Paranoia und Verschwörungsdenken in der Amerikanischen Kultur


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

40 Seiten, Note: 2,0


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Gliederung

Einleitung

1. Paranoia und politische Paranoia
Allgemeines über Paranoia
Paranoide Gruppen und ihre Anführer
Gruppenzugehörigkeit und Feindbilder
Definition des Begriffes Verschwörungsdenken

2. Bekannte Verschwörungstheorien
Die FEMA-Verschwörung
Der Biokrieg auf US-amerikanischem Boden
Die UFO- Verschwörung
New World Order (NWO) und religiöse Verschwörungstheorien

3. Verschwörung und Paranoia in zeitgenössischer Fiktion
Literatur
Videospiele
Kinofilme und TV-Serien

4. Der Mechanismus Paranoia und Verschwörungsdenken

Paranoia und Verschwörungsdenken in der Amerikanischen Kultur

Von Felix Michel

„So oder so, sie werden es Paranoia nennen. Sie. Entweder: entweder du bist tatsächlich – ohne Hilfe von LSD oder anderen kristallinen Alkaloiden – auf einen geheimen Schatz, auf eine verborgene Schicht deinen Träume gestoßen, ...vielleicht aber bist du sogar auf eine echte Alternative zu dieser Ausweglosigkeit, zu diesem einförmigen Leben, dem jede Überraschung so völlig fehlt, zu diesem Leben, das die Seele jedes Amerikaners zerreißt, den du kennst, und deine eigene auch, meine Süße, gestoßen. Oder: oder du bildest dir alles nur ein. Oder ein Komplott ist gegen dich geschmiedet worden, ein Komplott, das so teuer und so bis ins kleinste durchgeplant ist, dass dafür sogar Briefmarken ... gefälscht werden, dass man alle deine Schritte überwacht, ... Berufsschauspieler angeheuert, ... und alles wird dazu noch durch irgendwelche dunklen Machenschaften aus dem Vermögen finanziert, die du nicht ... durchschauen kannst ... . Ein einziges Labyrinth ist das, es muss doch irgendeinen Sinn haben, der über einen Witz hinausgeht. Oder bildest du dir ein solches Komplott nur ein, in dem Fall spinnst du, Oedipa, dann bist du einfach verrückt, tut mir leid.“

Thomas Pynchon, The Crying of Lot 49

“Paranoia is nothing less than the oneset, the leading edge of the discovery that everything is connected, everything in Creation, a secondary illumination.”

Thomas Pynchon, Gravity’s Rainbow

”I may be paranoid, but this doesn’t mean they’re not after me.“

“No matter how paranoid you are, you can never be paranoid enough.”

Fox „Spooky“ Mulder, The X-Files

“I can no longer sit back and allow Communist infiltration, Communist indoctrination, Communist subversion, and the international Communist conspiracy to sap and impurify all of our precious bodily fluids.”

General Jack Ripper, Dr. Strangelove

Einleitung

Mythos Verschwörung. Wie es scheint glaubt jeder Mensch in dieser Zeit in irgendeiner Form an Verschwörungen. Sei es an die eine säkulare Weltverschwörung, oder die große Verschwörung des Weltjudentums, die Verschwörung des Vatikans gegen die Andersgläubigen, oder die illegalen Absprachen der Wirtschaftsbosse untereinander. Wo man hinblickt, überall sprießen neue Theorien aus dem fruchtbaren Boden der Fantasie der Menschen. Insbesondere die Ereignisse des 11. September haben die Anzahl der Theorien explodieren lassen. Kaum jemand ist sich zu schade, seine Version der Geschehnisse zum besten zu geben.

Ähnlich verhält es sich in der Unterhaltungsindustrie. Der Topos Verschwörung ist allgegenwärtig. Es gibt Romane, Novellen, Kurzgeschichten, Sachbücher, Hörspiele, Radiosendungen, Computerspiele, Internetforen, TV-Serien und Spielfilme, die sich mit den unsichtbaren Machenschaften von Geheimgesellschaften beschäftigen. Auch bleibt es nicht auf unseren westlichen Kulturraum beschränkt. Jede Kultur entwickelt vielmehr ihre eigenen Theorien. Im arabischen Raum stehen die Juden im Fadenkreuz der Verschwörungsgläubigen, in Drittweltstaaten die großen westlichen Industrienationen und in den sozialschwächeren Schichten im Westen die reichen Eliten der USA und der EU. Sind wir nun alle paranoid, bilden wir uns das Ganze nur ein, oder gibt es sie tatsächlich, die dunklen Mächte, die sich gegen das Gute in der Welt verschworen haben?

Diese Arbeit soll herausarbeiten, wie es dazu kommt, dass so viele Menschen in irgendeiner Weise an Verschwörungen glauben. Dazu werde ich im ersten Teil das Phänomen der politischen Paranoia beschreiben und die Begriffe, die ich verwende definieren. Ich stütze mich dabei vorrangig auf die Ergebnisse von Robert S. Robins und Jerrold M. Post. In Kapitel Zwei beschreibe ich ein paar der wichtigsten und weitverbreitetsten Verschwörungstheorien. Im dritten Teil untersuche ich ausgewählte Produkte der Unterhaltungsindustrie zum Thema Verschwörung und Paranoia. Sie stammen aus den Bereichen Literatur, Video-Spiele, Spielfilme und TV-Serien. Ich möchte in keinem Fall die vorgestellten Theorien bewerten. Es liegt auch nicht in meinem Interesse, die Verschwörungstheorien auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Es würde den Rahmen dieser Arbeit bei weitem sprengen; lieber möchte ich erklären, warum es immer wieder zu Verschwörungsdenken kommt. Das geschieht im vierten und letzten Kapitel dieser Arbeit.

1 Paranoia und politische Paranoia

Die allgemeinen Aussagen in diesem Abschnitt sind Lexika der Psychologie und Psychoanalytik entnommen. Die spezielleren Angaben zur politischen Paranoia gehen auf die Arbeit der beiden Professoren Robert S. Robins (Politikwissenschaften) und Jerrold M. Post (Psychiatrie und Politische Psychologie) zurück, die sich seit Anfang der 1970er Jahren mit diesem Thema beschäftigen.

1.1 Allgemeines über Paranoia

Der Ausdruck Paranoia wurde 1863 eingeführt. Er beschreibt die Ausbildung eines aus gewissen falschen Prämissen entwickelten und in seinen Teilen logisch verbundenen, unerschütterlichen Wahnsystems. Dabei treten jedoch keine nachweisbaren Störungen aller anderen Funktionen des menschlichen Denkens auf, also ein Mangel der sonst üblichen „Verblödungserscheinungen“, wenn man Kritiklosigkeit gegenüber den eigenen Wahnideen nicht dazu rechnen will.[1]

Deswegen wird die Paranoia auch als die intellektuellste aller Geistesstörungen bezeichnet.

Grundvoraussetzung für die Ausbildung einer Paranoia ist der Argwohn und das Misstrauen gegenüber Anderen, der Verlust des Urvertrauens in die Menschheit und der Glaube an das Schlechte im Menschen. Außerdem ist der Paranoiker[2] normalerweise von der eigenen „Schlauheit“ überzeugt. Er kennt nämlich die Wahrheit schon im Voraus und sucht nur nach Bestätigung seiner eigenen Thesen.

Weiterhin wichtig ist die grundsätzliche Annahme, dass Dinge nicht einfach geschehen, sie werden immer von irgendjemandem bewusst herbeigeführt. In der Welt eines Paranoikers gibt es keinen Zufall. Alles was geschieht, hat einen Sinn. In seinem Wahndenken versucht er allem, - und vor allem dem Unbegreiflichen -, eine Bedeutung zu geben. Außerdem existieren für ihn keine Grauzonen, er denkt strikt in entweder-oder-Kategorien: Freund-Feind, wer nicht für mich ist, ist gegen mich. Der Paranoiker hat, - was er auch tut, ob in der Politik, im Sport oder im Privatleben – keine Gegner oder Rivalen, sondern Feinde; wirkliche, echte Feinde, die ihm nur das Schlimmste wollen. Das wird Paläologische Logik genannt.

Außerdem verlangt es ihn nach absoluter Sicherheit, - im Sinne von endgültigen Wahrheiten.

Für Paranoia ist Argwohn das Kennzeichen und Projektion der zugrunde liegende Mechanismus. Sie ist eine primitive Form des krankhaften Narzissmus.

Dieser besteht aus der narzisstischen Trias:

1. eine narzisstische Anspruchshaltung des Individuums, die unvermeidlich zu
2. Enttäuschung und Desillusionierung angesichts der Frustration unersättlicher narzisstischer Bedürfnisse führt, was wiederum
3. aufgrund der Zurückweisung des Anspruchs eine narzisstische Wut auslöst.

Diese Wut sorgt dafür, dass sich der Paranoiker immer weiter in seine Wahnvorstellungen hineinsteigert und so mehr und mehr den Sinn für die Realität verliert, was wiederum zu weiterer Zurückweisung durch das soziale Umfeld führt und seine narzisstische Wut noch vergrößert. Eine sich immer weiter verstärkende Spiralbewegung setzt ein. Aus diesem Kreislauf auszubrechen ist für den Paranoiker häufig nicht ohne Hilfe von außen möglich.

Nun noch eine kurze Erklärung zum Mechanismus der Projektion:

Der „innere Peiniger“ oder Über-Ich ist für dieses Konzept von zentraler Bedeutung. Er überwacht alle Handlungen des Individuums und bewertet sie nach seinen moralischen Maßstäben. Bei Fehlverhalten greift der innere Peiniger ein und geißelt das

Individuum mit Schuldgefühlen und schlechtem Gewissen. Ihm steht gegenüber der innere Wohltäter. Er belohnt „gute Taten“. Moralisches Verhalten wird aus Schuldgefühlen geboren. Es gründet sich sowohl auf Furcht vor Strafe durch den inneren Peiniger, als auch auf der Furcht davor, den inneren Wohltäter zu verletzen. Die Qual durch den inneren Peiniger kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.[3]

Eine Fluchtmöglichkeit vor dem inneren Peiniger ist der Selbstmord. Eine andere ist die Projektion der eigenen Unzulänglichkeit auf Andere.[4] Man bekämpft seine eigenen Fehler, indem man sie auf Andere projiziert und dann sie angreift. Paranoia kann also als Schutz vor Depression und Verlust verstanden werden, - als Schutz vor dem inneren Peiniger. Paranoiker begehen so gut wie nie Selbstmord. Ein Merkmal ist der Glaube, dass Geschichte und Politik rational und vorhersehbar sind.[5] Deswegen sucht der Paranoiker nach Gewissheit.

An Verschwörungen zu glauben ist nicht an sich paranoid. Paranoid ist, sie als die historische Triebfeder und das entscheidende Organisationsprinzip jeder Politik zu sehen.[6] Die Verschwörung ist bereits sehr mächtig und wächst stetig. Die Zeit ist knapp, denn der Sieg der Verschwörer steht unmittelbar bevor. Die Verschwörer sind das absolut Böse. Diese Charakteristika kehren so oder ähnlich immer wieder.

Häufig wird der Glaube an eine Verfolgung einer Gruppe von Menschen oder eine Verschwörung gegen sie durch einen über Generationen tradierten, legitimierenden Mythos legitimiert.[7]

Eine „fixe Idee“ ist ein weiteres wichtiges Kennzeichen der paranoiden Geistesverfassung. Paranoide Charaktere sind beherrscht von einem einzigen Gedanken. Er mag durchaus seine Daseinsberechtigung haben, doch übertreibt der Paranoiker ihre verhältnismäßige Bedeutung ins Unermessliche.[8] Der paranoide Fanatiker lebt in einer geschlossenen Vorstellungswelt, einer verschlossenen Burg, ignoratia invinciblis (einem nicht mehr schuldhaft zurechenbaren Nichtwissen). Er hat sich gegen jedwede Einwände, die seiner Theorie widersprechen, immunisiert. Robins und Post nennen dies „Bekenntnis zur Logik ohne Vernunft“.[9]

Der paranoide Fanatiker hat in einer dekadenten Welt das Bedürfnis, alles, was sein Deutungssystem bedroht, anzugreifen.[10]

1.2 Paranoide Gruppen und ihre Anführer

Wenn eine Wahnvorstellung in einer sozialen Einheit allgegenwärtig wird, können sich die paranoiden Individuen zu paranoiden Gruppen zusammenschließen. Diese erschaffen sich Anführer, die ihren Bedürfnissen entsprechen. Hier unterscheiden Post und Robins vier basic assumption groups:

1. Die fight-flight-group: Ein Zusammenschluss von Menschen, um vor einem äußeren Feind zu fliehen, oder ihn zu bekämpfen; das Überleben der Gruppe ist das wichtigste. Der Anführer erfüllt sie entweder mit Kampfesmut oder mit Opferbereitschaft; die älteste und einfachste der verschiedenen Gruppen.
2. dependency group: Der Anführer wird für allwissend und allmächtig gehalten. Die Gruppe ist hilflos ohne ihren idealisierten, gottgleichen Anführer. Die Mitglieder sind unfähig selbstständig zu urteilen und zu handeln.
3. pairing group: Die Gruppe hat vor einen Messias hervorzubringen, oder ein Tausendjähriges Reich zu errichten. Die Gruppe arbeitet für die Zukunft oder ein Ziel in der Zukunft. Dazu gehören auch politische Revolutionen, wie die russische oder die französische Revolution.
4. incohesion group: (nach Earl Hopper[11] ) Diese Gruppe fürchtet die Auflösung der bestehenden Ordnung. In Situationen, wo Auflösung und Verfall droht, strebt sie nach Verschmelzung um der Entfremdung und dem Auseinanderfallen entgegenzuwirken.

Der Anführer einer solchen Gruppe kanalisiert nur ein vorhandenes Gruppengefühl. Er stimuliert lediglich die bestehenden Neigungen. Gruppen werden regelmäßig Feindseligkeit und Argwohn, die auch Individuen zeigen, an den Tag legen. Häufiger noch stellen sie Individuen, was das Ausmaß der Realitätsstörung betrifft, in den Schatten. Die soziale Vereinigung ist das Reservoir oder der konservierende Mechanismus für primitive Realitätsverzerrungen, die, träten sie bei Individuen auf, hochgradig psychotisch erscheinen würden.[12]

Alle vier Gruppen können gleichzeitig in Gruppen, Massenbewegungen und sogar Gesellschaften bestehen. Somit können sie auch von Politikern ausgenutzt werden.

1.3 Gruppenzugehörigkeit und Feindbilder

Die menschliche Spezies neigt dazu, das Fremde zu fürchten und Trost und Zuflucht im Vertrauten zu finden. Die Furcht vor dem Fremden bildet neben der Projektion von Hass auf Andere das psychologische Fundament für den Begriff des Feindes.

Wir erfahren Vertrautheit und Umgang mit unseresgleichen als etwas tröstliches. Doch um den Zusammenhalt der Gruppe – und unseres Selbst – zu vergewissern, müssen wir uns von Fremden unterscheiden. Fremde sind daher für den Prozess der Selbstfindung unerlässlich. Ohne Feind keine Selbstdefinition. Der Feind in unserer Mitte oder der vertraute Feind ist unverzichtbar.[13] Wir projizieren auf Fremde, was wir in uns verleugnen. Wir hören dort auf, wo sie anfangen. Wenn der Feind die Projektionen auf sich zieht, erfüllt er die wichtige Aufgabe, die Gruppe nach innen zu festigen. Das Verschwinden von Feinden kann somit zu einer Gefahr für die Selbstdefinition der Gruppe werden.[14]

Die Neigung die eigene Gruppe zu idealisieren und eine andere zu verteufeln, wird man nie ganz ausrotten können. Die Keime dieser eher primitiven Psychologie sind in jeder Persönlichkeit angelegt und lassen sich leicht in Krisenzeiten aktivieren (- ob von sich selbst oder von anderen). Auch psychisch Gesunde lassen sich durch paranoides Denken in Extremsituationen anstecken. Kriege beginnen und eskalieren in der Regel durch gegenseitiges Projizieren.[15]

Die Gewissheit des Anführers reißt die von Selbstzweifeln gequälten Paranoiker mit. Isolierte Individuen fühlen sich besonders zu Massenbewegungen hingezogen; „Hunger nach Verschmelzung“, bezeichnen es Robins und Post; - es geht um das Dazugehören, weniger um die tatsächliche Massenbewegung. Das entfremdete, frustrierte Individuum bekommt durch die Massenbewegung ein Ziel. Es ordnet sich der Massenbewegung unter, gibt seine Eigenständigkeit auf und geht völlig in ihr auf. Dieses Phänomen nennt man Flucht vor der Freiheit.[16] Die Bequemlichkeit nicht selber denken zu müssen und die Möglichkeit vor Verantwortung zu fliehen machen Massenbewegungen so attraktiv. Dazu kann der eigenen Wut und Frustration innerhalb der Gruppe freien Lauf gelassen werden.

Massenbewegungen setzen die Moral und die internalisierten Regeln der Individuen außer Kraft und entwickeln einen Gruppengeist. Verbindungen zu anderen Gruppen, wie z.B. Familie, Kirche oder Gewerkschaft sind in der Regel nicht erwünscht. Die Anführer versuchen diese zu durchtrennen.[17] Stark individualisierte Gesellschaften sind hierbei weniger anfällig. Auch weil in ihnen absoluter Gehorsam und Autoritäten weniger hoch im Kurs stehen.

Wirklich paranoide Massenbewegungen entstehen nur in zerfallenen Gesellschaften. Der Führer ist das Sprachrohr ihrer Wünsche. Er erfüllt eine „sinnstiftende Funktion“, indem er einen äußeren Feind benennt. Er tröstet über das Ohnmachtbewusstsein hinweg. Er ist der „dämonische Gruppentherapeut“ und die Projektion sein wichtigstes Werkzeug. Die Projektion sorgt für die zentrale Dynamik in der Gruppe. Der begabte Demagoge ist sich über die Wichtigkeit eines äußeren Feindes bewusst. Er nutzt seine Funktion aus und geht sogar strategisch bei der Auswahl seiner Feinde vor. Im Zweifelsfall erfindet er einen neuen Feind.

Massenbewegungen können entstehen und wachsen, ohne dass die Mitglieder an einen Gott glauben, doch müssen sie an den Teufel glauben.

Häufig ähneln sich auch die Grundannahmen in paranoiden Gruppen. Die Wertlosigkeit der Gegenwart und die Belohnungen in der Zukunft sind machtvolle Motive für unzufriedene Seelen. Der Kollektivgedanke lässt sich ebenfalls gut vermitteln. Was dem Kollektiv dient, dient auch ihnen. Das Aufopfern für das kollektive Wohl, ebenso wie die Verachtung der Gegenwart sind Ehrensache.

Ideologie oder Religion sind für die Anhänger zwar wichtig, doch liefern sie lediglich den oberflächlichen Grund. Tatsächlich sehnen sie sich nach der Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Paranoia ist keine Kampfideologie, aber sie ist deren natürlicher Verbündeter.

Wenn der Argwohn die wichtigste Voraussetzung eines Paranoikers ist, so ist das unbedingte Misstrauen gegenüber allen Außenstehenden das zentrale Merkmal einer paranoiden Gruppe.[18]

Die Fähigkeit zu zweifeln setzt Selbstbewusstsein voraus. Selbstbewusstsein und Zweifel sind in paranoiden Gruppen aber nicht erwünscht: „Intellektuelle Argumente sind belanglos. Der wahre Glaube ist keine Sache der Vernunft.“[19] In diesem Wortlaut werden Zweifel verboten.

Es entsteht eine bestimmte Rhetorik im Umgang mit dem Feind. Es heißt immer: „Wir gegen Die!“. Sie werden meistens als eine Art Pseudospezies konstruiert. Ihnen werden menschliche Eigenschaften abgesprochen. Sie sind Aliens oder Untermenschen. Nie haben sie individuelle Züge. Es wird pauschal über sie geurteilt.

Wenn kein Feindbild vorhanden ist, kann der Projektionsmechanismus geradezu bizarre Formen annehmen. Robins und Post führen hierfür das Beispiel Polen nach dem Ende des Ostblocks an. Polen habe kaum ethnische Minderheiten und sei eines der homogensten Länder der EU. Nach 40 Jahren Sozialismus und Pochen auf die Autorität des Staates, habe die KP Polens systematisch „jede Form von Eigeninitiative erstickt“. Es entstand ein Klima, in dem ein passives und abhängiges Volk heranwuchs, das vom Staat erwartete, rundum versorgt zu werden. Bei einem deutlichen Schwund der Eigenverantwortlichkeit gab die Bevölkerung der allgegenwärtigen Autorität die Schuld an allen gesellschaftlichen Mängeln, so Post und Robins. Als sich jene Autorität auflöste, flößte die langersehnte Freiheit den Bürgern Furcht ein, denn sie verlangte den Einzelnen Identität und Eigenverantwortung ab. Die aufgebrachte, unmündige Bevölkerung musste sich nach einer neuen Gruppe umsehen, an die sie ihre Schuldzuweisungen richten konnte.

40 Jahre Paranoia im Sozialismus habe die Persönlichkeiten deformiert. So erinnerte man sich der langen Tradition des Antisemitismus in Osteuropa. Nach dem Wegfall der Kontrolle durch die Sowjetunion kam es zu einer Rückbesinnung auf den Antisemitismus. Die Tatsache, dass es in Osteuropa fast keine Juden mehr gibt, demonstriert, wie hoch das Bedürfnis nach einem Feind ist. In Ermanglung echter Feinde schafft man sich Ersatz. Ähnliches passierte auch in Ostdeutschland. Nach dem Ende der SED als allmächtige Staatspartei und somit als ultimativem Sündenbock wurden schnell neue Schuldige gefunden. Die frustrierte Gesellschaft hatte beschlossen, dass die Ausländer und die Juden Schuld waren an ihrer Misere, obwohl es kaum Ausländer und praktisch gar keine Juden in den neuen Bundesländern gab (und vor allem viel weniger als in Westdeutschland).

Zusammenfassend lassen sich folgende Aussagen treffen:

- Projektion und Paranoia sind archaische Mechanismen im Menschen um ihn vor sich selbst, und vor allem dem „inneren Peiniger“, zu schützen.
- Der Mensch greift in der Regel, um sich selbst zu definieren, auf Feindbilder zurück.
- In sicheren Zeiten passiert dies in einem marginalen Rahmen.
- In schwierigen Zeiten kann dies jedoch gefährlich werden. Das Individuum oder die Gruppe kann sich in eine politische Paranoia hineinsteigern. Das Verschwörungsdenken kann eine Folge hiervon sein. Diese Mechanismen können von Führern für ihre eigenen Zwecke ausgenützt werden.
- In Krisenzeiten sind auch mental gesunde Menschen in stärkerem Maße anfällig für Paranoia und Verschwörungsdenken.

1.4 Definition des Begriffes Verschwörungsdenken

Ich benutze diesen Begriff als Überbegriff für die oben beschriebene politische Paranoia. Jedoch zähle ich nicht nur den Glauben an dunkle Machenschaften von Geheimbünden dazu; - also den Glauben an Verschwörungen im herkömmlichen Sinn. Es gehört auch das von Timothy Melley dargestellte Phänomen der „ agency panic “ dazu. Es beschreibt die Angst, dass die eigenen Gedanken von Anderen gelesen und kontrolliert werden - also mind control und thought control. Wie sicher sind meine Gedanken? Das normalerweise vorherrschende Modell eines Menschen sieht diesen als rational handelndes Individuum, dessen nach außen abgeschirmtes Inneres aus Erinnerungen, gewachsenen Ansichten und Neigungen besteht.[20] Im Falle einer agency panic wird der menschliche Geist und die Seele nicht mehr als eigenständig angesehen. Sie sind von außen beeinflussbar. Die Vorstellung, dass die eigenen Gedanken gelesen und kontrolliert werden könnten, setzt nicht nur ein hohes Maß an Paranoia voraus. Allein der Aufwand technische Fähigkeiten zu entwickeln und geheim zu halten benötigte eine mächtige Verschwörung; ähnliches gilt für die Existenz einer telepathischen Untergattung des Menschen oder einer telepathischen Alienspezies. Es ist demgemäß möglich den Begriff Verschwörungsdenken auch auf dieses Denkmuster auszuweiten.

2 Bekannte Verschwörungstheorien

Hier nun eine paar der bekanntesten und weitverbreitetsten Verschwörungstheorien[21]:

2.1 Die FEMA-Verschwörung

Die US-Katastrophenschutzbehörde FEMA (Federal Emergency Management Agency) bereitet einen Staatsstreich vor. Die FEMA ist in den 80er Jahren mit außerordentlichen Befugnissen ausgestattet worden. So kann sie im Falle eines Atomkriegs oder einer die USA als Ganzes betreffenden Umweltkatastrophe die Verfassung außer Kraft setzen. Beschlossen wurde dies 1988 im National Emergencies Act (50 USC sec.1601) Defense-Resource-Act. Außerdem soll die Reagan-Administration die FEMA genutzt haben, um gezielt gegen Linke vorzugehen. Man kann sich vorstellen, wie diese zwei Begebenheiten für Gesprächsstoff in den für Verschwörungstheorien anfälligen Kreisen gesorgt haben.

Weiterhin wurden unter dem Stichwort Continuity of Government (COG) große unterirdische Bunkeranlagen an mehreren Stellen in den USA errichtet. Diese sollten den Fortbestand der US-Behörden im Falle eines nuklearen Winters ermöglichen.

Die FEMA-Verschwörungstheorie wurde das erste Mal in dem Artikel „ Blueprint for Tyranny“ der Augustausgabe 1985 des Herrenmagazins Penthouse der breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht[22]. Nach kurzer Zeit wurde sie zu einer der verbreitetsten Theorien in den USA. Der Welterfolg Akte X basiert auf dieser Theorie.

2.2 Der Biokrieg auf US-amerikanischem Boden

Während des Zweiten Weltkriegs testete das japanische Ishii-Korps angeblich Krankheitserreger an Kriegsgefangenen und Regimegegnern. Im Koreakrieg haben die USA angeblich dessen Methoden übernommen und die Nordkoreaner mit sogenannten Floh- und Mäusebomben beschossen. Sie sollten den Gegner mit gefährlichen Krankheiten infizieren. Nach dem Krieg forschten die US-Wissenschaftler weiter an biologischen Kampfstoffen und Giftgasen, nur hätten sie diese „open air“ in den USA getestet. Diese Theorie hält sich hartnäckig in den Foren der Verschwörungstheoretiker.

2.3 Die UFO- Verschwörung

Hierbei handelt es sich um keine abgeschlossene, in sich konsistente Theorie, sondern vielmehr um eine nicht enden wollende Flut von unterschiedlichen Komplotten. Gemeinsam haben sie nur, dass die US-Regierung von Aliens weiß und sie der Öffentlichkeit verschweigt. Entweder ist sie von den Aliens übernommen worden, oder sie arbeitet zumindest mit ihnen zusammen. In manchen Versionen, wie z.B. bei Akte X, existieren zwei Arten von Aliens, die sich auf der Erde bekriegen[23].

2.4 New World Order (NWO) und religiöse Verschwörungstheorien

Ebenso wie die UFO-Verschwörung ist diese eher ein Topos, dem sich viele verschiedene Theorien unterordnen. Sie haben alle gemeinsam, dass eine unglaublich mächtige, aber geheime Gruppe versucht die Weltherrschaft zu erlangen. Zehn Merkmale kennzeichnen diesen Typus:

1. die systematische Unterwanderung der demokratischen Institutionen, z.B. durch Notfallgesetze
2. die teilweise Umwandlung der USA in eine Art Weltregierung, die über die UN operiert.
3. die Bildung von neuen, finsteren, paramilitärischen und militärischen Streitkräften. Das kann auch die staatliche Einbindung von urbanen Jugendbanden einschließen.
4. die dauerhafte Stationierung fremder Truppen in den USA
5. Schwarze Hubschrauber (Black Helicopters)
6. die Konfiszierung privater Waffen
7. gute Patrioten werden in von der FEMA errichtete KZ eingewiesen
8. das Implantieren von Mikrochips zur geistigen Kontrolle der US-Bürger – mind control und thought control
9. der Austausch des Christentums durch eine New-Age-Weltreligion
10. die Manipulation der gesamten Gesellschaft durch eine geheime Hierarchie der Verschwörer[24]

Wie man hier erkennen kann, werden verschiedene Urängste der US-Gesellschaft zu einer großen Verschwörungstheorie vermengt. Man kann aber zwischen einem religiösen und einem säkularen Ursprung unterscheiden.

Die sogenannte Millenarian Christianity ist eingebettet in eine Art fundamentalistischen Protestantismus. Die Gläubigen rechnen mit dem baldigen Ende und Höhepunkt der Geschichte. In ihren Endzeitszenarien nimmt der Antichrist, oder das Tier aus der Bibel die Erde noch zu unseren Lebzeiten in die Hand. Alle schrecklichen Geschehnisse auf der Welt gehen auf das Wirken des Antichristen zurück. Er benutzt eine Neue Weltordnung, um sein Reich zu errichten.

Folgende Annahmen sind verbreitet bei den Milleniaristen:

- Der Antichrist ist Jude, weil Jesus auch Jude war.
- Der Völkerbund und später die UN sind die Werkzeuge des Antichristen um sein Reich zu errichten; -eventuell auch die EU.
- Mussolini ist der Antichrist wegen seiner Verbindung zum Papst.
- Der Antichrist wird die Welt mit einem Maß an Macht regieren, das nie ein Mensch zuvor gehabt hat. Er erhält seine Führungsqualitäten vom Satan persönlich. Er herrscht politisch, wirtschaftlich, militärisch und vor allem religiös. Manchmal wird er als Nachfolger des römischen Imperiums bezeichnet.
- Der Antichrist tritt als großer Friedensbringer auf und zeigt sein wahres Gesicht erst, wenn er die wahre Macht inne hat.
- Der Antichrist wird sich modernster Technik, wie TV und Computern, bedienen (vergleichbar mit den Nazis). Vielleicht ist der Antichrist ein Supercomputer oder ein Computervirus.[25]

In der säkularen Variante erklären politisch und historische Pseudowissenschaften wichtige Ereignisse mit den Machenschaften von Geheimgesellschaften. Sie seien es nämlich, die die wahre Macht auf Erden in den Händen halten. Sie trachten nach der Bildung einer NWO um ihre Macht auf ewig zu zementieren. Im Zentrum dieser Theorie stehen die Illuminaten (wörtlich übersetzt die Erleuchteten); eine Geheimgesellschaft, die wahlweise schon seit biblischen Zeiten besteht, oder am 1. Mai 1776 von Adam Weisshaupt in Bayern gegründet wurde. Ihr Plan ist es, die Welt von allen politischen und religiösen Autoritäten zu befreien und selbst die Herrschaft zu übernehmen. Die beiden Verschwörungstheoretiker Robinson und Barrel schreiben ihnen die Hauptrolle bei der Auslösung der französischen Revolution zu[26]. Diese und nachfolgende Autoren, vor allem Webster und Lady Queensborough[27], konstruierten ein komplexes System von Verflechtungen mit Vorgänger- und Nachfolgeorganisationen, wie z.B. den Kabbalisten, den Templern, den Freimaurern und den Rosenkreuzern. Die Verschwörer hätten versucht überall wichtige politischen Strukturen zu besetzen. Die Juden stehen im Zentrum dieser Aktivitäten. Sie seien es auch, die die Russische Revolution initiiert hätten.

In zeitgenössischen Varianten befindet sich die Familie Rothschild im Focus der Spekulationen. Sie scheinen für diese Position prädestiniert zu sein, denn sie vereinigen alle wichtigen Merkmale für die Verschwörungsgläubigen auf sich: Sie sind Juden, Bankiers, und sie haben internationale Verbindungen. Beliebte Opfer sind aber auch die De Beers und die Rockefellers. Lange Zeit standen diese, dem rechten Rand zugehörigen, Verschwörungstheorien im Abseits, bis es zu einer Verschmelzung mit NewWorld Order, UFO- und religiösen Theorien kam. Heute steht solcherweise geartete Literatur nicht mehr neben einem Exemplar von „Mein Kampf“ in einem verstaubten Militaria-Laden in einer Hinterhofgasse, sondern neben Feng-Shui-Beratern und „Irland, Insel der Feen“ im Regal „Grenzwissenschaften“ in großen Buchhandlungen.

In der einflussreichsten Veröffentlichung der letzten 20 Jahre, von Texe Marrs und Pat Robertson, „The New World Order“[28] werden die säkularen und die christlich milleniaristischen Ansätze zu einer großen Theorie vermengt. Die Religion ist das primäre Thema. Seine Verschwörer greifen gleichzeitig das Christentum und die amerikanischen Freiheiten an und versuchen eine Neue Weltordnung zu etablieren.. Sie sind antichristlich und trotzdem Teil von „Gottes Plan“. Ihre Existenz beweist deswegen das Nahen des „Endes der Zeit“, des finalen Kampfes zwischen Gut und Böse. Die Illuminati sind der Dachverband unter denen die Verschwörer vereinigt sind. Dazu gehören z.B. die Malteser Ritter, der Orden der Universität Yale, „ Skull and Bones “, das Aspen Institute, die trilaterale Kommission, die Bilderberger Gruppe und die Freimaurer. Zusammen bilden sie die „ Secret Brotherhood “.

Weisshaupts Orden bereitete in der Version von Pat Robertson erst die Französische und später die Russische Revolution vor. Der gesamte Weltkommunismus ist von der Brotherhood initiiert und an den entscheidenden Zeitpunkten von jüdischen Bankiers, wie den Rothschilds, den Warburgs und Jacob Schiff finanziert.

Der einflussreiche Fernsehprediger Pat Robertson ist die erste moderne, politische und religiöse Figur, die offiziell an eine Illuminati Weltverschwörung glaubt. Er begründete die „Christian Coalition“ [29], das „Christian Broadcasting Network[30] und ist Moderator der amerikanischen TV Show „ The 700 Club “, die von vielen religiösen Kanälen ausgestrahlt wird. Er nutzt seine Präsenz in den Medien um seine rassistischen, antisemitischen und apokalyptischen Theorien zu verbreiten.

Um diese unübersichtliche Flut von verschiedenen Theorien zu klassifizieren, unterteile ich sie in drei Typen:

1. Die Eventverschwörung: Es handelt sich hierbei um eine singuläre Verschwörung, die zum Ziel hat einen ganz bestimmten Effekt zu erreichen.
2. Die Systemische Verschwörung: Sie versucht verschiedene Geschehnisse aus Vergangenheit und Gegenwart in einen größeren, quasi sinnstiftenden Zusammenhang zu bringen.
3. Die Superverschwörung: Sie beschreibt die gesamte Geschichte der Menschheit als große Verschwörung. Alles ist vorherbestimmt und folgt einem bestimmten Zweck.

Durch die Frage nach dem Sinn einer Eventverschwörung gelangt der Paranoiker fast unabwendbar zur systemischen Verschwörung und von dort zur Superverschwörung. Da es für sie keinen Zufall gibt und alles unter einem bestimmten Vorsatz geschieht, muss der Event einen Hintergrund haben. Er kann nicht „einfach nur so“ passiert sein. Den Vorfall in eine systemische Verschwörung einzubetten, ist daher im Denken des Paranoikers nur logisch. Der Schritt zur Superverschwörung ist von dort nicht weit und folgt der selben Logik. Um diesen Vorgang zu verdeutlichen, benutze ich das Beispiel des Kennedyattentats. Viele Amerikaner glauben an eine Verschwörung, die hinter seiner Ermordung steckt. Dies wäre ein Eventverschwörung. In dem Moment, in dem angenommen wird, dass JFK von einer Gruppe von Mächtigen aus der Rüstungsindustrie und der Hochfinanz ermordet wurde, um z.B. den Vietnamkrieg ausweiten zu können, wird es zu einer Systemischen Verschwörung. Geht man dann weiter und glaubt, dass jene Mächtigen schon seit vielen Generationen im Geheimen konspirieren, um ihren Reichtum und ihre Macht zu vermehren und die Menschheit zu knechten, so ist man bei der Superverschwörung angelangt. Der Schritt von einem Typus zum nächsten ist dabei nicht weit. Hat der Verschwörungsgläubige einmal angefangen nach den Hintergründen einer Eventverschwörung zu suchen, ist er schnell bei der systemischen und bald auch bei der Superverschwörung angelangt.

Thomas Pynchon fasst diesen Vorgang so zusammen: Entweder alles ist verknüpft oder nichts. Wenn man einmal angefangen hat in diesem Denkschema zu denken, kommt man zwangsläufig zu einer immer größere Kreise ziehende Superverschwörung.

3 Verschwörung und Paranoia in zeitgenössischer Fiktion

Die Topoi Verschwörung und Paranoia sind geradezu allgegenwärtig in den Unterhaltungsmedien der heutigen Zeit. Alle Geschichten zu beschreiben würde den Rahmen dieser Arbeit bei weitem sprengen, deswegen beschränke ich mich auf besonders wichtige oder aktuelle Versionen aus Literatur, TV, Kino und Videospielen.

3.1 Literatur

Das Galaktische Imperium[31]: Isaac Asimov beschreibt in seiner Foundationtrilogie den Wiederaufbau eines die Galaxie umspannenden Imperiums. Zu große Ausdehnung und Korruption hatten es implodieren lassen. Hari Seldon, der Begründer der „Psychohistorie“, entwickelt einen Plan, um die Zeit des Chaos zwischen dem Zerfall des alten Imperiums und des Wiederaufbaus eines neuen von 30.000 Jahren auf 1000 Jahre zu verkürzen. Unbedingt notwendig dafür ist es, das gesammelte Wissen der Menschheit zu bewahren. Er leitet die Gründung von zwei „Foundations“ ein, - die erste um das technische Wissen zu sichern und die zweite um im Geheimen die Geschicke der Galaxie zu lenken. Am Ende errichtet die Erste Foundation mit Hilfe der Zweiten Foundation ein neues demokratischeres Galaktisches Reich. Asimov verwendet den Topos Verschwörung für die Arbeit der Zweiten Foundation und kreiert vor allem im letzten Buch eine paranoide Atmosphäre. Die Zweite Foundation kann buchstäblich überall sein, und jeder kann ihr angehören. Das besondere in Bezug auf das Thema dieser Arbeit ist aber, dass es sich um eine „gute Verschwörung“ handelt. Die Verschwörer sind nicht selbstsüchtig auf den eigenen Vorteil bedacht, sondern haben nur das Wohl der Galaxie im Auge.

Eine andere Komponente aus dem Verschwörungstopos ist die Vorherbestimmtheit der Geschehnisse. Der von Hari Seldon entwickelte „Tausendjahresplan“ sieht minutiös den Werdegang der Foundations voraus. Alle Ereignisse scheinen von Hari Seldon vorausgesehen zu sein. Aber wiederum geschieht dies alles für den erfolgreichen Fortbestand der Zivilisation.

In seiner Verwendung der Elemente stellt Asimov den Verschwörungstopos auf den Kopf. Eine „gute Verschwörung“ zum Wohle der Allgemeinheit ist ein echtes Novum.

V [32]: Thomas Pynchon dringt in seinem Debütroman tief in die amerikanische Psyche ein. Seine Hauptfigur, Herbert Stencil, stößt durch Zufall in den Aufzeichnungen seines verstorbenen Vaters auf das Kürzel V. Er vermutet eine Frau hinter diesem Kürzel, die seine Mutter sein könnte. Er verfolgt zusammen mit Benny Profane, der zweiten Hauptfigur, immer abwegigere Hinweise. Thomas Pynchon lässt seinen Helden die Geschehnisse mehrerer Jahrzehnte zu einer Verschwörung von globalem Ausmaß verweben. Im Zentrum stehen immer wieder Frauen, deren Namen mit dem Anfangsbuchstaben V beginnen. Es bleibt jedoch unklar, ob es sich bei den dunklen Machenschaften um die Realität handelt, oder ob sich alles nur in der Fantasie der Hauptfigur abspielt. Er stellt den menschlichen Drang, Zusammenhänge zwischen Ereignissen herzustellen als gefährlich dar. Je mehr der Mensch versucht die Dinge zu verknüpfen, desto mehr droht die Gefahr der Paranoia. Einmal angefangen, entwickelt die Suche nach versteckten Beziehungen eine Eigendynamik, die zu einer wahnwitzigen Spirale führen kann, in der alles mit einander in Verbindung steht und der Suchende sich im Zentrum einer gewaltigen alles umspannenden Verschwörung befindet.

Die Versteigerung von No. 49 [33]: Im zweiten Roman von Thomas Pynchon greift er den Topos Verschwörung und Paranoia wieder auf. In den 1960er Jahren wird Oedipa Maas von ihrem verstorbenen Ex-Liebhaber als Testamentsvollstrecker eingesetzt und gerät so auf die Spur der mysteriösen Tristero Organisation. Ihre Spuren gehen ins Deutschland des 17. Jh. zurück. Dort wurde die Organisation gegründet, um das Postmonopol der von Thurn und Taxis zu unterwandern. Es scheint, als habe sie sich bis ins Kalifornien der 1960er ausgedehnt und trachte danach, das Postmonopol von U.S. Postal auszuhebeln. Auf einem Streifzug durch San Francisco entdeckt Oedipa überall das Symbol von Tristero, ein gedämpftes Posthorn, und den dazugehörigen Schriftzug W.A.S.T.E. (we await silent tristeros empire). Hat die Tristero Organisation ein komplettes, verborgenes Netzwerk geschaffen, mit Hilfe dessen Eingeweihte ohne Wissen von U.S. Postal kommunizieren können? Haben sie auch, um es geheim zu halten, diverse Menschen in Oedipas Umfeld getötet? Oder ist es ein bösartiger Versuch ihres Ex-Liebhabers, sie post mortem in den Wahnsinn zu treiben? Die Lösung bleibt dem Leser verwehrt, denn in dem Moment, in dem sich bei der Versteigerung von No. 49, einer Briefmarke mit dem Tristero-Symbol, das Rätsel lüften könnte, bricht das Buch ab.

Wieder begibt sich Pynchons Held auf die Suche nach dem Sinn von Ereignissen und gerät in einen Strudel von Hinweisen und Indizien, die jedoch letztlich keinen Beweis für ihre Vermutungen sind. Ob alles real ist, oder nur ein paranoides Hirngespinst, bleibt im Verborgenen. Entweder alles ist verknüpft, oder alles ist Zufall.

Illuminatus[34]: In der Illuminatus-Trilogie wird aus einer Mischung aus Realität und Fiktion ein teilweise sehr verwirrender Plot gesponnen, in dem der Illuminatenorden eine entscheidende Rolle spielt, aber auch Bezüge auf den Diskordianismus, Drogengebrauch, und Gnostik. Einige der verrücktesten Verschwörungstheorien wurden angeblich unveröffentlichten Leserbriefen an den Playboy entnommen, bei dem die Autoren zur Zeit der Entstehung tätig waren.

Im Subtext behandelt der Roman primär die Themen Willensfreiheit und Relativität der Wahrheit und ist stark inspiriert von den Ideen Aleister Crowleys.

Nebenbei gilt der Roman als ultimative Parodie auf Verschwörungstheorien. Man kann das ganze Buch als eine einzige „ Operation Mindfuck “ interpretieren, wie sie von Hagbard Celine, einer der Romanfiguren, im Buch selbst beschrieben wird: Dabei geht es darum, die gesellschaftlich vorgegebene und stark eingeschränkte Wahrnehmungsfähigkeit von Menschen (Wilson spricht von „Realitätstunneln“) dadurch zu erweitern, dass man sie mit extrem widersprüchlichen Fakten und Informationen füttert, die sich nicht auf einen Nenner bringen lassen. Dadurch komme es zu einem Kollaps des Wahrnehmungssystems, das einen freieren, weniger vorgeformten Blick auf das ermöglichen soll, was man Realität nennt. Mit einem Wort: Bewusstseinserweiterung. Der Roman selbst liefert nun diese extrem widersprüchlichen Informationen, indem er einerseits erkennbar aus der Hippie-Bewegung und der drogenerfahrenen Gegenkultur der amerikanischen Linken stammt, andererseits aber ständig Verschwörungstheorien verbreitet, die zur Zeit seines Erscheinens nur auf der extrem rechten Seite des politischen Spektrums zu finden waren. Das beim Leser angestrebte Ergebnis dieses Widerspruchs ist eben die beschriebene Bewusstseinserweiterung durch Mindfuck.

Die Illuminatus-Trilogie bildet auch die Grundlage für den deutschen Kinofilm „23“

Das Foucaultsche Pendel[35]: Durch Zufall gelangen drei Mailänder Lektoren in den Besitz eines rätselhaften Dokuments. Es könnte sich dabei um das Vermächtnis der 1307 mit Gewalt aufgelösten Tempelritter handeln. In ihm ist von einem gigantischen Plan die Rede, mit dem die Templer - nach einigen sich alle 120 Jahre wiederholenden Treffen - Orient und Okzident unter ihrer Herrschaft vereinen wollen. Aus purem Spaß beginnen die Drei die Weltgeschichte dahingehend umzudeuten, das es zu dem Plan der Templer passt. Was als amüsanter Zeitvertreib begann, wird mit der Zeit immer gefährlicher, denn auch Andere sind hinter dem „großen Plan“ her, und sie meinen es ernst.

Auf schalkhafte, raffinierte und geistreiche Weise parodiert der auch für sein enormes kulturgeschichtliches Wissen bekannte Semiotik-Professor Umberto Eco die Hermeneutik und führt vor, dass sich immer und überall scheinlogische Zusammenhänge konstruieren lassen, mit denen sich dann auch alles plausibel erklären lässt. Indem er historische Ereignisse in einen neuen Kontext stellt, erzählt er die Weltgeschichte neu. Der Schein trügt! Ironischer Weise handelt es sich bei dem obskuren Dokument wohl eher um eine mittelalterliche Einkaufsliste.

Lempriere’s Wörterbuch[36]: John Lempriere, der jugendliche Held dieses Romans, muss mit ansehen, wie sein Vater von Hunden zerfleischt wird. Er macht sich von seiner Heimat, der Kanalinsel Jersey nach London auf, um das Geheimnis seiner Familie zu lüften. Warum sterben alle männlichen Mitglieder seiner Familie eines gewaltsamen Todes? Bei seiner burlesken Reise durch das London des späten 18. Jh. macht er verschiedene haarsträubende Bekanntschaften, kommt hinter das Geheimnis von Automatenmenschen, verliebt sich, schreibt ein antikes Schlagwortlexikon und löst schließlich das Geheimnis seiner Familie. Sie ist Teil einer Verschwörung, mit deren Hilfe die Gründer der Ostindischen Handelsgesellschaft ihr Monopol für alle Zeiten zementieren und die Familie Lempriere um ihren rechtmäßigen Anteil prellen wollen.

Die Person John Lempriere hat es wirklich gegeben, und er hat tatsächlich dieses Wörterbuch geschrieben. Lawrence Norfolk nutzt es aus, dass über das Leben des John Lempriere kaum Fakten bekannt sind. Die Vermengung von historischen Fakten und Fiktion stellt dem Leser die Frage, was real und was Fiktion ist. Kann sich nicht die Geschichte, wie wir sie kennen, völlig anders abgespielt haben?

3.2 Videospiele

Auch auf dem Gebiet der Videospiele hat der Topos Verschwörung Einzug gefunden. Ich habe für diese Arbeit die Spiele Deus X und Deus X 2: Invisible War [37] durchgespielt. Auch hier wird ein weltumspannendes Verschwörungsnetzwerk thematisiert. Im ersten Teil beginnt der Spieler als Soldat einer Anti-Terror-Einheit der Vereinten Nationen, muss jedoch bald feststellen, dass er auf der falschen Seite steht. Die VN sind nur noch eine Deckorganisation für die geheimen Machenschaften der Illuminaten. Sie streben „natürlich“ die absolute Weltherrschaft an. Im Laufe des Spiels kommt man in Kontakt mit Aliens, den Templern, die auch dazu gehören und spricht mit den De Beers, einem Rothschild und den Rockefellers. Die Reise führt von New York über Hong Kong, einem französischen Schloss (dem Hauptquartier der Templer), einer gigantischen Unterwasserstation schließlich zu einem geheimen Supercomputer. Dort kann man zwischen 3 alternativen Enden wählen.

1. Man verbündet sich mit einem antitechnologischen Kult, bringt den Supercomputer online und zerstört ihn sofort danach, was die Menschheit direkt in die Steinzeit zurückbefördert.
2. Man verschmilzt mit Hilfe eines neuralen Cyberspacezugangs mit dem Supercomputer und bringt als Quasi-Gott der Welt Frieden und Harmonie.
3. Oder man okkupiert den Superrechner für die Illuminaten und führt von da an ein Leben in unbegrenzter Macht und materiellem Überfluss, zusammen mit den Rockefellers, den De Beers und den Rothschilds.

Im zweiten Teil dreht sich alles um neurale Cyberspacezugänge und biotechnische Verbesserungen für den menschlichen Körper. Die Templer haben sich von den Illuminaten getrennt und wollen alle Implantate und deren Träger vernichten. Da der Spieler von Anfang an modifiziert ist (d.h. mit biotechnischen Implantaten verbessert wurde), sind sie seine natürlichen Gegner. Während des Spiels entscheidet man sich, ob man für die nebulöse Kirche der Ordnung arbeitet, die Religion und Esoterik wieder in die hochtechnisierte Welt bringen will oder für die gewinnorientierte Nachfolgeorganisation der VN. Man macht sich auf die Suche nach seinem Alter Ego aus Teil 1, dessen Klon man ist. Nach Abstechern nach Kairo, Trier und der Antarktis gelangt der Spieler zur Freiheitsstatue in New York, wo der erste Teil begann. In Trier hat man herausgefunden, dass sowohl die Kirche, als auch die VN-Behörde von den Illuminati kontrolliert werden und der Konflikt zwischen den beiden initiiert wurde. Wieder gibt es 3 Entscheidungsmöglichkeiten:

1. Man hört auf seinen genetischen Vater und verbindet sich erneut mit dem Supercomputer, der sich jetzt unter der Freiheitsstatue befindet. Ergebnis siehe oben.
2. Man zerstört den Superrechner und damit die Weltverbesserungsfantasien seines ehemaligen Alteregos endgültig. In dieser Variante gewinnen die Illuminaten. Allerdings werden sie im zweiten Teil nicht als raffgierige, urböse Intriganten dargestellt, sondern eher als eine Gruppe von Führern, die sich an die neuen gesellschaftlichen Verhältnisse angepasst haben, um zu überleben.
3. Die letzte Option ist eine typische Computerspiellösung. Man tötet einfach alle wichtigen Führer: den Führer der Templer, die Führer der Illuminaten und seinen genetischen Vater. In diesem Fall bleibt alles beim Alten.

Erwähnenswert sind ebenfalls die Spiele: Vampire: The Masquerade und Vampire: The Masquerade II, Bloodlines [38]. Sie basieren auf dem sehr erfolgreichen „Pen and Paper“ Rollenspielsystem „World of Darkness“ der Firma „White Wolf“[39]. Diese Rollenspielwelt ist auf einer klassischen Superverschwörung aufgebaut. Die Vampire bestehen buchstäblich seit Anbeginn der Zeit, - Kain war der erste Vampir – und lenken die Geschicke der Menschheit. Sie brauchen sie schließlich als Nahrung. Acht verschiedene Vampirclans kämpfen um die Vorherrschaft auf der Erde, und um ihre jeweilige Vorstellung vom Zusammenleben mit den Menschen durchzusetzen. Die Menschen sind nur Figuren im Spiel der viel mächtigeren Vampire.

Es gibt noch eine Vielzahl weiterer Videospiele, die sich von Verschwörungen handeln. Diese vier sind nur besonders passende Beispiele.

3.3 Kinofilme und TV-Serien

Die Drei Tage des Condor[40]: In diesem düsteren 1970er Jahre Thriller überlebt der C.I.A. Mitarbeiter Robert Redford durch Zufall einen Anschlag auf seine Dienststelle. Auf der Flucht vor den Mördern muss er gleichzeitig die Hintergründe des Anschlags aufklären und kommt einer Verschwörung innerhalb des Geheimdienstes auf die Spur. Er nimmt sich eine weibliche Geisel, mit der sich im mit der Zeit eine Liebesgeschichte entwickelt. Typisch für die 70er Jahre ist in diesem Film die melancholische Stimmung und eine gehörige Prise Sozialkritik. Der Feind ist nämlich kein Außenstehender, sondern gehört selbst zum System.

Unternehmen Capricorn[41]: Dieser 1970er Jahre Polit-Science-Fiction Thriller handelt von einer vorgetäuschten Marslandung. Mit gigantischem Aufwand wird der Weltöffentlichkeit eine geglückte Landung einer Raumsonde der NASA auf dem Mars vorgespielt. Doch alles ist mit modernsten Special Effects im Studio entstanden. Die Weltöffentlichkeit soll die Überlegenheit der USA gegenüber allen Anderen (besonders der Sowjetunion) anerkennen. Außerdem versucht die US-Regierung von ihren innenpolitischen Problemen abzulenken. Die US-Bürger sollen nicht mehr an Watergate und die Spaltung des Landes während des Vietnamkrieges denken, sondern sich wieder als ein Volk fühlen. Aus diesem Grund wird dieses Spektakel von der US-Regierung initiiert. Erzählt wird die Geschichte teilweise aus der Sicht eines der drei Astronauten. Als er quasi live im Fernsehen mit dem Absturz der Raumfähre seinen eigenen Tod erlebt, begreift er, dass von Anfang an geplant war, dass keiner der Besatzung der Raumkapsel überleben darf. Nun beginnt eine gnadenlose Jagd der NASA und anderer US-Behörden auf die drei Astronauten. Nur einer kann entkommen und macht das Komplott publik.

Auch in diesem Film zeigt sich die sehr sozialkritische Perspektive der 1970er Jahre. Wieder liegt „das Böse“ in der US-Regierung selbst. Es hängt sicherlich mit den Verfehlungen der Nixon-Administration und der Niederlage in Vietnam zusammen, dass die US-Behörden, und die USA im Allgemeinen, in vielen Filmen der 1970er Jahre so kritisch dargestellt werden.

Die Parallelen zur Mondlandung sind unübersehbar. In der Gemeinschaft der Verschwörungsgläubigen ist es eine vielbeachtete These, dass die Mondlandung nur im Studio stattgefunden habe.[42] Es gibt sogar eine TV-Dokumentation, die besagt, dass Stanley Kubrick bei der Mondlandung Regie geführt habe. Er habe auch nur deswegen die letzen Jahrzehnte seines Lebens in großer Abgeschiedenheit in England verbracht, weil er Angst gehabt habe, dass die NASA ihn als Hauptmitwisser aus dem Verkehr ziehen wollte[43]. Ähnliches gilt auch für die Landung einer unbemannten Raumsonde auf dem Mars. Auf dem Photo vom 2. Februar 2004, dass den Marsrover „Spirit“ zeigt, und das in allen Printmedien abgedruckt war, will ein aufmerksamer Betrachter ein weißes Kaninchen gesehen haben.

Die totale Erinnerung -Total Recall[44]: In Paul Verhoevens Science Fiction Thriller wird die Glaubwürdigkeit der menschlichen Erinnerungen thematisiert. In naher Zukunft können sich Menschen, die richtigen Urlaub nicht bezahlen können, Erinnerungen an Pauschalurlaubsreisen ins Gedächtnis „einpflanzen“ lassen. Sie wählen Ziel, Begleiter (-in) und besondere Vorkommnisse (z.B. Dienst als Geheimagent) aus und lassen sich diese künstlichen Gedächtnisbausteine injizieren. Als der Bauarbeiter John (Arnold Schwarzenegger) seinen „Urlaub“ bucht, kommt es zu Komplikationen, in deren Verlauf er seine Ehefrau erschießt, sich mit Mutanten verbündet und eine monströse Verschwörung auf dem Mars aufdeckt. Zum Schluss bleibt die Frage offen, ob er alles erlebt hat, oder ob es sich um den künstlichen „Urlaub“ handelt. Das Abenteuer, das er erlebt, und die Frau, die er kennen lernt, ähneln auf frappierende Weise dem, was er gebucht hat.

Ist das, was uns unser Gedächtnis sagt, tatsächlich passiert; sind unsere Erinnerungen real, oder werden sie von Anderen manipuliert. Das sind die zutiefst paranoiden Fragen, die sich in diesem Film verbergen. Ganz nebenbei sind es wieder Verschwörer, die auf dem Mars die Macht an sich reißen wollen.

JFK Tatort Dallas[45]: In Oliver Stones Version der Ereignisse in Dallas 1963 stellt er die Fragen, die noch heute viele US-Bürger beschäftigen. War Lee Harvey Oswald ein Einzeltäter, oder steckt eine Verschwörung dahinter? Was bedeutet der merkwürdige Flug der „magischen Kugel“? Warum werden die Akten über den Mord an Kennedy noch immer unter Verschluss gehalten?

An diesem Film lässt sich sehr genau ein typisch paranoider Gedankengang nachvollziehen[46].

Am Anfang überlegt Stone, ob Oswald ein Einzeltäter gewesen sein kann, d.h. ob es Zufall war. Hat eine mehr oder weniger „zufällig“ entstandene Antipathie einer Einzelperson zu der Ermordung Kennedys geführt? Nein. Ist es eine Eventverschwörung, in der es ausschließlich um das Eliminieren Kennedys geht, oder steckt noch mehr dahinter. In dem Moment, in dem er den Zufall negiert und anfängt über mögliche Hintergründe der Tat nachzudenken, gelangt er quasi zwangsläufig zu einer Eventverschwörung und von dort zu einer systemischen Verschwörung. Er stellt nämlich den Zusammenhang mit dem Vietnamkrieg her und bringt die Tat in einen größeren weltgeschichtlichen Zusammenhang.

Akte X [47]: In den X-Akten werden ungeklärte Fälle des FBI gesammelt, in denen paranormale Phänomene eine Rolle spielen und die durch bekannte kriminalistische Vorgehensweisen nicht erklärt werden können. Zu Beginn wird dem jungen Agenten und UFO-Gläubigen Fox Mulder die nüchterne Wissenschaftlerin Dana Scully zugeteilt, die den übernatürlichen Vorgängen mit sehr viel Skepsis begegnet. Scully soll dem FBI einen Bericht über Mulders Arbeit liefern, welcher über den Sinn und Zweck der X-Akten entscheiden soll. Als Scully jedoch mehr und mehr in die Materie eindringt, muss sie feststellen, dass nicht immer alles so ist, wie es zu sein scheint. In einer Sache sind sich Mulder und Scully jedoch vollkommen sicher: „Die Wahrheit liegt irgendwo da draußen.“

Im Jahre 1993 kam Chris Carters Serie in den USA auf den Schirm. Das Genre war zwar nicht völlig neu, war jedoch bis dato nicht so spannend erzählt worden wie in den X-Akten. Inspiriert von Serien wie "Kolchak: The Night Stalker[48] " versuchte er, die Grenzen des Fernsehens zu sprengen, was sich in den Einschaltquoten jedoch nicht sofort wiederspiegelte.

Erst mit der Wiederholung der ersten Staffel stiegen die Quoten an und waren fortan nicht mehr zu stoppen. Basierend auf Paranoia, Paranomalem und Fantastischem erzählten die X-Akten Geschichten, in denen Legenden verarbeitet und manches Mal auch ausgenutzt wurden. Von simplen Todesritualen durch Vampire über gestaltändernde Monster bis hin zur Aufdeckung von Vertuschungen der Regierung bezüglich einer drohenden Invasion durch Außerirdische.

Aufgebaut ist die Serie nach dem klassischen US-amerikanischen Serienschema. Es gibt eine Vielzahl kleiner, in sich abgeschlossener Geschichten, doch eine Hauptstory zieht als roter Faden durch die gesamte Reihe. Die Serie umfasst neun Staffeln mit insgesamt 202 Folgen und die Kinoproduktion „Akte X: der Film“[49]. Am Anfang und am Ende jeder Staffel gibt es mehrere sogenannte „Storyfolgen“ oder „Cliffhanger“ ( Episoden, in denen die Hauptstory fortgeführt wird, - häufig als Mehrteiler, die dann einen in sich abgeschlossenen Teil der Hauptstory wiedergeben.). Dazwischen werden kleine Geschichten mit übernatürlichem Inhalt erzählt („Monster-Of-The-Week-Folgen“). Meist in der Mitte kommen noch 2-4 weitere Storyfolgen. In den letzten beiden Staffeln gab es Probleme mit dem Hauptdarsteller David Duchovny, und es mussten neue Rollen eingefügt werden. Darunter leidet die Kontinuität der Geschichte. Charaktere sterben und tauchen wieder auf, und die Fäden der Handlung werden immer verworrener. Die Hauptstory ist so komplex, dass sie im Rahmen dieser Arbeit unmöglich wiedergegeben werden kann. Jedoch das Phänomen „Akte X“ ist ein nicht zu unterschätzender Faktor bei der Verbreitung von politischer Paranoia.

Es hat vor Akte X schon Serien gegeben, die sich mit dem Topos Verschwörung und Paranormalem beschäftigt haben, (wie die Reihe „Kolchak: The Night Stalker “ aus den 1970er Jahren oder „ Twin Peaks “ von David Lynch aus den 1980er Jahren) doch der Einschlag von Akte X ist mit nichts zu vergleichen. Verschwörungsgläubige sahen sich durch den Erfolg der Serie in ihren Ängsten bestätigt. Menschen, die sich vorher gar nicht oder kaum mit Verschwörungsdenken beschäftigt hatten, sprangen auf den Zug auf und diskutierten mit in den Internetforen der Akte X Fans über Ufos, die FEMA und die geheimen Regierungseinrichtungen. Die Tatsache, dass viele bekannte Verschwörungstheorien der Vergangenheit direkt oder indirekt angesprochen wurden, ließ sie wieder in das Bewusstsein der Öffentlichkeit treten. Themen über Vampire, Gestaltwandler, Körperfresser, das oben angesprochene Ishii-Korps und von der US-Regierung entwickelte Superviren und Supersoldaten werden verwendet. Auch heißt der anonyme Informant von Scully und Mulder „Deep Throat“, genau wie jener von Bob Woodward und Carl Bernstein im Watergateskandal. Auf einer deutschen Fanseite im Internet werden die Titel und Inhalte der einzelnen Episoden auf ihre Hintergründe überprüft. Ein Großteil der Episoden handelt in irgendeiner Weise von alten Mythen oder „Urban Legends“ über Paranormales und Verschwörungen.[50] Wie sooft zeigt sich die Verquickung von Realität und Fiktion als sehr spannend für das Publikum. Akte X zog eine wahre Flut von ähnlichen Serienproduktionen in den USA nach sich. Diese „Mystery Welle“[51] schwappte über auf Europa und den Rest der Welt. Verschwörungsdenken und politische Paranoia wird sehr viel häufiger als vorher in den Medien verwendet. Misstrauen gegenüber Regierungseinrichtungen wurde „schick“ in Teilen der Gesellschaft. Wirklich offensichtlich zeigte sich dieses Phänomen bei den Ereignissen des 11. September 2001. Anscheinend hatte jeder eine eigene Theorie, zu dem, was tatsächlich passiert war; und die Bereitschaft diese zum Besten zu geben war groß. Der Einfluss auf andere Kino- und TV-Produktionen ist so groß, dass Akte X die Begründung eines neuen Genres zugesprochen wird, des Mystery-Genres.

24[52]: Diese Serie lief 2001 in den USA an und gewann direkt zwei Golden Globes ( Bester Hauptdarsteller – Kiefer Sutherland und Bestes Produktion im Bereich Drama) und zehn Emmys. Das Konzept stellt eine innovative Art der Darstellung einer Handlung dar. Die Serie spielt in Echtzeit- 24 Stunden lang. Die Handlung erstreckt sich lediglich über einen einzigen Tag. In den Werbepausen läuft die Handlung weiter.

Der CIA Agent Jack Bauer (Kiefer Sutherland) erlebt den längsten Tag seiner Kariere. Er erfährt, dass ein Attentat auf den Senator David Palmer, den ersten wirklich aussichtsreichen afroamerikanischen Präsidentschaftskandidaten in der Geschichte der USA, unmittelbar bevorsteht und dass seine Abteilung, die Counter Terrorist Unit, von einem oder mehreren Maulwürfen unterwandert ist. Gleichzeitig werden seine Frau und seine Tochter entführt. Hängen diese Geschehnisse zusammen? Wem kann er noch trauen? Wie viele Maulwürfe sind tatsächlich in seiner Einheit? Steckt jemand aus dem Beraterstab Senator Palmers hinter der Bedrohung? Die Klärung dieser Fragen dauert 24 Stunden, in denen kein versteckter Fingerzeig ausgelassen wird, keine gezielte Desinformation und keine Paranoia. Und wie so oft bei TV-Serien und Kinofilmen hat der Paranoiker recht. Die Welt ist schlecht, und die, denen man vertraut, sind einem die schlimmsten Feinde.

Eine so bis ins kleinste Detail ausgearbeitete Verschwörungsgeschichte hat es meines Wissens bisher noch nicht gegeben. Gezielt spielen die Autoren mit den Unsicherheiten, den Ängsten und der „Paranoia“ der Zuschauer. Nach jeder Folge ergeben sich wieder neue Möglichkeiten zu Verstrickungen. Der Zuschauer wird mit Jack Bauer zusammen „paranoid“. Er wird immer wieder auf falsche Fährten gelockt, viele Ebenen der Story entwickeln sich erst im Verlauf der 24 Stunden, doch zuletzt macht alles einen Sinn. Jeder Charakter handelt in seiner Situation logisch. Mittlerweile läuft in Deutschland die vierte und den USA die fünfte Staffel an.

Diese Liste lässt sich geradezu beliebig lange fortführen. Es könnten allein aus den letzten zehn Jahren noch erwähnt werden: Alien Ressurection, Attack of the Bodysnatchers, Enemy of the State, From Hell, I-Robot, The Manchurian Candidate, die Matrix Trilogie , Men in Black I und II, The Mercury Puzzle, Shadow Men und Star Wars Episode II und III..

Nach einem Überblick über die Darstellungen des Topos Verschwörung in den unterschiedlichen Medien fällt auf, dass sich in der Literatur die Verschwörung oft als Farce herausstellt. Sie war eingebildet oder sie hat zumindest so nicht stattgefunden, während in den anderen Medien die Paranoiden recht haben. Es gibt eine Verschwörung, und sie ist meistens noch schlimmer, als man zu Beginn angenommen hat. Eine „Die Welt ist schlecht, und ihr seid mittendrin“ Botschaft wird vermittelt. Das kann geschehen, um die Spannung zu erhöhen oder aus anderen stilistischen Mitteln. Ein Held, der allein gegen eine Übermacht von womöglich auch noch unsichtbaren Feinden kämpft, ist viel tapferer als einer, der z.B. mit einer Übermacht ein kleines Dorf überfällt. Viel Feind, viel Ehr. Da viele junge Menschen jedoch kaum noch lesen und viel fernsehen und Videospiele spielen, könnte dies ihre Anfälligkeit für Verschwörungsdenken und Paranoia erhöhen.

4 Der Mechanismus Paranoia und Verschwörungsdenken

Nachdem ich die medizinischen Zusammenhänge des Krankheitsbildes Paranoia erläutert und sie auf politisches Denken angewandt habe, stellen sich ein paar Fragen. Ist die zunehmende Darstellung von Verschwörungen in den Unterhaltungsmedien ein Zeichen für mehr politische Paranoia in der Gesellschaft? Oder ist es umgekehrt. Hat die vermehrte Erwähnung von Verschwörungen die Menschen dafür empfänglicher gemacht? Anders ausgedrückt, ist dieses Phänomen durch Einwirkung „von außen“ ( durch die Medien ) entstanden? Oder kann man die Zunahme von Verschwörungen im Fernsehen, Kino, Literatur und Videospielen als Indikator für einen Zuwachs von politischer Paranoia in der Gesellschaft sehen? Dass es diesen Zuwachs tatsächlich gibt, lässt sich z.B. am großen Erfolg des Autors Dan Browns belegen. Seine Thriller Angels and Demons, The Da Vinci Code, Deception Point und Digital Fortress führten Monate lang die Bestsellerlisten in den USA und Europa an.

Wie kann es sein, dass gerade die USA, der erste demokratische Staat der Neuzeit und selbsternannter Hort von Freiheit und individueller Selbstverwirklichung so anfällig für Verschwörungsdenken ist?

Es ist auffällig, dass z.B. in Deutschland Verschwörungsdenken nicht so weit verbreitet ist wie in den USA. In Deutschland ist dieses Phänomen erst seit Akte X und dem11. September in größeren Ausmaß bemerkbar.[53] Timothy Melley begründet es damit, dass Misstrauen gegenüber den Herrschenden ein Bestandteil der politischen Kultur in den USA ist. Schließlich hätten sich die USA auch aus Argwohn vor der herrschenden Elite in England gegründet.[54] Ich denke, es ist wie bei den meisten großen Trends. Wenn sie in den USA erfolgreich sind, kommen sie irgendwann nach Europa hinüber.

Die Angst von fremden Mächten kontrolliert zu werden, ist tief verwurzelt und hat geradezu Tradition in den USA. Melley spricht gar davon, dass es eine fundamentale Form des politischen Diskurses in den USA ist, über mögliche Verschwörungen zu debattieren.[55] Senator McCarthy und J. Edgar Hoover sprachen von einer kommunistischen Weltverschwörung und einem geheimen Netzwerk aus Schläfern und Maulwürfen in ähnlichen Worten[56], wie heute Globalisierungsgegner über eine kapitalistische Weltverschwörung, oder Sicherheitsstrategen über das Netzwerk des islamistischen Terrors debattieren.

Wie können sich die Gedankengänge so ähneln, wenn sie aus völlig unterschiedlichen ideologischen Richtungen kommen?

Es scheint tatsächlich jeder für paranoides Denken empfänglich zu sein. Die Wurzeln liegen wahrscheinlich im anti-kolonialen Denken bei der Gründung der USA, doch seit dem 2. Weltkrieg und vor allem in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts hat die Zahl noch mal bemerkenswert zugenommen. Kommunisten ersetzten die Nazis, später nahmen Aliens und dunkle Verschwörer ihren Platz ein, nur um den islamistischen Terroristen der heutigen Zeit zuweichen.

Wie Don DeLillo in seinem Roman „ Running Dog “ einen Charakter sagen lässt: „ This is the Age of Conspiracy “.[57] Es geht nicht darum, ob wir wirklich in einem „ Age of Conspiracy “ sind; wichtig ist vielmehr, dass immer mehr Menschen daran glauben, dass es eines ist.[58] Verschwörungstheorien werden heute als Erklärungen für alle Arten von Phänomenen benutzt, sogar im Sport. Wenn ein haushoher Favorit verliert, wird häufig die „Wettmafia“ verdächtigt, das Spiel manipuliert zu haben, um höhere Gewinne zu machen. Verschwörungsdenken bietet eine merkwürdige Art von Bequemlichkeit in einer unsicheren Zeit. Es gibt dem Unerklärbaren einen Sinn. Es liefert einfache Erklärungen für Ereignisse, die so komplex sind, dass Außenstehende sie kaum noch verstehen können. Verschwörungstheorien sind für Menschen, die nicht direkt die thematisierten Ereignisse involviert sind, unmöglich zu be- oder zu widerlegen. Sie gleichem damit einem Mythos oder vielleicht dem religiösen Glauben. Niemand kann es beweisen, aber man kann daran glauben. Früher haben die Menschen Naturphänomene, die sie nicht verstanden haben, durch das Wirken von Göttern erklärt. Heute sind die meisten Naturphänomene durch die moderne Wissenschaft entmystifiziert. Sonnenfinsternisse oder lange Dürreperioden haben nichts mit dem Wirken böser Götter zu tun. Es gibt jedoch Dinge auf der Welt, die das alltägliche Leben der Menschen ständig beeinflussen, die man sich nicht erklären kann. Warum zum Beispiel erhält Partei X regelmäßig die Mehrheit bei den Wahlen, obwohl man keinen einzigen Menschen kennt, der diese Partei wählt? Warum darf Nordkorea öffentlich mit seinem Atomwaffenprogramm drohen und bleibt ungeschoren, während der Irak trotz monatelanger erfolgloser Suche nach Massenvernichtungswaffen einfach angegriffen wird? Wieso werden die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer? Wie konnte George W. Bush bei der Wahl 2000 so sicher sein, dass er Texas nicht verliert? Bei diesem Unerklärlichen greifen die Menschen wieder auf altbewährte Denkschemata zurück. Sie konstruieren sich eine Theorie, mit deren Hilfe sie das Unerklärliche erfassen können. Je nach Gruppenzugehörigkeit unterscheiden sich die Theorien. Menschen, die sich den White Anglo Saxon Protestants zugehörig fühlen, werden andere Theorien schaffen, als Afroamerikaner oder Angehörige des jüdischen Glaubens.

Kombiniert man die bisherigen Ergebnisse mit der von Thomas Pynchon konstatierten menschlichen Eigenheit, alle Dinge mit einander verknüpfen zu wollen, so lässt sich hiermit vielleicht erklären, wo die unzähligen Verschwörungstheorien herkommen.

Hierbei ist es egal, ob es sich um eine religiöse, übernatürliche Theorie handelt, in der z.B. Gott und der Teufel eine Rolle spielen, oder eine säkulare, die von Aliens oder den dunklen Machenschaften geheimer Organisationen dominiert wird, oder beides. Der Mechanismus ist der selbe. Wenn der Mensch einen Vorgang nicht aufklären kann, versucht er eine Theorie zu entwickeln, die Licht in die Sache bringt. Das gilt für die kleinen Dinge des Alltags, wie auch für die großen existentiellen Fragen des Lebens. Der Mensch ist immer auf der Suche nach dem Grund seiner Existenz und der Existenz aller Dinge. Gemeinhin wird es als die Suche nach dem Sinn des Lebens oder Hermeneutik bezeichnet. Warum leben wir? Warum arbeiten wir fast unser ganzes Leben lang und haben doch am Ende nichts. Für Mensche, die nicht religiös sind und an ein Leben nach dem Tod glauben, ist das alles noch schwieriger zu verstehen. Der religiöse Mensch kann noch immer sagen, dass alles von Gott gewollt und vorherbestimmt ist. Wenn jedoch nach dem Tod das Nichts wartet, macht das Leben (insbesondere ein nicht besonders erfolgreiches oder unglückliches Leben) vielfach noch weniger Sinn. Um dieser Sinnlosigkeit und/oder dem eigenen Scheitern zu entfliehen, greift man auf die in den ersten Kapiteln beschriebenen Mechanismen zurück und schiebt die Schuld auf Andere. Es ist wohl leichter zu ertragen, dass böse Mächte Einen das ganze Leben kontrollieren, manipulieren und ausbeuten, als zu akzeptieren, dass die eigene Existenz vollkommen sinnentleert ist. So ergibt sich zumindest in sofern ein Sinn, dass man selbst zur Bereicherung der Mächtigen dient. Sich einzugestehen, dass das Leben ohne tieferen Sinn von einer höheren Daseinsform ausgestattet ist, und das der einzige offenkundige Sinn im schieren existieren und fortpflanzen liegt, stellt für viele Menschen ein unüberwindbares Problem dar. Doch so scheint es mir zu sein. Es gibt keinen übergeordneten Sinn von einer höheren Macht. Wir müssen uns selbst einen Sinn schaffen; und zwar nicht indem wir uns ein Modell der Realität konstruieren, wie z. B. eine Religion oder eine Verschwörungstheorie, und in dieses Modell entfliehen, sondern indem wir uns mit der Sinnlosigkeit abfinden und uns selbst einen Sinn geben. Ansonsten bleibt nur der übliche Gang, leben, lieben, sich fortpflanzen und sterben.

- Bibliographie:

1. Quellen:

1.1 Literatur

- Asimov, Isaac: Foundation, 1951. (Deutscher Titel: Der Jahrtausendplan)
- Ders: Foundation and Empire, 1952. (Deutscher Titel: Der galaktische General)
- Ders, Isaac: Second Foundation, 1953. (Deutscher Titel: Alle Wege führen nach Trantor)
- De Lillo, Don: Running Dog, 1992.
- Eco, Umberto: Il pendolo di Foucault, Mailand 1988. (Deutscher Titel: Das Foucault’sche Pendel)
- Lem, Stanislav: Kongres futurologcny, 1972. (Deutscher Titel: Der Futurologische Kongress)
- Norfolk, Lawrence: Lempriere’s Dictionary, 1991. (Deutscher Titel: Lemprieres Wörterbuch)
- Pynchon, Thomas: V, 1961. (Deutscher Titel: V)
- Ders: The Crying of Lot 49, 1965. (Deutscher Titel: Die Versteigerung von No. 49)
- Shea, Robert / Wilson, Robert Anton: The Eye in the Pyramid; The golden Apple; Leviathan, 1975.

1.2 Spielfilme und TV-Serien

- Kolchak: The Night Stalker, USA 1974-1975
- Three Days of the Condor: USA 1974; Regie: Sidney Pollack, Produzent: Stanley Schneider.
- Capricorn One: GB/USA 1978; Regie: Peter Hyams, Produzent: Paul N. Lazarus III.
- Total Recall: USA 1990; Regie: Paul Verhoeven, Produzenten: Ronald Shusett und Buzz Feitshans.
- JFK: USA 1991; Regie: Oliver Stone, Produzent:
- The X-Files – The Movie: USA/Canada 1998; Regie und Produzent: Chris Carter.
- The X-Files: USA/Canada 1994-2002; Regie: 51 verschiedene Regisseure, Produktion: Chris Carter.
- 24: USA 2001-2006 (wird weiter produziert); Regie und Produzenten: Robert Cochran, Michael Loceff, Stephen Hopkins.
- Kubrick, Nixon und der Mann im Mond, von William Karel 2003.(Mockumentary)
- http://www.imdb.com

1.3 Videospiele

- Deus X: Eidos Interactive, Ion Storm 2001.
- Deus X2 – Invisible War: Eidos Interactive, Ion Storm 2004.
- Vampire, The Masquerade: Redemption: Activision, Nihilistic Software 2001.
- Vampire, The Masquerade: Bloodlines: Activision, Troika Games, 2004.

1.4 Internetforen und -seiten

- http://www.txf.net/
- www.AkteX.de
- http://www.white-wolf.com/
- www.worldconspiracy.net
- http://www2.ham.muohio.edu/~krafftjm/pynchon.html
- http://www.nba.com/history/finals/champions.html
- www.aspeninstitute.org
- http://www.theforbiddenknowledge.com
- http://www.biblebelievers.org.au/weekdx.htm
- www.allmystery.de
- www.ufomind.com
- www.angelfire.com/ab/libertas/terrorism.html
- www.mindspring.com
- www.alienjoes.com

2. Monographien

- Barkun, Michael: A Culture of Conspiracy, Berkeley, Los Angeles, London , 2003.
- Bleuler, Eugen: Dementia praecox oder Gruppe der Schizophrenien, Leipzig 1911.
- Boyer, Paul: When Time Shall Be No More: Prophecy Belief in Modern American Culture, Cambridge 1992.
- Cohn, Norman: Warrant Genocide: The Myth of the Jewish World Conspiracy and the Protocols of the Elders of Zion, London 1967.
- Dean, Jodi: Aliens in America: Conspiracy Cultures from Outer Space to Cyber Space, Ithaca 1998.
- Goldberg, Donald /Badwar, Indy: Blueprint for Tyranny, erschienen in: Penthouse, August 1985.
- Goldberg, Robert Alan: Enemies within: The Culture of Conspiracy in Modern America, New Haven 2001.
- Knight, Peter: Conspiracy Culture, London 2000.
- Lind, Michael: Rev. Robertson’s Grand International Conspiracy Theory, in: The New York Review of Books, Februar 2 1995, S. 21-25.
- Marrs, Texe: Dark Majesty: The Secret Brotherhood and the Magic of a Thousand Points of Light 1992.
- Marrs, Texe/Robertson, Pat: The New World Order, 1991
- Melley, Timothy: Empire of Conspiracy, Ithaca, London 2000.
- Robins, Robert S. /Post, Jerrold M.: The Psychopolitics of Hatred, Cumberland, 1997.
- Rux, Bruce: Hollywood vs. the Aliens: The Motion Picture Industry’ Participation in UFO Disinformation, Berkeley, 1997.
- Webster, Nesta H.: Secret Societies and Subversive Movements, Los Angeles 1924 (Orginal).

[...]


[1] Vgl: Eugen Bleuler: Dementia praecox oder Gruppe der Schizophrenien, Leipzig 1911.

[2] Ich spreche hier vereinfachend von „dem Paranoiker“. Natürlich gibt es nicht den Paranoiker. Jedes Krankheitsbild ist individuell, und jeder Kranke hat eine eigenständige Krankheitsgeschichte. Ich benutze diesen Ausdruck als Überbegriff für alle Paranoiker, auf die die von mir beschriebenen Symptome in ihrem Gros zutreffen.

[3] Robert S. Robins/Jerrold M.Post: The Psychopolitics of Hatred, Cumberland, 1997, S. 115. Bzw : Robert S. Robins/Jerrold M.Post: Die Psychologie des Terrors, München 2002. Letztgenanntes ist der Titel der deutschen Ausgabe. Die Seitenzahlangaben beziehen sich auf die deutsche Ausgabe. (In Zukunft : Robins/Post)

[4] Robins/Post: S. 116

[5] Robins/Post: S.64

[6] Robins/Post: S.61

[7] Robins/Post: S. 69

[8] Robins/Post: S. 236

[9] Robins/Post: S. 236

[10] Robins/Post: S. 241

[11] Earl Hopper: The incohasion basic assumption, zitiert nach: Robims/Post: S. 122.

[12] Robins/Post: S. 123

[13] Robins/Post: S. 129

[14] Robins/Post: S. 131

[15] Robins/Post: S. 133

[16] Robins/Post: S. 136

[17] Robins/Post: S. 138, Jesus: Mathäus 10, 35-37

[18] Robins/Post: S. 143

[19] Robins/Post: S. 144

[20] Timothy Melley: Empire of Conspiracy, Ithaca, London 2000, S.14. Er führt diesen Sachverhalt auf ein mögliches Ende des Individualismus im Sinne der politischen Philosophie Lockes und Hobbes’ zurück. Der Mensch sei in allem, was er denkt von außen beeinflussbar. Ich benutze den Begriff agency panic um dieses Denkschema zu erläutern.

[21] Auch wenn ich hier nicht im Konjunktiv schreibe, soll das nicht bedeuten, dass es sich bei den in diesem Kapitel beschriebenen Sachverhalten um wissenschaftlich erwiesene Tatsachen handelt. Ich gebe lediglich die Theorie wieder.

[22] Donald Goldberg/ Indy Badwar: Blueprint for Tyranny, erschienen in: Penthouse, August 1985.

[23] Vgl: Michael Barkun: A Culture of Conspiracy, Berkeley 2003, Kap 5: UFO Conspiracy Theories, 1975-1990 und Kap. 6: UFOs meet New World Order.

[24] Vgl: Michael Barkun: A Culture of Conspiracy, Berkeley 2003, S. 39.

[25] Vgl: Michael Barkun: A Culture of Conspiracy, Berkeley 2003 ,S. 40-45.

[26] Robinson und Barrel: Sie sind die Ersten, die die bayrischen Illuminaten ins Zentrum ihrer Spekulationen setzen.

[27] Nesta H. Webster: Secret Societies and Subversive Movements, Los Angeles 1924 (Orginal).

[28] Texe Marrs und Pat Robertson: The New World Order, 1991.

[29] Ein Dachverband konservativer, christlicher Gruppen in den USA

[30] gegr. 1960

[31] Isaac Asimov: Foundation; Foundation and Earth; Second Foundation, 1951, 1952, 1953.

[32] Thomas Pynchon: V., 1961

[33] Thomas Pynchon: The Crying of Lot 49/Die Versteigerung von No. 49, 1965

[34] Robert Shea, Robert Anton Wilson: The Eye in the Pyramid; The golden Apple; Leviathan, 1975. Das Veröffentlichungsdatum bezieht sich auf die Gesamtausgabe der Trilogie.

[35] Umberto Eco: Il pendolo di Foucault, Mailand 1988.

[36] Lawrence Norfolk: Lempriere’s Dictionary, 1991.

[37] Deus X: Eidos Interactive 1999 und Deus X2 - Invisible War: Eidos Interactive 2004 Abgesehen von der Thematik habe ich Deus X ausgewählt, weil es unter Computerspielern sehr beliebt ist. Die Fachzeitschrift „PC Games“ hat es zum Spiel des Jahrzehnts gewählt.

[38] Vampire - The Masquerade, Redemption: Activision, Nihilistic Software 2001. Vampire - The Masquerade, Bloodlines: Activision, Troika Games, 2004.

[39] http://www.white-wolf.com/

[40] Three Days of the Condor: Sidney Pollack, USA 1974.

[41] Capricorn One: Peter Hyams, GB/USA 1978.

[42] Als Argumente werden u.a. aufgeführt, dass auf der Oberfläche der Raumsonde Lichtreflexe zu sehen sind, die so auf dem Mond nicht zu Stande kommen könnten, und die Flagge im Wind flattert, wo doch gar kein Wind sein könnte. Siehe dazu z.B.: http://2002135.homepagemodules.de/t200104f5998_Mondlandung_der_Amis_nur_nen_Fake_.html

[43] Kubrick, Nixon und der Mann im Mond, von William Karel 2003. Dies ist jedoch eine sogenannte „Mockumentary“, die dem Zuschauer vor Augen führen soll, wie leicht er sich durch Medien manipulieren lassen kann. Die Täuschung ist jedoch geradezu perfekt. Sie arbeitet mit fingierten Interviews, bei denen die befragten teilweise nicht wussten, dass sie an einer Mockumentary teilnahmen. Befragt wurden u.a.: Donald Rumsfeld, Henry Kissinger, Buzz Aldrin und Christiane Kubrick.

[44] Total Recall: Paul Verhoeven, USA 1990.

[45] JFK: Oliver Stone, USA 1991.

[46] Was tatsächlich passiert ist, sei mal dahin gestellt. Ich möchte niemandem, dem die Vorkommnisse während und nach dem Attentat auf Kennedy merkwürdig erscheinen, unterstellen paranoid zu sein. Es geht mir lediglich um den Gedankengang.

[47] The X-Files: Chris Carter, usa / canada 1994-2002.

[48] Kolchak: The Night Stalker, USA 1974-1975, 20 Episoden und zwei Spielfilme.

[49] 1. Staffel: 24 Episoden, 2. Staffel 25 E., 3. und 4. Staffel: je 24 E., 5. Staffel: 20 E., 6. und 7. Staffel: je 22 E., 8. Staffel: 21 E., 9. Staffel 20 Episoden; zusammen 202 Episoden

[50] http://www.txf.net/eg/titel.shtml

[51] zu der z.B. „Profiler“, „Buffy, Vampirehunter“, Outer Limits“ und „Millenium“ gehören.

[52] 24: USA 2001-2006 (wird weiter produziert); Regie und Produzenten: Robert Cochran, Michael Loceff, Stephen Hopkins. Die Zusammenfassung der Handlung bezieht sich nur auf die erste Staffel. In der zweiten geht es um einen terroristischen Anschlag mit Nuklearwaffen auf LA.

[53] Bei diesen Aussagen ist natürlich zu bemerken, dass es durchaus sein kann, dass es schon vorher Verschwörungsdenken in höherem Maße in Deutschland gab, doch macht erst die Erfindung des Internets mit seinen zahllosen Foren und Chatrooms dieses Phänomen für Außenstehende greifbar. Ein Argument für meine Aussage ist jedoch, dass es im Gegensatz zur früheren US-Literatur in der deutschen praktisch keine Belletristik gibt, die sich mit dem Topos Verschwörung beschäftigt.

[54] Timothy Melley: Empire of Conspiracy, Ithaca, London 2000.

[55] Timothy Melley: Empire of Conspiracy, Ithaca, London 2000.

[56] …„Virtually invisible to the non-communist eye“…;… thought-control network“...

[57] Don DeLillo: Running Dog, 1992.

[58] Timothy Melley: Empire of Conspiracy, Ithaca, London 2000, S. 7.

40 von 40 Seiten

Details

Titel
Paranoia und Verschwörungsdenken in der Amerikanischen Kultur
Hochschule
Universität zu Köln  (Anglo-Amerikanische Abteilung des Historischen Seminars)
Veranstaltung
Geschichtsmythen in Science Fiction Spielfilmen
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
40
Katalognummer
V110220
ISBN (Buch)
9783640114429
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Paranoia, Verschwörungsdenken, Amerikanischen, Kultur, Geschichtsmythen, Science, Fiction, Spielfilmen
Arbeit zitieren
Felix Michel (Autor), 2006, Paranoia und Verschwörungsdenken in der Amerikanischen Kultur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110220

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