Heine, Heinrich - Die schlesischen Weber - Gedichtinterpretation


Referat / Aufsatz (Schule), 2006

6 Seiten, Note: 1-


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Gedichtinterpretation zu „Die schlesischen Weber“ von Heinrich Heine

Das Gedicht „Die schlesischen Weber“ von Heinrich Heine (1797-1856) bezieht sich auf den Weberaufstand vom Juni 1844. Bei diesem Aufstand haben sich schlesische Weber gegen ihre Verleger aufgelehnt. Sie zerstörten Maschinen, von denen sie ihre Existenz bedroht sahen und verbrannten die Geschäftsbücher der Verleger.

Damit wollten sie gegen die menschenunwürdigen Bedingungen, unter denen sie leben mussten, revoltieren (Pauperismus). Der schlesische Weberaufstand wurde nach zwei Tagen von preußischem Militär niedergeschlagen. Dabei wurden elf Menschen getötet und zwanzig verletzt. Die Anführer wurden inhaftiert.

Heinrich Heine, ein Vertreter der Literaturepoche „Vormärz“, greift diese Thematik auf, um die Zustände im industrialisierten Feudalstaat Deutschland zu kritisieren.

Der erste Eindruck, den ich beim Lesen bekomme, lässt keine Zweifel an der Intention des Dichters. Die Tatsache, dass sogar die für Heine typische Ironie fehlt, unterstreicht zudem die Ernsthaftigkeit, mit der er das Thema behandelt. Deshalb kann man sagen, dass es sich um ein politisches Gedicht handelt.

Dieses Gedicht besteht aus fünf Strophen zu je fünf Versen. Das überwiegend verwendete Versmaß ist ein Jambus mit unterschiedlich vielen Hebungen (vgl. V. 6 „…Ein Fluch dem Gotte zu dem wir gebeten,…“ fünf Hebungen, vgl. V. 18 „…Wo jede Blume früh geknickt,…“ nur vier Hebungen). Die jeweils ersten vier Verszeilen jeder Strophe sind im Paarreim (aabb) gehalten, die jeweils fünfte Verszeile „Wir weben, wir weben!“ ist ein Unreim aabbc (vgl. V. 1-4 „…Träne, …Zähne, …Leichentuch, …Fluch-“).

Das Gedicht beginnt mit dem Oxymoron „Im düsteren Auge…“, durch das der Gegensatz Dunkelheit und Licht, was das Auge symbolisiert, verbunden wird. Das düstere Leben der Weber steht ebenfalls im Gegensatz zu dem des frühkapitalistischen Bürgertums, was seinen Lebensstil nach oben, also am Adel, orientierte. Die Gefühle der Weber werden durch den ersten Paarreim „…keine Träne, […] und fletschen die Zähne:“ sehr deutlich reflektiert. Sie sind also eher wütend als traurig. Wollen lieber Revolution als Resignation. In den ersten zwei Verszeilen sehe ich das lyrische Ich und den Dichter als identisch. Das lyrische Ich stellt dem Leser hier die Ausgangssituation vor, wie in einem Drama in der Exposition.

In Verszeile drei beginnt eine direkte Rede die bis zum Ende des Gedichts geht (vgl. V. 3-25 …„Deutschland […] weben!“). Die Anrede „Deutschland, wir weben dein Leichentuch“ kann als Kampfansage an die bestehenden Verhältnisse sowie an die Machthaber verstanden werden. Der „dreifache Fluch“, der in Vers vier angekündigt wird, wird in den folgenden Strophen zwei, drei und vier näher erläutert. Ich würde deshalb im weitesten Sinne von einem klimaxartigen Aufbau des Gedichts sprechen. Außerdem bezieht er sich wahrscheinlich auf die preußische Parole der Befreiungskriege gegen Napoleon „Mit Gott, für König und Vaterland“.

Im Gegensatz zur ersten Strophe, die im Präsens verfasst wurde, ändert sich die Zeitform in Strophe zwei in das Präteritum (vgl. V. 6 gebeten). Die semantische Verknüpfung macht die betende und bittende Haltung der Weber deutlich (vgl. ebenfalls V. 6). Hier wird der erste Fluch ausgesprochen, der der Kirche und dem von ihr gepredigten dogmatischen Glauben gilt. Heine verflucht nicht Gott selbst. Das Hendiadyoin „Winterskälte und Hungersnöten“ verstärkt den Ausdruck des Elends, das in Strophe drei, Vers zwölf direkt angesprochen wird. Die Alliteration (vgl. V. 8,9) verdeutlicht den Umgang der Geistlichkeit mit den Webern. Ihre Hoffnungen auf christliche Nächstenliebe blieben unerfüllt und sie wurden betrogen.

Tatsächlich hat König Friedrich Wilhelm IV ein Edikt erlassen, in dem er die Lösung des „Weberproblems“ durch, durch christliche Nächstenliebe motivierte Wohltätigkeit sah². Die männlichen Kadenzen am Ende der Verse acht und neun machen diese Erfahrungen der Weber nachdrücklicher.

Die dritte Strophe beinhaltet den zweiten Fluch, der dem König (von Preußen) gilt. Das Correctio in Vers elf „Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,…“ veranschaulicht dem Leser, dass die Weber den König nicht als ihren Herren und Beschützer sehen, wie es die Aufgabe eines Souveräns wäre, sondern vielmehr als einen König der reichen Bourgeoisie. Dieser König hat keine Ohren für das „Elend“ seiner (armen) Untertanen (vgl. V. 12). Im Gegenteil, er presst sogar „den letzten Groschen“ aus ihnen heraus (vgl. V. 13). Der Höhepunkt dieses Klimax aus den Versen elf, zwölf und dreizehn ist die Tiermetaphorik in Vers dreizehn. Der König lässt die Weber „…wie Hunde erschießen…“. Hier ziehe ich eine Verbindung zu den in der Einleitung erwähnten Opfern des Weberaufstandes (elf Menschen wurden von preußischen Soldaten erschossen). Dass Heine hier das Präsens verwendet, zeigt die Aktualität des Themas. Wieder verwendet Heine die Alliteration, um das Elend der Weber sprachlich zu unterstreichen (vgl. V. 12-14 „…erweichen, …erpresst, …erschießen lässt-“).

Der dritte und letzte Fluch gilt dem „falschen Vaterlande“. Die Interessen der Arbeiter wurden von niemand, der das Land repräsentierte, wahrgenommen, deshalb konnten sie sich auch nicht mit dem Vaterland identifizieren und empfinden das Land als „falsch“. Die folgende Anapher zeichnet ein deprimierendes Bild des vorrevolutionären Deutschlands (vgl. V. 17-19). In einem Klimax der mit dem Hendiadyoin „Schmach und Schande“ beginnt und sich bis zum „Erquicken“ des Wurms durch „Fäulnis und Moder“ steigert werden die Schwächen des Landes in bildhafter Sprache dargestellt.

Die „geknickte Blume“ symbolisiert alles Neue, Revolutionäre was den Machterhalt des Adels bedrohen könnte und deshalb vernichtet wird (vgl. V.18). „Fäulnis und Moder“ stehen metaphorisch für Korruption und eventuell Vetternwirtschaft. Gerade im Bereich der Textilindustrie soll es Absprachen zwischen den Verlegern gegeben haben. Mit dem Ziel, größtmöglichen Profit auf Kosten der Arbeitnehmer zu machen³. Mit dem „Wurm“ greift Heine wieder die Tiermetaphorik auf. Diesmal aber um einen Gegner der Weber, vielleicht einen Staatsdiener zu charakterisieren (vgl. V. 19). Gleichzeitig könnte es sich auch um eine Anspielung auf Friedrich von Schillers „Kabale und Liebe“ handeln. In dem der Sekretär „Wurm“ ein intrigantes Bürokratentum verkörpert.

Strophe fünf wirkt durch ihre ersten zwei Verszeilen dynamischer als alle anderen Strophen. Dadurch entsteht der Eindruck eines Hoffnungsschimmers am Ende des Gedichts (vgl. V. 21,22 „…fliegt, …kracht, …emsig…“). Wie zu Beginn werden hier der Gegensatz hell und dunkel durch „Tag und Nacht“ zusammengeführt. Es entsteht das Bild des unermüdlichen Strebens durch das Motiv des „emsigen Webens“. Dieses Streben richtet sich gegen die bestehende Ordnung. Die Verse 23,24 und 25 sind identisch mit den Versen drei, vier und fünf der ersten Strophe. Nur der Begriff „Deutschland“ wurde präzisiert und durch „Altdeutschland“ ersetzt (vgl. V. 3 und 23). Vielleicht um noch deutlicher zu zeigen, wem der dreifache Fluch gilt. Damit bilden diese Verszeilen eine Art Rahmen um die mittleren drei Strophen, die den Fluch enthalten. Somit ergibt sich zusammen mit der „Einleitung“ ein in sich geschlossenes Gesamtgefüge.

Das zentrale Motiv des Webens, was am Ende jeder Strophe als auch in Strophe eins und fünf steht erinnert mich an die Web- Metapher in „Faust I“. Der Erdgeist den Goethe mit der Web-Metapher in Verbindung bringt verkörpert die Polarität des Lebens. Als Polarität könnte man auch den Vergleich zwischen dem Leben der Adligen und Großbürger und dem „Dauern“ der Arbeiterschaft bezeichnen. Zudem ist er ein Geist der Tat. Dieser wohnt auch in Heine.

Der Wille zur Tat und zu Veränderung ist Voraussetzung zur Revolution. Das Weben symbolisiert dabei diese Veränderung. Es erhält somit eine höhere Bedeutung und ist mehr als nur die Tätigkeit der Weber.

Literatur

1) Analyse & Kritik 411 vom 12.2.1998, Zeitung für linke Debatte und Kritik.
2) Der König von Preußen und die Sozialreform. Von einem Preußen, in: Vorwärts, Nr. 60,27.7.1944, S.4.
3) Baader, Über das dermalige Missverhältnis, a.a.O., S.134
4) Faust Der Tragödie erster Teil von J. W. v. Goethe Vers 501-509

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Details

Titel
Heine, Heinrich - Die schlesischen Weber - Gedichtinterpretation
Note
1-
Autor
Jahr
2006
Seiten
6
Katalognummer
V110635
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heine, Heinrich, Weber, Gedichtinterpretation
Arbeit zitieren
Frank Bauer (Autor), 2006, Heine, Heinrich - Die schlesischen Weber - Gedichtinterpretation , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110635

Kommentare

  • pagf paejgf am 2.6.2011

    abgesehen davon das die Metrik (4hebige Jamben / schlussverse jeweils 2hebig) und das Reimmaß (Paarreim mit kehrreimartiger Endung) falsch wiedergegeben werden finden sich selbst bei flüchtigem Lesen noch viele inhaltliche Fehler wie zum Beispiel im 6ten Absatz "...Das düstere Leben der Weber steht ebenfalls im Gegensatz zu dem des frühkapitalistischen Bürgertums, was seinen Lebensstil nach oben, also am Adel, orientierte..."
    von einem "Adel" in der Mitte des 19. Jahrhunderts kann unter diesen Umständen keineswegs die Rede sein.
    zur qualität ihres Textes und der Gründlichkeit der "Recherche" ist nichts mehr hinzuzufügen

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