Herausforderungen einer sich neu formierenden Weltgesellschaft - Politiksoziologische Hinweise auf einen postkapitalistischen Entwicklungspfad


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2006

21 Seiten


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Herausforderungen einer sich neu formierenden Weltgesellschaft“

Politiksoziologische Hinweise auf einen postkapitalistischen Entwicklungspfad

Dr. W.-Ruth Albrecht

Wenn die Menschheit eine Zukunft haben soll,

kann der Kapitalismus der Krisenjahrzehnte keine haben.“

(Eric J. Hobsbowm)

I.

Ob heutige Kunst Weltkunst oder wenigstens Weltkultur ist und zu dem gehören wird, was Weltkulturerbe sein soll, kann die Autorin ebensowenig wissen wie was Weltgesellschaft sein soll und ist oder sein und werden könnte. Dabei muß es nicht nur „Sehnsucht nach Weltkultur“ (Reinhold Grether) geben. Sondern auch Weltkultur selbst entsprechend ihrer festen Einrichtung („Institutionalisierung“) als „Welt(kultur)erbe“. Auch Weltwirtschaft gibt es wie Weltökonomie mit ihren Referenten wie dem vorvorvorletzten deutschen Bundeskanzler, ebenso wie früher Universalhistorie genannte Weltgeschichte. Auch sozialwissenschaftlich gibt es bisher weder eine Weltgesellschaft, auch nicht als „ world society ebensowenig wie eine Globalgesellschaft als „ global society “. Auch die unterliegende Leitkategorie „ Globalisierung “ mit ihrer im Subtext ausgedrückten Botschaft „ Globalismus “ wird in der aktuellen „Encyplopaedia Britannica“ (CD-Rom Edition, ²2004) im Rückverweis auf „Weltkultur“ nur vage umschrieben als allgemeiner Prozeß der weltweiten kulturellen Standardisierung des Alltagslebens. Und weiter: „Eine einseitige Deutung dieses Prozesses, der häufig Globalismus genannt wird, beschäftigt sich mit dem entwickelten Kapitalismus, seinen neuen Kommunikationsformen wie weltweites Internet und elektonische Geschäftspraktiken und seiner Zerstörung örtlicher Traditionen und regionaler Besonderheiten, die durch eine neue, einheitliche Weltkultur ersetzt würden. Aus dieser Sicht ist die besondere menschliche Erfahrung gefährdet, vereinheitlicht und überall gleich zu werden. Dies erscheint jedoch als unzulässige Verallgemeinerung. Wohl gibt es in der Tat uniformierend-vereinheitlichende Tendenzen, aber noch sind die Menschen weit davon entfernt, sich eine einzige übergreifende Weltkultur zu schaffen.“

II.

Wie erinnerlich, ging G.W.F. Hegel in seinen Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte (1837) von der Vorstellung, daß es im Fortschreiten der Menschheitsgeschichte vernünftig zugehe, aus:

"Der einzige Gedanke, den die Philosophie mitbringt, ist aber der einfache Gedanke der Vernunft, daß die Vernunft die Welt beherrsche, daß es also auch in der Weltgeschichte vernünftig zugegangen sei. Diese Überzeugung und Einsicht ist eine Voraussetzung in Ansehung der Geschichte als solcher überhaupt; in der Philosophie selbst ist dies keine Voraussetzung.“

Dieser idealistische deutsche Philosoph meinte, daß Geschichte als "Produkt der ewigen Vernunft" fortschreitet in Richtung Freiheit und daß vollkommene Freiheit der Menschen Ziel der Weltgeschichte ist. Hegel nennt dies auch das Ziel des Geistes, denn für ihn ist Weltgeschichte Manifestation des Weltgeistes:

"Die Natur des Geistes läßt sich durch den vollkommenen Gegensatz desselben erkennen. Wie die Substanz der Materie die Schwere ist, so, müssen wir sagen, ist die Substanz, das Wesen des Geistes die Freiheit. Jedem ist es unmittelbar glaublich, daß der Geist auch unter anderen Eigenschaften die Freiheit besitze; die Philosophie aber lehrt uns, daß alle Eigenschaften des Geistes nur durch die Freiheit bestehen, alle nur Mittel für die Freiheit sind, alle nur diese suchen und hervorbringen; es ist dies eine Erkenntnis der spekulativen Philosophie, daß die Freiheit das einzige Wahrhafte des Geistes sei. [...] Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit – ein Fortschritt, den wir in seiner Notwendigkeit zu erkennen haben. Mit dem was ich im allgemeinen über den Unterschied des Wissens von der Freiheit gesagt habe, und zwar zunächst in der Form, daß die Orientalen nur gewußt haben, daß Einer frei, die griechische und römische Welt aber, daß einige frei sind, daß wir aber wissen, alle Menschen an sich, das heißt der Mensch als Mensch sei frei, ist auch zugleich die Einteilung der Weltgeschichte."

Weltgeschichte freilich gibt’s weder im Supermarkt noch im Selbstlauf und auch nicht ohne handelnde Menschen, die keineswegs nur Weltgeistiges exekutieren, sondern rational und reflexiv das erkennen (können), was historisch notwendig und zeitgemäß ist:

III.

Der weltgeschichtliche Entwicklungstrend der Neuzeit war gekennzeichnet durch die Gesetze der kapitalistischen Produktion, die mit der Revolutionierung der Produktivkräfte die „große Industrie“ hervorbrachte.

Schon im „Kommunistischen Manifest“ (1848) haben Marx und Engels darauf hingewiesen, dass die Herrschaft der Bourgeoisie auf den Weltmarkt drängt, ja „den Weltmarkt herstellt“.

„Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muß sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen. Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarktes die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet.“

Es war aber nicht nur die Suche nach Rohstoff- und Absatzmärkten für die kapitalistische Waren produktion, die zur Ausbildung des Weltmarktes führte, sondern im Übergang des Kapitalismus in sein imperialistisches Stadium besonders nach profitablen Kapitalanlage - und monopolistischen Extraprofitmöglichkeiten.

Dieser kapitalistische Weltmarkt war jedoch zu keiner Zeit, wie es der Begriff einreden könnte, wohlfahrtsausgleichend, sondern immer schon, und heute noch viel mehr, disparat: Er besitzt weltweit wenige Wohlstandsinseln, breite Übergangszonen und weite Armutsbänder.

Mit der sog. „ Globalisierung “ hat das weltweite Wohlstandsgefälle weiter zugenommen. Dies sagt auch die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages: So erhöhte sich der Pro-Kopf-Einkommensabstand zwischen dem reichsten und dem ärmsten Fünftel aller Nationen von 1:30 1960 auf 1:74 1998; dazu kommt die ungeheuere Proletarisierung und Verarmung: eine Milliarde Männer und Frauen gelten als arbeitslos, unterbeschäftigt oder ohne soziale Sicherheit und 120 Millionen Menschen müssen sich als Wanderarbeiter verdingen.

Auf dem Weltmarkt herrscht/e nicht nur ökonomische Konkurrenz, sondern auch machtpolitische: Wirtschaftsmacht wird zu Machtwirtschaft.

Die nationalstaatliche Einbindung des Kapitals förderte einerseits Weltmarktorientierung, hinderte sie aber zugleich auch, so dass der Kampf um Rohstoff-, Absatz- und Anlagemärkte immer wieder zu politischen Krisen und Kriegen, bis hin zu zwei Weltkriegen, führte.

Andererseits gelang es im nationalstaatlichen Rahmen, sowohl antagonistischen Klassen- und Interessengegensätze im Innern mittels keynsischer Politik und institutionalisierter Konfliktlösungsstrategien als auch den Expansionsdrang des Kapitals durch Handels-, Finanz- und Devisenabkommen institutionell zu lenken.

Diese Rolle des kapitalistischen Nationalstaates änderte sich in den 1970er Jahren. 1973 kam es zum Zusammenbruch des 1945 geschaffenen Bretton-Woods-Systems, zur Freigabe der Wechselkurse und der Aufhebung nationalstaatlicher Interventionspflicht bei Devisenverwerfungen. Das an seine Stelle seit der Jamaika-Konferenz 1976 getretene Regelwerk des Internationalen Währungsfonds (IWF) mit der Bindung der Währungsparität an Sonderziehungsrechte und Auflagen bei Kreditvergaben öffnete nun jedes Mitgliedsland dem internationalen Kapitalverkehr. Hinzu kam die Ausbildung internationaler Finanzmärkte, besonders des Euro-Dollar-Marktes: international agierende Geschäftsbanken mit eigenem Zinsniveau außerhalb nationaler Währungsbereiche, die von nationalen Notenbanken nicht mehr zu kontrollieren sind.

Damit begann der Prozess der relativen Verselbständigung der Finanzmärkte. G´ zu G´´ wird zum allgemeinen Gesetz der Globalisierung.

Seine Durchsetzung wird gefördert durch Beschlüsse der seit 1976 stattfindenden Treffen der G-7–Staaten (USA, Japan, Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien, Kanada), die weltweite Firmenzusammenschlüsse, Produktionsverlagerungen ins Ausland, Internationalisierung des Warenverkehrs und vieles mehr in Gang setz(t)en, um einer dauerhaften Krise des kapitalistischen Wirtschaftssystems gegenzusteuern.

Damit wurde dem Finanzkapital ein Treibhausklima für seinen Wildwuchs geschaffen. Diesen erfaßt/e auch die Enquetkommission des Deutschen Bundestags:

„Die Entwicklung der Finanzmärkte ist nach ihrer Deregulierung seit Beginn der 70er Jahre geradezu spektakulär verlaufen. Die Direktinvestitionen vervierfachten sich in den 80er Jahren und sie verfünffachten sich in den 90er Jahren. Der an Aktienbörsen gehandelte Wert, die sogenannte Marktkapitalisierung, verdreifachte sich im Verlauf der 90er Jahre, die Umsätze von Aktien waren am Ende des Jahrhunderts sogar mehr als sieben mal größer als zu dessen Beginn [...] Von den täglich auf Devisenmärkten gehandelten 1,2 Billionen Dollar dienen allenfalls fünf Prozent der Finanzierung von Handelsgeschäften und Direktinvestitionen, der große Rest sind Arbitrage- und Spekulationsgeschäfte zwischen den international operierenden Finanzinstituten.“

Ideologisch wird diese Politik noch immer legitimiert mit dem Neoliberalismus und seiner kruden Freihandelstheorie. Deren Axiom der komparativen Kostenvorteile, d.h. der Spezialisierung auf kostengünstige Produktion, verfestigt jedoch nicht nur weltweites Wohlstandsgefälle, sondern wird rückwirkend auch innerstaatlich ausgeweitet.

So konzentrierten sich (nach Hinweisen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung [FAZ]) 2004 von den 100 größten Industrieunternehmen 37 (der Branchen Mineralöl, Computer, Medien, Flugzeugbau, Chemie, Pharma, Auto, Stahl, Nahrung, Mischkonzern) in den USA mit einem Umsatz von 2.797,4 Mrd. Dollar bei einem Gesamtgewinn von 198,6 Mrd. Dollar, 28 in der EU mit einem Umsatz von 2.072,9 Mrd. Dollar bei 146,27 Mrd. Dollar Gewinn und 14 in Japan mit einem Umsatz von 817,401 Mrd. Dollar Umsatz bei 29,331 Mrd. Dollar Gewinn.

Allein 2005 erwirtschafteten die 18 größten Kreditinstitute der Europäischen Union 91,894 Mrd. Euro Gewinn.

Während auf der einen Seite kapitalistische Globalisierung für Konzernunternehmungen und Großbanken ungeheuere Gewinne mit sich bringt, bedeutet sie für weite Teile der Weltbevölkerung Prekarisierung, Proletarisierung und Pauperisierung ganzer Bevölkerungsschichten und Weltregionen, Ausbeutung von Natur und historisch-gesellschaftlicher Ressourcen, Nutzung der neuen Technologien (Computer-, Gen-, Mikro- und Nano-Technologie sowie Neue Medien) zur Massenmanipulation und zur Ausbildung eines Überwachungsstaates und Krieg im Innern und Äußern.

Die mit dieser Form der Globalisierung einhergehende strukturelle Entgrenzung des Wirtschaftshandelns und Schleifung seiner institutionellen Rahmenbedingungen wird auch von bürgerlichen Wissenschaftlern erkannt und kritisiert. So beklagt der bekannte Soziologe Friedrich Fürstenberg die sozialstrukturellen Folgen globalisierter Finanzmärkte, die darin bestehen, dass der bürgerliche Staat seine Rolle als „Hüter des Allgemeinwohls“ zugunsten ertragssteigernder Marktstrategien aufgibt, ein Wandel gesellschaftlicher Orientierung durch Abwertung des Arbeitsvermögens erfolgt und zweckrationales wirtschaftliches Handeln durch spekulatives Wirtschaften, das den „Charakter von Wetten“ trägt, ersetzt wird.

Diese Irrationalität des kapitalistisch-bürgerlicher Staates drückt sich etwa in der Bundesrepublik Deutschland darin aus, dass er hasardeuristisch seine eigene gesellschaftliche Grundlage untergräbt, indem er das über Generationen angehäuftes Gemeineigentum dem rein privatwirtschaftlichen Nutzen- und Profitprinzip ausliefert. Mit Mauterhebung auf Autobahnen und Privatisierung der Bahn wird ein Prozess der Durchlöcherung gewachsenen Verkehrsinfrastrukturen eingeleitet, mit dem Verkauf von kommunalen Wasser- und Abwassersystemen, recht eigentlich „Diebstahl“ am Bürger, setzt der Staat grundlegende Gesundheitsvorsorge auf Spiel und mit der Schließung und Privatisierung von Einrichtungen im Kultur- und Bildungssektor entwertet er das gesellschaftliche Zivilisationsvermögen.

Weltweit wird aber nicht nur Volksvermögen oder Gemeineigentum „verscherbelt“, sondern auch Natur zur profitablen Nutzung angeboten. Da die Sozialkosten bei der industriellen Produktion (so William Kapp) nicht in die Produktionskosten eingestellt wurden, konnten die Naturressourcen unkontrolliert ausgebeutet, verknappt und mit Warencharakter belegt werden.

So hat sich die globale Wasserentnahme im 20. Jahrhundert mehr als versechsfacht und ist doppelt so schnell gewachsen wie die Weltbevölkerung. Der Druck auf die Wasserreserven ging hauptsächlich von der Bewässerungslandwirtschaft und der Industrie aus: 69 % der globalen Wasserentnahme entfallen auf die Landwirtschaft, 23 % auf die Industrie und 8 % auf private Haushalte.

Mit der durch „Globalisierung“ angestrebten „Liberalisierung der Agrarmärkte“ wird sich die weltweite Misere um sauberes Trinkwasser und Abwasserentsorgung weiter verschärfen; denn unter dem Druck, für den Export zu produzieren, muß die intensive Bewässerungswirtschaft ausgeweitet werden.

Die Wasserverknappung gefährdet nicht nur die Lebensbedingungen der Menschen ganzer Regionen, so z. B. der Anrainerstaaten von Ganges, Nil, Jordan, Euphrat und Tigris, sie eröffnet dem Kapital auch neue Anlage- und Profitmöglichkeiten. Nach Berechnungen der Weltbank müssten, um die Ziele des Weltwasserberichtes der UN bis 2015 umzusetzen - nämlich 100 Millionen Menschen mit Wasseranschlüssen und 125 Millionen Menschen mit Sanitäranschlüssen zu versorgen -, die Investitionen von 60-80 Mrd. Dollar auf 180 Mrd. Dollar gesteigert werden.

Bella M. Hollos betont in seiner 2003 veröffentlichten Studie „Wasser und Abwasser“:

„Der weltweite Markt für Wasserversorger wird von Aktienexperten auf etwa € 150 Mrd. geschätzt und soll [...] bis 2015 um durchschnittlich 8 % jährlich auf € 277,5 Mrd. wachsen. Die höchsten Zuwachsraten bei Trinkwasserversorgung und Abwasserreinigung stünden in Asien und Osteuropa an. Während in den Industriestaaten veraltete Leitungsnetze mit Investitionen von rund € 80 Mrd. jährlich erneuert werden, wird in den Entwicklungsländern eine Wasserinfrastruktur aufgebaut mit Investitionen von jährlich € 70 Mrd.“

Im Zuge der Privatisierung der Wasserwirtschaft erwarten die privaten Wasserversorger eine Erhöhung ihrer Wasserversorgung von derzeit 7,5 % auf rund 20 % 2015; dabei bieten sich besonders die industrialisierten Staaten an: So soll die privatwirtschaftlich zu versorgende Bevölkerung in den USA von 14 % auf 68 % und in der EU von 35 % (1999) auf 75-85 % steigen.

Der private Wasserversorgungsmarkt ist heute schon monopolisiert:

„Weltmarktführer ´Suez´ versorgt über seine Tochterfirma ´ONDEO´ etwa 120 Mio Wasserkundinnen weltweit, der Branchenzweite ´Veolia´ bringt es auf 100 Mio. Beide erzielen in ihrer Wassersparte einen Jahresumsatz von etwa € 13 Mrd.. Der Umsatzanteil betrug bei ´Suez´ 28%, bei ´Veolia´ 45%. Mit dem Kauf der ´American Water Walks´ und der britischen ´Thames Water´ um zusammen € 20 Mrd. ist ´RWE´ in den letzten Jahren an die dritte Stelle des Unternehmensranking vorgerückt. ´RWE-Aqua´ versorgt mittlerweile 70 Mio Kundinnen.“

Der US-amerikanische und der britischer Markt hat sich jedoch für RWE als nicht profitabel erwiesen, so dass der RWE-Vorstandsvorsitzende Harry Roels am 4. 11. 2005 bekannt gab, seine amerikanische und englische Firma zu veräußern.

Dagegen konnte ´VEOLIA´ seinen Mitkonkurrenten vom ersten Platz verdrängen und zum Weltmarktführer auf dem Wassersektor aufsteigen. Das Unternehmen mit 70.765 Beschäftigten „versorgt“ in 57 Ländern 108 Mio Einwohner und 40.000 Industriekunden. Es verzeichnete im vergangenen Geschäftsjahr einen Umsatz von 8,889 Mrd. Euro und wies 1,007 Mrd. € Gewinn vor Steuern und Zinsaufwand aus.

Der Niedergang rationalen Handelns im Zusammenhang mit der Globalisierung prägt auch die Gegenwartsgesellschaften. So auch die Bundesrepublik Deutschland mit ihrer „verlogenen Doppelmoral“ (Thomas Rothschild) und den unverkennbaren, wenn auch verdeckten, „von kakistokratischen Sozialfiguren exekutierten, totalitärbürokratischen Herrschaftsformen“ (Richard Albrecht) einer – so ein bürgerlicher Kommentator – „drohnenhaften Herrschaftskaste“ eines den Staat beherrschenden „bürokratischen Apparats ohne klare ordnungspolitische Vorstellungen, ohne je die Welt gesehen, ohne je eigene Erfahrungen im Wirtschaftsleben machen zu müssen.“ (Arnulf Baring).

Insofern ist es hohe Zeit für einen neuen humanen Gesellschaftsentwurf, einen Sozialismus für das 21. Jahrhundert.

IV.

Heinz Dieterichs “Sozialismus des 21. Jahrhunderts “ ist sowohl erkenntnis-theoretisch auch als politik-soziologisch begründet und betont in der Kernthese zur derzeitigen weltgesellschaftlichen Agonie: Universalhistorisch gesehen, leiden bürgerliche Gesellschaft und Zivilisation an so ausgeprägter struktureller Erschöpfung, daß sie keinen historischen Fortschritt mehr entwickeln (können). Das Projekt „ Sozialismus des 21. Jahrhunderts “ bildet die Alternative, um der Menschheit Frieden, Würde, reale Demokratie und soziale Gerechtigkeit zu geben und zu sichern, genauer: „ die wissenschaftliche Kenntnis der Evolutionslogik des dynamisch komplexen Systems ´Menschheit´ [erlaubt] die mit hoher Wahrscheinlichkeit korrekte Diagnose, dass das System sich in der Übergangsphase zur postkapitalistischen Zivilisation befindet.“

Diese „hohe Wahrscheinlichkeit“ ergibt sich aus einer sozialwissenschaftlichen Analyse, die sowohl deskriptiv-historisch als auch auf erkenntnistheoretische vorgenommen wird:

1) Die Existenz des Universums besteht in zwei Seinsmodalitäten: der Materie und der Energie, die sich in „drei Niveaus der Organisationskomplexität“ darstellt, dem organischen, biologischen und human-biologisch-sozialen.

2) Alles Existierende bewegt sich, d.h. es wandelt, verändert sich und ist vergänglich. Das gilt auch für Gesellschaften.

3) Hinsichtlich der bürgerlichen Gesellschaft interessiert, „welches die Charakteristika ihrer transistorischen Existenz sind.“

4) In Grenzzonen der Bewegung oder der Veränderung kann es zu sprunghaften Zustandsänderungen kommen, sogenannten qualitativen Sprüngen.

5) Das gesamte Universum ist systematisch und vernetzt organisiert, dabei lassen sich drei Arten der Materieorganisation unterscheiden:

a) die präbilogische oder physikalisch, physikalisch-chemische,
b) aufbauend hierauf die biologische und
c) die menschlich-soziale mit der Fähigkeit zu rationalem Urteil und Planung.

6) Das menschliche Sozialsystem tritt in einen Endzustand ein, wenn es a) „die integrativen materiellen und ideellen Inputs (Unterstützung) wichtiger Sektoren der Staatsbürger oder Institutionen verliert, oder b) durch eine Intervention von außen aufgelöst wird.“

Es verliert die Unterstützung der Bevölkerung, wenn zum Beispiel das Subsystem Wirtschaft die „grundlegenden Bedürfnisse der Staatsbürger nicht mehr befriedigen kann und somit dysfunktional für den Fortbestand des Systems in seiner Gesamtheit wird.“

7) Dieser Zustand ist heute erreicht: „keines der entscheidenden Subsysteme der bürgerlichen Gesellschaft, die nationale Marktwirtschaft, der Klassenstaat und die plutokratische Minderheitsdemokratie [wirkt systemstabilisierend].“

8) Diese „strukturelle Erschöpfung der bürgerlichen Institutionen“ begründet - theoretisch und praktisch - das historische Projekt „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“.

Die strukturelle Erschöpfung des Wirtschaftssystems zeige sich in der Denaturierung von Marktwirtschaft zur machtwirtschaftlichen Chrematistik (Bereicherungswirtschaft). Diese parasitäre Ökonomie unterhöhle den Zweck der Wirtschaft, die Arbeitsorganisation zur Bedarfsdeckung aller Menschen. Statt dessen komme es trotz Globalisierung der Wirtschaftsaktivitäten zu einem zunehmenden Auseinanderklaffen der Bedarfsdeckung: Eine Milliarde Menschen lebt in Wohlstand, drei Milliarden leben in Armut und eine Milliarde Menschen verhungert. Weltweit sind ein Drittel der arbeitsfähigen Menschen (etwa 820 Millionen) arbeitslos. Wirtschaftlich sind die globalen Kapitalströme grundlegend auf Zins ausgerichtet und zu 99% spekulativ, während nur ein Prozent der Abwicklung des Welthandels dient. Politisch habe sich die formal-repräsentative Demokratie zu einem oligarchischen System entwickelt:

„Das ´Haus des Volkes´, das Parlament, ist nicht das Forum der sich herausbildenden Wahrheit, sondern der Ort des Marktes, wo die Verteilung von Macht und sozialem Reichtum zwischen den verschiedenen Fraktionen der Elite verhandelt wird.“

Die in einer Parteioligarchie organisierte „Elite“ stelle den verlängerten Arm der ökonomischen „Elite“ dar.

Insbesondere gebe es keinerlei Gewalten trennung; der Gewalten teilung fehle jede soziale Dimension. Und das bürgerliche Wahlsystem diene dazu, verschiedenen „Fraktionen der herrschenden Klasse gleichberechtigten Zugang zur Staatsmacht zu garantieren.“

Tatsächlich beherrschten nicht durch Wahlen legitimierte Weltorganisationen wie Welthandelsorganisation, Internationaler Währungsfonds, Weltbank und Nordatlantikpakt (WHO, IWF, WB, NATO) und internationale Konzerne die Welt.

Während sich die „plutokratischen“ Demokratien in der sogenannten Ersten Welt mittels des wirtschaftlich hohen Pro-Kopf-Einkommens noch auf die Mehrheit der Bevölkerung stützen könnten, sei in der Dritten Welt „ die Großbourgeoisie herrschende Klasse und sonst nichts“.

Da jede Chrematistik die ursprüngliche Funktion des Staates und seine Daseinberechtigung, der Verwaltung der gemeinsamen Funktionen zu dienen, zur zweitrangigen Sache erklärt habe, sei dieser Staat unnötig.

Das bürgerlich aufgeklärte Subjekt werde zum Menschen als des Menschen Feind degradiert. Die ideologische Mystifizierung des Marktes begründe, so Heinz Dieterichs ideologiekritisch mit Blick auf postmodern(istisch)e Strömungen, „eine reaktionäre Metaphysik, die nun endgültig dem cartesianischen Subjekt, dem skeptischen Subjekt Nietzsches wie dem revolutionär-dialektischen Subjekt von Marx und Engels den Garaus machen will“.

Dem hält Heinz Dieterich als Vision entgegen:

„Die Bourgeoisie ruht auf einer Zeitbombe. Wenn diese explodiert, werden die Staatsbürger der Weltgesellschaft die Fesseln der Kapitalverwertungslogik sprengen und sich ihre geraubte Zukunft zurücknehmen. Und der Mensch wird aufhören nur menschlich noch in der Form, und das Kapital in seiner Bestimmung sein, um sich ganzheitlich der Entwicklung seines rationalen, ethischen und ästhetischen Potentials zu widmen.“

In den folgenden Buchkapiteln geht der Autor zunächst aufs historische Projekt von Marx und Engels, die direkte Demokratie, den Sozialismus und seine theoretische Grundlage, nämlich den Wertbegriff, ein. Sodann werden post- und antikapitalistische „demokratisch geplante Äquivalenz-Ökonomie“ und „direkte Demokratie“, beide durch computerisierte Vernetzung realisierbar, vorgestellt. Während die kapitalistische Nutzung der kybernetischen Produktionstechnologie mit Automation und digitaler Produktion die Verelendungstendenzen in der Welt durch Rationalisierung in allen Bereichen fördere, erlaube der „Computer-Sozialismus“ (Konrad Zuse). den realen demokratischen Einfluß der Bevölkerung auf ökonomische Entscheidungen, so daß die notwendige wirtschaftliche Planung wirklich demokratisch umgesetzt werden könne: Planung soll auf Grundlage einer Verbindung von Arbeitswertlehre mit „Äquivalenz-Prinzip“ (Arno Peters) erfolgen. Empirische Berechnungen von Arbeitswerten in Input-Output-Tabellen seien gegenwärtig (rechen)technisch lösbar - ja sie wurden sogar schon vor 20 Jahren im Zusammenhang von Systemvergleich BRD-DDR angewandt.

Freilich müsse in jeder sozialistischen Gesellschaft ökonomische Planung unbedingt und als notwendige Voraussetzung mit Demokratie verbunden werden, wobei demokratische Strukturen auf verschiedenen Ebenen nötig sind:

„1. in den ökonomischen, politischen, kulturellen und militärischen Beziehungen, 2. in den Hauptinstitutionen der Dynamisch Komplexen Menschlichen Systeme (DKMS-d.A.) und 3. den Mikro-, Meso- und Makroebenen der Gesellschaft“.

Erweiterungen plebiszitär-demokratischer Formen seien auch durch Elektronik realisierbar. Damit seien Annäherungen ans Ziel des neuen historischen Projektes, die alltägliche Verwirklichung des menschlichen Seins in Arbeit, Eros und Kultur, zunehmend möglich.

Der gesamte Veränderungsprozess könne jedoch nur revolutionär erfolgen mittels „Ersetzung der zentralen Institutionen der bestehenden Gesellschaft durch qualitativ andere, historisch mögliche Institutionen“.

Im Schlußkapitel wird die Übergangsphase zum neuen Sozialismus als „Universale Partizipative Demokratie (UPD)“ skizziert Dabei gelte es, die vier Hauptinstitutionen der kapitalistischen Gesellschaft – nämlich: „1. nationale Chrematistik; 2. plutokratische Formal-Demokratie; 3. Klassenstaat und 4. das entfremdete possessiv liberale Konsumindividium“ - zu verändern bzw. zu ersetzen.

Für Dieterichs ist das Subjekt der Befreiung jedoch nicht mehr, wie noch für Marx und Engels, allein die Arbeiterklasse. Das historisch revolutionäre Subjekt des neuen Jahrhundertsozialismus umfasse vielmehr viele soziale Klassen und sei multiethnisch, multikulturell und geschlechterumfassend. Ziel aller dieser theoretischen und praktischen Anstrengungen schließlich müsse sein, dass der Mensch des Menschen Freund werde, also: non homo homini lupus, sed homo homini amicus.

V.

Auch dieses in jedem Fall postkapitalistische weltgesellschaftliche Modell beruht auf gesellschaftlicher Planung, besonders Planung des Wirtschaftsprozesses, um soziale Gerechtigkeit und Gleichheit zu erreichen. Es stützt sich auf die der industrialisierten, arbeitsteiligen Wirtschaft innewohnende Notwendigkeit zur Planung, die selbst in kapitalistisch verfaßten Gesellschaften staatlich und privat in Form von Indikativplanung heute schon betrieben wird. Das utopisch-sozialistische Modell der Planung stärkt durch seine Zielvorgaben die keynsische Position, die wiederum als Gegenposition zum dominanten Neoliberalismus auftreten kann. Denn auch der Neoliberalismus, der unterm Panier der Deregulierung das Gegenteil von Planung verkündet, beinhaltet selbst planend-dirigistische Elemente, die sowohl monopolistischen Konzernstrategien als auch der von ihnen beherrschten staatlichen und überstaatlichen Politik unterliegen.

Zugleich stellt auch diese Vorstellung von Sozialismus – speziell des/im gegenwärtigen Jahrhundert/s – wie jede konkrete Utopie eine intellektuelle und moralische Projektion dar, mit deren Hilfe, so Richard Albrecht im Anschluß an Georg Klaus, schwierige oder unlösbar erscheinende Probleme, Lagen oder Situationen wie die basale, universale und humane „Freundlichkeit der Welt“ (Bertolt Brecht) bewältigt werden sollen. Denn: „ Es wächst hinieden Brot genug / Für alle Menschenkinder, / Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust, / Und Zuckererbsen nicht minder .“ (Harry Heine)

Literatur(hinweise)

Albrecht, Richard

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-(1989) Wirtschaftsmacht und Machtwirtschaft; in: Marxistische Blätter, 27. Jg. 1989, H. 6, S. 74-80

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-(2006b) Neues historisches Projekt. In: Mit dem Sozialismus rechnen. Berlin: 8. Mai, 2006, S. 9-11

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-(2003) Wasser und Abwasser. Wien (Österreichische Gesellschaft für Politikberatung und Politikentwicklung) 2003

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(1848) Manifest der Kommunistischen Partei. In: Werke Bd.4, Berlin 1969

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(2000) Das magische Dreieck der Input-Output-Rechnung. In: Hartard, Susanne; Stahmer, Carsten; Hinterberger, Friedrich (Hrsg), Das Magische Dreieck – Berichte für eine nachhaltige Gesellschaft. Marburg 2000

Autorin

Dr. Wilma-Ruth Albrecht ist Sozial- und Sprachwissenschaftlerin und lebt in Bad Münstereifel: Aktuelle Buchveröffentlichungen: Bildungsgeschichte/n: Texte aus drei Jahrzehnten (Shaker Verlag, 2006 [= Berichte aus der Pädagogik], 202 p., ISBN 3-8322-4897-8); Heimatzeit: Erzählungen - Gedichte - Geschichte (VerlagsKontor für akustisch angewandte Texte/VerKaat, 2006, 76 p., ISBN 3-921384-087)

21 von 21 Seiten

Details

Titel
Herausforderungen einer sich neu formierenden Weltgesellschaft - Politiksoziologische Hinweise auf einen postkapitalistischen Entwicklungspfad
Autor
Jahr
2006
Seiten
21
Katalognummer
V110449
ISBN (Buch)
9783640118830
Dateigröße
628 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dr. Wilma-Ruth Albrecht ist Sozial- und Sprachwissenschaftlerin und lebt in Bad Münstereifel.
Schlagworte
Herausforderungen, Weltgesellschaft, Politiksoziologische, Hinweise, Entwicklungspfad
Arbeit zitieren
Dr. Wilma Ruth Albrecht (Autor), 2006, Herausforderungen einer sich neu formierenden Weltgesellschaft - Politiksoziologische Hinweise auf einen postkapitalistischen Entwicklungspfad, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110449

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