Rahmen und Begriffsbestimmung
3.1 Theoretische Vorannahmen
3.2 Imperiale Lebensweise
3.2.1 Kriterien solidarischer Lebens- und Produktionsweisen
3.3 Annales-Schule und Regulationstheorie
3.3.1. Soziohistorische Analysen des Akkumulationsregimes
3.3.2. Regulationsmodus
3.4 Zwischenfazit – Theoretischer Rahmen
4. Gesellschaftlich-historischer Kontext der „Neuen Weltwirtschaftsordnung“
4.1 Historische Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise
4.1.1 Kolonialismus und Imperialismus – eine Geschichte des strukturellen Rassismus
4.1.2 Prozess der Dekolonialisierung und die Regulation des Fordismus
4.1.3 Post-Fordismus und der Aufstieg des Neoliberalismus
4.2 Entwicklungsdekaden und die „Neue Weltwirtschaftsordnung“
4.3 Zwischenfazit – NWWO als analytische Kategorie
5. Forderungen, Reformen, Resolutionen und Diskurse der NWWO
5.1 Zentrale Forderungen und Reformen
5.1.1 Außenorientierung, Abhängigkeit vom Weltmarkt und imperiale Rohstoffe
5.1.2 Der wichtigste und blutigste Rohstoff der Welt: Erdöl
5.1.3 Souveränität und Selbstbestimmung
5.2 Akademische Debatten
5.2.1 Jan Tinbergen und der RIO-Bericht – eine Degrowth Perspektive auf die NWWO
5.2.2 Die Prebisch-Singer-These – Strukturalistische Perspektive
5.2.3 Senghaas – Dependenztheoretische und die dissoziative Perspektive
5.2.4 Integrationstische Perspektive I: Allgemein
5.2.5 Integrationstische Perspektive II: Brandt-Report
5.2.6 Collective Self-Reliance und Selektive Kooperation als Mittelweg?
5.2.7 Endogene Ansätze bzw. (neo)liberale Positionen
5.2.8 Exogene Ansätze bzw. (Neo-)Imperialismustheorien
5.3 Zwischenfazit – NWWO als normative Kategorie
6. Conclusio
6.1 Ausblick – oder was wir heute aus diesem Diskurs lernen können
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Masterarbeit untersucht mittels sozialwissenschaftlicher Dokumentenanalyse den Diskurs um eine Neue Weltwirtschaftsordnung (NWWO) ab den 1970er Jahren. Dabei steht die Forschungsfrage im Zentrum, inwiefern fortschrittliche Aspekte zur Einhegung oder Überwindung der hegemonial etablierten und kapitalistischen Weltordnung in diesem Diskurs thematisiert wurden und welche Lehren daraus für eine solidarische Lebensweise gezogen werden können.
- Strukturbegriff „Imperiale Lebensweise“ und Regulationstheorie
- Historischer Kontext von Kolonialismus, Imperialismus und Kapitalismus
- Analytische und normative Dimension der NWWO
- Kritische Auseinandersetzung mit Entwicklungstheorien und globaler Ungleichheit
- Potenziale einer sozial-ökologischen Transformation (Degrowth, Post-Development)
Auszug aus dem Buch
4.1.1 Kolonialismus und Imperialismus – eine Geschichte des strukturellen Rassismus
„Der schwarze Mensch erscheint aus der Perspektive des Weißen als minderwertig, aber umgekehrt ist der Weiße mit seinen Errungenschaften Zivilisation, Kultur, kurz Intellekt, nachahmenswert“ (FANON 1985: 42).
Mit der europäischen Entdeckung des amerikanischen Kontinents (sog. „Neuen Welt“) im Jahre 1492, also mit der weltgeschichtlichen Ära des Kolumbus oder des Vasco da Gamas, je nachdem welcher plünderungsbegierige Abenteurer zuerst die jeweilige Küste der Verheißung betrat, entstand eine „neue Weltordnung“, die unterschiedliche Namen erhalten hat: Imperialismus, Neokolonialismus, Nord-Süd-Konflikt, Zentrum vs. Peripherie, G-7 und ihre Satelliten vs. den Rest der Welt (CHOMSKY 1995: 27). Die Geschichte des Kolonialismus, später Imperialismus ist zweifelsfrei verbunden mit der ursprünglichen Akkumulation, Raub, Enteignung, Dehumanisierung und der Schaffung eines Weltmarktes für koloniale Rohstoffe (vgl. ebd.).
Während die Russen vom Pelzfieber getrieben wurden, waren für die Spanier (Cortes; Pizarro) Gold und Silber Objekte der Begierde (MORRIS 2012: 444). Rund 50.000 Tonnen Silber wurden alleine im Zeitraum von 1540 bis 1700 von Amerika nach Europa transportiert (ebd.: 445). Millionen von Menschen wurden aus verschiedenen Teilen Afrikas von weißen Europäer versklavt und als Ware behandelt. Es entstand eine „erste“ Globalisierung der kapitalistischen Spielart: Kaufläute schafften westeuropäische Gebrauchsgüter (Textilwaren, Gewehre usw.) nach Westafrika und tauschten sie dort mit Gewinn gegen Sklaven, die sie dann in die Karibik brachten und dort, auch wieder mit Gewinn, gegen Zucker eintauschten, um schließlich diesen mit noch größeren Gewinn in Europa abzusetzen (ebd.: 449). Die Ausbeutung von Menschen durch Sklaverei ist somit eng mit der Geschichte des Kapitalismus und Rassismus verbunden (vgl. JOBS 2016). Die entmenschlichende Dimension der Sklaverei kann folgendermaßen beschrieben werden: nicht nur die menschliche Arbeit wurde kommerzialisiert und zur Ware kommodifiziert, sondern das Individuum und seine Nachkommen wurden als Gegenstände einer Eigentumsordnung verstanden (ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Problematik der neoliberalen Globalisierung und die strukturelle Ungleichheit im kapitalistischen Weltsystem.
2. Forschungsfrage und methodologische Herangehensweise: Definition der zentralen Forschungsfrage und Erläuterung der angewandten Dokumentenanalyse zur Untersuchung des NWWO-Diskurses.
3. Theoretischer Rahmen und Begriffsbestimmung: Fundierung durch die Imperiale Lebensweise, die Regulationstheorie und das Konzept solidarischer Lebensweisen.
4. Gesellschaftlich-historischer Kontext der „Neuen Weltwirtschaftsordnung“: Analyse der kapitalistischen Produktionsweise von der ursprünglichen Akkumulation bis zum Post-Fordismus.
5. Forderungen, Reformen, Resolutionen und Diskurse der NWWO: Detaillierte Betrachtung der konkreten Reformvorschläge, akademischen Debatten und Rohstoffproblematiken.
6. Conclusio: Zusammenfassende Beantwortung der Forschungsfrage und Ausblick auf Lehren für heutige gesellschaftskritische Diskurse.
Schlüsselwörter
Neue Weltwirtschaftsordnung, NWWO, Imperiale Lebensweise, Regulationstheorie, Kapitalismus, Post-Fordismus, Globaler Süden, Dekolonialisierung, Ressourcenextraktivismus, Solidarische Lebensweise, Degrowth, Post-Development, UNCTAD, Strukturwandel, Internationale Arbeitsteilung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den historischen Diskurs um eine Neue Weltwirtschaftsordnung (NWWO) und untersucht, inwiefern dieser Forderungen nach einer solidarischen und gerechten Weltwirtschaftsordnung enthielt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen zählen die strukturellen Ungleichheiten der kapitalistischen Globalisierung, der Nord-Süd-Konflikt, die Rolle von Rohstoffen wie Erdöl und die Kritik an internationalen Institutionen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, den NWWO-Diskurs kritisch zu hinterfragen und zu prüfen, ob dieser zur Überwindung der imperialen Lebensweise und des kapitalistischen Akkumulationsregimes beitragen konnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer sozialwissenschaftlichen Dokumentenanalyse von Sekundärdaten, Berichten, Resolutionen und wissenschaftlicher Literatur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet den historischen Kontext der kapitalistischen Entwicklung sowie konkrete Reformforderungen, wie etwa das Integrierte Rohstoffprogramm und Debatten über Technologietransfer.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie "Imperiale Lebensweise", "Regulationstheorie", "Strukturelle Heterogenität" und "Solidarische Produktionsweise" geprägt.
Warum wird das Konzept der „Imperialen Lebensweise“ herangezogen?
Es dient als analytische Strukturkategorie, um die Abhängigkeit der Produktions- und Konsumweisen im Globalen Norden von der Extraktion von Ressourcen im Globalen Süden zu erklären.
Wie bewertet der Autor den Erfolg der NWWO?
Der Autor kommt zum Schluss, dass die NWWO als gescheitert betrachtet werden muss, da sie die zentralen Mechanismen des Kapitalismus wie den Wachstumszwang nicht in Frage stellte.
- Arbeit zitieren
- Josef Mühlbauer (Autor:in), 2021, Eine Neue Weltwirtschaftsordnung. Zur Einhegung und den Widersprüchen der imperialen Lebensweise, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1101454