Wie bildet sich der Musikgeschmack?


Ausarbeitung, 2006

35 Seiten, Note: CH: 5.5 (=D: 1,5)


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Inhaltsverzeichnis

VORWORT

EINLEITUNG
Dimensionen des Themas

VORBEREITUNG
1 METHODIK
2 DEFINITIONEN
2.1 Parameter der Musik
2.2 Die behandelten Stilrichtungen

DIE INDIKATOREN
1 SOZIALE INDIKATOREN
1.1 Einwirkung des familiären Umfelds
1.2 Musik als Erkennungsmerkmal
1.3 Begrenzte Auswahl
1.4 Gruppenzwang
1.5 Schlechte Ruf
1.6 Herdentrieb
2 MUSIKALISCHE INDIKATOREN
2.1 Rhythmus
2.2 Harmonie, Melodie, Dynamik, Klang
2.3 Unterschiedliches Volumen der Musik
2.4 Stimmung eines Liedes
3 REIN PSYCHOLOGISCHE INDIKATOREN
3.1 Musik ist Charaktersache
3.1 Einwirkung des eigenen Musizierens
4 VERÄNDERUNG DES MUSIKGESCHMACKS
4.1 Frequentierung der Wechsel
4.2 Wechsel und Konstante
4.3 Sättigung und der Wille nach Abwechslung
4.4 Polarisierung
4.5 Veränderung des Umfelds
4.6 Verändernde Ansprüche
4.7 Lebensphilosophie einer Stilrichtung
4.8 Ende der Veränderung

REFLEXION
1 FAZIT
1.1 Wie bildet sich der Musikgeschmack
1.2 K o nt ext
2 PROBLEME UND SCHWIERIGKEITEN
2.1 Komplexität
2.2 Zeitaufwand
3 POSITIVE SEITEN
3.1 Motivation
3.2 Fragestellung
3.3 Danksagung
3.4 Bestätigung
4 QUELLEN
4.1 Internet
4.2 Bücher
4.3 Zeitung
4.4 Bilder
5 ANHANG
5.1 Musikalische Cha rakteristik a der Stilrichtungen
5.2 Szenetypen und soziales Umfeld
5.3 Anmerkungen zur CD
5.4 Anmerkungen zum Fragebogen

Vorwort

Es war mir von Anfang an klar, dass ich möglichst an einem Thema im Bereich Musik arbeiten wollte. Musik beherrschte vor allem in den letzten Jahren immer mehr meine Freizeit: Seit ich 15 bin, sammle ich Musiktitel und achte immer darauf, wie ein Lied gemacht ist.

Anschliessend stellte ich mir die Frage, ob ich ein Werk mit Begleittext oder eine wissenschaftliche Arbeit schreiben will. Ich brannte darauf, mein Können im Komponieren und Arrangieren mit schuli- scher Unterstützung, aber auch Bewertung, in einem Werk mit Begleittext zu verbessern. Doch ich hatte zu negative Erfahrungen mit der Benotung künstlerischer Arbeiten gemacht, sodass für mich schnell klar war, dass ich mich einer wissenschaftlichen Arbeit zuwenden würde.

Ich finde vor allem psychologische Fragen für eine Maturaarbeit sehr interessant, obwohl ich mich nicht speziell für Psychologie interessiere. In diesem Themenbereich gibt es weniger unumstössliche Fakten wie beispielsweise bei einer naturwissenschaftlichen Arbeit. Es gibt eine grössere Zone, die man selber erarbeiten und nach persönlichen Ansichten gestalten kann. Es gibt weniger Fragen, die man mit einem einfachen „Ja“ oder „Nein“ beantworten kann. Öfters sind es nur Tendenzen, die aufgezeigt werden können. Es sind Prozesse, die sich entwickeln, doch plötzlich auch aufhören kön- nen, sich zurückbilden können. Das macht es so spannend. Deshalb versuchte ich die beiden Bereiche von Musik und Psychologie miteinander zu verbinden.

Dabei habe ich schon immer mich dafür interessiert, wer wieso welche Musik hört. Mit 15 zum Bei- spiel hörten viele meiner Freunde Punk-Musik, im Alter von 18 wird diese Musik jedoch verschmäht. Oder wieso sind vor allem Immigranten und Secondos in Hip-Hop-Discos, und Schweizer in Rock- Schuppen? Solche Fragen versuche ich in meiner Arbeit ansatzweise zu beantworten.

Einleitung

Würde man über die Bedeutung der Musik schreiben wollen, so könnte man 1000 Seiten füllen. Musik spricht nur ein einzelnes Sinnesorgan an, doch sie kann eine unvorstellbare Fülle von Gefüh- len auslösen, ja sogar Körperreaktionen. Und dabei ist Musik unglaublich vielfältig: Welten stehen zwischen der Seeschlachtshintergrundmusik eines Films (Beispiel: Pirates Of The Caribean) und ei- nem Lied, bestehend aus B o b Marley ’s Stimme und seiner Gitarre als Beigleitung (Redempti o n S o ng). Und so vielfältig wie die Musik selber ist, sind die Gefühle oder auch Gedanken, die sie aus- löst, und damit der Zweck, den sie erfüllt. Nur schon unbewusst kann Musik in einem Film bewirken, dass Spannung entsteht, dass eine Wende voraussehbar wird, usw. Musik hat auch die Gesellschaft verändert, hat Hippies vereint, hat Punks ein Sprachrohr gegeben.

Und im Zentrum zwischen Musik und deren Wirkung steht der Musikgeschmack. Wie empfindet der einzelne Mensch gewisse Musik, was bewirkt sie in ihm?

Diese Bedeutung macht die Fragestellung so spannend.

Ich werde mich dazu auf die U-Musik beschränken, und dabei nur die Stilrichtungen bearbeiten, die für den Raum Chur von Bedeutung sind.

Dimensionen des Themas

Die Fragestellung „Wie bildet sich der Musikgeschmack“ ist hoch komplex. Das zeigt sich auch an der verschwindend kleinen Anzahl an Studien in diesem Gebiet. Die letzte mir bekannte Studie wur- de von Ernst-Klaus Behne1 im Jahre 1986 geschrieben, und das nach jahrelanger Datensammlung durch Befragung von mehreren hundert Schülern und einer komplizierten Auswertungsmethode.

Eine solche Problemlösung überschreitet stark die Dimensionen einer Maturaarbeit. Deshalb habe ich mich entschieden, keine vollwertige Antwort mir als Ziel zu stellen. Ich werde in meiner Arbeit lediglich Indikatoren auflisten, die einen grösseren Einfluss auf die Geschmacksbildung haben kön- nen. Diese erarbeite ich anhand von Interviews.

Auf die genaue Vorgehensweise gehe ich im nächsten Kapitel ein.

Vorbereitung

1 Methodik

Ich habe, um die Frage „Wie bildet sich der Musikgeschmack?“ beantworten zu können, drei Schrit- te vollzogen:

Zuerst habe ich mir Hypothesen aufgestellt. Ich will hier anhand eines Beispiels aufzeigen, was ich mir überlegt habe, um zu begründen, wieso jemand Metal hört:

1.Man hört Metal, weil man sich von der Gesellschaft ausgestossen fühlt. So wendet man sich also einer eher geschlossenen Subkultur zu, in der man wieder Respekt und Beachtung findet.
2.Früher hat man Punk gehört. Da es viele Bands gibt, die Punk mit Metaleinflüssen spie- len, kommt man mit der neuen Musikrichtung in Kontakt. Man findet gefallen an der anspruchsvolleren Musikkomposition, die teilweise eine logische Weiterführung des HC-Punks ist, und wendet sich so schliesslich ganz vom Punk ab.
3.Die Eltern nerven sich über gewisse Angewohnheiten der heutigen Jugend. Beispiels- weise, dass man immer mit laut aufgedrehten Kopfhörern durch die Wohnung läuft, passiv wirkt und zu wenig Sport macht. Die typisch rebellische Einstellung eines puber- tierenden Jugendlichen zwingt ihn fast, noch mehr den Eltern auf die Nerven zu gehen. Jetzt hört er noch abschreckendere Musik, dreht die Lautstärke noch höher, kleidet sich noch fremdartiger und hört ganz auf, sich um die Umwelt zu kümmern. So findet er schnell seinen Weg zu Punk oder Metal.

Als zweiten Schritt erstellte ich einen Fragebogen2. Mit diesen Fragebogen als Leitfaden führte ich dann Interviews mit 30 Personen. Dabei stellte ich während des Ausfüllens des Fragebogens noch- mals Hypothesen auf, diesmal auf den Interviewpartner persönlich bezogen. Der Fragebogen diente somit als „Spürnase“, um Hypothesen aufstellen zu können. Erwies sich die Hypothese als richtig, hatte ich somit einen Indikator gefunden.

In einem dritten Schritt betrachtete ich zusätzlich noch die aufgefüllten Fragebögen und meine Noti- zen und verglich sie mit den allgemeinen Hypothesen, die ich ganz am Anfang aufgestellt hatte. So hatte ich noch einen zweiten Weg, Indikatoren zu finden.

Als einschränkenden Rahmen beschäftigte ich mich nur mit Jugendlichen, die grösstenteils in Chur ausgehen. Schliesslich ist die Musikszene in jeder Stadt ein wenig anders. Ausserdem befragte ich vor allem Jugendliche um die 18. Falls sie älter waren, forderte ich sie auf, die Situation aus der Sicht zu beschreiben, die sie mit 18 hatten. Dabei waren ein bisschen ältere Interviewpartner meis- tens besser, da sie mehr Überblick hatten und ihr Leben mit mehr Abstand betrachten konnten.

2 Definitionen

Um zu wissen, wovon ich in dieser Arbeit rede, sind zu Beginn einige Definitionen notwendig:

2.1 Parameter der Musik

Musik besteht aus Einzeltönen, die man miteinander kombinieren kann. Diese Kombination kann man nach fünf Parametern charakterisieren:

Harmonie

Wenn mehrere Töne verschiedener Tonhöhen angespielt werden, spricht man von Harmonie. Ein ganz einfaches Beispiel kann ein Mol oder Dur-Dreiklang sein.

Melodie

Die Melodie besteht aus Tonlängen und Tonhöhen, wobei jeweils eine einzige Note nacheinander angespielt wird.

Rhythmus

Wenn die gleichen oder verschiedene Tonlängen miteinander verknüpft werden, resultiert ein Rhythmus.

Auf meine Arbeit bezogen muss ich noch folgendes definieren: Wenn ich von einem „starken Rhythmus“ spreche, so meine ich folgendes: Durch ein klares und daher meist einfaches Schlag- zeugspiel tritt ein bestimmter Rhythmus in den Vordergrund. Dies kann ein Rumba- oder Reggaeton-Rhythmus sein, oder aber nur ein simpler 4/4-Paukenschlag.

Aus dem Rhythmus hört man dann das Tempo und den Takt heraus, wobei letzteres in der moder- nen Musik fast immer aus 4/4 (vier Vierteln) besteht und somit nicht gross beachtet werden muss.

Dynamik

Sie resultiert aus der gleichbleibenden oder sich verändernden Lautstärke eines Einzeltons. Zur Vereinfachung behandle ich jedoch von nun an nur noch die sich verändernden Lautstärken als Teil der Dynamik. Wenn ich also von „viel Dynamik“ in einem Lied rede, so meine ich nicht, dass bestimmte Töne sehr leise sind und andere sehr laut, sondern dass die Töne sich oft und stark in ihrer Lautstärke ändern.

Klang, „Sound"

Spezifisch auf meine späteren Erklärungen ausgerichtet, meine ich beim Klang folgendes: Der Ton einer Gitarre kann mit zusätzlichen Obertönen verzerrt werden. Der Klang erhält ein Rauschen und wirkt hart. Akustisch und beispielsweise mit Hall-Einstellung ist jedoch eine sehr warme Tonfarbe möglich.

2.2 Die behandelten Stilrichtungen

Hier ist eine möglichst klare Übersicht über die behandelten Stilrichtungen. Dabei gruppiere ich sie nicht nach soziologischen oder musikhistorischen, sondern nach rein musikalischen Eigenschaften.

Wo und wie man welche Stilrichtung einordnet, ist immer sehr strittig. Deshalb betone ich auch, dass das meine eigene Zusammenstellung ist. Es soll schliesslich auch nur als Hilfe dienen, später den Überblick zu bewahren. Im Anhang ist eine CD beigelegt, die Musikbeispiele für ausgewählte Stilrichtungen enthält (Anmerkungen auf S. 33). Ausserdem sind im Anhang auch die Stilrichtungen und deren Szenen definiert (ab S. 27 resp. 30). Dieses Wissen ist die Voraussetzung, um diese Ar- beit und damit die Bildung des Musikgeschmacks verstehen zu können.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten 3 4 5

Die Indikatoren

Eine Auswahl von Indikatoren, nach denen sich der Musikgeschmack bilden könnte

1 Soziale Indikatoren

Jeder wächst in einem bestimmten gesellschaftlichen Umfeld auf. Die Familie, der Freundeskreis und das allgemeine Umfeld bestimmen die Wahrnehmung der Umwelt, bilden den Charakter und prä- gen die Lebensweise, Moral und Ethik. All das wiederum hat Einfluss auf den Musikgeschmack.

1.1 Einwirkung des familiären Umfelds

Die Familie kann auf verschiedene Arten den Musikgeschmack mitbilden. Dabei gibt es zwei Grup- pen: die Geschwister und die Eltern.

Geschwister

Viele Interviewpartner gaben an, dass sie auch die CDs der Geschwister hören würden6. Es gab umgekehrt kaum jemand7, der aus Protest bei einem schlechten Verhältnis mit den Geschwistern die „Gegenrichtung“ nehmen würde.

Die Geschwister hatten also bei allen Befragten eher eine positive Einwirkung auf den musikalischen Bildungshorizont.

Eltern

Die Eltern können im Normalfall nicht viel positives am Musikgeschmack eines Jugendlichen verän- dern. Es gibt Ausnahmen, bei denen der Jugendliche die Musik der Eltern auch zu seiner Lieblingsmusik erklärt hat8, diese sind jedoch eher selten. Öfters sind dagegen die Eltern Schuld daran, dass die Jungendlichen zu extrem harten Musikstilrichtungen greifen9. Zu nennen sind hier die

harten Substile des Punks und des Metals. Das passiert vornehmlich bei einer schlechten Beziehung zwischen den Eltern und dem Jugendlichen. Doch auch sonst wird versucht, ja nicht das gleiche zu hören wie die Eltern: „Sinn und Zweck musikalischer Jugendkultur ist nämlich Abgrenzung von den Alten.“10

1.2 Musik als Erkennungsmerkmal

Jede Musikszene hat ihre eigene Mode. Die Metal-Szene gibt sich schwarz, mit Tattoos und Pier- cings. Die Hip-Hop-Szene dagegen bevorzugt goldenen Schmuck und bunte Kleider. So bilden Musik und Mode zusammen eine Einheit und ein Erkennungsmerkmal. Dieses Erkennungsmerkmal befriedigt zwei psychologische Bedürfnisse der Menschen:

1.Das Bedürfnis nach sozialer Anlehnung

Dass Mode eben dieses Bedürfnis befriedigt ist einleuchtend. Wer mit der Mode geht kann sicher sein, sich in einem gesellschaftlich akzeptierten und anerkannten Rahmen zu bewegen.

2.Das Unterscheidungsbedürfnis

Dies scheint zunächst ein Widerspruch zum ersten Punkt zu sein. Dieser Widerspruch löst sich jedoch auf, wenn wir die verschiedenen Durchdringungsgrade von Mode betrachten: Eine etablierte Mode mit einem hohen gesellschaftlichen Durchdringungsgrad bietet eine gute Möglichkeit zur sozialen Anlehnung, während eine neue oder extravagante Mode mit nur geringem Durchdringungsgrad die Möglichkeit bietet, sich he- rauszuheben - und das ist wichtig! - ohne herauszufallen. Die Mode bietet ein Sich-abheben, das von der Gesellschaft als angemessen empfunden wird.“11

In diesem Zitat wurde der Fokus auf die Mode gesetzt, man kann es aber eins zu eins auch auf die Musik übertragen.

1.3 Begrenzte Auswahl

Das gesellschaftliche Umfeld bestimmt auch, welche Auswahl von Musikstilen der Jugendliche hat. Wenn beispielsweise alle Freunde die gleiche Musik hören, wird die Auswahl schon deutlich einge- schränkt.12 Heutzutage gibt es immerhin Musikfernsehsender, die für fast jeden erreichbar sind. Doch MTV und Co. zeigen nur eine sehr begrenzte Auswahl dessen, was auf dem Markt ist.

Trotzdem sollte es nicht so ein Problem darstellen, zu andere Musik zu kommen. Zu mindest in den grossen Fachmärken wäre die Auswahl genügend gross. So muss es also am fehlenden Interesse des Jugendlichen liegen, dass er nicht andere Stilrichtungen ausprobiert. Wichtige Faktoren sind hier aber auch Freundeskreis: Oft werden Stilrichtungen aus Prinzip nicht im Freundeskreis toleriert.

1.4 Gruppenzwang

Sobald beliebte Individuen in einer Gruppe sich nur für eine Musikstilrichtung entscheiden, und die anderen abweisen, entsteht vor allem bei jüngeren Jugendlichen (ca. 14) Gruppenzwang. Dieser Gruppenzwang schränkt dann die Entscheidungsfreiheit über den eigenen Musikgeschmack stark ein. Auch bei den beliebten „Alpha-Tieren“13 herrscht nicht freier Entscheidungsfreiraum. Sie stehen unter dem Druck, von einer ganzen Gruppe beachtet und bewertet zu werden. Damit trägt Grup- penzwang stark zur begrenzten Auswahl am Musikstilrichtungen und Bands eines Individuums bei.

Oft wird einer Szene auch ein schlechter Ruf nachgesagt. Auch die immerwährenden Vorurteile der Gesellschaft können einen immer wieder davon abhalten, sich mit anderer Musik abzugeben.

1.5 Schlechte Ruf

Natürlich kann auch das Umgekehrte stattfinden: Genau weil einer Musikszene schlechte Ange- wohnheiten nachgesagt werden, zieht sie viele Jugendliche an. Vier Beispiele:

Techno: „Durch harte Drogen tanzen Raver14 die ganze Nacht lang bis zum umkippen.“

Metal: „Metaller sind böse und gefürchtet.“

Punk: „Sie sind rebellisch und schaffen es immer wieder, sich über das Gesetz hinweg zu setzen.“ Hip Hop: „Immer nur schöne Autos und hübsche Mädchen.“

Die Realität entspricht nur teilweise diesen Vorurteilen. Und wenn, dann vor allem, weil die Szenen- gänger den Vorurteilen nacheifern.

1.6 Herdentrieb

Neben dem Gruppenzwang gibt es auch einen anderen Indikator, wieso eine Gruppe oft die glei- chen Bands hört: Der Herdentrieb.

Anders wäre es nämlich nicht zu erklären, wieso selbst die besten Kenner nie genau wissen, welcher Titel ein Hit wird. An der Qualität kann es anscheinend nicht liegen.

Soziologen aus den USA haben eine Erklärung dafür gefunden:

„Der erste Teil der Antwort ist nicht weiter überraschend: Die Menschen lieben das, was anderen auch gefällt. Diesem Herdentrieb ist es zu verdanken, dass manche Interpreten astronomisch hohe Verkaufszahlen errei- chen, während andere, nicht minder gute, quasi leer ausgehen.

Der zweite Teil der Antwort hingegen überrascht: Obwohl die Mechanismen dieses Superstar-Phänomens weitestgehend bekannt sind, ist es prinzipiell unmöglich, vorherzusagen, auf welchen Titel sich die Menge stür- zen wird.

Zu diesem Ergebnis kommen Duncan Watts von der Columbia University in New York und zwei Kollegen dank eines Internetexperiments mit rund 14 300 Teilnehmern. Wie die Soziologen im Fachmagazin „Science“ berichten, installierten sie eine Webseite, auf der 48 Songs verschiedener Qualität zur Hörprobe und zum Download angeboten wurden.

Der erste Kniff der Studie: Nicht allen Teilnehmern wurde dieselbe Webseite präsentiert. Eine Gruppe sollte allein auf Grund der Liedqualität über einen Download entscheiden - auf dem Bildschirm waren daher nur die Liedtitel zu sehen. Beim Probehören wurden diese Musikfans zudem aufgefordert, das Lied auf einer Skala (ein bis fünf Sterne) zu bewerten. Das Rating dieser „unabhängigen“ Gruppe diente als Qualitätskriterium für die Songs. Den Teilnehmern der anderen Gruppe wurde hinter jedem Liedtitel die Anzahl bereits erfolgter Downloads eingeblendet. Sie konnten sich davon inspirieren lassen, welche Lieder die anderen gewählt hatten. Und das taten sie auch. Ein qualitativ hochwertiges Lied wurde von dieser sozial beeinflussten Gruppe weil häufiger angeklickt als von der „unabhängigen“ Gruppe. Schlechte Songs wurden entsprechend seltener gehört.“15

In der Realität ist es sogar nochmals komplizierter, Vorhersagen zu machen, da das Marketing und die Medien noch zusätzlich die Meinungsbildung verändern.

2 Musikalische Indikatoren

Neben den sozialen Indikatoren gibt es auch die eher musikalischen. Im Extremfall würde man so ganz unabhängig von der Umwelt entscheiden, welche Musik einem passt.

Nach dem man das vorherige Kapitel durchgelesen hat, glaubt man kaum daran, dass man wirklich seine Musik noch nach rein musikalischen Faktoren auswählt. Dennoch konnten mir meine Interview- kandidaten oft - aber nicht immer! - anhand von musikalischen Indikatoren genau erklären, wieso sie sich für eine gewisse Musikstilrichtung entschieden haben.

2.1 Rhythmus

Dabei gaben Jugendliche, die Hip Hop hörten, immer an, dass der Rhythmus ihnen besonders wich- tig sei. Dies ist so zu interpretieren, dass Rhythmus im Vordergrund stehen soll, klar und prägnant.

Mit einem starken Rhythmus verbanden die Interviewpartner immer eine treibende Energie - nicht zu verwechseln mit Energie, die man vielleicht aus ruhigen Liedern bezieht! Egal ob der Rhythmus klar und einfach oder nur schnell ist: So lange er prägnant ist, wird die Musik von den Zuhörern als sehr energiereich bezeichnet.

Der schnelle Rhythmus (=Geschwindigkeit) ist vor allem beim Metal vorhanden, der einfache und klare beim Hip Hop. Gewisse härtere Metalstilrichtungen und Stilrichtungen der ehemals schwarzen Musik (Hip Hop, Ragga, Dancehall, Reggaeton) sowie die synthetisierte Tanzmusik können so als Stilrichtungen mit sehr viel treibender Kraft bezeichnet werden. Daneben wurde auch Punk als sehr energiereiche Musik genannt. Beim Rock, Pop, Reggae und anderen, zarten Stilrichtungen tritt das Schlagzeug hingegen in der gesamten Dynamik der Lieder eher in den Hintergrund.

2.2 Harmonie, Melodie, Dynamik, Klang

Unterschiede zwischen den Stilrichtungen betreffend der Harmonie und der Melodie auszumachen ist sehr schwierig. Sie sind schlussendlich überall vorhanden. Auch wenn sie beim Hip Hop oft weni- ger vorhanden sind, kommen sie dadurch wiederum klarer zur Geltung.

In den Interviews erwähnten lediglich ein paar Metal-Hörer, dass ihnen die Melodien, Harmonien und die Dynamik gefielen. Sonst wurden diese drei Parameter der Musik kaum beachtet.

Dem Klang kommt da schon eine grössere Rolle zu: Er wird jeweils unbewusst als angenehm oder weniger angenehm bis abstossend empfunden. Als Beispiele zu nennen sind:

- Vor allem Hip-Hopper und Technos stören sich an der verzerrten, rauschstarken E- Gitarre.
- Beim Gesang gibt es eine grosse Auswahl, von der sich die Jugendlichen bedienen können:
- klar beim Pop,
- rau und heiser beim Mainstream-Rock; schreiend bei härteren Rock- und Punkstilen (z.B. Screamo),
- die ganze Bandbreite beim Metal: von guttural über schreiend bis Operngesang,
- teilweise schneller Sprechgesang beim Hip Hop, Dancehall, etc., aber auch beim Crossover16 und Nu-Metal
- Details, die beim Mastering einer CD bearbeitet werden:
Der Gitarrenklang bei Retrobands wie Fr a nz Ferdinand ist sehr dünn, beim Alternative (A lter Bridge) und Metal verfügt er über ein breiteres Klangspektrum, d.h. mehr hohe und tiefe Töne. Je nach Geschmack gefällt einem Rocker eher die „dünnere“ oder „dickere“ Gitarre.

2.3 Unterschiedliches Volumen der Musik

Unterschiedliches Volumen gibt es nicht nur bei den Einzeltönen bzw. Instrumenten. Auch wenn man ein Musikstück als Ganzes betrachtet, kann es ein grösseres oder kleineres Volumen haben.

Nehmen wir Trick Me von der Amerikanerin Kelis als Beispiel für einen Titel mit wenig Volumen:

Das Lied besteht hauptsächlich aus vier Komponenten:

- einem synthetisierten Bass, Tonwechsel auf jedem Viertel,
- einem einfachen Schlagzeugspiel (vor allem Hi-Hat, Bassdrum)
- einer verzerrten Gitarre im Offbeat, am Taktende ein immergleiches Fill-in
- Kelis’ Stimme, dazu im Refrain eine einfache, verhallende Männerstimme Das war das erste Mal, dass ich ein Lied so analysiert habe - und es war denkbar einfach.

Es wäre mir umgekehrt unmöglich, ein Stück mit viel Soundvolumen zu beschreiben. Als Beispiel könnte man, abgesehen vom Metal und vielen Rockstilrichtungen, auch das allseits bekannte Pop- Lied Bittersweet Symphony von Th e Verve nennen.

Es besteht aus vielen übereinandergelagerten Streicherspuren, einer Hauptstimme mit weiteren Stimmen im Hintergrund, Schlagzeug, einem gitarrenähnlichen Tonerzeuger und unzähligen anderen synthetischen Klangeffekten.

Ich will dabei nicht sagen, dass Trick Me allgemein wenig Volumen hat. Das Lied bekommt durch die Leere wiederum viel Atmosphäre. Deshalb ist es wohl besser von Sound- oder Klangvolumen zu reden.

Ganz allgemein hat der Hip Hop und Techno mehr „leere Atmosphäre“ als die Rock-Musik. Man kann also sagen, dass den Rockern, Metallern und Punks eher satte Musik gefällt, den Hip-Hoppern und Ravern jedoch gefällt eher die klare Musik mit mehr „leerer Atmosphäre“.

[...]


1 ➔Quellen

2 ➔Anhang

3 Quelle http: //de .wikip ed i a . org/ wiki / P or t a l:R oc kmusik als Vorbild

4 Unter synthetische Musik fasse ich alle Musikrichtungen zusammen, die mehrheitlich durch synthetische Klanger- zeuger unterstützt werden.

5 R’n’B gilt sowohl als Sammelbezeichnung für die afroamerikanische Mainstreammusik wie auch als eigenes Genre, dass sich in den 90er stark mit dem Hip-Hop vermischt hat und die Definition so erschwert.

6 Aussage von Marina, Raffaela, Carl, Silvana, Renato, Andreas K.

7 ausser Angela

8 Angabe von Interviewpartner Tobias

9 Helen, z.T. Marina, Tanja, Raffaela,

10 ➔Quelle: www.familienhandbuch.de

11 ➔Quelle: „ M usik ge schm ac k un d M usikm ode “

12 Aussage von Sandra, Cinzia, Renato

13 Begriff aus der Verhaltensforschung: Leittier

14 Einer der zu House, Techno und Trance tanzt

15Sonntagszeitung,12.2.06:Superhits lassen sich nicht prognostizieren

16 Verbindung vom Sprechgesang mit Rock; der erste Crossover-Titel war Wa lk This Wa y von A er o smith und Run DM C. Aus dem Crossover entstand Ende der 90er der Nu-Metal, der viele Metal-Einflüsse besitzt.

35 von 35 Seiten

Details

Titel
Wie bildet sich der Musikgeschmack?
Note
CH: 5.5 (=D: 1,5)
Autor
Jahr
2006
Seiten
35
Katalognummer
V110482
ISBN (eBook)
9783640086511
Dateigröße
648 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Wie bildet sich Musikgeschmack/Musikpräferenzen/Musikvorlieben?
Schlagworte
Musikgeschmack
Arbeit zitieren
Andreas Betschart (Autor:in), 2006, Wie bildet sich der Musikgeschmack?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110482

Kommentare

  • Gast am 14.9.2012

    Also wirklich... Das hört sich ja alles ganz gut an, aber Vorurteile sollte man hier finde ich nicht rein bringen. Z.B. bei Metal: Die wenigsten Meteller hören das, weil sie sich ausgestoßen fühlen und wieder Anerkennung wollen, oder weil sie vorher Punk gehört haben. Auch nicht um die Eltern zu nerven. Einfach weil es ihnen gefällt. Möglicherweise weil sie es von den Eltern oder Geschwistern kennen, aber ich z.B. habe Metal für mich ohne diese Einflüsse entdeckt. Ich kenne nur sehr wenige, die wegen diesen Punkten Metal, HC oder Punk hören. Dieser Teil des Werkes fördert meiner Meinung nach einfach Vorurteile. Zumindest auf Metal bezogen.

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