Welche Ziele verfolgt musikalische Förderung und was macht sie so effektiv? Der Autor gibt didaktische Vorschläge zur musikalischen Förderung autistischer Kinder und Jugendlicher.
Zu Beginn dieser Arbeit möchte ich zwei Beobachtungen voranstellen, die mich auf die Untersuchung dieser Thematik brachten. Die erste Beobachtung konnte ich während meines Zivildienstes in einem Freiburger Kinderheim 1995 - 1996 machen. Den zweiten für diese Arbeit ausschlaggebenden Impuls bekam ich während der Erstellung eines diagnostischen Fördergutachtens im Rahmen der Ausbildung zum Sonderschullehrer.
Die zwei Beobachtungen sollen einen Spannungsbogen von Beginn dieser Arbeit bis hin zu ihrem Ende darstellen. Alle beschriebenen Erkenntnisse sollen darin auf das eigentliche Ziel weisen, nämlich die Überlegungen der didaktischen Umsetzung einer musikalischen Förderung bezogen auf die beiden erwähnten autistischen Jungen.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
1.1 BEOBACHTUNGEN WÄHREND DES ZIVILDIENSTES:
1.2 BEOBACHTUNGEN IN DER SCHULE FÜR GEISTIG BEHINDERTE
2 WAS WÄRE EIN LEBEN OHNE MUSIK ?
2.1 DIE BEDEUTUNG DER MUSIK IN UNSEREM LEBEN
2.1.1 DIE GESCHICHTLICHE BEDEUTUNG
2.1.2 DIE KULTURELLE BEDEUTUNG
2.1.3 DIE BEDEUTUNG FÜR DIE SOZIALISATION UND ENKULTURATION DES MENSCHEN
2.1.4 DIE SOZIALE BEDEUTUNG
2.1.5 DIE INDIVIDUELLE BEDEUTUNG
2.1.6 DIE ENTWICKLUNGSPSYCHOLOGISCHE BEDEUTUNG
2.2 ZUSAMMENFASSUNG
3 WIE WIRD MUSIK IM LEBEN DES MENSCHEN BEDEUTSAM ?
3.1 WIRKUNGEN VON MUSIK
3.1.1 DIE VEGETATIVE WIRKUNG
3.1.2 DIE EMOTIONALE WIRKUNG
3.1.3 DIE SOZIALE WIRKUNG
3.1.4 DIE ÄSTHETISCHE WIRKUNG
3.2 MUSIK ERLEBEN
3.3 MUSIK ERFAHREN
3.4 MUSIK LERNEN
3.5 ZUSAMMENFASSUNG
4 DIE MUSIKALISCHE FÖRDERUNG IN ABGRENZUNG ZUM MUSIK-UNTERRICHT UND DER MUSIKTHERAPIE
4.1 ZIELSETZUNGEN DER MUSIKPÄDAGOGIK UND DER MUSIK-THERAPIE
4.2 DIE MUSIKALISCHE FÖRDERUNG IN DER VERMITTLERROLLE ZWISCHEN DEM MUSIKUNTERRICHT UND DER MUSIK-THERAPIE
4.3 BEGRIFFSBESTIMMUNG DER MUSIKALISCHEN FÖRDERUNG
4.4 ZUSAMMENFASSUNG
5 DIE BEGRÜNDUNG DER MUSIKALISCHEN FÖRDERUNG
5.1 ZUR BEGRÜNDUNG DER MUSIKALISCHEN FÖRDERUNG IM ALLGEMEINEN
5.2 ZUR BEGRÜNDUNG DER MUSIKALISCHEN FÖRDERUNG BEI GEISTIG BEHINDERTEN MENSCHEN (NACH T. HARTOGH)
5.3 MUSIKALISCHE FÖRDERUNG IN DER SCHULE FÜR GEISTIG BEHINDERTE (SFG)
5.4 ZUSAMMENFASSUNG
6 WAS IST AUTISMUS ?
6.1 DEFIZITORIENTIERTE BESCHREIBUNGEN VON AUTISMUS IN DER LITERATUR
6.2 KANNER-SYNDROM UND ASPERGER-SYNDROM
6.2.1 KANNER-SYNDROM
6.2.2 ASPERGER-SYNDROM
6.3 ABGRENZUNG DES AUTISMUS ZU ÄHNLICHEN STÖRUNGS-BILDERN
6.4 ZIEL EINER DIAGNOSE
6.5 DIAGNOSTISCHE EINTEILUNG DER SYMPTOMMERKMALE
6.6 DAS ERSCHEINUNGSBILD DES AUTISMUS
6.6.1 "DIE ZWISCHENMENSCHLICHEN BEZIEHUNGEN SIND QUALITATIV BEEINTRÄCHTIGT"
6.6.2 "DIE KOMMUNIKATION IST QUALITATIV BEEINTRÄCHTIGT"
6.6.3 "DAS REPERTOIRE AN AKTIVITÄTEN UND INTERESSEN IST DEUTLICH EINGESCHRÄNKT"
6.6.4 WEITERE SYMPTOME
6.6.4.1 RETARDIERUNG DER INTELLIGENZ
6.6.4.2 WAHRNEHMUNG
6.7 DIAGNOSTISCHE INSTRUMENTE
6.8 ZUSAMMENFASSUNG
7 DIE ENTSTEHUNGSTHEORIEN DES AUTISMUS
7.1 GENETISCHE VERURSACHUNGSTHEORIE
7.2 PSYCHOLOGISCHE UND PSYCHOANALYTISCHE VERURSACH-UNGSTHEORIEN
7.3 ORGANOLOGISCHE VERURSACHUNGSTHEORIE
7.4 CHEMISCHE UND BIOCHEMISCHE THEORIEN
7.5 THEORIEN IN VERBINDUNG MIT ANDEREN ERKRANKUNGEN
7.6 ÜBEREINSTIMMENDE SICHTWEISEN ALLER THEORIEN IN BEZUG AUF DIE INFORMATIONS- UND/ ODER WAHRNEHMUNGSVERARBEITUNGSSTÖRUNG
7.7 MULTIFAKTORIELLE UND ENTWICKLUNGSORIENTIERTE THEORIEMODELLE
7.8 SCHLUßFOLGERUNGEN AUS DEN BESCHRIEBENEN THEORIEMODELLEN UND ANSÄTZEN
7.8.1 DIE PROBLEMATIK DER PSYCHOLOGISCHEN ANSÄTZE
7.8.2 PROBLEME DER ANSÄTZE ÜBER DIE STÖRUNG DER INFORMATIONS-VERARBEITUNG
7.8.3 DIE BEDEUTUNG DER ENTWICKLUNGSORIENTIERTEN UND MULTIFAKTORIELLEN ANSÄTZE
7.9 ZUSAMMENFASSUNG
8 DER PÄDAGOGISCHE UMGANG MIT AUTISTEN
8.1 ALLGEMEINE ASPEKTE DER PÄDAGOGIK MIT AUTISTEN
8.2 VERSCHIEDENE FÖRDER- UND THERAPIEMÖGLICHKEITEN
8.3 DER BEZIEHUNGSASPEKT
8.4 DER DIAGNOSTISCHE ASPEKT
8.5 ASPEKT DES SYMPTOMABBAUS
8.6 ZUSAMMENFASSUNG
9 DIDAKTISCHE ÜBERLEGUNGEN ZU EINEM MUSIKALISCHEN FÖRDERANSATZ FÜR AUTISTISCHE KINDER UND JUGENDLICHEN
9.1 METHODISCHES VORGEHEN IN DER MUSIKALISCHEN FÖRDERUNG IM ALLGEMEINEN
9.2 DER BEZUG DER MUSIKALISCHEN FÖRDERUNG ZUM BILDUNGSPLAN
9.3 DIDAKTISCHE MÖGLICHKEITEN EINER MUSIKALISCHE FÖRDERUNG MIT SEBASTIAN
9.3.1 KOMMUNIKATIONSANBAHNUNG
9.3.2 MUSIZIEREN UND BEGLEITEN VON LIEDERN MIT INSTRUMENTEN
9.3.3 MALEN ZU MUSIK (GEMEINSAMES ANHÖREN VON KLASSISCHER MUSIK)
9.4 DIDAKTISCHE MÖGLICHKEITEN EINER MUSIKALISCHEN FÖRDERUNG MIT CALVIN
9.4.1 UMSETZUNG VON MUSIK IN BEWEGUNG
9.4.2 UMSETZUNG DER BEWEGUNGEN IN MUSIK
9.4.3 ANBAHNUNG EINER ADÄQUATEN ENTSCHEIDUNGSFINDUNG
9.4.4 ÜBERLEGUNGEN ZU EINER SOZIALE INTEGRATION
9.5 ALLGEMEINE ÜBERLEGUNGEN ZU EINER DIDAKTIK DER MUSIKALISCHEN FÖRDERUNG
9.5.1 DIE SOZIALE EBENE
9.5.2 DIE KOMMUNIKATIVE EBENE
9.5.3 DIE EMOTIONALE EBENE
9.5.4 DIE WAHRNEHMUNGSEBENE
9.6 ZUSAMMENFASSUNG
10 FAZIT
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die pädagogische Relevanz einer musikalischen Förderung für autistische Kinder und Jugendliche. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Musik als Medium eingesetzt werden kann, um den Betroffenen einen Zugang zu sozialer Interaktion, Selbstverwirklichung und persönlicher Entwicklung zu ermöglichen. Durch die Abgrenzung von reinem Musikunterricht und klinischer Musiktherapie wird ein eigener, förderpädagogischer Ansatz entwickelt.
- Bedeutung der Musik im menschlichen Leben und deren entwicklungspsychologische Grundlagen.
- Differenzierung zwischen Musikpädagogik, Musiktherapie und musikalischer Förderung.
- Analyse des Störungsbildes Autismus unter Berücksichtigung verschiedener Entstehungstheorien.
- Pädagogischer Umgang mit autistischen Menschen: Beziehungsarbeit und Förderung.
- Konkrete didaktische Fallbeispiele zur Umsetzung musikalischer Förderung.
Auszug aus dem Buch
1.1 BEOBACHTUNGEN WÄHREND DES ZIVILDIENSTES:
Der damals 11-jährige nichtsprechende autistische Junge SEBASTIAN lebte seit einigen Jahren in der Gruppe mit mehreren anderen geistig behinderten Jugendlichen. Aus verschiedenen Gründen konnte er die Schule für geistig Behinderte (SfG) nicht besuchen und wurde im Heim unterrichtet.
SEBASTIAN stellte gerne "irgendetwas" an. Entweder nahm er sich unerlaubt etwas zu essen aus der Küche, setzte das Bad unter Wasser oder rannte über das Treppenhaus zu anderen Gruppen und tobte im Haus herum. In solchen Fällen wurde er zur Ermahnung in sein Zimmer geschickt, indem er sich eine Zeitlang aufzuhalten hatte. Er hatte sich außerdem angewöhnt, wenn er die Gemeinschaft nicht ertragen konnte, weinend in sein Zimmer zu rennen, die Tür hinter sich zu schließen und auf seinem Bett stereotyp seinen Kopf in ein Kissen fallen zu lassen.
An einem Samstag machte ich folgende Beobachtung:
"Alle Jugendlichen mit zwei Betreuern waren in der Gruppe. Wieder einmal hatte SEBASTIAN etwas angestellt. Er rannte schreiend und weinend in sein Zimmer, warf die Tür hinter sich zu, legte sich auf sein Bett und ließ seinen Kopf stereotyp in sein Kissen fallen. Wie üblich blieb er dort sich selbst überlassen. Ihm blieb nur die Möglichkeit seinen Frust, Ärger, Traurigkeit mit sich selbst auszuhandeln.
In dieser Situation, die aus meiner Sicht nicht mehr tragbar war, ging ich in sein Zimmer und setzte mich vor sein Bett. Ich konnte ihn genau beobachten wie er seinen Kopf in das Kissen fallen ließ. So saß ich ungefähr 10 Minuten ohne mich bemerkbar zu machen. Ob SEBASTIAN meine Anwesenheit bemerkte, war nicht zu erkennen. Ich begann dann ein Lied im Rhythmus seiner stereotypen Handlung zu singen, welches er von mir bereits oft gehört hatte. Bisher hatte er jedoch nie dazu gesummt oder gesungen.
Während er seine stereotype Handlung weinend fortfuhr, schaute er mir oft für einen kurzen Moment in die Augen. Nach einiger Zeit begann er während meines Singens zu lautieren ("Wahwah - Wahwah" o.ä.). Das anfängliche Weinen versiegte immer mehr, dafür wurde das Lautieren stärker."
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Die Einleitung führt in die Thematik ein und erläutert anhand von persönlichen Beobachtungen autistischer Jungen die Relevanz einer musikalischen Förderung.
2 WAS WÄRE EIN LEBEN OHNE MUSIK ?: Dieses Kapitel untersucht die allgemeine Bedeutung von Musik im menschlichen Leben aus historischer, kultureller und entwicklungspsychologischer Perspektive.
3 WIE WIRD MUSIK IM LEBEN DES MENSCHEN BEDEUTSAM ?: Hier werden die Wirkmechanismen von Musik sowie die Begriffe Musik erleben, erfahren und lernen in Bezug auf ihre Bedeutung für den Menschen analysiert.
4 DIE MUSIKALISCHE FÖRDERUNG IN ABGRENZUNG ZUM MUSIK-UNTERRICHT UND DER MUSIKTHERAPIE: Dieses Kapitel klärt den Begriff der musikalischen Förderung und differenziert diesen von Musikpädagogik und Musiktherapie.
5 DIE BEGRÜNDUNG DER MUSIKALISCHEN FÖRDERUNG: Es wird begründet, warum musikalische Förderung einen zentralen Stellenwert in der Sonderpädagogik, insbesondere für Menschen mit geistiger Behinderung, einnimmt.
6 WAS IST AUTISMUS ?: Eine sonderpädagogische Untersuchung des Autismus, seiner Symptomatik und der diagnostischen Einordnung anhand internationaler Kriterien.
7 DIE ENTSTEHUNGSTHEORIEN DES AUTISMUS: Dieses Kapitel erläutert verschiedene theoretische Ansätze zur Entstehung von Autismus und deren Implikationen für die Pädagogik.
8 DER PÄDAGOGISCHE UMGANG MIT AUTISTEN: Hier werden pädagogische Aspekte und Therapiemöglichkeiten bei der Arbeit mit autistischen Menschen im Detail beleuchtet.
9 DIDAKTISCHE ÜBERLEGUNGEN ZU EINEM MUSIKALISCHEN FÖRDERANSATZ FÜR AUTISTISCHE KINDER UND JUGENDLICHEN: Der Hauptteil bietet praktische, didaktische Vorschläge zur Umsetzung musikalischer Förderung anhand der beiden Jungen Sebastian und Calvin.
10 FAZIT: Das Fazit fasst die gewonnenen Erkenntnisse zusammen und betont die Notwendigkeit einer subjektorientierten Pädagogik.
Schlüsselwörter
Autismus, Musikalische Förderung, Musiktherapie, Sonderpädagogik, Frühkindlicher Autismus, Asperger-Syndrom, Wahrnehmungsstörung, Beziehungsarbeit, Pädagogische Musiktherapie, Inklusion, Förderschule, Didaktik, Entwicklung, Kommunikation, Rhythmus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der musikalischen Förderung autistischer Kinder und Jugendlicher als Teilbereich einer umfassenden sonderpädagogischen Unterstützung.
Was sind die zentralen Themenfelder dieser wissenschaftlichen Publikation?
Zu den zentralen Themen gehören die Bedeutung der Musik für den Menschen, die Theorie des Autismus, die Abgrenzung von musikpädagogischen Ansätzen und die didaktische Umsetzung in der sonderpädagogischen Praxis.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Musik als Medium dienen kann, um autistischen Menschen einen Zugang zur Welt zu ermöglichen, ihre Selbstverwirklichung zu fördern und eine tragfähige soziale Beziehung aufzubauen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf Literaturanalyse und der Auswertung von Fallbeispielen aus der sonderpädagogischen Praxis basiert.
Welche Aspekte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die theoretischen Hintergründe des Autismus, die Begründung musikalischer Förderung, den pädagogischen Umgang mit Autismus und konkrete didaktische Überlegungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Keywords sind Autismus, musikalische Förderung, Sonderpädagogik, Beziehungsarbeit, diagnostische Aspekte und didaktische Umsetzung.
Warum ist die Abgrenzung zur Musiktherapie so wichtig für den Autor?
Der Autor möchte verdeutlichen, dass musikalische Förderung in der Schule nicht allein heilerisch (wie die Musiktherapie) oder fachspezifisch (wie der Musikunterricht) ausgerichtet ist, sondern als Brückenschlag eine ganzheitliche Lebensbereicherung anstrebt.
Welche Rolle spielen die beiden Jungen Sebastian und Calvin im Buch?
Sie dienen als praktische Fallbeispiele, an denen der Autor zeigt, wie eine individuelle musikalische Förderung methodisch geplant und umgesetzt werden kann, um den Zugang zur sozialen Gemeinschaft zu erleichtern.
- Quote paper
- Martin Dietrich (Author), 2000, Die musikalische Förderung von autistischen Kindern und Jugendlichen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11076