Good Global Governance


Seminararbeit, 2006

54 Seiten, Note: 1


Gratis online lesen

INHALT

EINLEITUNG
AKTUELLER BEZUG 1: DER 4.GIPFEL EU-LAK
AKTUELLER BEZUG 2: DAS BOOT IST VOLL

ZUR DISZIPLIN DER INTERNATIONAL RELATIONS

DIE SUPRASTAATLICHEN INTEGRATIONSPROJEKTE
DER GEISTIGE VATER ALLER IDEALISTISCHEN INTEGRATIONSPROJEKTE?
WO FINDEN SICH INTEGRATIONSVORSTELLUNGEN AUSGEFÜHRT?
DER WEG ZUR KLÄRUNG DER BEGRIFFE UND VORSTELLUNGEN

EINE AUFGEKLÄRTE INTEGRATIONSVORSTELLUNG
DAS TRAKTAT ZUM EWIGEN FRIEDEN
DIE MODERNE: IDEALISMUS UND LIBERALISMUS

INTEGRATIONSPROJEKTE IN DEN BEIDEN AMERIKAS
DIE NORDAMERIKANISCHE INTEGRATION IN DIE VEREINIGTEN STAATEN
DIE BOLIVARISCHE INTEGRATIONSVISION

EXKURS: DER ARIELISMO
DIE SICHTWEISE DES (NEO-)IDEALISMUS
DIE NOTWENDIGKEIT EINER NEUEN HOFFNUNG I
DIE NOTWENDIGKEIT EINER NEUEN HOFFNUNG II
DIE EIGENDYNAMIK DER INTEGRATIONSPROJEKTE
DIE NOTWENDIGKEIT EINER NEUEN HOFFNUNG III

RESÜMEE
GOOD GLOBAL GOVERNANCE
DIE UNSICHTBARE GLOBALE, GLOBAL UNSICHTBARE HERRSCHAFT

ANHANG

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

BIBLIOGRAPHIE

EINLEITUNG

Die vorliegende Untersuchung soll sich (Neo-)Idealistischen Integrationsvorstel- lungen widmen. Es handelt sich dabei um eine Arbeit zu dem politikwissen- schaftlichen Seminar » Suprastaatliche Integration in Lateinamerika und die inter- kontinentale Kooperation mit Europa «, wodurch dieser Arbeit ein klarer Rahmen vorgegeben ist. Die zu analysierenden Integrationsvorstellungen verweisen also auf eine internationale, politische und ökonomische Ebene und nicht etwa – be- ziehungsweise wahrscheinlich nicht – auf die die soziokulturelle und sozioöko- nomische Integration einer sozialen Gruppe in ein größeres soziales Gefüge.

Der erste Teil des Begriffspaars von den (N eo-)Idealist i schen Integrationsvorstel- lungen deutet auf die Disziplin der Internationalen Beziehungen (IB) – bezie- hungsweise International Relations (IR) – und dort auf die in dieser Disziplin be- deutsame Denkschule des Idealismus. Das Präfix Neo wiederum spricht unter- schiedliche Entwicklungsstufen dieser Denkschule an, und es signalisiert, dass es sich beim Neoidealis mus um etwas Aktuelles handelt. Inwieweit das zutrifft, das wird ebenso zu untersuchen sein wie die aus der Denkschule ableitbaren Integra- tionsvorstellungen.

Der zweite Teil des Begriffspaars, die Vorstellungen von Integration, ist interes- santer. Zuallererst geht es nicht um abgesichertes Wissen sondern um Vorstellun- gen. Dann geht es um Integration, das heißt, um die Herstellung einer neuen Einheit oder das wiederum Zusammenwachsen zu einem Ganzen. Hier merkt man gleich, mit dem Begriff Integration kann nie nur nüchtern ein Vorgang oder Ziel gemeint sein, etwas als In tegration zu bezeichnen ist immer auch eine Bewertung.

So steckt in dieser Begriffskonstruktion der Integrationsvorstellung bereits einiges von jenem Drama, welches mit der Disziplin IR verbunden ist: sie bringt nicht nur politische Implikationen mit sich sondern geht politischen Entscheidungen größter Tragweite voraus. Sie ist Anwendungswissenschaft, applied science, mindestes so sehr wie Grundlagenforschung. Sie ist außerdem eine historische Wissenschaft. Und sie gründet dennoch Empfehlungen, Prognosen und Beurteilungen größten- teils auf ahistorische Vorstellungen (metaphysische, anthropologische oder ideal- typische).

Es gibt auch die logische, komplementäre Kehrseite dieses, von mir so bezeich- neten, Dramas: die Argumentationslinien von Seiten der Politik. Sie bedienen sich der Modelle, Beurteilungen und Vorstellungen aus den IR.

AKTUELLER BEZUG 1: DER 4.GIPFEL EU-LAK

Parallel zum politikwissenschaftlichen Uni-Seminar und zu meiner Untersuchung in diesem Rahmen ging der vierte Gipfel EU-Lateinamerika-Karibik in Wien über die Bühne1, flankiert von diversen parallelen2 und Gegenveranstaltungen3; was alles zusammen wiederum Anlass für die thematische Ausrichtung des Seminars gegeben hatte. Eine (journalistische) Beurteilung dieses Gipfels der argentinischen Tageszeitung Pagina/12 habe ich bereits weiter oben dieser Arbeit vorangestellt. Ein anderes Beispiel für eine Argumentationslinie eines gewichtigen political players möchte ich hier im Vorwort noch anschließen. Es entstammt der Presseaussendung der österreichischen Ratspräsidentschaft im direkten Anschluss an den Gipfel:

« Der Präsident der Europäischen Kommission, José Manuel Barroso, erinnerte daran, dass Europa und Zentralamerika durch einen langen gemeinsamen Demokratisierungsprozess verbunden wären. Dieser würde durch das Handels- abkommen weiter vertieft werden. „Schon während der Sitzung haben wir uns auf die nächsten konkreten Schritte für die Verhandlungen einigen können. Das geplante Assoziierungsabkommen ist aber mehr als ein Vertrag über eine Frei- handelszone. Es enthält auch Vereinbarungen über die Bereiche Politik und Entwicklungszusammenarbeit“, so Barroso.

Europa wolle niemandem ein Modell aufzwingen, weder das eigene noch ein anderes. Das Beispiel der Europäischen Union könne jedoch als Vorbild für andere Staaten Lateinamerikas und der Karibik dienen, so Barroso abschlie-

ßend. »4

Es gibt mehrere, größere supranationale Integrationsprojekte, die idealistisch be- ziehungsweise neoidealistisch konstruiert sind; und/oder mit (neo-)idealistischen Vorstellungen verbunden sind und/oder (neo-)idealistisch argumentiert, gerecht- fertigt, beworben, angepriesen, beurteilt werden. Wenn der Kommissions- präsident eines dieser Integrationsprojekte den Staatschefs Zentral- und Latein- amerikas das eigene EU-Modell als Vorbild anpreist, und wenn er dabei das Metathema einer gemeinsamen Geschichte der Befreiung, Demokratisierung und Hinwendung zur Moderne andeutet und das alles mit ökonomischen Wohlstand und Unabhängigkeit gleichsetzt, wenn er also diese idealistische Argumenta- tionslinie bemüht, während es gleichzeitig um Vormachtstellung und Konkurrenz zwischen regionalen Integrationsprojekten geht (zwischen der EU und den unterschiedlichen lateinamerikanischen Integrationsprojekten), dann gibt uns Barroso hier ein ebenso banales austauschbares wie passendes Beispiel: neoidealistischer Vorstellung von Integration.

Wieso dies ein banal austauschbares wie auch passendes Beispiel ist, wird in dieser Untersuchung näher zu erläutern und zu bestimmen sein.

AKTUELLER BEZUG 2: DAS BOOT IST VOLL

Bevor ich diese meine Untersuchung beginne, möchte ich das Vorwort noch für einen weiteren Bezug zu gerade aktuellen politischen Vorgängen nützen.

Aktuell gehen in der österreichischen Innenpolitik die Wogen hoch, weil die Innenministerin 45% der MuslimInnen im Land als integrationsunwillig qualifiziert hat und gleichzeitig allen Integrationsunwilligen bedeutet hat, « Wer sich nicht integrieren will, der hat in Österreich auch nichts zu suchen ».5 Diese Aussagen wurden von der Ministerin, in den besten Gepflogenheiten der Moderne, mit einem wissenschaftlich entstandenen Ergebnis begründet.6 Die wissenschaftliche Studie tut dabei nichts zur Sache, die Argumentationslinie ist dieselbe quer durch die gesamte erste Welt.

In Deutschland, den Niederlanden, Dänemark etc. wird von der politischen Elite das gleiche wording eingesetzt. Spanien baut mit Unterstützung der EU hohe Mauern um die Enklaven in Nordafrika, Flüchtlingslager in Mauretanien und leistungsfähige Früherkennungs- und Abschiebesysteme rund um die Kanarischen Inseln.

In den USA will Präsident Bush 6.000 Angehörige der Nationalgarde an die Südgrenze zu Mexiko schicken und noch mehr Überwachungskameras, Aufklä- rungsdrohnen und Befestigungszäune einsetzen.7 Gleichzeitig sollen nach den massiven Protesten illegaler Ein-wanderer, alle 12 Millionen zu diesem Zeitpunkt in den USA be- findlichen undocumented work- ers and their families perma- nente Aufenthaltsgenehmigun- gen und Chance auf Einbürge- rung erhalten, was die republi- kanische Partei vor eine größere interne Zerreißprobe stellt.8

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

All diese Beispiele und parallelen Entwicklungen scheinen auf ersten Blick kein Thema der Internationalen Beziehungen zu sein. Auf diesen schnellen ersten Blick handelt es sich um eine andere Integration als die zum Beispiel Europäische Integration, die von Nationalstaaten und Volkswirtschaften in ein neues größeres Ganzes. Es handelt sich doch offensichtlich, was etwas anderes ist, um die Integ-ration von Fremden in eine bestehende Gesellschaft (So zumindest eine gängige Formulierung und Sichtweise.).

Diese beiden Phänomene (1) der Integration von Staaten in größere Integrations- gebilde und (2) von Zuwanderern, Flüchtlingen, GastarbeiterInnen, I mmigra ntIn- nen in Staaten haben viel miteinander zu tun. Ich würde behaupten, dass die eine wie die andere Spielform von Integration nicht unabhängig von einander er- klärt werden kann. Es handelt sich wiederum um logische, komplementäre Kehr- seiten einer Medaille und eines Dramas. Dementsprechend werde ich in meiner Untersuchung (neo-)idealistischer Integrationsvorstellungen auch auf dieses Integ- rationsphänomen zu sprechen kommen.

In meiner Conclusio, dem Kapitel « good global governance », werde ich aus der Analyse der historischen Entwicklung idealistischer bis neoidealistischer Integrati- onsvorstellungen vom Beginn der Moderne bis zur aktuellen Gegenwart eine These und vorsichtige Prognose ableiten, und zwar dass das sich abzeichnende nächste Entwicklungsstadium idealistisch begründeter Vorstellungen von Integra- tion eben auf good global governance hinaus laufen wird.

Ich will versuchen, zu umreißen, was diese good global governance ausmachen wird und wie sie – wenn meine These zutreffen sollte – wohl im Weltsystem realistische Anwendung finden sollte.

Und ich werde argumentieren, dass idealistische Begründungen und realistische Anwendungen, dass heißt, Argumentationslinien aus der idealistischen Denk- tradition der Disziplin International Relations und polic ies im Sinne der realisti- schen Denktradit ion, zwei Seiten der gleichen Sache sind und nicht zwei para- digmatische Gegensätze.

ZUR DISZIPLIN DER INTERNATIONAL RELATIONS

Der Themenbereich dieser Arbeit zu (Neo-)Idealistischen Integrationsvorstellungen legt die Beschäftigung mit diversen Disziplinen, Fächern und Theorien mittlerer Reichweite nahe; so etwa mit dem philosophischen Fach der Ideengeschichte, der eigenständigen Disziplin der International Relations (IR), den unterschiedlichen politischen und ökonomischen Integrations-, Interdependenz- und/oder Modernisierungstheorien, vielleicht der transdisziplinären Auseinandersetzung mit Sozialem Wandel, der Politischen Ökonomie oder auch Kulturgeschichte. Die Liste ließe sich noch weiter fortsetzen.

Von all diesen Auseinandersetzungen haben die International Relations eine Sonderstellung. Sie sind in unserer heutigen Welt die Stichwortgeber und Analys- ten der gegenwärtigen Hegemonialmacht in (fast allen) außenpolitischen Be- langen.9 Die policy der USA wird aus dieser Disziplin heraus maßgeblich mit- bestimmt, sie besorgt die grundlegenden außenpolitischen Analysen. IR als wissenschaftliche Disziplin 10 ist in der Grundkonzeption handlungsanweisend gedacht und konzipiert. (Für Europa gilt dies alles bereits nicht mehr in dieser Tragweite und Form.)

Neben dieser Sonderstellung der IR ist diese Disziplin für meine Untersuchung noch aus einem weiteren Grund von besonderer Bedeutung. Dieser Grund liegt in der Fragestellung nach den (Neo-)idealistischen Vorstellungen. Die Idealistische Schule als Widerpart zur Realistischen Schule ist ein Phänomen der Disziplin.

Die Auseinandersetzung mit der Disziplin der International Relations ist nicht voll- kommen neu für mich. Es ist eine Beschäftigung, zu der ich immer wieder zurück- komme. Dabei bleibt meine Perspektive auf die Lehre der IR eine Betrachtung von Außen und eine Auseinandersetzung aus kritischer Distanz. Nach meinem Ver-

ständnis habe ich jeweils Arbeiten über und nicht in International Relations

geschrieben. Die Unterscheidung ist an dieser Stelle relevant. Mein Blick ist wis - senschaftssoziologisch und - historisch geprägt. Ich bin vielmehr (Wissens-)Sozio- loge als Politikwissenschaftler.

DIE SUPRASTAATLICHEN INTEGRATIONSPROJEKTE

Vor wenigen Tagen ist nun der vierte EU-Lateinamerika und Karibik – Gipfel in Wien zu Ende gegangen (vom 11.5. bis 13.5.2006). Die argentinische

« Pagina/12 » (siehe oben) kommentierte das nüchterne Ergebnis damit, das beide Integrationsprojekte gerade in einer schwierigen Phase wären, sowohl das europäische als auch die lateinamerikanischen.

Was sind dies für schwierige Phasen ? Stehen die Integrationsgebilde unserer Zeit vor einer Phase der Desintegration? Funktionieren sie nicht mehr? Müssen sie sich redefinieren, um für die nächste Phase ihre Existenzberechtigungen aufrecht- erhalten zu können?

Es ist wohl eher so, dass die Phase der suprastaatlichen Integrationsräume erst richtig anbricht. Die Entwicklungen der regionalen Integrationseinrichtungen seit dem 2. Weltkrieg deuten in diese Richtung. Die Abgesänge auf den National- staat und das westfälische System bilden seit Jahrzehnten einen stetigen Kanon. Die Integration der Mitgliedstaaten und ihrer Ökonomien in die Europäische Union (EU) ist weit gediehen, steht nichts desto trotz noch am Anfang. Vielmehr gilt dies noch für die verschiedenen Ansätze aus der Zentral- und Lateinamerikanischen Region; MERCOSUR, ALCA oder ALBA11 etc. Das Schei- tern (oder absehbare Scheitern) mancher dieser Gebilde ist kein Gegenindiz, setzt sich doch vielmehr die eine Konstruktion gegen die andere durch und macht sie durch ihr funktionieren obsolet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Grundlage für viele Integrationsprojekte ist im vierten Kondratieffzyklus 12

(1950-1990) gelegt worden. Dieser war freilich noch vom bipolaren System des Mächtegleichgewichts zwischen dem westlichen Block und dem sowjetischen ge- prägt. Mit dem aktuellen fünften Zyklus scheint es so, als würde sich weltweit kaum mehr ein Staat unabhängig von einer Integrationszone platzieren können oder wollen; während gleichzeitig immer seltener Staaten mit Staaten in Verhand- lung treten sondern vielmehr Integrationszonen mit Integrationszonen.13

DER GEISTIGE VATER ALLER IDEALISTISCHEN INTEGRATIONSPROJEKTE?

Wenn wir uns diese Entwicklungen vergegenwärtigen, stellen sich manche Fragen zum Ursprung, zur Basis und zum Beginn dieser Entwicklungen. Eine Erklärungslinie wird dabei bei den Weltkriegen beginnen, in deren Gefolge mit dem Völkerbund und der UNO die zwei umfassenden Integrationsorganisationen gegründet wurden. Diese Erklärungslinie wird jedenfalls mit einem Rückgriff in die Zeit der Aufklärung aufwarten und vor allem auf Immanuel Kants philo- sophischen Entwurf « Zum ewigen Frieden » aus dem Jahre 1795 verweisen.14 Diese Erklärungslinie ist idealisti schen Ursprungs und beruft sich als Basis auf das Traktat von Kant.

Die Konstruktion des Völkerbunds (wie auch die 14. Punkte Woodrow Wilsons und die Installation der wissenschaftlichen Disziplin IR 15), später der Vereinten Nationen (UNO) und schließlich auch der Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS)16 folgen und berufen sich auf diese idealistische Denkschule.17

Können wir daher sagen, die Integration von Staaten in größere Integrations-

gebilde ist eine idealistische Konstruktion? Folgen diese Konstruktionen überhaupt idealistischen Vorstellungen beziehungsweise inwiefern tun sie es und wo nicht? Ist Integration per se und die Europäische Integration im Speziellen der Beweis für die Richtigkeit der idealistischen These, dass eine republikanische Verfassung im Völkerrechtsbereich Frieden, Sicherheit, Wohlstand und individuelle Freiheit bringt?

Diesen und weiteren Fragen möchte ich in der nachfolgenden Untersuchung nachgehen. Dazu wird nicht allein zu klären sein, was Kant und die diversen Nachfolger der idealistischen Denktradition und schließlich neoidealistischen Schule wohl unter Integration verstanden haben mögen. Es wird zusätzlich des jeweiligen historischen Kontexts bedürfen, in dem die Vorstellungen eingebettet sind. Das meint nicht allein die Denktraditionen der Ideengeschichte sondern besonders die unterschiedlichen politischen Erfahrungen.

Ein besonderes Augenmerk möchte ich des Weiteren auf eine Befragung der idealistischen Vorstellungen nach kulturellen Differenzen und Spielräumen widmen. Dies erscheint mir doppelt notwendig. Erstens ist es der Idealismus, der die universell gültigen und mithin kulturunabhängig geltenden Prinzipien, Werte und Normen propagiert.

Zweitens liegt der Fokus des Seminars, in dem diese Arbeit eingebettet ist, auf den beiden Amerikas und dem Verhältnis (den Beziehungen) zu Europa und der Europäischen Union. Dementsprechend werde ich zu guter letzt der Frage nach- gehen, wie idealistische Integrationsvorstellungen lateinamerikanischen Ursprungs aussehen.

WO FINDEN SICH I NTEGRATIONSVORSTELLUNGEN AUSGEFÜHRT?

Eine Quelle für Material bieten die diversen theoretischen Abhandlungen und Erörterungen aus den einschlägigen wissenschaftlichen Arbeitsfeldern. Auf dieses Material werde ich mich weitgehendst beschränken. Andere viel versprechende Quellen wären in diverser legistischer Literatur erster und zweiter Ordnung zu suchen (Vertragswerke, Gesetzestexte und die Fachliteratur über Vertragswerke), in Pressetexten (Reden, Aussendungen, journalistischen Kommentaren etc.) oder in belletristischer Literatur.18

Für die Disziplin der International Relations und die Einbettung und Entwicklung der idealistischen Schule greife ich auf das Standardwerk von Ulrich Menzel

« Zwischen Idealismus und Realismus zurück » (2001) sowie auf die von John Baylis und Steve Smith herausgegebene introduction to international relations

« The Globalization of World Politics » (2001). Auf Richard A. Falk habe ich mich zusätzlich als ausgewiesenen Vertreter des Neoidealismus konzentriert. Schließ- lich gibt es zur Nachwirkung von Kants Traktat vom Ewigen Frieden eine Menge an Sammelbänden aus dem Nahebereich der – eher deutschsprachigen – Inter- nationalen Beziehungen, wobei die einzelnen Beiträge zumeist aus der Friedens- forschung oder Geistesgeschichte entspringen.

Zum engeren Thema Integration habe ich die Fachliteratur zu Integrationstheorien durchforstet. Dabei handelt es sich häufig um Einführungswerke in ökonomische Integrationstheorie. Literatur zur politischen Integration ist deutlich spärlicher gesät und setzt sich in der Hauptsache mit der EU auseinander. Da wie dort dominieren Auseinandersetzungen, die wenig sinnvoll in die Kategorien von idealistischen und realistischen Denkschulen gefasst werden.

Viel versprechender sind da die Modernisie rungs - und Entwicklungstheorien und Literatur zu global gov ernance und/oder good governance wie zum Beispiel ein kleines Bändchen « Corruption and Good Governance » des United Nations Development Programme (UNDP) aus dem Jahre 1997.

Für den Bezug zur lateinamerikanischen Geschichte und Situation hielt ich mich an verschiedene Quellen wie vor allem Raúl Linárez-Ocampo « Die politische Integration Lateinamerikas » (1977), eine Diplomarbeit von Melania Quezada Imbert (1997), eine Dissertation von León Enrique Bieber (1978) und diverse Artikel aus dem world wide web. In besonderem Maße stütze ich mich auf Wolfgang Dietrichs « Periphere Integration und Frieden im Weltsystem » (1998).

Universalhistorisches habe ich teilweise im world wide web (dann meist explizit ausgewiesen) beziehungsweise in den Bänden der Propyläen Weltgeschichte(1964) nachgelesen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

DER WEG ZUR KLÄRUNG DER BEGRIFFE UND VORSTELLUNGEN

In einem ersten Teil werde ich die Grundlagen heutiger Integrationsvorstellungen in der noch jungen Moderne erörtern, gehen doch praktisch alle unser Ismen, Mythen und Metathemen (und Vorstellungen) auf die Aufklärung zurück. Hierbei wird wie oben angedeutet Kants Traktat im Mittelpunkt stehen. Ich bemühe mich aber auch eine frühe Abgrenzung von Idealismus und Liberalismus und um die Frage, wie die europäischen Ideen(?) der Aufklärung in den beiden Amerikas rezipiert wurden.

In einem zweiten Teil stelle ich die Disziplin IR in den Mittelpunkt und damit automatisch auch die Zeit nach dem ersten Weltkrieg bis heute. Es wird um eine Begriffsklärung gehen, was erstens die ide alistische Weltsicht von der realisti- schen Integrationsvorstellung abgrenzt und zweitens, welche Auswirkungen der Schritt vom präfixlosen Idealismus zum Neo -Idealismus für die Vorstellungen von Integration hat.

Schließlich will ich mit den realen Entwicklungen und Problemen der Gegenwart auseinandersetzen: Globalisierung, die flüchtige Moderne und das Problem der Grenze.

[...]


1 Vierter Gipfel der Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union, Lateinamerikas und der Karibik (16.5.2006): http://www.eu2006.at/de/The_Council_Presidency/EU_LAC_Summit_Vienna/index.html

2 Projekt « Rea l2006 » mit einer internationalen Konferenz in Wien im Vorfeld zum 4. EU-LAK-Gipfel (16.5.2006): www.real2006.net

3 « Alternativengipfel Lateinamerika/Karibik und Europa » verschiedener zivilgesellschaftlicher Organisationen aus Europa und Lateinamerika (16.5.2006): http://www.alternativas.at/

4 Homepage zur österreichischen Präsidentschaft der EU; Presseaussendung (13.5.2006): http://www.eu2006.at/de/News/Press_Releases/May/1305CentralAmerica.html

5 Interview der Innenministerin Liese Prokop mit der Tiroler Tageszeitung vom 13.5.2006; Bericht dazu im derstandard.at (16.5.2006): http://derstandard.at/?id=2445751

6 Wobei allerdings die Studie, die zu dem Ergebnis von 45% integrationsunwilligen Muslimen bislang ebenso wenig veröffentlicht wurde wie die – behaupteten – wissenschaftlichen Untersuchungsmethoden. Umgekehrt gibt es bereits einige Indizien dafür, dass die angebliche Studie nicht wissenschaftlichen Stan- dards gefolgt ist, jedenfalls nicht von einem wissenschaftlichen Institut durchgeführt wurde. Für den Modus der öffentlichen politischen Argumentation ist dies allerdings nicht von Belang, folgt dieser doch einem trans- nationalen Muster im gesamten Raum der ersten Welt.

7 Siehe z.B. « Telepolis » (17.5.2006): http://www.heise.de/tp/r4/artikel/22/22677/1.html.

8 Siehe das Online-Nachrichtenmedium « Truth dig » (17.5.2006): http://www.truthdig.com/dig/item/20060228_great_immigration_debate/.

9 Daher verwende ich hier allein den englischen Begriff, die Internationalen Beziehungen (IB) verstehe ich in letzter Konsequenz nicht als synonym mit IR. Mit der Charakterisierung als Analysten und Stichwortgeber will ich in aller Knappheit auf die seit dem ersten Weltkrieg bestehende enge Verbindung zwischen Lehrstühlen der IR und den amerikanischen Administrationen ansprechen sein, ohne diese Geschichte in dieser Arbeit weiter zu thematisieren.

10 IR ist in Amerika science und nicht humanities, nicht Teil der Politikwissenschaft sonder eigenständig bis hin zu eigenen departments à la Fakultäten.

11 Siehe z.B. « Telepolis » (15.5.2006):http://www.heise.de/tp/r4/artikel/20/20555/1.html und http://www.heise.de/tp/r4/artikel/22/22669/1.html.

12 Zu Kondratieffzyklen siehe Dietrich 1998 oder Hörz 2004

13 Was bei dem aktuellen EU-Lateinamerika/Karibik-Gipfel in Wien besonders deutlich wurde. Nicht nur eine VertreterIn der EU hat moniert, dass die EU eigentlich ungern mit Staaten, wenn schon mit Gruppen, am liebsten aber mit Integrationsgebilden direkt verhandeln würde.

14 Kant 1924

15 vgl. Menzel 2001, Kap. I.1 – II.7

16 « 1950 schlug der französische Außenminister Robert Schuman in einer von Jean Monnet inspirierten Rede die Integration der westeuropäischen Kohle- und Stahlindustrie vor. 1951 gründeten Belgien, Deutschland, Luxemburg, Frankreich, Italien und die Niederlande die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS). Die Befugnis, Entscheidungen über die Kohle- und Stahlindustrie in diesen Ländern zu fällen, hatte ein unabhängiges übernationales Gremium, die so genannte "Hohe Behörde". » aus: Geschichte der EU von der offiziellen Homepage der EU (16.5.2006): http://europa.eu/abc/history/index_de.htm.

17 Vgl. exemplarisch für diese Denktradition und Argumentationslinie Reimund Seidelmann: Die Neuordnung des europäischen Sicherheitssystems, in: Dicke/Kodalle (Hg.): Republik und Weltbürgerrecht; Köln1998

18 Indirekt fließt etwas aus den belletristischen Quellen in meine Arbeit ein, nämlich dort, wo ich aus kulturge- schichtlichen Arbeiten schöpfe, die sich etwa mit der Wirkung von Literaten und Intellektuellen wie Ruben Darío (1867-1916), Jose Martí (1853-1895) oder José Enrique Rodó (1871-1917) beschäftigen. Siehe dazu: Kaller-Dietrich 2000 und Ottmar Ette in: Rodó 1994.

54 von 54 Seiten

Details

Titel
Good Global Governance
Hochschule
Universität Wien
Note
1
Autor
Jahr
2006
Seiten
54
Katalognummer
V110325
Dateigröße
1317 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Good, Global, Governance
Arbeit zitieren
Christian Voigt (Autor), 2006, Good Global Governance, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110325

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Good Global Governance



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden