Zapatistas - Zwischen "Maya-Traditionen" und "modernen Visionen"


Hausarbeit, 2006
28 Seiten, Note: 1,7

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 Einleitung

2 Hintergrund
2.1 Die Region Chiapas
2.2 Kurze Vorstellung der Zapatistas
2.3 Ursachen des Aufstands

3 Die Verschmelzung von Maya-Symbolik mit moderner Rhetorik
3.1 In ihren Schriften
3.2 In ihren Bildern
3.3 In ihrer Kleidung und Verkleidung

4 Die Organisation der Zapatistas
4.1 Die Politische Struktur: Die „Caracoles“
Bedeutung
Umsetzung
4.2 Moderne Kommunikationsmethoden
4.3 Die Rollen der Frau
Ihre Rolle in den indigenen Gemeinden
Die revolutionären Frauengesetze
Ihre politische Funktion
Ihre Einbindung in den militärischen Arm der EZLN

5 Abschließende Worte (ein paar Antworten und offene Fragen)

6 Anhang
6.1 Bibliographie
6.2 Konsultierte Webseiten
6.3 Filme
6.4 Quellennachweis der Grafiken
6.5 Quellenangaben der Zitate

Vorwort

Die (Neo-)Zapatistas dienen vielen globalisierungskritischen Bewegungen als Projektions- fläche mit Vorbild- und Identifikationscharakter. Ich selbst würde mich diesen Bewegungen auch zurechnen und widme mich den Zapatistas aus meinem persönlichen Interesse heraus, diese legendären Aufständischen eingehender kritisch zu durchleuchten. Ich möchte heraus- finden, wo die Entwicklungen und Prinzipien ihren Ursprung haben, an denen sich so viele autonome Gruppen auch in Europa orientieren oder mit denen sie zumindest sympathisieren.

In dieser Arbeit beschränke ich mich darauf, einige Selbstdarstellungen und Außenwahrnehmungen der Zapatistas zu analysieren. Erwarten Sie also keine Feldstudie, sondern eine Auswertung verschiedenster Literatur und neuer Medien wie Internet und Film über die Zapatistas. Dieses Thema impliziert die Gefahr ideologisch gefärbter Sichtweisen und Mystifizierungen. Die vorliegende Arbeit kann also nicht gewährleisten, dass alle Thesen mit der Praxis vor Ort identisch sind, sondern lediglich Schlüsse aus der breitgefächerten Außenwahrnehmung ziehen.

Jedoch soll es nicht bei dem theoretischen Teil bleiben: Ich plane in naher Zukunft selbst nach Chiapas zu reisen und mir ein eigenes Bild von der Praxis vor Ort zu machen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Grafik 1: Zapatistas bei einer Demonstration

1 Einleitung

Große Hüte mit flatternden Bändern und bunte Trachten, Blumenkränze, folkloristische Musik und Tänze stechen einem in den Videos von zapatistischen Festivals ebenso ins Auge wie hippiehafte Batiktücher, Basketballspiele und natürlich der rote Stern. Durch die Laut- sprecher wettern die Comandantes gegen die neoliberale Globalisierung und feiern die Ein- weihung der „ Caracoles “, ihrer neuen autonomen Organisationsstruktur.i

Diesem neuartigen „Synkretismus der Kulturen“ soll im Folgenden auf den Grund gegangen werden. Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Frage, wie die Zapatistas ihr traditionelles Erbe mit neuartigen Ansätzen (welche unter anderem auch von autonomen Bewegungen in Europa ausprobiert werden) verbinden.1 Es sollen ausgewählte Aspekte betrachtet werden:

1. Die Verschmelzung von Maya-Symbolik mit moderner Rhetorik wird anhand ihrer Schriften und Bilder, Kleidung und Verkleidung aufgezeigt. Hier geht es in erster Linie um das öffentliche Auftreten der Zapatistas.
2. Die Organisationsformen in den zapatistischen Gebieten: In diesem Kapitel soll die politische Struktur der autonomen Gebiete – die Einteilung in sogenannte „ Caracoles“ (Bezirke) und ihre Rechtsprechung behandelt werden. Des Weiteren wird die Rolle der Frau im Wandel thematisiert: Die traditionelle Rolle der Frau in den indigenen Gemeinden und die politische in der EZLN. Dabei sollen sowohl ihre Funktionen in den zivilen Gemeinschaften als auch auf der politischen Bühne und im militärischen Arm der EZLN beleuchtet werden. Die Organisation innerhalb der Zapatistas in Chiapas steht im Vordergrund. Die Vernetzung nach außen – mit Solidaritätsgruppen in aller Welt – wird nur kurz angerissen. In diesem Kapitel werden Beispiele für eine Verschmelzung von Tradition mit Moderne in der zapatistischen Praxis betrachtet.

Es gäbe natürlich noch weitere Aspekte, die man bezüglich der Fragestellung untersuchen könnte. In dieser Arbeit soll zunächst das öffentliche Auftreten der Zapatistas beleuchtet werden, da sie mit ihren Schriften weltweit Aufsehen erregen und ihre Masken zu ihrem

„Markenzeichen“ geworden sind. Anschließend steht das Autonomie-Modell im

Vordergrund, da es ein sehr zentrales Element der gelebten Alternativen zu den vorherrschenden Systemen ist. Die Frauenbewegung bildet eine „Revolution in der Revolution“, indem sie die internen Verhältnisse der indigenen Gemeinden teilweise in Frage und auf den Kopf stellt. Hier wird die Abkehr von alten Traditionen besonders deutlich. (Um einen breiteren Überblick zu bewahren, werden die einzelnen Aspekte nicht allzu ausführlich behandelt.)

Die vorliegende Arbeit handelt von den sogenannten „ Neo-Zapatistas “ bzw. den „Zapatistas der EZLN“ (Ejército Zapatista de Liberación Nacional / Zapatistische Armee zur Nationalen Befreiung) – wie sie sich selber nennen. Auf die Zapatistas der mexikanischen Revolution vom Beginn des 20. Jahrhunderts wird nicht näher eingegangen.

Die heutigen Zapatistas und somit auch diese Arbeit beziehen sich auf den Oberbegriff

Maya “. Er dient in erster Linie zur Unterscheidung zwischen indigenen Gruppen im Süd- osten Mexikos gegenüber den „Nahuas“.2

Im Folgenden wird auf ausgewählte indigene Zapatista-Gemeinschaften in Chiapas einge- gangen. In diesem Rahmen kann nicht auf alle mit den Zapatistas sympathisierenden Gruppen eingegangen werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Grafik 2: “Demokratie, Gerechtigkeit und Freiheit”, zentrale Werte der Zapatistas

2 Hintergrund

2.1Die Region Chiapas

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Grafik 3: Indigene Gruppen und ihre Lage in Chiapas

Chiapas liegt im Südosten Mexikos, an der Grenze zu Guatemala. Seine Selva Lakandona 3 war bis Mitte des 20. Jahrhunderts unerschlossenes Urwald- gebiet. Landsuchende Indígenas (u.a. Tzeltales, Tzotziles und Tojolabales) begannen das Gebiet in den 50er Jahren zu besiedeln und lebten in multiethnischen Siedlungen zusam- men. In den 70er Jahren gründeten sie erste unabhängige Indígena- und Bauernorganisationen. Heute sind ca. ein Drittel der chiapanekischen Bevölkerung Indígenas.ii

2.2 Kurze Vorstellung der Zapatistas

Die EZLN bezieht sich in ihrem Namen auf den legendären Revolutionsführer der mexikanischen Revolution (1910-1917) Emiliano Zapata und seine Grundforderungen „Tierra y Libertad“ (Land und Freiheit), welche dieser wiederum von der indigenen „Chamula“- Rebellion 1869 in Chiapas übernommen hatte.

Die Zapatistas sehen sich in der Tradition von 500 Jahren indianischen Widerstands gegen den Imperialismusiii. Unter anderem ist hier die erfolgreiche Maya-Erhebung auf Yucatán von 1847 bis 1850 zu nennen, die mit einem Rückzug der Indianer in entlegene Urwaldgebiete und weitgehender Autonomie endete.

Die EZLN wurde am 17. November 1983 von drei mexikanischen Metropolenlinken (Mestizos) und drei Indígenas in der Selva Lacandona als marxistische und maoistische Befreiungsarmee gegründet, veränderte sich aber innerhalb der ersten zehn Jahre ihres Bestehens zu einer Guerilla neuen Typs. Sie versuchen, auch aus den Fehlern der Guerillakämpfe in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu lernen:

“Im Gegensatz zu anderen Guerillabewegungen wollen die Zapatisten nicht die Macht im Staat übernehmen, sondern betonen ihren basisdemokratischen Anspruch und zielen auf den allmählichen Aufbau einer andersartigen Macht von unten.”iv

Öffentlich trat sie zum ersten Mal am Tag des Inkrafttretens des nordamerikanischen Freihandelsabkommens NAFTA in Erscheinung: Am 1. Januar 1994 besetzten Tausende bewaffnete Indianer zeitgleich fünf Bezirkshauptstädte, erklärten der mexikanischen Regierung den Krieg und ihren Willen, bis nach Mexiko-Stadt zu marschieren. Der damalige mexikanische Präsident Carlos Salinas de Gortari bot nach einigen Tagen des Aufstands Verhandlungen und einen Waffenstillstand an. Die EZLN stimmte zu und hält ihn bis heute ein, während die Regierung weiterhin das Militär in die zapatistischen Gebiete entsendet und paramilitärische Übergriffe duldet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Grafik 4: Landkreise mit Zapatista-Präsenz

Die EZLN tritt mit zivil- politischen Initiativen für die Anerkennung der Würde und Kultur der indigenen Bevöl- kerung, eine gerechtere Gestal- tung der mexikanischen Volks- wirtschaft und die Demokrati- sierung Mexikos ein.v Sie ver- steht sich als Sprachrohr u.a. der in Chiapas lebenden Maya- Stämme Tzoziles, Tzeltales, Choles und Tojolabales. In diesem Sinne hat die EZLN Anfang diesen Jahres „ La Otra

Campaña („Die andere Kampagne“) gestartet. Diese außerparlamentarische Mobilisierung

hat zum Ziel, eine neue, antikapitalistische Verfassung für Mexiko zu erarbeiten. Einige Delegierte der EZLN bereisen im Vorfeld der Wahlen einen Bundesstaat nach dem anderen, um die vielfältigen Widerstände der marginalisierten Gesellschaftssektoren zu vernetzen.

Anfangs hatte der „ Subcomandante Marcos 4“ eine zentrale Rolle als „Übersetzer zwischen Maya und Moderne“vi inne, da nur wenige Indígenas fließend Spanisch sprachen. Als Sprecher der EZLN wurde er weltberühmt. Mittlerweile haben jedoch viele der indigenen Zapatistas Spanisch und andere Kommunikationsmethoden gelernt.

Ihre zentralen Leitbilder drücken sie durch folgende Slogans aus:

- “¡Ya Basta!” („Es reicht!”): Damit nehmen sie Bezug auf die seit 500 Jahren andauernde Unterdrückung der Indígenas.
- “¡La lucha sigue!” („Der Kampf geht weiter!”): Auch dieses Motto spielt auf die immer wiederkehrenden Widerstände der Indianer an.
- “¡Zapata vive!” („Zapata lebt!”): In diesem Ausruf lassen sie den toten Führer der Mexikanischen Revolution lebendig werden. Einige Indígenas meinen diesen Ausruf sogar wörtlich. Es kursiert die Legende, Zapata sei gar nicht gestorben, sondern verstecke sich bis heute in den Bergen von Chiapas.
- “¡Democracia, Libertad y Dignidad!” („Demokratie, Freiheit, Würde!”): Das moderne und fortschrittliche Leitbild “Democracia” steht hier neben der zeitlosen “Libertad” und der in erster Linie die Marginalisierten der Welt, besonders die Indígenas betreffende “Dignidad”.
- “Preguntando caminamos” („Fragend gehen wir voran”): Darin drückt sich ihre Bereitschaft dazuzulernen und sich zu wandeln aus. Außerdem beinhaltet es, Fragen stellen zu dürfen, ohne die allgemeingültigen Antworten zu kennen.
- “Para un mundo de muchos mundos “ („Für eine Welt der vielen Welten“): Diese Forderung nach Toleranz, Diversität und Autonomie schließt sich dem letzten Punkt an. Die einzelnen „Welten“, also Gemeinschaften aller Art, sollen die Möglichkeit haben, ihre unterschiedlichen Vorstellungen von alternativen Lebensmodellen auszuprobieren und die für sich richtigsten Antworten zu finden.
- “Todo para todos – nada para nosotros “ („Alles für Alle – nichts für uns“): Darin kann man eine gewisse Bescheidenheit erkennen, die in indianischen Gesellschaften üblich ist.
Sie beanspruchen weder die Macht noch überflüssige materielle Güter für sich. Stattdessen wollen sie Gleichberechtigung und den freien Zugang zu allen lebensnotwendigen Gütern für alle Menschen.
- “¡Globaliza la lucha!” („Globalisiert den Widerstand!”): Hier scheint ihre moderne Vision von weltweiter Vernetzung und Offenheit durch.

2.3 Ursachen des Aufstands

Seit dem 16. Jahrhundert gab es in Chiapas immer wieder Rebellionen der indigenen Bevölkerung (s.o.). Der erste offizielle Indígena-Kongress im Oktober 1974 hatte erstmals starken Vernetzungscharakter. Die folgenden Dekaden waren geprägt von Protestmärschen seitens der indigenen Bauern und starken Repressionen seitens diverser Privatarmeen und des mexikanischen Staates.

Die Intensität des zapatistischen Aufstands ist vor dem Hintergrund der miserablen Umstände der Indígenas in Chiapas zu verstehen:

- Ungleiche Ressourcenverteilung und extreme Armut in Chiapas
- Marginalisierung und Ausschluss der ländlichen Indígenas aus der Politik, Wirtschaft und Kultur
- Rassistische Diskriminierung der Indígenas, oligarchische Strukturen, Vertreibungen
- Menschenrechtsverletzungen (Folter, Morde und Vergewaltigungen durch Bundesarmee, Paramilitär und Polizei)
- Umweltzerstörung und damit auch Zerstörung der Lebensgrundlage vieler Bauernfamilien

Im Januar 1994 erlangte die neoliberale Politik des damaligen Präsidenten Carlos Salinas einen Höhepunkt in dem Abschluss des Freihandels- abkommens NAFTAvii. Die Zapatistas befürchteten unter anderem, dass dies die Marginalisierung der Indígenas verstärken würde, weil große Unternehmen leichteren Zugang zu den Ressourcen der Region bekommen würden. Daraufhin explodierte das Pulverfass und entlud sich in dem o.g. Aufstand.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Grafik 5: Zapatistas in den traditionellen Trachten

[...]


1 Mit „modernen Visionen“ (Titel) sind in diesem Falle nicht die des mexikanischen Staates gemeint, sondern die Alternativen der globalisierungskritischen Bewegungen. Trotzdem ist es als Wortspiel zu verstehen: Viele Maya-Traditionen sind dem Modernisierungswahn der mexikanischen Mestizo-Gesellschaft zum Opfer gefallen.

2 Nahua ist die zweite große Sprachgruppe mexikanischer Indios, die Nachfahren der Azteken, welche heute überwiegend Zentralmexiko besiedeln.

3 Spanisch, deutsch = Lakandonenurwald, nach seinen Ureinwohnern, den Lakandones, benannt.

4 Pseudonym eines der sechs Gründer der EZLN. Heute hat er den Titel des „Subcomandante“ abgelegt und nennt sich „Delegado Zero“. Da er in der Öffentlichkeit häufig als Führer der EZLN angesehen wird, soll hier erwähnt sein, dass er niemals den offiziellen Status eines „Comandantes“ (= milit./ polit. Befehlshaber) inne hatte, da er ein Mestize ist und nur Indígenas diesen Titel tragen dürfen.

28 von 28 Seiten

Details

Titel
Zapatistas - Zwischen "Maya-Traditionen" und "modernen Visionen"
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Veranstaltung
Vorlesung Altamerikanistik
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
28
Katalognummer
V110626
Dateigröße
1446 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Begriffe "traditionel" und "modern" sind mit Vorsicht zu genießen. Ihrer Problematik bewusst habe ich sie in erster wegen fehlender Alternativen und aus ästhetischen Gründen verwendet. (Auch kritische) Komentare erwünscht!
Schlagworte
Zapatistas, Zwischen, Maya-Traditionen, Visionen, Vorlesung, Altamerikanistik
Arbeit zitieren
Miriam Boschmann (Autor), 2006, Zapatistas - Zwischen "Maya-Traditionen" und "modernen Visionen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110626

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