„Mich beschleicht nämlich schon seit einiger Zeit das Gefühl, daß die Novelliererei zu einer allgemeinen Nivelliererei geworden sei, einer Sintflut, in der herumzuplätschern kein Vergnügen und bald auch keine Ehre mehr sei.“[1] Kritisch äußert sich Gottfried Keller zur Novellistik des 19. Jahrhunderts, die zu diesem Zeitpunkt bereits ihren ästhetischen und marktwirtschaftlichen Höhepunkt erreicht hat. Neben dem Roman hat sich die Novelle zwischen 1850 und 1890 im deutschsprachigen Raum zur dominierenden literarischen Gattung entwickelt, wobei es zur Differenzierung in künstlerisch anspruchsvolle, in den literarischen Kanon eingegangene Novellen und in jene von Keller kritisierte, triviale und massenpopuläre Novellen kam. Während zahlreiche deutsche Autoren im 19. Jahrhundert die Novelle zur anspruchsvollsten Gattung, die den Rang des Dramas eingenommen habe, emporstilisierten, empfand Heinrich von Kleist die Hinwendung zur Novellistik als Degradierung seiner künstlerischen Fähigkeit und nicht wie Keller als Ehre: „[S]ich vom Drama zur Erzählung herablassen zu müssen, [habe] ihn grenzenlos gedemütigt.“[2] Tatsächlich entstehen Kleists Erzählungen in einer Zeit, in der, im Gegensatz zum poetischen Realismus, die Novelle als Gattung gegenüber dem Drama gering geschätzt wird. Die Bedeutung und Stellung Kleists innerhalb der Novellengeschichte ist dementsprechend umstritten. Während Heyse trotz lobender Erwähnung Kleists in Tieck den Begründer der modernen Novelle sieht,[3] postuliert Freund, dass „mit den 1810 und 1811 in zwei Bänden erschienenen Erzählungen von Heinrich von Kleist [...] die Geschichte der modernen deutschen Novelle ein[setzt].“[4] Aust wiederum verweist darauf, dass Kleist den Novellenbegriff stets vermieden hat und das ursprüngliche Vorhaben, die Sammlung unter dem Titel ‚Moralische Erzählungen’ herauszugeben, nicht Kleists Nähe zur Tradition der Cervantschen Novellistik andeute sondern „die radikale Form seiner Abrechnung mit ihr [...].“[5] Samuel geht demgegenüber davon aus, dass Kleist sich bewusst „in die Tradition eben der europäischen Novelle [stellt]“[6] und Greiner sieht in Goethes Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter den zentralen Bezugstext Kleistscher Novellen.[7]
Inhaltsverzeichnis
I. Präliminarien
II. Das sexuelle Faktum – Hannelore Schlaffers Poetik der Novelle
III. Heinrich von Kleist – Die Marquise von O...
1. Die Verdrängung des sexuellen Faktums
1. Mittels der Verschiebung des Argumentums
2. Mittels sozialer und lokaler Verschiebungen
2. Die Substituierung des sexuellen Faktums: die Taktik der impliziten Darstellung
1. Sprachliche Zeichen
2. Körperliche Zeichen
3. Metonymien
4. Symbolische Zeichen
3. Die implizite Enthüllung weiblichen Begehrens und die Verrätselung der Marquise
4. Der Leser als Forensiker und verführter Voyeur
IV. Fazit oder Das Begehren nach Ordnung
V. Bibliografie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht anhand von Heinrich von Kleists Novelle „Die Marquise von O...“ die literarischen Strategien, mit denen das sexuelle Faktum – im Sinne Hannelore Schlaffers – verdrängt, durch Ersatzzeichen substituiert und somit implizit enthüllt wird, um das erotische Begehren der Figuren und den voyeuristischen Blick des Lesers zu steuern.
- Theorie der Novelle und das „sexuelle Faktum“ nach Hannelore Schlaffer
- Analyse von Verdrängungs- und Verschiebungsstrategien (Argumentum, soziale und lokale Ebene)
- Untersuchung eines komplexen Zeichensystems aus Metonymien, Symbolen und körperlichen Signalen
- Rolle des Lesers zwischen forensischer Analyse und voyeuristischer Lust
- Funktion des Begehrens im Hinblick auf die Wiederherstellung gesellschaftlicher Ordnung
Auszug aus dem Buch
III.1.1. Mittels der Verschiebung des Argumentums
Kleists Novelle beginnt mit einer Annonce, die die Marquise von O... aufgibt, um den Vater ihres ungeborenen Kindes ausfindig zu machen:
In M..., einer bedeutenden Stadt im oberen Italien, ließ die verwitwete Marquise von O... [...] durch die Zeitungen bekannt machen: daß sie, ohne ihr Wissen, in andre Umstände gekommen sei, daß der Vater zu dem Kinde, das sie gebären würde, sich melden solle; und daß sie, aus Familienrücksichten, entschlossen wäre, ihn zu heiraten.35
Ausgehend davon, dass „Kleists Erzählungen [...] auf das Vorbild Boccaccios zurückzuführen [sind]“36, kann die Zeitungsannonce als Argumentum der Novelle gelesen werden, die das unerhörte Ereignis, das sexuelle Faktum, implizit enthält und es an den Anfang des Textes stellt, es aber verdrängt durch ein anderes unerhörtes Ereignis: die Annonce.37 Zur Erörterung dieser These ist auf das strukturelle Element des Argumentums in der Novelle Boccaccios zu verweisen, das ursprünglich als zusammenfassende Inhaltsangabe fungiert,38 die der Novelle als Prolepse vorangestellt wird und das sexuelle Faktum explizit nennt, ohne es ausführlich zu beschreiben oder wegzulassen, wie der folgende Auszug aus der dritten Geschichte vom siebten Tag des Decamerone zeigt: „Bruder Rinaldo liegt bei seiner Gevatterin; als ihn ihr Mann mit ihr in der Kammer findet, machen sie ihm weis, der Bruder habe dem Kinde die Würmer besprochen.“39 Daran wird deutlich, dass rudimentär in der Annonce der Marquise noch die urpsrüngliche Funktion des Argumentums, den Handlungsverlauf anzugeben, zu erkennen ist, da es am Ende ja tatsächlich zur Entdeckung des Vaters und zur Heirat kommt.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Präliminarien: Dieses Kapitel verortet Kleists Novellistik im Kontext des 19. Jahrhunderts und thematisiert die wissenschaftliche Kontroverse um die Einordnung seiner Werke.
II. Das sexuelle Faktum – Hannelore Schlaffers Poetik der Novelle: Hier wird die Theorie eingeführt, dass jede Novelle auf dem „sexuellen Faktum“ basiert, welches in der bürgerlichen Gesellschaft durch Verschiebungs- und Substituierungsstrategien verdeckt wird.
III. Heinrich von Kleist – Die Marquise von O...: Der Hauptteil analysiert detailliert die verschiedenen Ebenen der Verdrängung (durch das Argumentum, soziale/lokale Verschiebungen) sowie das System der sprachlichen, körperlichen, metonymischen und symbolischen Zeichen, mit denen der sexuelle Akt im Text präsent gehalten wird.
IV. Fazit oder Das Begehren nach Ordnung: Das Fazit fasst zusammen, dass die ästhetischen Strategien der Novelle nicht nur der Verschleierung dienen, sondern das Begehren nach Ordnung und die Rückkehr in soziale Strukturen unterstreichen.
V. Bibliografie: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärquellen.
Schlüsselwörter
Heinrich von Kleist, Die Marquise von O..., Novellentheorie, Hannelore Schlaffer, sexuelles Faktum, Verdrängungsstrategie, Substituierung, Zeichensystem, Erotik, Sexualität, literarische Verschleierung, Voyeurismus, Begehren nach Ordnung, soziale Normen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Kleist in seiner Novelle „Die Marquise von O...“ den sexuellen Akt – das zentrale „sexuelle Faktum“ – durch verschiedene literarische Verfahren verschleiert, um ihn dennoch in einer moralisch restriktiven Gesellschaft thematisierbar zu machen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentral sind die Gattungstheorie der Novelle, die Rolle von Sexualität und Erotik im 19. Jahrhundert, die Analyse literarischer Verdrängungsmechanismen sowie das Zusammenspiel von individuellen Begehren und gesellschaftlichem Ordnungswillen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin mit dieser Arbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Kleist durch die Taktik der impliziten Darstellung und ein raffiniertes Netz aus Zeichen (Sprache, Symbole, Metonymien) eine „sexuelle Aufladung“ des Textes erreicht, während er gleichzeitig die moralischen Forderungen seiner Zeit oberflächlich bedient.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf die literaturwissenschaftliche Theorie von Hannelore Schlaffer und kombiniert diese mit einer textnahen Analyse der Motivstrukturen, Symbolik und des erzählerischen Verfahrens der Verschiebung.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Umwandlung des „sexuellen Faktums“ in ein Rätsel durch die Verschiebung des Argumentums, soziale Umdeutung sowie eine differenzierte Typologie von Zeichen, die den Leser dazu anregen, als Forensiker und Voyeur zu agieren.
Welche Rolle spielen die Schlüsselwörter für das Verständnis der Arbeit?
Sie charakterisieren die Arbeit als eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Fokus auf die Spannung zwischen verborgener Erotik und gesellschaftlicher Ordnung legt.
Wie wird das „sexuelle Faktum“ konkret substituiert?
Dies geschieht unter anderem durch sprachliche Leerstellen wie den berühmten Gedankenstrich, die Nutzung von Metonymien (z. B. Haus als Symbol für die Frau) sowie durch körperliche Signale wie Erröten oder Blässe der Figuren.
Welche Funktion hat das Begehren der Figuren am Ende der Novelle?
Das erotische Begehren ordnet sich letztlich dem Wunsch nach der Wiederherstellung der bürgerlichen Ordnung unter, wobei die Versöhnung zwischen den Figuren eine soziale Legitimierung und Rückkehr in die festgelegten Familienstrukturen symbolisiert.
- Arbeit zitieren
- Janin Taubert (Autor:in), 2006, Die Substituierung des sexuellen Faktums und die implizite Enthüllung erotischen Begehrens in Heinrich von Kleists Novelle "Die Marquise von O...", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110671