Die Tschechoslowakischen Legionen und die Kriegspropaganda


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
27 Seiten, Note: 1

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INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Der Aufbau der politischen und militärischen Organisationen
2.1. Frankreich
2.2. Italien
2.3. Russland
2.3.1. Die Družina.
2.3.2. Der Aufbau der Legion.
2.3.3. Die Anabasis

3. Propaganda - Kriegspropaganda, Diplomatie - Politik.

4. Schlusswort.

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung:

Am 28. Oktober 1918 wurde mit dem Manifest des Prager Nationalausschusses die Selbständigkeit des Tschechoslowakischen Staates ausgerufen. Die durch den Ausschuss konstituierte "Revolutionäre Nationalversammlung" trat am 14. November 1918, gebildet nur aus Tschechen und wenigen Slowaken, zusammen. Sie proklamierte die Republik, wählte einstimmig Thomáš Garrigue Masaryk zum Präsidenten und bildete eine Regierung mit Karel Kramář als Premier, Antonin Švehla als Innenminister, Edvard Beneš als Aussenminister sowie Milan Rastislav Štefaník als Kriegsminister[1].

Damit war eine Idee Wirklichkeit geworden, die vier Jahre vorher nur ganz wenige zu denken gewagt hatten. Das Triumvirat Masaryk, Beneš, Štefaník waren jene Intellektuellen und Politiker, die im Ausland für diese Idee arbeiteten, Kramář und auch Švehla waren mit Anderen im Inland tätig.

Die Bestrebungen der tschechischen Politik in diesen Jahren schwankten zwischen drei möglichen Wegen:

- Die Durchsetzung einer Autonomie innerhalb der Habsburgermonarchie, im Rahmen der historischen Grenzen, nach dem Muster des Ausgleichs mit Ungarn.
- Dieselbe Zielsetzung, aber nach Eroberung durch russische Truppen im Rahmen eines russisch - slawischen Grossreiches.
- Die vollständige Unabhängigkeit mit Hilfe der westlichen Alliierten.[2]

Die dritte Variante verfolgte Masaryk, die Zerschlagung der Habsburgermonarchie in Kauf nehmend und sagte dazu: "Indem ich die europäische Situation analysierte, den wahrscheinlichen Verlauf des Krieges abschätzte, entschied ich mich für den aktiven Kampf gegen Österreich in der Erwartung, dass die Alliierten siegen, und dass die Entscheidung für die Alliierten uns die Freiheit bringen würde" und weiter überlegte er: "Können wir uns nicht daheim entgegenstellen, so müssen wir das jenseits der Grenzen tun. Dort wird es unsere Hauptaufgabe sein, für uns und unser nationales Programm Sympathien zu erwerben, Verbindungen mit den Politikern, Staatsmännern und Regierungen der alliierten Staaten anzuknüpfen, das einheitliche Vorgehen aller unserer Kolonien zu organisieren und vor allem aus den Gefangenen eine Armee aufzustellen"[3].

Das Aufstellen einer Armee als das materielle Symbol der Staatsgewalt, zur Behauptung eines Staatsgebietes und zum Schutz eines Staatsvolkes, diese drei völkerrechtlichen Voraussetzungen für die Existenz eines Staates waren im Jahre 1914 nur in den Köpfen einer kleinen Gruppe von tschechischen und wenigen slowakischen Intellektuellen vorhanden.

Das Aufstellen dieser Armee, später als die Legionen bezeichnet, in den Ländern der Entente, diente Masaryk und seinen Gefährten als ein wesentliches Element der Propaganda und der Politik, um die Staatsbildung der Tschechen und Slowaken den Alliierten verständlich, und realisierbar zu machen. Er meinte dazu:" Wenn wir eine Armee aufstellen so gelangen wir dadurch in eine neue Rechtslage, sowohl zu Österreich als auch zu den AlliiertenIn jedem Falle werden uns weder die Alliierten noch Wien schweigend übergehen können, wenn wir Soldaten habenOhne entschlossenen militärischen Kampf werden wir aber von niemanden etwas erreichen."[4]

Die Bildung der Legionen in Frankreich, Italien und Russland soll hier dargestellt werden. Im besonderem aber die Aufstellung, die Formierung und das Agieren der tschechoslowakischen Verbände in Russland, von den ersten Zusammenschlüssen in der "Česká Družina"[5] bis zum Tschechoslowakischen Heer in Russland, als ein Teil der "einheitlichen, verbündeten, kriegführenden Tschechoslowakischen Streitkräfte, welche im regelrechten Krieg gegen Österreich - Ungarn und Deutschland stehen"; das war der Wortlaut der späteren britischen Anerkennung[6].

Das Schwergewicht der militärischen Aktionen im Zuge der "Anabasis"[7] fanden zwar in Russland statt, aber die propagandistische Ausnützung wirkte sich ausschließlich auf die westlichen Alliierten aus, wo auch das Schwergewicht der diplomatischen und politischen Aktionen der tschechoslowakischen Auslandsorganisation zu suchen war.

2. Der Aufbau der politischen und militärischen Organisationen

Die Auslandtschechen und Slowaken hatten einen großen Einfluss auf die Bestrebungen zur Erlangung der Unabhängigkeit. Sie konnten ihr politisches, publizistisches und finanzielles Handeln ungehinderter einsetzten, als es den Tschechen und Slowaken im österreichischen Raum möglich war und damit auf Seiten der Alliierten und in Russland grosse Hilfe leisten. Die Tschechen und Slowaken in den USA waren dabei von besonderer Bedeutung, da sie die personal- und finanzstärkste Kolonie im Ausland waren.

Ihre Stärke betrug ungefähr 1,5 Millionen[8], diese machte sich aber auch in ihren differenzierten, politischen und weltanschaulichen Ansichten bemerkbar[9].

Chicago war die zweitgrößte tschechische Stadt nach Prag und das Zentrum der tschechischen Finanzaktionen für ihre Unabhängigkeitsbestrebungen. Zu den Differenzen in der Kolonie bemerkte Masaryk, dass persönlicher und politischer Streit in allen Auslandskolonien an der Tagesordnung waren. In den USA vor allem, da es anfangs neutral war und sich starke deutsche, österreichische und ungarische Einflüsse geltend machten, so dass ziemlich viele Austrophile vorhanden waren. Sie konnten aber nicht dominieren und nach der amerikanischen Kriegserklärung am 06. April 1917 wurde in der tschechisch - slowakischen Kolonie relative Einmütigkeit festgestellt, erkennbar auch am Erfolg der Sammelaktionen[10].

Die Kolonie in Grossbritannien war sehr klein, aber durch das persönliche Auftreten Masaryks wurden viele einflussreiche Freunde für die Auslandaktion gefunden. Professor R.W. Seton Watson, er befasste sich viel mit der Problematik Ostmitteleuropas und der tschechischen und slowakischen Geschichte, sowie mit Henry Wickham Steed, politischer Redakteur der Londoner Times, waren die stärksten Förderer.

Die Schweiz und Holland hatten nur kleine Kolonien, als Unterstützung für Masaryk, Beneš und andere waren sie aber von großem Nutzen.

2.1. Frankreich

Von geringer Zahl war auch die Kolonie in Frankreich, aber sie entfachte eine starke Presse- und Demonstrationstätigkeit, mit der sie ihre antiösterreichische Einstellung schon vor dem Krieg kundtat. Die französische Regierung honorierte dies, sie gewährte den Tschechen das Recht, wie anderen alliierten Bürgern, zu bleiben. Die anderen österreichischen Staatsbürger mussten das Land verlassen. Am meisten hatte wohl dazu beigetragen, dass sich viele Tschechen zur Armee meldeten, so entstand schon Mitte 1914 eine eigene Abteilung in der Fremdenlegion[11].

Eine wesentliche Aufgabe der Auslandsaktionen der Tschechen und Slowaken war aber das Bilden eines politischen Zentrums, einer Koordinierungsstelle - als idealer Ort dafür erschien Paris. Die Entscheidung zur Wahl von Paris als Sitz eines Tschechoslowakischen Zentralorgans, so beurteilt Beneš, lag auf der Hand. In Frankreich war die militärische Hauptfront. Paris bildete im hohen Grad das politische, diplomatische und militärische Zentrum aller Verbündeten, es war daher zu erwarten, dass der Krieg ebenfalls für die Tschechen und Slowaken im Westen, in Frankreich entschieden werden würde.

So wurde der Tschechoslowakische Nationalrat im Februar 1916 konstituiert. Der Vorsitzende war T. G. Masaryk, sein Stellvertreter Reichstagsabgeordneter J. Dürich, Vertreter der Slowaken war M. Štefaník und Generalsekretär E. Beneš.

Sie wussten um die persönlichen und ideellen Gegensätze in den Kolonien, speziell in Russland und waren daher dafür, eine straffe kollektive Führung in wenigen Händen einzurichten, um so Stabilität für ihre Ziele und die dazu notwendige Arbeit zu schaffen[12]. Um diese weitgesteckten Ziele zu erreichen, mussten sie nicht nur die Alliierten überzeugen - diese kannten die Tschechen und Slowaken nicht als Nation und noch weniger ihre Pläne und Ideen - sondern auch die Eliten ihrer Völker zu Hause und in den Exilländern.

Es gelang dem Triumvirat im Laufe des Jahres 1916 von den tschechischen Exilgruppen die Anerkennung des Nationalrates und damit im Grossen die Akzeptanz der eigenen Zielvorstellungen zu erreichen. Die Exilorganisationen, Russland und die USA hatten eine etwas grössere Bewegungsfreiheit, grundsätzlich wurden aber alle damit auf eine quasi konsularische Tätigkeit beschränkt. Somit konnte zumindestens gegenüber den westlichen Alliierten mit einer Stimme agiert werden[13].

Die politische Entwicklung im Jahre 1916 und 1917, vorallem die österreichischen geheimen Friedensbemühungen und das Interesse der Alliierten daran, zeigten dem Nationalrat wie weit sie noch von ihrem Ziel entfernt waren. Auf der anderen Seite hatten sie schon länger die Schwierigkeiten Frankreichs beobachten können, das sich allein den deutschen Armeen gegenüber sah und die immens hohen Verluste an Menschen nur schwer ausgleichen konnte. Verhandlungen der Franzosen mit anderen Alliierten brachten keine wesentlichen Ergebnisse, Russland hatte zwar ca. 400000 Mann zugesagt, es konnten aber nur etwa 16000 entsandt werden[14].

Der tschechoslowakische Nationalrat hatte aber auch schon vorher versucht tschechische und slowakische Gefangene zu registrieren und nach Frankreich zu transferieren. Von den mit der serbischen Armee geflüchteten Tschechen und Slowaken kamen aber nur mehr ca. 4000 Mann nach furchtbaren Strapazen nach Frankreich[15]. Aus den USA kamen nach schwierigen Verhandlung von Mitte 1917 bis Mitte 1918 ca. 2500 Freiwillige; die USA war daran interessiert die eigene Armee aufzustellen. Aus Russland trafen die ersten 1100 Mann Mitte 1917 ein, die anderen kamen erst nach Kriegsende direkt in die Heimat.

Der Nationalrat wandte sich daher mit Vehemenz dem Aufbau einer eigenen tschechoslowakischen Armee zu, mit dem Ziel sie dann aus den verschiedenen Ländern nach Frankreich zu transferieren. Diese Konzentration tschechischer Militärverbände aus aller Welt in Frankreich war daher im Nationalrat rasch beschlossen worden, die Verhandlungen mit den französischen Behörden waren aber langwierig, weil Beneš, als Verhandler, eine besondere Rechtsstellung erreichen wollte.

Am 16. Dezember 1917 wurde endlich, mit einem Dekret der französischen Regierung, der Status der "Tschechoslowakischen Nationalarmee" als autonomer militärischer Verband im Rahmen der französischen Heeresorganisation festgelegt. Die alleinige politische Leitung oblag dem Tschechoslowakischen Nationalrat. Sie sollte unter ihrer eigenen Fahne an der Seite der Mittelmächte kämpfen und sich aus den tschechischen und slowakischen Soldaten der französischen Armee und aus den Freiwilligen aus anderen Ländern rekrutieren. Der Eid der Soldaten, als ein wichtiges Recht, konnte auf die tschechoslowakische Nation geleistet werden. Die Kommandosprache war tschechisch, wichtige Befehle mussten aber zweisprachig ausgegeben werden. Offiziere wurden vom Nationalrat, mit französischer Zustimmung ernannt und befördert. Als Befehlshaber dieser Armee war ein französischer General vorgesehen.

Am 7. Februar 1918 wurde diese Vereinbarung vom französischen Premier Clemenceau und für den Nationalrat von E. Beneš unterzeichnet[16].

2.2 Italien

Mitte Jänner 1917 wurde in einem Lager bei Capua ein tschechoslowakisches Freiwilligenkorps[17] gegründet. Unter den Gefangenen wurde dafür agitiert, geworben, erpresst, aber nur langsam wuchs die Bewegung. Die italienischen Militärbehörden reagierten schwerfällig, begannen aber die tschechoslowakischen Gefangenen in eigene Lager zu transferieren. Ende Oktober waren rund ein Fünftel der 20000 Gefangen bereits Mitglied der Sbor[18].

Von Seiten der Sbor wurde starker Druck auf die Gefangenen ausgeübt um die Zahlen zu erhöhen, so dass viele sich als sogenannte "Halbfreiwillige" meldeten um den Repressalien zu entgehen[19].

Im Dezember 1917 - in Frankreich war das Dekret zur Aufstellung der autonomem tschechoslowakischen Armee erlassen - forderte der Abgeordnete Francesco Arcà die Aufstellung einer "tschechischen Legion". Im Heer waren ähnliche Intentionen vorhanden, man hatte mit Aufklärungsabteilungen aus ehemaligen k.u.k. Soldaten gute Erfahrungen gemacht. Zugleich waren die Italiener aber zurückhaltend, weil ihre Ansicht zum Weiterexistieren der Habsburgermonarchie noch offen war und die Differenzen mit den Südslawen um deren territoriale Wünsche zu berücksichtigen waren.

Zunächst wurden Arbeitsbataillone aufgestellt, insgesamt 12000 Mann, mit eigener Organisation und Kommandanten. Der tschechoslowakische Nationalrat aber war damit nicht zufrieden und verhandelte weiter, so dass die Italiener im März 1918 zu einer Aufstellung von tschechoslowakischen Kampftruppen, im Rahmen des italienischen Heeres zustimmten. In nationaler, politischer und rechtlicher Hinsicht wurden die Truppen dem Nationalrat in Paris unterstellt, ein Kriegseinsatz konnte aber nur im Einvernehmen erfolgen[20].

Am 21. April 1918 wurde die Konvention[21] durch die italienische Regierung und den tschechoslowakischen Nationalrat unterzeichnet. Dies war ein besonderer Erfolg für die Tschechen und Slowaken, da diese Unterzeichnung des Vertrages als ein völkerrechtlicher Akt zu betrachten war; ein Vertrag, mit einem noch nicht existierenden Staat, damit fast eine de facto Anerkennung des Nationalrates als Regierung

Die offizielle Fahnenübergabe an die Abordnungen der tschechoslowakische Division, am 24. Mai 1918, es war der Jahrestag des italienischen Kriegseintrittes, war ein militärisch - politisches Spektakel im Zentrum von Rom, mit Regierungsvertretern Italiens und Frankreichs, dem Diplomatischem Korps und Abordnungen der alliierten Militärs. Es war ein propagandistisches Signal für die schon kriegsmüden Italiener, eine starke Motivation für die Soldaten und eine politische Botschaft der Tschechen und Slowaken an den Teil der Welt, welcher aus ihrer Sicht für die Freiheit der europäischen Völker kämpften. Italien war, wenn auch nach anfänglichem Zögern, zum Schrittmacher für die Anerkennung des tschechoslowakischen Nationalrates, als ein Kern der zukünftigen tschechoslowakischen Regierung geworden.

Der italienische Kommandierende General, Andrea Graziani, beurteilte Kampfkraft und Kampfwert seiner Division als für den Einsatz geeignet, das italienische Oberkommando erwog deren Feldverwendung. Dagegen wurde aber vom Vertreter des Nationalrates, M. Štefaník, Einspruch erhoben, er hielt den Verband, der ja mit Italienern vermischt war, für noch nicht einsatzfähig. Der Nationalrat hatte aber möglicherweise einen viel tiefergehenden Grund einen Einsatz der Truppen zu vermeiden. Der politische Erfolg war errungen, der militärische war nicht mehr unbedingt an den Fronten Italiens zu suchen, sondern man dachte bereits an ihre Verwendung in der Heimat, nach dem Ende des grossen Krieges[22].

2.3. Russland.

Die tschechoslowakische Kolonie war die zweitgrösste, allerdings verteilt über das gesamte Russland. Sie hatten aber ihre organisatorischen Schwerpunkte in Moskau, Petersburg, Kiew und Warschau gebildet. Aus naheliegenden Gründen waren sie schon lange vor dem Krieg Gegner der Habsburgermonarchie und zogen daher auch bereitwillig in den Krieg gegen die Mittelmächte[23].

2.3.1. Die Družina.

Die Moskauer Tschechen reichten am 04. August 1914[24] der russischen Regierung ein Projekt für eine tschechoslowakische Freiwilligentruppe ein, das noch im August genehmigt wurde, somit noch im selben Monat im Kiewer Militärbezirk mit der Aufstellung begonnen werden konnte. Die Česká Družina, bildete eigene Einheiten, diese waren aber ein integrierter Teil der russischen Streitkräfte. Mindestens ein Drittel der Offiziere mussten Russen sein, die Kommandosprache war russisch. Besonders am Anfang waren die Moskauer Tschechen in der Werbung äusserst aktiv, wobei darauf zu achten war, dass die Freiwilligen russische Staatsbürger zu sein hatten.

Die Družina gewann rasch Mitglieder, im September 1914 waren vier Infanterie Kompanien aufgestellt - ungefähr 1000 Mann - davon ca. 700 Tschechen. Ende Oktober 1914, es waren bereits tschechische Subalternoffiziere inkludiert, verlegten sie an die Front. Sie machten Dienst im Rahmen der 3.russischen Armee in Galizien, wobei sie anfangs nicht geschlossen eingesetzt, sondern besonders im Aufklärungsdienst verwendet wurden. Der russische Generalstab hatte sie als Subversionskräfte beim Erreichen slowakisch, tschechischen Gebiets vorgesehen. Bereits Anfangs November 1914 kamen "vier Družinníci nach Böhmen"[25] und informierten tschechische Politiker über die Vorgänge in Russland.

Nach den ersten Feindberührungen und dem Auftreten von Gefangenen kam bei manchen Tschechen und Slowaken der Wunsch auf, der Družina beitreten zu können; unterstützt wurde dies durch Werbung der russischen Tschechen in den Gefangenenlagern, die Zahlen hielten sich aber in Grenzen[26].

Die russische Armee hatte im Oktober 1914 einen Befehl erlassen, der den slawischen Gefangenen eine Sonderstellung einräumte. Im § 6 war die Werbung für die nationalen Truppen in den Gefangenenlagern aber nicht ausdrücklich gestattet, denn die Intention war, dass nur Freiwillige nach dem Erlangen der russischen Staatszugehörigkeit in die russische Armee eintreten sollten, wobei Information und nicht Druck vorgesehen war[27].

Die Zahl der Družinníci nahm auch 1915 nur langsam zu, da die russische Führung keine Gefangenen mehr zuließen. Russland wollte nicht mit dem Völkerrecht[28] in Konflikt kommen und lehnte daher zu dieser Zeit auch den geforderten Freikorpscharakter ab.

Um Organisation und vorallem den Ausbau der Družina zu verbessern, dabei die Tschechen und Slowaken auf einen gemeinsamen Staat vorzubereiten, fand in Moskau im März 1915, die konstituierende Versammlung des Vereins der tschechoslowakischen Verbände in Russland[29], in der Literatur kurz "Svaz" genannt, statt. Dieser spiegelte die allgemeine russophile Gesinnung wieder und hatte als Ziel die Bildung eines selbständigen nationalen Staates mit einem slawischen Monarchen an der Spitze - das Nahziel auf diesem Weg war die Organisation eines tschechoslowakischen Heeres. Trotzdem bestand unter den Mitgliedern eine wesentlich differenzierte Meinung über die Zukunft der Länder der Wenzelskrone und über den Weg und das Ziel; erst im Frühjahr 1917 lösten sich diese Spannungen zwischen den differierenden Gruppierungen[30].

Eine Aufgabe hatte die Svaz von Anfang an übernommen: die Kontaktnahme zu und die Werbung in den Lagern, um die tschechischen und slowakischen Kriegsgefangenen auf ihre Sonderstellung hinzuweisen und mit ihnen die Družina aufzufüllen und zu vergrössern.

Mit dem Befehl zur Sonderstellung der Slawen, wurde auch eine Trennung der Gefangenen in den Lagern angeordnet, selten gab es aber Lager die national rein zusammengestellt waren. Die Trennung innerhalb der Lager brachte natürlich auch Spannungen mit sich, vorallem zwischen Ungarn, Deutschen und Tschechen. Die Slawen waren dadurch eine besondere Zielgruppe und nur so war die russische Unterstützung der Svaz bei den Aktionen für Tschechen und Slowaken zu verstehen[31].

Die Möglichkeiten der Svaz waren auf Grund der Mittel eher begrenzt, man schleuste über Kontaktpersonen Aufrufe, Flugblätter, die Zeitung der "Čechoslovák" das Organ der Svaz in die Lager ein. Die Propaganda in diesen Schriften war psychologisch aber gut aufgebaut, sie appellierte an das tschechische, slowakische Nationalgefühl, an die freundlichen russischen Brüder, an die Betreuung durch die Svaz und fordert zum Übertritt in die Družina auf.

Sie rief auf zu Geschlossenheit: " Also haltet zusammen, ratet euch gegenseitig. Entfernt aus unseren Reihen jeden, der Verräter sein könnte. ..Fürchtet nichts. Österreich wird nicht mehr existieren, .Handelt schnell, zeigt, dass ihr in Wirklichkeit Tschechen seid. Es wird euch besser gehen als in der Gefangenschaft Österreichs"[32].

Diese Werbemethoden inkludierten aber auch Erpressung, Zwang und Ausgrenzung in den Lagern, die von anderen Nationalitäten, wie z. B. den Sudetendeutschen sehr negativ bemerkt wurden. Neutrale Delegierte der Schutzmächte und das internationale Rote Kreuz machten auch die russische militärische Führung damit bekannt. Durch diese Zwangsmassnahme war der Sache der Tschechen wenig gedient, da nun der Widerstand in der Armee gegen die Aufnahme von Gefangenen in der Družina wuchs[33].

Dies war auch einer der Gründe warum die tschechisch - slowakischen Einheiten so langsam wuchsen. Anfang Jänner 1916 wurden die bestehenden Einheiten zu einem Tschechoslowakischen Schützenregiment zusammengefasst, es bestand aus 8 Kompanien, 1 Maschinengewehrabteilung, 1 Reserveabteilung und einer Musikkapelle.

Bereits im Mai aber, obwohl der Mannschaftsstand kaum angestiegen war, wurde daraus eine Schützenbrigade mit zwei Regimentern gebildet, die aber Ende 1916 eine Stärke von ca. 5750 Mann umfasste[34].

Um den weiteren Ausbau der Družina voranzutreiben, aber vorallem um nun das angestrebte Ziel einer selbständigen tschechoslowakischen Armee zu erreichen, musste sich der Nationalrat bemühen die divergierenden politischen und militärischen Meinungen in Russland auf einen Nenner zu bringen. Hier wurden vorallem Masaryk und mit ihm Štefaník aktiv, um durch eine vorsichtige Ausgleichs- und Zentralisierungspolitik ihre Ziele umzusetzen. Die Legion war in diesem Rahmen ein wichtige Faktor, da von politischer Bedeutung und daher musste es unwidersprochen sein und der politische Führungsanspruch des Nationalrates akzeptiert und respektiert werden[35].

Mit Beginn des Jahres 1917 wurde es möglich die militärischen Pläne umzusetzen, aber die Zahl der zu überwindenden Hindernisse war gross. Da war die regionale russische Bürokratie. Die Wirtschaft wehrte sich, da zahlreiche Kriegsgefangene als billige Arbeitskräfte verwendet wurden. Die Einwände aus dem russischen Militär gegen eine selbständige fremde Armee waren sehr stark, aber besondere Schwierigkeiten ergaben sich aus den politischen Verhältnissen innerhalb Russlands, vorallem nach Beginn der Revolution[36].

Aus diesem Grunde reisten Abgeordnete des Nationalrates nach Russland, insbesondere Štefaník konnte hier wesentliche Fortschritte erzielen. Am 12. Februar 1917 gab der russische Aussenminister sein Einverständnis und nach der Februarrevolutiuon wurde durch den Militärrat der provisorischen Regierung die Organisation einer tschechoslowakischen Armee verfügt. Der Generalstabschef setzte diese politische Anordnung am 22. April in eine Weisung an die Oberbefehlshaber um.

Nun wurde sofort mit Werbemassnahmen in den Gefangenenlagern, mit Flugschriften, Plakaten und Aufrufen begonnen - Pressionsmethoden waren wieder an der Tagesordnung.

Štefaník schuf als politisches Organ, im April 1917 eine Zweigstelle des Tschechoslowakischen Nationalrates[37] in Petersburg. Darin war eine offizielle Dachorganisation für alle tschechoslowakischen Verbände und Gruppen in Russland geschaffen, das ein einheitliches Agieren ermöglichte. Als Masaryk am 16. Mai 1917 nach Russland kam übernahm er den Vorsitz und konnte sich so dem Aufbau der Armee widmen[38].

Nun trat ein Ereignis ein, dessen Auswirkung militärisch und politisch von besonderer Bedeutung für die Erweiterung war. Schlagartig erhöhte es den Bekanntheitsgrad der Tschechoslowakischen Armee.

Ende Juni 1917 begann die letzte Offensive der russischen Streitkräfte, die sogenannte Kerenskij - Offensive, an der die tschechoslowakische Brigade im Rahmen des II. Korps der 11. russischen Armee teilnahm. Den russischen Kräften gelang es die Front der k.u.k. Armee einzudrücken, dabei stand die Brigade beim Dorf Zborów zwei tschechischen Regimentern[39], der k. u. k. 19.Infanteriedivision gegenüber und nahm im Laufe der Kämpfe über 3000 Mann gefangen. Dass dabei die Masse der gefangenen Tschechen aus der k.u.k. Armee desertiert sind, ist nicht zu leugnen. Dieser Diskurs beschäftigte aber sehr lange die Historiker beider Seiten. Gefangennahme versus feige Desertion oder überragender Sieg versus tschechische perfide Absprache.

Die tschechoslowakische Legion aber hatte sich damit sicher zum erstenmal im offenen Kampf bewährt, sie hatte dabei an die 150 Gefallene und mehrere hundert Verwundete.

Für die k.u.k. Armee wurde, wie in anderen Gefechten, deutlich klar wie weit der innere Zerfall bereits gediehen war. Bei den Alliierten fand die Nachricht deshalb so großes Echo, da erstmals ein militärischer Verband aus ehemaligen Bürgern der Habsburgermonarchie gegen diese erfolgreich aufgetreten war[40].

Dieser Erfolg der Legion wurde im russischen Heeresbericht ausdrücklich erwähnt, sogar der russische Befehlshaber Brussilov äusserte sich voll des Lobes. Der Misserfolg der Kerenskyoffensive war trotzdem nicht aufzuhalten, ebensowenig wie der baldige Zusammenbruch der russischen Streitkräfte.

Der Erfolg der Legion wurde nun aber zu einem besonderen Thema der Propaganda und bewirkte eine Bildung von Mythen, die zwar wesentlich von der Realität abwichen, aber zur Bildung des Selbstbewusstseins der Nation beitrugen.

Der Jahrestag der Schlacht war für die Tschechoslowakei ein wichtiges Jubiläum der Republik, er wurde der Geburtstag der tschechoslowakischen Armee[41]. Zum 80. Jahrestag der Schlacht von Zborów, im Jahre 1997, reiste sogar Präsident Vaclav Havel in die Ukraine, um in jenem kleinen Dorf an die tschechoslowakischen Soldaten zu erinnern, die hier für die Unabhängigkeit ihres Landes gekämpft hatten[42].

2.3.2. Der Aufbau der Legion.

Im Jahre 1917 war aber viel wesentlicher, dass die Russen neben den Lobreden konkret den Aufbau der Legion unterstützten, so dass am 04. Juli Kerenskij die Genehmigung zur Aufstellung der 2. Division erteilte. Masaryks Verhandlungen um die Weiterführung des Ausbaues der Legion bewirkte die Genehmigung durch den Generalstabschef Duchonin im Oktober zur Aufstellung eines Armeekorps mit 2 Divisionen, zu je 4 Regimenter, zusätzlich 2 Ersatzregimenter und zweier Artilleriebrigaden. Eine weitere Beschreibung der im Korps vorhandenen Verwaltungs-, Instandsetzungs- und Versorgungseinheiten, die die Anabasis erst ermöglichten, wird hier nicht weiter verfolgt. Als Befehlshaber und Chef des Stabes des Korps wurden die russischen Generale Sokorov und Dieterichs von Masaryk eingesetzt.

Als einleuchtende Begründung sagt er, dass die tschechoslowakischen Offiziere auf Grund ihrer niederen Dienstgrade erst Erfahrung sammeln müssten[43]. Das Ziel einer selbständigen nationalen Armee der Tschechen und Slowaken war damit erreicht, sie vergrösserte sich bis Ende 1917 auf 35000 Mann[44].

Die russische Oktoberrevolution veränderte die Lage der Legion gravierend. Das Land verfiel ins Chaos, die Sowjets wirkten nur lokal und regional, sie verschlossen sich dem Eingriff zentraler Behörden. Marodierende Soldaten und entlassene Kriegsgefangene verunsicherten und plünderten, die staatliche Versorgung brach zusammen. Die Legion musste sich nun, nach Ausfall der russischen Armee, aus dem Land durch Requirierung versorgen, die russische Bevölkerung leistete natürlich Widerstand. Durch den Friedensschluss von Brest Litovsk[45], die Legion stand in der Ukraine war auch ihre rechtliche Stellung gefährdet. Die Besetzung durch die Deutsch Wehrmacht wurde akut.

Masaryk gelang es, im Verein mit Vertretern der Entente ein Abkommen abzuschliessen, in dem die Bolschewiki der Legion bewaffnete Neutralität und freien Abzug aus Russland nach Frankreich zusicherten[46].

Variationen über die Route des Abmarsches waren ein Thema langer Überlegungen und Verhandlungen mit den Alliierten. Im Gespräch war eine Route über Archangelsk, hier war aber die Gefährdung durch deutsche U-Boote im Nordatlantik und der nur wenige Monate eisfreie Hafen das Problem[47]. Ein Einsatz in Rumänien wurde von Masaryk mit den Franzosen schon länger verhandelt, diesen lehnte er aber aus Kenntnis über die Versorgungsschwierigkeiten ab[48]. Der Weg nach Westen war durch die Armeen der Mittelmächte versperrt, so blieb der fast utopische Plan, der Weg durch das asiatische Russland - Sibirien - an den Pazifik und von dort per Schiff über die USA nach Frankreich[49].

Die tschechischen Verbände begannen mit der Räumung der Ukraine, da diese mit den Mittelmächten bereits Anfang Februar einen Waffenstillstand geschlossen hatte. Da die deutschen Truppen weiter vorstiessen kamen Teile der Legion, die westlich Kiew standen mit ihnen in Gefechtsberührung, sie konnten sich aber nach Gefechten bei dem Ort Bachmač, ca. 200 km ostwärts Kiew, am Wege nach Kursk, von ihnen lösen und den Marsch nach Osten fortsetzen.

Dem Ansinnen der Bolschewiki mit ihnen zusammenzuarbeiten lehnte die Legion ab, ihren Auftrag zur Neutralität wollten sie beibehalten, ihr Ziel war die weite Reise nach Frankreich.

Am 26. März 1918 wurden der Legion durch Josef Stalin, zu dieser Zeit Volkskommissar für Nationalitätenfragen, die Bedingungen für den sofortigen Abmarsch bekanntgegeben. Die russischen Kommandanten sollten abgelöst, die Waffen soweit abgegeben werden, dass nur eine geringe Anzahl pro Transportzug (Echelon) behalten werden sollten. Der Vertrag hatte eine interessante Formulierung Stalins, er sprach nicht von Kampfeinheiten, sondern von "Gruppen freier Bürger, die eine bestimmte Menge von Waffen, zu ihrem Schutze vor Überfällen von Seiten der Gegenrevolution mit sich führen"[50].

Dieser Vertrag wurde umgesetzt, aber, da sie kein Vertrauen zu den bolschewistischen Militärkräften hatten, wurde die Masse der Waffen in den Zügen versteckt.

Der Transport begann und im Laufe der Monate April und Mai hatte sich die gesamte Legion von Pensa bis Wladiwostok, auf einer Strecke von über 9000 km verteilt. Diese Strecke wurde aber von der Legion, im Gegensatz zu später, nicht beherrscht. Sie besetzten nur Stützpunkte, dazwischen standen die bolschewistische Truppen oder internationale Militäreinheiten, meist Kriegsgefangene Ungarn oder Deutsche. Die laufende Behinderung, die restriktive Zuteilung von Waggons und Lokomotiven, sowie die dazu notwendigen Verhandlungen mit lokalen eigenmächtig handelnden Sowjets bereitete ernste Schwierigkeiten. Dies machte die Legion immer misstrauischer, zusätzlich zu ihrer Erkenntnis, dass die Zersplitterung eine Verminderung der eigener Schlagkraft bedeutete[51].

In dieser Situation wurde die Außenstelle des Nationalrats und die Legion von einem Befehl überrascht - überbracht über russische Dienststellen - der verlangte den Transport aller westlich von Omsk stehenden Kräfte zu stoppen und sie nach Archangelsk umzuleiten. Dies war ein Plan des Obersten Alliierten Kriegsrates, der nach dem Beschluss mit alliierten Kräften in Russland zu intervenieren, beschlossen hatte, Teile der Legion vorerst für Sicherungs- und eventuelle Verteidigungsaufgaben im Gebiet Archangelsk, Murmansk einzusetzen und von dort nach Westeuropa zu transportieren. Die Bolschewiki hatten dieser Änderung bereits zugestimmt. Hier geschah nun der eklatante Fehler der alliierten politisch - militärischen Führung die Chaossituation in Russland und die psychologische Lage der Legion aus Unwissenheit völlig falsch zu beurteilen. Selbst Beneš spricht von "taktisch und politischen Fehlern" weil die Betroffenen über Planungen, Absicht und Beweggründe nicht informiert waren[52]. Die Legion hatte kaum Verbindung mit der Aussenwelt, d.h. mit den diplomatischen und militärischen Missionen in Moskau oder Petersburg und war mit ihren Problemen auf sich allein gestellt. Informationen waren spärlich, für Gerüchte und Parolen war man daher besonders anfällig. Hinter diesem Befehl vermutete man daher deutsche und bolschewistische Intrigen die Legion zu zerteilen und den Deutschen auszuliefern. Trotzdem verhandelte die Aussenstelle des Nationalrates mit der Sowjetregierung darüber[53].

Nun trat ein nicht vorhersehbares Ereignis ein, das alle Pläne durcheinander brachte. Am 14. Mai 1918 gab es in der westsibirischen Stadt Čeljabinsk einen Zwischenfall. Ein ungarischer Heimkehrer warf aus einem Zug einen Gegenstand, der einen tschechischen Soldaten schwer verletzte. Die tschechischen Soldaten stoppten den Zug und erschlugen den Ungarn. Aus diesem Grunde wurden sie aber vom Stadtsowjet festgenommen. Daraufhin kam es zu Gewaltausbrüchen, die Legionäre besetzen die Stadt und befreiten die Festgenommenen. Die Ruhe war zwar bald wieder hergestellt, als diese Legionstruppen die Stadt verliessen.

Der neue Kriegskommissar Trotzkij, liess auf Grund dieses Vorfalles, die beiden Abgesandten des Nationalrats, die in Moskau verhandelten, festnehmen. Diese mussten im Namen des Nationalrats die Legion auffordern, unter Strafandrohung alle Waffen an die Ortssowjets abzuliefern und Troztky untersagte der Legion weiter nach Osten zu marschieren.

Der in Čeljabinsk tagende "Kongress des tschechoslowakischen revolutionären Heeres in Russland" lehnte in seiner Antwort vom 23. Mai diese Aufforderung mit der Bemerkung ab, sie sehen die Sowjetregierung nicht imstande, der Legion die freie und gesicherte Durchfahrt nach Wladiwostok zu gewährleisten. Gleichzeitig hatte der Kongress einen "Provisorischen Vollzugsausschuss" gebildet, der für die Durchführung des Transportes nach Wladiwostok allein verantwortlich war. Er hatte damit der politischen Führung, der Aussenstelle des Nationalrates, für diese Aufgabe die Zuständigkeit entzogen, sie konnte nur mehr im Ausschuss mitreden.

Nur zwei Tage später erliess Trotzkij einen Befehl per Telegramm, worin er alle Sowjets entlang den Eisenbahnstrecken bei Strafe verpflichtete die Tschechoslowaken zu entwaffnen. Wer sich weigerte sollte sofort erschossen werden. Jeder Echelon mit auch nur einem Bewaffneten, sei zu internieren, jeder weitere Transport zu unterbinden.

2.3.3. Die Anabasis

Damit war ein offener Konflikt mit der Tschechoslowakischen Legion ausgebrochen.

Der Befehl wird in der Literatur mit Recht als unsinnig und töricht bezeichnet, besonders deswegen, weil die Bolschewiki zu diesem Zeitpunkt keine, mit der Legion vergleichbaren Truppen zur Verfügung hatten[54].

Anderseits meint Masarayk, dass Moskau wahrscheinlich dem Druck und übertriebener Panikmache lokaler Sowjets erlegen war[55].

Drei Offiziere waren Mitglied des Vollzugsausschusses und zugleich waren sie die drei Abschnittskommandanten entlang der sibirischen Eisenbahn. Radola Gajda übernahm den Ostabschnitt von Omsk bis Wladiwostok, Sergej Vojčechovský war zuständig für den Abschnitt zwischen Omsk und Čeljabinsk und Stanislav Čeček für den Abschnitt Čeljabinsk bis an die Wolga.

Am 25. Mai 1918 begannen die Kämpfe um die Inbesitznahme der Bahnstrecke, bis zum 6. Juli waren die wichtigsten Stationen und weite Teile der transsibirischen Eisenbahn von der Wolga, die Städte Penza, Samara und Kazan waren dort erobert, bis nach Irkutsk am Baikalsee in der Hand der Legion, die somit wieder entlang dieser Magistrale zusammengeführt war.

Im Osten wurden die Eroberungen fortgesetzt, entlang der Amurstrecke und die Verbindungen in die Mandschurei wurden freigekämpft, wo man sich Anfang September mit den Einheiten aus Wladiwostok vereinigte. In diesem Bereich agierten aber auch Einheiten der alliierten Interventionkräfte; entlang der Amurstrecke vorallem Japaner, an der Küste alliierte See- und Marinestreitkräfte.

Die Erfolge der Legion hatten als Konsequenzen für die Bolschewiki

- den raschen Ausbau der Roten Armee um den gegenrevolutionären Kräften Herr zu werden, zu denen nun auch die Legion zählte
- die Erkenntnis eines Reservoirs gegenrevolutionärer Elemente in den eroberten Gebieten, womit sie automatisch die Legion in Verbindung brachten.[56].
- das Abschneiden der mittleren Wolga und Sibiriens, als Rohstoff- und Nahrungsmittellieferant, von Moskau.

Für die Mittelmächte ergab sich eine Konsequenz durch die Blockade der Transsibirischen Eisenbahn und dessen Angelände da die Heimkehr hunderttausender Kriegsgefangener um mindestens 2 Jahre verzögert wurde. Dies verhinderte ihren Wiedereinsatz in den Armeen aber beeinflusste natürlich das persönliche Schicksal vieler Menschen.

Als Konsequenzen für die Legion ergab sich ein Abweichen von der unbedingten Neutralität in den russischen Auseinandersetzungen, einer der wesentlichen Grundsätze Masaryks.

Die Legion hatte sich dazu Anfang Juli entschlossen[57], um als Speerspitze der alliierten Interventionstruppen die Wolgalinie zu halten, um die Bolschewiki und auch die Mittelmächte von den Versorgungszentren Sibiriens abzuschneiden. Die Wendung der Legion gegen die Bolschewiki erfolgte aber nicht aus ideologischen Gründen, sondern als eine Reaktion auf die, die Existenz gefährdenden Aktionen der Sowjets und die von der Legion angenommene Verbindung der Sowjets mit den Deutschen[58]. Dass einzelne Offiziere ideologisch unterlegt handelten, wird hier nicht in Frage gestellt.

Die Erfolge der Legion erbrachten ein weltweites Echo, sie machten die Legion plötzlich wieder bekannt. Masaryk befand sich zu dieser Zeit in den USA und schreibt über die überschäumende Begeisterung, die aber auch aus Unkenntnis der Sachlage erfolge - jedenfalls hatte die amerikanische Öffentlichkeit ihre Helden. Auch Europa registrierte diesen Erfolg[59]. Von den Alliierten wurde aber auch der Zeitpunkt erkannt, um die antisowjetische Einstellung der Legion, die Feindschaft gegen die Deutschen und die Ungarn, ihren Mut und die Abenteuerlust, sowie ihr politisches Geltungsbedürfnis, für ihre Interessen, der Eindämmung der Bolschewiki, zu nutzen[60].

Am 1. tschechoslowakischen Militärkongress in Omsk, Anfang August wurde die politische und militärische Führung neu geordnet. Die Legion wurde ein politischer, organisatorisch und rechtlich selbständiger Verwaltungskörper und der erste tschechische Kommandant des Armeekorps wurde Generalmajor Jan Syrový, der ab 1. September 1918 auch Kommandant aller Streitkräfte im befreiten Territorium war[61].

Am 10. August war die Eroberung von Kazan durch die Legion und die sie unterstützenden weissen Truppen abgeschlossen. Der Goldschatz des Zaren fiel ihnen in die Hände, sie übergaben ihn an die Regierung in Samara[62]

Jetzt zeigten sich aber die Grenzen der Legion. Die Bevölkerung war äusserst zurückhaltend, die Arbeiterschaft war bolschewistisch, das Auftreten der Legion und der Weissen war provozierend und teilweise grausam. Zugleich hatten die Massnahmen Troztkijs bei der Erneuerung der Roten Armee erste Erfolge, diese trat nun entlang der Kama und Wolga zum Angriff an. Anfang September konnte sich die Legion nur unter schweren Verlusten aus der Umklammerung lösen und zurückziehen. Bis Mitte Oktober verlegten die tschecho-slowakischen Verbände zur Gänze aus den Wolgagebieten Richtung Osten.

Die bislang so erfolgreiche Legion stürzte in die Krise. Ihre Ziele, die sie motiviert hatten, den Kampf entlang der Bahn Richtung Heimat, hatten sie selbst verraten. Der Stolz als Speerspitze der Alliierten zu kämpfen und die Erfolge waren verblaßt. Oft waren es nur gewagte Abenteuer gewesen, des Öfteren war es nur Geltungsbedürfnis und Habgier. Die erwartete Unterstützung[63] durch alliierte Truppen war für sie nicht erkennbar gewesen und ihre Zielsetzungen ihnen völlig unklar. Die Offiziere waren nicht weniger befallen als die Mannschaft. Als ein Regiment dem Kommandanten der 1. Division, Oberst Švec den Gehorsam verweigerte, erschoss sich dieser, die Schande war im zu gross. Erst dieser tragische Vorfall brachte die Soldaten zur Besinnung, das Regiment ging wieder in den Einsatz.

In Sibirien putschte, im November 1918, der russische Admiral Alexander Kolčak gegen die gemässigte national-konservative, weisse Regierung in Omsk. Der Kommandant der 2. Division R. Gajda hatte starke gemeinsame Interessen mit Kolčak und verliess daher im Dezember, zusammen mit anderen Offizieren die Legion und unterstellte sich dem Diktator.

Nach diesen Ereignissen gaben die Vertreter des Nationalrates in Russland, im Einvernehmen mit dem Befehlshaber der Legion eine Erklärung ab. Sie war gerichtet an die russische Öffentlichkeit und die Vertreter der Entente. In der Erklärung distanzierten sie sich vom Regime Kolčaks und sie forderten die eigene Truppe auf sich herauszuhalten[64].

Während dieser Krise kam M. Štefaník zur Legion - er war nach der Gründung der Tschechoslowakischen Republik (CSR) zum Verteidigungsminister ernannt worden. Er erkannte den Zustand der Truppe schnell. Seine Beurteilung nach einer ausführlichen Inspektion zeigte Realismus und Verständnis für ihre aussergewöhnlichen psychischen Belastungen.

Er nahm nun die Umwandlung der Legion in die reguläre Armee der entstehenden CSR vor, um durch die Neuorganisation ihre Aufmerksamkeit auf Prag zu lenken. Er löste mit Erlass vom Dezember, dieser wurde aber erst im Februar 1919 verlautbart, die politische Selbstverwaltung und die Aussenstelle des Nationalrates auf. Die gesamte Verwaltung wurde dem Verteidigungsministerium unterstellt. Der Militärkongress, eine parlamentarische Vertretung der Legionäre in Russland war noch im Dezember gewählt worden. Die Forderung nach seiner Auflösung führte zu einer neuen Krise, die Auflehnung und Gewalt gebracht hatte, aber Ende 1919 endgültig beigelegt worden war.

Der Befehlshaber der Legion General Syrový legte den Oberbefehl über die gesamte weisse Front nieder, er wurde am 1. Februar 1919 der Kommandant des Tschechoslowakischen Heeres in Russland, als ein Teil der Tschechoslowakischen Armee in der Heimat.

Der französische General Mauric Janin wurde Oberbefehlshaber aller Alliierter Streitkräfte im östlichen Russland und Sibirien. In den Wintermonaten 1918/19 wurde die Legion aus der Frontlinie zurückgenommen, sie sollte als Teil der alliierten Truppen nur mehr defensiv verwendet werden[65].

Mitte des Jahres 1919 wurde mit Erlaß auch die Aufnahme tschechoslowakischer Staatsbürger genehmigt, die nicht tschechisch oder slowakisch sprachen. Es wurden ca. 830, Deutsche, 63 Ungarn und 43 Juden aufgenommen und im sogenannten "Ausländer-Bataillon " zusammengefaßt.

Schon 1918 in Samara hatte die Legion begonnen und in Sibirien weitergeführt, Werbung, Aufstellung, Organisation, Ausbildung sowie Einsatz von nationalen Einheiten der Polen, Serben und anderer Südslawen, Rumänen auch Letten und Italiener, unter ihrer Leitung zu übernehmen. Sie wurden, wegen ihres geringen Kampfwertes vorallem als Nachschub- und Baueinheiten verwendet[66].

Ab Jänner 1919 wurde die Legion verlegt, mit dem Kommando nach Irkutsk, die Strecke zwischen Tomsk (no Novosibirsk) und Irkutsk wurde in drei Divisionsabschnitte von 500 bis 900 km geteilt. Das 6. Regiment sowie das Ersatzregiment stationierte man in Omsk beim Alliierten Oberkommando. Der Transport der Einheiten (450 Echelons) aus dem Ural bis in den Baikal dauerte 4 Monate und war im Mai 1919 abgeschlossen. Die Bolschewiki behinderten die Transporte durch Störaktionen machten aber meist nur materiellen Schaden, der schnell repariert war[67].

Das tschechoslowakische Heer in Russland umfasste Anfang 1919, im Vorjahr waren noch zahlreiche Freiwillige dazu gestossen, eine Stärke von ca. 60000 Mann, gegliedert in 3 Divisionen je 4 Regimenter, 1 Ersatzregiment, 2 Kavallerieregimenter, 3 leichte Artillerieregimenter und 3 schwere Artilleriebataillone, eine Eisenbahnartilleriebatterie, eine kleine Fliegereinheit, sowie Versorgungs- und technische Truppen[68].

Die ersten Heimtransporte begannen schon im Jänner 1919, die Alliierten hatten die Genehmigung aber nur für die Alten, Kranken und Invaliden gegeben; insgesamt wurden 4621 Soldaten auf verschiedenen Schiffen nach Hause gebracht[69].

Nach all den jahrelangen Strapazen und Gefahren machte sich bei den Soldaten der Legion nur mehr der Gedanke an eine sichere Heimkehr breit. Die Verhältnisse in Sibirien wurden durch die Auflösungserscheinungen in der weissen Armee und dem Vordringen der Bolschewiki immer unsicherer, an einen offensiven Kampf dachte die Legion nicht mehr.

Nach dem Zusammenbruch der weissen Front im Oktober begann eine unkontrollierte Fluchtbewegung nach Osten entlang der sibirische Magistrale. Die weissen Kräfte versuchten die Strecke mit Gewalt für ihre Bewegungen in die Hand zu bekommen. Um den Transport der Legion sicherzustellen liess General Syrový am 16. Dezember 1919 die gesamte Strecke westlich von Krasnojarsk sperren, bis am 4. Jänner 1920 der letzte tschechische Echelon die Stadt passierte. Da die Rote Armee vehement nachdrängte und mit der Legion schon in Gefechtsberührung gekommen war trat das Kommando mit den Bolschewiki in Verhandlung. Am 7. Februar wurde ein Protokoll des Friedens abgeschlossen, dass die Bedingungen für einen ungehinderten Abzug nach Wladiwostok sicherstellte und damit ein Ende der Kämpfe zwischen der Roten Armee und der Legion erreichte.

Am 15. Jänner verliess das erste Schiff Wladiwostok, am 2. September das letzte, die Soldaten dieses Transports erreichten am 20. November 1920 Prag[70].

3. Propaganda - Kriegspropaganda, Diplomatie - Politik.

Masaryk und Beneš waren Gehirn und Motor, Štefaník ihr Wegbereiter zur tschechoslowakischen Staatswerdung.

"Die Verbündeten insgesamt - auch Frankreich - kannten uns nicht als Nation, kannten nicht unsere Ziele, Pläne und Ideen..."[71]. Das zu ändern war ihr erstes Ziel. Masaryk hielt Vorträge in Paris in London, privat und an den Universitäten, sie gründeten Zeitschriften, sie schrieben Memoranden, Denkschriften, veranstalteten öffentliche Diskussionen, um der westlichen Unwissenheit zu begegnen.

An der Universität in London hatte der britische Mentor Masaryks, R. W. Seton-Watson eine "School of Slavonic Studies" vorbereitet, um ihm eine Plattform zu bieten, von der er Zugang zu Intelligenz und Politik gewann. In Paris wurde eine Vortragsreihe an der Sorbonne gestartet wo Masaryk über die Lage der Slawen und Beneš über das tschechoslowakische Problem sprachen[72].

In Paris wurden die Zeitschriften "Nation Tchèque", "Le Monde Slave" und "Čechoslovenská Samostatnost" herausgegeben, die das Sprachrohr der Tschechen und Slowaken in Frankreich waren, und später darüber hinaus. Hier schrieben alle, die an die Sache der Tschechen und Slowaken interessiert waren und sie unterstützen wollten.

In London bildete sich, wie in Frankreich, ein Kreis gebildeter, einflussreicher Förderer der tschechoslowakischen Sache. Es wurde, wieder durch Seton-Watson, "The New Europe", eine Zeitschrift für die Befreiungsideen der mitteleuropäischen Nationen gegründet.

Ähnlich ging man in anderen Ländern vor, wie in Russland, Italien und der Schweiz, man wollte so die eigenen Ideen und Vorstellungen der Öffentlichkeit und den Meinungsträgern verständlich machen.

Dieses Agieren war propagandistisch, wie Beneš sagte, "...weil auf diese Weise erst eine Grundlage der weiteren Tätigkeit geschaffen werden musste. Man kannte uns in der öffentlichen Meinung und den offiziellen Kreisen so wenig, dass wir wirklich genötigt waren, sie mit dem Abc unserer Bestrebungen vertraut zu machen"[73].

Dieses Agieren war Propaganda, war eine "Form der Werbung, besonders für bestimmte geistige Ziele und politische Ideen"[74].

In dieser strategischen Ebene wandelte sich aber die Propaganda. Von der reinen Information und Beeinflussung, zum Aufbau von Beziehungen, Verhandlungen und zum Streben nach Machtanteilen, d.h. von der Propaganda zur Diplomatie und Politik.

Inhaltlich stellt dies Beneš dar: "...wir setzten unsere Arbeit immer in der gleichen Weise fort, verwandelten uns aber je weiter desto mehr aus Propagandisten in Politiker, militärische Organisatoren und später auch in politische Unterhändler und Diplomaten. So beginnt unsere Arbeit sich klar abzuheben als - Propaganda - Gefangen- und Militäraktion und - politisch - diplomatische Arbeit"[75].

Die Gefangenen- und Militäraktion, die operativ - taktische Ebene aber lieferte die Grundlagen für eine fortlaufende, nach innen und aussen, zeitweise fast weltweit gerichtete Propaganda, die man auch als Kriegspropaganda bezeichnen könnte, weil sie durch die kriegerischen Ereignisse genährt wurde.

Hier gibt es drei wesentliche Beispiele:

Nach der Schlacht im Raume Zborów, die Leistung wurde überhöht dargestellt, kam es bald zu Mythen und Legendenbildung. Für das Selbstbewusstsein der Regimenter aber war es von besonderer Wichtigkeit. Für die Propaganda der Svaz und des Nationalrates, sowie für die militärische Führung der Družina war es ein Mittel Anerkennung zu verlangen.

Bei den Alliierten wurde erkannt, dass nicht nur Ideale und Träume die Protagonisten der tschechoslowakischen Idee trieben, sondern sie in der Lage waren harte Fakten als Beiträge auf dem Schlachtfeld zu liefern. Gleichzeitig konnte, die nicht nur in Zborów bewiesene Tatsache der langsam zerfallenden k.u.k. Armee, von allen Alliierten propagandistisch ausgenützt werden.

Die Gefechte bei Bachmač, bewiesen noch einmal die taktischen Fähigkeiten der Legion, sie waren nicht so bekannt, konnten aber als Propaganda in "Fachkreisen" dienen.

Die Anabasis der Legion, die Inbesitznahme der Magistrale nach Wladiwostok war wohl der spektakulärste Propagandaerfolg und verhalf der Legion endgültig zu ihrer Anerkennung als ebenbürtige, kriegführende, d.h. beitragleistende Armee. Masaryk erlebte es in den USA und erkannte dabei aber auch die Hohlheit der Begeisterung einer modernen Gesellschaft - die tschechoslowakische Sache profitierte davon allerdings besonders[76].

Wie jeder Erfolg barg auch dieser bereits die Niederlage in sich. Das Erstarken der Roten Armee, die Überschätzung der eigenen Fähigkeiten, daraus folgend das Abenteurertum, die Verführung der Macht im und mit dem sibirischen autoritären Regime. Dessen Zusammenbruch zog eine innere Krise der Legion nach sich. Die negative Propaganda mussten, mangels kriegführender Parteien, in der Nachkriegszeit die Historiker austragen, die Literatur dazu ist zahlreich[77].

4. Schlusswort.

Die USA, Frankreich und Grossbritannien erwarteten von der Legion, dass sie das fehlende Engagement der Alliierten im Interventionskrieg, so furios wettmachen würden, wie die schnelle Inbesitznahme der Transsibirischen Eisenbahn. Diese war eine herausragende, gut geplante militärische Operation gewesen, die den Vorteil hatte, nur lokal reagierenden Soldatenhaufen gegenüber zu stehen. Die Legion konnte diese Operation schnell und zügig durchführen, weil sie keine professionell geführten Streitkräfte bekämpfen musste.

Die Alliierten, die aus der Peripherie nie in das Zentrum gelangten, die die russischen chaotischen Verhältnisse sicher unterschätzten, überschätzen aber die Fähigkeiten der Legion - allein - in einer inhomogenen, von differierenden Interessen getriebenen weißen Armee, den stabilen Nukleus zu bilden.

Ähnlich beurteile ich die hypothetische Frage, die von einem Einsatz der Legion gegen die Bolschewiki, in die Direktion Moskau und Leningrad, eine Änderung der Geschichte ableiten will. Hierbei sehe ich zwei gravierende militärische und eine politische Ursache an dem der angestrebte Erfolg einer solchen Hypothese vermutlich gescheitert wäre.

Die Legion wird grundsätzlich in ihrer Kampfkraft überschätzt, sie hatte für eine solch weitreichende Operation keine ausreichenden Unterstützungselemente, keine ausreichende schwere Artillerie, kein Element der Luftunterstützung, keine ausreichende Stärke und nur eine auf dem Zufallsprinzip basierende Versorgung. Sie hätte ein militärisches Abenteuer beginnen sollen, ohne jegliche Unterstützung durch potente und professionelle Streitkräfte, gegen die Rote Armee, die sich so schnell konstituierte.

Was aber viel schwerer wog, war der Kampfwert, der unter anderem abhängig ist, von der Motivation, den Zielen und der psychologischen Belastbarkeit. Dieser war nicht so hoch aber vor allem nicht so stabil, das zeigte sich bei der Entstehung und den Ursachen der Krisen. Innerhalb der Legion waren demokratische Institutionen wirksam, die die Meinung aller Soldaten vertraten und diese waren imstande die Intentionen zu Abenteuern einzelner Offiziere einzuschränken.

Und nun sollte sie ihr Traum die Heimat zu erreichen und ihr Überlebenswille im Chaos der Revolution, plötzlich in die entgegengesetzte Richtung, nach Moskau führen? In diesem Land des Untergangs! Als fremde Eroberer einer feindlichen Bevölkerung gegenüber, die sie zur eigenen Versorgung hätten ausbeuten müssen?

Dem schließt sich die Frage an, welche politische Konstellation in Russland einen als unwahrscheinlich beurteilten, kurzlebigen militärischen Erfolg, politisch langfristig und erfolgreich hätte ausnützen sollen?

Von den zerstrittenen alten russischen Eliten, die in dieser zerstörten Ordnung nur ein Interesse hatten, ihre alten Privilegien und Machtzugänge wieder zu erhalten, wäre die Legion nur benützt worden - dabei wäre sie untergegangen!

Dies meinte auch Masaryk als er schrieb: "Die Zustände in Russland diktierten kategorisch die Regel, sich nicht einzumischen"[78].

5. LITERATURVERZEICHNIS

Edvard Beneš, Der Aufstand der Nationen. Der Weltkrieg und die Tschechoslowakische Revolution, Berlin 1928.

Karl Bosl, Handbuch der Geschichte der Böhmischen Länder Bd 3, Stuttgart 1968

John Bradley, The Czechoslovak Legion in Russia 1914-1920, New York 1991.

Josef Kalvoda, The Genesis of Czechoslovakia, New York 1986.

Margarete Klante, Von der Wolga zum Amur. Die tschechische Legion und der russische Bürgerkrieg, Berlin/Königsberg 1931.

Thomas G. Masaryk, Die Weltrevolution. Erinnerungen und Betrachtungen 1914 - 1918, Berlin 1925.

Manfried Rauchensteiner, Der Tod des Doppeladlers. Österreich - Ungarn und der erste Weltkrieg, Graz/Wien/Köln 1994.

Richard Pipes, Die Russische Revolution 2. Die Macht der Bolschewiki, Berlin 1992.

Richard G. Plaschka, Odvanzo und Piazza Venezia. Zur Aufstellung tschechoslowakischer Freiwilligenverbände in Italien im Ersten Weltkrieg, in: Römische Historische Mitteilungen 29, Otto Kresten, Adam Wandruszka ed., Wien 1987, 459-475.

Theodor Schieder ed., Handbuch der europäischen Geschichte Bd 7/2, Stuttgart 1979.

Helge Selleny, Das politische Werden der autonomen Tschechoslowakischen Armee in Italien während des Ersten Weltkrieges, phil. Diss, Wien 1969.

Emil Strauss, Die Entstehung der Tschechoslowakischen Republik, Prag 1934.

Gerburg Thunig - Nittner, Die Tschechoslowakische Legion in Russland. Ihre Geschichte und Bedeutung bei der Entstehung der 1. Tschechoslowakischen Republik, Wiesbaden 1970.

INTERNET:

Katrin Bock, Die Schlacht von Zborów, abgerufen von der Homepage des tschechischen Rundfunks, http://www.radio.cz/de/artikel/30445 am 27.02.2002.

[...]


[1] Theodor Schieder ed., Handbuch der europäischen Geschichte Bd 7/2, Stuttgart 1979, 927.

[2] Karl Bosl, Handbuch der Geschichte der Böhmischen Länder Bd 3, Stuttgart 1968, 300.

[3] Thomas G. Masaryk, Die Weltrevolution. Erinnerungen und Betrachtungen 1914 - 1918, Berlin 1925, 33.

[4] Edvard Beneš, Der Aufstand der Nationen. Der Weltkrieg und die Tschechoslowakische Revolution, Berlin 1928, 96.

[5] Tschechische Gefolgschaft

[6] Gerburg Thunig - Nittner, Die Tschechoslowakische Legion in Russland. Ihre Geschichte und Bedeutung bei der Entstehung der 1. Tschechoslowakischen Republik, Wiesbaden 1970, 73.

[7] = der Hinaufstieg. Der Name zweier Geschichtswerke des Altertums betreffend der Feldzüge Alexander d. Grossen und Kyros d. Jüngeren.

[8] die Zahl muss in Zweifel gezogen werden, sie erscheint zu hoch. Josef Kalvoda, The Genesis of Czechoslovakia, New York 1986, 68. - schreibt von ca. 700000 um 1910 und 1,2 Millionen um 1920, davon die Mehrheit Slowaken.

[9] Thunig, Legion, 6.

[10] Masaryk, Weltrevolution, 231f.

[11] Emil Strauss, Die Entstehung der Tschechoslowakischen Republik, Prag 1934, 95f.

[12] Beneš, Aufstand, 62f.

[13] Masarayk, Weltrevolution, 79-82., Bosl, Handbuch, 311f.

[14] Thunig, Legion, 151.

[15] Beneš, Aufstand, 114f.

[16] Bosl, Handbuch, 361-363.

[17] Čechoslovenský dobrovolnický sbor

[18] Richard G. Plaschka, Odvanzo und Piazza Venezia. Zur Aufstellung tschechoslowakischer Freiwilligenverbände in Italien im Ersten Weltkrieg, in: Römische Historische Mitteilungen 29, Otto Kresten, Adam Wandruszka ed., Wien 1987, 459-475, 461.

[19] Helge Selleny, Das politische Werden der autonomen Tschechoslowakischen Armee in Italien, während des ersten Weltkrieges, phil. Diss Wien 1969, 47.

[20] Plaschka, Odvanzo, 463-465. siehe auch Bosl, Handbuch, 365.

[21] in Verbindung mit der Zusatzkonvention, 30.06.1918, diese sprach von nationaler Souveränität und der Recht- sprechung in Bezug auf das Heer.

[22] Plaschka, Odvanzo, 466 - 471.

[23] Thunig, Legion, 8.

[24] alle Datumsangaben werden nach dem Gregorianischen Kalender zitiert!

[25] Strauss, Entstehung, 94.

[26] Thunig, Legion, 10f; siehe auch Masaryk, Weltrevolution, 153f.

[27] Margarete Klante, Von der Wolga zum Amur. Die tschechische Legion und der russische Bürgerkrieg, Berlin/Königsberg 1931, 54f.

[28] Haager Landkriegsordnung 18.10.1907, Abschnitt II Feindseligkeiten, Kapitel I, Art 23. hier wird allerdings nur von "zwingen" gesprochen.

[29] Svaz československých spolků na Rusi.

[30] Thunig, Legion, 11-13.

[31] Klante, Wolga, 54-56.

[32] Thunig, Legion, 252.

[33] ebenda 16., siehe auch Klante, Wolga, 72f.

[34] ebenda, 17.

[35] Beneš, Aufstand, 106-109.

[36] Thunig, Legion, 152f.

[37] Odbočka Československé Národní Rady

[38] Thunig, Legion, 21.

[39] Infanterieregiment Nr. 35 und 75

[40] Manfried Rauchensteiner, Der Tod des Doppeladlers. Österreich - Ungarn und der erste Weltkrieg, Graz/Wien/Köln 1994, 482f., siehe auch Thunig, Legion, 23.

[41] Thunig, Legion, 28.

[42] Katrin Bock, Die Schlacht von Zborów. Von der Homepage des tschechischen Rundfunks, http://www.radio.cz/de/artikel/30445 vom 27.02.2002.

[43] Masaryk, Weltrevolution, 173f.

[44] Thunig, Legion, 30.

[45] 03.03.1918.

[46] Masaryk, Weltrevolution, 184.

[47] ebenda, 206f.

[48] ebenda, 195.

[49] Thunig, Legion, 31.

[50] Klante, Wolga, 137.

[51] Thunig, Legion, 46-48.

[52] Beneš, Aufstand, 476.

[53] John Bradley, The Czechoslovak Legion in Russia 1914-1920, New York 1991, 84f.

[54] Thunig, Legion, 49-57.

[55] Masaryk, Weltrevolution, 291.

[56] Richard Pipes, Die Russische Revolution 2. Die Macht der Bolschewiki, Berlin 1992, 489-493.

[57] auf Grund eines Wunsches des Alliierten Oberkommandos in Paris vom 20. Juni 1918, überbracht durch den Vertreter der französischen Militärmission Alfose Guinet.

[58] Thunig, Legion, 65-67.

[59] Masaryk, Weltrevolution, 287f.

[60] Thunig, Legion, 67.

[61] ebenda, 67-71.

[62] KOMUČ, Komitee der verfassunggebenden Versammlung, eine antibolschewistische Regierung im Wolgagebiet.

[63] sie beschränkten sich auf materielle Hilfe, die alliierten Kräfte kamen nie über Irkutsk hinaus.

[64] Thunig, Legion, 74-80.

[65] Thunig, Legion, 80-82.

[66] ebenda, 96f.

[67] ebenda, 98.

[68] ebenda, 90-92., siehe auch Masaryk, Weltrevolution, 300. Er spricht von 92000 Mann,

[69] Thunig, Legion, 101.

[70] ebenda, 103f, 109, 115, 123.

[71] Beneš, Aufstand, 61.

[72] Bosl, Handbuch, 312.

[73] Beneš, Aufstand, 75-87.

[74] ein Begriff für Propaganda, nach dtv Lexikon in 20 Bänden

[75] Beneš, Aufstand, 76.

[76] Masaryk, Weltrevolution, 287f.

[77] Thunig, Legion, XIII-XIX.

[78] Masaryk, Weltrevolution, 199.

27 von 27 Seiten

Details

Titel
Die Tschechoslowakischen Legionen und die Kriegspropaganda
Hochschule
Universität Wien
Veranstaltung
Seminar Die Tschechoslowakischen Legionen und die Kriegspropaganda
Note
1
Autor
Jahr
2004
Seiten
27
Katalognummer
V110475
Dateigröße
602 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tschechoslowakischen, Legionen, Kriegspropaganda, Seminar
Arbeit zitieren
Magister Klaus Köhler (Autor), 2004, Die Tschechoslowakischen Legionen und die Kriegspropaganda, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110475

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