Analyse des christlichen Ethos der "Kudrun" unter besonderer Berücksichtigung des Hagenteils (1.-4. Aventiure)


Hausarbeit (Hauptseminar), 1993
28 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

INHALT

1. EINLEITUNG
1.1. GRUNDSÄTZLICHE FRAGEN BEZÜGLICH THEMATIK UND METHODIK DER UNTERSUCHUNG
1.2. DIE GRUNDBEGRIFFE: CHRISTLICH, HELDISCH, HÖFISCH
1.3. ZUR DARSTELLUNG DES TEXTES

2. DER HAGENTEIL ALS EIGENSTÄNDIGE LEISTUNG DES AUTORS: HÖFISCHE UNTERHALTUNG UND CHRISTLICH-MORALISCHE BELEHRUNG
2.1. DER HAGENTEIL ALS WESENTLICHER BESTANDTEIL DES GESAMTEPOS
2.1.1. Überblick über den Inhalt und seine Gliederung
2.1.2. Die Frage des Stoffes
2.1.3. Die Frage des Autors
2.2. FORTLAUFENDE ANALYSE UND KOMMENTIERUNG DES TEXTES HINSICHTLICH DES CHRISTLICHEN GEHALTES
2.2.1. 1. Aventiure: Sigebanthandlung
2.2.1.1. Christliche Topik: media vitae in morte sumus
2.2.1.2. Zeremonien und Sakramente: die Taufe
2.2.1.3. Einbruch des Teuflischen in die höfische Welt 16
2.2.1.4. Gottergebenes Erdulden des Leids 16
2.2.2. Hagens Leben in der Wildnis (2. Aventiure)
2.2.2.1. Das wundersame Walten Gottes
2.2.2.2. Woran erkennt man einen Christen?
2.2.2.3. Armut und Dankbarkeit, religiöse Reife
2.2.2.4. Christlichkeit und Gesellschaftlichkeit
2.2.3. Die Heimreise (3. Aventiure)
2.2.4. Versöhnung und Heirat; Hagen als "Valant" (4. Aventiure)
2.2.4.1. Die Versöhnung
2.2.4.2. Abschluß der Aventiure
2.2.5. Zusammenfassung der Einzelbefunde
2.3. INTERPRETATION DER AUSGEWÄHLTEN STELLEN IM ZUSAMMENHANG DES HAGENNTEILS
2.3.1. Widersprüche in der Darstellung des Charakters Hagens
2.3.2. Das Verhältnis höfischer, heldischer und christlicher Elemente im Hagenteil
2.3.3. Absichten und künstlerische Leistung des Autors des Hagenteils

3. VERGLEICH DES HAGENTEILS MIT DEM NIBELUNGENLIED

4. LITERATURVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

1.1. GRUNDSÄTZLICHE FRAGEN BEZÜGLICH THEMATIK UND METHODIK DER UNTERSUCHUNG

Ziel der Untersuchung ist die Herausarbeitung des christlichen Gehalts des Hagenteils der "Kudrun" und der Vergleich der künstlerischen Absichten des Autors mit den Hauptaussagen des Nibelungenliedes.

Dabei muß berücksichtigt werden, daß jede Interpretation des Kudrunepos und besonders die ihres christlichen Gehaltes vor Schwierigkeiten steht, die kaum ein anderes Werk der hochmittelalterlichen Heldenepik in diesem Maße bietet. (1)

1. Zunächst ist der Zustand der zudem einzigen überlieferten Handschrift sehr verwahrlost. (2)
2. Des weiteren gibt es kein weiteres Heldenepos (3) des Mittelalters, dessen Stoffgeschichte so unklar und daher umstritten wäre wie die der "Kudrun", was die Unterscheidung von Stoff und Bearbeitung und damit die Bestimmung der Leistung des Autors erschwert. (4)
3. Außerdem ist die künstlerische Formung im Ganzen wie die Gestaltung im Einzelnen in ihrem Umfang, ihrer Tiefe und ihrer Intention ganz offenkundig uneinheitlich. Allgemein wird heute jedoch davon ausgegegangen, daß der Hagenteil eine eigenständige Leistung eines einzelnen Dichters ist. Das Ergebnis der Arbeit bestätigt diese Auffassung.
4. Die vielfältigen Auseinandersetzungen mit der Literatur der Zeit innerhalb der "Kudrun" sind im einzelnen schwer zu beweisen. Noch schwieriger ist ihre Interpretation hinsichtlich der Aussageabsicht des Dichters.

Aufgrund dieser Ausgangslage gilt: Die Interpretation beginnt mit einem Text-Konstrukt und kann schon deshalb nur mit einem wahrscheinlichen, wenn auch möglicherweise in sich schlüssigen Interpretationsentwurf enden. Schon die Erstellung eines normalisierten mittelhochdeutschen Textes stellt eine Interpretationsleistung dar.

Zusätzlich stellen sich weitere Fragen bei der Interpretation des christlichen Gehaltes einer mittelhochdeutschen Heldendichtung:

1. Von welchem mittelalterlichen Verständnis von Christlichkeit im allgemeinen epochalen, die Rezeption der Zeitgenossen bestimmenden, und im besonderen intentionalen, vom Autor dargestellten Sinne ist auszugehen? Es soll vermieden werden, daß die Religiosität des Textsinnes von der Gegenwart her systematisch mißverstanden wird. (1)
2. Es ist schwierig, den christlichen Gehalt genau von dem höfischen, dem altgermanisch- ethischen, dem allgemein-menschlichen und dem Individuellen des Autors abzugrenzen.

1.2. DIE GRUNDBEGRIFFE: CHRISTLICH, HELDISCH, HÖFISCH

Unter dem Begriff des Christlichen soll hier ein Minimalkonsens verstanden werden, dessen feste Grenzen nicht andere Vorstellungen ausschließen soll, sondern einen genauen Vergleich von eindeutig identifizierbaren Vorstellungen gewährleisten soll. (2)

Zum allgemeinen kirchlich christlichen Grundbestand scheinen dem Verfasser nach der klassischen katholischen Dogmatik des Mittelalters (3) mindestens die folgenden Punkte zu gehören:

1. der Zugang zur Religion über eine geschichtliche, kirchlich gehütete, schriftliche Offenbarung.
2. der Glaube an einen persönlichen, gewaltigen, lebendigen, verborgenen, heiligen und liebenden Gott als Dreifaltigkeit und als Herrscher innerhalb einer von Engeln und Dämonen bevölkerten Überwelt (Himmel).
3. das Verständnis des Menschen als gefallenen, erbsündigen und der Erlösung bedürftigen Geschöpfes Gottes.
4. der Glaube an Christus als menschgewordenes Wort Gottes.
5. der Glaube an die Erlösung durch den Kreuzestod.
6. die Auffassung von der Kirche als Hüterin der Wahrheit und Verwahrerin der heilspendenden Sakramente.
7. der Glaube an die Abhängigkeit des Heils von der Gnade.
8. die Auffassung von einer anzustrebenden gesellschaftlichen Ordnung, die von Liebe geprägt sein soll.
9. der Glaube an ein Gericht, Auferstehung, Seligkeit, Verdammung und ein Reich Gottes. Schon hier kann ohne weiteres festgestellt werden, daß der christliche Gehalt der "Kudrun" im Vergleich zu diesem nichtkontroversen Minimum von Dogmatik relativ gering ist: Es fehlen, von Formeln abgesehen, jegliche Hinweise auf die Punkte 1, die Dreifaltigkeit von 2, 4, 5, 6 und 9. Ihre Präsenz als Glaubenstatsachen ist jedoch nicht auszuschließen. Ihre Abwesenheit erklärt sich aus ihrem "abstrakten Charakter", der zu einer Erzählung, die auch unterhaltsam sein will, nicht paßt. Auffällig sind die Bezüge des Autors zu den Punkten 2, 3, 7 und 8. Es sind dies diejenigen Aspekte des Christentums, die den Menschen in seiner Stellung in der Welt direkt betreffen: seine Schwäche, seine Hilfsbedürftigkeit, seine menschlich-moralische Besserung. Auffällig ist dabei jedoch die relative Schwäche des Bezuges zur Transzendenz: Das Christliche erscheint vielfach als das pragmatisch-ethisch Richtige nach innerweltlichen Maßstäben.

Das spezifisch Religiöse der Transzendenz (Erlösung, Gericht, ewiges Leben) fehlt völlig. Dies weist auf den Vorrang des Höfischen, in das christliche Elemente eingebettet bleiben. Das Christentum allein offiziell theologisch dogmatisch zu bestimmen, trifft die Realität des Christlichen im Mittelalter natürlich nur zum Teil. Es ist zu berücksichtigen, daß die Kirche im Mittelalter eine das gesellschaftliche Leben als Ordnungs- und Bildungsinstitution durchgestaltende Macht im inneren Zusammenhang mit der Feudalgesellschaft war. Kirche und Kultur sind im Mittelalter weitgehend gleichzusetzen. (1)

Insofern erscheint in der Perspektive des Dichters der "Kudrun" vieles als christlich, was nach heutigem Verständnis nur "Zivilisation" wäre. Dies muß bei der Interpretation berücksichtigt werden. Zur allgemeinen Kultur gehörten auch religiös begründete Institutionen wie die Taufe, der Gottesdienst etc., die in der "Kudrun" ganz selbstverständlich erwähnt werden, ohne daß dabei eine besondere religiöse Gefühlstiefe deutlich wird.

Die spezifische Christlichkeit kann im weiteren negativ bestimmt werden durch diejenigen gerade für das Mittelalter typischen Elemente, die der "Kudrun" fehlen:

1. Es gibt keine Erwähnung von Heiligen, von Mönchen oder Nonnen. Die kontemplative bis mystische Seite des Christentums fehlt.
2. Das Priestertum wird nur einmal am Rande erwähnt.
3. Die Wunder haben keinen spezifisch religiösen Charakter, sondern stellen nur ungewöhnliche Ereignisse oder Eigenschaften heraus.

Von den christlichen Gehalten in Glaube, Handeln und gesellschaftlichem Leben müssen zwei weitere angrenzende und überlappende Bereiche abgegrenzt werden: die höfische Welt mit ihrem charakteristischen Ethos und das germanische Erbe, das im Stoff, und das heißt vor allem in der Handlung und den Handelnden, weiterlebt. Zur Abgrenzung: Beiden Welten fehlt die Transzendenz. Die höfische Welt braucht sie als solche nicht, da sie sich im Gegensatz zur geistlichen und außerhöfischen Dichtung ganz auf sich selbst konzentriert, und die germanische Tradition hat sie im Prozess der Christianisierung verloren. Gerade dies ]letztere ist auch ein Beweis ex negativo für die christliche Redaktion: Der germanische religiöse Überbau des Sagenstoffes fehlt völlig. Was bleibt, ist das germanische Sippenethos, das wegen seiner Affinität zum Lehnswesen verständlich geblieben ist und das heldisch-tragische Weltbild, das aufgrund seiner männlich- brutalen Archaik als Kontrast zur höfisch-femininen "Scheinwelt" interessiert. (1)

Bei meiner Untersuchung konzentriere ich mich unverhältnismäßig stark auf den ersten Teil der "Kudrun", der etwa ein Achtel des Textes ausmacht. Dies hat drei Gründe:

1. Bisher ist vorwiegend der Kudrunteil in der Forschung berücksichtigt worden. Es erscheint reizvoll und lohnend, die vernachlässigten Textpartien des Hagenteils einer genaueren Betrachtung zu unterziehen, zumal sich dabei bald zeigt, daß die bisherige Geringschätzung unberechtigt ist und die Bedeutung dieser "Vorgeschichte" für den geistigen Gehalt der Dichtung im Ganzen - im Sinne einer Ouvertüre - von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist. (2)

2. Der Hagenteil wird allgemein als eigenständige Schöpfung eines einzelnen Autors betrachtet, der auch die "Kudrun" im Ganzen so wie sie als Text der Ambraser Handschrift zugrundelag, verfaßt beziehungsweise in Teilen überarbeitet hat. (3)

Seine genaue Untersuchung führt zu klareren Ergebnissen hinsichtlich der Autorintention als eine Konzentration auf den sehr heterogenen und umstrittenen Kudrunteil. Gerade diese relative Eindeutigkeit der Verfasserfrage ermöglicht es, vom Hagenteil ausgehend das Verhältnis von Stoff und Bearbeitung bei den folgenden Teilen des Epos genauer zu bestimmen.

3. Bei einer stärken Berücksichtigung des umfangreichen Kudrunteils hätte die Untersuchung im vorgegebenen Rahmen viel oberflächlicher oder punktueller ausfallen müssen. Die Konzentration auf den ersten kurzen Teil ermöglicht eine intensive, systematische Analyse bei voller Berücksichtigung des Kontextes, obwohl auch hier am Ende die Einsicht stehen mußte, daß die gesamte Fülle der Bezüge nicht auszuloten war und sicher nie ganz auszuloten sein wird.

Meine Untersuchung soll möglichst eigenständig und soweit möglich nur auf den Text gestützt vorgehen. Aus diesem Grund verzichte ich weitgehend auf eine direkte Auseinandersetzung mit der weitverzweigten und uferlosen Sekundärliteratur, zumal viele Positionen überholt, abstrus, spekulativ, banal oder subjektiv wertend sind.

1.3. ZUR DARSTELLUNG DES TEXTES

Die Zitate folgen der Textausgabe mit textkritischem Anhang von Karl Stackmann, da sie zum einen die wissenschaftlich aktuellste Textgestalt bietet, zum anderen durch das komplizierte Druckbild die normalisierenden und konjekturalen Eingriffe des Herausgebers im Kontrast zur frühneu-hochdeutschen, bairisch-östereichischen Handschrift Hans Rieds im Ambraser Heldenbuch sichtbar macht und so eine textkritisch abgesicherte Interpretation erleichtert. (1) Aufgrund der Zielsetzung der Arbeit war es jedoch nicht nötig, das komplizierte Druckbild des Textes bei Stackmann zu kopieren und auf einen mir zur Verfügung stehenden restringierten Zeichensatz zu transkribieren, wenn auch bei der Interpretation der Informationsgehalt der Stackmannschen Darstellungsweise berücksichtigt wurde. So fehlt in meiner Wiedergabe der Sperrdruck bei Auslassungen überlieferter Wörter, Kursivdruck bei Veränderungen der überlieferten Wortfolge, die Verbindung von Gerad- und Kursivsatz bei Eingriffen, die nur Teile eines überlieferten Wortes betreffen und die Krux bei nicht heilbaren verderbten Stellen. Ebenso wurde das Längenzeichen für Langvokale weggelassen und Akzente des Verses. Ligaturen von Umlautvokalen wurden durch getrennte Vokale dargestellt.

Wichtige Stellen wurden mit der kritischen Ausgabe der Handschrift und deren textkritischen Apparat verglichen. Dies führte aber nie zu interpretatorischen Konsequenzen, was wohl der textkritischen Sorgfalt und der Zurückhaltung bei Konjekturen der Editoren zu danken ist.

2. DER HAGENTEIL ALS EIGENSTÄNDIGE LEISTUNG DES AUTORS: HÖFISCHE UNTERHALTUNG UND CHRISTLICH-MORALISCHE BELEHRUNG

2.1. DER HAGENTEIL ALS WESENTLICHER BESTANDTEIL DES GESAMTEPOS

2.1.1. Überblick über den Inhalt und seine Gliederung

Der Inhalt läßt sich hinsichtlich der Kriterien Ort, Zeit, Personen und Handlungsstrukturen in 5 Teile gliedern, die den 4 Aventiuren nicht genau entsprechen. Die Teile bilden jeweils eine Überleitung zur folgenden Handlung. Der Bruch der 4. Aventiure in 2 Abschnitte ist offenbar dem Autor der Aventiureneinteilung nicht deutlich geworden, weil er den Text nicht unter demselben Gesichtspunkt betrachtete. Bei der Angabe des Inhalts sollen auch die Hauptmotive und Handlungsstrukturen angegeben werden.

Im 1. Teil, der sich mit der 1. Aventiure deckt und den man wegen der Darstellung der Erziehung und Brautwerbung Sigebands als Sigebanthandlung bezeichnen kann, wird dargestellt, wie Sigebant, Sohn des irischen Königs Ger und seiner Frau Uote (Generationenschema), nach dem Tod seines Vaters auf Wunsch seiner Mutter die Ehe mit einer Fürstentochter aus Norwegen schließt, die wie seine Mutter Uote heißt (Brautwerbungsmotiv). Ihnen wird nach drei Jahren (Zeitraffung) ein Sohn geboren, den sie Hagen nennen und standesgemäß erziehen. Während eines von Uote gewünschten Festes (Festmotiv) wird der siebenjährige Knabe Hagen (Zeitraffung) von einem Greifen entführt (Entführungsmotiv).

Die Darstellung der Jugend Hagens und seiner Entführung (Ortswechsel) bildet schon den Übergang zur Haupthandlung der 2. Aventiure, in der Hagens wundersame Rettung aus dem Greifennest und seine Begegnung mit drei früher geraubten Königstöchtern in einer Höhle (überraschender Wechsel, Personenwechsel). Zunächst wird er von ihnen versorgt, dann sorgt er für sie. (Überraschender Wechsel:) Später findet er die Rüstung eines gestrandeten toten Kreuzritters und erschlägt mit Hilfe dieser Waffen die Greifen. Er wächst in der Wildnis zu einem Ritter heran, er erzieht sich selbst. Er erlegt ein Gabilun, trinkt dessen Blut und bekommt so übermenschliche Kräfte.

Im Folgenden entwickelt sich die Überleitung zur nächsten Aventiure: Hagen geht mit den Königinnen zur Küste. Nach vierundzwanzig Tagen erreichen sie sie (logischer Widerspruch) und finden ein Schiff. Der Herr des Schiffes, der Graf von Garade, setzt ein Boot aus, um zu untersuchen, wer um Hilfe ruft.

Die 3. Aventiure handelt von dem Geschehen während der Fahrt auf dem Schiff des Grafen (Ortswechsel, Personenwechsel und Überraschender Themenwechsel:) Als sich herausstellt, daß Hagen der Sohn seines Feindes Sigeband ist, will der Graf von Garade ihn zur Geisel nehmen. Auf Hagens Versprechen, die Feinde zu versöhnen, geht der Graf aus Mißtrauen nicht ein. Hagen wehrt sich, als der Graf ihn angreift und zwingt die Mannschaft und den Grafen nach Irland weiterzusegeln. Trotzdem hält er sein Versprechen. Boten werden zu den Eltern Hagens geschickt, um seine Rückkehr zu melden. Sigeband und Ute reiten den Ankommenden entgegen.

Die 4. Aventiure handelt von der Versöhnung der Feinde (Versöhnungsmotiv), der Heirat Hagens mit einer der Königinnen, Hilde (Eheschließungsmotiv), und von seiner Übernahme der Herrschaft.

Im darauffolgenden Teil der 4. Aventiure ändert sich die Darstellung Hagens deutlich: Hagen wird ein König, dessen Verhalten von "übermuot" zeugt, aber auch von Gerechtigkeit (1). Er wird als "Valant aller künege" bezeichnet. Ihm wird eine Tochter, die nach der Mutter Hilde heißt, geboren (genealogische Struktur). Sie wächst zu großer Schönheit heran (Zeitraffung). Viele Werber halten um ihre Hand an (Brautwerbungsmotiv). Alle läßt Hagen töten.

Diese Darstellung der gefährlichen Brautwerbung leitet über zum nächsten Teil des Epos, dem Hildeteil.

Der Überblick ergibt, daß der Hagenteil als Ganzes nach genau angebbaren Strukturprinzipien und unter variierender Kombination derselben Motive einen konsequenten, wenn auch durch überraschende Wechsel weitergetriebenen und am Ende zwiespältigen Handlungsverlauf aufweist. Die Basishandlung besteht in der Entführung, der Rettung und Heimkehr Hagens. Alle anderen Momente sind Erweiterungen und Ausführungen oder überleitende Verformungen dieser Handlungsstruktur, die natürlich selbst in anderen Kontexten wieder als Kernhandlungen fungieren könnten. "Entführung, Abenteuer, Rettung und Heimkehr" ist eine uralte Handlungsschablone, die bis auf den heutigen Tag produktiv ist. Ihr Reiz ist psychologisch leicht zu erklären, interessiert hier aber nicht weiter, weil die eigentliche Leistung des Dichters natürlich nicht in der Anwendung dieses Schemas zu sehen ist, sondern in dessen dichterischer Ausgestaltung.

Diese vollzieht sich nach stereotypen Mustern. Die handelnden Hauptpersonen sind nach dem Genealogieprinzip miteinander verbunden: Ger-Uote; Sigeband-Uote 2; Hagen-Hilde; Bei der Verbindung der Hauptpersonen wird das Brautwerbeschema in verschiedenen Variationen durchgespielt. Im Laufe der Handlung werden typische Themenkomplexe bearbeitet:

1. Erziehung eines Ritters (Sigeband, Hagen)
2. Eigenschaften eines Königs (Ger, Sigeband, Hagen)
3. Konflikt 1: Kampf mit der feindlichen Natur in Form von Ungeheuern (Greife, Gabilun, Löwe)
4. Konflikt 2: Kampf mit Gegnern (Graf von Garade)
5. Die Veranstaltung von großen höfischen Festen: Buhurt in der
1. Aventiure, Empfang Hagens in Garadie in der 4. Aventiure
6. Erkennungszenen (Hagen-Königinnen; Hagen-Graf von Garade; Hagen-Eltern)
7. Begrüßungszenen (Hagen-Eltern)
8. Schwertleite (4. Aventiure)

Diese Themenkomplexe werden weiter gefüllt mit stereotypen Beschreibungsmustern: Art der Bekleidung (die berühmten "Schneiderstrophen", Bsp. 41), der Bewaffnung, der Schönheit einer Frau, der Stärke eines Mannes etc..

Die Beschreibungsmuster werden ausgestaltet durch formelhafte Wendungen: Hagen: "daz wenige kint" ( 79,1; 90,1); "der wenige herre" (90,3); kontrastiv: "daz edele kindel" (78,1). Alle diese Merkmale des Textes sind typisch für höfische Epen und besonders für die Spielmannsepen.

Besonders erwähnenswert sind darüber hinaus die christlichen Motive und Themenkomplexe, die im weiteren der Gegenstand eingehender Untersuchungen sein sollen.

[...]


(1) Zum Vergleich der Kudrun mit anderen Werken der Heldenepik eignet sich besonders gut Hoffmann, Werner: Mittelhochdeutsche Heldendichtung. Berlin 1974. (=Grundlagen der Germanistik, Bd. 14).

(2) Zur Handschrift vgl.: Kudrun. Die Handschrift. Hrsg. von Franz H. Bäuml. Berlin 1969. Einen Überblick bietet auch Stackmann in der Einleitung der Kudrunausgabe.

(3) Die Frage nach der Einordnung der "Kudrun" in die Heldenepik ist umstritten. Die Verwandschaft der Kudrunstrophe mit der Nibelungenstrophe, hundert eingestreute Nibelungen-strophen, wörtliche Anklänge an das "Nibelungenlied" und vor allem die germanische Wurzel der Hildedichtung sowie die gattungstypische Anonymität sprechen eher für die Zuordnung zur heldischen Epik. Dagegen entspricht der genealogische Aufbau eher den höfischen Epen. Der Sinngehalt der Handlung ist prohöfisch mit spielmännischen Einschlägen (Brautwerbungsschema) und christlich. Diese und andere Befunde sprechen für eine Sonderstellung der "Kudrun" zwischen den Gattungen mit besonderer Nähe zur sogenannten "Spielmannsepik", deren gattungstypologische Bestimmung aber ebenfalls nicht unproblematisch ist. Vgl. u.a. Siebert, Barbara: Rezeption und Produktion. Bezugssysteme in der "Kudrun". Inauguraldissertation Göppingen 1988. (=Göppinger Arbeiten zur Germanistik. Herausgegeben von Ulrich Müller, Franz Hundsnurscher und Cornelius Sommer, Nr. 491). S. 10ff. Eine Gattungstheorie der Heldenepik findet sich bei Hoffmann, Werner, a.a.O., S. 11-63.

(4) Zur Stoffgeschichte vgl. Stackmann, Karl: Einleitung. In: Kudrun. Herausgegeben von Karl Bartsch. S. VII-CIV.

(1) Dieses Problem wird interessanterweise in der Sekundärliteratur wenig beachtet. Germanisten scheinen sich ohne weiteres für kompetent zu halten, christliche Elemente zu erkennen und zu interpretieren. Mir scheint, daß hier ein Gebiet liegt, für dessen Erforschung die interdisziplinäre Arbeit von Germanisten und Theologen noch Bedeutendes leisten könnte.

(2) Zum christlichen Gehalt vgl. Schönbach, Anton Emanuel: Das Christentum in der altdeutschen Heldendichtung. Vier Abhandlungen. Graz 1897.

(3) Zum dogmatischen Stand der Theologie der Zeit vgl. Jedin, Hubert (Hrsg.): Handbuch der Kirchengeschichte. Freiburg 1962. Lortz, Johannes: Geschichte der Kirche in ideengeschicht- licher Betrachtung. 21. Aufl., Münster 1962/64. Natürlich spielen dogmatische Fragen in ihrer theologischen und philosophischen Komplexität keine entscheidende Rolle bei der Interpretation der Kudrun. Die folgenden Punkte sind so allgemein und universal, daß sie auch heute, wenn auch in einem zeitgemäßen Verständnis, dogmatisch gültig sind.

(1) Vgl. Bosl, Karl: Staat, Gesellschaft, Wirtschaft im deutschen Mittelalter. 6. Aufl., Stuttgart 1982. (= Handbuch der deutschen Geschichte (Hrsg. Karl Gebhardt), Band 7).

(1) Zu den Schichten der Ethik in der Kudrun ist die Untersuchung Neumanns zum Nibelungenlied heranzuziehen: Neumann, Friedrich: Schichten der Ethik im Nibelungenliede. In: Festschrift für Eugen Mogk zum 70. Geburtstag, 19.7.1924. Halle (Niemeyer) 1924, S. 119-145. Wieder abgedruckt in: Ders.: Das Nibelungenlied in seiner Zeit. Göttingen (Vandenhoek) 1967. (=Kleine Vandenhoek-Reihe 253 S). S. 9-34. Neumann selbst gesteht im Nachwort zum Wiederabdruck die Fragwürdigkeit des Konzeptes scharf zu unterscheidender "Schichten" ein.

(2) Zur Forschungsgeschichte vgl. Hoffmann, Werner: Kudrun. Ein Beitrag zur Deutung der nachnibelungischen Heldendichtung. Stuttgart (Metzler) 1967. Ders.: Die Hauptprobleme der neueren "Kudrun"-forschung. In: Wirkendes Wort 14, 1964, S. 183-196 und 233-243. Zur neueren Forschung: Siebert, Barbara. Eine vollständige Bibliographie und eine ausführliche Darstellung der Forschungsgeschichte bleibt ein Desiderat der Kudrunforschung. Mit meiner Einschätzung des Hagenteils folge ich den Forschungen von Siefken (vgl. Siefken, Hinrich: Überindividuelle Formen und der Aufbau des Kudrunepos. München 1967.) und Campbell (vgl. Campbell, Ian Richard: Kudrun: a critical appreciation. Cambridge 1978. Auf beide stützt sich auch Barbara Siebert.

(3) Zur Frage der Verfasserschaft vgl. Hoffmann, Werner: Mittelhochdeutsche Heldendichtung. Berlin 1974. S. 117ff.

(1) Zu den genannten Textausgaben vgl. Literaturverzeichnis.

(1) Zur Vielschichtigkeit der Ausdrücke "übermuot" und "hochvart", "hoher muot", "hochmuot" vgl. den Anhang in: Hoffmann, Werner: Kudrun. Ein Beitrag zur Deutung der nachnibelungischen Heldendichtung. (Habilitationsschrift). Stuttgart (Metzler) 1967. (=Germanistische Abhandlungen, Bd. 17). S. 330-342.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Analyse des christlichen Ethos der "Kudrun" unter besonderer Berücksichtigung des Hagenteils (1.-4. Aventiure)
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Veranstaltung
Hauptseminar: Nibelungenlied und Kudrun
Note
1,0
Autor
Jahr
1993
Seiten
28
Katalognummer
V110727
ISBN (eBook)
9783640088881
ISBN (Buch)
9783656366355
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Analyse, Ethos, Kudrun, Berücksichtigung, Hagenteils, Aventiure), Hauptseminar, Nibelungenlied
Arbeit zitieren
Martin Gabel (Autor), 1993, Analyse des christlichen Ethos der "Kudrun" unter besonderer Berücksichtigung des Hagenteils (1.-4. Aventiure), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110727

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