Rassismus und Gewalt in der Kinder- und Jugendliteratur


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
25 Seiten, Note: 1,5

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Inhalt

1. Einleitung

2. Rassismus und Gewalt in der Kinder- und Jugendliteratur

3. Die Autorin Kirsten Boie
Was schreibt Kirsten Boie?
Welche Auszeichnungen hat sie bisher erlangt?
Welche Themen behandelt Kirsten Boie?
Wie schreibt und erzählt sie?

4. Kirsten Boie und die Themen Rassismus und Gewalt

5. „Erwachsene reden. Marco hat was getan.“

6. „Nicht Chicago. Nicht hier.“

7. Die Bücher im Unterricht
„Erwachsene reden. Marco hat was getan.“ im Unterricht
„Nicht Chicago. Nicht hier.“ im Unterricht

8. Fazit

Literatur.

1. Einleitung

Rassismus = Alle Lehren, die eine Ueber- [sic] oder Unterlegenheit einer menschlichen Rasse gegenüber einer anderen behaupten. Damit verbunden sind Diskriminierung, Unterprivilegierung oder Unterdrückung ethnischer Gruppen.[1]

Gewalt = die Anwendung von physischem oder psychischem Zwang gegenüber Personen oder als Durchsetzungs-vermögen in Macht- und Herrschaftsbeziehungen.[2]

In meiner Hausarbeit werde ich mich mit den oben definierten Themen Rassismus und Gewalt in der aktuellen Kinder- und Jugendliteratur beschäftigen. Ich erachte diese Materie in den deutschen Schulen als unumgänglich, da eine Konfrontation mit der Thematik vor allem durch die Medien schon in frühem Alter vorzufinden ist.

Vor allem in sozialen Brennpunkten werden deutsche und ausländische Kinder und Jugendliche mit Rassismus und Gewalt, sei es am eigenen oder am Leib des anderen, groß.

Da ich selbst bereits Erfahrungen mit diesem Problem in einem Praktikum an einer Schule machen konnte, welche sich in einem sozialen Brennpunkt befindet, mit einem Ausländeranteil von knapp 60%, denke ich, dass Kinder und Jugendliche hier nicht allein gelassen werden dürfen. Oft werden schon früh Meinungen durch das Elternhaus geschürt. Häufig wird weggesehen. Daher darf ein solch wichtiges und komplexes Thema nicht unbesprochen bleiben – ein durch die Lehrkraft geleiteter und beaufsichtigter Umgang hiermit ist zur Aufklärung dessen nur zuträglich.

Meiner Meinung nach eignet sich zur Behandlung der Problematik das Lesen, Besprechen und Bearbeiten eine Buches zum selbigen Thema sehr gut, da die Kinder und Jugendlichen so nicht direkt damit konfrontiert, sondern langsam herangeführt werden. Den Schwerpunkt werde ich in meiner Arbeit auf die Autorin Kirsten Boie setzen, da sie zum behandelten Thema mehrere Bücher geschrieben hat.

2. Rassismus und Gewalt in der Kinder- und Jugendliteratur

Die Auseinandersetzung mit Gewalt in der Kinder- und Jugendliteratur lässt sich in Deutschland bisher in zwei Phasen unterteilen. Malte Dahrendorf hat für die Zeit zwischen 1980 und 1990 ca. zwölf Texte herausgestellt. Auf welche ich hier jedoch nicht näher eingehen werde. Zwei dieser Texte haben, als Übersetzung, für den Umgang in der Schule jedoch besondere Bedeutung gefunden:

- „Die Welle“, aus dem Amerikanischen von Morton Rhue im Jahre 1984
- „Dann eben mit Gewalt“, aus dem Niederländischen von Jan de Zangers im Jahre 1987

Für die Zeit nach der Wiedervereinigung (1990 bis 1997) lassen sich weitaus mehr Texte ausmachen: Günter Lange stellte 26 Texte heraus, die innerhalb der sieben Jahre erschienen. Der Anstieg an Büchern zu den genannten Themen, lässt sich darauf zurückführen, dass Jugendliche immer schneller rechtsextreme Haltungen annehmen und häufiger als gewalttätig auffallen. Ausschreitungen wie in Hoyerswerda, Mölln oder Solingen liefern ausreichend Gesprächsstoff um Themenbücher zu veröffentlichen. Kinder- und Jugendbuchautoren bringen durch Verfassen von Texten und Büchern das Thema ins Gespräch, sei es in den Schulen, den Medien oder anderweitigen Institutionen. Texte zum Thema Rassismus und Gewalt sollen in erster Linie präventiv wirken und die Leser zum Nachdenken anregen.

Die veröffentlichten Texte lassen sich, unter gattungstypologischen Aspekten betrachtet, in drei Darstellungsmuster unterteilen:

1. die problemorientierte Exempel- bzw. Beispielgeschichte
2. moderner problemorientierter Kinder- bzw. Jugendroman
3. Anthologien (Beiträge von Autoren, Betroffenen, Schülern etc. zum genannten Thema)

Sämtliche oben genannten Darstellungsmuster haben die Funktion, „Themenlieferant“[3] zu sein und somit eine Auseinandersetzung mit aktuellen Themen wie in diesem Beispiel Gewalt und Rechtsextremismus in Gang zu bringen. Wichtig ist hierbei, dass eine solche Geschichte nicht offensichtlich manipulieren möchte, sondern auf indirektem Wege das Problem zur Sprache bringt. Kindern und Jugendlichen soll im Unterricht nicht ein Urteil „aufgedrängt“ werden. Sie sollen mehr oder weniger durch das Gespräch und die Erzählung autonom ein Urteil bilden lernen. Wenn der Autor seine jungen Leser also ernst nimmt, gibt er ihnen die Möglichkeit individuell ein Urteil zu bilden und dieses zu vertreten.

Bei der Auswahl eines Buches für den Unterricht muss die Lehrkraft also auf oben genanntes Kriterium achten. Doch auch weiterführende Aspekte und Werte sollten zur Entscheidung beitragen:

Bei der literarischen Bewertung dieser Texte zählen folgende Kriterien:

1. inhaltliche (textbezogene)
2. relationale (wirklichkeitsbezogene)
3. wirkungsbezogene (leserbezogene)

So gehören zum Beispiel zu den inhaltlichen, textbezogenen Werten Erkenntnis, Humanität und Moralität, zu den relationalen vor allem Angemessenheit (aber auch teilweise Realismus, Wirklichkeitsnähe und Wahrheit) und zu den wirkungsbezogenen Werten Erkenntnisbedeutsamkeit, Rührung, Betroffenheit, Identifikation/ Distanz, Sinnstiftung und Handlungsorientierung. Eben die wirkungsbezogenen Aspekte schließen die bewusst in Klammern gesetzten relationalen Werte Realismus, Wirklichkeitsnähe und Wahrheit häufig aus.

Bei Texten über solch wichtige und beschäftigende Themen für die Kinder und Jugendlichen, bei denen die Wirkung auf den Leser sehr stark im Vordergrund steht, muss der Autor darauf achten, wie im oberen Textabschnitt beschrieben, dass sein Text nicht moralisierend wirkt bzw. ist.

3. Die Autorin Kirsten Boie

Kirsten Boie wurde 1950 in Hamburg geboren. Sie studierte Deutsch und Englisch, promovierte in Literaturwissenschaft und arbeitete von 1978 bis 1983 als Lehrerin an einem deutschen Gymnasium und einer Gesamtschule. 1985 erschien ihr erstes Buch "Paule ist ein Glücksgriff", welches in die Ehrenliste zum „Österreichischen Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur“ und in die Auswahlliste zum „Deutschen Jugendliteraturpreis“ aufgenommen wurde. Inzwischen sind mehr als 20 Bücher von Kirsten Boie erschienen. Sie ist verheiratet, Mutter zweier adoptierter Kinder (1983 und 1985) und lebt heute in Hamburg.

Kirsten Boie zählt heute zu den bekanntesten und renommiertesten deutschen Autorinnen der modernen Kinder- und Jugendliteratur.

3.1 Was schreibt Kirsten Boie?

Kirsten Boie schreibt phantastische Bücher („Verflixt – Ein Nix!“), realistische Bücher („Ich ganz cool“) und hat bisher auch ein Sachbuch geschrieben: „Kirsten Boie erzählt vom Angsthaben“. Folgende Bücher sind bereits von Kirsten Boie erschienen (Auswahl):

Pappbilderbücher:

- Albert geht schlafen
- Albert macht Quatsch
- Albert ist eine Katze

Bilderbücher:

- Linnea geht nur ein bisschen verloren
- Der kleine Pirat
- Klar, dass Mama Anna / Ole lieber hat.
- Du wirst schon sehen, es wird ganz toll.
- Nee! sagte die Fee.
- Josef Schaf will auch einen Menschen
- Was war zuerst da?

Kinderbücher:

- King-Kong, das Geheimschwein
- King-Kong, das Reiseschwein
- King-Kong, das Zirkusschwein
- King-Kong, das Liebesschwein
- King-Kong, das Schulschwein
- King-Kong, das Krimischwein
- King-Kong - Allerhand und mehr
- Vielleicht ist Lena in Lennart verliebt
- Lena zeltet Samstagnacht
- Lena hat nur Fußball im Kopf
- Lena findet Fan-Sein gut
- Lena möchte immer reiten
- Zum Glück hat Lena die Zahnspange vergessen
- Lena
- Lena fährt auf Klassenreise
- Lena wünscht sich auch ein Handy
- Linnea klaut Magnus die Zauberdose
- Linnea will Pflaster
- Linnea rettet schwarzer Wuschel
- Linnea findet einen Waisenhund
- Linnea macht Sperrmüll
- Linnea macht Sachen
- Linnea finds an orphan dog
- Linnea schickt eine Flaschenpost
- Wir Kinder aus dem Möwenweg
- Sommer im Möwenweg
- Geburtstag im Möwenweg
- Paule ist ein Glücksgriff
- Alles ganz wunderbar weihnachtlich
- Mittwochs darf ich spielen
- Nella-Propella
- Prinzessin Rosenblüte
- Sophies schlimme Briefe
- Ein Hund spricht doch nicht mit jedem
- Eine wunderbare Liebe
- Krippenspiel mit Hund
- Man darf mit dem Glück nicht drängelig sein
- Der durch den Spiegel kommt
- Kann doch jeder sein, wie er will
- Verflixt – Ein Nix!
- Jenny ist meistens schön friedlich
- Die Medlevinger

Jugendbücher:

- Mit Jakob wurde alles anders
- Der Prinz und der Bettelknabe oder Erzähl mir vom Dow Jones
- Nicht Chicago. Nicht hier.
- Kerle mieten oder das Leben ändert sich stündlich
- Ich ganz cool
- Monis Jahr
- Lisas Geschichte. Jasims Geschichte
- Erwachsene reden. Marco hat was getan.

Anthologiebeiträge (Geschichtensammlungen):

- Warten auf Weihnachten

Sachbücher:

- Kirsten Boie erzählt vom Angsthaben

3.2 Welche Auszeichnungen hat sie bisher erlangt?

Für ihre Werke wurde sie häufig nominiert und ausgezeichnet. Um einige Beispiel zu nennen:

Für das Gesamtwerk wurde sie 1999, 2001, 2003 und 2004 für den bedeutsamen Hans-Christian-Andersen-Preis nominiert. Auch Kirsten Boies Kinderbücher als Einzeltitel brachten ihr zahlreiche Auszeichnungen: 1985 errang sie sich mit „Paule ist ein Glücksgriff“ einen Platz auf der Ehrenliste des Österreichischen Staatspreises für Kinder- und Jugendliteratur. Für „Der durch den Spiegel kommt“ wurde sie 2001 für den Deutschen Bücherpreis nominiert.

Ihre Jugendbücher brachten weitere Nominierungen ein: 1987 wurde sie für „Mit Jakob wurde alles anders“, 1993 mit „Ich ganz cool“ und 2000 mit „Nicht Chicago. Nicht hier.“ für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. „Nicht Chicago. Nicht hier.“ wurde außerdem für den UNESCO-Preis für Kinder- und Jugendliteratur nominiert. Auffällig ist, dass Kirsten Boie zwar meistens nominiert wurde, die Auszeichnung jedoch selten wirklich erhalten hat.

3.3 Welche Themen behandelt Kirsten Boie?

Kirsten Boie schreibt in ihren Büchern über reale, zentrale Themen der heutigen Kindheit und Jugend. Sie greift dabei Problematiken auf, die sie in der Realität selbst beschäftigen. Diese Inhalte sind außerdem Gegenstand der Alltagswelt der Kinder und Jugendlichen, welche ihnen Angst bereiten und Wünsche in ihnen erwecken. Häufig behandelt sie Familienkonflikte in ihren Texten. Diese Familien sind der heutige Wirklichkeit angepasst. Es gibt mehr allein erziehende Elternteile und mehr Berufstätige Mütter als noch in den Büchern einige Jahre zuvor. In „Paule ist ein Glücksgriff“ greift sie das Thema „adoptiertes Kind“ auf, worauf sie wahrscheinlich durch die Adoption ihrer eigenen Kinder gekommen ist. Auch die Themen Selbstmord und Depression werden aus der Sicht einer Neunjährigen über ihre Mutter geschildert. Bücher mit „Tabu-Themen“ wie Ausländerfeindlichkeit und Gewalt sind außerdem ein Teil ihres Textkorpusses.

Die Themen, die sie bewegen behandelt sie mit einer gewissen Distanz und nutzt sie so für ihre Bücher.

3.4 Wie schreibt und erzählt sie?

Die Autorin Kirsten Boie verfolgt mit dem Schreiben ihrer Bücher keine didaktische Intention. Sie lässt ihre eigene Einstellung mit einfließen und schreibt viel aus ihren eigenen Erfahrung heraus, da sie für Texte und Bücher nur selten recherchiert. Daher entwickelt sie einen großen Bezug zu den Themen ihrer Bücher. Ihr erstes Buch „Paule ist ein Glücksgriff“ schreibt sie aus der Situation heraus, dass sie auf Grund der Adoption ihres ersten Kindes ihre Stelle als Lehrerin aufgeben musste.

„In "Paule ist ein Glücksgriff" zeigt sie zum ersten Mal, was sie später zu einer Kunstform entwickelte: die sensible Beschreibung moderner Familienkonstellationen aus kindlicher Sicht.“[4]

Zu den genannten Themen findet sie immer neue Zugänge und auch das Ende der Geschichten variiert von „Happy - “ bis zum „Open - End“.

Kirsten Boie schreibt nicht über authentische Themen, also nicht über sich selber, sondern, wie bereits im vorangehenden Kapitel beschrieben, über Themen, die sie zwar sehr beschäftigen, jedoch nicht selbst betreffen.

Zum großen Teil sind ihre Bücher gesellschaftskritisch (wie zum Beispiel in „Nicht Chicago. Nicht hier." oder „Erwachsene reden. Marco hat was getan.“), doch schreibt sie auch „Heile – Welt – Geschichten“ wie „Wir Kinder aus dem Möwenweg“.

Zitat Kirsten Boie: "Ich wollte zeigen, dass es so eine Idylle nicht nur in Bullerbü geben kann, sondern auch im Hier und Jetzt."[5]

Doch egal um welches Thema es sich handelt, schreibt Kirsten Boie sehr einfühlsam und fast ausnahmslos aus der Perspektive von Kindern und Jugendlichen, was eben ein hohes Potential an Einfühlungsvermögen erfordert. Die Erwachsenen werden ausschließlich von außen geschildert – einen Einblick in ihre Gefühlswelt gibt es meist nicht.

Kirsten Boie hat auch schon mehrere Serienbücher geschrieben: „King-Kong“, „Linnea“ und „Lena“. Kinder lieben Wiederholungen. Sie lesen gerne Bekanntes, vor allem wenn sie sich darin wieder finden. „Linnea“ und „Lena“ erleben meist „alltägliche“ Dinge und spannende Abenteuer in einer kindlichen Welt. Eine Liste der Bücher zum Thema ist im Kapitel 3.1 auf Seite 7 zu finden.

Kirsten Boies Bücher spielen meist in der Jetztzeit. Sie erzählt vorwiegend, wie bereits erwähnt, aus der Sicht der jeweiligen kindlichen Hauptperson und dies oft in einem sehr knappen und ironischen Erzählstil, gekoppelt mit sehr trockenem Humor.

Außerdem sind in ihren Büchern häufig Perspektivenwechsel vorzufinden. So auch in „Erwachsene reden. Marco hat was getan.“, einem der beiden Bücher die ich in meiner Arbeit behandeln möchte. Mit diesem Perspektivenwechsel ermöglicht sie dem Leser in die „Innenseite“ mehrerer Protagonisten einzublicken, da die Innenseite des Menschen sie am meisten interessiert.

4. Kirsten Boie und die Themen Rassismus und Gewalt

Kirsten Boie vertritt klar ihre Position, auch im Bezug auf Gewalt und Rassismus. Sie schreibt über diese Themen und greift somit, wie in den vorangehenden Kapiteln beschrieben alltägliche Probleme und Gesprächsthemen der Kinder und Jugendlichen heute auf. Um an dieser Stelle ein Beispiel zu nennen: Niklas aus dem Buch „Nicht Chicago, nicht hier“ wird von seinem Mitschüler Karl verbal und körperlich, ohne Grund, gequält. Kirsten Boie thematisiert hier ein Schicksal, wie es im heutigen Deutschland schon mehr oder weniger jedem zehnten Kind ergeht. Durch das Verfassen ihrer Bücher zu diesen Themen versucht Kirsten Boie wenigsten ein bisschen aufzuklären – jedoch nicht zu manipulieren.

Als Mutter zweier dunkelhäutigen adoptierter Kinder nimmt Kirsten Boie den Anstieg der Ausländerfeindlichkeit in Deutschland und rassistischer Gewalt unter Jugendlichen überaus ernst. Ihr Buch „Erwachsene reden - Marco hat was getan“ handelt von diesem Thema und „Lisas Geschichte, Jasmins Geschichte“ von der Not des Asylbewerbers Jasim aus Ghana. Dagegen setzt Kirsten Boie das etablierte Alltagsleben der verhätschelten Tochter aus gutem Hause, Lisa, als erschütternden Gegensatz.

5. „Erwachsene reden. Marco hat was getan.“

»Wenn ich in dem Augenblick anders reagiert hätte, zwei Menschen könnten vielleicht noch leben«, sagt der Sozialarbeiter des ländlichen Ortes, wo man Ausländer bis vor kurzem nur vom Hörensagen kannte. »Glauben Sie, daß [sic] ich nachts manchmal nicht schlafe?« Alle sind zutiefst erschüttert. Aber jeder denkt ein bisschen anders über das, was Marco getan hat. Dreizehn Personen berichten.“[6]

In diesem Buch von Kirsten Boie stiftet Marco, ein 14-jähriger Junge, der einer neonazistischen Gruppe angehört, einen Brand in einem Asylantenbewerberheim. Beim Unglück kommen zwei Kinder ums Leben.

Das Buch setzt sich aus Berichten von 13 Personen zusammen, die den Jungen Marco kannten. Sie erzählen über Marco, seine Familie, über die Stadt, das Leben in der Stadt, über Marcos Freunde und weitere Faktoren.

Folgende Personen gaben über Marco und sein Umfeld Auskunft: Norman L. (17, Freund), Friedhelm K. (54, Bürgermeister), Martin K. (16, Nachbarjunge), Hubert S. (42, Klassenlehrer), Silke K. (51, Grundschullehrerin), Maren F. (32, Nachbarin), Sigurd J. (17, Freund), Klaus-Peter W. (54, Tankstellenpächter), Frank W. (32, Sozialarbeiter in der Jugendfreizeitstätte), Rüdiger Poffatz (14, Freund), Hartmut K. (59, Schulleiter), Hinnerk F. (42, Gemeindepastor) und Timo K. (15, Klassenkamerad).

Sie äußern sich über Marco in Form einer journalistischen Dokumentation, welche im Buch unkommentiert stehen bleibt. Der Leser nimmt in diesem Kontext gewissermaßen die Rolle des gedachten Reporters ein und hieraus eröffnen sich ihm die Ursachen und Umstände der Tat.

Die berichtenden Menschen aus Marcos Umgebung sprechen sehr unterschiedlich über ihn. So beurteilt Maren F., die Nachbarin, ihn folgendermaßen: „Also für mich, also solange der nicht verurteilt ist, der Marco, so lange ist der für mich auch unschuldig. Das wollte ich also gleich vorneweg mal sagen. Weil ich mir das nämlich gar nicht vorstellen kann, daß [sic] der das getan haben soll, also so, wie ich den Marco kenne, da passt [sic] das überhaupt nicht zu ihm. Natürlich hat man da mal was gehört, das können Sie sich ja vorstellen, daß [sic] da geredet wird in so einer Nachbarschaft, aber ich hab das nie so richtig geglaubt. Das hab ich auch immer gesagt, da leg ich Wert drauf.“[7]

Marcos Klassenlehrer Hubert S. hingegen schildert eine Situation, in der er über das Thema „Ausländer“ mit Marco aneinander geraten ist. „Ich weiß noch, wie ich den Marco das erste Mal mit diesem Aufnäher gesehen habe, »Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein«, das hat mich doch fast gewürgt. Sorgfältig angenäht übrigens, also das muß [sic] ihm die Mutter gemacht haben, er selber bestimmt nicht. […] ich hab das natürlich zum Thema gemacht. Was das soll. Was das eigentlich bedeutet, worauf wir Deutschen denn wohl Grund haben, stolz zu sein. […] Und wissen Sie, was der Marco mir geantwortet hat: »Ich persönlich bin zum Beispiel stolz auf Goethe.« […] Und was der geschrieben hat, ob er mir da vielleicht was nenne könnte? Natürlich wieder nichts. Nicht mal den »Faust« genannt, also das hatte ich an der Stelle eigentlich als Alibi erwartet. […] »dann bin ich eben stolz auf die Autobahnen« […] »Dann bist du also stolz auf Hitler?« […] Und er guckt mich weiter so an. Gibt keine Antwort, guckt mich einfach nur so an, ganz ruhig. Da hab ich gewußt [sic] […] das ist nicht mehr nur Provokation. Das ist schon in ein gefährliches Stadium getreten.“[8]

Auch Rückschlüsse auf das Familienleben von Marco werden ermöglicht. Die Grundschullehrerin Silke K. berichtet von Marcos Brüdern Bernd und Sven als weitaus umgänglichere Zeitgenossen als Marco es war. Frau K. erzählt außerdem von einem Telefonat, welches sie mit Marcos Mutter geführt hat, weil er in der Schule (damals war er in der zweiten Klasse) immer problematischer werde. „Da sagt sie also zu mir, schließlich wäre ich ja die Pädagogin, ich hätte schließlich die pädagogische Ausbildung, dann sollte ich das ja wohl wissen. Und wenn ihr Sohn Strafarbeiten verweigere, dann könne sie das nur unterstützen, Strafen lehne sie auch ab, in jeder Form, das hätte sie ihrem Sohn vermittelt, Strafen wären ein pädagogisches Armutszeugnis, und da wäre sie sogar ganz froh, wenn er Rückgrat zeige und keine Strafarbeiten mache.“[9]

Dass Marco schon immer etwas komisch war, bestätigt die einen in ihrer Meinung und regt gleichzeitig die anderen dazu an, sich Vorwürfe zu machen, dass sie nicht schneller gehandelt haben, wie zum Beispiel der Sozialarbeiter der Jugendfreizeitstätte : „Und jetzt denk ich immer: Wenn ich in dem Augenblick anders reagiert hätte – zwei Menschen könnten noch leben.“[10]

Auch grundsätzliche Überlegungen zum Thema Fremdenhass werden getätigt. Der Bürgermeister Friedhelm K. und der Gemeindepastor Hinnerk F. machen sich Gedanken dazu. Während der Bürgermeister versucht, den Vorfall von seiner Stadt getrennt zu sehen, überlegt der Gemeindepastor, was alles anders hätte laufen können, im Kampf gegen den Rassismus.

Kirsten Boie schrieb das Buch unmittelbar nach den Mordanschlägen von Solingen, Hoyerswerda und Mölln. In „Erwachsene reden. Marco hat was getan.“ bleibt die Frage nach der Schuld offen. Marco hat für sich entschieden, dass er keine Schuld an der Sache trägt. Es war Pech – mehr nicht.

Somit bleibt unter anderem Platz für Diskussionen um die Schuldfrage.

6. „Nicht Chicago. Nicht hier.“

„Eine Stadt wie viele andere. Irgendwo hier und heute. Niklas, dreizehn, wird von einem Mitschüler terrorisiert. Ein Motiv ist nicht erkennbar. Zeugen gibt es nicht. Niklas ist verzweifelt. Er weiß nicht, wie er sich zur Wehr setzen soll. »Wir sind doch nicht in Chicago!«, sagt sein Vater und geht zur Polizei. Die Polizei ist ratlos …“[11]

Das Buch handelt von einem Jugendlichen, Niklas, der von dem Neuen in der Klasse, Karl, tyrannisiert wird. Zuerst klaut er eine CD von Niklas Schwester Svenja, dann das CD-Laufwerk seines Vaters Thomas. Und keiner glaubt Niklas, denn Karl lügt wie gedruckt und nie gibt es Beweise für seine Taten. Im Verlauf des Buches wird die Tyrannei immer heftiger – von körperlicher Gewalt bis hin zu bedrohenden Telefonanrufen. Niklas ist dabei auf sich gestellt, da ihm zunächst keiner glaubt – nicht mal seine Eltern. Diese Tatsache macht das Ganze für ihn doppelt schlimm, denn seine Eltern sind, genau wie die Lehrerin der Meinung: „Kein Mensch tut so etwas ohne Grund, da musst du ihm doch zuerst irgendwas…“ [12]

Kirsten Boie hat das Buch in zwei Zeiten geschrieben: der Jetztzeit und einem Rückblick in die Vergangenheit. Die Abschnitte wechseln sich ab und nähern sich zum Ende des Buches hin immer mehr an. Somit wird eine extreme Spannung, aber auch eine schrittweise Aufklärung, erzeugt.

Um die Grausamkeit der Taten ein wenig zu erleuchten, möchte ich an dieser Stelle einige kennzeichnende Textstellen zitieren.

Im folgenden Auszug klaut Karl Niklas das CD-ROM-Laufwerk seines Vaters: „»Leihst du mir?«, sagt Karl, als der PC mit einem leisen Klicken ausgegangen ist. Mit einer Hand fährt er über das CD-ROM-Laufwerk, mit der anderen ist er schon an den Steckern, schraubt, zieht das Kabel heraus. »Nee, Karl, das geht nicht!«, sagt Niklas erschrocken. »Das gehört meinem Vater, und wenn der merkt…« »Albern«, sagt Karl und hat schon das Kabel um das Laufwerk gewickelt.“[13] Einige Zeit später bittet Niklas Karl, ihm das Laufwerk zurückzugeben:„ »Welches Laufwerk?«, sagt Karl. »Wovon redest du?«“[14]

Niklas versucht zunächst vergeblich, Karls Handlungen gegen ihn herunterzuspielen. „Einen Augenblick lang glaubt Niklas, er wird nie wieder sehen können. […] Nur ein bisschen CS-Gas.“[15]

Als Niklas zu einem Treffen mit Karl fährt, steckt im dieser unbemerkt einen Stock zwischen die Speichen seines Fahrrades, so dass er sich überschlägt. Niklas Mutter Karin glaubt ihm dies nicht, nachdem Karl die Tat am Telefon bestreitet: „»Warum hätte dieser Karl das auch tun sollen? Dir auflauern! Das hätte ich mich eigentlich gleich fragen müssen! Das tut doch niemand ohne Grund! Hier ist doch nicht Chicago!«“[16]

Beim Fahrradsturz hat Niklas sein Quix verloren. Karls Freund Rocky hat dieses angeblich gefunden und verabredet ein treffen mit Niklas, bei welchem Karl, ohne dass Niklas es weiß, auch vor Ort ist. Sie erpressen Niklas und verlangen einen „Finderlohn“ für das Quix. Als Niklas diesen nicht bezahlen will, zertritt Karl das Gerät und verpasst Niklas einen Schlag gegen den Kopf. Die beiden Täter verschwinden – und wieder wird Niklas nicht geglaubt: Rocky, der einzige Zeuge, hält zu Karl.

Die Telefonanrufe betreffen die ganze Familie. Wenn ein Familienmitglied abhebt, wird aufgelegt, wenn Niklas abhebt, ertönen Sprüche wie: „»Na du kleine Ratte?« […] »Zitterst du, wenn du mich hörst? Ich krieg dich, du Wichser, noch einmal petzt du nicht bei deinen Alten, sonst wollen die dich nicht mal mehr als Hundefutter, ist das klar? Ich bin Karl, und Karl ist Gott…«“[17]

Niklas Erfahrungen liest man kopfschüttelnd und geschockt, da man weiß, dass dies leider keine erfundene Geschichte, sondern eine der Realität abgeschaute Angelegenheit ist. Etwas schade finde ich, dass den Lesern dieses Buches die Ansicht vermittelt wird, dass sie keine Hilfe zu erwarten haben, sei es von den Lehrern, den eigenen Eltern oder sogar der Polizei. Sicher bietet aber auch dieses Buch genug Raum für Gespräche und Lösungsmöglichkeiten.

7. Die Bücher im Unterricht

Immer mehr Kinder in Deutschland lernen leider die Themen Rassismus und Gewalt am eigenen Körper oder in ihrem näheren Umfeld kennen. Oft wissen sie nicht, wie sie zu handeln haben, mit wem sie sprechen können, ja sogar nicht einmal, was falsch und was richtig ist. Kinder in sozialen Brennpunkten können häufig nicht auf die Unterstützung durch ihre Familie hoffen, dort, wo es eigentlich am nötigsten wäre.

Doch auch in Gebieten, wo man verbale und körperliche Gewalt und Rechtsextremismus tatsächlich nicht erwartet, tritt das Problem immer häufiger auf.

Nun ist es an der Schule, über Themen wie diese aufzuklären und mit den Kindern und Jugendlichen Lösungsmöglichkeiten durchzusprechen.

Wichtig ist es, dass den Jugendlichen hier keine Moral aufgezwungen wird, denn dies trifft häufig auf Ablehnung und erzeugt das Gegenteil dessen, was man eigentlich erreichen möchte.

Vielmehr sollen autonom Lösungen herausgefiltert und Meinungen gebildet werden, die die Kinder und Jugendlichen anschließend, und noch lange Zeit später begründen und eigenständig vertreten werden.

7.1 „Erwachsene reden. Marco hat was getan.“ im Unterricht

Da der Leser in dieser Geschichte die Rolle eines fiktiven, distanzierten Reporters übernimmt, hat er die Möglichkeit sich unvoreingenommen und rational mit dem Ursachengeflecht auseinanderzusetzen. Dem bereits geschilderten Anspruch, dass Jugendliche sich ihr Urteil selbständig bilden sollen, wird Kirsten Boie als Autorin hier allemal gerecht.

Auf Grund der Bedeutsamkeit der Thematik und Problematik ist es im Unterricht sicher von Vorteil in Projektgruppen zu arbeiten. So kann der Lehrer oder die Lehrerin einzelne Gruppen individueller betreuen. Außerdem kommt in dieser Form meist eine regere Diskussion innerhalb der Gruppen in Gang.

Im Unterricht kann die Rolle der Schüler und Schülerinnen als Autor bzw. Autorin dazu genutzt werden, dass weitere Interviews mit anderen Personen geführt werden, oder eine Reportage über die Tat und den Tathergang geschrieben werden soll. Auch eine Gerichtsverhandlung zum Thema Schuld oder Mitschuld in diesem Fall könnte inszeniert werden.

Im Folgenden möchte ich einige konkretere Unterrichtsbeispiele zur Lektüre von „Erwachsene reden. Marco hat was getan.“ innerhalb der Klassen 8-11 einbringen.

Als erste Möglichkeit kann man den Schülern den Arbeitsauftrag geben, je ein Persönlichkeitsprofil der sich äußernden Personen im Buch zu erstellen und diese abschließend vorzustellen. Als Form kann hierbei sehr gut das Interview angewendet werden, in welchem jeweils zwei Kinder (Interviewer und sich äußernde Person) Aussagen der Person erfragen bzw. nennen. Die beiden Schüler sollen dieses Interview am Ende der Projektarbeit dann szenisch vor der Klasse darstellen.

Ein Beispiel:

R. = Reporter; N = Nachbarjunge

R.: Kanntest du Marco gut?

N.: Naja, gut ist zuviel gesagt, als wir klein waren, haben wir ab und zu zusammen gespielt. Aber der war mit immer schon zu blöd. Hat immer Scheiße gebaut, für die ich dann Ärger kassiert habe.

R.: Was denn zum Beispiel?

N.: Also der hat mir oft was am Fahrrad kaputt gemacht und dauernd gestänkert.

R.: Haben sich die Eltern nicht um ihn gekümmert? Oder was denkst du warum Marco so war?

N.: Doch, der war total verwöhnt, hat immer alles gekriegt, was er wollte. Computerspiele, CD’s, Klamotten. Ich musste bis Weihnachten warten, der brauchte bloß lange genug rumzuschreien [sic] , schon ist seine Mutter losgerannt und hat es ihm gekauft.

R.: Bist du mit ihm in die gleiche Schule gegangen?

N.: Ja, aber nur bis zur 6. Klasse. Dann ist er von der Schule geflogen, weil er nicht mitkam. Wir waren alle froh, als er endlich weg war.“[18]

Aufgabe der Klasse ist es nun, anschließend die Kernaussagen auf einer Art Wandzeitung zusammenzufassen.

Die zweite Möglichkeit könnte ein Hinzuziehen der Personen sein, die im Buch nicht zu Wort kommen durften, wie zum Beispiel Marco selbst, seine Eltern etc.

Es sollen die „Schlüsselerlebnisse“ Marcos, welche zur Tat geführt haben (die Fünf in der Klassenarbeit, das Gespräch mit dem Tankwart und sein Rauswurf aus der Jugendfreizeitstätte) aus der Sicht der jeweiligen Person als innerer Monolog, Dialog oder als Interview dargestellt werden.

Das Ziel der Aufgabe ist es, dass die Schüler und Schülerinnen sich der Gefühlswelt der verwickelten Personen bewusst werden und diese zu Wort bringen. Außer den oben genannten Formen des Gesprächs (Mono- bzw. Dialog und Interview), kann die innere Gefühlwelt auch in einem Brief einer im Buch genannten Person an Marco, oder ein Gespräch mit Marco einige Jahre später sein.

Ein Verfassen eines Zeitungsartikels kann als dritte Variante eingesetzt werden. Hierbei sollen die Schüler und Schülerinnen der Klasse im Vorfeld unterschiedliche Artikel zu verschiedenen Themen heraussuchen, und diese auf typologische Merkmale hin untersuchen. Anschließend sollen sie Marcos Tat auf verschiedene Art und Weise in einem Artikel darstellen („ sachlich berichtend […] sensationell aufreizend[19] “).

Im gesamten Klassenverband soll nun in einer vierten Unterrichtseinheit eine Gerichtsverhandlung mitsamt ihrer Besetzung (Verteidiger, Richter, Schöffen, Zeugen und dem Angeklagten (Marco)) inszeniert und geplant werden. Hierzu ist im Vorfeld eine Klärung dessen, was eine Gerichtsverhandlung beabsichtigt und welche Aufgabe ihre „Teilnehmer“ haben, unumgänglich. Ziel soll es sein, dass möglichst viele Schüler und Schülerinnen der Klasse die Schuldfrage zu klären versuchen. Die einzelnen Personen, die an der Gerichtsverhandlung teilnehmen, müssen sich ihrer Aufgabe bewusst werden, und sie so gut es geht vertreten. Die Zeugen, welche schon im Buch Position beziehen, müssen sich förmlich mit der Person identifizieren, um sie glaubhaft und für den „Prozess“ förderlich einzusetzen. Hier ist unter anderem die Empathiefähigkeit der Kinder und Jugendlichen gefragt.

Um das Thema im Allgemeinen zur Aussprache zu bringen, kann der Lehrer die Schüler dazu auffordern eine Gesprächsrunde zum Problem „Rechtsradikalismus und Gewalt“ durchzuführen. Schon im Vorhinein sind Regeln und Rollen in einem Streitgespräch durchzusprechen und auf Papier zu bringen.

Diese Rollen und Regeln sollten, für alle sichtbar, auf einem Plakat festgehalten und im Klassenraum aufgehängt werden.

Außerdem sollten schon vorher „Pros“ und „Contras“ durchgesprochen und deren zugehörige Rollen verteilt werden.

Die Schülerinnen und Schüler lernen so, Rollen einzunehmen und ihre Position zu vertreten. Wichtig, ist, dass das Gespräch mit einer gewissen Distanz betrachtet und durchgeführt wird und anschließende Gespräche darüber folgen.

7.2 „Nicht Chicago. Nicht hier.“ im Unterricht

Kirsten Boies Roman „Nicht Chicago. Nicht hier.“ hat eine hohe didaktische Bedeutsamkeit. Kinder und Jugendliche machen mit den im Buch geschilderten Formen von Gewalt nicht nur in der Alltags-, sondern vor allem in der Medienwelt, immer mehr Erfahrungen. Nicht nur die Bandbreite der Gewalttaten, auch die der Gefühle ist enorm. Der Leser erlebt an Niklas Beispiel Schock, Ohnmacht, Verblüffung und viele andere Formen von Gefühlen. Dieses Vorstellungsvermögen dessen, was Niklas fühlt, erweckt in den Heranwachsenden einen Wunsch, über das Gelesene zu sprechen und zu reflektieren. Viele Fragen werden während des Lesens wach.

Zwar bieten sich wie so oft bei der Lektüre eines Buches mehrere Arten des Lesens an, doch erachte ich es in diesem Fall als besser, wenn teilweise im Klassenverband und teilweise zu Hause gelesen wird, da doch einige belastende Situationen im Text zu finden sind, und so außerdem das Textverständnis erleichtert wird.

Das Buch beginnt mit einem ziemlich heftigen Monolog:

„Ich mach ihn tot.

Ich bring ihn um, ich schwör, ich mach ihn tot, ich tret ihm so die Fresse ein, dass er niemals mehr…

Ich mach ihn tot.

Ich bring ihn um, ich schwör.“[20]

Als Einstieg in das Buch bietet es sich an, diesen Monolog zur Sprache zu bringen. Die Schülerinnen und Schüler sollen überlegen, wer in welcher Situation so etwas sagt. Hiermit wird eine gewisse Spannung erzeugt – die Kinder und Jugendlichen erwarten etwas.

Auch bei der Lektüre dieses Buches kann eine Wandzeitung erstellt werden, die im Verlauf des Buches immer weiter ausgebaut wird. Hierfür bieten sich Collagen an, Steckbriefe, Grafiken etc.

Eine weitere Aufgabenstellung könnte sein, die beiden, bereits geschilderten Handlungsebenen unter bestimmten Gesichtspunkten zusammenzufassen. So entwickelt sich auf der ersten Ebene die Beziehung und das Drama zwischen Niklas und Karl, auf der zweiten Ebene wird die Reaktion der Erwachsenenwelt im Buch auf das Geschehene dargestellt.

Sicherlich sehr interessant wäre es, von Karl ein Täterprofil bzw. von Niklas ein Opferprofil zu erstellen. Die Schüler und Schülerinnen sollten hierfür wichtige Informationen, welche im Buch über Karl bzw. Niklas preisgegeben werden, zusammenfassen. So können die Jugendlichen bei Karl seine Taten und Vertuschungstaktiken und bei Niklas seine Reaktionen auf sein Umfeld, seine extremen Gefühlslagen, gefundene Gründe für sein verhalten etc. hinzuziehen. Hieraus lassen sich Annahmen über die Anlässe des Verhaltens der beiden ableiten.

In einer weiteren Unterrichtseinheit kann der Lehrer bzw. die Lehrerin der Klasse die Frage stellen, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Die Schüler und Schülerinnen sollen Gründe zusammentragen, die sie im Verhalten bzw. des Verhaltens der im Buch genannten Personen finden. Sie sollen Zeitpunkte im Buch finden, an denen man die Geschichte hätte wenden könne, an denen die betroffenen Personen sich anders hätten verhalten können bzw. müssen.

Auch grundsätzliche Fragen können aufgeworfen werden: Was hätte Niklas von vorneherein anders machen können? Gibt es am Ende der Geschichte überhaupt noch Möglichkeiten zur Lösung des Ganzen?

Hier bietet es sich an, andere Handlungsverläufe zu entwerfen, wie zum Beispiel: „Niklas widersetzt sich von Beginn an.“ Die verschiedenen Möglichkeiten alternativer Verläufe sollten im Klassenverband gesammelt werden.

Um verschiedene Schreibanlässen zu bieten, können die Schüler einen Brief an Niklas oder seine Familie schreiben und ihn bzw. sie beraten. Außerdem ist es immer spannend für Schüler, ein Kapitel oder die gesamte Geschichte weiter zu schreiben. Um auf die innere Gefühlswelt einzugehen, bietet es sich an, ein ausgedachtes Tagebuch von Niklas zu verfassen, welches während der Lektüre geschrieben wird.

Da das Ende ja sehr offen bleibt, und Jugendliche in einem Buch gerne einen Abschluss haben, kann es eine weitere Aufgabenstellung sein, den Brief, welchen Niklas zum Ende der Geschichte her bekommt, über dessen Inhalt man aber nichts erfährt, aufzusetzen.

Auch szenische Darstellungen und weitergehende Gespräche zwischen den Personen im Buch finden eine große Resonanz bei den Schülern und fordern ihre Empathiefähigkeit. Hier sind vielerlei Variationen möglich, für die die Schülerinnen und Schüler sich entscheiden. Die einzelnen Situationen sollten abschließend vorgeführt werden. Ein anschließendes reflektierendes Gespräch ist unumgänglich. Eine weitere Möglichkeit, die Gefühlslage der Handelnden darzustellen, ist es, Fotos der Schüler zu machen und so Standbilder zu erzeugen, auf denen sie kennzeichnenden Mimiken und Gestiken in der jeweiligen Situation des Buches annehmen.

Wie schon zu Beginn dieses Kapitels als Einstieg gewählt, kann die Lehrkraft kennzeichnende Zitate aus dem Buch „in den Raum werfen“ und daraus Schreibanlässe oder Gesprächsimpulse ableiten.

Egal, welche Formen der Aufgabenstellung die Lehrkraft wählt, es sollte immer bedacht werden, dass den Schülern keine Meinung oder Lösungsmöglichkeit aufgedrängt wird, sondern dass sie genügend Spielraum für eigene Resultate bekommen.

8. Fazit

Zusammenfassend möchte ich nun noch einmal die Dringlichkeit des Themas erwähnen. Jugendliche werden in der heutigen Welt immer wieder alleine vor immer größer werdende Probleme gestellt, welche sie allein nicht bewältigen können. Gewalttaten geschehen häufig, ohne, dass jemand im nahen Umfeld etwas davon mitbekommt. Viele trauen sich nicht, darüber zu sprechen.

Gerade deshalb ist es Aufgabe der Schule, über solche Problematiken aufzuklären – Lösungsmöglichkeiten durchzusprechen. Eine Schule soll den Kindern und Jugendlichen eröffnen, dass es immer (irgendwie) einen Ausweg gibt.

Die beiden Bücher von Kirsten Boie zeigen auf verschiedene Art und Weise, wie man sich dem Thema nähern kann. Sie bieten viele Gesprächsanlässe und können so den Jugendlichen ihre Scheu, darüber zu reden, nehmen.

Natürlich sollte man Kinder oder Jugendliche mit der Lektüre eines derart nachdenklich - machenden Buches nicht allein lassen. Begleitet werden muss es durch stete Aufgabenstellungen im Unterricht zum Thema, Gesprächen darüber und dem Finden von Lösungsmöglichkeiten.

Literatur

Primärliteratur:

Boie, K.: Erwachsene reden. Marco hat was getan. Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger. 1994.

Boie, K.: Nicht Chicago. Nicht hier. Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger. 1999.

Sekundärliteratur:

Daubert, H.: Von der moralisierenden Beispielgeschichte zur sozialen Fallstudie: „Themenbücher“ über Fremdenfeindlichkeit und Gewalt aus didaktischer Sicht. In: Cromme, G.; Lange, G. (Hrsg.): Kinder- und Jugendliteratur. Lesen – Verstehen – Vermitteln. Didaktik der Kinder- und Jugendliteratur. Band 1. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren. 2001.

Daubert, H.: Lehrertaschenbuch 18. Lesen in der Schule mit dtv junior. Gewalt, Mobbing und Zivilcourage. Unterrichtsvorschläge für die Klassen 5-11. München: Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG. 2002.

Gansel, C.: Moderne Kinder- und Jugendliteratur – Ein Praxishandbuch für den Unterricht. Berlin: Cornelsen Scriptor. 1999.

Internet:

http://www.friedenspaedagogik.de/service/literatur/lit_rechts/rechts_13.htm

http://www.welt.de/daten/2000/09/02/0902lw188711.htx

http://www.sozialinfo.ch/sozialdb/definitionen.htm#R

[...]


[1] Vgl. hierzu: http://www.sozialinfo.ch/sozialdb/definitionen.htm#R

[2] Vgl. hierzu: http://www.sozialinfo.ch/sozialdb/definitionen.htm#R

[3] Vgl. hierzu: Daubert, H.: Von der moralisierenden Beispielgeschichte zur sozialpsychologischen Fallstudie. Themenbücher über Fremdenfeindlichkeit und Gewalt aus didaktischer Sicht. In: Cromme, G.; Lange, G. (Hrsg.): Kinder- und Jugendliteratur. Lesen – Verstehen – Vermitteln. Didaktik der Kinder- und Jugendliteratur. Band 1. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren. 2001. S. 105

[4] Vgl. hierzu: http://www.welt.de/daten/2000/09/02/0902lw188711.htx

[5] Vgl. hierzu: http://www.welt.de/daten/2000/09/02/0902lw188711.htx

[6] Vgl. hierzu: Boie, K.: Erwachsene reden. Marco hat was getan. Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger. 1994. Buchrücken

[7] Vgl. hierzu: Boie, K.: Erwachsene reden. Marco hat was getan. Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger. 1994. S. 23.

[8] Vgl. hierzu: Boie, K.: Erwachsene reden. Marco hat was getan. Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger. 1994. S. 60 f..

[9] Vgl. hierzu: Boie, K.: Erwachsene reden. Marco hat was getan. Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger. 1994. S. 36.

[10] Vgl. hierzu: Boie, K.: Erwachsene reden. Marco hat was getan. Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger. 1994. S. 98.

[11] Vgl. hierzu: Boie, K.: Nicht Chicago. Nicht hier. Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger. 1999. Buchrücken

[12] Vgl. hierzu: Boie, K.: Nicht Chicago. Nicht hier. Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger. 1999. S. 61

[13] Vgl. hierzu: Boie, K.: Nicht Chicago. Nicht hier. Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger. 1999. S. 31 f.

[14] Vgl. hierzu: Boie, K.: Nicht Chicago. Nicht hier. Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger. 1999. S. 34

[15] Vgl. hierzu: Boie, K.: Nicht Chicago. Nicht hier. Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger. 1999. S. 40

[16] Vgl. hierzu: Boie, K.: Nicht Chicago. Nicht hier. Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger. 1999. S. 56

[17] Vgl. hierzu: Boie, K.: Nicht Chicago. Nicht hier. Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger. 1999. S. 108 f.

[18] Vgl. hierzu: Gansel, C.: Moderne Kinder- und Jugendliteratur – Ein Praxishandbuch für den Unterricht. Berlin: Cornelsen Scriptor. 1999. S. 143

[19] Vgl. hierzu: Gansel, C.: Moderne Kinder- und Jugendliteratur – Ein Praxishandbuch für den Unterricht. Berlin: Cornelsen Scriptor. 1999. S. 145

[20] Vgl. hierzu: Boie, K.: Nicht Chicago. Nicht hier. Hamburg: Verlag Friedrich Oetinger. 1999. S. 5.

25 von 25 Seiten

Details

Titel
Rassismus und Gewalt in der Kinder- und Jugendliteratur
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Veranstaltung
Aktuelle Kinder- und Jugendliteratur
Note
1,5
Autor
Jahr
2005
Seiten
25
Katalognummer
V110223
ISBN (Buch)
9783640112494
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rassismus, Gewalt, Kinder-, Jugendliteratur, Aktuelle
Arbeit zitieren
Katrin Jünemann (Autor), 2005, Rassismus und Gewalt in der Kinder- und Jugendliteratur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110223

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