Schlink, Bernhard - Der Vorleser in der deutschen Literaturkritik


Hausarbeit, 2006
14 Seiten, Note: 1

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Inhaltsübersicht

Vorwort

1. Die Beziehung zwischen Hanna und Michael
1.1. Ein perverser Roman?
1.2. Eine neue Konfrontation mit der NS-Vergangenheit

2. Zwischen Realität und Fiktion: die Gefahr des Realismus’
2.1. Das Problem des Realismus’
2.2. Hannas Lebenslüge als deutsche Lüge?
Die Frage des Mitleids mit den Tätern

3. Der Umgang mit dem Thema Nationalsozialismus
3.1. Nachdenken über die Begriffe Schuld und Verantwortung: Ein neuer Zugang zum Thema Nationalsozialismus
3.2. Einer Plädoyer für die Aufarbeitung der Vergangenheit

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Vorwort

„Im unbeschwerten Übergang ausgerechnet zur Liebe macht er [Bernhard Schlink] das NS-Thema zum erfolgreichen literarischen Sujet“, behauptet Baβler in der Einleitung seiner Rezension über den Vorleser. In 34 Sprachen übersetzt ist Schlinks Buch tatsächlich ein internationaler Bestseller geworden. Die deutschsprachige Auflage liegt bei über 500.000 Stück, in Frankreich erreicht die Auflage 100.000, in Großbritannien sogar 200.000 Stück. Der Autor hat verschiedene Preise bekommen: Stern des Jahres der Abendzeitung München (1997), Grinzane-Cavour-Preis (Italien, 1997), Hans-Fallada-Preis der Stadt Neumünster (1997) und Prix Laure Bataillon (Frankreich, 1997). Seit langem hatte ein deutscher Schriftsteller keinen solchen Erfolg gehabt. Mit der Talkshow Oprah Winfreys in Amerika wurde das Buch besonders in die Medien gebracht und löste eine Flut von Rezensionen und Literaturkritiken aus. Demnach ergibt sich folgende Frage: Welcher Sinn hat dieser phänomenale Erfolg? Wenn wir Baβlers Sicht folgen, erweist sich das Gewicht des Themas Nationalsozialismus als Grund dieses Erfolgs. Die Behandlung des NS-Themas wird also im Bezug auf verschiedene Rezensionen und Literaturkritiken untersucht.

Zuerst wird die Beziehung zwischen Michael und Hanna hervorgehoben und herausgearbeitet, inwiefern sie einen neuen Zugang zum Thema Nationalsozialismus erlaubt. Dann wird die Frage des Realismus’ untersucht. Hierbei wird insbesondere auf das Spannungsverhältnis zwischen Fiktionalisierung und Realität eingegangen. Als letztes wird erwähnt, was das Besondere und Neue in der Art und Weise in der Behandlung dieses umstrittenen Themas in Schlinks Buch darstellt.

1. Die Beziehung zwischen Hanna und Michael

1.1. Ein perverser Roman?

Der 15-jährige Ich-Erzähler und Schüler Michael Berg ist an Gelbsucht erkrankt und übergibt sich in Folge dieser Krankheit auf der Straße, wobei ihm daraufhin eine Frau hilft und ihn nach Hause bringt. Als er sie nach der Krankheit besucht, um sich zu bedanken, wird er durch das Aussehen der 21 Jahre älteren Hanna Schulz sehr erregt und verlässt fluchtartig die Wohnung. Nach einer Woche kehrt er wieder zurück und es kommt zum sexuellen Akt. Hanna ist von peinlicher Sauberkeit, deshalb ist das tägliche Ritual stets vom Duschen vor dem Sex bestimmt. Auf Wunsch Hannas liest er ihr die im Deutschunterricht behandelten Lektüren vor, für die sie sich interessiert.

Der Ablauf der Treffen entwickelt sich zu einem Ritual „duschen - vorlesen – lieben“.

Wegen dieser sexuellen Beziehung zwischen einem fünfzehnjährigen Jungen und einer mehr als doppelt so alten Frau wurde das Buch - zumindest teilweise – als „erotischer Roman“[1] betrachtet. In den USA, wurde Der Vorleser unter dem Thema Pädophilie und sexueller Missbrauch diskutiert[2]. Kann man sich wirklich erlauben, eine Liebesgeschichte zwischen einem Jungen und einer so alten Frau zu erzählen? Gibt diese Beziehung dem Roman keine sexuell ungesunde Gewichtung? Widerspricht eine solche Liebegeschichte nicht den Werten der abendländischen Gesellschaften?

Die Ausnutzung Michaels durch Hanna, das sich im Vorlesen bzw. im Ritual Dusche – Vorlesen - Miteinanderschlafen manifestiert, verschärft diese sittlichkeitsgefährdende Atmosphäre. Das Vorlesen wird Bedingung für den Liebesakt, Vorraussetzung ihrer Beziehung, so dass die Möglichkeit einer sexuellen Beziehung ohne Vorlesen undenkbar scheint. Deshalb erscheint der Roman noch krankhafter: Ohne Vorlesen gibt es keinen Sex. Die Grundlagen der Beziehung beruhen auf der Pflicht für den Jungen, Bücher vorzulesen. Dass heißt, dass Hanna Michael auf eine gewisse Art erpresst, was sehr ungesund erscheint, besonders wenn es sich um anschließenden Sex handelt.

„Lies es mir vor!“

„Lies selbst, ich bring’s dir mit.“

„Du hast so eine schöne Stimme, Jungchen, ich mag dir lieber zuhören als selbst lesen.“

„Ach, ich weiβ nicht.“

Aber als ich am nächsten tag kam und sie küssen wollte, entzog sie sich. „Zuerst muss du mir vorlesen.“ (…) Vorlesen, duschen, lieben und noch ein bisschen beieinander liegen – das wurde das Ritual unserer Treffen.[3] (S.43)

Nach Guido Graf steht die Erzählung dieser Liebesgeschichte im Gegensatz zum „alten romantischen Modell von der buchstabilen Erziehung der Frauen durch die Muttersöhne“[4]. Aus diesem Grund wird diese Beziehung oft als problematisch betrachtet. Durch die Perversion des traditionellen Schemas der Beziehung Sohn-Mutter konnte Schlink nur Kritik auslösen.

1.2. Eine neue Konfrontation mit der NS-Vergangenheit

Selbst wenn Der Vorleser Aspekte eines erotischen Romans aufweist, zeigt das Buch einen noch nicht da gewesenen Vorteil, die erneute Behandlung des Themas Nationalsozialismus. Das Thema ist diesmal nicht nur durch die Auseinandersetzung Kinder-Eltern (zwischen Michael und seinem Vater) zu sehen, sondern auch durch eine Liebesgeschichte. Man darf sich nicht einzig und allein auf die sexuelle Beziehung zwischen Hanna und Michael beschränken, sondern muss in ihr ebenfalls die Auseinandersetzung der Nachkriegsgeneration mit der Kriegsgeneration lesen. Der Vorleser ist nämlich auch eine Auseinandersetzung mit der 68er Generation“[5], behauptet Hans-Jörg Knobloch. Sie manifestiert sich jedoch nicht in der Liebe zu den Eltern sondern in der Liebe schlichtweg.

Diese Behandlung erlaubt Schlink, unterschiedliche Frage zu stellen, u. a. jene nach der Konfrontation zwischen Eltern und ihren Kindern:

„Ich musste eigentlich Hanna zeigen. Aber der Fingerzeig auf Hanna wies auf mich zurück. Ich hatte sie geliebt. Ich hatte sie nicht nur geliebt, ich hatte sie gewählt. Ich habe versucht, mir zu sagen, dass ich, als ich Hanna wählte, nichts von dem wusste, was sie getan hatte. Ich habe versucht, mich damit in den Zustand der Unschuld zu reden, in dem Kinder ihre Eltern lieben. Aber die Liebe zu den Eltern ist die einzige Liebe, für die man nicht verantwortlich ist.“ (S.162)

Darf man in eine frühere KZ-Aufseherin verliebt sein? Hätte Michael mehr nach ihrer Vergangenheit fragen sollen? Muss er Scham und Schuld empfinden, eine NS-Verbrecherin geliebt zu haben? Darf er Hanna entschuldigen? Rainer Moritz betonte, der Roman führe "den künstlichen Gegensatz zwischen Privatheit und Politik ad absurdum"[6] und löst deswegen auβergewöhnliche Fragestellungen aus, die in der Folge der Hausarbeit behandeln werden.

Der Vorwurf der Perversion kann auch in Bezug auf den Nationalsozialismus erwähnt werden. Mit der Beziehung zwischen einem fünfzehnjährigen Jungen und einer mehr als doppelt so alten Frau hebt Schlink die Moral in seinem Buch auf. Vielleicht hilft diese unangemessene Stimmung auch in der Art und Weise, die Verbrecher zu verurteilen. Das Dritte Reich hat humanistische Werte zerschlagen. Konnte eine amoralische Liebesgeschichte nicht dazu führen, die Taten dieser Epoche besser zu verstehen? Versucht Schlink nicht, die Vergangenheit mit der Gegenwart zu verbinden, um die Geschichte besser zu begreifen? Die Rezension Grafs geht wahrscheinlich in dieser Richtung: „Die Erinnerung an Leidenschaft und Mitleid muβ einstehen für eine versäumte Konfrontation mit den Schrecken, die sich hinter den Chiffren verbergen, die im Schatten der Liebesgeschichte liegen.“[7]

Diese neue Perspektive betrifft zuerst Michael, wie das ständige Vorhandsein der Sätze begründet, die mit „warum“ beginnen. Michael erlebt die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit und deren Täter unter einer anderen Licht. Aber auch für den Leser öffnet das Buch tausende Fragestellung, oft mit scharfen Kritiken verbunden, die in den zweiten nächsten Teilen untersuchen werden.

2. Zwischen Realität und Fiktion: die Gefahr des Realismus’

Für seine Methode der Beschreibung der NS-Verbrechen wurde Schlink stark kritisiert und in Zusammenhang mit Geschichtsrevisionismus und Geschichtsfälschung gebracht. Schlink vereinfachte die Geschichte und zwang zu einer Identifikation mit eigentlich schuldigen Tätern der NS-Zeit.

2.1. Das Problem des Realismus’

Das Grundproblem für viele Kritiker besteht darin, dass Schlink aus der NS-Vergangenheit eine Fiktionalisierung macht. Er benutzt einen - sehr umstrittenen - Stoff durch seine Hauptfigur Hanna.

Baβler befasst sich mit den Problemen dieses Realismus’. Zuerst ist er davon überzeugt, dass Schlinks Realismus zur Reduzierung des Stils zugunsten des Erzählens führt. In dem Maβe, dass die Botschaft wichtiger als die Sprache ist, kann der Realismus nur eine Vereinfachung der Sprache zur Folge haben. „Man liest. Und versteht. Ohne störendes Dazwischenfunken der poetischen Sprache; denn zum realistischen Effekt gehört, dass man die Verfahren, die ihn hervorrufen, nicht bermerkt“[8]. Baßler denunziert anschließend die Gefahr, eine Fiktion aus einem wahren geschichtlichen Hintergrund zu erzeugen. „Es geht darum, am Beispiel seines Erfolgsbuches Der Vorleser die Probleme zu zeigen, die ein realistisch-fiktionales Erzählen, zumal mit historischem Anspruch, bekommt, weil es den Einzelfall plotten aber stets das Allgemeine meinen muss, um zu funktionieren .“[9]

Dass in einem realistischen Roman eine Art Identifizierung mit den Charakteren stattfindet, ist nicht bestreitbar. Der Leser identifiziert sich mit der Geschichte bzw. den Personen. Aber bedeutet das auch, dass er die Peripetie der Hauptfigur als Einzelnen verallgemeinern wird? Wenn ich ein Buch über einen französischen Kollaborateur während der deutschen Besetzung lese, werde ich dadurch systematisch daran denken, dass alle Franzosen mit den Feinden zusammengearbeitet haben? Was Der Vorleser betrifft, wird diese Frage der Verallgemeinerung im nächsten Abschnitt untersucht.

Muss die unbeendete Diskussion über das Kriterium einer so genannten ‚literarischen Sprache’ in Bezug zum Vorwurf des Fehlens „der poetischen Sprache“ hervorgehoben werden? Zwar besitzt Schlink nicht Goethes Dichtung aber inwiefern darf man so einfach behaupten, dass der Stil vernachlässigt ist? Selbstverständlich ist Der Vorleser kein Gedicht und zeigt keine poetische Sprache aber bedeutet dieser Umstand, dass die Erzählung schlecht geschrieben ist? Weil dieses Buch ein groβer Erfolg ist und von vielen Leuten weltweit gelesen wurde, besäße es keinen literarischen Wert.[10] Um nur ein Gegenbeispiel zu zitieren: Balzac wurde jahrelang in einer Zeitung regelmäβig veröffentlicht, seine Werke wurden von allen Schichten der Bevölkerung gelesen und gehört mehr als niemand anders zum Realismus. Wer kann behaupten, dass demzufolge seine Werke keinen Wert haben?

2.2. Hannas Lebenslüge als deutsche Lüge? Die Frage des Mitleids mit den Tätern

Der Analphabetismus Hannas wurde als Allegorie auf das deutsche Volk betrachtet. Baßler behauptet, dass es vielleicht nicht Schlinks Absicht war aber „die Verallgemeinerung stellt sich automatisch ein“[11]. Seiner Meinung nach versteht der Satz „Analphabetismus ist allerdings nicht gerade ein jüdisches Problem“ (S.203) darunter, dass er ein deutsches Problem war und also dazu führen kann, eine Art Entschuldigung für das deutsche Volk zu finden.

Auβerdem denunziert er die Auswirkungen auf den Leser, die Hannas Analphabetismus auslösen können. „Der kleine, unverschuldete Defekt (…) bringt uns die Hauptfigur näher, lässt sie uns mögen“ (S.73). Auch ihre Position als Opfer während des Prozesses spielt für ihn in dieser Richtung eine tragende Rolle, Mitleid mit der Täterin zu empfinden. Er schlieβt seine Demonstration, „Zweifellos: Plotting und Sympathiesteuerung funktionieren hier.“[12] Baβler kann Hannas Analphabetismus nur als Entschuldigung ihrer Taten verstehen und nicht als Erklärung. Schlink behandelt einen Einzelfall und versucht nicht nur Hannas Handeln zu verurteilen, sondern auch zu verstehen. Vielleicht ist tatsächlich eine Art Verallgemeinerung beim Leser erfolgt, jedoch nicht in dem Sinne, dass alle Deutsche unschuldig sind, sondern dass ihr Handeln verständlich bzw. fassbar wird.

Wenn Hannas Schuld durch ihren Analphabetismus relativiert wird, ist es auch in Bezug auf Schlinks Denken zu betrachten. Knobloch sieht die Begründung „in dem unübersehbaren Misstrauen seines Autors gegenüber der Justiz“[13]. Die Kritik an der Justiz, an der Rechtsprechung im Allgemeinen und an den Nazi-Prozessen im Besonderen, ist omnipräsent. Die Fähigkeiten der Justiz wird oft in Frage gestellt, besonders in Bezug auf den Analphabetismus Hannas.

3. Der Umgang mit dem Thema Nationalsozialismus

3.1. Nachdenken über die Begriffe Schuld und Verantwortung: Ein neuer Zugang zum Thema Nationalsozialismus?

Der Vorleser zeigt eine komplexe Schuldkonstellation, die die juristisch definierten Schuld- und Verantwortungsbegriffe in Frage stellt. Zuerst wird die Frage nach der individuellen Verantwortung gestellt, die mit juristischen Begriffen nicht zu erfassen ist. „Hier wird die Frage nach der Schuld auf existentielle Ebene verlagert“[14], betont Knobloch und öffnet eine andere Betrachtung der Täter. Besonders die folgende Frage wird hervorgehoben: Wie weit darf das Mitgefühl mit den Tätern gehen?

Hanna ist Analphabetin, sie kann nicht lesen und schreiben. Aus diesem Grund hatte sie den KZ-Job angenommen, anstatt bei Siemens aufzusteigen und kommt schlechter weg beim Prozess als Andere. Im Gefängnis lebt sie wie in einem Kloster und kurz von ihrem Tod in der Vernachlässigung. „Über viele Jahre hat sie wie in einem Kloster. Als hätte sie sich freiwillig hierher zurückgezogen (…).Jetzt fing sie an, viel zu essen, sich selten zu waschen, sie wurde dick und roch. (…) Eigentlich war es, als hätte der Rückzug ins Kloster nicht mehr genügt, (…) als müsse sie sich daher weiter zurückziehen, in eine einsame Klause, in der einen niemand mehr sieht und Aussehen, Kleidung und Geruch keine Bedeutung mehr haben.“ (S.196). Sie bittet auβerdem, dass ihr Geld an die überlebende Tochter der verbrannten Kirche geschenkt wird.

Hannas Geschichte erlaubt dem Leser, die Täter auch als Individuum zu betrachten. Warum konnte man die individuellen Leben der Verbrecher nicht untersuchen? Muss eine solche Behandlung zwangsläufig zur Entschuldigung der Täter führen? Alles in allem sind auch viele individuellen Erzählungen von Opfer des Nazismus veröffentlicht, ohne irgendeine Kritik auszulösen. Warum konnte man nicht auch von der Geschichte der Täter sprechen?

Jeremy Adler hob in der Süddeutschen Zeitung hervor, Schlink betreibe „Kulturpornographie“ und „Geschichtsfälschung“, indem in seinem Buch die „entscheidenden Motive von Schuld und Verantwortung sowie die Frage nach dem Verhältnis von persönlicher und staatlicher Macht“[15] an Bedeutung verlören. Aber solche Begriffe in Frage zu stellen, bedeutet nicht, ihre Bedeutung zu erschüttern. Der Vorwurf der „Kulturpornografie“ ist höchstwahrscheinlich mit dem deutschen Tabu über die NS-Vergangenheit verbunden. Jede untraditionelle Behandlung dieses Themas geht mit starken Kritiken einher. Schlinks Buch besitzt den Vorzug, diese verdrängte Frage zu untersuchen, da Der Vorleser nichts von einem dogmatischen Roman hat. „Der Roman steckt voller Fragen, die keine Antwort haben wollen“[16], unterstreicht Graf. Was die individuelle Betrachtung der Täter betrifft, sind besonders Michaels Überlegungen über die Begriffe „verurteilen“ und „verstehen“ wichtig.

„Ich wollte Hannas Verbrechen zugleich verstehen und verurteilen. Aber es war dafür zu furchtbar. Wenn ich versuchte, es zu verstehen, hatte ich das Gefühl, es nicht mehr so zu verurteilen, wie es eigentlich verurteilt gehörte. Wenn ich es so verurteilte, wie es verurteilt gehörte, blieb kein Raum fürs Verstehen.“ (S.151)

Schlink versucht nicht die Täter zu entschuldigen sondern führt eine moralische, mit einer historischen und juristischen Dimension verbundene Reflexion. Und diese betreffen nicht nur Hanna sondern auch Michaels Verhalten. Knobloch betont, dass die moralische Schuld auch erwähnt werden muss, als Michael dem Gericht nicht mitteilt, dass Hanna Analphabetin ist. Hätte er das Geheimnis Hannas lüften sollen? Und noch weiter, sollte das Gericht entgegen Hannas Wunsch von ihrem Analphabetismus erfahren?

Durch seinen Roman hebt Schlink zum ersten Mal die Schwierigkeit hervor, die individuelle, moralische und juristische Ebene zu mischen und erlaubt endlich die Reflexion über die Zeit des Nationalsozialismus zu erweitern.

3.2. Einer Plädoyer für die Aufarbeitung der Vergangenheit

Der Vorleser ist, wie gesagt, kein dogmatischer Roman sondern eine Forderung nach Reflexion über die deutsche NS-Vergangenheit. Durch seinen Ich-Erzähler spricht sich Schlink für ein Plädoyer für die Aufarbeitung der Vergangenheit aus:

„Geschichte treiben heiβt Brücken zwischen Vergangenheit und Gegenwart schlagen und beide Ufer beobachten und an beide tätig werden. Eines meiner Forschungsgebiete wurde das Recht im Dritten Reich, und hier ist besonders augenfällig, wie Vergangenheit und Gegenwart in eine Lebenswirklichkeit zusammenschieβen.“ (S.172)

Die Aufarbeitung der Vergangenheit gilt als Notwendigkeit für Gegenwart und Zukunft. Deshalb bezeichnet Graf Der Vorleser als „eine Art Bildungsroman“[17]. Das Buch fordert eine Erweiterung der Reflexion und spielt gegen die zu oft erwähnten Vorurteile der NS-Zeit. Auβerdem stellt eine solche Art und Weise, dieses Thema zu behandeln, einen Anreiz dar, nach der Gerechtigkeit der Justiz zu fragen und ganz allgemein einen kritischen Geist gegenüber der Macht und ihren Vertretern zu behalten.

Die Fiktionalisierung von Auschwitz verteidigt Schlink, da es ihm darum geht, das Wissen über die Vergangenheit für die Zukunft nutzbar zu machen. Selbst mit dem „Mittel der Spannung“[18] ist diese Epoche zu behandeln. Warum sollte man in der Tat den Schriftstellern verbieten, eine Fiktion über die NS-Vergangenheit zu schreiben, wenn es geschlossene Türen öffnen kann?

Zusammenfassung

Indem er das NS-Thema gewählt hat, musste sich Schlink zwangsweise Kritik aussetzen. Die Behandlung der NS-Vergangenheit geht in Deutschland nicht ohne Vorwürfe einher. Und tatsächlich wurde Der Vorleser stark kritisiert, besonders in seiner Art und Weise, sich mit diesem Thema zu befassen. Schlink habe einen erotischen Roman geschrieben, der Geschichtsrevisionismus und Geschichtsfälschung betreibe und Mitleid gegenüber den Nazi-Verbrechern errege. Diese Behauptungen entsprechen aber überhaupt nicht Schlinks Absicht.

Der Vorleser ist ein Roman des In-Frage-Stellens. Fast jedes Kapitel endet mit Reflexionen und Fragestellungen. Durch eine ungesunde Liebegeschichte führt der Autor eine stumme Diskussion über die Begriffe Schuld und Verantwortung und die Fähigkeit der Justiz gegenüber solchen Verbrechern. Der Ich-Erzähler Michael Berg hat so gründlich die Hoffnung auf Recht und Gerechtigkeit verabschiedet, dass die letzte Hoffnung darin besteht, die Historie als Wissenschaft und Aufgabe zu fördern. Wenn eine Botschaft in Der Vorleser vermittelt wird, liegt sie nicht darin, einen Revisionismus der Geschichte zu führen, sondern diese Geschichte zu verstehen, um die Gegenwart und die Zukunft zu verbessern. „Wenn man wie er die Vergangenheit als etwas begreift, das in die Gegenwart hineinwirkt, dann ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und der Geschichte im Sinne von Historie nicht eine Beschäftigung mit Abgetanem und Erledigtem, sondern ein Bekenntnis zu Gegenwart und Zukunft“[19].

Literaturverzeichnis

Primäre Literatur:

Schlink, Bernhard: Der Vorleser, Diogenes Taschenbuch 1997

Sekundäre Literatur

Baßler, Moritz: „Probleme des Realismus’“ in Der deutsche Pop-Roman, Die neuen Archivisten, C.H.Beck Verlag 2002, S.69-79.

Graf, Guido: „Was ist Luft unserer Luft?“ in Freund, Wieland: Der deutsche Roman der Gegenwart, UTB Stuttgart, S.22-25.

Knobloch, Hans-Jörg: „Eine ungewöhnliche Variante in der Täter-Opfer-Literatur: Bernhards Schlinks Roman Der Vorleser “ in Fischer, Gerhard und Roberts, David : Schreiben nach der Wende, Ein Jahrzent deutscher Literatur 1989-1999, Stauffenburg 2006, S.89-97.

Preusser, Hans-Peter: „Täter werden Opfer und vice versa“ in Letzte Welten. Deutschsprachige Gegenwartsliteratur diesseits und jenseits der Apokalypse, S.282-291.

Presse:

Adler, Jeremy: Süddeutsche Zeitung, 27. März 2002

Moritz, Rainer : „Wenn nicht Schlink, wer dann?“ in Die Welt, 15. Oktober 1999

Internet:

http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/kulturzeit/themen/33349/index.html

[...]


[1] Baßler, Moritz: „Probleme des Realismus’“ in Der deutsche Pop-Roman, Die neuen Archivisten, C.H.Beck Verlag 2002, S.69

[2] Diese Interpretation findet sich unter anderem bei Oprah Winfrey, deren Talkshow den Text auf die Beststellerlisten in den USA und des UK befördete.

[3] Bernhard Schlink, Der Vorleser, Diogenes Taschenbuch 1997

[4] Graf, Guido: „Was ist Luft unserer Luft?“ in Freund, Wieland: Der deutsche Roman der Gegenwart, UTB Stuttgart, S.24

[5] Knobloch, Hans-Jörg: „Eine ungewöhnliche Variante in der Täter-Opfer-Literatur: Bernhards Schlinks Roman Der Vorleser “ in Fischer, Gerhard und Roberts, David : Schreiben nach der Wende, Ein Jahrzent deutscher Literatur 1989-1999, Stauffenburg 2006, S.90

[6] Moritz, Rainer : „Wenn nicht Schlink, wer dann?“ Die Welt, 15. Oktober 1999

[7] Vgl. Graf, S. 25

[8] Vgl. Baβler, S.72

[9] Vgl. Baβler, S.75

[10] Vgl. Baßler, S. 74

[11] Vgl. Baβler, S. 74

[12] Vgl. Baβler, S. 73

[13] Vgl. Knobloch, S.95

[14] Vgl. Knobloch, S.91

[15] Jeremy Adler, Süddeutsche Zeitung, 27. März 2002

[16] Vgl. Graf, S. 23

[17] Vgl. Graf, S.24

[18] Vgl. Knobloch, S.94

[19] Vgl. Knobloch, S.97

13 von 14 Seiten

Details

Titel
Schlink, Bernhard - Der Vorleser in der deutschen Literaturkritik
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Veranstaltung
Die deutsche Gegenwartsliteratur
Note
1
Autor
Jahr
2006
Seiten
14
Katalognummer
V110149
Dateigröße
599 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schlink, Bernhard, Vorleser, Literaturkritik, Gegenwartsliteratur
Arbeit zitieren
Déléris Fanny (Autor), 2006, Schlink, Bernhard - Der Vorleser in der deutschen Literaturkritik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110149

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