Essay über die Künstler-Bürgerthematik in "Tonio Kröger" von Thomas Mann


Essay, 2006

5 Seiten, Note: 14 Punkte

Anonym


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Essay über die Künstler-Bürgerthematik in „Tonio Kröger“ von Thomas Mann

Thomas Manns „Tonio Kröger“ spiegelt den Gegensatz von Künstlertum und Bürgertum, den der Protagonist Tonio Kröger in sich vereinigt, wider.

Bereits in Tonios Elternhaus stößt man auf diesen Gegensatz: Auf der einen Seite Tonios bürgerlicher Vater, ein angesehener und erfolgreicher Konsul, auf der anderen seine südländische, „dunkle und feurige Mutter, die so wunderbar den Flügel und die Mandoline spielte“ (Seite 11, Z. 4f.) und somit dem Künstlertum angehört. Von ihr erbt Tonio seine Leidenschaft zur Kunst, jedoch in Form von Literatur, die ihn zu einem Außenseiter macht und ihn in die Einsamkeit treibt. Tonio sehnt sich nach dem „Normalen“(Hans Hansen, Ingeborg Holm), also nach einem bürgerlichen Leben, und kommt so in einen inneren Konflikt mit sich selbst (Seite 11, Z. 18-20 „Warum bin ich doch so sonderlich und in Widerstreit mit allem, zerfallen mit den Lehrern und fremd unter den anderen Jungen?“). Er wäre gern wie Hans Hansen, der aus einem guten, bürgerlichen Haus stammt, sich allgemeiner Beliebtheit erfreut (Seite 11. Z. 31-33) und sich „auf eine wohlanständige und allgemein respektierte Weise beschäftigt“ (Seite 12, Z. 10f.).

„Siehe sie an, die guten Schüler und die von solider Mittelmäßigkeit. […] Wie ordentlich und einverstanden mit allem und jedermann sie sich fühlen müssen! Daß muss gut sein…“(Seite 11, Z. 20ff.). Damit drückt Tonio seine Verachtung gegen die „normalen“ Bürger aus und behauptet, dass sie ja zufrieden sein müssen, da sie „nur Dinge denken, die man eben denkt und die man laut aussprechen kann“ (Seite 11, Z. 22ff.). Er stellt damit die These auf, dass die „normalen Bürger“ dumm seien und dass man in diesem Sinne dumm sein müsse, um beliebt zu sein bzw. geliebt zu werden, was durch Kommentare Tonios zu Herrn Knaak, den Tanzlehrer (Seite 20, Z. 9ff. „Sie sahen nicht in die Dinge hinein, bis dorthin, wo sie kompliziert und traurig werden“, Z. 12ff. „Ja, man musste dumm sein, um so schreiten zu können, wie er; und dann wurde man geliebt, denn man war liebenswürdig“), bestätigt wird.

Gegen jene, die Tonio ähneln hegt er eine ebenfalls tiefe Abneigung. So erwähnt er einmal Zigeuner, die auch aus dem Künstlertum stammen, und meint dazu: „Wir sind doch keine Zigeuner im grünen Wagen, sondern anständig“ (Seite 11, Z. 16f.) und auch gegen die ihm ähnliche Tanzpartnerin, Magdalena Vermehren, empfindet er Antisympathien und lehnt ihre offensichtliche Zuneigung (Seite 20, Z. 21ff.) ab. Zu begründen sind diese Abneigungen damit, dass Tonio sich in diesen Menschen wieder erkennt und ihm das widergespiegelt wird, was ihn anders und zum Außenseiter macht.

Auch Tonios Reiseweg repräsentiert den Gegensatz von Bürger- und Künstlertum. Zunächst geht er in den Süden aus dem seine Mutter stammt und der somit das Künstlertum symbolisiert. Doch dort gerät er „in Abenteuer des Fleisches, stieg tief hinab in Wollust und heiße Schuld und litt unsäglich dabei“ (Seite 26, Z. 15ff.). Nun regt sich aber der Bürger in Tonio (Seite 26, Z. 17ff. „Vielleicht war es das Erbteil seines Vaters in ihm, [ … ], das ihn dort unten so leiden machte“), verließ den Süden und reiste später in den Norden (Dänemark), der das Bürgertum repräsentiert (Hans Hansen und Ingeborg Holm, die Tonio einmal liebte und die das Bürgertum repräsentieren, sehen nordisch aus und auch Tonios Vater kommt aus dem Norden). Im künstlerischem Süden kann der Protagonist keine Befriedigung finden, im bürgerlichen Norden hingegen aber fühlt er sich wohl und findet zu sich selbst und akzeptiert sich als einen Bürger (Seite 72, Z. 17ff. „wie sehr mein Bürgertum und meine Liebe zum Leben eins und dasselbe sind“, Z. 28 „ein Bürger, der sich in die Kunst verirrte“)

Das Herzstück Tonios Auffassung über Bürger- und Künstlertum aber befindet sich im vierten Kapitel, einem Gespräch mit seiner Freundin Lisaweta Iwanowna, einer russischen Künstlerin.

In dem Gespräch wirkt Tonio sehr beunruhigt und redet mit Lisaweta über den Grund dieser inneren Bewegtheit. Er fürchtet sich vor dem Frühling (Seite 31, Z. 4ff. „auch mich macht der Frühling nervös auch mich setzt die holde Trivialität der Erinnerungen und Empfindungen, die er erweckt, in Verwirrung“), der immer mit der Gefahr verbunden ist zu fühlen und genau das darf ein Künstler Tonios Meinung nach nicht (Seite 31, Z. 13f. „Und weil der ein Stümper ist, der glaubt, der Schaffende dürfe empfinden“). Fühlt ein Künstler dennoch zu sehr, dass was er erschafft, so endet dies in etwas Banalem (Seite 31, Z. 24) und in einem Fiasko (Seite 31, Z. 20ff.). Kunst darf lediglich nur aus den „Gereiztheiten und kalten Ekstasen des verdorbenen, artistischen Nervensystems“ entstehen (Seite 31, Z. 27ff.), nicht aber aus, laut Tonio, „banalen“ und „unbrauchbaren“ (Seite 31, Z. 28) Gefühlen. Leiden (Seite 32, Z.1 „menschliche Verarmung“, Z. 2 „Verödung“) und nicht Nicht-Mensch sein, sind also die Vorraussetzungen für einen guten Künstler (Seite 32, Z. 3f. „Es ist aus mit dem Künstler, sobald er Mensch wird und zu empfinden beginnt“). Hinzu kommt die „Sehnsucht nach den „Wonnen der Gewöhnlichkeit“ (Seite 38, Z. 32f.), ohne diese zu empfinden, ist es ebenfalls nicht möglich Künstler zu sein.

Damit gerät Tonio jedoch in Konflikt. Er würde gerne am Menschlichem teilhaben (Seite 32, Z. 28f.) und fragt sich sogar, ob er ein Mann wäre (Seite 32, Z. 29f.). Er sieht die Literatur nicht mehr als einen Beruf, sondern als einen Fluch (Seite 33, Z. 4f.), der in die Ironie, Unglauben und Einsamkeit führt (Seite 33, Z. 9). Dieser Isolation kann ein vorbestimmter Künstler nicht entgehen, egal in welcher Verkleidung und Gestalt, die Menschen werden es ihm immer ansehen (Seite 33, Z. 31ff.) und ihn für fremd und anders empfinden (Seite 33, Z. 35f.). Trotz all dessen liebt Tonio das Leben (Seite 38, Z. 9f.), wobei er das Leben als das „Normale, Wohlanständige und Liebenswürdige“, also das wonach sich ein Künstler sehnt (Seite 38, Z. 24ff.), definiert. Denjenigen, einfache Bürger, die sich an der Kunst versuchen, ohne jedoch mit ihrem Leben zu bezahlen, bringt Tonio große Verachtung entgegen (Seite 40, Z. 30ff.). Lisawetas Antwort auf all dies ist lediglich: „Sie sind ein Bürger auf Irrwegen“ (Seite 41, Z.12). Diese These wird später noch bestätigt.

Tonio Kröger macht eine große Entwicklung durch. Dies wird in dem Brief, den er an Lisaweta aus Dänemark schreibt, ersichtlich.

Er erkennt, dass er ein Bürger ist und dass sein Bürgertum gleichsam mit seiner Liebe zum Leben ist (Seite 72, Z. 18f.). Damit bestätigt sich Lisawetas These vom „verirrten Bürger“ (Seite 72, Z. 16f.). Tonio gesteht sich ein, dass er ein „Bürger, der sich in der Kunst verirrte“ Seite 72, Z. 29) sei und erkennt des weiteren, dass seine bürgerliche Seite und seine Bürgerliebe zum „Normalen“ ihn erst zu einem Dichter machen (Seite 73, Z. 16ff.). Dieser Dichter weiß dennoch, dass er weiterhin zwischen zwei Welten steht (Seite 73, Z. 3) und dass seine Liebe weiterhin dem „Normalen“ gilt (Seite 73, Z. 31ff.), akzeptiert dies jedoch und erkennt die Abhängigkeit des Künstlertums vom Bürgertum, denn ohne auch ein Bürger zu sein, wäre er auch kein Dichter.

Literaturverzeichnis

Mann, Tomas: Tonio Kröger/Mario und der Zauberer, Fischer Taschenbuchverlag, 41. Auflage

5 von 5 Seiten

Details

Titel
Essay über die Künstler-Bürgerthematik in "Tonio Kröger" von Thomas Mann
Note
14 Punkte
Jahr
2006
Seiten
5
Katalognummer
V110484
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Essay, Künstler-Bürgerthematik, Tonio, Kröger, Thomas, Mann
Arbeit zitieren
Anonym, 2006, Essay über die Künstler-Bürgerthematik in "Tonio Kröger" von Thomas Mann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110484

Kommentare

  • Gast am 29.12.2006

    bewertung.

    ich finds sehr gut. meiner meinung nach hat der autor die richtigen schlüsse gezogen und dies sehr analytisch und wissenschaftlich gemacht. es ist auch inhaltlich sehr richtig!

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Titel: Essay über die Künstler-Bürgerthematik in "Tonio Kröger" von Thomas Mann



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