„Was tröstet dich der Artikel vom ewigen Leben?“ heisst die 58. Frage im Heidelberger Katechismus. Die Antwort darauf lautet: „Dass, nachdem ich jetzt den Anfang der ewigen Freude in meinem Herzen empfinde, ich nach diesem Leben vollkommene Seligkeit besitzen werde […]“.1
In der vorliegenden Untersuchung geht es um das Wort, das in der Antwort zweimal vorkommt: „ich“. Das erste Ich ist das gegenwärtige Ich einer glaubenden Person, das zweite das künftige Ich einer Person, die jenseits der Grenzen dieses Lebens im ewigen Leben existieren wird. Wer den Satz nachspricht oder liest, setzt selbstverständlich voraus, dass es sich bei beiden Nennungen um dasselbe Ich handelt. Wer jedoch genauer darüber nachdenkt, erkennt, dass dies keineswegs ein selbstverständlicher Sachverhalt ist. Stellt er sich den Übergang ins ewige Leben so vor, dass nur die Seele der jetzigen Person den physischen Tod überleben und ins ewige Leben gelangen wird, muss er sich die Frage gefallen lassen, ob die künftige Person, die nur noch aus einem Teil der jetzigen bestehen wird, noch dieselbe wie die jetzige genannt werden kann. Wenn er aber davon ausgeht, dass die jetzige Person ganz sterben und ganz zu neuem Leben erweckt werden wird, sieht er sich mit dem Verdacht konfrontiert, dass die künftige Person eine blosse Kopie der jetzigen sein könnte. Diese und zahlreiche weitere Probleme stellen sich, wenn man nach der Identität im ewigen Leben, dem Gegenstand dieser Untersuchung, fragt.
Ob und wie die Person des jetzigen Lebens und die des ewigen Lebens miteinander identisch sein können, sind die Leitfragen, an denen sich die Untersuchung orientieren wird. Entsprechend soll zuerst anhand der Replica-Debatte erörtert werden, ob persönliche Identität über den physischen Tod hinweg überhaupt logisch möglich ist. Danach ist der Frage nach dem Wie der Identitätserhaltung am Beispiel zweier profilierter Vorschläge, demjenigen von John Hick und demjenigen von Wolfhart Pannenberg, nachzugehen, und schliesslich werden die im Verlauf der Untersuchung gewonnenen Erkenntnisse in Form einer kurzen Skizze zu einem eigenen Vorschlag zusammengetragen werden.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 DIE MÖGLICHKEIT DER IDENTITÄT
2.1 Die Replica-Theorie
2.2 Die Replica-Debatte
2.2.1 Körperliche Kontinuität oder Entscheidung
2.2.2 Mehrere Kopien
2.2.2.1 Die Bedeutung der Möglichkeit
2.2.2.2 Alle sind identisch
2.2.2.3 Keine ist identisch
2.3 Beurteilung
2.3.1 Vorüberlegungen
2.3.2 Die Argumentation der Verteidiger der Theorie
2.3.3 Die Argumentation der Gegner der Theorie
2.3.4 Identität ist möglich
3 IDENTITÄT DURCH DIE SEELE (J. HICK)
3.1 Grundzüge der Eschatologie Hicks
3.1.1 Die Vollendung des Menschen im Endzustand
3.1.2 Entwicklung durch viele Leben
3.1.3 Der Übergang ins nächste Leben
3.2 Hicks Lösung des Identitätsproblems
3.3 Beurteilung
3.3.1 Würdigung
3.3.2 Einwände
3.3.2.1 Körperunabhängige Seele
3.3.2.2 Identität ohne Leib
3.3.2.3 Mehrere Leben
3.3.3 Fazit
4 IDENTITÄT DURCH GOTT (W. PANNENBERG)
4.1 Grundzüge der Eschatologie Pannenbergs
4.1.1 Die Vollendung in der Zukunft des Reiches Gottes
4.1.2 Verwandlung in Auferstehung und Gericht
4.2 Pannenbergs Lösung des Identitätsproblems
4.3 Beurteilung
4.3.1 Einwände
4.3.2 Die Leiblichkeit der Auferstehung
4.3.3 Veränderung des Lebensinhaltes
4.3.4 Der Massstab des Gerichts
4.3.5 Die interne Instanz
4.3.6 Individuelle Bestimmung
4.3.7 Zwei unterschiedliche Identitätsbegründungen
4.3.8 Fazit
5 DIE WIRKLICHKEIT DER IDENTITÄT
5.1 Die eschatologische Wirklichkeit
5.1.1 Die Erfüllung der Bestimmung
5.1.2 Eschatologische Existenz
5.1.3 Eschatologische Identität
5.2 Konsequenzen
5.2.1 Konsequenzen für das gegenwärtige Leben
5.2.2 Konsequenzen für Tod und Auferstehung
Zielsetzung & Themen
Die Untersuchung verfolgt das Ziel, die Möglichkeiten und Bedingungen persönlicher Identität über den physischen Tod hinaus zu klären. Ausgehend von der Frage, ob ein künftiges Ich mit dem gegenwärtigen identisch sein kann, wird untersucht, wie Identität im ewigen Leben konstituiert wird. Dabei stehen die Positionen von John Hick und Wolfhart Pannenberg im Zentrum, ergänzt durch einen eigenen Lösungsvorschlag.
- Die logische Möglichkeit persönlicher Identität nach dem Tod (Replica-Debatte).
- Hicks Konzept einer Seele als kontinuierliche sittlich-geistliche Grundstruktur.
- Pannenbergs Ansatz der Identitätsbegründung durch Gott und die Ewigkeit.
- Die kritische Auseinandersetzung mit der Leiblichkeit der Auferstehung.
- Die Rolle der göttlichen Bestimmung und Versöhnung für die eschatologische Identität.
Auszug aus dem Buch
2.1 Die Replica-Theorie
Weil es nicht möglich sei anzugeben, unter welchen Bedingungen der Satz „Gott existiert“ falsifiziert werde, sei er keine empirische Feststellung, war die Quintessenz eines kurzen Aufsatzes von A. Flew in den Fünfzigerjahren. John Hick entgegnete, es gebe Aussagen, die zwar nicht falsifiziert, aber dennoch verifiziert werden können, und erläuterte dies am Beispiel der Behauptung, in der dezimalen Bestimmung der Zahl π käme dreimal hintereinander die Ziffer 7 vor. Der Satz „Gott existiert“ gehöre zu dieser Gruppe von Aussagen, denn die Erfahrung der Herrschaft Jesu Christi nach der Auferweckung würde die Autorität Jesu bestätigen und somit indirekt auch seine Lehre über Gott.
Um die Möglichkeit solcher Verifikation aufzuweisen, sah Hick sich genötigt, die logische Möglichkeit der Auferweckung einsichtig zu machen und also darzulegen, dass tatsächlich dieselbe Person in einer Welt sterben und in einer andern auferweckt werden könne. Dazu entwickelte er seine Replica-Theorie, die er anhand von drei imaginären Fällen darstellte und die folgendermassen skizziert werden kann:
1. Die Person X1 verschwindet am irdischen Ort A (z.B. London), und im nächsten Moment erscheint die Person X2, eine genaue Kopie („an exact replica“; inkl. Körper, Charakter, Erinnerung usw.) von X1, am irdischen Ort B (z.B. New York). Da X2 sich selber für X1 halten würde und auch von den Bekannten und Verwandten für X1 gehalten würde, stellt Hick fest, dass die Faktoren, die für eine Identifizierung von X2 mit X1 sprechen, diejenigen, die dagegen sprechen, weit überwiegen. Deshalb kommt er zum Schluss, dass es sinnvoller sei, die beiden für identisch zu halten, als nicht und dass der Begriff „dieselbe Person“ („the same person“) entsprechend ausgeweitet werden müsse.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Darstellung der Fragestellung bezüglich der Identität des Menschen über den physischen Tod hinweg.
2 DIE MÖGLICHKEIT DER IDENTITÄT: Erörterung der Replica-Theorie von John Hick und der damit verbundenen Debatte um die logische Möglichkeit der Auferstehung.
3 IDENTITÄT DURCH DIE SEELE (J. HICK): Analyse von Hicks eschatologischer Konzeption, die Identität durch eine kontinuierlich existente Seele garantiert.
4 IDENTITÄT DURCH GOTT (W. PANNENBERG): Untersuchung von Pannenbergs Ansatz, der Gott als den alleinigen Garanten für die Identität des auferstandenen Menschen ansieht.
5 DIE WIRKLICHKEIT DER IDENTITÄT: Zusammenführung der Ergebnisse in einer eigenen eschatologischen Skizze zur Identität des Glaubenden.
Schlüsselwörter
Identität, Auferstehung, ewiges Leben, John Hick, Wolfhart Pannenberg, Replica-Theorie, Seele, Eschatologie, empirisches Ich, numerische Identität, Leiblichkeit, persönliche Identität, Gottesbild, eschatologische Existenz, Bestimmung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die philosophische und theologische Frage, wie die Identität einer Person über den Tod hinaus gewahrt bleibt.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Die Untersuchung fokussiert auf eschatologische Entwürfe, das Verhältnis von Leib und Seele sowie die Rolle Gottes bei der Identitätskonstitution.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Wie können die Person des jetzigen Lebens und die des ewigen Lebens miteinander identisch sein?
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Die Arbeit nutzt dogmatische Analysen, logische Argumentationsprüfungen (z. B. Modallogik) und eine vergleichende Untersuchung zweier profilierter eschatologischer Modelle.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert kritisch die Replica-Theorie, das Konzept der kontinuierlichen Seele bei Hick sowie Pannenbergs Theorie der Identität durch Gott.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Identität, Auferstehung, Seele, Leiblichkeit, eschatologische Existenz und die Theodizee.
Wie unterscheidet Hick zwischen dem empirischen Ich und der Seele?
Hick definiert das empirische Ich als singulär und zeitlich gebunden, während die Seele die kontinuierliche sittliche Grundstruktur darstellt, die das Identitätsproblem über die Tode hinweg löst.
Warum hält der Autor Pannenbergs Identitätskonzept für problematisch?
Der Autor kritisiert die Verbindung zweier unterschiedlicher Identitätsmodelle – der Lebensgeschichte und der Bestimmung durch Gott – als künstlich und anfällig für innere Widersprüche.
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- Peter Schafflützel (Author), 1996, Identität im ewigen Leben, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11018