Geld und Sozialstruktur: theoretische Zugänge


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

27 Seiten, Note: 1,3


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bourdieus Gesellschaftstheorie
2.1. Pierre Bourdieus Leben
2.2. Basistheorie

3. Der Habitus – das soziale Feld und der soziale Raum
3.1. Begriffserklärung
3.2. Der klassenspezifische Lebensstil

4. Das Kapital
4.1. Der Kapitalbegriff und der dreidimensionale Raum
4.2. Die Arten und Unterarten von Kapital
4.2.1. Das ökonomische Kapital
4.2.2. Das kulturelle Kapital
4.2.3. Das soziale Kapital
4.2.4. Das symbolische Kapital
4.3. Kapital als primäres Strukturierungsprinzip
4.4. Die Macht des Kapitals
4.5. Konvertierbarkeit und Umwandlung
4.6. Eine allgemeine Ökonomie der Praxis
4.7. Weitergabe und Verlust von Kapital
4.8. Reproduktionsstrategien
4.9. Wandel von Kapital und Sozialstruktur

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Auf der Grundlage des (ökonomischen) Gesellschaftsmodells Pierre Bourdieus, soll das Zusammenspiel von Geld und Sozialstruktur im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen. Bourdieu wollte die, in modernen Gesellschaften existierende, soziale Ungleichheit verstehen und mit Hilfe einer (doppelten) „Distinktion“ und den gesellschaftlichen Klassen- bzw. Machtkämpfen erklären. Distinktion meint eine Unterscheidung und Abgrenzung verschiedener Gruppen bzw. Klassen zueinander. Die Gesellschaft wird von ihm auf zwei Weisen kategorisiert, die sich näher stehen als man anfänglich denken mag.

Im ersten Fall dient der Besitz von „Kapital“ als Mittel die Gesellschaft zu klassifizieren. Anders ausgedrückt: Es sollen verschiedene soziale Klassenfraktionen nach dem Umfang der ihnen zur Verfügung stehenden Kapitalressourcen unterschieden werden. Es wird folglich ein besonderes Augenmerk auf dem Begriff des Kapitals liegen, wobei Bourdieu neben dem aus den Wirtschaftswissenschaften bekannten ökonomischen Kapital, auch kulturelles Kapital und soziales Kapital bei seiner Klassengliederung berücksichtigt. Insbesondere der Machtkampf zwischen kulturellem und ökonomischem Kapital ist in den modernen Gesellschaften von großer Bedeutung.

Womit wir auch schon beim zweiten Fall wären: „der Habitus & das soziale Feld“. Bourdieu hat in seinem Werk „ Die feinen Unterschiede“ den Lebensstil der Menschen, insbesondere die Sprache, das Konsumverhalten, sowie den kulturellen und ästhetischen Geschmack analysiert. Die Lebensbedingungen denen ein Akteur ausgesetzt ist und der im sozialen (Um-)Feld präferierte Lebensstil bestimmen demnach die eigene Lebensführung. Die unterschiedlichen Ansprüche an die gesellschaftlichen Positionen und die klassentypischen Vorraussetzungen, prägen auch den Kampf und Umgang mit Kapital.

Das Zusammenspiel von „Habitus“ und „Kapital“, sowie die Möglichkeit eine Gesellschaft anhand dessen zu strukturieren, soll in der folgenden Arbeit dargestellt werden. Zunächst wird aber kurz auf Bourdieus Leben und sein soziologisches Grundverständnis eingegangen, auf dessen Grundlage die Modelle zu verstehen sind.

2. Bourdieus Gesellschaftstheorie

2.1. Pierre Bourdieus Leben

Pierre-Felix Bourdieu ist am 1.8.1930 in Denguin, einem kleinen französischen Ort, geboren und in „einfachen“ Verhältnissen aufgewachsen. Er wurde zu einem der renommiertesten (französischen) Soziologen und Ethnologen des 20. Jahrhunderts, bevor er am 23.1.2002 in Paris starb. Bourdieu stellt sehr hohe Ansprüche an die Arbeitsweise der Soziologen und somit zwangsläufig auch an seine eigenen Arbeiten. Von großer Bedeutung ist die veränderte Sichtweise eines Soziologen auf das menschliche Sozialverhalten. Im Vergleich zum handelnden Akteur muss der „beobachtende Theoretiker“ Distanz zum Geschehen bewahren. Außerdem sollte jeder Soziologe stets damit rechnen, dass seine Theorien reflektiert bzw. weiterentwickelt werden oder sogar ein adäquates bzw. besseres „Konkurrenzmodell“ entwickelt wird. Deshalb legt Bourdieu besonderen Wert auf das Zusammenspiel von Theorie und Empirie, um seine Theorien zu prüfen und zu stärken. Deshalb erhebt er nie einen „alleinigen Wahrheitsanspruch“ (vgl. SCHWINGEL 2003; 7ff).

Seine zahlreichen Arbeiten sind sprachlich manchmal nicht leicht verständlich. Die Texte sind oft ausgestattet „mit Zahlenwerken, korrespondenzanalytischen Berechnungen und Graphiken, die vor allem der intellektuellen Schickeria die kalte Schulter zeigen“ (BOHN und HAHN 1999; 253) sollen.

Sein besonderes Interesse gilt der Reproduktion von Differenzen und Distinktionen in modernen Gesellschaften, die sich unter anderem in den unterschiedlichen Lebensstilen, dem Kapitalbesitz, den Bildungschancen und den jeweiligen Wirklichkeitsvorstellungen der Akteure äußern. Bourdieu hat sich dementsprechend stets gegen die „intellektuelle Schickeria“ und für eine demokratische Kontrolle der ökonomischen Prozesse eingesetzt, da materieller Besitz und insbesondere Geld die sozialen Ungleichheiten entscheidend fordern und fördern.

„Die Pflicht des Intellektuellen in der modernen Gesellschaft bestand dem engagierten Wissenschaftler Bourdieu zufolge nämlich darin, die innerhalb der autonomen Sphären der Kunst, Literatur und Wissenschaft durch fachspezifische Leistungen erworbenen Kompetenzen ins politische Feld genau dann einzubringen, wenn es um Fragen geht, die das jeweilige Forschungs- bzw. Arbeitsfeld des betreffenden Künstlers, Schriftstellers, Wissenschaftlers berühren“ (SCHWINGEL 2003; 9).

2.2. Basistheorie

Zunächst ein paar Sätze zum grundlegenden Theorieverständnis Pierre Bourdieus. Anknüpfend an den Strukturalismus versucht Bourdieu den Dualismus zwischen Subjektivismus und Objektivismus zu überwinden. Er will subjektive Faktoren mit objektiven Gegebenheiten in einer „Theorie der Praxis“ vereinen.

So kritisiert er die objektivistische Annahme, dass allein durch die gesellschaftlichen Bedingungen denen ein Akteur ausgesetzt ist, die sozialen Handlungen bereits vollständig determiniert sind. Die Akteure wären demnach austauschbar, solange sie sich in der exakt gleichen objektiven Lage befänden. Die „klassischen Strukturalisten“ scheinen das strategische Handeln der Akteure zu vernachlässigen. „Insbesondere lassen sie keinen Platz für den strategischen Umgang mit Zeit, für die Logik des Verzögerns […] und der Rhythmisierung von Sequenzen“ (BOHN und HAHN 1999; 253).

Im Subjektivismus hingegen ist das soziale Handeln allzu sehr auf die individuellen, rationalistischen Strategien begrenzt (vgl. „rational-choice“ oder Spieltheorien). Die Bedeutung der klassenspezifischen Sozialisation, sowie der Genese prägender Erfahrungen wird hier vernachlässigt.

In Bourdieus „praxeologischem Erklärungsansatz“ ist der Sinn des alltäglichen Handelns demzufolge vielmehr durch die Reziprozität der Gesellschaft als ein geschlossenes System von Regeln einerseits und der individuellen „Definition der Situation“, sowie den daraus resultierenden Handlungsstrategien andererseits bestimmt.

Die Zeit ist wesentlich für das Verständnis aller gesellschaftlichen Prozesse und nicht nur für die „Theorie der Praxis“ von großer Bedeutung. Bourdieus Aussage: „Die gesellschaftliche Welt ist akkumulierte Geschichte“ (BOURDIEU 1983; 183) soll heißen, dass die Gesellschaft und das Handeln der Einzelnen immer nur im geschichtlichen Prozess zu verstehen sind. Sowohl die Sozialstruktur als auch die Akteure befinden sich in einem ständigen sozialen bzw. persönlichen Wandel, so dass der Zeitpunkt der Handlungen für die jeweilige Strategie entscheidend ist. „Für eine Handlung ist mithin der Zeitpunkt ihrer Ausführung konstitutiv; sie ist vom Vorher und Nachher der Praktiken abhängig, in deren unmittelbarem Kontext sie stattfindet“ (SCHWINGEL 2003; 55).

Vor der weiteren Ausführung, sei noch darauf hingewiesen, dass die folgenden Modelle (Habitustheorie, Feldtheorie, Kapitaltheorie, Klassentheorie) keineswegs unabhängig voneinander zu betrachten sind, sondern vielmehr in wechselseitiger Abhängigkeit zueinander fungieren (vgl. SCHWINGEL 2003; 19).

3. Der Habitus - das soziale Feld und der soziale Raum

3.1. Begriffserklärung

Bourdieu versucht die erwähnte „Mikro-Makro Kluft“ zu überwinden, indem er die sich ergänzenden Modelle des Habitus und des sozialen Feldes einführt. Um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen wird nur kurz auf das „Brückenmodell“ des Habitus eingegangen, bevor dann ausführlicher die Distinktion der Gesellschaft mittels des Kapitalbegriffs erklärt wird.

„Gleich der Theorie der Praxis ist das Habituskonzept in allen ethnologischen und soziologischen Untersuchungen Bourdieus präsent oder steht zumindest als Erklärungsansatz im Hintergrund“ (SCHWINGEL 2003; 59).

Menschen mit ähnlichem Lebensstil fasst Bourdieu zu sozialen Feldern zusammen. Der Habitus ist als verinnerlichte bzw. Leib gewordene Kultur zu verstehen, welcher die feldspezifischen Praxisformen steuert. Der Habitus (als Vermittlung zwischen Struktur und Praxis) „meint bei Bourdieu die klassenspezifisch erworbene, [oft] unbewusste aber genaue Angepasstheit der Dispositionen, Verhaltensmuster und Einstellungen einer Person an das jeweilige soziale (Um-)Feld“ (WIKIPEDIA 2005).

Das soziale Feld meint die objektiven Lebensbedingungen, Regeln und Gesetzmäßigkeiten, denen ein Akteur bei seinen alltäglichen Handlungen ausgesetzt ist. Der soziale Raum als solcher und die sozialen Felder im speziellen charakterisieren die sozial konstruierte Wirklichkeit, vergleichbar mit den „Subsystemen“ bei Luhmann oder dem „Rahmen“ bei Goffman (vgl. BOHN und HAHN 1999; 261). Dabei ist zu beachten: „Der Erzeugungsprozeß der sozialen Wirklichkeit geht dem Bewusstsein verloren; was bleibt, ist die illusio, ein Wirklichkeitsglaube, der feldspezifische Geltung und Verbindlichkeit beansprucht“ (BOHN und HAHN 1999; 261). Die Institutionen, Wirklichkeitsannahmen, Spielregeln, Werte etc. werden folglich als Realität hingenommen, können sich aber in den jeweiligen sozialen Feldern unterscheiden.

Durch die Habitusdispositionen und das soziale Feld ist der Handlungsspielraum der Akteure eingegrenzt, d.h. der Rahmen für das strategische Spiel mit der Zeit festgelegt. Aber „nicht die Praktiken an sich, sondern der Spielraum dessen, was an Praxis möglich (und unmöglich) ist, wird durch den Habitus festgelegt“ (SCHWINGEL 2003; 71). Anders ausgedrückt stellt der Habitus die (ökonomische, soziale und kulturelle) Kompetenz dar, eine Vielzahl verschiedenartiger Praktiken des sozialen Handelns zu erzeugen, die aber jeweils die Strukturmerkmale des Habitus, d.h. des inkorporierten kulturellen Systems tragen.

Der Habitus erfüllt somit immer zwei Funktionen:

Einerseits ist er „das einheitsstiftende Erzeugungsprinzip der Praxis, […] als Inkorporation der Klassenlage und der von ihr aufgezwungenen Anpassungsprozesse“ (BOURDIEU 1982; 173). Mit anderen Worten: Der Habitus ist das Erzeugnis aus den vorangegangenen Sozialisations- und Lernprozessen der jeweiligen klassenspezifisch determinierten Lebensbedingungen. Er entsteht als eine Reaktion auf das soziale Feld, indem sich der Mensch die sozialen Regeln, die gesellschaftlichen Werte und das für ihn relevante Wissen aktiv aneignet. Die Genese der den Habitus konstituierenden Dispositionen erfolgt im Verlauf der Praxis, d.h. dem prägenden Interaktionsprozess zwischen den unterschiedlichen (objektiven) Lebensbedingungen und den (subjektiven) Handlungsstrategien. Die maßgebliche Prägung und Internalisierung der gesellschaftlichen Wirklichkeit erfolgt dabei sicherlich in der Kindheit. Folglich ist der Habitus „immer von den Umständen seiner ersten Aneignung geprägt“ (BOURDIEU 1983: 187). Die elterliche Erziehung konstituiert den Habitus in starkem Maße, wobei zu beachten ist, dass die Erziehungsmöglichkeiten stark vom „Kapital“ der Eltern abhängig sind.

Gleichzeitig ist der Habitus ein (generatives) Erzeugendenprinzip von Praxisformen. Er steuert die Denk- und Sichtweisen, sowie unsere Urteils- und Bewertungsfähigkeit in allen Handlungssituationen. Der Habitus bildet somit den Raum der Möglichkeiten, in dem Handlungen oft unbewusst und spontan ablaufen können. Bourdieu vertrat wohl die Ansicht, dass viele Aktionen unbewusst und eher auf Routine basierend, als aufgrund rationalistischer Handlungsstrategien ablaufen. Das würde bedeuten, dass die verinnerlichten Habitusdispositionen das soziale Feld, in dem sie produziert worden sind, (zumindest teilweise) „automatisch“ reproduzieren.

Kurz gesagt: Die sinnlichen Wahrnehmungen füllen den „Geist“ bzw. das Bewusstsein der Akteure. Die unterschiedlichen Lebensbedingungen, also die Verortung im sozialen Raum, determinieren dabei einen jeweils unterschiedlichen Habitus . Die Akteure identifizieren sich mit den ihnen zugewiesenen Rollen und erlernen rollenspezifische Denkstrukturen und Verhaltensweisen. Der Habitus prägt somit den spezifischen Geschmack, aber auch die Praxisformen, also den jeweils ausgeübten und präferierten sozialen Lebensstil. Der Habitus, als ein System verinnerlichter Regeln, kann demzufolge als Verbindung zwischen dem Akteur und den objektiven, soziokulturellen Gegebenheiten seiner gesellschaftlichen Position gesehen werden.

3.2. Der klassenspezifische Lebensstil

Bourdieu „betont besonders den generativen Aspekt von Habitus“ (BOHN und HAHN 1999; 258), welcher die sozialen Verhältnisse bzw. die Sozialstruktur permanent reproduziert. Das Habitus-Konzept Bourdieus veranschaulicht die Wechselseitigkeit zwischen Subjekt und Objekt sehr gut. Es zeigt, wie der Mensch als sozialer Akteur einerseits durch die soziale Struktur in seinem Handeln determiniert wird, anderseits aber durch sein gesellschaftliches Handeln vor dem Hintergrund seines gruppenspezifischen Habitus an der Reproduktion bestehender sozialer Klassenstrukturen beteiligt ist.

Zugleich ermöglicht der Habitus eine Unterscheidung zwischen der Eigengruppe und der Fremdgruppen. Der (je nach sozialer Position bzw. Klassenlage) unterschiedliche Lebensstil wurde von Bourdieu in einer umfangreichen Untersuchung der Konsumverhältnisse, im Frankreich der 1960er und 1970er Jahre, empirisch bestätigt. Bourdieu hat damit wohl entscheidend zum Verständnis sozialer Ungleichheiten (nicht nur im Frankreich der 60er Jahre) beigetragen.

In seinem Werk „Die feinen Unterschiede“ erläutert Pierre Bourdieu systematisch den Zusammenhang zwischen Kulturkonsum und sozialer Stellung und stützt diesen durch zahlreiche empirische Studien. Er sagt, „dass Konsum sicherlich immer – wenn auch graduell verschieden je nach Güterart und Konsument – Aneignung voraussetzt“ (BOURDIEU 1982; 172). Die differentiellen Erfahrungen mit Konsumgütern bedingen den Klassenhabitus, d.h. die „Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Handlungsschemata, die deren objektive Nützlichkeit im praktischen Gebrauch überhaupt erst konstituieren“ (BOURDIEU 1982; 173). Die Art und der Umfang der praktischen Nutzung von Radio oder TV kann beispielsweise stark variieren, obwohl die Gebrauchsanweisung eindeutig ist. Die Nützlichkeit einzelner Produktionsgüter wird erst durch den differentiellen Umgang bzw. Gebrauch vollends ersichtlich, d.h. wenn sie vom Konsumenten bewertet und benutzt werden. Differentielle Erfahrungen führen hierbei zu Differenzen im Umgang mit Gütern. Die Unterschiede bei der Nutzung kultureller Güter wiederum dienen Bourdieu als Mittel zur Distinktion.

Die Unterschiede im Geschmack, „als Fähigkeit, über ästhetische Qualitäten unmittelbar und intuitiv zu urteilen“ (BOURDIEU 1982; 171), sind zugleich soziale Distinktions- und Abgrenzungsmerkmale. Bourdieu analysiert, wie „Geschmack“ und Konsumverhalten (Essverhalten, Modestile, Schönheitsideale, Gewohnheiten, Gestiken, Wohnungseinrichtung und Art und Umfang kultureller Teilnahme wie Freizeittätigkeiten etc.), sowie die Sprache dazu benutzt werden, das Klassenbewusstsein auszudrücken und zu reproduzieren. „Am Habitus eines Menschen (Bewegung, Sprechen, Fertigkeiten, Kleidung, Ort, Einrichtung der Wohnung usw.) können die Mitglieder […] erkennen, ob dieser Mensch einer der ihren ist“ (FELDMANN 2005; 54). Die „homogensten Einheiten“ im Lebensstil bilden dabei ein soziales Feld, wobei Bourdieu hier weitere Bestimmungen offen lässt.

Wie bereits beschrieben ist der Habitus durch den Status, den ein Akteur innerhalb der gesellschaftlichen Struktur innehat, bedingt. Anders ausgedrückt: Im Habitus des Menschen ist ein Stück gesellschaftliche Struktur verinnerlicht bzw. inkorporiert. Die Klassenzugehörigkeit realisiert sich in der „Praxis“ in Form verschiedener Lebensstile. Folglich zeigt der Habitus eines Menschen wiederum dessen Position im sozialen Raum, sowie seine Zugehörigkeit zu dem einen oder anderen sozialen Feld an. Die Differenzen in der Praxisform bzw. im Lebensstil dienen zur Abgrenzung (Distinktion) gegenüber anderen Klassen oder Gruppen. Bourdieu spricht dementsprechend auch - vor dem Hintergrund seiner Diagnose der modernen Gesellschaft als Klassengesellschaft - vom Klassenhabitus.

Die unterschiedlichen Lebensweisen stellen dabei ein Konfliktpotenzial dar und verfestigen die Ursache sozialer Ungleichheit. Der Akteur verhält sich aufgrund seiner klassenspezifischen Sozialisation und Prägung seinem klassenspezifischen Milieu angemessen, hält damit aber auch gleichzeitig die Klassenunterschiede und gesellschaftlichen Differenzen weiter aufrecht. Selbst wenn sich das gruppenspezifische Konsumverhalten ändert, grenzen sich soziale Gruppen weiterhin voneinander ab.

Die Positionierung der sozialen Felder im sozialen Raum führt zu ständigen Klassenkämpfen. Als Ursache dafür sieht Bourdieu das strategische Gewinnstreben der Akteure. Soziale Felder sind demnach Kampffelder oder Spielfelder, in denen, nach entsprechenden, jedoch oft versteckten Regeln um Positionsgewinne im sozialen Raum bzw. um Macht und Prestige gekämpft wird. Die spezifische Logik jedes Feldes bestimmt die Relevanz der Spieleinsätze bzw. sozialen Energien.

Nur vor diesem beschränkten Hintergrund gibt es sozialen Wandel und Innovation. Die Möglichkeiten des sozialen Wandels und die Chancen einzelner Akteure im Spiel werden später noch genauer erläutert.

4. Das Kapital

4.1. Der Kapitalbegriff und der dreidimensionale Raum

Bourdieu war darum bemüht, aus den „feinen Unterschieden“ in den Praxisformen (Konsum, Geschmack und Verhalten), eine Distinktion der gesellschaftlichen Struktur herzuleiten. Dabei helfen ihm die mittlerweile weit verbreiteten und oben beschriebenen Konzepte des Habitus und des sozialen Feldes. Die sozialen Felder sind als „Praxiswelten“ bzw. „Sinnwelten“ (vgl. SCHWINGEL 2003; 63) in einem dreidimensionalen Raum zu sehen, der im theoretischen Klassenmodell Bourdieus grundlegend durch das Kapital aufgespannt und distinguiert wird. Bourdieu erkannte, dass die Verfügbarkeiten von (ökonomischem, kulturellem und sozialen) Kapital die Lebensumstände entscheidend prägen und somit die den Habitus konstituierenden Dispositionen grundlegend bestimmen. Er spricht synonym zum Kapital auch von sozialen Energien, Macht oder Spieleinsätzen.

Neben die kultursoziologisch eminent bedeutende Kategorie des Habitus stellt Bourdieu deshalb eine nicht weniger bedeutsame Feld- und Kapitaltheorie. In Erweiterung des Marxschen Kapitalbegriffs erfasst Bourdieu "Kapital" als gesellschaftlichen Ressourcenbegriff, der über das enge ökonomische Verständnis hinausgeht und soziales, kulturelles und symbolisches Kapital integriert.

Bourdieu definiert Kapital ganz allgemein als „akkumulierte Arbeit, entweder in Form von Materie oder in verinnerlichter, „inkorporierter“ Form“ (BOURDIEU 1983; 183). Er spricht auch von einer „Aneignung sozialer Energie in Form von verdinglichter oder lebendiger Arbeit“ (BOURDIEU 1983; 183). Insgesamt gilt, dass die Einsätze der drei Kapitalformen (insbesondere das ökonomische und kulturelle Kapital) die Ordnung im sozialen Raum bestimmen und die Klassenlage bzw. gesellschaftliche Rolle des Individuums determinieren.

Ähnlich wie Karl Marx grenzt Bourdieu soziale Gruppen zunächst hierarchisch voneinander ab. Die Bestimmung des Kapitalvolumens führt zu der bereits von Marx bekannten Dreiteilung in Ober-, Mittel-, und Unterklasse. Diese Klassen teilt Bourdieu nun, mittels einer Unterscheidung zwischen ökonomischem und kulturellem Kapital, in Klassenfraktionen. Die verschiedenen Klassenfraktionen werden in der Soziologie zum Teil auch als „soziale Milieus“ bezeichnet. Neben dem Kapitalvolumen (d.h. den verfügbaren Gesamtressourcen an Kapital) und der zeitliche Abfolge führt Bourdieu somit noch eine dritte Raumdimension ein: die Kapitalstruktur, d.h. die Verteilung und Gewichtung der verschiedenen Kapitalarten. Somit entsteht ein dreidimensionaler sozialer Raum (vgl. BOURDIEU 1982; 195f.).

4.2. Die Arten und Unterarten von Kapital

Im Folgenden sollen die drei Kapitalarten und deren Verteilung im sozialen Raum verdeutlicht werden, bevor auf die Konvertierbarkeit und die (generative) Übertragbarkeit der verschiedenen Kapitalformen eingegangen wird.

4.2.1.Das ökonomische Kapital

Die erste Kapitalform, das ökonomische Kapital, meint das aus dem alltäglichen Sprachgebrauch bekannte „Kapital“. Zu dieser Kapitalform gehört alles, was „unmittelbar und direkt in Geld konvertierbar“ (BOURDIEU 1983; 185) ist - insbesondere aber nicht ausschließlich Geld und Produktionsmittel, sondern vielmehr jegliche Art von Eigentum bzw. materiellem Reichtum. Das ökonomische Kapital ist die in den kapitalistischen, modernen Gesellschaften dominierende Art. Es war bereits der Ausgangspunkt zur Klassendistinktion bei Marx und dient auch Bourdieu als Grundlage für alle anderen Kapitalarten. Wichtig ist, dass die anderen Kapitalarten aber nur vollends auszuschöpfen sind, wenn das ökonomische Kapital (nahezu) unbedeutend bleibt. Dazu später mehr.

4.2.2. Das kulturelle Kapital

Die zweite Kapitalart, das kulturelle Kapital, kann nach Bourdieu in drei Formen auftreten:

„(1.) in verinnerlichtem, inkorporiertem Zustand, in Form von dauerhaften Dispositionen des Organismus, (2.) in objektiviertem Zustand, in Form von kulturellen Gütern, Bildern, Büchern, Lexika, Instrumenten oder Maschinen […], und schließlich (3.) in institutionalisiertem Zustand, einer Form von Objektivation, die deswegen gesondert behandelt werden muß, weil sie – wie man beim schulischen Titel sieht – dem kulturellen Kapital, das sie ja garantieren soll, ganz einmalige Eigenschaften verleiht.“ (BOURDIEU 1983; 185).

Inkorporiertes Kapital meint die kulturellen Fähigkeiten, Wissensformen, Bildung etc., die sich der Besitzer angeeignet hat und die somit Teil des Habitus geworden sind. „Das Delegationsprinzip ist hier ausgeschlossen“, denn diese spezielle Unterart ist „grundsätzlich körpergebunden “ und „setzt einen Verinnerlichungsprozess voraus, der […] Zeit kostet “, die vom Inhaber „ persönlich investiert werden“ muss (vgl. BOURDIEU 1983; 186). Die Aneignung kann völlig unbewusst ablaufen und das „verkörperlichte Kulturkapital bleibt immer von den Umständen seiner ersten Aneignung geprägt“ (BOURDIEU 1983; 187).

Die materielle Aneignung von objektiviertem Kulturkapital setzt (normalerweise) ökonomisches Kapital voraus. Die symbolische Beherrschung von objektiviertem Kulturkapital wird aber erst durch das inkorporierte Kapital ermöglicht. Denn kulturelle Güter können zwar mittels ökonomischen Kapitals materiell angeeignet werden, die Nutzung setzt aber das nötige „Know-how“ voraus. Dieses wiederum muss vom Eigentümer des Gutes selbst angeeignet werden, oder (was wohl häufiger der Fall ist) durch „Bedienstete“ gewährleistet sein. Dadurch entsteht eine Konkurrenzsituation zwischen den (Produktionsmittel-)Besitzern und den Besitzlosen – den intellektuellen „Dienstleistern“ (vgl. Bourgeoisie und Proletariat bei Marx).

Institutionalisiertes Kulturkapital meint die zur Legitimation des inkorporierten Kulturkapitals nötigen Bildungs-Titel, denn inkorporiertes Kulturkapital gewinnt seinen „offensichtlichen Wert“ erst, wenn es institutionell anerkannt wird. Es bedarf nun nicht mehr der ständigen Rechtfertigung, da man durch schulische Titel von der Pflicht befreit ist, sich ständig beweisen zu müssen. „Der schulische Titel ist ein Zeugnis für kulturelle Kompetenz“ (BOURDIEU 1983; 190) und besitzt in den modernen Gesellschaften einen sehr hohen Stellenwert, nicht nur auf dem Arbeitsmarkt. Einem Arzt wird aufgrund seines Doktortitels niemand seine fachlichen Kompetenzen absprechen wollen, während ein „Fußballexperte“ sich immer wieder aufs Neue seinem kritischen Publikum beweisen muss. Dies deutet auf das Problem hin, dass die einmalige Anerkennung nicht zwangsläufig etwas über die tatsächlichen Kompetenzen eines Akteurs zu einem gegebenem späteren Zeitpunkt aussagen muss. Des Weiteren ist das „Alles-oder-Nichts-Prinzip“ bei Prüfungen, d.h. die Grenzziehung zwischen den letzten erfolgreichen und den „besten“ erfolglosen Prüflingen, kritisch zu betrachten (vgl. BOURDIEU 1983; 190).

Das Kulturkapital, insbesondere im inkorporierten Zustand kann folglich als Verbindung zwischen dem gesellschaftlichen Statussystem und dem Habitus gesehen werden. Anders ausgedrückt: Das (inkorporierte) kulturelle Kapital verbindet die kulturellen Gegebenheiten mit den körpereigenen Prozessen der kulturellen Genese.

4.2.3. Das soziale Kapital

Die dritte Erscheinungsform, das soziale Kapital, meint das erst über das jeweilige soziale Netzwerk zugängliche Kapital. „Das Sozialkapital ist die Gesamtheit der aktuellen und potentiellen Ressourcen, die mit dem Besitz eines dauerhaften Netzes von mehr oder weniger institutionalisierten Beziehungen gegenseitigen Kennens oder Anerkennens verbunden sind“ (BOURDIEU 1983; 190). Alle Mitglieder einer Gruppe können vom Gesamtkapital dieser Gruppe schöpfen. Bourdieu spricht auch von einem „Multiplikatoreffekt“, da durch den Kapitalbesitz der Gruppenmitglieder zusätzliche Kapitalressourcen verfügbar gemacht werden können.

Es ist wichtig zu beachten, dass soziale Kontakte nicht zwangsläufig einem reinem (ökonomischen) „Nutzenkalkül“ entspringen müssen, sondern vielmehr auch als „affektive Bindung“ entstehen können. Im zeitlichen Verlauf einer Beziehung ist ein Wechsel zwischen beiden Beweggründen sicherlich möglich. Es bleibt festzuhalten, dass institutionalisierte Beziehungen wohl eher selten emotional verankert sind, als die freieren, privaten Kontakte.

Das Sozialkapital ist aber nicht das Hauptthema dieser Arbeit, was die Macht und soziale Energie dieser Kapitalart nicht schmälern soll. Bekanntlich sind „Vitamin B“ und der gesellschaftliche Einfluss den die „Lobby“ eines spezifischen Feldes ausüben kann, oftmals entscheidend für den Status und die Einflussnahme auf die (Spiel-)Regeln, Ansprüche, Werte und Gesetze des sozialen Raums.

4.2.4. Das symbolische Kapital

Als weitere Kapitalart spricht Bourdieu vom symbolischen Kapital. Das symbolische Kapital wird oft mit Prestige gleichgesetzt. Diese Kapitalform entfaltet seine Bedeutung erst in der Praxis. Sie wird als das Produkt der drei anderen Kapitalformen gesehen und erhält seinen Wert durch die Anerkennung im sozialen Raum bzw. den spezifischen sozialen Feldern. Symbolisches Kapital gilt als die mächtigste Kapitalform, da bei der Einschätzung eines Interaktionspartners, die von ihm verwendeten Symbole und Gesten für das gesamtgesellschaftliche bzw. gruppenspezifische Ansehen ausschlaggebend sind. Auch ökonomisches Verhalten wird somit keineswegs allein durch den Eigennutzen diktiert. Vielmehr beeinflusst in erster Linie das Streben nach sozialer Auszeichnung die wirtschaftlichen Handlungsstrategien. Die Akteure achten in ihrem Sozialverhalten (nur) auf die von ihrem Kommunikationspartner präsentierten Symbole und begegnen ihm entsprechend seinem (symbolischen) Auftreten, sowie der daraus resultierenden Bedeutung für das soziale Feld in dem gerade gespielt wird.

Kurz gesagt: Bei einer Interaktion dienen Symbole als Vermittler sozialer Informationen. Das symbolische Kapital entscheidet folglich über die Erkennung und Anerkennung in der Praxis, je nach Situation bzw. Feld in dem gerade interagiert wird.

Wichtig ist es, zu beachten, dass die einzelnen Kapitalarten und deren Unterarten nicht immer klar trennbar sind. Es handelt sich vielmehr um eine „künstliche Grenzziehung“, die dem Soziologen helfen soll, eine Sozialstruktur zu modellieren. Beispielsweise ist objektiviertes Kulturkapital, das auf dem „Markt“ angeboten wird, nicht mehr vom ökonomischen Kapital zu unterscheiden.

4.3. Kapital als primäres Strukturierungsprinzip

Nachdem nun die verschiedenen Kapitalarten und Unterarten von Kapital - die übrigens keineswegs statisch sind, sondern in zukünftigen soziologischen Arbeiten sicherlich noch weiter differenziert werden - beschrieben worden sind, stellt sich folgende Frage: Welchen Einfluss haben die drei Kapitalarten auf die Lebensführung Einzelner, die gesellschaftliche Gesamtstruktur, sowie die soziale Entwicklung einer Gesellschaft?

Bourdieu versteht die moderne Gesellschaft als Klassengesellschaft, in der die drei klassifizierenden Kapitalsorten ungleich verteilt sind. Die Menschen profitieren somit unterschiedlich vom gesamtgesellschaftlichen „Reichtum“ und haben unterschiedlichen Einfluss auf gesellschaftliche Entscheidungs- und Gestaltungsprozesse. Die verfügbaren Kapitalressourcen bestimmen die Machtverhältnisse bzw. die Hierarchie im sozialen Raum. Ein Akteur mit hohem Status kann mehr geben, kann aber auch mehr verlangen. Anders ausgedrückt: Die Einsatzmöglichkeiten bestimmen die Erfolgschancen, welche ihrerseits wiederum über die Zukunftssicht der Akteure entscheiden. Die Zukunftseinstellung entscheidet über den „Antrieb“, wobei geringe soziale Energie bzw. geringer Antrieb zu geringer Bewegung bzw. Einflussnahme im Spiel führt. Durch die den Kraftfeldern innewohnenden Energien, Regeln und Gesetze ist die Chance auf Prestige, Anerkennung und Macht geregelt.

Die Differenzen im Kapitalbesitz äußern sich in der Praxis in Form unterschiedlicher Lebensstile, die die sozialen Ungleichheiten erkennen lassen. Durch Bourdieus sozioökonomisches Erklärungsmodell sollen die Unterschiede im Lebensstil anhand der Verteilungsstruktur der verschiedenen Kapitalarten modelliert werden. Es ist aber zu beachten, dass die primäre, klassifizierende Variable der Kapitalressourcen nie isoliert zu betrachten ist. „Eine soziale Klasse ist vielmehr definiert durch die Struktur der Beziehungen zwischen allen relevanten Merkmalen, die jeder derselben wie den Wirkungen, welche sie auf die Praxisformen ausübt, ihren spezifischen Wert verleiht“ (BOURDIEU 1982; 182). Bei einer Realdefinition von Klassen sind immer zahlreiche sekundäre Merkmale zu berücksichtigen, auch wenn sie nicht ausdrücklich erwähnt werden. Das funktionale Gewicht der jeweiligen Faktoren bestimmt dabei deren strukturierende Wirksamkeit, wobei in Bourdieus Modell dem Kapital eine gewichtige Funktion zukommt. „Umfang und Struktur des Kapitals verleihen in diesem Sinne den von den übrigen Faktoren (Alter, Geschlecht, Wohnort etc.) abhängigen Praktiken erst ihre spezifische Form und Geltung“ (BOURDIEU 1982; 185)

4.4. Die Macht des Kapitals

Nach Bourdieu ist Kapital in starkem Maße ungleich verteilt und es wird ständig um Kapital gekämpft. Anders als beim Roulette wo man von jetzt auf gleich alles gewinnen und direkt wieder verlieren kann, ist das Gesellschaftsleben kein Glücksspiel, sondern vielmehr durch Kapital geordnet. Die moderne Gesellschaft ist folglich kein „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“, denn „die Akkumulation von Kapital, ob nun in objektivierter oder verinnerlichter Form, braucht Zeit“ (BOURDIEU 1983; 183). Die Verteilung der verschiedenen Kapitalarten entscheidet aber über „das dauerhafte Funktionieren der gesellschaftlichen Wirklichkeit [..] und über die Erfolgschancen der Praxis“ (BOURDIEU 1983; 183). Durch die Akkumulation von Kapital wird die soziale Ungleichheit gestärkt, da die Chance Kapital zu mehren umso größer ist, je mehr Kapital im Spiel eingesetzt werden kann.

In Bourdieus Gesellschaftstheorie ist der Besitz von Kapital folglich entscheidend für die soziale Position und für die Kontrolle von sozialem Raum. Kapital ist dabei alles, was man „gewinnbringend“ einsetzen kann (Wissen, Kontakte, Geld, Grundbesitz usw.) um seine (symbolische) Anerkennung zu verbessern. Bourdieu blickt deshalb bei seiner Definition von Kapital, im Gegensatz zu Karl Marx, über den „Tellerrand der reinen Ökonomie“ hinaus, da, wie „jedermann weiß, [..] auch scheinbar unverkäufliche Dinge ihren Preis“ (BOURDIEU 1983; 184) haben. Diese Dinge werden oft „mit der Absicht einer ausdrücklichen Verneinung des Ökonomischen hergestellt“ (BOURDIEU 1983; 184) und sind deshalb nur schwer konvertierbar, also mit dem ökonomischen Kapital vergleichbar. Auch diese Dinge müssen aber keineswegs (wie im Ökonomismus angenommen) „uneigennützig“ oder wertlos sein, auch wenn der Eigennutzen nicht immer so offensichtlich zu erkennen ist bzw. gar nicht das primäre Ziel der Aneignung sein muss. Soziale Beziehungen beispielsweise müssen ja keineswegs immer und unbedingt auf Nutzen kalkulierenden Handlungsstrategien beruhen, sondern können auch als aufrichtige, affektive Bindungen bestehen. Die Akkumulation von Wissen kann ebenso aus „reinem“ Interesse motiviert sein und muss nicht zwangsläufig auf ökonomisches Gewinnstreben ausgerichtet sein.

Das Kapital steht somit für Macht nicht nur im ökonomischen System, sondern lässt sich auch auf andere Subsysteme ausweiten. Bourdieu ist der Meinung, dass der „Warentausch lediglich als spezieller Fall unter mehreren möglichen Formen von sozialem Austausch behandelt“ (BOURDIEU 1983; 184) werden sollte. Er war um eine Ökonomisierung aller praktischen Handlungen bemüht. Jede Form von sozialem Austausch - selbst die scheinbar uneigennützigen Handlungen, die sich als von der Ökonomie befreit verstehen - ist als (ökonomische), auf die Maximierung symbolischen Gewinns ausgerichtete, Handlung zu begreifen.

4.5. Konvertierbarkeit und Umwandlung

Er stellt deshalb folgenden Anspruch an die ökonomische Praxis:

„Eine wirklich allgemeine Wissenschaft von der ökonomischen Praxis muß in der Lage sein, […] das Kapital und den Profit in allen ihren Erscheinungsformen zu erfassen und die Gesetze zu bestimmen, nach denen die verschiedenen Arten von Kapital (oder, was auf dasselbe herauskommt, die verschiedenen Arten von Macht) gegenseitig ineinander transformiert werden“ (BOURDIEU 1983; 184).

Von einer „ allgemeinen Wissenschaft von der Ökonomie der Praxis“ sollten dementsprechend auch andere Formen des sozialen Austauschs (z.B. Wissen, Beziehungen, Liebe etc.) abgedeckt werden. Die verschiedenen Kapitalarten müssen dafür notwendigerweise miteinander vergleichbar sein, womit wir beim Problem der Konvertierbarkeit wären. „Die anderen Kapitalarten können mit Hilfe von ökonomischem Kapital erworben werden, aber nur um den Preis eines mehr oder weniger großen Aufwandes an Transformationsarbeit, die notwendig ist, um die in dem jeweiligen Bereich wirksame Form der Macht zu produzieren.“ (BOURDIEU 1983; 195). Die verschiedenen Kapitalarten sind nach Bourdieu untereinander konvertierbar, aber die Umwandlung ist mit unterschiedlich hohen Kosten bzw. Zeitaufwand verbunden. Die Höhe der Kosten reicht von einer direkten Umwandlung – ohne Verzögerung und sekundäre Kosten – bis zu langfristigen Beziehungen, die dann (zur richtigen Zeit) kurzfristig eingesetzt werden können. Das Kennen und Anerkennen von „Krediten“ bzw. gegenseitiger „Schuld“ und Beziehungsarbeit ist dabei entscheidend und nur durch Zeitaufwand erreichbar.

Als derzeit dominierende Kapitalart ist das ökonomische Kapital – in bäuerlichen oder Adelsgesellschaften war das soziale Kapital wichtiger - und somit insbesondere das Geld das „Maß aller Dinge“. Geld ist als „Wechselkurs“ insofern sinnvoll, da es leichter gemessen und hierarchisch angeordnet werden kann als die anderen Kapitalformen. Es kommt somit seiner Bedeutung als Zähleinheit nach. Das kulturelle Kapital steht aber mit dem ökonomischen in ständigem Konkurrenzkampf und spielt sicherlich in unserer heutigen „Wissensgesellschaft“ ebenfalls eine entscheidende Rolle.

4.6. Eine allgemeine Ökonomie der Praxis

Es bleibt einerseits festzuhalten, dass kultureller Konsum oft neben Kulturkapital auch ökonomisches Kapital voraussetzt. Auf der anderen Seite kann auch ökonomisches Kapital nicht ohne ein Mindestmaß an kulturellen sozialen Energien bzw. Kapital angeeignet und bewahrt werden. So setzt die schulische Ausbildung der Kinder ein Mindestmaß an ökonomischem Kapital voraus. Der Erwerb kulturellen Kapitals kann wiederum zur Erhöhung des ökonomischen Kapitals eingesetzt werden. Durch eine gute schulische Ausbildung steigen die Chancen, auf dem Arbeitsmarkt einen „lukrativen“ Job zu finden. Der Geldwert für einen Titel wird dabei auf dem Arbeitsmarkt festgelegt, wobei der „Wechselkurs“ zwischen ökonomischem und kulturellem Kapital von der Anzahl der Konkurrenten auf dem Markt, d.h. dem Seltenheitswert abhängig ist. Die Arbeit, die man in einen bestimmten Bildungstitel investiert, kann deshalb nach dem Erwerb dieses Titels deutlich an Wert verloren haben. Die Bildungsdynamik hat nach Bourdieu zu einer „Titelinflation“ bzw. „Bildungsexpansion“ geführt, die „die Rückumwandlungsstrategien von ökonomischem in kulturelles Kapital“ beeinflusst haben (vgl. BOURDIEU 1983; 190). Die schulischen Titel haben an Wert verloren. Vor allem die Absolventen aus niedrigeren Schichten haben dadurch (noch) schlechtere Möglichkeiten, das erworbene Kapital angemessen umzusetzen, da ihnen oftmals „nützliche Beziehungen“ bzw. soziales Kapital fehlen, die den Einstieg ins Berufsleben dennoch ermöglichen könnten.

Aufgrund der heutigen Bedeutung des ökonomischen Kapitals, geht Bourdieu von der doppelten Annahme aus, „daß das ökonomische Kapital einerseits allen anderen Kapitalarten zugrundeliegt, daß die transformierten und travestierten Erscheinungsformen des ökonomischen Kapitals aber niemals ganz auf dieses zurückzuführen sind, weil sie verbergen (und zwar vor allem vor ihrem eigenen Inhaber), daß das ökonomische Kapital ihnen zugrundeliegt und insofern, wenn auch nur in letzter Instanz, ihre Wirkungen bestimmt“ (BOURDIEU 1983; 196).

Das soll heißen, dass die Wirkung des kulturellen und sozialen Kapitals generell umso größer ist, je eher sich die zugrunde liegende ökonomische Dimension verschleiern oder verbergen lässt. Wenn beispielsweise der Erwerb höherer Bildungstitel ausschließlich als Produkt individueller Leistung und Intelligenz betrachtet wird, ist ihr Nutzen ungleich höher, als wenn Bildung mit privilegierter Herkunft gleichgesetzt wird. Wenn Sozialkapital als intime Freundschaft gepflegt wird, ist die Verlässlichkeit und Nützlichkeit der Partner ebenfalls größer, als wenn der (ökonomische) Nutzen beiden Parteien bewusst wäre.

Damit wendet sich Bourdieu gegen die Sichtweise des Ökonomismus, „der alle Kapitalformen für letztlich auf ökonomisches Kapital reduzierbar hält und deshalb die spezifische Wirksamkeit der anderen Kapitalarten ignoriert“ (BOURDIEU 1983; 196). Im Ökonomismus gilt, dass „was man hat oder was man verdient, vollkommen bestimmt, was man „wert“ ist und was man ist“ (BOURDIEU 1983; 196).

Gleichzeitig kritisiert Bourdieu aber auch den (vor allem in der modernen Soziologie beheimateten) so genannten Semiologismus, der soziale Austauschbeziehungen auf Kommunikationsphänomene reduziert und die "brutale Tatsache der universellen Reduzierbarkeit auf die Ökonomie" (BOURDIEU 1983: 196) ignoriert. Für den Semiologismus spielt sich alles im „Reich der Symbole“ ab und die Macht, sowie der Einfluss der ökonomischen Prozesse auf die Handlungsstrategien der Akteure werden vernachlässigt. Bourdieu berücksichtigt somit nicht nur die Produktion und den Austausch von Waren, sondern alle menschlichen Produktionsgüter (Sprache, Literatur, Kunst, Mode etc.) und deren Austausch sowie gesellschaftlichen Stellenwert und Anerkennung.

Als Äquivalenzmaß zum vergleichen verschiedener Kapitalformen sieht Bourdieu „die Arbeitzeit im weitesten Sinne“ (BOURDIEU 1983; 196), sowohl „die in Form von Kapital akkumulierte Arbeit als auch die Arbeit […], die für die Umwandlung von einer Kapitalart in eine andere notwendig ist“ (BOURDIEU 1983; 196).

Nach Bourdieu sind Kapitalumwandlungen zwar immer mit Kosten verbunden, aber nach dem Prinzip der Erhaltung sozialer Energie müssen „Gewinne auf einem Gebiet notwendigerweise mit Kosten auf einem anderen Gebiet bezahlt werden“ (BOURDIEU 1983; 196). Es gibt somit keine Verschwendung, da neben den Kosten zur Aneignung einer Kapitalart auch die Umwandlungskosten in eine andere Kapitalform in Rechnung gestellt werden. Der Wert von Bildungskapital ist somit bestimmt durch das investierte ökonomische Kapital und den Zeitaufwand, den die Aneignung von Wissen benötigt. Dabei ist zu beachten, dass der Aufwand an Zeit erst „durch die Verfügung über ökonomisches Kapital ermöglicht wird“ (BOURDIEU 1983: 197).

4.7. Weitergabe und Verlust von Kapital

Die Umwandlungs- oder Reproduktionskosten entwickeln sich somit aus der zur Transformation benötigten Arbeitszeit und den „inhärenten Verlusten“. Die unterschiedlichen Kapitalarten sind nach Bourdieu unterschiedlich leicht übertragbar. Er nennt in diesem Zusammenhang das Schwundrisiko und die Verschleierungskosten die zu einer Unsicherheit in allen Transaktionen führen. Durch Schwund und Verschleierung kann es schließlich doch zu Verlusten kommen.

Da durch soziale Kontakte „Kredite“ vergeben werden - die oft noch nicht einmal für die Akteure selber offensichtlich sind und nicht „vertraglich“ abgesichert werden - kann es zur Entsagung der Schuldanerkennung und somit zu Verlusten für den Kreditgeber kommen. Anders formuliert: Einem Interaktionspartner kann die „Lust“ am sozialen Austausch vergehen und somit geht auch der gegenseitige Anspruch auf Unterstützung verloren.

Insbesondere beim kulturellen Kapital ist das Verlustrisiko besonders hoch. Das Bildungskapital, das oft ganz verschleiert im Dunkeln weitergegeben wird, ist wohl die am unsichersten übertragbare Kapitalart, da Verluste bei der Weitergabe von Wissen niemals vollends vermieden werden können. Wie bereits erwähnt ist das inkorporierte Kulturkapital vielmehr immer an das jeweilige Individuum gebunden. „Es vergeht und stirbt, wie sein Träger stirbt und sein Gedächtnis, seine biologischen Fähigkeiten usw. verliert“ (BOURDIEU 1983; 187). Die möglichen Kapitalverluste sind bei der generativen Weitergabe d.h. der (familiären) Reproduktion ungleich höher, können aber auch bei dem Versuch einer persönlichen Kapitalverlagerung (vgl. „Titelinflation“) auftreten.

4.8. Reproduktionsstrategien

„Die Tatsache der gegenseitigen Konvertierbarkeit der verschiedenen Kapitalarten, ist der Ausgangspunkt für Strategien, die die Reproduktion des Kapitals (und der Position im sozialen Raum) mit Hilfe möglichst geringer Kapitalumwandlungskosten (Umwandlungsarbeit und inhärente Umwandlungsverluste) erreichen möchten“ (BOURDIEU 1983; 197).

Der Versuch, mit Hilfe möglichst geringer Verluste die generative Weitergabe des Kapitals und einer besseren Positionierung im sozialen Raum zu erreichen, hat zu einem System von Reproduktionsstrategien geführt, dass sich seinerseits wieder transformieren lässt. Die Reproduktionsstrategien sind ein Komplex höchst unterschiedlicher Praktiken, „mit deren Hilfe die Individuen und Familien unbewusst wie bewusst ihren Besitzstand zu erhalten oder zu mehren und parallel dazu ihre Stellung innerhalb der Struktur der Klassenverhältnisse zu wahren oder zu verbessern suchen“ (BOURDIEU 1982; 210)

Die Wahl der Strategien ist dabei von drei Faktoren abhängig:

1) von Volumen und Struktur des zu reproduzierenden Kapitals, also davon, welche Gewichtung welche Kapitalsorte hat
2) „von der Verfassung des Systems der institutionalisierten wie nicht-institutionalisierten Reproduktionsinstrumente“ (z.B. Erbrecht, Arbeitsmarkt, Schulsystem etc.) - kurz gesagt: den „Spielregeln“
3) von dem Charakter der dem System der Reproduktionsstrategien zueigen ist

Jede Veränderung in einem der drei Punkte zieht eine Umstrukturierung des Systems der Reproduktionsstrategien nach sich. Die Umstellung von einer auf eine andere (relevantere) Kapitalsorte verändert die Verteilungsstruktur des Kapitals. Die Gründe für eine Umstellung können durch eine bessere, verfassungsrechtliche Legitimation einzelner Kapitalarten gegeben sein. So sind die verschiedenen Kapitalformen, obwohl miteinander vergleichbar, unterschiedlich leicht übertragbar. Die Höhe der Reproduktionsverluste (vgl. Schwundrisiko und Verschleierungskosten) ist auch abhängig von den sozialpolitisch vorgegebenen Instrumenten bzw. Regeln. Entsprechend der gesellschaftspolitisch geregelten Übertragbarkeit werden die jeweils „lohnenswerteren“ Kapitalformen angeeignet und weitergegeben. Dabei ist zu beachten, dass die herrschenden und somit gesetzgebenden Klassen den Rahmen für die Anerkennung der Übertragung bestimmen. Reproduktionsstrategien sind folglich immer auch Legitimationsstrategien, denn die Weitergabe von Kapital muss ja zwangsläufig von der Gesellschaft anerkannt werden, um im Spiel regelgerecht bzw. verfassungskonform eingesetzt werden zu können. Das ist nicht immer – wie bei der generativen Übertragung von Adelstiteln – so offensichtlich gewährleistet. Es ist vielmehr so, dass vor allem die Übertragung von ökonomischem Kapital durch die staatliche Verfassung reguliert werden kann (Erbrecht, Steuern etc.). Bourdieu hätte eine bessere Kontrolle der Reproduktion (insbesondere der Vererbung materiellen Reichtums) wohl befürwortet, obwohl (oder gerade weil) die besser verschleierte Art des Bildungskapitals dann an Bedeutung gewinnen würde.

4.9. Wandel von Kapital und Sozialstruktur

Bourdieu sagt, dass „nicht alle Startpositionen mit derselben Wahrscheinlichkeit zu allen Endpositionen führen“ (BOURDIEU 1982; 189). Es scheint, als gäbe es je nach Klassenherkunft typische Laufbahnen.

„Sind die Angehörigen einer Klasse mit einem bestimmten ökonomischen und kulturellen Anfangskapital mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit zu einer sozialen und schulischen Laufbahn verurteilt, die zu einer gegebenen Position führt, so bedeutet dies gleichzeitig, daß eine Fraktion der Klasse […] eine von der statistisch häufigsten Laufbahn der Gesamtklasse abweichende, entweder höhere oder niedere […] Laufbahn einschlagen und so zwangsläufig nach oben oder unten aus ihrer Klasse ausscheren muß“ (BOURDIEU 1983; 190).

Es gibt neben dem familiären Prägungseffekt folglich noch einen zweiten Effekt, der die Relation zwischen sozialer Herkunft und Praxis bestimmt: die individuelle Laufbahn. Damit ist der soziale Auf- und Abstieg in der Gesellschaftshierarchie bzw. die Entwicklung des Kapitals einzelner Akteure gemeint. Durch die veränderte Position im sozialen Raum sind die Habitusformen dem „neuen“ Lebensanspruch nicht mehr angemessen – es kommt zu einer Diskrepanz. Die Einstellungen, Meinungen und Verhaltensweisen müssen an das neue soziale Feld angepasst werden. So kann es beispielsweise sein, dass Geschwister, die eine sehr ähnliche Genese erfahren haben, dennoch unterschiedliche soziale Laufbahnen entwickeln. Es ist folglich entscheidend, dass zur Charakterisierung einer Person oder Klasse nicht nur der Zeitpunkt selber, sondern vielmehr auch die Zeit vor und nach der Beobachtung zu Rate gezogen werden muss.

Durch das Streben nach „besseren“, gewinnträchtigeren Positionen kann es zu sozialem Wandel kommen. Eine Veränderung des sozialen Raums ist durch den Austausch sozialer Energien zu erklären. Die durch Klassenkämpfe ausgelösten Energien, sowie die Energien innerhalb einzelner Felder können Bewegungen im Raum verursachen. Klassenkämpfe entstehen nicht nur wegen der bereits erwähnten Differenzen im „Geschmack“, sondern auch aufgrund des Strebens nach Geld & Macht bzw. sozialer Anerkennung & Prestige. Kapitalumwandlungen und eine Verfassungsänderung – die normalerweise von der herrschenden Klasse an der Spitze des Machtfeldes bestimmt wird - können ebenfalls zu einem Strukturwandel beitragen.

Laut Bourdieu ist ein sozialer Wandel durch die Reproduktion von Kapital zwar möglich, aber tatsächlich ist nur ein sehr langsamer geschichtlicher Wandel in der Sozialstruktur feststellbar. Bourdieu stellt vielmehr eine Reproduktion (evtl. sogar eine leichte Verstärkung) der sozialen Ungleichheit fest. Die Reproduktionschance der jeweiligen Familie oder Gruppe konstituiert deren Zukunftseinstellung. Durch die unterschiedlichen Möglichkeiten, den Kindern Kapital (Zeit, Geld, Wissen etc) zu vermitteln, sind die generativen Veränderungen im sozialen Raum festgelegt. Anhand seiner empirischen Studien, kam Bourdieu zu dem Schluss, dass der Status und die Bildung der Eltern den Status der Kinder determinieren (vgl. auch PISA-Studie). Durch die generative Weitergabe von Kapital innerhalb der Familien und Klassenfraktionen, kommt es zu einer ständigen Reproduktion sozialer Klassenstrukturen.

5. Fazit

Ausgehend von den sicherlich in jeder (modernen) Gesellschaft existierenden Differenzen im Sozialverhalten bemüht sich Pierre Bourdieu, die Gesellschaft zu kategorisieren. Er setzt voraus, dass die Gesellschaft in Gruppen eingeteilt werden kann, da der soziale Lebensraum kein Kontinuum einzelner Akteure zu sein scheint. Vielmehr lassen sich anhand der individuellen Unterschiede Akteure zu Gruppen zusammenfassen und gegenüber anderen Gruppierungen abgrenzen. Die Grenzziehung ist dabei jedoch keineswegs statisch, sondern einer ständigen Entwicklung unterworfen. Außerdem können verschiedene Forschungsanalysen mit ihren unterschiedlichen Schwerpunkten zu anderen Kategorisierungen führen.

Pierre Bourdieu seinerseits versucht (erfolgreich), die soziale Ungleichheit durch die ungleiche Kapitalverteilung in der Gesellschaft ursächlich zu erklären. Er definiert Klassen und Klassenfraktionen, in denen die Mitglieder über ein bestimmtes Maß der verschiedenen Kapitalarten (ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital) und somit über Macht verfügen. Geld ist dabei das entscheidende Mittel zur hierarchischen Anordnung des sozialen Raums, da Geld (oder ökonomisches Kapital) in den modernen, kapitalistischen Gesellschaften existentiell ist.

Dieses theoretische Modell der gesellschaftlichen Distinktion äußert sich aber in der Praxis eben nicht nur in Form von Geldbesitz, sondern vor allem in den zahlreichen Unterschieden im Lebensstil und Konsumverhalten. Bourdieu bemüht sich deshalb die sozialen Ungleichheiten deutend zu verstehen. Dazu hat er die verschiedenen subjektiven Praxisformen bzw. die Differenzen in den Lebensstilen empirisch überprüft. Durch „Die feinen Unterschiede“ im (Konsum-)Verhalten grenzen sich die Akteure in der Praxis voneinander ab. Somit wird offensichtlich, welcher Gruppe oder Klasse ein Akteur angehört. Mit anderen Worten: Es entsteht die Möglichkeit sich einerseits als Gruppe zu erkennen und sich andererseits abzugrenzen von anderen Gruppen. Individuen mit „ähnlichem Geschmack“ fasst Bourdieu deshalb zu sozialen Feldern zusammen. Mit Hilfe der in einem feldspezifischen Interaktionsprozess angeeigneten Habitusdispositionen sollen nun die unterschiedlichen Praxisformen und Lebensstile ursächlich erklärt werden.

Man kann von einer „doppelten Distinktion“ sprechen.

Das theoretische, ökonomische Modell der Kapitaldistinktion steht dem praktischen, empirisch überprüfbaren Habitusmodell „gegenüber“. Bourdieu hat die Unterschiede im Lebensstil empirisch nachgewiesen und zeigt dann, dass die beiden Distinktionen – der in den sozialen Feldern spezifische Lebensstil einerseits und dem, je nach Klassenfraktion variierenden Kapitalbesitz andererseits - eine starke Korrelation aufweisen. So kann man schließen, dass Individuen mit „ähnlichen Kapitalressourcen“ unter vergleichbaren Bedingungen am Spielgeschehen teilnehmen und somit oft „ähnliche Lebensstile“ bzw. Spielstrategien entwickeln. Bourdieu vergleicht die Interaktionen des Alltagslebens mit einem Spiel. Die Individuen besitzen unterschiedlich viele Potentiale verschiedener Art, die sie gewinnbringend einsetzen und untereinander transformieren können: ökonomisches Kapital, soziales Kapital und kulturelles Kapital.

Der Lebensraum ist mit einem Spielfeld vergleichbar, in dem die Menschen ihre sozialen Energien (Kapital) einsetzen, um ihre Stellung im Sozialsystem zu verbessern. Die Gewinnchancen werden dabei durch die zur Verfügung stehenden Kapitalressourcen und deren Mächtigkeit eingegrenzt. Kapital bzw. Geld kann somit als regulierendes und strukturierendes Ordnungsprinzip der Gesellschaft gesehen werden.

Es bleibt abschließend festzuhalten, dass die ungleiche Kapitalverteilung nach klassenspezifischen Lebensbedingungen verlangt. Diese wiederum führen zu Differenzen im Lebensstil, anhand dessen die soziale Ungleichheit ersichtlich und erklärbar wird. Durch die Möglichkeit der (generativen) Übertragung aller Kapitalsorten und der nur geringfügig feststellbaren Verlagerungen im sozialen Raum, kommt Bourdieu zu dem Ergebnis, dass sich die sozialen Ungleichheiten reproduzieren. Die Aneignung von Kapital und die Habitusdispositionen entscheiden dabei über die Gruppenzugehörigkeit und somit über die gesellschaftliche Stellung der Akteure.

6. Literaturverzeichnis

BOURDIEU, Pierre, 1982: „Die feinen Unterschiede - Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft“. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1982.

BOURDIEU, Pierre, 1983: „Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital“. S. 183-198 in KRECKEL, Reinhard (Hrsg.): „Soziale Ungleichheiten“. Göttingen: Schwartz, 1983

SCHWINGEL, Markus, 2003: „Pierre Bourdieu zur Einführung“. Hamburg: Junius Verlag, 2003.

BOHN Cornelia und HAHN Alois 1999: „Pierre Bourdieu“. S. 252-271 in KAESLER, Dirk (Hrsg.): „Klassiker der Soziologie“. München: Beck, 1999.

FELDMANN, Klaus, 2005: „Soziologie kompakt“. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2005.

Internetquelle

WIKIPEDIA 2005: „Habitus (Soziologie)“. Online-Dokument: http://de.wikipedia.org/wiki/Habitus_%28Soziologie%29, Stand: 11.12.2005

27 von 27 Seiten

Details

Titel
Geld und Sozialstruktur: theoretische Zugänge
Hochschule
Universität zu Köln
Veranstaltung
Money makes the world go round
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
27
Katalognummer
V110157
Dateigröße
635 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Geld, Sozialstruktur, Zugänge, Money
Arbeit zitieren
Patrick Lamers (Autor), 2006, Geld und Sozialstruktur: theoretische Zugänge, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110157

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