Analyse des Films „Irreversibel“ von Gaspar Noé. Dramaturgische Aspekte des filmischen Erzählens „Tempus“ und „Modus“


Hausarbeit, 2006
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1.Einleitung

2. Entstehungskontext und filmographische Daten

3. Filmdramaturgische Aspekte
3.1. Geschehen und Geschichte
3.1.a Geschehen
3.1.b Konzeptuelle Ordnung der Geschichte
3.1.c Narrative Ordnung der Geschichte
3.2. Aspekte filmischen Erzählens
3.2.a Zeit/Tempus: Ordnung, Dauer und Geschwindigkeit
3.2.b Modus: Perspektive und Distanz
3.2.c Stimme

4. Zur Rezeption des Films

5. Versuch einer abschließenden kritischen Würdigung

Anhang: Literaturverzeichnis

1. Einleitung: „Le temps detruit tout“

„Die Zeit zerstört alles“ - der Untertitel des Films „Irreversibel“ des französischen Regisseurs und Autors Gaspar Noé möchte gleichwohl alles umfassen wie auch alles ablehnen. Allein das Wort „Irreversibel“ schmeckt nach nach der bitteren Erkenntnis, das wir weder die Zunkunft beeinflussen noch die Vergangenheit ändern können, nach einer zynischen Weltsicht, deren einziger Fixpunkt der letztendliche Kollaps des Universums ist.

Um die Geschichte über Schändung und Rache umzusetzen, greift Noé zum Mittel des erzählerischen Krebsganges und lässt den Film in einer rückwärts laufenden Szenenfolge mit dem Ende beginnen und mit dem Anfang aufhören. Der Bruch mit der gewohnten Seherfahrung des Publikums ist jedoch nicht nur ein Kniff, um einer vermeintlich banalen Handlung die nötige Würze zu geben – das Mittel birgt einen eigenen dramaturgischen Effekt, tatsächlich ist es ein zentrales Element des Filmes. Dies soll in der folgenden Filmanalyse dargelegt und erörtert werden.

In ihrer konzeptionellen Ordnung orientiert sich die Analyse teilweise am Schema, wie es Jürgen Kühnel im zweiten Teil seiner „Einführung in die Filmanalyse“ vorschlägt.[1]Grundlage ist außerdem die im Handel erhältliche DVD „Irreversibel“ (dt. Version).[2]

2. Entstehungskontext und Filmographische Daten

Zu Beginn der 90er Jahre entwickelte sich mit dem „jeune cinéma“ eine Strömung meist junger französischer Regisseure, die sich in der Tradition des Autorenfilmes sahen.[3]Auch wenn das „jeune cinéma“ in Anlehung an die „Neue Welle“ des französischen Kinos beizeiten als „ nouvelle Nouvelle vague“[4]bezeichnet wird, handelt es sich nicht um ein festes Netzwerk von Filmemachern im Sinne einer „Bewegung“.[5]Bestimmte Stileigenschaften sind ihnen jedoch gemeinsam: So ist das „jeune cinéma“ bestrebt, einen neuen Realismus zu etablieren, der einerseits das Alltagsleben im modernen Frankreich und seine Probleme thematisiert, sich andererseits einer unmittelbaren, authentischen Drehweise bedient. Dieses „junge Kino“ bricht mit den Sehgewohnheiten, entzaubert den Mythos des romantischen Paris und klassifiziert den Schnitt einer Szene gar als „Lüge“.[6]

Gewünscht ist das „echte“, nicht das „künstliche“, ohne dass dabei die Lust am Experimentieren verlorenginge.

Diese Entwicklung schlägt sich auch in den Filmen Gaspar Noés nieder. Tragische Schicksale des Individuums, die kennzeichnend für den Zustand einer Gesellschaft sind, finden sich in seinen Filmen. Auch das Thema Gewalt zieht wie einer von mehreren roten Fäden durch das bisherige Werk Noés. In seinem 1991 entstandenen Kurzfilm „Carne“ erzählt er die Geschichte eines Pferdeschlachters, der ein inzestuöses Verhältnis mit seiner Tochter eingeht und aus zweifelhaften Schutzinstinkten und Rachemotiven einen Mord begeht. Noés erster Langspielfilm „Seul contre tous“ (deutscher Titel: „Menschenfeind“), entstanden 1998, führt diese Geschichte fort: Besagter Pferdeschlachter, der nach dem Mord eine mehrjährige Gefängnisstrafe abzusitzen hatte, nimmt erneut Kontakt zu seiner Tochter auf. Ihre Begegnung entfaltet sich als ein Wirbel aus zärtlicher Annäherung, gewaltsamem Inzest und und Suizidphantasien. „Irreversibel“ hakt mit einem kurzen Erscheinen des Schlachters, Dargestellt von Philippe Nahon, in diese Folge ein.

Gaspar Noé konnte das populäre Schauspielerpaar Monica Bellucci/Vincent Cassel gewinnen, was der Produktion zwar zu einem beachtlichen Budget und einem entsprechenden Medienrummel verhalf, jedoch nicht das Wohlwollen des Publikums sichern konnte: Als „Irreversibel“ im offiziellen Wettbewerb der Filmfestspiele in Cannes 2002 zum ersten mal der Öffentlichkeit vorgeführt wurde, verließen 200 der insgesamt 2400 Gäste den Vorführsaal vor Ende des Films.[7]

„Irreversibel“ (Originaltitel: „Irreversible“) wurde von 120 Films, Eskward, Grandpierre, Les Cinémas da la Zone, Nord-Ouest, Rossignon und Studio Canal Produziert. Die Beteiligten Produzenten sind Brahim Chioua, Richard Grandpierre und Christoph Rossignon sowie Vincent Cassel (auch Darsteller) und Gaspar Noé.

Neben Produktion und der Regiearbeit zeichnet Gaspar Noé auch für das Drehbuch, den Schnitt und (gemeinsam mit Benoît Debie) für die Kameraführung verantwortlich.

Zur Darstellerriege um das Paar Bellucci/Cassel gehören Albert Dupontel, Philippe Nahon, Jean- Louis Costes und Mourad Khima.

Die Musik komponierte Thomas Bangalter.

Der Film ist in Farbe gedreht, hat eine Länge von 99 Minuten und ist im Verleih der Alamonde, Frankreich.

3. Filmdramaturgische Aspekte

3.1. Geschehen und Geschichte

a) Geschehen:

In Ihrer Arbeit „Das junge französische Kino“ zitiert Petra Mioč zur „Abkehr vom Realismus“ in Frankreich und „dessen Wiederentdeckung“ den Franzosen Jean Douchet: „Sie [die Realisten] verbinden das Alltägliche (Realismus) mit tragisch-romantischen Liebesgeschichten (poetisch), die manchmal in einem Verbrechen enden.“[8]Folgt man Petra Miočs Ausführungen, so führen verschiedene darstellerische Aspekte „zusammen mit einer realitätsbetonten Inszenierung und thematischen Schwerpunkten wie [...] dem Verlust von Lebensträumen [...] zu einer Rückkehr des Realismus im Französischen Kino der 90er Jahre.“[9]

Das Geschehen, also gewissermaßen der „Stoff“[10]des Films, bedient sich ebenfalls dieses Rezeptes. Am Anfang steht eine zärtliche Liebesbeziehung, mit all ihren kleinen und großen Problemen und Glücksmomenten. Mit der Vergewaltigung der Frau beginnt der tragische Abschnitt des Geschehens, die „Schändung“ und die „Forderung nach Rache“, welche den Film in einem bestialischen Gewaltakt – dem Douchet'schen „Verbrechen“ – enden lässt.

b) Konzeptuelle Ordnung der Geschichte:

Damit ist der zentrale Konflikt, das Thema gemeint. Die Bereits angesprochene „Schändung“ mit anschließender „Forderung nach Rache“ gibt „Irreversibel“ zwar insofern einen Leitgedanken, als die Protagonisten einen guten Teil des Film danach trachten, ihren Rachedurst zu stillen; sie ist jedoch nicht das eigentliche Thema des Films. Vielmehr geht es um die Unumkehrbarkeit eines beliebigen Ereignisses, durch welche die Rache selbst (und vielleicht sogar alle direkt darauf folgenden Handlungen) in Frage gestellt wird.

Titel und Untertitel des Films „Irreversibel – Die Zeit zerstört alles“ bestimmen also das Thema mit einiger Schärfe. Davon, dass dieser Konflikt nicht nur durch die Handlung selbst, sondern in nicht unerheblichem Maße durch deren erzählerische Anordnung vermittelt wird, wird hier noch zu lesen sein.

c) Narrative Ordnung der Geschichte:

Als narrative Ordnung könnte auch die Ordnung der Geschichte verstanden werden, so wie sie im Film tatsächlich vorkommt, d.h. der Szenennummerierung folgend. Da diese Ordnung jedoch bereits den Gegenstand des „Tempus“ als Aspekt des filmischen Erzählens berührt, und auch, um nicht allzusehr zu verwirren, soll hier der „eigentliche“ Handlungsablauf der insgesamt 14 Szenen in ihrer chronologischen Anornung genügen:[11] Szene 14 – Alex (Monica Belucci) liegt auf einer Parkwiese. Sie ließt das Buch „An Experiment with Time“ des Psychologen John Dunne. Um sie herum toben Kinder, die mit einem Rasensprenger spielen. Allmählich wird in ein flackerndes weißes Bild überblendet, durch welches eine Spiralgalaxie durchscheint. Das Flackern stoppt, und es ist der Satz zu lesen: „Le temps detruit tout“.

[...]


[1] Vgl. Kühnel, Jürgen: Einführung in die Filmanalyse. Zweiter Teil: Die Dramaturgie des Spielfilms. Siegen: Universitätsverlag 2004 (= Medienwissenschaften 5), S. 233f

[2] „Irreversibel“ ist im Vertrieb der Universum-Film

[3] Vgl. Mioč, Petra: Das Junge Französische Kino: Zwischen Traum und Alltag. St. Augustin: Gardez!-Verlag 2000 (= Filmstudien 14), S. 9

[4] Vgl. Mioč, S. 25

[5] Vgl. Mioč, S. 25

[6] Mioč, S. 26

[7] Vgl. Althen, Michael: Filmischer Höllensturz: „Irreversibel“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 9.11.2003, S. 39

[8] Douchet, Jean: D'un réalisme l'autre. In: Conseil Général de Seine Saint-Denis (Hg.): Retour vers le réel. Paris 1994. Zit. nach: Mioč, S. 17

[9] Mioč, S. 19

[10] Vgl. Kühnel 2, S. 62

[11] An dieser Stelle überschneiden sich die Bereiche „Spielfilmhandlung“ und „Aspekte des filmischen Erzählens“ derart, dass man die Reihenfolge der Abschnitte 2.1. und 2.2. auch umkehren könnte, sie gewissermaßen „rückwärts“ liest – was ironischerweise der Erzählweise des Films auf einer Meta-Ebene Rechnung trägt.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Analyse des Films „Irreversibel“ von Gaspar Noé. Dramaturgische Aspekte des filmischen Erzählens „Tempus“ und „Modus“
Hochschule
University of Sheffield
Veranstaltung
Einführung Filmanalyse
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
16
Katalognummer
V110737
ISBN (eBook)
9783640088980
ISBN (Buch)
9783640673124
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Analyse, Films, Gaspar, Betrachtung, Aspekte, Erzählens, Filmanalyse
Arbeit zitieren
Ludwig Andert (Autor), 2006, Analyse des Films „Irreversibel“ von Gaspar Noé. Dramaturgische Aspekte des filmischen Erzählens „Tempus“ und „Modus“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110737

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