Die öffentliche Wahrnehmung des Films "Das Leben der Anderen"


Hausarbeit, 2006
23 Seiten, Note: 2,0

Gratis online lesen

INHALT

Einleitung

1. Der Film
1.1. Rahmendaten
1.2. Inhalt

2. Verortung – DDR und Stasi als Thema im Post-Wall Cinema

3. Kritikerstimmen
3.1. Einleitung
3.2. Kritikerstimmen Pro
3.3. Kritikerstimmen Contra

4. Die aktuelle Stasi-Debatte und die Reaktion der Opfer

5. Kleiner Nachtrag zum Hintergrund

6. Fazit und Ausblick

Literatur- und Quellennachweis

Modulbegründung

Diese Hausarbeit wurde im Modul 3: „Medienästhetik und Medienanalyse“ erstellt und

erkundet exemplarisch für einen aktuellen deutschen Film die Rezeptionswirkung und

Beurteilung im deutschen Fachpublikum anhand von Rezensionen, beschäftigt sich mit dem

gesellschaftspolitischen Zusammenhang der Filmerzählung, sowie mit Schwächen des

Filmplots. Sie stellt damit kulturelle Bezüge her und beinhaltet Elemente von Medienanalyse

und Medienästhetik. Inhaltlich gibt es Querverbindungen zum Seminar „Ulrich Plenzdorf im

Kontext der Literatur- und Medienlandschaft zweier deutscher Staaten“, wo u.a. die

Einwirkung der Stasi auf die Filmproduktion in der DDR ein Thema war. Das „Post-Wall-

Cinema“, das deutsche Kino nach der Wiedervereinigung, bietet mit dem besprochenen Film

ein besonders interessantes Feld der Vergangenheitsbewältigung durch Unterhaltungskino.

Die spezifischen Ereignisse der deutschen Geschichte und deren Bearbeitung im Film tragen

ihren Teil zum nationalen Selbstverständnis bei. Die Wahrnehmung in einem internationalen

Umfeld, also durch das Ausland, macht den Film zu einem Teil des „World Cinema“.

3

4

Einleitung

In den letzten Jahren sind eine ganze Reihe zum Teil sehr erfolgreiche deutsche Filme

gedreht worden, die zur Zeit der Deutschen Demokratischen Republik und deren Endphase

spielen, darunter „Sonnenallee“ von Leander Haußmann und Thomas Brussig (1999),

„Helden wie wir“ von Sebastian Peterson und Thomas Brussig (1999) und „Goobye Lenin“

von Wolfgang Becker (2003). Im Gegensatz zu diesen Filmen, die das Thema DDR

komödiantisch verarbeiten, beschäftigt sich „Das Leben der Anderen“ von Florian Henckel

von Donnersmarck mit der grausamen Seite des DDR-Regimes, der systematischen

„Zersetzung“ von Künstlern durch die Bespitzelung der Staatssicherheit (Stasi).

Sechzehn Jahre nach dem Fall der Mauer hat der Film eine erneute öffentliche Diskussion

um die Stasi und ihre Methoden angestoßen1 und beschäftigt nicht nur die Kritiker der

Feuilletons. Mitglieder des Bundestages wurden exklusiv zur Vorpremiere eingeladen,

Personen des öffentlichen Lebens mit einschlägiger Kompetenz wie Joachim Gauck,

Marianne Birthler und Wolf Biermann haben sich zum Film geäußert. Im Publikum hat er eine

Fülle von z.T. sehr emotionalen Reaktionen ausgelöst, die sich in der Presse, wie auch im

Fernsehen und in Internet-Foren niederschlagen. In der Talkshow „Menschen bei

Maischberger“ hieß es beispielsweise „der Film bedrücke seit Wochen hunderttausende

Kinobesucher“2.

Das wirft eine Reihe Fragen auf: „Das Leben der Anderen“ ist keinesfalls der erste Film der

Nachwendezeit, der sich kritisch mit der Stasi und ihren gesellschaftlichen Folgen

auseinandersetzt. Warum also hat es so lange gedauert, bis nach all den Komödien

(jüngstes Beispiel: „NVA“ von Leander Haußmann) ein Film, der sich mit der „dunklen“ Seite

des Überwachungsstaates befasst, ein breites Publikum erreicht? Brauchten die Deutschen

erst einmal einen ausreichenden Abstand durch den komödiantischen, „lockeren“, sogar

albernen Umgang mit der Vergangenheit (z.B. in Ostalgie-Shows), bevor sie sich der

unangenehmen Seite der Geschichte zuwenden konnten?3 „Filme sind Ausdruck eines

1 zeitgleich mit dem „Eklat von Hohenschönhausen“, wie weiter unten näher ausgeführt wird

2 Sendung vom 9.5.2006, ARD: „Im Schatten der Stasi: Hexenjagd oder späte Gerechtigkeit?“.

Der Film wird dort als einer der Anlässe für die Talkshow-Diskussion genannt. Video der Sendung unter

http://www.daserste.de/maischberger/sendung_dyn~uid,i8jhtbgjjlgabj9fj5sxxpdr~cm.asp.

3 Das Ostalgie-Phänomen und die „seltsame Verniedlichung der SED-Diktatur hat der Psychoanalytiker Jochen

Schade als Methode der „Schamabwehr“ bezeichnet.“ Mariam Lau: Schluss mit Lustig. „Die Welt“ v. 22.3.2006

5

zeitbedingten Selbstverständnisses und verraten indirekt vieles über uns: das Publikum“4.

Eignet sich „Das Leben der Anderen“ zur Vergangenheitsbewältigung oder hat der Film gar

eine Art „Deutungshoheit“ für das Thema erlangt, wie manche Kritiker vermuten?5

Wie nehmen die Ost-Zuschauer6 den Film wahr im Vergleich zu den Zuschauern im Westen?

Während die ostdeutschen Zuschauer den Film mit ihren eigenen Erfahrungen abgleichen

können, kann der Film bei West-Zuschauern ohne authentische Erinnerung an die DDR ein

bestimmtes Geschichtsbild prägen, das sie unter Umständen zu einem ähnlichen Urteil

kommen läßt wie Joachim Gauck („Ja, so war es!“)7 - trotz des Wissens, dass es sich um

eine fiktive Erzählung handelt und nicht um einen Dokumentarfilm. Der Film erhebt einen

Anspruch auf Authentizität, der sich unter anderem in der detailgetreuen Ausstattung der

Filmkulisse und der aufwendigen Vorrecherche niederschlägt und hat dadurch bei Publikum

und Kritikern eine Diskussion um wahrheitsgetreue Darstellung entfacht. Der Vorwurf einer

Verfälschung von Geschichte muss angesichts der Vorführung vor Schulklassen durchaus

ernstgenommen werden.

Natürlich können nicht alle der aufgeworfenen Fragen im Rahmen dieser Hausarbeit

beantwortet werden. Um mich dem Thema anzunähern, habe ich ca. 30 Rezensionen,

Interviews und Kritikerstimmen zum Film ausgewertet, darunter von prominenten Experten

wie Joachim Gauck, Marianne Birthler, Wolf Biermann, Thomas Brussig, Hubertus Knabe

(Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen) und Wolfgang Schmidt (ehemaliger

Abteilungsleiter im Ministerium für Staatssicherheit). Ergänzt werden sie durch kritische

Stellungnahmen aus dem Publikum, unter anderem aus dem Forum der Stasi-Opfer8. Eine

vollständige Rezensionsanalyse würde den Rahmen sprengen, daher habe ich mich darauf

beschränkt, die Hauptargumente der Kritiker zu extrahieren und sie gegenüber zu stellen.

Zur Einführung folgen als Nächstes die Rahmendaten und eine Inhaltsangabe des Films,

sowie eine kurze Einordnung in den Kontext anderer Nachwende-Filme über die DDR.

4 Andreas Kötzing, Editorial zu „Film und Gesellschaft“, Aus Politik und Zeitgeschichte, Heft 44/2005

vom 31. Oktober 2005

5 Knut Elstermann: „Mit großer Gester überschätzt“; Neues Deutschland v. 15.5.2006

6 Mit „Ost-“ bzw. „West-Zuschauer“ ist hier das Publikum gemeint, das zur Zeit der deutschen Teilung in den

jeweiligen Landesteilen lebte

7 Stern vom 24.3.2006, http://www.stern.de/unterhaltung/film/558074.html

8 www.stasiopfer.de

6

1. Der Film

1.1. Rahmendaten

„Das Leben der Anderen“ ist der Debütfilm von Regisseur und Drehbuchautor Florian

Henckel von Donnersmarck (Jahrgang 1973), der in Westdeutschland aufgewachsen ist und

sich das Wissen über die Deutsche Demokratische Republik und die Stasi-Methoden durch

eigene Recherche angeeignet hat. Insgesamt hat er von der Idee bis zur Fertigstellung acht

Jahre an dem Film gearbeitet, der zugleich seine Abschlussarbeit an der Hochschule für Film

und Fernsehen in München ist. Das Melodram wurde mit Preisen überhäuft, erhielt vier

bayerische Filmpreise, sieben Deutsche Filmpreise („Lolas“)9 und schließlich im Juli 2006

noch den Friedenspreis des Deutschen Films. Kinostart war der 23. März 2006, im Juli 2006

hatten über 1,3 Millionen Zuschauer den Film gesehen10. In den Hauptrollen sind zu sehen

Ulrich Mühe (Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler), Sebastian Koch (Schriftsteller Georg Dreyman),

Martina Gedeck (Christa-Maria Sieland, dessen Lebensgefährtin), Ulrich Tukur

(Oberstleutnant Grubitz) und Thomas Thieme (Minister Hempf).

1.2. Inhalt

Ost-Berlin, 1984. Der linientreue Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler wird vom Kulturminister

Hempf beauftragt, den Schriftsteller und Dramatiker Georg Dreyman zu überwachen. Ein

Operativer Vorgang (OV) wird eingeleitet, Dreymans Wohnung wird verwanzt und auf dem

Dachboden des Wohnhauses eine Abhörzentrale eingerichtet, in der Wiesler von nun an am

Privatleben von Dreyman, seiner Lebensgefährtin Christa-Maria Sieland und deren Künstler-

Freundeskreis teilnimmt. Nach und nach stellt sich heraus, dass Hempf keine politischen,

sondern private Gründe hat, Dreyman zu überwachen: er hat eine erzwungene Affäre mit der

von ihm begehrten schönen Schauspielerin Christa-Maria, die er dazu benutzt, sie auch

beruflich unter Druck zu setzen. Dreyman, der bisher den Balanceakt des anerkannten

staatstreuen Dramatikers mit kritischem Bewusstsein meistert, wandelt sich nach dem

Selbstmord eines Freundes, des mit Berufsverbot belegten Theaterregisseurs Jerska, zum

Dissidenten und beschließt, für den „Spiegel“ einen Artikel über die hohe Suizidrate in der

9 Die Preisverleihung wird auch auf der Website der deutschen Bundesregierung erwähnt: siehe

http://www.bundesregierung.de/nn_23686/Content/DE/Artikel/2006/05/2006-05-13-deutscher-filmpreis-fuer-dasleben-

der-anderen-.html

10 1,35 Millionen Zuschauer im Juli 2006 (Quelle: International Movie Database, imdb Business Data,

http://german.imdb.com/title/tt0405094/business)

7

DDR zu schreiben. Wiesler gerät in seiner Abhörzentrale angesichts der Wandlungen

Dreymans zusehends in einen Gewissenskonflikt. Durch das Lauschen gewinnt er Einblicke

in eine Lebenswelt, die ihm bisher unbekannt war, und die im Gegensatz zu seiner eigenen

eine Fülle an sozialen Kontakten, Gefühlen, künstlerischen und politischen Ambitionen

beinhaltet. Der gefühlskalte, innerlich verhärtete und berechnende Stasi-Hauptmann nimmt

zunehmend Anteil an den Konflikten des Künstlerpaares und wandelt sich so zum fühlenden

Wesen (Schlüsselszene: Dreyman spielt nach dem Selbstmord seines Freundes auf dem

Klavier die „Sonate vom guten Menschen“, die Wiesler zu Tränen rührt). Wiesler beschließt,

Dreyman zu schützen und fängt an, die Abhörprotokolle zu seinen Gunsten zu fälschen. Er

lässt ein Beweisstück, die Schreibmaschine, auf der Dreyman das Manuskript für den

„Spiegel“-Artikel geschrieben hat, vor einer Durchsuchungsaktion der Stasi verschwinden.

Durch eine weitere Aktion lässt er Dreyman Zeuge der heimlichen Affäre von Christa-Maria

und Hempf werden. Die tablettensüchtige Frau Sieland wird aus fadenscheinigen Gründen

verhaftet (der lange Arm des Ministers Hempf) und kurzerhand zum IM verwandelt. Sie kehrt

in die gemeinsame Wohnung des Paares zurück, wo sie Dreyman, nun im vollen

Bewusstsein des Vertrauens-bruchs, erwartet. Er überspielt jedoch sein Wissen. Beim

Verlassen der Wohnung läuft Christa-Maria vor ein Auto und verunglückt tödlich. Wieslers

Fälschungen fliegen auf, und er wird in die Poststelle strafversetzt, wo er zukünftig Briefe

aufdampfen darf.

Epilog.

Jahre später, nach dem Fall der Mauer. Dreyman sitzt in der Gauck-Behörde und liest seine

Stasi-Akten. Er entdeckt, dass er durch den Stasi-Spitzel mit dem Kürzel HGW XX/7

geschützt wurde, der, um die „Spiegel“-Aktion zu verdecken, eine komplette Geschichte über

die Verfassung eines linientreuen Jubiläums-Theaterstückes erfunden hat. Er entdeckt auch

zu seiner Erschütterung, dass Christa-Maria als IM angeworben wurde, und der Stasi das

Versteck seiner „Spiegel“-Unterlagen und der verdächtigen Schreibmaschine verraten hat.

Wiesler verdient unterdessen seinen mageren Lebensunterhalt durch das Austragen von

Werbeprospekten. Er kommt zufällig an einem Buchladen vorbei und sieht im Schaufenster

das Bild des mittlerweile erfolgreichen Dreymans aus Anlass der Veröffentlichung seines

neuen Buches. Er geht in den Buchladen, um es zu kaufen. Als er die erste Seite aufschlägt,

sieht er folgende Widmung: „HGW XX/7 gewidmet, in Dankbarkeit.“11

11 zum Inhalt vgl. u.a. das Buch zum Film und das Filmheft der Bundeszentrale für politische Bildung

8

2. Verortung – DDR und Stasi als Thema im Post-Wall Cinema 12

Es gibt und gab eine Reihe Filme, die sich kritisch mit der DDR und der Wiedervereinigung

beschäftigten, wie Ralf Schenk in seinem Artikel „Die DDR im deutschen Film nach 1989“

darlegt:13 schon gleich nach dem Mauerfall, 1990 und 1991 setzten sich ehemalige DEFARegisseure

mit dem eben vergangenen Staat auseinander (z.B. „Letztes aus der Da Da eR“

von Jörg Foth, „Das Land hinter dem Regenbogen“ von Herwig Kipping oder „Verfehlung“

von Heiner Carow). Der ehemalige DDR-Schauspieler Michael Gwisdek drehte 1993 mit

„Abschied von Agnes“ eine „Psychostudie über die Totalüberwachung eines Individuums“14.

Später versuchten sich auch West-Regisseure mehr oder weniger erfolgreich an dem Thema

DDR und Stasi, so Margarethe von Trotta („Das Versprechen“, 1995), Helma Sanders-

Brahms („Apfelbäume“, 1992) und Connie Walther („Wie Feuer und Flamme“, 2001). Die

Stasi spielte bei der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit in den Medien und auch in einigen

Filmen eine Art Sündenbock-Rolle, die die Masse der ehemaligen DDR-Bürger von Schuld

freisprach und die Stasi-Protagonisten wurden als brutal und hinterhältig dargestellt.15 Diese

Filme hatten aber keinen kommerziellen Erfolg und blieben einem begrenzten Programmkino-

Publikum vorbehalten, während die wirklich erfolgreichen Filme Kömodien wie „Helden

wie wir“ (1999) waren, die das Thema ironisch-satirisch verarbeiten.

Als mögliche Erklärung hierfür bemerkt Schenk: „Die Unzufriedenheit vieler Ostdeutscher mit

dem, was sie in und an der Bundesrepublik vorfanden, schlug sich unter anderem in einem

verklärenden Blick zurück, einer vom Wende-Zorn längst abstrahierten, freundlicheren Sicht

auf die DDR nieder. In dieser Situation kam Leander Haußmanns und Thomas Brussigs Film

„Sonnenallee“ gerade recht.“ Aber auch in der Gunst der westdeutschen Zuschauer lagen

Komödien wie „Goodbye Lenin“ (‚Die DDR als Traum, Refugium oder Fake’) bisher vorne.

Warum also ist „Das Leben der Anderen“ der erste ernsthafte DDR-Film, der Zuspruch bei

einem breiten Publikum bekommt? Der Historiker Ulrich Herbert erwidert im Interview auf die

Frage: „Erst „Good Bye, Lenin!“, dann „Das Leben der Anderen“: Läuft Aufarbeitung

eigentlich immer in bestimmten Phasen ab?“: „Nein, es gibt keine feste Rhythmisierung,

auch wenn es nach Diktaturen oft erstmal das Bedürfnis gibt, zu vergessen und die neuen

12 engl. Begriff für das deutsche Nachwende-Kino, so u.a. verwendet in „The German Cinema Book“

13 in: „Film und Gesellschaft“; Aus Politik und Zeitgeschichte, Heft 44/2005 vom 31. Oktober 2005, S. 31-38

14 ebd., S. 36

15 vgl. ebd., S. 35; lt. G. Jeschonnek kamen auf sechzig DDR-Bürger ein hauptberuflicher oder inoffizieller

Mitarbeiter der Staatssicherheit (Deutschland Archiv Nr. 3/2006, S. 503)

9

Verhältnisse zu etablieren. Dann gibt es das Bedürfnis, sich über die früheren Machthaber

lustig zu machen: Hitler-Witze nach ’45 oder Honecker-Witze nach ’89 hatten etwas

Befreiendes. Erst nach einer gewissen Zeit taucht der Schrecken wieder auf. Nehmen wir

den Stasi-Film „Das Leben der Anderen“: Schon vor 15 Jahren gab es Stasi-Debatten, aber

damals wurde das als fast normal, zum Teil gar als nervtötend empfunden. Die zeitliche

Distanz ermöglicht es nun, dass Jüngere ihre Fassungslosigkeit angesichts des bis dahin

historisch unbekannten und unvorstellbaren Maßes der staatlichen Bespitzelung von

Privatleben zum Ausdruck bringen können.“16

Der Historiker, DDR- und Stasi-Experte Stefan Wolle schreibt dazu : „…offenbar hat es ein

Defizit gegeben. „Das Leben der Anderen“ hat einen unsichtbaren Nerv getroffen. Er wirft

Fragen auf, die durch die Wissenschaft nicht zu klären sind. Er zeigt, dass zwischen dem

Alltag in der DDR und dem Stasi-System keine Grenze verlief, sondern dass im Gegenteil

der Überwachungs- und Repressionsapparat tief in das Leben der Menschen eingegriffen

hat. Die Stasi bekommt ihr menschliches Gesicht zurück, das sie in 16 Jahren der

Versachlichung verloren hat.“17 Wolle bezieht sich hier auf die historische Aufarbeitung der

Stasi-Vergangenheit und der SED-Diktatur wie z.B. durch die ‚Stiftung zur Aufarbeitung der

SED-Diktatur’ oder die Gauck-Behörde. Dazu zählen auch Dokumentarfilme wie „Keine

verlorene Zeit“ von Dörte Franke, Christopher Bauder und Marc Bauder (2000) und „Das

Ministerium für Staatssicherheit – Alltag einer Behörde“ von Jan Lorenzen und Christian

Klemke (2003). Obwohl sich natürlich Fiktion und Dokumentarfilm als verschiedene Genres

nicht miteinander vergleichen lassen, muss sich ein Film wie „Das Leben der Anderen“ nicht

nur in Fragen der Publikumswirkung zu den DDR-Komödien, sondern auch in Fragen der

Authentizität zu Dokumentationen in Bezug setzen, die einen Gegenpol zu den Komödien im

weiten Feld der DDR-Vergangenheitsbewältigung darstellen.

16 „Geteilte Erinnerung“; Interview: Christiane Peitz; Der Tagesspiegel vom 16.05.2006

17 Stefan Wolle: „Stasi mit menschlichem Antlitz“; in: Deutschland Archiv; Zeitschrift für das vereinigte

Deutschland Nr. 3/2006, S. 498

10

3. Kritikerstimmen

3.1. Einleitung

Schon im Vorfeld des Filmstarts, besonders aber nach den Preisverleihungen, ging ein

Sturm der Begeisterung durch die deutschen Feuilletons, der mitunter relativ kritiklos

anmutete. Der Film „versetzt die Filmkritik in Verzückung, lockt das Publikum in hellen

Scharen ins Kino, erhält Preise und beschäftigt nebenbei sogar noch die Klatschspalten der

Zeitungen. Kurzum, ein Kultfilm wurde geboren.“18 „Viele junge Menschen und besonders

auch Westdeutsche haben den Eindruck, jetzt endlich das wahre Herrschaftssystem des

ostdeutschen Kommunismus vorgeführt zu bekommen“.19 Es meldeten sich anschließend

aber auch kritische Stimmen von fachkompetenten Zeitzeugen zu Wort, die Vorwürfe von

Verharmlosung und Geschichtsverfälschung laut werden ließen. So wirft z.B. Günter

Jeschonnek dem Regisseur vor: „Er entmündigt seine Zuschauer und entlässt sie mit einer

historischen Lüge. Ernstzunehmende Filmkritiker und Historiker haben sich vor allem

deshalb nicht den pauschalen Lobeshymnen vieler Feuilletonisten angeschlossen“.20

Zur psychologischen Wirkung des Films schreibt Stefan Wolle: „Der Film ruft jenes

untergründige und oft verdrängte Gefühl der Angst wieder hervor, jenes allgegenwärtige

Gefühl des Misstrauens, das Bewusstsein der Doppelbödigkeit aller menschlichen

Beziehungen. (…) Er zeigt eine Gesellschaft, die bis in die innersten Zirkel der Privatheit

vom Stasi-Gift zersetzt war.“21 Diese Wirkung wurde jedoch für manche fachkundige

Rezipienten durch erhebliche sachliche Fehler im Plot und eine unglaubwürdige Darstellung,

ja, durch eine unglaubwürdige Erzählung insgesamt geschmälert. Im Folgenden werde ich

zunächst die Statements der Befürworter, anschließend die Argumente der Kritiker

auszugsweise zusammenfassen. Die Urteile von Stasi-Opfern und ehemaligen MfSAngehörigen

(wie Wolfgang Schmidt), von DDR- und Stasi-Experten (wie Stefan Wolle,

Günter Jeschonnek, Jens Gieseke) und westdeutschen Feuilletonisten unterscheiden sich

18 Wolle, a.a.O.

19 Rainer Eckert: Grausige Realität oder schönes Märchen? Entfacht „Das Leben der Anderen“ eine neue

Diskussion um die zweite deutsche Diktatur?“ in: Deutschland Archiv; Zeitschrift für das vereinigte Deutschland

Nr. 3/2006, S. 500

20 Günter Jeschonnek: „Die Sehnsucht nach dem unpolitischen Märchen“; Ein kritischer Kommentar zum Stasi-

Film „Das Leben der Anderen“. in: Deutschland Archiv; Zeitschrift für das vereinigte Deutschland Nr. 3/2006,

S. 503

21 Wolle, a.a.O.

11

dabei naturgemäß sehr stark, allerdings nicht immer in eine Richtung, die man vermuten

würde.

3.2. Kritikerstimmen Pro

An positiven Pressestimmen herrschte kein Mangel, von denen ich hier nur einige erwähnen

möchte: vom „bisher besten Nachwende-Film über die DDR“ und einer „Parabel über die

Unmöglichkeit, sich vor den politischen Verhältnissen in einer Nische der Wohlanständigkeit

zu verschanzen“ ist die Rede22, andernorts heißt es: „Der Film (…) vermittelt ein Gefühl für

die DDR, wie man es so noch nicht im Kino erlebt hat, frei von Folklore und Ornamenten.

(…) Florian Henckel von Donnersmarck legt die Mechanik der Macht bloß.“ Er „ist dabei, mit

seinem Film eine Diskussion in Bewegung zu setzen, deren Tragweite er womöglich

unterschätzt hatte.“23

Unter den Kritikern sind besonders jene Zeitzeugen interessant, die aufgrund ihrer Biografie

und beruflichen Kompetenz ein ausgeprägtes Urteilsvermögen in Sachen Deutsche

Demokratische Republik und Staatssicherheit mitbringen.24 Hier möchte ich Joachim Gauck,

Marianne Birthler, Wolf Biermann und Thomas Brussig zitieren.

Joachim Gauck, der ehemalige Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes,

war von dem Film emotional sehr ergriffen und verstieg sich zu einem begeisterten

„Ja, so war es!“. Er habe sich in die damalige Zeit zurück versetzt gefühlt, auch wenn es

einen Stasi-Offizier wie Wiesler vermutlich nicht gegeben hat. Aber: „ein Spielfilm ist keine

zeitgeschichtlicher Dokumentation, er kann freier mit Geschichte umgehen.“25

Marianne Birthler, seine Amtsnachfolgerin, kommt zu einem ausgewogenen, positiven Urteil:

„Was die Authentizität des Falls betrifft, in dem ein Stasi-Offizier sich unter hohem eigenen

Risiko auf die Seite seiner Opfer schlägt, seine Vorgesetzten das ahnen, ihn aber trotzdem

gewähren lassen: Einen solchen Fall gab es nach unserer Kenntnis nicht.“26 Aber: „Vielleicht

22 Evelyn Finger: „Die Bekehrung“; DIE ZEIT Nr. 13/06 vom 23.03.2006

23 Frank Junghänel: „Fürsorglicher Beobachter“; in: Berliner Zeitung v. 18./19.3.2006

24 „Drei starke und zugleich fachkompetente Sympathisanten des Films unterstützen diese Botschaft. Sie

scheinen wegen ihrer Biografien über jeden Zweifel erhaben: Die Literaten Wolf Biermann und Thomas Brussig

sowie der ehemalige oberste Stasi-Aufklärer Joachim Gauck finden den Film hervorragend und authentisch.“

(Günter Jeschonnek, a.a.O.)

25 Stern vom 24.3.2006, http://www.stern.de/unterhaltung/film/558074.html

26 „Widerliches Treiben“ – Interview mit Marianne Birthler vom 7.5.2006, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

12

erzählt der Film auch mehr von der Sehnsucht danach. (…) „Das Leben der Anderen“ zeigt

in bedrängender Weise, wie auch in einer eher unblutigen Diktatur wie der späten DDR

Menschen eingeschränkt und des Vertrauens zu ihren Mitmenschen beraubt werden.“27

Auch Wolf Biermann bescheinigt dem Film trotz historischer Ungenauigkeiten einen

authentischen Bezug und lobt die gelungene emotionale Vermittlung des Gewissenskonflikts:

„Die Grundgeschichte in „Das Leben der Anderen“ ist verrückt und wahr und schön – soll

heißen: ganz schön traurig. Der politische Sound ist authentisch, der Plot hat mich bewegt.“

Gewisse, von Freunden bekrittelte „Unschärfen“ hält er für nebensächlich und lobt die

künstlerische Leistung des Films, den gesichtslosen Stasi-Schergen seiner Vergangenheit,

durch die auch er „zersetzt“ werden sollte, in Gestalt von Ulrich Tukur endlich ein Gesicht

verliehen zu haben. Er räumt aber ein, dass sein verstorbener Freund und Stasi-Opfer

Jürgen Fuchs wahrscheinlich anders über den Film geurteilt hätte.28

Regisseur und Schriftsteller Thomas Brussig bezeichnet die Geschichte vom Stasi-Spitzel,

der seine Opfer beschützt, als „Kinolüge“, die vermutlich kaum auffallen wird: „Denn sein

Film ist in den Details so realistisch, dass man wie von selbst glaubt, er beruhe auf

Tatsachen.“ Dennoch: „Er lässt Spielraum für die verbreitete Auffassung, in der DDR hätten

stolze, freie Menschen gelebt, die nur durch die Stasi und die Verbreitung nackter Angst

niedergehalten wurden“, was jedoch eine Illusion sei. Zu seiner eigenen Verteidigung als Co-

Autor des Films „Sonnenallee“ sagt er: „Nicht die DDR-Komödien haben das Bild verzerrt,

sondern das schlichte Nichtvorhandensein solcher Filme wie „Das Leben der Anderen“.29

Der ehemalige DDR-Journalist Martin Sachse identifiziert sich so sehr mit der Geschichte,

dass er den Filmtitel in „Mein eigenes Leben“ ummünzt und ihn zum Anlass nimmt, seine

eigene Leidensgeschichte zu erzählen. Er wurde beim DDR-Fernsehen und den DEFAStudios

mit Berufsverbot belegt, und durch die Stasi-Verfolgung privat und beruflich

„erfolgreich zersetzt“ – allerdings ohne Happy-End. Im Gegensatz zu den obigen Zeitzeugen

sagt er: „Die Geschichte könnte sich so zugetragen haben, hat sie doch viele Analogien zu

Schicksalen verfolgter Intellektueller und Künstler.“ Er wertet den Film als „wichtigen Beitrag,

den politikmüden Menschen in unserem Land die jüngste deutsche Diktatur näher zu

bringen.“30

27 Mishra / Neubauer: „Das gute Leben im Schlechten“; Interview mit M. Birthler, Rheinischer Merkur v. 25.5.2006

28 Wolf Biermann: „Die Gespenster treten aus dem Schatten“. in: „Die Welt“ v. 22.3.2006

29 Thomas Brussig: „Klaviatur des Sadismus“; in: Süddeutsche Zeitung v. 21.3.2006

30 Martin Sachse: „Das Leben der Anderen – Mein eigenes Leben“, Beitrag auf der Website der Medienfabrik

Berlin vom 30.3.2006; http://www.medienfabrik-b.de/beta01/texte/sites/kultur/kultur05.html

13

Welche historische Tragweite das Thema hat und wie ernst der Film genommen wird, zeigt

die mehrfache Erwähnung im Pressespiegel zum Votum der Expertenkommission zur

Schaffung eines Geschichtsverbundes „Aufarbeitung der SED-Diktatur“31, mit der eine neue

Etappe der Vergangenheits-Aufarbeitung eingeleitet werden soll. Auf die Frage: „Wie weit

sind Ost- und Westdeutschland noch voneinander entfernt, wenn es um eine Einschätzung

und Haltung zu den Ereignissen in der ehemaligen DDR geht?“ antwortet Tobias Hollitzer im

Interview mit Telepolis: „Unter diesem Gesichtspunkt sind Filme wie "Das Leben der

Anderen", (…) bei allen Einwänden, die man im Detail oder von Seiten der Wissenschaft

erheben könnte, wichtige Momente staatspolitischer Bildung. Sie bauen eine Brücke von

dem Teil des Landes, der die kommunistische Diktatur hautnah erlebt hat, zu dem Teil, der

sich darunter nichts Genaues vorstellen kann.“32

Dies weist wiederum auf das von Wolle erwähnte Defizit hin, das es offenbar bei der

ernsthaften und dennoch unterhaltsamen und spannenden Vermittlung von menschlichen

Trägodien aus der Deutschen Demokratischen Republik gegeben hat. Nach der wissenschaftlichen

Aufarbeitung und der humoristischen Distanzierung fehlte offensichtlich noch

der emotionale Bezug zu den tausendfach erlittenen Schicksalen und „zersetzten“

Existenzen.33

31 Pressespiegel vom 06.05.2006 – 01.06.2006, als PDF-Dokument unter www.zeitgeschichte-online.de/

zol/portals/_rainbow/documents/pdf/presse_votum.pdf

32 Thorsten Stegemann: „Unterm Schlussstrich kommt der Neuanfang“; Telepolis v. 19.05.2006,

http://www.heise.de/tp/r4/artikel/22/22698/1.html

33 lt. des Dokumentarfilms „Jeder schweigt von etwas anderem“ gab es schätzungsweise 250.000 politische

Gefangene in der DDR. http://www.bauderfilm.de/jeder_schweigt.html

14

3.3. Kritikerstimmen Contra

Bei den Kritikern, die den Film negativ beurteilen, überwiegen hauptsächlich die Vorwürfe

der sachlich-historischen Fehler, der mangelnden Authentizität oder sogar der

Verharmlosung. Es gibt, so die „Junge Welt“, den Unterschied zwischen den Wissenden und

den Unwissenden,34 also den Zuschauern, die den Stasi-Terror selbst erlebt haben, und

denjenigen, die ihn nur medial vermittelt kennen. Innerhalb der „Wissenden“ muss man

natürlich unterscheiden zwischen den Reaktionen von Stasi-Opfern und denen von

ehemaligen MfS-Mitarbeitern, den „Stasi-Insidern“.35 Als weitere Gruppe sind abermals

kritische Experten vertreten.

Florian von Donnersmarcks Fachberater waren Manfred Wilke (Leiter im Forschungsverbund

SED-Staat an der FU Berlin) und Wolfgang Schmidt (ehemaliger Stasi-Oberstleutnant und

zuletzt Leiter der Auswertungsgruppe der Hauptabteilung XX, die auch für Kultur zuständig

war). Dennoch finden sich im Plot eine Reihe sachlicher Fehler, die die Geschichte

unglaubwürdig machen:

- Hauptmann Wiesler ist im Film Dozent an der Stasi-Hochschule, Leiter des

Operativen Vorgangs und Spitzel in einer Person. In Wirklichkeit waren diese

Funktionen streng getrennt und auf verschiedene Personen verteilt. „Der Kardinalfehler

in Bezug auf die historischen Fakten liegt darin, dass es einen Stasi-Mann, der

gleichzeitig Dozent an der Stasi-Hochschule, persönlicher Überwacher und Leiter der

Verhöre von Verdächtigen war, nicht gab. Tatsächlich praktizierte gerade die Stasi

strenge Arbeitsteilung.“36

- Auch das Abhören und die Abschrift der Bänder (die Abhörprotokolle) wurde von zwei

verschiedenen Personen durchgeführt, so dass ein Betrug unmöglich gewesen wäre:

Abhörbander und Abschrift lagen dem MfS immer gemeinsam vor.37

- Diese Arbeitsteilung bewirkte auch, dass der Überwachte nicht als Mensch, sondern

als „Objekt“ oder Feind wahrgenommen wurde, dass es „eine organisierte Distanz

zwischen Opfer und Täter gab“38, die eine gefühlsmäßige Annäherung wie im Film

34 Jürgen K. Klaus: „In falschen Hälsen“; Junge Welt v. 23.3.2006

35 siehe hierzu das „Insider-Komitee zur Förderung der kritischen Aneignung der Geschichte des MfS“

http://www.mfs-insider.de/

36 Rüdiger Suchsland: „Mundgerecht konsumierbare Vergangenheit“; Telepolis v. 28.3.2006;

ähnlich äußern sich Wolfgang Schmidt und Jens Gieseke.

37 Mario Falcke, Forum der Stasi-Opfer, Beitrag v. 18.4.2006, www.stasiopfer.de

38 Hubertus Knabe, zitiert nach Mario Falcke, Beitrag im Forum der Stasi-Opfer vom 22.5.2006

15

zwischen Wiesler und Dreyman verhindert hätte: „Die Möglichkeit, dass ein

Verfolgter als Mensch unmittelbar auf den für seine Verfolgung verantwortlichen

Stasi-Offizier einwirken konnte, war faktisch nicht vorhanden. Und das war kein

Zufall, sondern System. Es war einer der entscheidensten Wirkungsmechanismen

der Stasi“.39

- Kulturminister Hempf hätte kraft seines Amtes nicht die Anordnung eines Operativen

Vorgangs veranlassen können: „Ein Kulturminister, der mit diesem Amt nicht einmal

Mitglied im DDR-Politbüro war, konnte einem Stasioffizier übrigens auch keine

Befehle erteilen oder seine Karriere beeinflussen. Kein Funktionär konnte auch die

Stasi mal eben so auf einen x-beliebigen DDR-Bürger ansetzen, schon gar nicht aus

derlei persönlichen Motiven.“40

Wolfgang Schmidt bezeichnet einige Darstellungen im Film als „völlig absurd“41 und kommt

damit zu einem teilweise ähnlichen Urteil wie Stefan Wolle:

- die Sexualmoral im Ministerium für Staatssicherheit (MfS) war eher spießig42:„Gerade

im Parteiapparat war die Atmosphäre von kleinbürgerlicher Spießigkeit und nicht von

morbider Sinneslust geprägt.“43 Vor diesem Hintergrund war eine Affäre wie die

zwischen Hempf und Sieland unwahrscheinlich: „Mitarbeiter, die sich auf intime

Beziehungen zu IM’s eingelassen hatte, wurden in aller Regel aus dem MfS entfernt.“

- Auch gab es laut Schmidt und Wolle keine Berufsprostituierten, die Mitarbeitern des

MfS Hausbesuche auf Kosten des Arbeitgebers abstatteten: „…die Behauptung, das

MfS hätte einen kostenlosen Service zur Befriedigung der erotischen Bedürfnisse

einsamer Mitarbeiter unterhalten, ist schlichtweg albern.“44

- die zur „Raumüberwachung“ benötigte Technik sei, wie alles in der DDR,

Mangelware gewesen und nur „in Ausnahmefällen“ eingesetzt worden. Für das

Einleiten eines Operativen Vorgangs hätte es konkrete Verdachtsmomente geben

müssen, keinesfalls sei ein OV aus Eifersuchtsmotiven, wie im Film, denkbar.

- kaum vorstellbar sei, dass Margot Honecker dem Schriftsteller Dreyman Alexander

Solschenizyns Buch „Archipel Gulag“ schenkt.

39 ebd.

40 Suchsland, a.a.O.; ähnlich W. Biermann, a.a.O.

41 Wolfgang Schmidt: „Zum Film ‚Das Leben der Anderen’ – Ein Bericht in eigener Sache“; 21.03.2006,

MfS-Insider-Forum, http://www.mfs-insider.de/Erkl/Zum%20Film.htm

42 ebd.

43 Wolle, a.a.O.

44 Wolle, ebd.

16

- abwegig sei auch, daß einem neuen inoffiziellen Mitarbeiter erklärt wird „Sie sind jetzt

IM!“. Das Kürzel „IM“ (Inoffizieller Mitarbeiter) war eine rein MfS-interne Bezeichnung

und wurde erst 1990 öffentlich bekannt.

- 40 Stunden dauernde Verhöre, so wie sie von Wiesler im Film demonstriert werden,

habe es nicht gegeben, denn „der Achtstundentag galt auch im MfS“.45

Schmidt relativiert allerdings die sachlichen Fehler angesichts der künstlerischen Freiheit

und der Botschaft, die von Donnersmarck vermitteln will. Einwände wie von Jens Gieseke,

dass es so eine Figur wie Wiesler im wirklichen Leben nicht gegeben hat bzw. geben konnte,

(„reale Vorbilder für Wiesler muss man schon sehr gewaltsam an den Haaren

herbeiziehen“46) seien irrelevant, da es sich um eine fiktive Figur handelt, die den

Gewissenskonflikt eines Stasi-Spitzels verdeutlichen soll. „Nun wäre es Schwachsinn, eine

fiktive Handlung am Maßstab der Realität zu messen. Überhöhung von Konflikten oder die

Komprimierung von Eigenschaften in einzelnen Personen sind legitime Mittel künstlerischer

Gestaltung. So lohnt es sich nicht darüber zu polemisieren, ob und inwieweit ein

Kulturminister Weisungsrechte gegenüber MfS-Mitarbeitern besaß, oder wie die damit

angedeutete führende Rolle der SED im MfS konkret umgesetzt wurde“47. Ein Mitglied aus

dem Forum der Stasi-Opfer stellt fest, dass die Erzählung des Plots durch die historischen

Ungenauigkeiten erst möglich wird.48

Ein weiterer Kritikpunkt ist die persönliche Motivation von Minister Hempf, Dreyman

überwachen zu lassen: damit wird ein eigentlich politisches Thema entschärft, denn „er (von

Donnersmarck) rechnet die Ideologie einfach auf das Private herunter.“49 Aus einem Politwird

ein Eifersuchts-Drama, das erst später durch Dreymans Wandlung zum Dissidenten

einen politischen Anstrich bekommt. „Das ist das eigentlich Kuriose an diesem Film: Die

Überwachung, von der er erzählt, und mit dem er die wahre Natur des Überwachungsstaats

bloßlegen will, ist rein persönlich durch Eifersucht motiviert und gar keine politische.“50 Diese

Schwäche im dramaturgischen Gerüst erscheint umso unverständlicher, als es reale

Vorlagen zuhauf gibt, in denen Künstler aus politischen Gründen abgehört wurden. „Die hoch

45 „Der Achtstundentag galt auch im MfS“; Interview mit Wolfgang Schmidt, Junge Welt v. 1.4.2006;

allerdings ist zu bedenken, dass es sich hierbei nicht um eine neutrale Sichtweise handelt.

46 Jens Gieseke: „Der traurige Blick des Hauptmanns Wiesler“. Zeitgeschichte online, April 2006.

http://www.zeitgeschichte-online.de/zol/portals/_rainbow/documents/pdf/gieseke_lbda.pdf

47 Schmidt, a.a.O.

48 Beitrag von Dr. Dietrich Koch vom 22.05.2006, www.stasiopfer.de

49 Anke Westphal: „Unsere liebe Stasi“; Berliner Zeitung v. 22.3.2006

50 Suchsland, a.a.O.

17

dramatischen und schmerzhaften Geschichten der deutsch-deutschen Vergangenheit liegen

quasi auf der Straße. Man muss sie nicht in mehrjähriger Recherchearbeit gegen die Fakten

erfinden wollen wie von Donnersmarck.“51 Warum also hat von Donnersmarck nicht eine

reale Begebenheit verfilmt?

Peter Körte bezeichnet den Film in der FAZ als Konsensfilm: „So sieht der Konsensfilm aus,

den sich die Branche bestellen müsste, wenn er nicht schon da wäre. (…) Er tut niemandem

weh, er organisiert Einverständnis, indem er noch im Scheitern (…) einen Sinn findet.“52

Im Wandel des bösen Stasi-Spitzels zum Gutmenschen und dem versöhnlichen Ende des

Films - Dreyman ist auch im Westen erfolgreich, während Wiesler sein Leben als

Zeitungsausträger fristen muss, jedoch durch Dreymans Widmung getröstet wird – sehen

einige Kritiker ein „Entlastungsbedürfnis“ als mögliches Motiv der Vergangenheitsbewältigung.

"Dass von Donnersmarck (…) gerade diese Figur erfunden hat, kann für Knabe bei

aller ernsthafter aufklärerischer Absicht nur einen Grund haben: ‚Die Suche nach

Entlastung.’ “53 Rüdiger Suchsland fragt: „Henckel von Donnersmarck erfindet sich den guten

Stasi-Menschen - und man möchte schon wissen, woher das Entlastungsbedürfnis eigentlich

kommt, das sich in solchen Szenarien befriedigt?“54

Noch weiter geht Jan Schulz-Ojala, der im „Tagesspiegel“ die These aufstellt, dass der Film

in eine Reihe zu stellen sei mit den Filmen „Der Untergang“ und „Der freie Wille“, die

allesamt Täter zu Opfern stilisieren, indem sie die menschliche, die menschelnde Seite des

Bösen entdecken. Schulz-Ojala diagnostiziert dies als Teil eines allgemeinen

gesellschaftlichen Trends, in dem sich die Betonung in der medialen Darstellung der

Deutschen vom einstigen Tätervolk zur Darstellung eines Volks von Opfern verschoben

hat.55

Günter Jeschonnek spricht angesichts des überschwenglichen Lobs der Kritiker und der

verharmlosenden Filmerzählung von einem „Faustschlag ins Gesicht“ der Stasi-Opfer. Als

Beispiel nennt er die Strafmaßnahme, die gegen Hauptmann Wiesler angeordnet wird,

nachdem seine gefälschten Abhörprotokolle auffliegen (er wird in die Postkontrolle versetzt,

51 Jeschonnek, a.a.O.

52 Peter Körte: „Der Unberührende. ‚Das Leben der Anderen’ ist der ideale Konsensfilm“,

in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19.03.2006, S. 27

53 Sonja Boerdner: „Macht und Ohnmacht“; Märkische Allgemeine Zeitung v. 22.3.2006;

gemeint ist Hubertus Knabe.

54 Suchsland, a.a.O.

55 Jan Schulz-Ojala: „Die Täterversteher“; Der Tagesspiegel v. 22.3.2006

18

um Briefe aufzudampfen) – und setzt dem ein berüchtigtes Zitat von Stasi-Chef Erich Mielke

entgegen, in dem dieser jedem Abtrünnigen die Todesstrafe androht: „ …hinrichten, wenn

notwendig auch ohne Gerichtsurteil.“56 Ein Verrat der Staatssicherheit wurde mit Todesstrafe

geahndet, und nicht mit derlei harmlosen Sanktionsmaßnahmen wie im Film57.

4. Die aktuelle Stasi-Debatte und die Reaktion der Opfer

Hier lässt sich ein Zusammenhang herstellen zum aktuellen Stand der DDR-Vergangenheitsaufarbeitung

und dem Verhalten ehemaliger Stasi-Offiziere, die sich durch ihr Auftreten in

der Gedenkstätte Hohenschönhausen diskreditiert haben: anlässlich einer Podiumsdiskussion

zur Aufstellung eines Gedenksteins am 14.3.2006 kam es zum Eklat, als 200

ehemalige MfS-Offiziere erschienen, von denen einige das Wort ergriffen, sich gegen die

Gedenkstätte und die Formulierung „kommunistische Diktatur“ wandten und jede Schuld

abstritten. „Der langjährige Gefängnischef schimpfte über die Museumsführer, die

größtenteils früher selbst bei ihm in Haft waren: „Sie stellen sich als Opfer dar und

deklarieren uns zu Tätern.““58 Der Eklat hat zu Rücktrittsforderungen gegenüber

Kultursenator Flierl (PDS) geführt, der sich nicht deutlich von den Provokationen distanzierte.

Dazu Günter Jeschonnek: „Bis heute hat sich nicht ein einziger Stasi-Offizier mit seiner

Arbeit und Schuld kritisch und öffentlich auseinandergesetzt – im Gegenteil: In Berlin traten

in diesen Tagen die einstigen Amtsträger der Stasi selbstbewusst auf unf verkündeten

schamlos die Rechtmäßigkeit ihres Tuns.“59 Am selben Tag fand übrigens auch die

Vorführung von „Das Leben der Anderen“ für Mitglieder des Deutschen Bundestags statt60.

Der Filmstart und der Eklat von Hohenschönhausen haben sich so in ihrer Wirkung als

Anstoß zu einer neuen Stasi-Debatte verstärkt.61

56 s. Jeschonnek, a.a.O., S. 502; ein historischer Fall ist der 1981 zum Tode verurteilte und unter Geheimhaltung

durch Genickschuss hingerichtete Stasi-Offizier Werner Teske.

57 Knabe, Leipziger Volkszeitung v. 06.04.2006

58 vgl. den Gastkommentar von Hubertus Knabe: „Die Diffamierung des Gedenkens“; Stiftung Gedenkstätte

Berlin-Hohenschönhausen, http://www.stiftung-hsh.de/ und Jürgen Schreiber: „Die Schatten werden wieder

länger“, Tagesspiegel v. 13.4.2006; Es ging um die Einweihung eines Gedenksteins mit der Aufschrift „Den

Opfern kommunistischer Gewaltherrschaft 1945 - 1989“.

59 Jeschonnek, a.a.O., S. 502

60 „Kinopremiere für den deutschen Bundestag“, Regierung Online, Meldung v. 14.3.2006,

www.bundesregierung.de/nn_25226/Content/DE/Artikel/2006/03/2006-03-14-kinopremiere-fuer-den-deutschenbundestag.

html

61 vgl. Christina Tillmann: „Das andere Leben“. Über die neue Stasi-Debatte. Tagesspiegel v. 21.3.2006 und

Claus Löser: „Wenn Spitzel zu sehr lieben“, taz v. 22.3.2006

19

In dieser gereizten, aufgeladenen Atmosphäre fallen dann auch die Reaktionen von

Opferverbänden auf den Film dementsprechend aus: In einer Pressemitteilung im Vorfeld

der Verleihung des Deutschen Filmpreises erklärt die „Vereinigung der Opfer des

Stalinismus“ (VOS), dass der Film eine solche Würdigung nicht verdient hätte, weil von ihm

ein „falsches Signal“ ausgehe: „Dem unbedarften Kinobesucher, also der großen Masse

schlechthin wird hier suggeriert, dass die Stasi-Verbrecher im Grunde doch bedauernswerte

Leute sind, die nach 1990 ihre Existenz verloren haben und nun zum Sozialfall geworden

sind. Und sie waren ja auch Menschen wie wir, was man an dem Sinneswandel eines Stasi-

Hauptmannes ersehen kann.“62 Die VOS wertet dieses Signal als eine Demütigung und

Beleidigung der Opfer und schlägt damit in dieselbe Kerbe wie Stasi-Opfer M. Falcke, der in

einem Kommentar auf der Website der „Zeit“ zum Filmboykott aufruft: „In einer Mischung aus

dokumentativer Kamera und eher literaturtypischer Sprache, gaukelt der Autor/Regisseur

dem Publikum eine Stasi vor die es so nie gab.“ Zu der Aufzählung der sachlichen Fehler

sagt er: „Was für den einen oder anderen als Erbsenzählerei anmuten dürfte ist für

Menschen, die bis zum Erbrechen durch derartige konspirative Methoden geschädigt

wurden, keine Lappalie.“63

Hubertus Knabe, Leiter der Gedenkstätte für Stasi-Opfer im ehemaligen MfS-Gefängnis

Hohenschönhausen, verweigerte von Donnersmarck die Drehgenehmigung mit der

Begründung, dass der Film die „Heroisierung eines Stasi-Mannes“64 betreiben würde. „Die

Opfervertreter haben das (die Drehgenehmigung, Anm. d. Verf.) kategorisch abgelehnt, weil

ihre Erfahrung mit der Staatssicherheit diametral anders war”, so Knabe. Man könne „einen

Ort, in dem Menschen gelitten haben und den sie vielleicht im Kino wiedererkennen, nicht als

Kulisse für einen Film missbrauchen, der so lässig mit dieser Vergangenheit umgeht.”65

62 Pressemitteilung der Vereinigung der Opfer des Stalinismus vom 9.5.2006,

http://www.medienfabrik-b.de/beta01/texte/sites/kultur/kultur05.html

63 M. Fal style="line-height:150%;">Evelyn Finger, 03.04.2006; http://zeus.zeit.de/comments/2006/13/Leben_der_anderen?comment_id=13996

&base=/2006/13/Leben_der_anderen

64 Wolfgang Schmidt, 21.3.2006; http://www.mfs-insider.de/Erkl/Zum%20Film.htm

65 Leipziger Volkszeitung vom 06.04.2006 – zitiert nach Saskia Weneit: „Kritik an „Das Leben der Anderen“,

http://www.meinberlin.de/nachrichten_und_aktuelles/26603.html

20

5. Kleiner Nachtrag zum Hintergrund: Die Stasi-Vergangenheit der Jenny Gröllmann

Es gibt eine beklemmende Parallele des Films zur Biografie des Hauptdarstellers Ulrich

Mühe: Jahre nach dem Fall der Mauer fand er heraus, dass seine frühere Frau Jenny

Gröllmann als „IM“ für die Stasi gearbeitet hatte. In einem Interview, das im Buch zum Film

veröffentlicht wurde, spricht er darüber und über seine Erfahrungen beim Lesen der eigenen

Stasi-Akten.66 Frau Gröllmann hat daraufhin im April 2006 eine einstweilige Verfügung beim

Landgericht Berlin erwirkt, wonach das Buch nur noch mit geschwärzten Textpassagen

vertrieben werden darf.67 Sie streitet eine Mitarbeit für das MfS bis heute ab, obwohl laut

Marianne Birthler der Fall nach Aktenlage völlig unstrittig ist.68 Ihre Biografie ähnelt „fatal

Donnersmarcks Film, dem sie eine besondere Authentizität zu verleihen scheint“69 und auf

den sie nun einen wahrscheinlich unbeabsichtigten, aber willkommenen Werbeeffekt ausübt.

Die Geschichte des ehemaligen DDR-Schauspieler-Traumpaars Mühe/Gröllmann liest sich

dabei wie eine Vorlage zum Filmstoff und wird sich in der Wahrnehmung der Zuschauer mit

der fiktiven Figur der Christa-Maria Sieland verbinden.70

66 „Es hat ja schon viele Versuche gegeben, die DDR-Realität einzufangen“. F.H. v. Donnersmarck und Christoph

Hochhäusler im Gespräch mit Ulrich Mühe. In: F.H. v. Donnersmarck, Das Leben der Anderen. S. 182-204

67 vgl. Markus Deggerich: „Gericht stoppt Suhrkamp-Buch“; Spiegel Online Meldung v. 13.4.2006

68 Interview im „Rheinischen Merkur“ vom 25.5.2006, s.o.

69 Daniel Kothenschulte: „Die Sünden der Anderen“; Frankfurter Rundschau v. 19.4.2006; Pressedossier

Zeitgeschichte Online

70 Frank Pergande: „Sie waren einmal ein Traumpaar“; Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 29.4.2006; vgl.

Kothenschulte, ebd.

21

6. Fazit und Ausblick

Zusammenfassend möchte ich noch einmal die Kritiker zu Wort kommen lassen und ihre

Antworten auf die Fragen nach gelungener oder misslungener Vergangenheitsbewältigung,

der zugesprochenen Deutungshoheit und den Anspruch auf angemessenen Umgang mit

Geschichte durch den Film. Die zahlreichen Kritikpunkte lassen den Schluss zu, dass es sich

bei „Das Leben der Anderen“ entsprechend seinem Schöpfer doch um ein Werk mit einem

westdeutschen Blick auf ein fiktives Einzelschicksal in der Geschichte der DDR handelt. „Der

Film ist künstlerisch ein Meisterwerk, historisch ein Märchen“, so fasst Rainer Eckert die

entgegengesetzten Pole der Kritik zusammen. Wolfgang Schmidt fragt: „Ist diesem Film

tatsächlich der Durchbruch zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der Geschichte der

DDR gelungen?“ und als offene Antwort darauf könnte man die Aussage von Jens Gieseke

anfügen: „Doch ob sie (Filme wie Sophie Scholl, Der Untergang, Das Leben der Anderen)

die öffentliche Reflexion über Geschichte wirklich befördern, ist noch nicht entschieden. Die

Authenzität des nahen Blicks ist nur scheinbar und hinterlässt ein historisches Bewusstsein,

das durch die Eindringlichkeit der Bilder kontaminiert ist.“71

Zur Frage der Deutungshoheit gibt es so kontroverse Meinungen wie die von Schmidt: „Eine

angemaßte Deutungshoheit mündet zwangsläufig in Entmündigung eines Teils der

Gesellschaft“72, womit er die bevorzugte Sichtweise aus der Position der Opfer meint.

Dagegen konstatiert das NPD-Blatt „Deutsche Stimme“: „Vor allem das Publikum ist

dankbar, daß mit diesem Film die vielleicht entscheidende politische Schlacht im Kampf um

die Deutungshoheit über die DDR geschlagen ist.“73 – entschieden im Sinne der nationalen

Rechtsaußen, weil die DDR in dem Film als nicht lebenswertes Land und damit auch nicht

als erstrebenswertes Gesellschaftsmodell erscheint.

Zum Umgang mit Geschichte meint Anke Westphal, Berliner Zeitung: „Denn längst wird die

DDR-Geschichte als ein einziges großes Materiallager begriffen, aus dem sich jeder bedient,

so gut es sich eben auszahlt.“ Aber: „ob es einem nun passt oder nicht: Auch dieser Umgang

mit Geschichte ist Ausdruck einer Demokratie.“74 – soweit die Anerkennung künstlerischer

Freiheit und Ausdrucksformen. Rüdiger Suchsland bescheinigt dem Film einen Umgang mit

Historie, der nichts zur kritischen Reflexion der Gegenwart beiträgt: „Während die

71 Gieseke, a.a.O.

72 Interview mit Robert Allertz, Junge Welt v. 1.4.2006

73 Rita Hoffmann: „Keine Sonate vom schlechten Menschen“; Deutsche Stimme, Mai 2006; http://www.deutschestimme.

de/Ausgaben2006/Sites/05-06-Film.html

74 Anke Westphal: „Unsere liebe Stasi“; Berliner Zeitung vom 22.3.2006

22

Vergangenheit für die Gegenwart völlige Verfügungsmasse ist, darf die Vergangenheit die

Gegenwart nicht in Frage stellen, darf die DDR keinesfalls wieder zur „Alternative“ werden.“75

Soll heißen: „Das Leben der Anderen“ hinterläßt den Zuschauer mit dem Gefühl: „das mit der

bösen Stasi ist ja jetzt zum Glück vorbei“, ohne die Perspektive auf eine Kritik der

gegenwärtigen Verhältnisse in der Bundesrepublik zur eröffnen (z.B. die jüngsten Skandale

des Bundesnachrichtendienstes oder die Überwachung von Politikern wie Oskar Lafontaine

durch den Verfassungsschutz). Denn, so Suchsland: „Ein Film über die Überwachung könnte

uns etwas über die Verhältnisse, in denen wir leben, erzählen, in denen im „Kampf um die

innere Sicherheit“ die Freiheit des Bürgers ausgehöhlt wird.“

Als Ausblick auf zukünftige Filme möchte ich noch ein Zitat von Ralf Schenk anbringen: „Es

bleibt zu wünschen, dass es ihnen (den zukünftigen Filmen über die DDR) gelingt,

differenziert und gerecht über Menschen zu erzählen, die in Aufstieg, Stabilisierung und

Verfall jenes Halb-Landes integriert waren (…). Filmische Abbilder der DDR, die weniger auf

Äußerlichkeiten und Klischees zurückgreifen, sondern innere Prozesse des Landes und

seiner Bewohner subtil rekonstruieren, haben weiterhin Seltenheitswert.“76

75 Suchsland, a.a.O.

76 Schenk, a.a.O.; Der Text wurde nach der Fertigstellung, aber noch vor dem Filmstart von „Das Leben der

Anderen“ verfasst.

23

Literatur- und Quellennachweis

Tim Bergfelder, Erica Carter, Deniz Göktürk (Hrsg.): The German Cinema Book. The British

Film Institute Publishing, London 2002

Florian Henckel von Donnersmarck: Das Leben der anderen; Filmbuch; Suhrkamp Verlag,

Frankfurt am Main 2006

Filmheft „Das Leben der Anderen“; Hrsg. Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), Bonn,

März 2006; erhältlich als PDF-Dokument unter http://www.bpb.de/files/NSUEAK.pdf

Jens Gieseke: Der traurige Blick des Hauptmanns Wiesler. Ein Kommentar zum Stasi-Film

„Das Leben der Anderen“, in: Zeitgeschichte-online. Zeitgeschichte im Film, April 2006,

http://www.zeitgeschichte-online.de/zol/portals/_rainbow/documents/pdf/gieseke_lbda.pdf

Pressestimmen zum Kinofilm „Das Leben der Anderen“

Pressedossier, zusammengestellt von der Redaktion „Zeitgeschichte-Online“,

Stand 21.4.2006; aktualisierte Fassung als PDF unter http://www.zeitgeschichteonline.

de/portals/_rainbow/documents/pdf/presse_leben_der_anderen.pdf

Ralf Schenk: Die DDR im deutschen Film nach 1989; in: „Film und Gesellschaft“.

Aus Politik und Zeitgeschichte, Heft 44/ 2005 vom 31. Oktober 2005, S. 31 – 38; Hrsg.

Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn (Beilage zur Wochenzeitung „Das Parlament“)

Stefan Wolle: Stasi mit menschlichem Antlitz;

Günter Jeschonnek: Die Sehnsucht nach dem unpolitischen Märchen;

Rainer Eckert: Grausige Realität oder schönes Märchen?

in: Deutschland Archiv; Zeitschrift für das vereinigte Deutschland Nr. 3/2006;

Hrsg. W. Bertelsmann Verlag im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn;

Inhaltsverzeichnis und Begleittext unter http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/zeitschriften/

id=257&count=1&recno=1&ausgabe=2784

Alle anderen Quellen sind direkt im Fußnotentext nachgewiesen.

23 von 23 Seiten

Details

Titel
Die öffentliche Wahrnehmung des Films "Das Leben der Anderen"
Hochschule
Universität Kassel
Veranstaltung
Kulturelle Bezüge und narrative Strukturen im "World Cinema"
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
23
Katalognummer
V110672
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eine Auswertung von Rezensionen und Kritikerstimmen, mit Schwerpunkt auf die Debatte um die authentische Darstellung der Staatssicherheit.
Schlagworte
Wahrnehmung, Leben, Anderen, Das Leben der Anderen, Stasi, Staatssicherheit, DDR, Film, Debatte, Florian von Donnersmarck, Kritikerstimmen, Feuilleton, Filmkritik, Donnersmarck, Kritik, Rezension, Auswertung, Analyse, Pro, Contra, Gegenüberstellung
Arbeit zitieren
M.A. Bettina Goebel (Autor), 2006, Die öffentliche Wahrnehmung des Films "Das Leben der Anderen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110672

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die öffentliche Wahrnehmung des Films "Das Leben der Anderen"


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden