Die Rhetorische Frage - eine Abgrenzung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
18 Seiten, Note: 2,7

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Inhaltsübersicht / Gliederung

1. Einführung ins Thema und Erläuterung des Erkenntnisinteresses

2. Mögliche Differenzierung des Sprechaktes ‚Fragen’
2.1. Frage typen: Informationsfragen, Prüfungsfragen, Rhetorische Fragen, Monologische Fragen, Pädagogische Fragen
2.2. Frage arten: Entscheidungsfragen, Sachfragen, Alternativfragen, Gegenfragen, Rückfragen, Kontaktsignal (Sprecher)
2.3. Glückensbedingunge n für Fragen (exclusive rhetorischer Fragen)

3. Die rhetorische Frage
3.1. Definition der rhetorischen Frage
3.2. Äußerungsformen rhetorischer Fragen
3.3. Ziele rhetorischer Fragen
3.4. Glückensbedingunge n rhetorischer Fragen

4. Fazit: Abgrenzung der rhetorischen Frage von übrigen Fragetypen sowie von der Aufforderung

Literaturverzeichnis

Erklärung an Eides Statt:

Hiermit erkläre ich, Adrian Hermann Hoos, Matr. Nr. 2513551, geb. am 26.07.1980 in BONN-Duisdorf, die Hausarbeit ‚Der Sprechakt der rhetorischen Frage – eine Abgrenzung’ im Hauptseminar ‚Illokutionäre Sprechakte’ bei Herrn Prof. Dr. Jörg Meibauer (Sommersemester 2004), abgegeben am 28.10.2004, eigenständig verfaßt und sämtliche verwendeten Quellen wissenschaftlich korrekt angegeben zu haben.

Anmerkung:

Aus prinzipiellen Erwägungen verzichte ich bis zum endgültigen Inkrafttreten der sogenannten ‚reformierten Orthographie’ auf deren Anwendung.

Büttelborn, den 28.10.2004

Adrian H. Hoos

1. Einleitung

‚‚Was macht eine Blondine vor einem Schaufenster?’’ – eine interessante Frage. Wird sie gestellt, muß dies jedoch nicht unbedingt als eine Aufforderung zu einer ernsthaften Antwort verstanden werden; im Gegenteil: eine Antwort würde die folgende Pointe ‚‚Sie klettert darüber!’’ möglicherweise zerstören. Doch auch die richtige – unernste – Antwort (‚‚Sie klettert darüber!’’) würde nicht der Intention des Fragers entsprechen, da der Witz bzw. seine Pointe eben gerade vom Überraschungseffekt des Inhaltes lebt.

Die Frage ‚‚Was macht eine Blondine...?’’ stellt demnach keine Frage im Sinne des klassischen Frageverständnisses dar, welches besagt, der Fragende[1] wolle mit der Frage den Gefragten zu einer Antwort veranlassen, durch welche er sein eigenes Wissen erweitern könne.[2] In unserem Falle – einem Witz – ist ebenso keine ausgesprochene Antwort gewünscht wie in einigen anderen Fällen auch: In jedem Rhetorik-Grundkurs lernen Studierende, durch das eingangsweise Stellen oder das Einschieben themenbezogener (‚‚Was also ist Subduktion?’’) oder provokativer (‚‚Wie wir sehen konnten, war das Mittelalter also auch für Katholiken keine einfache Zeit: Wollen sie dahin wirklich zurück?’’) Fragen könne das Interesse des Plenums geweckt oder das eigene Reflektieren des Gehörten durch die Hörerschaft gefördert werden. Während Ersteres insbesondere in wissenschaftlichen Lehrveranstaltungen häufig nötig erscheint, wird letzteres gerne in politischen Reden eingesetzt.

Hiermit hebt sich die als rhetorisches Mittel vielfältig einsetzbare rhetorische Frage in multipler Weise von allen anderen Fragetypen ab, welche samt und sonders auf die geäußerte Antwort des Gefragten abstellen.

Diese Hausarbeit wird im Folgenden darstellen, welche Fragetypen es gibt und wie sie sich äußern können. Anschließend wird der besondere Fall der rhetorischen Frage näher beleuchtet: Wie kann eine rhetorische Frage geäußert werden? Welche Ziele kann sie verfolgen? – Einige Fälle wurden einleitend bereits geschildert. Und: Welche Voraussetzungen können bestehen, damit rhetorische Fragen ihr(e) Ziel(e) erreichen? All diese Fragen sollen im Rahmen meiner Hausarbeit geklärt werden, um letztlich eine sinnvolle Einordnung der rhetorischen Frage in die Sprechaktsystematik vornehmen zu können. Da die Frage häufig als direktiver Sprechakt angesehen wurde[3] – und somit den Aufforderungen verwandt – soll zudem auch diese Problemstellung für die rhetorische Frage gesondert behandelt werden.

2. Mögliche Differenzierung des Sprechaktes Fragen

2.1. Frage typen: Informationsfragen, Prüfungsfragen, rhetorische Fragen, monologische Fragen, pädagogische Fragen

Fünf Fragetypen sind hierbei zu unterscheiden: Informationsfragen, Prüfungsfragen, Rhetorische Fragen, Monologische Fragen und Pädagogische Fragen. Diese sollen im Folgenden bezüglich ihrer Funktionen kurz differenziert werden, wobei die Rhetorische Frage weitgehend ausgeklammert werden soll, da ihr als Schwerpunkt dieser Hausarbeit im weiteren Verlaufe der Arbeit ein besonderes Augenmerk gewidmet wird.

Ausgegangen wird bei dieser Differenzierung von der These des ‚Common Ground’ von Sprecher und Hörer[4], welche besagt, zu glückender Konversation bedürfe es eines gemeinsam geteilten Wissens hinsichtlich der Proposition. Ein bedeutendes Merkmal des ‚Common Ground’ ist dabei, daß das Wissen nicht nur geteilt wird, sondern die gemeinsame Wissensbasis auch beiden Beteiligten (Hörer und Sprecher[5] ) als solches bewußt ist.

Informationsfragen streben eindeutig nach einem dialogischen Austausch von Wissen. Der Common Ground muß dabei erst hergestellt werden: S erfragt, daß das Wissen von H Common Ground wird: S will von H wissen, ob X. Als Beispiel einer Informationsfrage diene zum Beispiel:

(1) ‚Soll in Hausarbeiten am Deutschen Institut der Universität Mainz mit Fußnoten zitiert werden?’.

Solch eine Frage erfordert eine Antwort, welche das Wissensgefälle zwischen H und S aufhebt.

Anders steht es um pädagogische und monologische Fragen: Ob der Common Ground hier bereits vor der Äußerung von S erreicht war, muß nicht in jedem Falle klar bestimmbar sein. Denn sowohl pädagogische Fragen als auch monologische Fragen dienen dazu, seitens S ein eventuelles Wissensgefälle durch die Frage auszugleichen: Die pädagogische Frage soll H anhalten, sein vorhandenes Wissen (im Sinne des Common Ground) einzusetzen, um die gestellte Frage beantworten zu können. So muß zum Beispiel die Frage

(2) ‚Gibt es ein Viereck, dessen Seiten gleich lang sind?’

Kenntnisse von H über die Beschaffenheit von Vierecken voraussetzen, um sinnvoll gestellt werden zu können. Dieses Wissen über Vierecke ist der Common Ground. Bewußtes Wissen von H über die Existenz von Quadraten ist jedoch nicht notwendig (bei S allerdings schon), kann jedoch durch Nutzen des Common Ground (welches durch die pädagogische Frage initiiert wurde) erlangt werden. Auf diese Weise ermöglicht die pädagogische Frage H die Möglichkeit des eigenständigen Ausgleichs eines Wissensdefizites gegenüber S und somit die Erweiterung des Common Ground.

Die monologische Frage kann dieselbe Wirkung entfalten, dient jedoch – da sie in einem Monolog stattfindet – in der Regel vor allem der aufmerksamkeitssteigernden Einleitung der Information von H. Aus diesem Grund kann sie – legt man die Definition der rhetorischen Frage zugrunde – auch als Variante der rhetorischen Frage aufgefaßt werden.

Prüfungsfragen schließlich verfolgen wieder ein anderes Ziel: Hier will S wissen, ob H bekannt ist, daß X. Erkenntnisinteresse von S ist also, ob X Common Ground ist. Als Beispiel sei hier die Prüfungsfrage genannt:

(3) ‚Warum ist es in den Tropen wärmer als an den Polen?’

Kenntnisse der allgemeinen Zirkulation der Erde und der Energiebilanzen der zu unterscheidenden Regionen etc. auf Seiten des S können hierbei vorausgesetzt werden, H muß hierfür den Beweis jedoch durch eine adäquate Antwort zunächst antreten.

Einsichtig ist hierbei, daß gerade auch die Frage, ob X Common Ground ist oder nicht, sowie die äußeren Umstände bzw. Voraussetzungen des Gespräches Einfluß darauf nehmen, wie eine Frage aufzufassen ist[6]:

Die Frage ‚Warum ist es in den Tropen wärmer als an den Polen?’ kann demnach sowohl eine Informationsfrage (S verfügt hier über kein Wissen, weiß/vermutet jedoch, daß H über Wissen verfügt) als auch eine Prüfungsfrage (S verfügt über Wissen und will erfahren, ob auch H über dieses Wissen verfügt) sein. Eine Entscheidung, als welcher Fragetyp eine Frage aufgefaßt wird, ist daher nicht auf Basis lediglich der Frageform, sondern auch der Frageumstände zu beurteilen[7].

2.2. Fragearten: Entscheidungsfragen, Sachfragen, Alternativfragen, Gegen- fragen, Rückfragen, Kontaktsignal (Sprecher)

Bezüglich der Fragearten sind Entscheidungsfragen, Sachfragen, Alternativfragen, Gegenfragen, Rückfragen sowie Kontaktsignal (Sprecher) zu unterscheiden. Allen diesen Sprechakten ist gemein, daß sie den Hörer festlegen, wenn auch auf unterschiedliche Weise[8]:

Die Entscheidungsfrage stellt einen Sachverhalt infrage. Ihre Standardform ist der Verbalsatz mit finitem Verb an erster Stelle:

(4) ‚Waren Sie am zweiten August in Zürich?’

Antworten auf Entscheidungsfragen sind als Zustimmung, eingeschränkte Zustimmung oder Widerspruch möglich.

Die Sachfrage möchte H veranlassen, eine spezifisch durch den Fragegehalt (Desideratum) bestimmte Information zu erteilen. Antworten auf Sachfragen haben nur in wenigen Fällen Satzform (siehe unten: Antworten a und b). In diesen Fällen wiederholen sie meist einen Teil des Fragesatzes:

(5) ‚Wann waren Sie das letzte Mal in Zürich?’

(a) ‚Ich war das letzte Mal am zweiten August in Zürich.’;

(b) ‚Am zweiten August!’

Die Gegenfrage dient dazu, sich des korrekten Verständnisses der vorhergehenden Frage des Kommunikationspartners (primäre Frage) zu versichern; daher wird ein Teil jener Frage wiederholt:

(6) ‚Waren Sie am zweiten August in Zürich’

(c) ‚Ob ich am zweiten August in Zürich war?’

Während also Entscheidungsfrage und Sachfrage Funktionen hinsichtlich des Kommunikationsinhaltes ausüben, dient die Gegenfrage dem Kommunikationsprozeß als solchem. In einigen Fällen kann die Gegenfrage jedoch auch inhaltliche Funktionen wahrnehmen, wenn sie die Zurückweisung einer primären Frage darstellt:

(7) ‚Wollen sie nach Zürich fahren?’

(d) ‚Ob ich nach Zürich fahren will!’

Die Rückfrage ist der Gegenfrage in ihrer Funktion verwandt: Hiermit will S sich versichern, eine vorhergehende Partneräußerung (keine Frage!) richtig aufgefaßt zu haben. Die Rückfrage kann sich dabei auf den Inhalt der Voräußerung beziehen (propositionale Rückfrage) oder auf deren Illokution (illokutive Rückfrage). Rückfragen haben eine je nach dem Sprechakttyp der primären Äußerung variable Form.

(e) ‚Ich habe Anna gesehen.’

(8) ‚Du hast Anna gesehen?’

stellt demnach eine propositionale Rückfrage dar, während

(f) ‚Hoos bekommt eine fünf in Deutsch.’

(9) ‚Hast Du wirklich gesagt, Hoos bekomme eine fünf in Deutsch?’ sowie

(10) ‚Ich soll hier warten?’

illokutive Rückfragen sind. Gegenfrage und Rückfrage werden häufig ob ihrer nahen Verwandtschaft als Echofragen zusammengefaßt.

Das Kontaktsignal (Sprecher) dient dazu, sich der Aufmerksamkeit der Zuhörerschaft zu versichern:

(11) ‚Da werden sie mir vermutlich zustimmen, nicht wahr?’

Als Reaktion kann häufig ein Hörer-Kontaktsignal erwartet werden, entweder mit Lautäußerungen unterhalb der Sprachstufe oder formelhaft mit

(g) ‚Ja, ja...’, ‚Doch, doch...’ usw.

2.3. Glückensbedingungen für Fragen

Glückensbedingungen sind Bedingungen, unter denen ein Sprechakt den seiner Form entsprechenden Sinn erreichen kann. Für Sprechakte der Fragen können folgende Glückensbedingungen aufgestellt werden[9]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anhand dieser Tabelle läßt sich ersehen, daß Unterschiede der Glückensbedingungen für die einzelnen Fragetypen durchaus bestehen; diese basieren auf deutlichen Unterschieden in den Einleitungsregeln. Klarheit über das Wissensgefälle besteht lediglich bei Informationsfragen: Durch die Frage bekundet S eindeutig, ein Wissensdefizit gegenüber H aufzuweisen. Bei Prüfungsfragen besteht seitens S, welcher hierbei die Antwort kennt, Unklarheit, ob H die Antwort ebenfalls kennt. Sein Erkenntnisinteresse ist nicht inhaltlicher, sondern kommunikativer Natur. Im Falle monologischer Fragen besteht seitens S überhaupt kein Erkenntnisinteresse. Sein Interesse ist die Aufmerksamkeit der H und somit ein einseitiges Kommunikationsinteresse. Ob H Kenntnisse bezüglich des Frageinhaltes besitzt, bleibt unklar, da es für S und somit für den Sprechakt nicht von Belang ist. Bei pädagogischen Fragen besteht ebenfalls wiederum nur begrenzte Klarheit über ein seitens S erwartetes von H überbrückbares Wissensgefälle zwischen S und H. Auch hier ist nicht der Frageinhalt an sich das Erkenntnisinteresse des S, sondern lediglich, ob H in der Lage ist, die Erwartungen kommunikativ (per Antwort) zu erfüllen.

3. Die rhetorische Frage

3.1. Definition der rhetorischen Frage

Nach Meibauer[10] können rhetorische Fragen definiert werden als ‚‚Frage, der kein Informationsbedürfnis zugrunde liegt, sondern eine (indirekte) Behauptung, z.B. ‚Wer will das schon?’ im Sinne von ‚Das will doch keiner!’.’’ Aus der ebenfalls von Meibauer stammenden Definition der rhetorischen Frage als ‚‚eine Behauptung (mit einem bestimmten propositionalen Gehalt)’’[11] läßt sich zudem ableiten, daß eine rhetorische Frage – im Gegensatz zu den oben beschriebenen anderen Fragetypen – nicht auf eine Antwort abzielt.

Lokutiv stellt S demnach zwar eine Frage, deren Antwort er in jedem Falle kennt, illokutiv handelt es sich jedoch nicht um ein Fragen, sondern um ein Behaupten[12]. Sofern diese Differenz zwischen Illokution und Lokution – also zwischen Bedeutungsgehalt und Form – für H klar erkennbar ist, handelt es sich dabei um einen indirekten Sprechakt[13]. Während also Fragen im Sinne der oben erläuterten Fragetypen direkte Sprechakte darstellen, sind rhetorische Fragen indirekte Sprechakte.

3.2. Äußerungsformen rhetorischer Fragen

Rhetorische Fragen können in allen erdenklichen Satzformen der Frage (Interrogativsätze) in Erscheinung treten. So weist Meibauer rhetorische Fragen sowohl in Form von E- und W-Interrogativsatztypen als auch in Form der Alternativfragesätze nach:

(12) ‚Sollten wir nicht auf Ehrenbürger überhaupt verzichten?’; Wen hat die Kriegsgeneration nicht durch ihre endlosen Erzählungen von zugefügtem Leid und fremdverschuldetem Elend genervt?’ sowie

(13) ‚Sollten dies Gedächtnisschwächen einer schönen alten Frau sein oder künstlerische Freiheit des Interviewers?’[14].

Andererseits stellt Meibauer die These auf, rhetorische Fragen stellten auch keinen eigenen Typ der Frage(handlung) dar; ihnen fehle der eigene illokutionäre Witz. Dies zeige sich daran, daß neben der rhetorischen Frage auch rhetorische Aufforderungen sowie rhetorische Behauptungen gebe[15]. Zudem könnten auch rhetorische Fragen Funktionen anderer Fragetypen übernehmen, so z.B. rhetorische Prüfungsfragen[16]. Auch das in der Einleitung gewählte Beispiel

(13) ‚Was also ist Subduktion?’

zeigt die Abgrenzungsschwierigkeiten, in diesem Falle zur monologischen Frage. Denn: Wenn als eines der Merkmale der rhetorischen Frage der Verzicht auf die Antwortnotwendigkeit zum Erfolg des Sprechaktes angesehen wird, stellt eine solche Frage stets eine monologische Frage dar. Dies jedoch ist ebenso für andere Sprechakttypen möglich. Zudem wird die rhetorische Frage von Meibauer selbst als ‚indirekte Aufforderung’ definiert. Daher werden hier nun die rhetorischen Sprechakte der rhetorischen Frage, rhetorischen Aufforderung und rhetorischen Behauptung als eine illokutive Einheit betrachtet, zumal die rhetorische Frage – wie oben beschrieben – selbst als eine ‚indirekte Aufforderung’ definiert ist.

Betrachtet man die Frageform, so kann die rhetorische Frage als Entscheidungsfrage oder unter Umständen als Rückfrage (‚Wollen Sie dahin wirklich zurück?’) auftreten[17]. Als Entgegnung auf eine vorhergehende Frage ist sie in der Regel nicht geeignet, ebenso wenig als Sachfrage (was sich bereits daraus ergibt, daß die rhetorische Frage kein Erkenntnisinteresse des S widerspiegelt).

3.3. Ziele rhetorischer Fragen

Rhetorische Fragen zielen – wie bereits festgestellt werden konnte – nicht darauf ab, H zu einer Antwort an S zu veranlassen. Welche Ziele können sie sonst erfüllen? Offenkundig zielen auch rhetorische Fragen darauf ab, H zu einer spezifischen Handlung zu veranlassen. Diese ist jedoch keine physisch manifestierte, sondern eine geistige Handlung:

Sämtliche rhetorischen Sprechakte, welche sich identifizieren lassen – dies gilt ebenso für rhetorische Behauptungen und Aufforderungen – zielen darauf ab, H zum Nachdenken über eine bekannte Proposition zu bewegen. Dies bedeutet eine Einflußnahme auf die Wertung des damit verbundenen Bedeutungsgehaltes.

Dies kann an einigen Beispielen veranschaulicht werden: Das Beispiel aus der Einleitung (– ein Witz –)

(14) ‚Was macht eine Blondine vor einem Schaufenster?’

genügt dabei der Definition der rhetorischen Frage insoweit, als daß auch hier keine Antwort erwartet bzw. diese durch S selbst gegeben wird:

(h) ‚Sie klettert darüber.’

Doch auch hier soll – über den Weg des Witzes – Meinung transportiert werden im Sinne der Tradierung des Bildes der ‚dummen Blonden’.

Das Beispiel

(15) ‚Was also ist Subduktion?’

– die Schwierigkeit der Abgrenzung hin zur monologischen Frage wurde bereits geschildert – weist ebenfalls das Merkmal auf, keine Antwort von zu erfordern, da S ohnehin vorhat, diese selbst direkt anzuschließen. Lokutiv ist diese Frage eine Informationsfrage.

Als solche ist sie jedoch nicht gemeint. Ihre Illokution ist vielmehr die eines Aufmerksamkeitserregers, ähnlich der des Kontaktsignals (Sprecher). Hier handelt es sich demnach ebenfalls um einen indirekten Sprechakt.

Das Beispiel

(16) ‚Auch das Mittelalter war keine einfache Zeit – Wollen Sie dahin wirklich zurück?’

stellt den klassischen und offensichtlichsten Fall einer rhetorischen Frage dar. Hier wird in einem eindeutigen Kontext eine Frage formuliert, die im Sinne des S keine Antwort des H erfordert. Es liegt somit kein Informationsbedürfnis zugrunde, sondern eine indirekte Behauptung (‚niemand will in diese Zeit zurück’). Diese wird gestützt durch den gegebenen Kontext (‚Auch das Mittelalter war keine einfache Zeit’).

3.4. Glückensbedingungen rhetorischer Fragen

Die Glückensbedingungen anderer Fragetypen wurden bereits in Kapitel 2.3. ausführlich erläutert. Im Folgenden sollen nun die Glückensbedingungen[18] rhetorischer Fragen und von Aufforderungen geschildert und vergleichend analysiert werden. Dies geschieht vor allem vor dem Hintergrund, daß rhetorische Fragen als indirekte Aufforderungen definiert werden und Fragen von einigen Autoren ohnehin mit zu den direktiven Sprechakten gezählt werden.

Bei Betrachtung der untenstehenden Tabelle 2 fällt auf, daß tatsächlich eine weitgehende Übereinstimmung zwischen rhetorischer Frage und Aufforderung besteht. Auch hier ist eine künftige Handlung des H im Sinne des S das Ziel, wenn auch im Falle der rhetorischen Frage nicht auf offenkundige Handlungen (physischer Art), sondern auf einen eventuellen Sinneswandel in bezug auf ein Problem P.

Genaugenommen ist – und dies ist das Äquivalent in der wesentlichen Regel – das Ziel der rhetorischen Frage die Beeinflussung der künftigen Informationsverwertung bereits vorhandener Informationen, während die Aufforderung das künftige äußerliche Verhalten des H betrifft. Bedeutsam ist dabei die Rolle des Common Ground für die rhetorische Frage: Hier soll nicht neue inhaltliche Information geboten werden, sondern lediglich eine Information über die Informationsverwertung. Das bedeutet, daß – jedenfalls zum Zeitpunkt der rhetorischen Frage – kein erhebliches Wissensdefizit auf Seiten des H bestehen darf, um die rhetorische Frage NACH-VOLLZIEHEN zu können. Äquivalent hierzu ist die Glückensbedingung der Aufforderung, daß H in der Lage ist, das von ihm Erwartete zu VOLLZIEHEN. Hinzu treten noch Bedingungen, die sich aus dem Wesen der rhetorischen Frage ergeben, keine Antwort zu erwarten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Insofern kann auch davon gesprochen werden, die rhetorische Frage sei ein direktiver Sprechakt: Als direktes Äquivalent zur Aufforderung kann sie als Festlegung des H verstanden werden, sich im Sinne des S mit einer Problemstellung zu befassen. Auch wenn den propositionalen Gehalt der rhetorischen Frage etwas Vergangenes (Mittelalter; Beispiel 16) ausmacht, so bleibt sie doch stets auf eine Beantwortung der Frage in der und für die Zukunft festgelegt.

4. Fazit: Abgrenzung der rhetorischen Frage von übrigen Fragetypen sowie von der Aufforderung

Wie im Rahmen dieser Arbeit festgestellt werden mußte, stellt der Bereich ‚rhetorische Frage’ ein außerordentlich umfassendes und komplexes Gebiet der Sprachwissenschaft dar. Die Abgrenzung der rhetorischen Frage bereits gegenüber anderen Fragetypen fällt teilweise sehr schwer. Zudem kann sie neben rhetorischen Aufforderungen und rhetorischen Behauptungen nicht als singuläre Erscheinung rhetorischer Ausdrucksmöglichkeiten gezählt werden.

Dennoch kann zumindest eine illokutionäre Abgrenzung der rhetorischen Frage gegenüber den anderen Fragetypen vorgenommen werden. Die rhetorische Frage ist als einzige Frageform auf die künftige Beurteilung eines bereits bekannten Sachverhaltes ausgerichtet. Der Frager erwartet keinerlei Erkenntnisgewinn aus ihr (wohingegen die Hörerschaft gegebenenfalls neue Informationsverwertungsmöglichkeiten kennenlernt). Auch die Nähe insbesondere der rhetorischen Frage zur Aufforderung konnte nochmals unterstrichen werden, indem aufgezeigt wurde, daß die Glückensbedingungen – davon abgesehen, daß rhetorische Fragen und Aufforderungen eine andere Ebene der Handlung ansprechen – sich annähernd gleichen.

Die Definition der rhetorischen Frage als ‚indirekte Aufforderung’ kann daher auch in dieser Hausarbeit akzeptiert und bestätigt werden. Die Problematik, inwieweit die rhetorische Frage einen eigenen Fragetyp bzw. einen eigenständigen Sprechakt darstellt, kann im begrenzten Rahmen einer wissenschaftlichen Hausarbeit nicht abschließend geklärt werden und muß daher hier offenbleiben.

Literaturverzeichnis

- Engel, Ulrich (1996): Deutsche Grammatik. Heidelberg.
- Kiefer, Ferenc (1988): On the pragmatics of answers. In: Meyer, Michel (Ed.) (1988): Questions and Questioning. Berlin/New York; 255 – 279.
- Krämer, Sybille (2001): Sprache, Sprechakt, Kommunikation. Sprachtheoretische
Positionen des 20. Jahrhuderts. Frankfurt/Main.
- Meibauer, Jörg (2001): Pragmatik. Eine Einführung. Tübingen.
- Meibauer, Jörg (1986): Rhetorische Fragen. Tübingen.
- Searle (1971): Sprechakte. Ein sprachphilosophischer Essay. Frankfurt/Main.
- Truckenbrodt (2003): Die illokutionäre Interpretation der interrogativen Satzformen. Tübingen, erscheint in: Linguistische Berichte.
- Wagner, Klaus R. (2001): Pragmatik der deutschen Sprache. Frankfurt/Main.

[...]


[1] Sämtliche geschlechtsvariablen Nomina in dieser Hausarbeit werden – soweit dies sinnvoll erscheint – in der männlichen Form verwandt. Sie mögen dabei als aufgrund ihrer Funktion, nicht ihres Geschlechtes verwandt, und daher geschlechtsneutral angesehen werden.

[2] Vgl. Engel (1996): Deutsche Grammatik.

[3] Unter anderem bei Searle (1971): Sprechakte. Ein sprachphilosophischer Essay.

[4] Vgl. Truckenbrodt (2003): Die illokutionäre Interpretation der interrogativen Satzformen.

[5] Im weiteren Verlaufe meiner Ausführungen wird ‚S’ für ‚Sprecher’ und ‚H’ für ‚Hörer’ stehen.

[6] Vgl. Kiefer (1988): On the pragmatics of answers; i.V. mit Truckenbrodt (2003): ibd.

[7] Vgl. Krämer, Sybille (2001): Sprache, Sprechakt, Kommunikation. Sprachtheoretische Positionen des 20. Jahrhunderts.

[8] Vgl. Engel (1996).

[9] In Anlehnung an Searle (1971).

[10] Meibauer, Jörg (2001): Pragmatik. Eine Einführung.

[11] Meibauer, Jörg (1986): Rhetorische Fragen.

[12] Vgl. Wagner, Klaus R. (2001): Pragmatik der deutschen Sprache.

[13] Vgl. Krämer, Sybille (2001).

[14] Vgl. Meibauer (2001).

[15] Vgl. Meibauer (1986).

[16] Vgl. Grésillon, Almuth (1980): Zum linguistischen Status rhetorischer Fragen. In: Zeitschrift für germanisti- sche Linguistik 8; 273-289. Das hier gewählte Beispiel zeigt jedoch ebenfalls, daß eine (schlicht umögliche) Antwort also auch gar nicht erwünscht war. Dies widerspricht der Definition der Prüfungsfrage über die Glük- kensbedingungen sowie der Funktion ‚S will wissen, ob H weiß, ob X’.

[17] Vgl. Meibauer (1986).

[18] Nach Searle (1971).

18 von 18 Seiten

Details

Titel
Die Rhetorische Frage - eine Abgrenzung
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Veranstaltung
Illokutionäre Sprechakte
Note
2,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
18
Katalognummer
V110242
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rhetorische, Frage, Abgrenzung, Illokutionäre, Sprechakte
Arbeit zitieren
Adrian Hoos (Autor), 2004, Die Rhetorische Frage - eine Abgrenzung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110242

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