Wenn die Sprache sich nicht festlegt


Ausarbeitung, 2000
8 Seiten

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Wenn die Sprache sich nicht festlegt

"Wir wollen übrigens das Wort nicht verachten. Es ist doch ein mächtiges Instrument, es ist das Mittel, durch das wir einander unsere Gefühle kundgeben, der Weg, auf den anderen Einfluß zu nehmen. Worte können unsagbar wohltun und fürchterliche Verletzungen zufügen" (Freud 1976, S. 214). Was von Siegmund Freud hier so blumig formuliert wurde, kennen wir alle. Worte, die uns angreifen, in den innersten Tiefen verwunden oder wie Öl die Seele hinunterfließen.

Doch wie ist es, wenn wir nicht sicher sind, was wir eigentlich ausdrücken wollen? Wenn wir mit unserem Empfindungen hadern, im Zwiespalt stehen oder - anders ausgedrückt - ambivalent sind? Wie gehen wir im Alltag mit ambivalenten Gefühlen um? Was geschieht bspw., wenn man innerlich mit den Alternativen kämpft, den Verwandten endlich mal zu sagen, daß ihre Geschenke scheußlich sind oder den Trockenstrauß des lieben Friedens willen wieder freudestrahlend entgegenzunehmen? Was geschieht, wenn das Weihnachtsfest naht und wir uns, auch wenn wir uns auf den Besuch bei den Eltern freuen, schon jetzt innerlich davor fürchten, wieder für einige Stunden oder Tage zum kleinen Mädchen gemacht zu werden?

Nichts ist einfacher, als diese Zwiespälte zu vertuschen denken Sie vielleicht. Aber Vorsicht ist geboten! Wer glaubt, mit einem aufgelegten Lächeln solche oder ähnliche Situationen als eindeutig erscheinen zu lassen, irrt. Das aufmerksame Ohr wird unseren inneren Zwiespalt bemerken, die konträr zur Sprache laufende Körperhaltung registrieren. Uns selbst mitunter nicht bewußt, gibt es nämlich durchaus eine Reihe von Nuancen in Sprache und Mimik, die sich vor allem dann einschleichen, wenn wir selbst nicht so genau wissen, was es mit der Situation oder den eigenen Empfindungen auf sich hat.

Ambivalenz ist in zahlreichen Varianten Thema in der Psychologie, Therapie und Persönlichkeitsforschung. So wiesen Fritz B. Simon und Helm Stierlin schon 1984 darauf hin, das Denken und Fühlen zwar häufig zwei sehr eng zusammenwirkende aber dadurch auch oft entgegengesetzte Möglichkeiten darstellen, die Wirklichkeit wahrzunehmen. Die beiden wiesen in zahlreichen Studien eindrücklich nach, daß Gefühle vor allem Leitbilder erfassen, während wir mit dem Denken insbesondere Wechselbeziehungen begreifen. Wie muß ich mir das konkret vorstellen?

Stellen Sie sich vor, Sie sind wieder 16 oder 17 und wollen gerade zu Ihrer Freundin. Es ist ein Treffen, das schon länger verabredet worden ist und sie wollen unbedingt gehen. Ihre Mutter sagt bei der Verabschiedung: "Ja, geh´ Du nur, es macht mir nichts aus, wenn du mich alleine läßt". Hat sich in diese scheinbar eindeutige Aussage nicht gerade ein seltsam anklagender Unterton eingeschlichen? Soll die Verabredung vielleicht doch besser abgesagt werden? Genau an diesem Beispiel läßt sich der Gedanke von Simon und Stierlin sehr plastisch zeigen. Ihr Gefühl wird Ihnen vermitteln, daß Ihre Mutter sich alleingelassen fühlt, nicht zurück bleiben will; Ihr Intellekt dagegen hört, daß Sie gehen können... Es läßt sich definitiv nicht entscheiden, welcher Teil der Gesamtaussage richtig oder falsch, gültig oder ungültig ist. Ferner ist es unmöglich, dieser Situation dadurch zu entkommen, daß man das Feld räumt oder darüber spricht. Eines aber ist ganz sicher: Sie werden hin- und hergerissen sein, keine Entscheidung mit gutem Gewissen treffen und sich den Rest des Abends ambivalent fühlen. Diese "Doppelbindungshypothese" wurde im Zusammenhang mit der Arbeit bei Familien Schizophrener entwickelt (Bateson 1969). Allerdings sind Doppelbindungen nichts Schizophrenie-Spezifisches, sondern treten in vielen Zusammenhängen auf, insbesondere bei humorvollen, kabarettistischen und künstlerischen Aussagen. Sie sind aber zumindest ein Garant dafür, daß sich in kürzester Zeit wenigsten ein Mensch überaus hin- und hergerissen fühlt.

Vor allem die Psychologen haben immer wieder versucht zu ergründen, wie sich gefühlsmäßige Unentschlossenheit in Sprache widerspiegelt. Es wird wiederholt darauf hingewiesen, daß sich Ambivalenzen vor allem in Unsicherheiten, Abbrüchen, Pausen und Füllwörtern manifestierten. Dabei sei der Sprecher stark emotional beteiligt und falle häufig in den eigenen Dialekt zurück. Ruth Wodak hat mittels Analysen von Interviews und Therapiesitzungen darüber hinaus weitere Verhaltensweisen identifizieren können, in denen sich auf der umgangssprachlichen Ebene Ambivalenzen zeigen (Wodak 1975; 1980).

So konnte sie nachweisen, daß vor allem dann emotionale Zerrissenheit gegenwärtig ist, wenn im Gespräch bspw. Haß und Wut mit Schuldgefühlen und Rechtfertigungen wechseln, wenn jemand kurze, unvollendete Sätze von sich gibt, Pausen macht oder Füllwörter wie "ähh", "hmm" oder "tja also" verwendet. Wodak spricht in diesem Zusammenhang auch immer wieder von sogenannten "Sprachpartikeln". Sie meint damit Aussagen wie "Eigentlich nicht" oder "Im Grunde schon". Spätestens jetzt wird einem klar, wie doppeldeutig unsere Alltagssprache ist. Wer hat auf die Frage nach der Arbeit nicht auch schon geantwortet: "Eigentlich mag ich meinen Job" oder bei einem Gespräch über den Partner: "Im Grunde klappt es mit der Aufgabenteilung im Haushalt prima". Tja, eigentlich - und "uneigentlich"?

Aber Wodak hat noch etwas anderes herausgearbeitet: Frauen neigen interessanter Weise sehr viel seltener dazu, durch diese Sprachpartikel ihre Unentschlossenheit sprachlich zu verpacken. Vielmehr verwenden sie eher szenisch erzählende Formen und bringen so ihre Ambivalenz demonstrativ und deutlich zum Ausdruck. Das äußert sich dann bspw. darin, daß - im Idealfall - ein ambivalenter Mann um den heißen Brei herumredet, da er ja "eigentlich" alles "soweit" in Ordnung findet während er etwas bejaht und gleichzeitig den Kopf schüttelt, derweil eine ambivalente Frau zur gleichen Zeit mit den Armen fuchtelt und versucht, ihre gegensätzlichen Gefühle zu formulieren.

Mehrdeutigkeiten waren schon immer Teil des sprachlichen Ausdrucks

Doch auch, wenn es den Begriff "Ambivalenz" erst seit 1911 gibt, die Möglichkeit, zwei sich grundsätzlich ausschließende Sachverhalte sprachlich miteinander scheinbar sinnvoll zu verknüpfen, kannte der Mensch schon lange davor. So sollen Sprichwörter ja bekanntlich "bittere Wahrheiten süß verpacken" und auch im Märchen wird schon seit jeher mit Zwiespältigkeiten gearbeitet - zumindest im weitesten Sinne; oder möchten Sie einen zuvor an die Wand geknallten Frosch heiraten oder als Reh nachts den Bruder retten?

Den Platz der Märchen und Sagen nehmen heute ja vielfach Reden von Politikern ein, denn wer hätte sich nicht schon arg hin- und hergerissen bei politischen Debatten gefühlt? Aber auch der Alltag ist mit zahllosen zwiespältigen Begriffen angefüllt. Erinnern wir uns nur an das "Unwort" (schon allein dieser Begriff ist ja mehr als ambivalent) des Jahres 1998 "negatives Wachstum".

Sich ambivalent zu fühlen, ist aber etwas ganz natürliches. Nicht immer ist die eigene Einstellung schwarz oder weiß, die Situation eindeutig positiv oder negativ. Man oder Frau liebt die Kinder und könnte sie doch manchmal nach Sibirien verbannen. Der Job macht Spaß aber wenn der Wecker um 6°°h in der Früh klingelt, zuckt für einen Augenblick ein kleiner innerer Schweinehund und liebäugelt mit der Krankmeldung - nur dieses eine Mal... Interessant ist aber vor allem, inwieweit wir es in Zukunft in den Griff bekommen, die großen und kleinen Unentschlossenheiten des Alltags bewußt auszudrücken, statt sie mit Hilfe von Halbsätzen zu verpacken.

Literatur

Bateson, Gregory et al. (1969): Schizophrenie und Familie. Frankfurt/Main

Becker-Schmidt, Regina (1980): Widersprüchliche Realität und Ambivalenz: Arbeitserfahrungen von Frauen in Fabrik und Familie. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 33/4, 681-704

Becker-Schmidt, Regina (1993): Ambivalenz und Nachträglichkeit: Perspektiven einer feministischen Biographieforschung. In: Krüger, M.: Was heißt hier eigentlich feministisch? Zur theoretischen Diskussion in den Geistes- und Sozialwissenschaften., Bremen, 80-92

Freud, Siegmund (1976): Die Frage der Laienanalyse.

Simon, Fritz B. und Stierlin, Helm (1984): Die Sprache der Familientherapie. Ein Vokabular. Stuttgart

Wodak, Ruth (1975): Die Kategorie der ´Sprechsituation´: Zur soziolinguistischen Theorienbildung. Grazer Linguistische Studien 1: 142-150

Wodak, Ruth (1980): Wie sage ich mein Problem? Die Problemdarstellung in Therapie und Interview. Wiener Linguistische Gazette 22/23, 99-124

Begriffsgeschichte

Was ist das überhaupt: Ambivalenz? Der Begriff selbst kommt aus der psychoanalytisch orientierten Psychologie. Der Anthropologe Eugen Bleuler führte ihn 1911 zum ersten Mal im Rahmen einer Arbeit über Schizophrenie ein. Doch anders als im alltäglichen Sprachgebrauch verwendete Bleuler den Begriff, um einen nicht auflösbaren inneren Konflikt von "Richtig" und "Falsch", gesunder und kranker Wesensseite zu beschreiben. Wenn im Alltag von dem Gefühl der Ambivalenz oder des inneren Zwiespalts gesprochen wird, geht es aber weniger um "Richtig" oder "Falsch" als vielmehr um Unsicherheiten, sich festzulegen, zu entscheiden.

Nach Bleuler griff Freud das Konzept auf und verwendete es unter anderem zur Beschreibung der Eltern-Kind-Beziehung. Doch die Psychologen blieben nicht die einzigen, die am Konzept der Ambivalenz Gefallen fanden. Mitte der 60er Jahre versuchten auch die Soziologen, die Überlegungen für die Rollen- und Organisationsanalyse nutzbar zu machen. Und wiederum 30 Jahre später hielt das Konzept der Ambivalenz Einzug in den Feminismus indem versucht wurde, die ambivalenten Strukturen der Kategorie "Geschlecht" zu ergründen (Becker-Schmidt 1980,1993).

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Details

Titel
Wenn die Sprache sich nicht festlegt
Hochschule
Universität Konstanz
Autor
Jahr
2000
Seiten
8
Katalognummer
V110344
Dateigröße
398 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Universität war nur mein Arbeitgeber. Der Artikel erschien in der Schweiz bei: NORA. Die Frau in Leben und Arbeit. 2/00, 8-9
Schlagworte
Wenn, Sprache
Arbeit zitieren
Dr. Sabrina Böhmer (Autor), 2000, Wenn die Sprache sich nicht festlegt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110344

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