Guzmáns Konversion als Rezentrierung einer aus der Fugen geratenen Welt


Seminararbeit, 2006

15 Seiten, Note: 1,0


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Inhalt:

1. Einleitung

2. Die Konversion Guzmáns als Reorganisationsleistung
2.1. Die Konversion als Leistung des Subjekts
2.2. Reorganisationsangebote der Zeit: die Rolle von Kirche und Staat
2.3. Die eigentlichen Angelpunkte: Gott und Jenseits

3. Die Welt als desillusionierende Desorganisationserfahrung
3.1. Summe einer fiktiven Biographie
3.2. Unveränderlich durch den Wandel der inneren Einstellung
3.3. Fortbestand der Opposition der Reorganisation zur Desorganisation

4. Zwei Beispiele
4.1. Das ‚Gleichnis des Bildes’
4.2. Die ausstehende Begnadigung

5. Schluss

6. Literatur:

1. Einleitung

Wenn ein Werk - La vida de Guzmán de Alfarache von Mateo Alemán[1] - einer bestimmten Epoche - des Barock - eine ältere Tradition - die des pikaresken Romans - wiederaufnimmt,[2] wird die Art, wie es dies tut, besonderen Aufschluss über das Besondere des neuen Zeitalters geben. Das Merkmal, auf das hier besonders eingegangen werden soll, ist die epochenbeherrschende Opposition zwischen Des-organisation und Reorganisation[3] bzw. zwischen Dezentrierung und Rezentrierung.[4] In Form der Gattung des pikaresken Romans ist der nunmehr als bedrohlich empfundene Renaissancepluralismus die eine Seite die Medaille,[5] die andere, die Reorganisation, zeigt sich insbesondere in der neu hinzukommenden religiös didaktischen Absicht,[6] die vor allem in der ebenfalls neu hinzugekommenen Be-kehrung des Protagonisten am Ende des vorliegenden Werkes zum Ausdruck kommt. Diese Bekehrung unter genau diesem Blickwinkel soll im Mittelpunkt vorliegender Arbeit stehen, denn es wird sich zeigen, dass sie als ein reorganisierendes Element dem Romanganzen eine epochentypische Einheit gibt, eine Einheit, die eben aus dem Aushalten der Spannung zwischen einer zerfallenen Welt und der Erfahrung von Sinnverlust auf der einen Seite und dem Versuch der Reorganisation insbesondere unter gegenreformatorischen Vorzeichen ohne Aufhebung der Opposition bestand,[7] und es wird sich weiter zeigen, dass so einige der Gründe, die zu einer ausufernden Forschungsdiskussion über die Konversion des Guzmán, insbesondere über deren Echtheit geführt haben,[8] entfallen, da ein Gutteil der vermeintlichen Widersprüche in ihr in der Spannung von erfahrenem Verfall und gesuchter neuer Re-Integration, die den Barock zu nicht unwesentlichem Teil ausmacht,[9] begründet liegen.

Da nun hier der Schwerpunkt auf der Konversion liegen soll, ist es sinnig mit der Untersuchung ihrer Reorganisationsleistung zu beginnen. Diese teilt sich in drei Bereiche. Zum einen in die der Rolle des Subjekts, das die Zersplitterung und Schlechtigkeit der Welt und seiner Mitmenschen erfährt und so auch dasjenige ist, das die Leistung der Rezentrierung zu erbringen oder wenigstens nachzuvollziehen hat.[10] Zum anderen in die der Frage nach den epochentypischen Reorganisationsan-geboten, von denen Gegenreformation und Absolutismus[11] die augenscheinlichsten sind und wenigstens erstere in unmittelbarer thematischer Verbindung mit der Bekehrung Guzmáns steht. Schließlich aber darf auch das eigentliche Ziel und Gegenstand einer Konversion nicht außer Acht gelassen werden, nämlich Gott und das Jenseits. Dies ist nun abzuheben von der desorganisierten Welt, was, da ihr Schwerpunkt eben nicht bei der Bekehrung Guzmáns zu suchen, sondern sie vor allem Summe seiner Erfahrung als pícaro ist,[12] zunächst einen Rückblick auf den übrigen Roman bzw. einen Blick auf den Roman im Ganzen notwendig macht. Da das Spannungsverhältnis zwischen Desorganisation und Reorganisation aber ein beständiges ist,[13] wird anschließend ebenfalls zu zeigen sein, dass und wie erstere auch bei Leistung zweiterer durch die Konversion am Ende des vorliegenden Werkes weiterhin bestehen bleibt. Zum Schluss soll noch auf zwei einzelne Elemente des Schlusskapitels gesondert eingegangen werden, denen im Kontext dieser Frage-stellung besondere Bedeutung zukommt, zum einen das ‚Gleichnis des Gemäldes’, in dem sie eigens und gesondert von der eigentlichen histoire thematisiert wird, und die in Aussicht stehende, doch noch nicht Realität gewordene Begnadigung Guzmáns durch den König, die ja ganz offenbar ein Ausdruck dieser Grundopposition ist und so auch eine befriedigende Erklärung findet.

2. Die Konversion Guzmáns als Reorganisationsleistung

2.1. Die Konversion als Leistung des Subjekts

Der erste und entscheidende Schritt der Konversion, die innere Konversion oder nach Cavillac die „conversion éthico-économique“[14] vollzieht sich im Subjekt, d. h. in der Auseinandersetzung Guzmáns mit sich selbst ohne nennenswerte unmittelbare Einwirkung der Außenwelt. Bezeichnend hierfür ist schon die Tatsache, dass ihr Kern ein Selbstgespräch (Bd. 2, S. 505 f.) ist, d. h., dass hier die Möglichkeiten der Ich-Erzählsituation mittels der internen Fokalisation die Vorgänge im Inneren der Person zu beleuchten genutzt werden. Die besondere Stellung nicht nur, aber vor allem auch dieser Stelle im Romanganzen zeigt sich unter anderem auch darin, dass hier aus der Perspektive des ‚erlebenden Ichs’ erzählt wird, die innerhalb des Werkes gewöhnlich die Perspektive des pícaro ist, der den Werteverfall der Welt erlebt und auch praktiziert, während die moralisch-didaktische Absicht, der die Bekehrung sicher zuzuordnen ist, sonst eher aus der Perspektive des ‚erzählenden Ichs’, aus der Sicht des Bekehrten im Besitz der Wahrheit wahrgenommen wird.[15]

Es bleibt auch fernerhin dabei, dass die Bekehrung, die in Folge grundsätzlicher Beibehaltung der Gedanken von Willensfreiheit und Eigenverantwortlichkeit des Menschen im tridentinischen Glauben Produkt einer bewussten Wahl des Betroffenen ist,[16] und ihre Folgen von Guzmán als subjektive Errungenschaft empfunden und beschrieben werden, vom Anfangszustand des „halléme otro, no yo ni con aquel corazón viejo que antes“ (Bd. 2, S. 506) bis hin zur Reifung zum „como siempre tuve propósito firme de no hacer cosa infame ni mala por ningún útil que della me pudiese resultar“ (Bd. 2, S. 520).

Besonders deutlich zeigt sich die Subjektgebundenheit der Bekehrung in ihrer Opposition zur zunächst vorherrschenden negativen Reaktion der Außenwelt, die mit Unglauben (Bd. 2, S. 506) reagiert, in der er im Unterschied zu früher nun schuldlos leidet (Bd. 2, S. 507), in der er verleumdet wird, die seine guten Absichten mit Undank lohnt (Bd. 2, S. 510) und in der er schließlich in eine Situation gerät, die sich nach offenbar berechtigter Ansicht seiner Kameraden so weit verschlimmert hat, dass ihm jedes Mittel recht sein müsste, ihr zu entkommen (Bd. 2, S. 520).

Als nur eine mögliche Stelle, die die Opposition zwischen Subjekt und Außenwelt nicht nur aufzeigt, sondern deutlich betont und in der sie zugleich als eine dargestellt wird, in der die leidvoll erfahrene Desorganisation der Welt der eigenen wieder-gefundenen Mitte gegenübergestellt wird,[17] sei folgende wörtlich angeführt:

Palabra no repliqué ni la tuve, porque, aunque la dijera del Evangelio, pronunciada por mi boca no le habían de dar más crédito que a Mahoma. Callé, que palabras que no han de ser de provecho a los hombres, mejor es enmudecer la lengua y que se las diga el corazón a Dios. Dile gracias entre mí solas, pedíle que me tuviese de su mano, como más no le ofendiese. Porque verdaderamente ya estaba tan differente del que fui, que antes creyera dejarme hacer cien mil pedazos que cometer el más ligero crimen del mundo. (Bd. 2, S. 516)

Deutlicher kann der Gegensatz zwischen „a los hombres“ und „entre mí solas“, zwischen Ausbleiben äußeren Nutzens („no han de ser de provecho“) und innerem Wandel („verdaderamente ya estaba tan differente del que fui“) nicht zum Ausdruck gebracht werden. Es ist das Subjekt, das sich die ordnungsstiftenden Normen aneignet und damit die Reorganisationsarbeit leistet, zugleich aber auch die fortwährende Spannung dieser mit der von außen an es herantretenden Erfahrung des Ordnungsverlustes aushalten muss.[18]

2.2. Reorganisationsangebote der Zeit: die Rolle von Kirche und Staat

Die eigentlich zu erwartende enge Bindung der Konversion an das gegenreformatori-sche Christentum bzw. an die Kirche scheint auf histoire -Ebene zunächst kaum gegeben. Das ebenso zeittypische wie naheliegende Reorganisationsangebot oder auch -gebot[19] scheint keine maßgebliche Rolle zu spielen. Dass dem nicht eigentlich so sein kann, erweist sich schon daraus, dass das Werk als Ganzes der Didaxe im Sinne des tridentinischen Katholizismus dient.[20] An anderer Stelle (Bd. 1, S. 461) wird in der Figur des Kardinals auch ein entsprechend positives Bild der Kirche gezeich-net.[21] Eigentlicher Träger dieser Intention des Werkes ist aber nicht der Erzähler in der Rolle des pícaro oder Galeerensklaven, sondern der Erzähler in der nichtautobio-graphischen bzw. nichtpseudoautobiographischen Rolle des Vermittlers der religiösen, auch theologisch fundierten Botschaft, der darin als „hombre de claro entendimiento, ayudado de letras“ (Bd. 1, S. 113) auftritt.[22] Dieser vertrauenswürdige Erzähler mit einer klaren ideologischen Botschaft,[23] der aus der Perspektive des ‚erzählenden Ichs’ schreibt und dabei eine Generalbeichte ablegt,[24] ist aber der Erzähler, der gerade erst durch den Akt der Umkehr konstituiert wird,[25] das heißt das Ergebnis der Konversion. Weitere Hinweise der Verbindung zwischen Katholizismus und Bekehrung Guzmáns, die also immer auch Reorganisation in epochentypischer Weise mitbeinhaltet, finden sich auf histoire -Ebene des Textes, so die enge Verbindung des Geschehens um die verschiedenen Konversionsschritte[26] mit dem kirchlichen Festtag des Heiligen Johannes des Täufers,[27] der den Wendepunkt in Guzmáns Leben darstellt (Bd. 2, S. 520), wie auch in den Bibelverweisen an entscheidender Stelle, so bei der inneren Konversion und der sich anschließenden Reflexion über sie der Verweis auf Jona 4, 4 - 8 und der auf Mt 13, 44 (Bd. 2, S. 507) im Schlusssatz vor der Überleitung zum folgenden Kapitel.

Deutlich präsenter bei der Bekehrung ist der absolutistische Staat bzw. Herrscher. Es lohnt kaum, auf alle Details einzugehen, es genügt, auf die entscheidenden Worte Guzmáns bei Aufdeckung der Verschwörung (Bd. 2, S. 520 f.), der Umsetzung der inneren Wandlung nach außen oder „conversion politique“ nach Cavillac,[28] zu ver-weisen: „Señor soldado, dígale Vuestra Merced al capitán que le va la vida y la honra en oírme dos palabras del servicio de Su Majestad.“ (Bd. 2, S. 521).

Fügen wir noch hinzu, dass die erste Reaktion des Kapitäns, der so hier vor allem als Vertreter des Königs erscheinen muss, nach Bewahrheitung der Aussagen Guzmáns ist, Gott zu danken, finden wir sogar die Kombination aus Staatsmacht und Religion, die typisch enge Symbiose zwischen absolutistischem Staat und katholischer Kirche Spaniens im Siglo de Oro,[29] vor.

2.3. Die eigentlichen Angelpunkte: Gott und Jenseits

Es wäre aber falsch anzunehmen, die Kirche oder gar der absolutistische Staat seien primäre Faktoren der Rezentrierung von Guzmáns Welt. „¿Ves ya cómo en la tierra no hay contento y que está el verdadero en el cielo? Pues, hasta allá lo tengas, no lo busques acá“ (Bd. 1 S. 208) Unser Konvertit sucht nicht das Heil in dieser Welt, sondern, womit dessen Eintreten offen bleiben muss, in jener, und das besagt auch das Schlusswort des Romans, soweit er vollendet worden ist: „si el cielo me la diere antes de la eterna [vida] que todos esperamos.“ (Bd. 2, S. 522).

Diese Hoffnung kann sich allein auf Gott stützen, der in allen Phasen der Konversion entsprechend präsent ist, insbesondere in der stets wiederkehrenden Formel der „Hand Gottes“.[30]

Die eigentlichen Dreh- und Angelpunkte der Reorganisation, die durch das Subjekt in der Konversion geleistet werden, liegen also außerhalb der unmittelbar erfahrbaren Welt. Womit auch klar ist, wie hier diese gelingen kann, ohne die Opposition zur Desorganisation der Welt, erfahrbar insbesondere auch im Leiden an den Mitmenschen,[31] aufzuheben. Insofern ist auch der Hinweis auf die Bedeutung der Gestalt des Heiligen Johannes des Täufers gerade auch in den Schlusskapiteln durch Cavillac[32] bedeutsam, denn in barocker Bedeutungsvielfalt soll mit dieser Gestalt sicher auch der vergebliche Mahner in der Wüste und der Märtyrer durch die weltliche Gewalt evoziert werden, der sein Heil - jenseits der Welt - allein bei Gott fand.

3. Die Welt als desillusionierende Desorganisationserfahrung

3.1. Summe einer fiktiven Biographie

Die Erfahrung der Desorganisation, dargestellt in zahlreichen Einzelepisoden, muss kaum nachgewiesen werden, sie ist gewissermaßen gattungseigen[33] und bezeich-nend für den Lebensweg eines pícaro.[34] So beginnt auch Guzmáns Aufbruch in die Welt wie schon die des Lazarillo mit einer grundlegenden desengaño -Erfahrung,[35] auf die zahllose Episoden folgen, deren Lehre immer wieder ist, dass auf der Welt nichts in Ordnung ist und Lug und Trug herrschen und dass die Mitmenschen nur auf Eigennutz bedacht sind und weder Mitgefühl noch gar Nächstenliebe kennen, sich vielmehr untereinander wie wilde Tiere gebärden.[36]

3.2. Unveränderlich durch den Wandel der inneren Einstellung

Das ändert sich auch nicht mit dem inneren Wandel des Guzmán. Die vom Subjekt vollzogene Reorganisationsarbeit ändert nichts an der Welt und dem Verhalten der Mitmenschen, die Opposition scheint sich sogar eher noch zu verschärfen. So finden wir kurz vor seiner Konversion noch Stellen wie folgende: „Con esto y cobrando mis derechos de los nuevos presos, pasaba gentil vida y aun vida gentil“ (Bd. 2, S. 489), nach der Konversion befindet er sich jedoch bald in der „ínfima miseria y mayor bajeza de banda“ (Bd. 2, S. 519). Guzmán findet mit seiner Umkehr keinen Glauben, vielmehr werden ihm seine guten Werke als Scheinheiligkeit ausgelegt (Bd. 2, S. 506). Man redet ihm Schlechtes nach und findet Glauben damit (Bd. 2, S. 510 f.). Auch die von ihm erzählten Geschichten (Bd. 2, S. 512 f.) vermitteln kein anderes Bild von der Welt. Ihm werden zwei Diebstähle unterstellt (Bd. 2, S. 514 f., S. 515 ff.), deren erster ihm alle Freude nimmt und in ihm den Wunsch weckt, auf seine privilegierte Stellung zu verzichten, da der zweite und dessen Folgen schon absehbar sind, während er in Folge des zweiten mehrfach bis nahe zum Tod gefoltert wird (Bd. 2, S. 516 ff.), wobei ihn seine Unschuld (Bd. 2, S. 517) und die Tatsache, dass alle glauben, dass er schuldig sei und entsprechend kein Mitgefühl aufbringen, besonders schmerzen (Bd. 2, S. 516 f.). Eine deutliche Erfahrung von Sinnverlust in einer desorganisierten Welt, da es in Opposition zu seiner doch redlichen Handlungsweise steht. Er erhält die niedrigste Stellung an Bord, mit der Auflage, ihn bei den kleinsten Fehlern härtest zu bestrafen, wobei die geforderten Leistungen kaum zu erbringen sind (Bd. 2, S. 518 f.). Und auch die Verschwörung seiner Mitgefangenen bringt ihn erneut in eine Situation, die ihm dank seiner Mitmenschen höchst gefährlich werden kann (Bd. 2, S. 520). Summa summarum, die Kette der leidvollen Erfahrungen einer aus der Lot geratenen Welt und Gesellschaft hört mit seiner Umkehr nicht auf, steigert sich zumindest vorläufig eher noch in Intensität und Dichte.

3.3. Fortbestand der Opposition der Reorganisation zur Desorganisation

Wir haben also die perpetuierte Erfahrung des Ordnungsverlustes, die keinesfalls aufgehoben wird, sondern mit dem sich das Subjekt weiterhin konfrontiert sieht, das, wie wir ebenfalls schon gesehen haben, zugleich in Gott und in der Hoffnung auf das Jenseits für sich Koordinaten der Reorganisation gefunden hat, die aber diese Erfahrung keineswegs aufheben, sondern sie in Spannung zu sich fortbestehen lassen, da sie außerhalb der Guzmán unmittelbar erfahrbaren Welt liegen.

4. Zwei Beispiele

4.1. Das ‚Gleichnis des Bildes’

An entscheidender Stelle (Bd. 2, S. 508 f.), zu Beginn des neunten Kapitels kurz vor den sich überschlagenden Ereignissen des zumindest faktischen Schlusses der histoire, meldet sich das ‚erzählende Ich’, der Erzähler in der Rolle des Vermittlers einer höheren, ethisch-religiösen Wahrheit, noch einmal zu Wort mit einer Geschichte bzw. einem ‚Gleichnis’, das in keiner unmittelbaren Verbindung zur Ereignisfolge der pseudobiographischen Erzählung steht, das aber entsprechend für deren Inter-pretation Bedeutung hat und das die hier vorgelegte weitgehend bestätigt. Es ist die Geschichte von einem Gemälde, das zum Trocknen verkehrt herum aufgestellt wurde, weswegen der Käufer über es entsetzt ist, wohingegen er, nachdem der kundige Maler es richtig herum gedreht hat, einsieht, dass es zum Besten geraten ist. Besonders bemerkenswert - ob vom Autor intendiert oder nicht - erscheint das Element des Zufälligen, dass die Welt, für die das Gemälde steht, verkehrt sein lässt. Dies entspricht vollauf der gesammelten Erfahrung Guzmáns mit ihr (vgl. o. S. 6 f.), während, dass sie in Ordnung käme, erst noch einem Eingriff ihres Schöpfers bedürfte (vgl. o. S. 5 f.), sei es letztlich auch nur eine Frage der richtigen Erkenntnis-perspektive. Jedenfalls zeigt dieses vom Autor bereitgestellte Deutungsmuster ebenso klar wie der gesamte Roman die klare Opposition von Desorganisation zu einer Reorganisation, die durch sie erforderlich wird, und damit den oder wenigstens einen Grundzug der Epoche.

4.2. Die ausstehende Begnadigung

Das Buch endet damit, dass Guzmán vorläufig auf freien Fuß gesetzt wird, die endgültige Begnadigung durch den König aber noch aussteht (Bd. 2, S. 522). Dass scheint problematisch, ist es aber nicht, betrachten wir die Konversion, in deren Gefolge sie eintreten würde, als Reorganisation ohne Aufhebung der oppositionellen Desorganisation. Eine erste Herangehensweise wäre, wie vorgeschlagen wurde, die Galeere dem spanischen Königreich gleichzusetzen,[37] in diesem Fall müssten wir eigentlich „Su Majestad“, eine Macht, die sich noch außerhalb befindet, als Metapher für Gott lesen und hätten weiterhin die Opposition zwischen Reorganisation in Form der Begnadigung, die nur außerhalb weltlicher Macht durch Gott erteilt werden kann, und dem Istzustand, der durch Desorganisation, d. h. dem Ausstehen der Re-organisation geprägt ist, passend zu den Schlussworten „antes de la eterna [vida] que todos esperamos“ (Bd. 2, S. 522).

Andererseits kann genauso gut angenommen werden, es sei unmittelbar der spanische König gemeint, auch dann wäre es eine Notwendigkeit, die Begnadigung nicht im direkten Anschluss folgen zu lassen, denn damit würde die Opposition aufgehoben und die Reorganisation würde allein das Feld behaupten, was, da sie - die Opposition beider - grundlegend für die Kultur der Zeit ist (s. o. S. 2 f.), beinahe die Epochengrenzen sprengen würde.

Letztlich gibt es aber keinen Grund, daran zu zweifeln, dass der Roman hier nicht enden, sondern der vom Autor angekündigte (Bd. 2, S. 522) dritte Teil auch tatsächlich geschrieben werden sollte. Und spätestens dies erscheint unmöglich, würde die Grundopposition, die, wie gezeigt werden konnte, die vorliegenden beiden Teile des Werks prägt (s. o. S. 3 ff.) und zwar prägt, insofern sie dem spanischen Barock eigen ist (s. o. S. 2 f.), aufgehoben, sie besteht also notwendig fort, insofern der Roman wie letztlich auch die Epoche, aus der er stammt, ohne sie undenkbar ist und hier nicht enden sollte. Aber selbst wenn kein dritter Teil je geschrieben hätte werden sollen, erschiene eigentlich kein Abschluss passender als ein solcher, wie er gegeben ist, in dem die Opposition zwischen unsicherer Lage hier und der Aussicht auf Gnade, aus erfahrener Desorganisation und erstrebter Reorganisation, bewahrt bliebe.

5. Schluss

Die Konversion als echte und aufrichtig gemeinte gibt also dem Werk eine Einheit, die eine Einheit ist, insofern der spanische Barock eine Einheit darstellt, der eben nicht durch ein unisono, sondern durch die Opposition von Destabilisierungserfahrung und dem Versuch ihres Ausgleichs geprägt ist (s. o. S. 2 f.). Sie macht das Werk im Ganzen zu einer vieler Konkretisierungen des „Spannungsverhältnis zwischen dis-kursiver Desorganisation und Reorganisation“.[38] Diese Interpretation der Konversion als echt - andernfalls verlängerte sie nur die Reihe erfahrener Desorganisation, die ihren epochenspezifischen Widerpart in der Reorganisation nicht fände - nicht nur aus dem Werksganzen heraus, sondern gestützt auf eine sinnige Definition der Epoche, der es zugehört, verhilft also nicht nur zu einem besseren Verständnis des Werkes, kann vielmehr auch die lange Zeit heftig umstrittene Frage nach ihrer Echtheit[39] lösen helfen, auch da die Gründe dagegen wie die „dichotomy between religious ideals and the reality of Guzmán’s existence“, die Norval[40] festgestellt haben will und zur Grundlage dafür nimmt, an der Aufrichtigkeit der Bekehrung zu zweifeln, offenbar weitgehend identisch mit der Grundopposition zwischen der als instabil und bedrohlich erfahrener Realität und einer erstrebter Reorganisation sind, die aber epochenspezifisch sind und somit nicht Anlass geben können, einem Teil eines Werkes dieser Epoche einen unmittelbar nicht zum Ausdruck kommenden Sinn zu unterlegen.

6. Literatur:

Primärtexte:

M. Alemán, Guzmán de Alfarache, 2 Bd.e, hsg. v. J. M. Micó, Madrid 62003.

Lazarillo de Tormes, hsg. v. F. Rico, Madrid 182005.

Sekundärliteratur:

M. Cavillac, Les trois conversions de Guzmán de Alfarache. Regard sur la critique récente, in: Bulletin Hispanique 95 (1993), S. 149 - 201.

R. v. Dülmen, Entstehung des frühneuzeitlichen Europa 1550 - 1648, Frankfurt a. M. 1982.

J. Küpper, Diskurs-Renovatio bei Lope de Vega und Calderón, Tübingen 1990.

W. Matzat, Barocke Subjektskonstitution in Mateo Alemáns Guzmán de Alfarache, in: J. Küpper, F. Wolfzettel (Hsgg.), Diskurse des Barock. Dezentrierte und rezentrierte Welt?, München 2000, S. 269 - 291.

S. Neumeister, Der Beitrag der Romanistik zur Barockdiskussion, in: K. Garber (Hsg.), Europäische Barock-Rezeption, Wiesbaden 1991, Bd. 2, S. 841 - 856.

W. Nitsch, Barocke Dezentrierung. Spiel und Ernst in Lope de Vegas ‚Dorotea’, in: J. Küpper, F. Wolfzettel (Hsg.), Diskurse des Barock. Dezentrierte und rezentrierte Welt?, München 2000, S. 219 - 244.

M. N. Norval, Original Sin and the ‘Conversion’ in the Guzmán de Alfarache, in: Bulletin of Hispanic Studies LI (1974), S. 346 - 364.

A. Rey, La novela picaresca y el narrador fidedigno, in: Hispanic Review 47, 1 (1979), S. 55 - 75.

U. Schulz-Buschhaus, Der Barockbegriff in der Romania. Notizen zu einem vorläufigen Resümee, in: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 98 (1995), S. 6 - 24.

[...]


[1] Im Folgenden zitiert nach der Ausgabe: Mateo Alemán, Guzmán de Alfarache, 2 Bd.e, hsg. v. J. M. Micó, Madrid 62003.

[2] W. Matzat, Barocke Subjektskonstitution in Mateo Alemáns Guzmán de Alfarache, in: J. Küpper, F. Wolfzettel (Hsgg.), Diskurse des Barock. Dezentrierte und rezentrierte Welt?, München 2000, S. 272.

[3] Matzat aaO. S. 269.

[4] W. Nitsch, Barocke Dezentrierung. Spiel und Ernst in Lope de Vegas ‚Dorotea’, in: J. Küpper, F. Wolfzettel (Hsg.), Diskurse des Barock. Dezentrierte und rezentrierte Welt?, München 2000, S. 219 ff.

[5] Matzat aaO. S. 270.

[6] Matzat aaO. S. 272.

[7] Vgl. Matzat aaO. S. 272.

[8] Vgl. M. Cavillac, Les trois conversions de Guzmán de Alfarache. Regard sur la critique récente, in: Bulletin Hispanique 95 (1993), S. 149 - 201, passim.

[9] J. Küpper, Diskurs-Renovatio bei Lope de Vega und Calderón, Tübingen 1990, S. 20 ff.

[10] Matzat aaO. S. 272.

[11] S. Neumeister, Der Beitrag der Romanistik zur Barockdiskussion, in: K. Garber (Hsg.), Europäische Barock-Rezeption, Wiesbaden 1991, Bd. 2, S. 852; Matzat aaO. S. 270.

[12] Matzat aaO. S. 272.

[13] U. Schulz-Buschhaus, Der Barockbegriff in der Romania. Notizen zu einem vorläufigen Resümee, in: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 98 (1995), S. 20 ff.

[14] Cavillac aaO. S. 149, 151 ff.

[15] Vgl. Matzat aaO. S. 273, 277 f.

[16] Cavillac aaO. S. 161 f., Matzat aaO. S. 278.

[17] Vgl. Matzat aaO. S. 272.

[18] Matzat aaO. S. 272 f.

[19] Neumeister aaO. S. 852.

[20] Matzat aaO. S. 272, 278.

[21] Matzat aaO. S. 277.

[22] Matzat aaO. S. 282, 286.

[23] A. Rey, La novela picaresca y el narrador fidedigno, in: Hispanic Review 47, 1 (1979), S. 60 ff., Cavillac aaO. S. 189.

[24] Cavillac aaO. S. 189 f.

[25] Matzat aaO. S. 277.

[26] Cavillac aaO. passim.

[27] Vgl. Cavillac aaO. S. 187.

[28] Cavillac aaO. S. 167 ff.

[29] R. v. Dülmen, Entstehung des frühneuzeitlichen Europa 1550 - 1648, Frankfurt a. M. 1982, S. 168 f.

[30] Bd. 2, S. 506: „Di gracias al Señor y supliquéle que me tuviese de su mano“, S. 516: „Dile gracias entre mí solas, pedíle que me tuviese de su mano“, S. 521: „Dios, que fue dello servido y guiaba mis negocios de su divina mano“.

[31] Matzat aaO. S. 276.

[32] Cavillac aaO. S. 199 ff.

[33] Nicht aber unbedingt ihre negative Wertung als Desorganisationserfahrung, die dem Barock zugehört, vgl. Schulz-Buschhaus aaO. S. 19 f.

[34] Matzat aaO. S. 272.

[35] Bd. 1, S. 167 ff.; Lazarillo de Tormes, hsg. v. F. Rico, Madrid 182005, S. 23.

[36] Matzat aaO. S. 274 ff.

[37] Cavillac aaO. S. 180 f.

[38] Schulz-Buschhaus aaO. S. 20.

[39] Vgl. Cavillac aaO. passim.

[40] M. N. Norval, Original Sin and the ‘Conversion’ in the Guzmán de Alfarache, in: Bulletin of Hispanic Studies LI (1974), S. 359.

15 von 15 Seiten

Details

Titel
Guzmáns Konversion als Rezentrierung einer aus der Fugen geratenen Welt
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
15
Katalognummer
V110759
ISBN (Buch)
9783640192342
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Guzmáns, Konversion, Rezentrierung, Fugen, Welt
Arbeit zitieren
Rainer Weirauch (Autor), 2006, Guzmáns Konversion als Rezentrierung einer aus der Fugen geratenen Welt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110759

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