Kognitive Linguistik in der Literaturwissenschaft


Lizentiatsarbeit, 1998

124 Seiten, Note: Summa Cum


Gratis online lesen

Inhaltsverzeichnis

Teil I: Kognitive Linguistik in der Literaturwissenschaft
1. Einführung in eine kognitive Literaturwissenschaft
1.1. Argumentatives Spiel
1.2. Sprache zwischen Mensch und Welt?
1.2.1. Der 'objektivistische Dreisprung'
1.2.2. Der 'pseudo-objektivistische Dreisprung'
1.3. Plausibilität und Wahrheit
1.3.1. Kognitive Wahrheit
1.3.2. Ein Beispiel
1.4. Menschliches Erleben zwischen Welt und Sprache
1.5. Richtige Intuitionen - mögliche Modularität
2. Modelle der kognitiven Linguistik
2.1. Kategorisierung
2.1.1. Prototypikalität
2.1.2. Objektive versus kognitive Kategorien
2.2. Basic Level
2.3. Holismus und Experientialismus
2.4. Idealized Cognitive Model (ICM)
2.4.1. Propositionale Struktur
2.4.2. Bildschematische Struktur
2.4.3. Prinzip der metaphorischen Projektion
2.4.4. Prinzip der Metonymischen Projektion
2.4.5. Zusammenspiel
2.5. Metapherntheorie und die 'Invariance Hypothesis'
2.5.1. Metapher - Norm oder Abweichung?
2.5.2. Verbreitung von Metaphern
2.5.3. Funktion der Metapher
2.5.4. Vom Konkreten zum Abstrakten
2.5.5. Beispiele: 'Unwichtiges ist peripher' - 'Wichtiges ist zentral' - 'Wesen ist unten'
2.5.6. Grenzen der Metapher in der Elaboration von Bedeutung
2.5.7. Metapher und Metonymie
2.6. Lesen und Schreiben vor dem Hintergrund des kognitiven Ansatzes
2.6.1. Text und Bedeutung
2.6.2. Lesen und Schreiben - Schreiben und Lesen?
2.6.3. 'Feedback'
2.6.4. 'Belief Systems'
2.6.5. Dreidimensionale Netzwerke
2.6.6. Strategien der Interpretation
3. Literatur und kognitive Linguistik
3.1. Für einen kognitiven Ansatz in der Literaturwissenschaft
3.1.1. Die eine Methode der Literaturwissenschaft
3.1.2. Perspektiven der Literaturwissenschaft
3.2. Einbettung des kognitiven Ansatzes in bestehende Perspektiven
3.3. Skizze einer modularen Literaturwissenschaft

Teil II: Exemplarische Untersuchungen zur Wiederholung in Texten Peter Handkes
1. Die Wiederholung als konstituierendes Prinzip von Literatur
1.1. Die Wiederholung auf der wortsemantischen Ebene
1.1.1. Die Wiederholung als 'Abweichung'
Exkurs: Grenzen der Bedeutung
1.1.2. Hypothesen aufstellen: Zur Wiederholung auf der wortsemantischen Ebene
1.2. Die Wiederholung als textsemantisches Phänomen
1.2.1. Wiederholungsstrukturen als Bedeutungsträger:
1.2.2. Wiederholung und die Generation von Bedeutung:
1.2.3. Wiederholung in der Zeit
1.2.4. Wiederholung im Kommunikationsmodell
1.3. Die Wiederholung in phänomenologischen und kognitiven Ansätzen
1.3.1. Wiederholung und Erinnerung - zwischen Faktizität und Freiheit
1.3.2. Wiederholung und Phantasie - nach vorne gerichtetes Erinnern
1.3.3. Wiederholung und Erzählung - Erinnerung und Zusammenhang
1.3.4. Wiederholung und Wahrheit - Iteration und Annäherung
2. Wiederholung in Texten Peter Handkes
2.1. Wiederholung auf der Wortebene
2.1.1. Der Kaffee der Blauen Berge
2.1.2. Krieg
2.1.3. Eine mögliche Interpretation
2.2. Thematische Wiederholung
2.3. Syntaktische Wiederholung
2.4. Wiederholung auf der Strukturebene
2.4.1. Die Orte des Romans
2.4.2. Die Figuren des Romans
2.4.3. Die Struktur
2.4.4. Der 'eigentliche' Handlungsverlauf
2.4.5. Hypothese: Die phänomenologische Handlung
2.5. Überlegungen zur Nacherzählung einer noch zu erfindenden Geschichte
2.6. Überlegungen zur revelatorischen Kraft der Wiederholung in Texten Peter Handkes
Literaturverzeichnis

Ich beschreibe Einem ein Zimmer, und lasse ihn dann, zum Zeichen, dass er meine Beschreibung verstanden hat, ein impressionistisches Bild nach dieser Beschreibung malen. - Er malt nun die Stühle, die in meiner Beschreibung grün hiessen, dunkelrot.; wo ich >>gelb<< sagte, malt er blau. - Das ist der Eindruck, den er von diesem Zimmer erhielt. Und nun sage ich: >>Ganz richtig; so sieht es aus.<<

Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen1

Vorwort

Die folgende Arbeit möchte eine neuere Strömung in der Linguistik, die kognitive Linguistik, für die Literaturwissenschaft fruchtbar machen.

Der erste Teil beschäftigt sich zunächst mit epistemologischen Fragen der Sprachwissenschaft, versucht dann, den kognitiven Ansatz in seinen wichtigsten Dimensionen und Begrifflichkeiten zu skizzieren und in einen literaturwissenschaftlichen Diskurs zu integrieren.

Der zweite Teil ist einer exemplarischen Untersuchung am Text, vor diesem neuen Hintergrund, gewidmet.

Das Hauptaugenmerk der Arbeit ist dabei auf die Transparenz des literaturwissenschaftlichen Vorgehens gerichtet.

Herzlicher Dank gebührt: Prof. Dr. Rüdiger Zymner und PD Dr. Hans Ruef - die mir den Anstoss gegeben haben. Hermann Kapferer - der mir die Zeit gegeben hat. Corina Bölsterli, Hans Eisenhut und Herta Eisenhut - die mich am Leben erhalten haben, und Prof. Dr. Harald Fricke - der mir dieses Thema zugetraut hat.

Johannes Eisenhut, Klosters, Jan. 1998.

Teil I: Kognitive Linguistik in der Literaturwissenschaft

1. Einführung in eine kognitive Literaturwissenschaft

Der volle Titel dieser Arbeit lautet "Kognitive Linguistik in der Literaturwissenschaft. Exemplarische Untersuchungen zur Wiederholung in Texten von Peter Handke". Es ist sicherlich nicht die eleganteste Überschrift. Jemand, der das eigene Schreiben als schöpferischen Akt sieht (und dazu neigen die Literaturwissenschafter) würde sich etwas Eleganteres wünschen. Weil der Poetologe oft selber Poet, oder zumindest Selbstdarsteller ist, muss beim Bibiliographieren auch immer mehr über die Sachwortregister gesucht werden. Angesichts von Titeln wie 'Death is the Mother of Beauty'2 müssen wir froh sein um den elektronischen Zettelkatalog. Da diese Arbeit keinen kommerziellen Zwängen unterworfen ist, kann ich sagen: "Der Titel ist unsch ö n, aber er ist zweckm ä ssig, weil er eindeutig formuliert, was im nachfolgenden Text behandelt werden soll."

Ich möchte zu dieser Aussage drei Fragen stellen:

1. Worin besteht die Zweckm ä ssigkeit einer Aussage?
2. Wie kann eine Aussage eindeutiger sein als eine andere?
3. Wie kann Etwas f ü r etwas Anderes Stehen (hier ein Titel für den Text)?

1.1. Argumentatives Spiel

Zunächst muss man übereinkommen, dass alle drei obigen Fragestellungen im Kontext einer Untersuchung, die sich mit Fragen von Literaturwissenschaft und linguistischen Strömungen auseinandersetzt, relevant sind. Sodann kann der Versuch unternommen werden, im Rahmen bisheriger Argumentationsmuster, aus dem Stand Antworten zu entwickeln.

- Eine Aussage sei dann zweckm ä ssig, wenn sie verstanden wird und wenn nach ihr gehandelt wird: Die Frage nach der Zweckm ä ssigkeit einer sprachlichen Aussage impliziert ein Kommunikationsziel, das in einem bestimmten kommunikativen Umfeld möglichst zuverlässig erreicht werden soll. Es kann einerseits das Kommunikationsziel selbst zweckmässig sein, andererseits bestimmt die Wahrscheinlichkeit, nach der eine Aussage von einem oder mehreren Rezipienten verstanden und akzeptiert wird, deren Zweckmässigkeit.

- Eindeutig sei eine Aussage, wenn sie von einem Rezipienten lediglich auf eine Art verstanden werden kann: Das heisst, wenn sie ein und nur ein Kommunikationsziel erreichen kann. Die Frage nach der Eindeutigkeit einer sprachlichen Aussage hat eine situative, eine syntaktische und eine semantische Dimension.

a) Situative Eindeutigkeit bedingt ausreichende Information oder vorausgesetztes, ausreichendes, präkommunikatives3 Wissen über das Verhältnis zwischen der Aussage und dem Kontext, in welchem sie stattfindet (in diesem Fall: "Die Aussage ist der Titel einer wissenschaftlichen Arbeit.").

b) Syntaktische Eindeutigkeit bedingt ausreichende Information über die Struktur der Aussage und ausreichendes Wissen um das daraus resultierende Verhältnis der Begriffe untereinander.

c) Semantische Eindeutigkeit bedingt ausreichende Information oder ausreichendes Wissen über die zu erfassende wichtigste Einzelbedeutung eines verwendeten Begriffs.

Die Aussage als Ganzes wird zunehmend eindeutiger, wenn a) die situative Dimension, b) die syntaktische Dimension und c) die semantische Dimension durch ausreichende Information vor und während des Kommunikationsvorgangs (hier Lesen) einzeln eindeutig sind oder wenn aus ihrem Zusammenwirken Eindeutigkeit hervorgeht.

- Etwas soll f ü r etwas Anderes stehen k ö nnen, wenn ein struktureller oder inhaltlicher Zusammenhang zwischen zwei Texten besteht (es ist 'normal' für einen Titel, dass er einem Text voransteht - strukturell - und auf dessen Inhalt mehr oder weniger Bezug nimmt - inhaltlich): Sprache ist paradigmatisch, indem bereits auf der untersten Ebene ein gegebenes sprachliches Zeichen eine Referenz zu einem gegebenen, aussersprachlichen Sachverhalt herstellt. Das Verhältnis zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem ist dabei arbiträr, das heisst, die Bedeutung ist nicht zwingend im sprachlichen Zeichen selber vorgegeben, sondern durch Zuweisung (arbiträre) durch den Menschen erfolgt. Wenn Sprache auf Sprache verweist, so kann man reden von 'metaphorischer Sprache', von 'Allegorie', von 'Metonymie'. Das vorliegende Titel-Inhalt- Verhältnis ist in diesem Sinne als metonymisches zu verstehen, indem in einer arbiträr konventionalisierten Hierarchie ein Schlagwort auf die darunterliegende, extensive Diskussion verweist.

Doch können diese Aussagen die vorangestellten Fragen wirklich beantworten? Jeder der vollzogenen Argumentationsschritte beschäftigt sich gezwungenermassen mit den weitgehend unverstandenen Begriffen 'bedeuten' und 'verstehen'.

- Zweckmässigkeit bedingt eine relevante Bedeutung einer Aussage und das Verstehen dieser Bedeutung durch einen Adressaten.
- Eindeutigkeit bedingt Mechanismen zur Generation oder Selektion von Bedeutungen und eine bestimmte Wechselwirkung zwischen den Bedeutungen aller bedeutungstragenden Ebenen des sprachlichen Ausdrucks sowohl im Kommunikations-, wie auch im Verstehensprozess.
- "Wie kann Etwas für etwas Anderes stehen?" schliesslich umfasst sowohl die Dimension des Sprach-Welt-Bezugs, als auch die phänomenologische Dimension im Hinblick auf 'Erinnerung' und 'Phantasie' und wird in dieser Arbeit einen wichtigen Patz einnehmen. Wenn man übereinkommt, dass die beiden Vorgänge 'Bedeutung zuweisen' und 'Bedeutung verstehen' die Basis aller Kommunikation darstellen, wird man gleichzeitig zugeben müssen, dass sie im Verhältnis zu ihrer Wichtigkeit im literaturwissenschaftlichen Kontext nur schwach expliziert werden.

1.2. Sprache zwischen Mensch und Welt?

Aus der Überzeugung, dass ausserhalb der Psychologie und Philosophie eine wissenschaftlich korrekte Beschäftigung mit der menschlichen Basis von Bedeutung und Verstehen aus Mangel an greifbaren (objektiv gegebenen) Ansatzpunkten nicht möglich sei, scheint sich über die Zeit die Haltung entwickelt zu haben, dass ein solches Erkenntnisinteresse gar nicht im Gebiet der Literaturwissenschaft angesiedelt ist. Begriffe wie 'meinen', 'verstehen', 'bedeuten' fliessen heute weitgehend unreflektiert in Analysen und Interpretationen ein.

1.2.1. Der 'objektivistische Dreisprung'

Um mit Husserl4 zu sprechen, ist es in der Argumentation einer positiven Wissenschaft möglich, Urteile über die Welt "schlechthin" zu fällen und in der Sprache insbesondere den Weltbezug zu untersuchen, ausgehend von der Normsprache als einer 'eigentlichen' Sprache. Ich benutze das provokative Bild des Dreisprungs, um aufzuzeigen, wo aus der Perspektive des kognitiven Linguisten eine andere Art Stellung zu beziehen, gesucht wird.

- Der 'objektivistische Dreisprung' setzt an bei der Textproduktion. Eine positive Untersuchung kann je nach Erkenntnisinteresse auf historische und sozio-kulturelle Momente eingehen. Darauf folgt der erste Umweg über die 'Black Box' des Denk- und Schreibprozesses.
- Zweiter untersuch-barer Gegenstand ist der geschriebene Text, die autor-gerichtete Textanalyse. Es darf hier strenggenommen jedoch keine Aussage über Intention, oder Bedeutung gemacht werden. Möglich ist an sich nur die Gegenüberstellung von Daten aus dem Textumfeld (siehe oben) mit Daten aus dem Text selbst, ohne Interpretation.
- Nächster greifbarer Ansatzpunkt im Dreisprung ist wieder der Text, diesmal der gelesene. Hier treffen sich Strukturalisten und Logiker mit textimmanenten Ansätzen. Solche Untersuchungen haben zum Teil Instrumentarien entwickelt, aufbauend auf der Dichotomie von Norm und Abweichung, die zur Untersuchung von Bedeutung5 im Sinne einer Semantik des Textes einiges beitragen konnten. Doch auch hier vermisst man Aussagen darüber, wie Norm, respektive die Abweichung im Kontext von 'bedeuten' und 'verstehen' funktionalisiert ist.
- Im Sinne einer positiven Wissenschaft auf das 'Verstehen' ausgerichtet ist die empirische Rezeptionsforschung. Sie kommt aus dem kommunikationswissenschaftlichen Bereich und ist effektorientiert. Sie distanziert sich im allgemeinen bewusst vom Erkenntnisinteresse des 'Warum' eines Effekts auf der Ebene des rezipierenden Subjekts.

Dementsprechend verhält sich neben der Literatur- und Kommunikationswissenschaft auch die Linguistik, die historiographisch zwischen normativen und deskriptiven Diskursen hin und her schlängelt. In jedem Fall blieben ihre Tätigkeiten bisher auf Sprache und das zugrundeliegende Regelwerk beschränkt, die Instanzen von Sprachproduktion und - rezeption als mögliche Erkenntnisquelle weitgehend ausgeklammert. Nun wurde die

Linguistik als erste (sie ist als Basisdisziplin bezüglich der Sprache des Menschen näher an der Psychologie als die Literaturwissenschaft) in den kognitiven Ansatz miteinbezogen. Zunächst geschah dies über die generative Grammatik, die sich in diesem Sinne bereits kognitiv nannte und in den letzten Jahren zunehmend über die holistisch/experientialistische Strömung 'Cognitive Linguistics'.

1.2.2. Der 'pseudo-objektivistische Dreisprung'

Die auffälligsten Ansätze, die zumindest auf eine der beiden Funktionen 'Verstehen' und 'Bedeuten' explizit einzugehen vorgeben, sind die heute eher kritisch betrachteten psychologistischen und biographistischen Positionen. Die Problematik dieser Ansätze möchte ich hier lediglich auf die zwei schwerwiegendsten Mängel reduzieren:

a) Die individualpsychologische, oder -biographische Ausrichtung, welche verhinderte, dass einzelne Erkenntnisse zu universellen Aussagen über Biographie, Psyche und Literatur ausgebaut werden konnten.
b) Die mangelnde Differenzierung der Einflüsse, die bei der Produktion oder Rezeption von Literatur zusammenwirken - i.e. die oft wenig reflektierte kausale Darstellung des Zusammenhangs zwischen postulierten6 psychischen oder biographischen Gegebenheiten um Autor oder Rezipient und der Erarbeitung oder Verarbeitung von Texten als Gewebe von Bedeutung.

Das Interessante dabei ist, dass auch solche Positionen, obschon psychologisch ausgerichtet, weiterhin eine Art Dreisprung vollführen, was die menschlichen Mechanismen zur Produktion und Rezeption von Literatur und Sprache betrifft. Das heisst, sie mögen als Psychologen auf Zusammenhänge zwischen Psyche (des Autors) und Text aufmerksam machen. Es fehlt jedoch auch hier an klaren Konzepten, wie literaturspezifische Filter (Schriftlichkeit, Fiktionalität) und analysespezifische Verzerrungen (Beliebigkeit der Interpretation, je nach Erkenntnisinteresse) zu handhaben sind. Was ich weiter unter dem Schlagwort "pseudo-objektivistischer Dreisprung" verstehe, ist, wenn eine Arbeit zwar zum Teil auf dem Boden objektivistischer Tradition gewachsen ist und doch in ihrer Argumentation diejenigen Erkenntnisse bereits voraussetzt, die die kognitiven Wissen- schaften erst zu erarbeiten versuchen. Ansätze also, die sich auf Grund ihrer epistemo- logischen Herkunft scheuen, sich mit dem Menschen ernsthaft auseinanderzusetzen und in der Ausführung die Grenzen einer solchen Wissenschaftlichkeit laufend überschreiten. In diesem epistemologischen Spannungsfeld stehen von den literaturwissenschaftlichen Positionen vor allem die Hermeneutik, indem sie ohne kognitives Grundwissen 'Intention' und 'Sinn' eines Textes definieren will, die werkimmanente Textinterpretation, welche im Text 'Bedeutung', 'Bezüge', 'Parallelen' und 'Metaphern' diskutieren möchte, sowie rezeptionsästhetische Richtungen, die unter anderem von einem 'Erwartungshorizont' des Lesers ausgehen.

1.3. Plausibilität und Wahrheit

Erkenntnisse in literaturwissenschaftlichen Untersuchungen älteren und neueren Datums besitzen genau diese Qualität: Sie sind plausibel. Was ist jedoch Plausibilität? Vereinfacht kognitiv argumentiert, ist plausibel, was als möglicherweise zutreffende Beobachtung sanktioniert wird. Sanktionierung findet statt, wenn ein Sachverhalt ohne Widersprüche zu generieren, mittels bestehender kognitiver Mechanismen in bestehende kognitive Kategorien eingereiht werden kann und so eine Bedeutung erhält. Plausibilität ist ausserhalb des wissenschaftlichen Diskurses, wo der Begriff meist abwertend eingesetzt wird (wie im Titel: 'Plausibles' im Gegensatz zu 'Nachweisbarem', oder 'Wahrem'), eines der wichtigsten Qualitätskriterien, die eine Aussage erfüllen kann (etwas leuchtet ein). Von der kognitiven Macht der Plausibilität zeugen unter anderem von jeher die politischen Diskurse. Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, dass es im wissenschaftlichen Kontext oft gerade plausible Vermutungen sind, die sich von Untersuchung zu Untersuchung weiterretten und als Zitat Karriere machen.

1.3.1. Kognitive Wahrheit

Die wichtigsten Grundannahmen der kognitiven Linguistik werden bei Geiger/Rudzka-Ostyn7 zusammengetragen und sollen hier zunächst ohne weitere Ausführung in den Raum gestellt werden:

- Als ein Bereich der menschlichen Kognition ist die Sprache eng verbunden mit anderen kognitiven Bereichen, und spiegelt dadurch die Wechselwirkungen von psychologischen, kulturellen, ökologischen und anderen Faktoren [...].
- Linguistische Struktur ist abhängig von der Konzeptualisierung, welche wiederum vom Erleben unseres Selbst, der Welt um uns, und unserer Beziehung zu dieser Welt hervorgebracht wird und beeinflusst diese selbst.
- Sprachliche Einheiten werden kategorisiert, was allgemein die Bildung von prototypisch organisierten Netzwerken verursacht und in verschiedener Hinsicht die Fähigkeiten zur Metapher und Metonymie zwingend voraussetzt.
- Grammatik ist semantisch motiviert.
- Die Bedeutung einer linguistischen Einheit ist eine konzeptuelle Struktur, die mit der linguistischen Einheit verknüpft ist. Der Kern einer solchen Struktur ist die bildhafte (nicht abbildende) mentale Verarbeitung der gegebenen Situation oder der gegebenen Sache [...].
- Aufgrund der Interaktion zwischen den strukturellen Teilbereichen der Sprache, sowie der Interaktion zwischen Sprache und anderen Bereichen der Kognition, müssen verschiedene Theorien der Autonomie, sowie verschiedene Dichotomien in der linguistischen Literatur abgelehnt werden: Weder ist es haltbar, eine strikte Trennung zwischen Syntax, Morphologie und Lexikon zu treffen, noch kann sprachliches Wissen von aussersprachlichem Wissen separiert werden.

Im Hinblick auf die kognitive Wahrheit soll festgehalten werden: Gegeben sei die Welt im objektivistischen Sinne, die strukturiert ist nach bestimmten Gesetzen, welche ausserhalb der menschlichen Kognition liegen. Der kognitive Apparat des Menschen sei in zweifacher Hinsicht in dieser objektiven Welt verankert: Erstens in seinem grundsätzlich physiologischen Wesen und den darauf basierenden Mechanismen, zweitens in der Hinsicht, dass Kategorien des Denkens ontogenetisch aus der Interaktion zwischen kognitivem Apparat und der objektiven Welt hervorgegangen sind. Kognitive Strukturen 'spiegeln' Strukturen der objektiven Welt zwar nicht, sie seien jedoch im Hinblick auf die bestmögliche Funktion innerhalb der objektweltlichen Organisation entstanden.

Alle nicht physikalischen Aspekte von Sprache, insbesondere die Bedeutung, existieren nicht ausserhalb der menschlichen Wahrnehmung.8 Sprache sei das unmittelbare Produkt eines kognitiven Apparats, der in einer Gemeinschaft nach der Notwendigkeit handelt, seine Verhältnisse zur objektiven Welt anderen Mitgliedern dieser Gemeinschaft mitzuteilen. In der ontogenetischen Entwicklung des Individuums in einer bereits von Sprache dominierten Gemeinschaft kann sich Bedeutung weiter von der Objektwelt entfremden, indem sich die ursprüngliche Interaktion zwischen Organismus und Welt zur Interaktion zwischen Organismus und bereits (sprachlich) vermittelter Welt ausweitet. Es wird die sprachlich mitgeteilte Erfahrung zur Erfahrung selbst, das heisst zu einer Scheinbegegnung mit der objektiven Welt.

Wenn nun die Vermittlung von Bedeutung durch Sprache nur im Zusammenhang mit der menschlichen Wahrnehmung als Funktion von Sprache auftreten kann, so ist auch die Wahrheit einer Aussage allein sanktionierbar im Hinblick auf die Mechanismen und Kategorien der kognitiven Apparate, welche die Aussage einerseits generiert haben und andererseits aufnehmen. Ich spreche in diesem Zusammenhang von kognitiver Wahrheit. Eine Aussage steht immer in einem Verh ä ltnis zur objektiven Welt, indem sie nämlich von einem Apparat generiert oder aufgenommen worden ist, der jeweils selber in einem Verh ä ltnis zur objektiven Welt steht. Eine kognitive Wahrheit sei in ihrer Nähe zum Objekt und damit zu einer objektiven Wahrheit jedoch grundsätzlich variabel.

1.3.2. Ein Beispiel

- Wenn die Leiche eines Mörders in die Gerichtsmedizin eingeliefert wird, und der Mediziner nach der Untersuchung, abends zu seiner Frau sagt: "Der Mann war kalt", so ist diese Aussage erstens kognitiv wahr, weil genauso erfahren, und zweitens steht sie in einem engen Verh ä ltnis zu einer messbaren Tatsache in der Objektwelt.
- Wenn die Sergeantin, welche den Mörder in Notwehr erschiessen musste, abends zu ihrem Mann sagt: "Der Mann war kalt, als er auf mich zielte", so ist vorerst unklar, ob diese Aussage kognitiv wahr ist; allein dass der Mann zielte, ist sowohl als kognitive, erfahrene, als auch als objektive Tatsache gegeben. in Bezug auf die Aussage "war kalt"9 jedoch muss über verschiedene Erfahrungen, die ihrerseits in einem engeren Verh ä ltnis zur Objektwelt stehen, erst die kognitive Wahrheit nachvollzogen werden. Aus den bereits einmal registrierten, in einem Verh ä ltnis zu physiologischen Vorgängen stehenden Erfahrungen:10 "Aufregung macht immer warm", und: "Aufregung sieht man einer Person von aussen immer an (z.B. zittern)", wird in der kognitiven Verarbeitung der Erfahrung "Der Mann hat beim Zielen keine Anzeichen von Aufregung gezeigt" der Schluss gezogen, dass er also 'nicht-aufgeregt', und deswegen auch 'nicht-warm' gewesen sei.
- Wenn nun Mörder, wie Gerichtsmediziner, wie Sergeantin fiktive Personen sind, die als Figuren in einem gelesenen Kriminalroman fungieren, so kann von objektiver Wahrheit nurmehr im Sinne von Möglichkeit gesprochen werden. Kognitive Wahrheit kann hingegen beansprucht werden.
- Schliesslich existiere kognitive Wahrheit auch zeitlich und örtlich unabhängig von Erfahrung oder vermittelter Erfahrung. Sie entspringt der Fähigkeit des Menschen, aus dem Erinnerungsschatz an Erfahrungen Prinzipien abzuleiten und Neues zu schöpfen. Auch Phantasie kann kognitiv wahr sein: Wenn ich selbst der Autor des Kriminalromans bin, so formuliere ich, abgesehen von poetologischen und fiktionalen Filtern, kognitive Wahrheiten (auch wenn ich den Beruf des Inspektors im Verhältnis zu seiner 'eigentlichen' Tätigkeit nur unzutreffend idealisiert weitergebe).

1.4. Menschliches Erleben zwischen Welt und Sprache

In diesem Sinn sei die Literaturwissenschaft eine Humanwissenschaft in einem interdisziplinären Kontext, aufbauend auf dem menschlichen Erleben als vermittelnde Instanz:

- Erleben und Agieren in der Zeit bestimmen wechselwirkend das Verhältnis des Menschen zur Welt.
- Bedeuten und Verstehen bestimmen wechselwirkend das Verhältnis des Menschen zu seinem Erleben und Agieren.

Die kognitiven Ansätze entwickeln sich aus ihrem psychologischen und philosophischen Kern heraus in verschiedene Richtungen. Eine ihrer wichtigsten Säulen ist die Sprache. Der kognitive Ansatz fragt: "Was können wir von der Sprache als qualitativ und quantitativ wichtigstem Ausdruck des Menschen über dessen Kognition lernen?"

Nachdem die kognitive Linguistik nun schon an die zwanzig Jahre diese Frage gestellt und Antworten gesammelt hat, stellt sich hier die Gegenfrage aus der Perspektive des Literaturwissenschafters: "Davon ausgehend, dass Literatur grundsätzlich einen Spezialfall von Sprache darstellt: Was können wir von den Erkenntnissen der kognitiven Linguistik über den Status und die Funktionsweise von Literatur lernen?" Die skizzierte Arbeit ist in dreifacher Hinsicht eine Gewagte:

1. Interdisziplinarität ist an sich ein Wagnis, da zwei Forschungsbereiche mit unterschiedlicher Tradition verschmolzen werden sollen. Im Falle dieser Arbeit geschieht dies gleich zweifach, indem bereits die kognitive Linguistik, explizit interdisziplinär ist (angesiedelt zwischen psychologischen, anthropologischen und linguistischen Diskursen) und indem die Arbeit selbst die kognitive Linguistik mit der Literaturwissenschaft, zusammenbringen will.
2. Die kognitive Linguistik ist eine junge, kontroverse und in einigen Teilen noch nicht ausgereifte Position. Es stellt sich die Frage: "Ist das Risiko einer falschen Interpretation und Gewichtung der ursprünglichen Erkenntnisse noch tragbar, wenn der Linguist dem Psychologen und der Literaturwissenschafter dem Linguisten über die Schulter schaut und sich jeder nur merkt, was ihm für die eigene Arbeit gerade nützlich erscheint?"
3. In der exemplarischen Untersuchung im zweiten Teil, soll schliesslich diese Position, die aus der interdisziplinären Weiterentwicklung dieses noch jungen Bereichs entsteht, auf neuere Texte Peter Handkes angewendet werden. Der Kontroverse wird nicht ausgewichen werden können.

1.5. Richtige Intuitionen - mögliche Modularität

In Kenntnis der Gefahren, die zugleich Chancen sind, und im Willen, dass der kognitive Ansatz in der Literaturwissenschaft mehr werde als ein kurioser epistemologischer Schnellschuss, hier das Bekenntnis zur Modularität: Wenn auch an der Basis des Nachdenkens über Literatur ein Paradigmawechsel (um das Wort auch einmal zu gebrauchen) zum Kognitiven hin propagiert wird, so impliziert diese Veränderung nicht zwingend die Revision bestehender Erkenntnisse der Literaturwissenschaft. Gerade weil Literaturwissenschaft von Menschen betrieben wird, die im allgemeinen ein enges Verhältnis zur Sprache haben, ist das mangelnde Grundverständnis kognitiver Abläufe in bisherigen Interpretationen durch richtige intuitive Annahmen über Bedeutung und das Verstehen von Sprache überbrückt worden.

Das heisst nichts anderes, als dass jeder Interpretationsvorgang von sich aus eine kognitive Wahrheit anstrebt, ob sie nun vom Forscher als hinter dem Text liegende Intentionen konzeptualisiert ist, als dem Text selbst innewohnende funktionalisierte Strukturen und Mechanismen, oder als jeweils zu rekonstruierender Sinn auf Seite des Rezipienten. Der/die über Literatur spricht und schreibt ist am Ende immer ein Mensch, und als solcher interpretiert sie/er mit einer Methode, die einleuchtend oder verschwommen, zeitgemäss oder verstaubt sein kann, intuitiv richtig.11 Mangels theoretischer Grundlage (keiner spricht in der Literaturwissenschaft offen über sich selbst als Leser) ist es kaum möglich, neben der Problematik auch das Potential dieser Konstellation stringent zu argumentieren. Der nächste Schritt einer durch Intuition verunsicherten Disziplin12 müsste es doch sein, die Intuition zu systematisieren. Dazu möchte der kognitive Ansatz die Basis liefern.

2. Modelle der kognitiven Linguistik

Kognitive Linguistik ist primär eine bestimmte Art, über Sprache nachzudenken. Zur Relativierung der vielfältigen Mystifikation des 'kognitiven Zeitalters' und des 'kognitiven Paradigmas' in der Forschung, und als Antwort auf die Streitfrage: "Sind diese Überlegungen wirklich neu?", lässt sich folgendes festhalten:

- Der Begriff 'Kognition' ist äusserst weitreichend, bestenfalls zu umschreiben mit 'was im Kopf an Strukturen vorhanden ist und was in diesen Strukturen abläuft'. Damit positionieren sich die verschiedenen kognitiven Ansätze und Forschungsrichtungen, welche die letzten zwanzig Jahre hervorgebracht haben, geradewegs im epistemologischen Zentrum der Humanwissenschaften, von der Neurophysiologie über Psychologie, Anthropologie und Ethnologie bis hin zur Philosophie, Sprachphilosophie und der Linguistik (samt ihrer weniger 'humanen', jüngsten Schwester 'Artificial Intelligence').
- Eine Wissenschaft ist im allgemeinen bestimmt durch ihren zeitlichen und örtlichen
Ausgangspunkt, ihr Erkenntnisinteresse und eine dynamische Entwicklung in der Zeit, in welcher sich Erkenntnisse und Erkenntnisinteressen gegenseitig beeinflussen. Der Ausgangspunkt der kognitiven Linguistik findet sich dabei zu Beginn der siebziger Jahre in der Psychologie, bei Eleanor Rosch.13 Das übergeordnete Erkenntnisinteresse: Aussagen zu treffen über die Kategorisierung der Umwelt durch die menschliche Kognition. Eine fundamentale Erkenntnis, die dabei gemacht wird: Sprache sei ein herausragendes Mittel, zu weiteren Erkenntnissen über die Kognition des Menschen zu gelangen. In der Folge engagierten sich verschiedene anglo-amerikanische und niederländische Linguisten (vor allem um Ronald W. Langacker, George Lakoff und Dirk Geeraerts) für ein kognitives Verständnis von Sprache, welches grundsätzlich von jenem der generativen Grammatik abwich.14 Das Verhältnis von Kognition und Sprache wurde durch das wechselseitige Erkenntnisinteresse von Psychologie und Linguistik besonders fruchtbar gemacht: Erkenntnisse, welche die Psychologie mittels der Sprache über die Kognition macht, verhelfen der Linguistik wiederum zu Erkenntnissen auf der Ebene der Sprache und umgekehrt.
- Dort wo die kognitive Linguistik naheliegenderweise neben dem Psychologischen auch am sprachphilosophischen Diskurs teilnimmt, muss jedoch die 'Neuheit' der Ansätze und Erkenntnisse relativiert werden. Der Bezug zu den philosophischen Ausführungen Wittgensteins15 wird in Arbeiten zur kognitiven Linguistik zuverlässig aufgezeigt. Seltener findet auch eine weitergehende Akkreditierung kognitiven Gedankenguts in der Philosophie statt, so in den phänomenologischen Schriften von Merleau-Ponty16 und Husserl.17
- Aber auch von einer ganz anderen Seite wird die Neuartigkeit der Erkenntnisse der kognitiven Linguistik in Frage gestellt: vom Leser selbst. Auch ein Nicht-Wissenschafter oder ein Anderswo-Wissenschafter, der sich mit dem Thema kognitive Linguistik auseinandersetzt, wird hier möglicherweise eigene Intuitionen und Überlegungen als Mensch wiederentdecken. In vielerlei Hinsicht benimmt sich die kognitive Linguistik als Tabubrecherin im Sinne von: "Was Sie schon immer über sich selbst wussten, aber nie zu analysieren wagten."18
- Kognitive Literaturwissenschaft - ein mögliches Unternehmen? Die kognitive Linguistik hat in kurzer Zeit einiges an Arbeiten zustandegebracht, dabei Modelle entwickelt und Erkenntnisse festgehalten. Vorteil und Nachteil der kognitiven Linguistik ist ihre Interdisziplinarität: Vorteil - die ungeheure gegenseitige Befruchtung der einzelnen Zweige; Nachteil - sie zwingt die Forscher, den festen Boden ihres Fachgebietes zu verlassen und sich (wie ich hier) zum Teil als Tourist disziplinübergreifend an ein 'allen gemeinsames Ziel' heranzutappen.

2.1. Kategorisierung

Dass die kognitive Linguistik nicht eine Richtung der Sprachphilosophie im Sinne von Husserls Erkenntnistheorie geblieben ist, sondern dabei ist, sich zu einem Forschungszweig zu entwickeln, der in Konkurrenz zur traditionellen wie zur generativen Grammatik tritt, ist einigen Personen und den von ihnen entwickelten Prinzipien und Modellen zu verdanken. Auf sie baut die weitere Forschung auf.

Weiter vorne wurde bereits beschrieben, wie die Initialzündung für die kognitive Linguistik von neuen Arbeiten in der Psychologie, insbesondere von Rosch19 aus erfolgte. Ihr Augenmerk lag auf der Menschlichen Fähigkeit zur Kategorisierung. Kategorisierung heisst: Der Mensch, sowohl in der Interaktion mit seiner Umgebung, als auch in der Interaktion mit sich selbst, benutzt Kategorien, in die er Erfahrungen aus der Interaktion mit der Objektwelt einordnet.20 Diese Fähigkeit wird bereits auf der Ebene motorischen Handelns wirksam, wenn einmal erlernte Fähigkeiten (wie zum Beispiel Fahrradfahren) auf unterschiedliche Instanzen der Objektwelt übertragen werden (wenn ich mir Ihr Fahrrad ausleihe, welches eine andere Rahmengeometrie und Klickpedalen hat). Der Mensch erarbeitet sich bereits auf dieser Ebene Fähigkeiten im Hinblick auf bestimmte Kategorien von Dingen. Für die Sprachfähigkeit des Menschen wird die Relevanz kognitiver Kategorisierungsfunktionen noch dringlicher: Selbst der Saussuresche Bezug zwischen Signifiant und Signifié setzt sie voraus, wenn 'Baum' nicht nur zu einem einzigen physischen Exemplar Referenz herstellen soll. Rosch hält jedoch fest, dass Kategorien gerade in der Nachfolge von Aristoteles bis hin zur heutigen Merkmalssemantik zu lange als digitale, logisch durch bestimmte Kriterien abgegrenzte Einheiten betrachtet wurden.21 Wittgenstein wird zugestanden, mit seinen Überlegungen zur Familienähnlichkeit22 als erster auf die Risse in diesem klassischen Verständnis von Kategorien aufmerksam gemacht zu haben.

2.1.1. Prototypikalität

Wenn das klassische Verständnis von Kategorien im Sinne der Merkmalssemantik konsequent zu Ende gedacht wird, so impliziert es die Anerkennung einer digitalen Zugehörigkeit, respektive Nicht-Zugehörigkeit von einer Instanz zu einer bestimmten Kategorie. Daraus resultiert eine Gleichrangigkeit unter den Elementen dieser Kategorie. Anders ausgedrückt: Wenn ein Set von zwingenden Merkmalen angenommen wird, die Instanzen aufweisen müssen, um Teil einer Kategorie zu sein, so liefert das Modell kein Kriterium, für eine Kategorie zentrale und weniger zentrale Instanzen zu beschreiben. Roschs empirische Untersuchungen haben zeigen können, dass Kategorien in der Regel asymmetrisch strukturiert sind, dass der Mensch bessere und schlechtere Beispiele für eine Kategorie definieren kann. Daraus entwickelte sie die Prototypentheorie.23

Prototypikalität besagt, dass innerhalb einer jeden Kategorie ein tendenziell dominierendes 'bestes Beispiel' erwähnt wird. Rosch konnte dies durch unterschiedlich angelegte Experimente nachweisen, bei denen sich sowohl rezeptiv (Reaktionszeit beim Zuordnen von Instanzen zu Kategorien), wie auch produktiv (produzieren einer Liste von Beispielen zu einer gegebenen Kategorie) gewisse hierarchische Strukturen herauskristallisierten. Charakteristisch für den kognitiven Ansatz ist in diesem Zusammenhang die subsequente Abkehr von der Objektwelt als Korpus, der allein die Merkmale zur Bildung von Kategorien liefern soll. Die Kategorie wird aus der Domäne der Objektwelt entfernt, und Kategoriezugehörigkeit wird definiert als Eigenschaft die nicht in der Sache selbst, sondern in der Perzeption der Sache durch den kognitiven Apparat verankert ist.

2.1.2. Objektive versus kognitive Kategorien

Die Frage, ob objektive Kategorien ausserhalb der menschlichen Wahrnehmung und ausserhalb von Konventionen existieren, kann aus kognitiver Sicht nicht beantwortet werden. Also soll anlehnend an die Argumentation der kognitiven Wahrheit davon ausgegangen werden, dass kognitive wie objektive Kategorien in einem bestimmten Abhängigkeitsverhältnis existieren:

- Es sei möglich, dass objektive Kategorien unabhängig von den kategorisierenden Wesen existieren. Diese Kategorien seien begründet durch bestimmte gemeinsame Merkmale aller ihrer Elemente. Eine solche Kategorie können möglicherweise die Säugetiere sein.24
- Kognitive Kategorien entstehen, indem das Wesen, welches kategorisiert, Informationen aus seiner Umwelt verarbeitet.
- Aus diesem Grund stimmen sogenannt objektive Kategorien nicht zwingend mit kognitiven (verarbeiteten, erfahrenen) Kategorien überein. Um das obige Beispiel der Tierklassifikation zu bemühen: Die kognitive Kategorie 'Fisch' wird solange den Delphin und den Wal(fisch) mit umfassen bis die 'objektive' Information verarbeitet wird, dass Fische Kiemen haben müssen, um zur Kategorie 'Fisch' zu zählen.
- Wenn denn objektive und kognitive Kategorien existieren, so ist die folgende Beziehung zwischen ihnen anzunehmen: Sofern die objektiven Merkmale einer Sache sinnlich erfahren werden, beeinflussen sie die deren kognitive Repräsentation und damit deren Kategorisierung. Objektive Merkmale der Sache, die nicht erfahren werden, bleiben in der kognitiven Repräsentation und damit in der Kategorisierung der Sache unberücksichtigt.
- Der Delphin soll noch einmal zur Explikation zur Verfügung stehen: Primär erfahrbare, objektive Merkmale wie 'Flossen', 'glänzende Oberfläche' und 'lebt im Wasser' bestimmen zu einem wichtigen Teil die Repräsentation 'Delphin'. Seine Art, die Muskeln mit Sauerstoff zu versorgen bleibt, solange nicht erfahren, in der Repräsentation unberücksichtigt. Der 'Delphin' fällt möglicherweise an zentraler Stelle in die kognitive Kategorie 'Fisch' (zentraler jedenfalls als z.B. ein Stachelrochen). Erst in dem Moment, wo die objektiven Merkmale 'atmet wie wir', 'trägt die Heckflosse horizontal', 'hat ein Luftloch statt Kiemen' zwingend in Erfahrung gebracht werden, findet eine Revision der Kategorisierung von 'Delphin' statt.25

2.2. Basic Level

Prototypikalität als Strukturprinzip der menschlichen Kognition erhält eine zusätzliche Dimension im Zusammenhang mit dem ebenfalls von Rosch geprägten Begriff des basic level. Der basic level ist beschreibbar als 'in der Kognition ausgezeichnete Ebene der Abstraktion' oder als 'mittlere Ebene der Konzeptualisierung'.26 Das heisst, dass eine bestimmte Ebene der Kategorisierung von Welt, in der Kognition eine bevorzugte Stellung einnimmt, weil sie qualitativ wie quantitativ erfahrbarer ist als sowohl spezifischere, wie auch als generellere Ebenen der Kategorisierung. Prominentes Beispiel ist das der Kategorisierung von Früchten und Möbelstücken:27

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die folgenden Umstände motivieren die Herausbildung eines basic levels unter den verschiedenen Ebenen der Kategorisierung:

- Gestalthaftigkeit: "Die Grundebene (basic level) ist die abstrakteste Ebene der Kategorisierung, auf der die Elemente der Kategorie noch wahrnehmbare Ähnlichkeiten in der äusseren Form oder Gesamtgestalt aufweisen."28 Der Schritt vom basic level zum superordinate level ist bezüglich der Wahrnehmung darin charakterisiert, dass auf dem basic level die Elemente einer Kategorie noch gewisse Ähnlichkeiten in ihrer äusseren Gestalt aufweisen, die auf dem superordinate Level nicht mehr gegeben sind. In Roschs Experimenten kristallisiert sich der basic level als diejenige Ebene heraus, "auf der

Versuchspersonen am schnellsten Instanzen einer Kategorie identifizieren und auf der noch ein einzelnes mentales Vorstellungsbild die ganze Kategorie widerspiegeln kann".29

- Kinästhetische Einheit: "Die Grundebene ist die höchste Ebene der Abstraktion, auf der Menschen ähnliche Bewegungsabläufe oder Bewegungsschemata gebrauchen, wenn sie mit den basic level Gegenständen interagieren."30 Analog zur perzipierten Gestalthaftigkeit kann man von einer kinästhetischen 'Gestalt' innerhalb einer Kategorie reden. Während in der basic level Kategorie 'Stuhl' noch eine kinästhetische Einheit in den Bewegungsabläufen mit den Elementen der Kategorie gegeben ist ('sich setzen'), so kann auf der Ebene 'Möbel' die gemeinsame Ebene der Interaktion allenfalls mit 'wohnen' umschrieben werden, welches jedoch kinästhetisch unterschiedliche Aktivitäten wie 'liegen', 'essen', etc. umfasst.
- Grösstmögliche innere Kohärenz und äussere Abgrenzung gegenüber grösstmöglicher Effizienz: Über Gestalthaftigkeit und kinästhetische Einheit als Gradmesser für die innere Kohärenz einer Kategorie und die Klarheit ihrer Abgrenzung nach aussen, wird der basic level auf einem bestimmten Abstraktionsgrad nach oben festgehalten. Dieses Modell hier weiterentwickelnd ist anzunehmen, dass gerade diese beiden Bedingungen besser erfüllt wären, je spezifischer die gewählte Kategorie ist. Auf der anderen Seite jedoch müsste die menschliche Kognition an der höchstmöglichen Ebene von Abstraktion interessiert sein: Die Kategorisierung ist ein wesentliches Mittel zur Verfolgung zweier kognitiver Ziele, erstens des Herstellens von Bedeutung, zweitens der Reduktion von Komplexität. Eine spezifische Kategorie wie 'Schaukelstuhl' vermag Weltkomplexität nur schwach zu reduzieren. Schon wirkungsvoller ist hier die basic level Kategorie 'Stuhl'. Noch wirkungsvoller wäre die Reduktion zur Kategorie 'Möbel', doch die erstgenannten Faktoren entwickeln hier ihre Stärke. Zusammenfassend: Der basic level von Kategorisierung sei dort, wo die Kohärenz innerhalb einer Kategorie, die Abgrenzung gegenüber anderen Kategorien und die Effizienz einer Kategorie im Hinblick auf die Reduktion von Komplexität optimiert werden.

2.3. Holismus und Experientialismus

In Abgrenzung zur generativen Grammatik, die von einer angeborenen Universalgrammatik ausgeht, argumentiert die kognitive Linguistik ausschliesslich experientiell. Diese Abgrenzung wird dadurch verstärkt, dass ihr Hauptinteresse im Bereich der Semantik liegt, die nach generativem Verständnis in der Kognition von der Syntax und damit von der Universalgrammatik getrennt angesiedelt ist. Die sogenannte holistische Richtung der kognitiven Linguistik, die hier beschrieben wird, nimmt dazu jedoch eine fundamental andere Position ein:

- Bedeutung existiere weder in der objektiven Welt der Dinge, noch existiere sie im Kopf des Menschen bei seiner Geburt.
- Syntax sei intrinsisch symbolisch. Syntax strukturiert, rhythmisiert, schafft Verhältnisse und Bedingungen und trägt somit Bedeutung.
- Bedeutung sei allein experientiell begründet.31
- Damit sei auch Sprache, inklusive Syntax, allein experientiell begründet.
- Abstraktes und logisches Denken (die Ratio!) sei allein experientiell begründet.
- Angeboren seien allein die physiologischen Voraussetzungen zur Verarbeitung von Welt im obigen Sinn.

Die holistische Sichtweise auf kognitive Verarbeitungsprozesse impliziert, dass Sprache untrennbar mit anderen kognitiven Kapazitäten und Leistungen verbunden ist. Syntax als ein autonomes Regelsystem, wie es die generativen Grammatiker propagieren, wird abgelehnt, statt dessen wird die Syntax als Teil des symbolischen Inventars von Sprache gesehen. Die Sprache besteht damit auf der Makroebene nurmehr aus zwei unterscheidbaren Strukturen: Der physikalisch-phonologischen Struktur und der semantischen Struktur.

2.4. Idealized Cognitive Model (ICM)

Eine grundlegende Frage der kognitiven Wissenschaften, deren Beantwortung erst nach und nach möglich sein wird, lautet: Wie werden Erfahrungen in der Kognition repräsentiert? Babuts beschreibt die Neurophysiologie die Reaktion des Gehirns auf Stimuli von aussen mit dem Begriff 'firing patterns'.32 Dies ist eine Verbildlichung davon, wie die Verarbeitung eines bestimmten Stimulus ein bestimmtes Schema von Erregungszuständen im Gehirn auslöst. Es ist die Haltung, dass wiederholte, ähnliche Stimuli im Rahmen des selben Mechanismus auch auf 'recognition patterns' treffen, und die Schemata durch die wiederholte Erfahrung einerseits prominenter, andererseits differenzierter werden. Von solchen Erkenntnissen ausgehend muss nun die kognitive Linguistik Modelle konstruieren, die im Rahmen ihres spezifischeren Erkenntnisinteresses erklärend wirken können. Ein solches Modell, das zwischen neurophysiologischen Gegebenheiten und dem Nachdenken über Kognition und Sprache einen Bogen spannt, ist das 'Idealized Cognitive Model', oder 'ICM'.

Das ICM steht bei Lakoff an zentraler Stelle. Er stellt die These auf, dass das gesamte Wissen des Menschen via solche Strukturen organisiert sei, und dass sowohl die Fähigkeit zur Kategorisierung an sich, wie auch die Rolle der Prototypikalität innerhalb der Kategorisierung, Nebenprodukte ebendieser Organisation darstellen.33 Somit stellt das ICM für Lakoff die relevanteste kognitive Einheit dar. Zwei strukturelle Aspekte und zwei funktionale Prinzipien vermögen das 'Wesen' eines ICM zu charakterisieren.

2.4.1. Propositionale Struktur

Lakoffs prominentestes Beispiel ist in diesem Zusammenhang die Kategorie 'Bachelor' (Junggeselle)34: Um festzustellen, ob und vor allem wie eine Einheit (zum Beispiel der Papst) dieser Kategorie zugehört, müssen Hintergrundannahmen über beide Instanzen verglichen werden. In diesem Hintergrundwissen konstituiert sich die propositionale Struktur des ICMs. In diesem Beispiel werden konkret zwei ICMs miteinander verglichen: - einerseits die Kategorie 'Bachelor', deren ICM strukturiert ist über propositionales Wissen um den Zustand des Nicht-Verheiratet-Seins und eingebettet ist in ein Netzwerk von weiteren ICMs, die ihrerseits Propositionen darüber beinhalten, was alles mit 'Heirat' bzw. mit 'alleine leben' zusammenhängt - andererseits die Einheit 'Papst', deren ICM propositionales Wissen beinhaltet über den Papst selbst und eingebettet ist in ein Netzwerk von ICMs wie die von 'Religion', 'Zölibat', 'Vatikan'. Lakoff weist darauf hin, dass 'Bachelor' zwar eine finite Kategorie sei, die im Sinne von zwingenden Merkmalen über Kategoriezugehörigkeit strukturiert ist (also eine Kategorie, wie sie auch von einem Merkmalssemantiker beschrieben werden kann), dass jedoch Aussagen über die Qualität der Zugehörigkeit beziehungsweise über eine allfällige prototypische Struktur der Kategorie nur über ICMs stattfinden kann. In diesem Beispiel erfüllt der Papst sämtliche Bedingungen der Kategorie 'Bachelor', indem er ein erwachsener Mann ist, der nie verheiratet war und nicht verheiratet ist. Die propositionale Struktur des ICMs 'Papst' weicht jedoch in vielerlei Hinsicht vom ICM 'Bachelor' ab: Zu den zwar nicht zwingenden, aber doch die Positionierung einer Einheit innerhalb der Kategorie 'Bachelor' bestimmenden Propositionen gehören 'alleine leben' und 'Freiheit geniessen'35. Ein prototypischer Fall der Kategorie 'Bachelor' lebt heutzutage wahrscheinlich in der Stadt, arbeitet lange, hat viele Frauenbekanntschaften und isst aus der Mikrowelle.36 Dagegen steht das ICM 'Papst' mit Propositionen wie 'Enthaltsamkeit' und 'Leben unter Würdenträgern im Vatikan' wahrscheinlich als durch und durch untypischer Fall am Rande der Kategorie.

2.4.2. Bildschematische Struktur

Die bildschematische Struktur37 eines ICM setzt sich zusammen aus Aspekten der Gestalt und kinästhetischen Aspekten. Wie schon die propositionale Struktur des ICM einerseits das ICM selbst definiert und andererseits die 'Knoten' liefert, über welche ICMs sich zu Netzwerken formen, so erfüllt auch die bildschematische Struktur ihre Funktion nach innen wie nach aussen in Bezug auf andere ICMs. Das ICM 'Stuhl' lässt sich in seiner Gestalthaftigkeit auf eine bestimmte Struktur reduzieren: Lehne, Sitzfläche, Stuhlbeine - von oben nach unten. Die kinästhetische Struktur wird bestimmt durch die Bewegungen, die experientiell mit diesem ICM in Zusammenhang gebracht werden können. Die bildschematische Struktur des ICMs 'Stuhl' ist demnach grob strukturiert durch 'Sitzfläche in gewisser Höhe mit Rückenlehne' und 'sitzen'.38 Auch die bildschematische Struktur eines ICMs ist im Zusammenhang mit Erkenntnissen über die prototypische Organisation von Kategorien, die den zentralen Fortschritt der kognitiven Semantik gegenüber der traditionellen Merkmalssemantik darstellen, bedeutsam.39 Wieder rückgreifend auf das Phänomen des basic level, das als ideale oder prototypische Wahrnehmungsstufe beschrieben wurde, kann vermutet werden, dass auch eine bestimmte senso-motorische Intensität oder Repetitivität die Implementation einer Erfahrungseinheit auf dem basic level verursachen kann.40

2.4.3. Prinzip der metaphorischen Projektion

Die metaphorische Projektion41 ('metaphoric mapping') ist eines der Hauptprinzipien, die die Möglichkeiten der Interaktion zwischen ICMs beschreiben. Wenn ich zuvor über die 'Einbettung von ICMs in Netzwerke' gesprochen habe oder davon, dass ein ICM 'Papst' mit einem ICM 'Bachelor' 'verglichen' wird, so beruhen beide Vorgänge auf diesem Prinzip. Lakoff/Turner beschreiben den Vorgang als Vergleich der Korrespondenzen zwischen zwei konzeptionellen domains42. Metaphorische Projektion als das Herstellen von Korrespondenzen zwischen ICMs stellt für den Kognitivisten die funktionale Grundlage sowohl für die kognitive Organisation von Wissen, wie auch für die Generation von Bedeutung schlechthin dar: Jede neue Erfahrung wird in all ihren bildschematischen und propositionalen Aspekten aufgenommen, und über 'mapping' als ICM in bestehende Netzwerke integriert, d.h. es werden Korrespondenzen zu bestehendem Wissen gesucht, welche die Kategorisierung der neuen Erfahrung bestimmen sollen. Innerhalb solcher kategorieller Strukturen erhält diese Erfahrung, bedingt durch ihre intrinsische Wertigkeit und über mapping in Abgrenzung zu anderen Erfahrungseinheiten, ihre Bedeutung.43

2.4.4. Prinzip der Metonymischen Projektion

Die Metonymische Projektion ('metonymic mapping') verfährt ebenfalls nach dem nunmehr bekannten Prinzip des 'mapping', stellt es jedoch in einen spezifischeren Kontext. Metonymische Projektion bedeutet essentiell, dass ein herausragendes Element einer kognitiven Kategorie, oder eine Subkategorie für die Gesamtheit der Kategorie selbst stehen kann. Lakoff weist darauf hin, dass Metonymie für Sprache und Kognition weit grundlegender ist, als nur ein stilistisches Merkmal, wie sie bisher als 'pars pro toto', 'Synekdoche', oder selbst unter der Bezeichnung 'Metonymie' ein beschränktes Dasein als 'Figur' gefristet hat44. Die für Lakoff typische Argumentation beginnt zunächst bei der gesprochenen/- geschriebenen Sprache, wo er anhand von Beispielen die Vertrautheit der Metonymie in sprachlichen Äusserungen vor Augen führt.

Erfahrungen zu kategorisieren und damit einerseits Bedeutung aufzubauen und Wissen zu organisieren.

"Das Bundesamt für Statistik liess heute verlauten, dass 1995 jeder fünfte Germanist nicht arbeitslos war", wäre ein solches Beispiel. Das Bundesamt steht metonymisch für die Leute, welche die Statistik in Auftrag gegeben haben. Doch Lakoff steckt die Bedeutung der Metonymie weiter ab.45 Die Frage: "Wie bist Du zur Party hingekommen?", verlangt als Antwort im Grunde ein detailliertes ICM, welches gewisse propositionale Voraussetzungen festhält (etwa eine geographische Distanz, den Besitz eines Fahrzeugs etc.) und eine bildschematische Handlung (fahren, gehen, etc.). Jedoch wird die konkrete Frage meist vereinfachend über verschiedenartige Metonymien beantwortet werden: "Ich bin gefahren." - Hier steht die bildschematische Handlung für das gesamte ICM. - Oder: "Ich habe den Wagen meines Bruders ausgeliehen." - Hier steht eine der propositionalen Voraussetzungen für das gesamte ICM. Eine gewichtige Rolle spielt die Metonymie auch im Zusammenhang mit Prototypikalität: Indem ein Element für eine Kategorie stehen kann, nimmt es eine besondere Stellung innerhalb einer Kategorie ein. Lakoff zählt Instanzen verschiedener metonymischer Verhältnisse auf,46 welche im Alltagsgebrauch zu Erscheinungen von Prototypikalität führen können:

- Soziale Stereotypen: Sie definieren vereinfachte kulturelle Erwartungshaltungen, die im Normalfall als solche bewusst verwendet werden. Sie sind tendenziell negativ besetzt, das heisst sie sind mit gewissen bildschematischen und/oder propositionalen Aspekten des ICMs ihrer Kategorie verknüpft, die innerhalb der Sozietät im allgemeinen unerwünscht sind, auf Ablehnung stossen. Beispiele: Das 'dumme Blondchen' metonymisch-stereotypisch für die Kategorie blonder Frauen, der 'dickbäuchige Kapitalist' als metonymischer Stereotyp für die Kategorie der Geschäftsmänner, aber auch 'faule Südländer', 'geizige Schotten', 'gefährliche Schwarze' und 'kleine Appenzeller' sind metonymisch verwendete Stereotypen für ihre jeweiligen Kategorien.
- Ideale: Auch sie definieren vereinfachte kulturelle Erwartungshaltungen, die bewusst verwendet werden. Im Gegensatz zu sozialen Stereotypen stehen Ideale jedoch in einem Netz wünschenswerter Propositionen und Bildschemata: 'Traumfrau' (die ja auch blond sein mag), 'Topmanager', und entsprechend der 'temperamentvolle Südländer', der 'athletische Schwarze', der 'zuverlässige Deutsche' etc. fallen unter die Ideale.47
- Typische Beispiele: Im Gegensatz zu Stereotypen und Idealen, sind diese Elemente innerhalb einer Kategorie48 mit keinem anderen Wert besetzt, als dass sie von kompetenten Sprechern für die Kategorie als 'typisch' empfunden werden. Diese Charakterisierung geschieht grundsätzlich unbewusst und automatisch. Die Existenz einer asymmetrischen Struktur vom typischen zum Nicht-Typischen innerhalb einer Kategorie hat Implikationen bis hinunter auf die Ebene der 'menschlichen Logik': Indem Wissen über eine Kategorie sich im Typischen Beispiel tendenziell ballt, wird dadurch auch der gedankliche Umgang mit Elementen dieser Kategorie beeinflusst. Lakoff erwähnt eine Studie von Rips49, in welcher festgestellt wurde, dass das Rotkehlchen ein typisches Beispiel für die Kategorie 'Vogel' darstellt. In weiterführenden Befragungen kristallisierte sich heraus, dass das Szenario, eine Krankheit breite sich von Rotkehlchen auf Enten aus, als wesentlich wahrscheinlicher erachtet wurde, als der umgekehrte Fall, dass sich eine Krankheit von Enten auf Rotkehlchen ausbreite. Unter anderem daraus schliesst Lakoff, dass es für uns normal ist, Schlüsse von Typischen zu Nicht-Typischen Elementen einer Kategorie zu ziehen, und nicht umgekehrt.50
- Auffällige Beispiele: Ein weiteres interessantes Phänomen, was die rationalen Fähigkeiten bzw. Unzulänglichkeiten des Menschen betrifft, stellen die sogenannten 'salient examples'51 dar. Auffällige Beispiele einer Kategorie tendieren dazu, prototypischen Status ganz im Sinne eines typischen Beispiels einzunehmen und damit die Urteilskraft des Menschen zu beeinflussen. Das heisst: Wenn ein Element einer Kategorie durch bestimmte Umstände unsere Aufmerksamkeit erregt hat, werden wir geneigt sein, andere Elemente derselben Kategorie mit dem Wissen zu kontaminieren, das wir über das auffällige Beispiel akquiriert haben. Dies kann zu Fehleinschätzungen führen, wie im hypothetischen Fall, dass ich von einem bestimmten Hund gebissen werde, und subsequent eine Angst vor Hunden allgemein entwickle.52
- Generatoren: Von Generatoren kann die Rede sein, wenn gewisse Elemente einer Kategorie die Grundlage liefern, auf welcher andere Elemente überhaupt erst verstanden werden können. Bisher sind wir davon ausgegangen, dass das Aufnehmen von Elementen in eine Kategorie direkt über die Erfahrung erfolgt. Nun werden sehr oft (so beim Lernen in der Schule) neue Inhalte lediglich vermittelt. In vielen Fällen wird in diesem Vermittlungsprozess so verfahren, dass ein neues Element als Funktion eines bereits bekannten Elements eingebracht wird ("Asien ist in unserem Osten und Amerika im Westen"). Insofern kann ein bereits erfahrenes Element zum Generator werden, und damit metonymisch für die Kategorie zu stehen kommen ("Unsere Heimat ist der Mittelpunkt der Welt"). Lakoff wählt zur Exemplifizierung erneut den Bereich der Zahlen: Nur über die natürlichen Zahlen könnten Phänomene wie rationale Zahlen überhaupt verstanden werden. Entsprechend liefern auch die 'natürlichen Zahlen' das prototypische ICM für 'Zahlen' allgemein: Eine Subgruppe steht metonymisch für eine Kategorie, die um diese herum aufgebaut wird.

2.4.5. Zusammenspiel

Die menschliche Kognition kategorisiert ihre Umwelt. Sie tut dies, indem sie propositionale und bildschematische Erfahrungswerte zu ICMs konsolidiert und diese Struktur in bestehende Netzwerke von ICMs über metaphorisches und metonymisches mapping eingliedert. Dabei definieren die Umstände und die Wertigkeit der Erfahrung den Lokus53 wie den Status, den diese Erfahrung einnimmt. Umstände und Wertigkeiten lassen sich aufschlüsseln in propositionale und bildschematische Strukturen, abhängig zudem von Intensität, Komplexität, Novität, etc. der Erfahrung in Relation zu bestehenden Erfahrungen und kulturell bedingter Erwartungshaltung des Individuums. Auch der Umgang mit Instanzen von Sprache konstituiert eine Erfahrung im genannten Sinne. Aufgrund dieser experientialistischen und holistischen Sichtweise wird erklärbar, wie innerhalb von semantischen Kategorien verschiedene Arten von prototypischen Strukturen auftreten können, welchen Einfluss solche Strukturen auf die Menschliche Denkleistung haben können, und wie der Mensch mit den Instrumenten 'metaphorisches' und 'metonymisches mapping' weiter damit umgehen kann.

Das Ergebnis: Das Erdbeben in Kalifornien, als bekanntes, auffälliges Ereignis machte eine möglicherweise darauffolgende Flut in den Köpfen der Befragten wahrscheinlicher. George Lakoff 1987, S. 90

2.5. Metapherntheorie und die 'Invariance Hypothesis'

2.5.1. Metapher - Norm oder Abweichung?

Die Dichotomie von Norm und Abweichung ist ein wirksames Werkzeug zur Kategorisierung von sprachlichen Tokens oder Texten. In einer Hinsicht muss sie jedoch problematisiert werden: Die Linie zwischen dem, was Norm sein soll, und dem, was Abweichung sein soll, dürfte nicht ohne weiteres zu bestimmen sein. Basierend auf den Überlegungen, die bereits zur Frage: "Sind Kategorien objektiv gegeben?" gemacht wurden, muss bezweifelt werden, dass die Dingwelt die Grenzen einer solchen Teilung in Norm und Abweichung überhaupt zwingend vorgeben kann, und es muss das Verhältnis hinterfragt werden, in welchem die Dichotomie in der Objektwelt zu ihrem Gegenstück in der Kognition steht. Diejenigen Ansätze, die bisher die Metapher als Abweichung, als Instanz von 'Uneigentlichkeit' klassifiziert haben, teilen mindestens eine Grundannahme:

- Sprache dient dazu, die Welt zu beschreiben. Die Norm sind daher sprachliche Instanzen, welche eine solche 'Wort - Ding' Beziehung errichten.

Die Grundannahme der kognitiven Linguistik dem gegenübergestellt:

- Sprache dient einem Organismus dazu, sein Erleben mitzuteilen. Sprache ist daher mit der Objektwelt nur über den kognitiven Apparat verbunden. Die Norm sind also sprachliche Instanzen, die eine 'Wort - Erfahrung' Beziehung errichten.

Basierend auf der skizzierten kognitiven Grundannahme, muss die Metapher als Norm akzeptiert werden: Die metaphorische sprachliche Äusserung, wie die nicht-metaphorische sprachliche Äusserung, stellen eine mindestens gleichwertige 'Wort - Erfahrung' Beziehung her, die beschreibt, wie das ICM der Erfahrung eines objektiven Umstandes im Netzwerk bestehender ICMs eingegliedert ist, oder eingegliedert werden kann. Damit reduziert sich der Unterschied zwischen einer Aussage (a): "Die Rose ist dunkelrot" und einer anderen (b): "Die Rose ist blutrot" darauf, dass die metaphorische Aussage (b) über 'mapping' eine latente Verknüpfung zum ICM 'Blut' aktualisiert, während Aussage (a) sich mit einem ICM 'hell-dunkel' positioniert. Dass Elemente der Kategorie 'Farbe' erfahrungsgemäss häufig mit Elementen der Kategorie 'Licht' verknüpfte werden, und viel weniger häufig mit dem Element 'Blut', muss aus kognitiver Sicht als der alleinige Unterschied zwischen den beiden Aussagen gelten.

2.5.2. Verbreitung von Metaphern

Die eben gemachten Aussagen über die Wichtigkeit der Metapher wären nicht haltbar, wenn sie nicht vom Gebrauch der Sprache getragen würden. Eben habe ich metaphorisch gesprochen: Dass eine Aussage 'getragen', oder 'gestützt' werden kann, ist nur einem metaphorischen Verständnis von 'Aussage' zu verdanken, nach welchem 'Aussage' einen Körper hat, der gestützt oder getragen werden kann. Die stilistische Unterscheidung zwischen '(neuen) Metaphern' und 'verblassten Metaphern'54 trägt dazu bei, dass eine Vielzahl von metaphorischen Beziehungen in der Sprache übersehen werden, auf der Suche der Literaturwissenschaftler und Linguisten nach dem Nichttrivialen. Die kognitive Metapherntheorie hält fest: Konventionalisierte Metaphern sind unbewusste, nichtsdestotrotz potente Bedeutungsgeneratoren. Metaphern 'verblassen' nicht, wenn sie automatisiert und konventionalisiert werden, sondern indem sie häufig verwendet werden, beeinflussen sie fundamental die Art, wie die Sprecher einer Sprache über gewisse Dinge nachdenken. "Verstehen ist Begreifen"55 ist eine solchermassen 'verblasste' Metapher, dass ich zuerst ausholen muss, um den Begriff 'be-greifen' dem Leser in seiner ursprünglichen Bedeutung wieder greifbar zu machen (man verzeihe mir das Wortspiel). 'Verstehen' ist im Deutschen durch die Metapher 'Verstehen ist Begreifen' stark haptisch strukturiert. Dies müsste gemäss Schulbuch als Synästhesie bezeichnet werden müsste, als Vertauschung der Sinne (denn der Verstand be-greift ja nichts physisch), als 'Figur'. Diese metaphorisch-haptische Struktur von 'Verstehen' ist nicht etwa zwingend: Eine durchaus übliche Metapher für Verstehen, auch im Deutschen, ist das Sehen. Beide Metaphern sind so weitgehend konventionalisiert, dass sie den kognitiven Umgang mit dem ICM 'Verstehen' grundlegend prägen. Lakoff/Turner56 und Lakoff57 präsentieren lange Listen von Metaphern, die den Umgang mit Leben, Sprache und verschiedenen kausalen, orientationalen und wertigen Konzepten grundlegend beeinflussen, und dabei häufig vorkommen. Dazuzählend die Vorkommen von poetischen und ehemals poetischen Metaphern, sowie metaphorische Konstruktionen, die umgangssprachlich-spontan gebildet werden, kommt man auf eine signifikante Dichte von Tokens, welche die Wichtigkeit der Metapher in der Verarbeitung von schwach bildschematisch strukturierten Erfahrungen unterstreichen.

2.5.3. Funktion der Metapher

Die kognitive Funktion einer Metapher ist ihre Fähigkeit, einerseits eine 'domain'58 über die Struktur einer zweiten 'domain' zu erfassen, und dabei konzeptstrukturierend oder konzeptgenerierend zu wirken, indem eine 'domain' durch eine andere erweitert, oder überhaupt erst geschaffen wird.59 Ein solcher Fall wurde eben mit dem Beispiel 'Verstehen ist Begreifen' untersucht. Die domain 'Verstehen' ist ausserhalb des metaphorischen Verständnisses nur sehr schwach strukturiert. Es fehlen uns die konzeptuellen wie die sprachlichen Mittel, über 'Verstehen' anders als über die metaphorische Auffassung im Sinne von 'Begreifen' oder 'Sehen' zu sprechen. Im bisherigen Verständnis von Metapher wurde sie nur schwach funktionalisiert als das Aktualisieren von in den jeweiligen 'domains' bereits vor der Metapher angelegten Korrespondenzen. Ein solches Beispiel ist die weiter vorne zitierte Rose: Die Korrespondenzen zwischen 'dunkelrot', der 'eigentlichen' Aussage, und 'Blut', der 'uneigentlichen' Metapher für diese Aussage, sind gegeben. Der Unterschied zwischen 'dunkelrot' und 'blutrot' scheint auf der traditionellen semantischen Ebene fast vernachlässigbar. Diesem Umstand entspringt auch die Haltung, dass Metaphern im Grunde in die 'Objektsprache' zurückübersetzt werden können. Doch selbst wenn das Resultat (in diesem Fall die Schattierung von Rot, die zwei Kontrollgruppen mit den jeweiligen Aussagen konfrontiert, zusammenmischen würden) weitgehend übereinstimmend sein mag, so ist der kognitive 'Pfad' zu dieser Farbe ein grundsätzlich anderer.

'Blut' ist der syntaktisch aus der Paraphrase 'rot wie Blut' definierte Herkunftsbereich. Die Metapher 'blutrote Rose' hat keinen Einfluss auf die kognitive Struktur von 'Blut', sehr wohl aber auf die von 'rot'. Die Metapher bewirkt, dass die konkrete Farbe, welche die kognitiv verbildlichte Rose annimmt, nicht relativ zu einer Farbskala von hell- bis dunkelrot generiert wird, sondern über das 'mapping' der bekannten Farbe des Blutes direkt zustandekommt.60

Im Detail treffen in der Metapher zwei kognitive 'domains' aufeinander. Lakoff nennt sie 'source domain' und 'target domain'. In Anlehnung an Liebert61 spreche ich von Herkunftsbereich und Zielbereich. Diese Unterscheidung reflektiert unter anderem die hierarchische und unidirektionale Struktur der Metapher: Herkunfts- und Zielbereich sind ICMs mit je propositionalen und bildschematischen Strukturen und je einer bestimmten Stellung innerhalb eines Netzwerkes weiterer ICMs. Dabei mögen Herkunfts- und Zielbereich gewisse Merkmale teilen, gewisse Korrespondenzen aufweisen, die dann durch die Metapher lediglich aktualisiert werden.62 Dies ist jedoch nicht zwingend, da eine Metapher unter Umständen erst Korrespondenzen schaffen kann. Der syntaktisch im Text definierte Herkunftsbereich wird in Teilen seiner Struktur auf den Zielbereich projiziert. Das heisst: Vor allem bildschematische Strukturen (orientationale, kausale, kinästhetische63 ), und/oder propositionale Strukturen (Wissen um Verknüpfungen mit anderen ICMs) des Herkunftsbereiches werden, soweit durch den Kontext plausibilisierbar, für die Dauer der Metapher in den Zielbereich integriert. Der Zielbereich nimmt sie an und erlebt damit eine zumindest kurzfristige Veränderung seiner kognitiven Einbettung, die je nach Intensität und Repetitivität einen bleibenden Einfluss auf die Konzeption des Bereichs haben kann. Der Herkunftsbereich wird im Normalfall im Zuge der Metapher in seiner Struktur nicht verändert. Er ist grundsätzlich agens. In einer Hinsicht kann jedoch auch ein Herkunftsbereich Veränderung erfahren, indem sein metaphorischer Bezug zu einem Zielbereich, vor allem in der Wiederholung, den Zielbereich als ICM im Netzwerk, in das der Herkunftsbereich eingebettet ist, etabliert. Lakoff stellt die 'Invariance Hypothesis' auf, die besagt, dass der Teil des Herkunftsbereiches, der auf einen Zielbereich projiziert wird, seine bildschematische Struktur immer beibehält.64

Zur Veranschaulichung: Wenn Harry ein Mensch ist, der in seinen Kreisen 'Harry die Ratte' genannt wird, so projiziert diese Aussage Rattenhaftigkeit auf die Person Harry, 'Harry' wird als 'Ratte' strukturiert (klein, flink, dreckig, angriffig, etc. je nach Plausibilität - vier Beine und ein langer Schwanz fehlen ihm). Der Herkunftsbereich 'Ratte' wird in seiner Struktur dadurch jedoch nicht beeinflusst. Allerdings wird 'Harry' als ICM angeschlossen ans Netzwerk, in welches die Domain 'Ratte' eingebettet ist.

'Mapping' zwischen einem Herkunfts- und einem Zielbereich ist nie vollständig, oder zumindest nicht überall gleich plausibel. Dieser Umstand hat wahrscheinlich auch dazu geführt, dass bisherige Metapherntheorien tendenziell von einem 'tertium comparationis' ausgegangen sind. Wenn ich die ziemlich häufige Metapher 'das Leben ist ein Weg' heranziehe, so gibt es in dieser Metapher gewisse Korrespondenzen, die auffälliger65 sind als andere (z.B. dass man Weggabelungen antrifft, dass ein Weg steinig sein kann oder glatt). Das Verständnis von 'Leben' im Rahmen des Konzeptes 'Weg' bedeutet damit eine Fokussierung auf genau jene Aspekte, die der Herkunftsbereich zu bieten imstande ist, und die im Zielbereich einen 'slot'66 finden oder schaffen können. Lakoff nennt diesen Effekt 'highlighting'.67 Im Gegenzug werden durch die Metapher nicht aktualisierte Aspekte des Zielbereichs versteckt ('hiding'68 ). So wird im Beispiel 'das Leben ist ein Weg' durch die Metapher eine Konzeption von Leben beschrieben, welche die Entscheidungsfreiheit des Individuums beschränkt auf 'Abzweigungen', wenn es nicht 'vom Weg abkommen' will. Oder: Die Metapher zwingt uns, das Leben als lineare, zielgerichtete und kausal zusammenhängende69 Abfolge von Ereignissen zu sehen. Dabei werden zyklische Aspekte, sowie andere Formen von Zusammenhang als gerade die Kausalität versteckt.

2.5.4. Vom Konkreten zum Abstrakten

Als 'Figur' kennt auch das Schulbuch die "KONKRETISIERUNG DES ABSTRAKTEN: Metaphorischer Ausdruck, der einem Abstraktum die Semantik eines konkreten Gegenstandes zuordnet."70 Aus den Listen von üblichen Metaphern, die Lakoff71 und Lakoff/Turner72 aufstellen, wird jedoch ersichtlich, dass eine sehr grosse Anzahl von Metaphern bestehen, mittels welcher über Abstrakte gesprochen wird.73 Daraus lässt sich die folgende Argumentation entwickeln:

- Eine Metapher ist nicht beschränkt auf Konstellationen von Herkunfts- und Zielbereich, zwischen denen bereits Korrelationen im Sinne eines 'tertium comparationis' bestehen, sondern eine Metapher vermag es, unter Umständen solche Korrelationen erstmals zu schaffen.74
- Metaphorisches mapping vermag Strukturen von einem Herkunftsbereich auf einen Zielbereich so zu projizieren, dass ein Zielbereich unter Umständen (Intensität, Repetitivität) diese Struktur bleibend annimmt.
- Die 'Grounding Hypothesis' von Lakoff/Turner beschreibt den experientialistischen Standpunkt, dass der Herkunftsbereich einer Metapher durchwegs bildschematisch und propositional strukturiert ist75.
- 'Abstrakt' bedeutet: "vom Dinglichen gelöst, rein begrifflich; theoretisch, ohne unmittelbaren Bezug zur Realität,"76 'Abstrakt' bedeutet damit auch: nicht unmittelbar erfahrbar.
- Abstrakte können, da sie nicht unmittelbar erfahrbar sind, selbst nicht bildschematisch strukturiert sein.
- Abstrakte können, da sie nicht bildschematisch strukturiert sind, nicht als Herkunftsbereich fungieren. Mit Abstrakten kann nicht umgegangen werden, solange sie keine bildschematische Struktur haben. Sie können ihre bildschematische Struktur nur 'leihweise', als Zielbereich einer Metapher mit konkreterem Herkunftsbereich erhalten.
- Die 'Invariance Hypothesis' besagt, dass bei metaphorischen Projektionen die bildschematische Struktur des Herkunftsbereichs erhalten bleibt.
- Abstraktes Denken ist ein Spezialfall des Denkens in Bildern77

2.5.5. Beispiele: 'Unwichtiges ist peripher' - 'Wichtiges ist zentral' - 'Wesen ist unten'

In diesem Titel sind drei Metaphern, die dem Leser nach den vorangegangenen Seiten bekannt sein müssten. Reden über Unwichtiges, Wichtiges und das Wesen der Dinge ist das Privileg des Stammtischphilosophen, aber auch des Wissenschafters. Wie jedoch werden diese abstrakten Begriffe gehandhabt und konzeptualisiert? Einige Beispiele, wie sie in der vorliegenden Arbeit dutzendweise vorkommen (die folgenden Aussagen seien nur als Beispielsätze zu verstehen):

- Die Semantik interessiert Generativisten nur am Rande.
- Die Frage nach der objektiven Wahrheit liegt ausserhalb des Erkenntnisbereiches der kognitiven Linguistik.
- Die Vertreter eines objektiven Wahrheitsbegriffs setzen den Menschen als kognitiv verarbeitenden Organismus vor die T ü r ihres theoretischen Gebäudes.
- Durch den Vormarsch holistischer und phänomenologischer Ansätze in allen Bereichen der Humanwissenschaften stellt sich die zentrale Frage: "Haben wir die Welt verloren?"
- Diese Befürchtung lässt sich jedoch beiseite schieben: Der Mensch hat sie noch nie gehabt, oder besser: Der Mensch hat die Welt schon immer auf eine ganz bestimmte Art und Weise besessen, über die die kognitiven Wissenschaften nun immer mehr herausfinden.
- Im Mittelpunkt steht dabei die Befürchtung, es könnten sich wie in der Literaturwissenschaft auch in anderen Forschungsbereichen relativistische Tendenzen breitmachen.
- Grunds ä tzlich ist diese Gefahr jedoch keine, da sich Vertreter solcher Ansätze bald einmal langweilen werden - denn es gibt in ihnen keinen Fortschritt, nichts mehr, das angestrebt werden kann.
- Trotz aller Wissenschaftlichkeit sind wir im Grunde Menschen, die zum Teil irrationale, eben kognitive Wege gehen.
- Deswegen will die kognitive Linguistik die Basis menschlichen Verstehens erkunden, um einen höheren Präzisionsgrad wissenschaftlicher Argumentation zu erreichen.

Die drei Metaphern 'Unwichtiges ist peripher', 'Wichtiges ist zentral' und 'Wesen ist unten' führen vor Augen, auf welche Art 'Wichtigkeit', und 'Wesen' verbildlicht, konzeptualisiert werden können. Doch gleichzeitig sind für dieselben Bereiche auch andere Metaphern möglich: 'Wesen ist das Ende einer Reise' (mit den Tokens "am Ende...", "schlussendlich...", etc.), oder 'Wichtiges ist schwer' (mit den Tokens "schwerwiegend", "nicht auf die leichte Schulter nehmen", etc.). Es kann gestützt auf die drei Hypothesen 'Grounding Hypothesis', 'Spatialization of Form Hypothesis' und der 'Invariance Hypothesis' die These aufgestellt werden: Über 'Wichtigkeit' und 'Wesen' könne nicht anders als metaphorisch gesprochen werden.

2.5.6. Grenzen der Metapher in der Elaboration von Bedeutung

Die Metapher ist ein Wirkungsvolles, gleichzeitig ein ungenaues Werkzeug zur Herstellung von Bedeutung. Eine Metapher, die in einer besonderen Instanz von Sprache hilft, ein Konzept zu erfassen, kann im nächsten Satz limitierend sein, oder Vorurteile kreieren. Ich habe weiter vorne die Begriffe 'highlighting' und 'hiding' eingeführt: Eine Metapher ist nie akkurat, da zwei Bereiche nur immer in bestimmter Hinsicht miteinander metaphorisch in Beziehung gesetzt, 'vermischt' werden können und sich nie vollständig decken. Dies kann zu Fehlleistungen führen. So sind die eben als Beispiele aufgeführten Metaphern Eckpfeiler analytischen Denkens: 'Die äussere Form eines Problems muss durchdrungen werden, darf nicht zu hoch bewertet werden, nur dann stösst man in den Bereich des Wichtigen vor, und um zum Wesen der Dinge zu gelangen, das als Ziel konzeptualisiert ist, müssen wir auf den Grund vorstossen.'

Diese Konzeptualisierung ist linear/zweidimensional und kann das denkende Subjekt in die Falsche Richtung vorantreiben. Ich verweise beispielsweise auf das Konzept vernetzten Denkens in Problemlösungsprozessen, welches seit den siebziger Jahren als Alternative zu 'veralteten' linearen Ansätzen propagiert wird, und uns zwingen möchte, gerade Konzeptionen wie oben loszulassen, weil sie ineffizient und der objektiven Realität schlecht angepasst seien.78 Diesen Gedanken weiterführend, müsste die Frage gestellt werden ob der möglicherweise durch eine irreführende konventionalisierte Metapher begründete Drang nach 'Tiefe', nach der 'Bedeutung unter der Oberfläche' oder der 'Intention hinter dem Wort' nicht möglicherweise mitschuldig ist, dass in der Literaturwissenschaft so viel spekulatives geschieht und geschehen ist. Die Problematik, dass auch die Argumentation der kognitiven Linguistik selbst Gefangene dieser Linearen Konzeption ist, äussert sich zum Beispiel im Hinblick auf den 'basic level': Die Aussage, dass die Basisebene eine mittlere Ebene der Konzeptualisierung darstelle, positioniert ein abstraktes Konzept in einem zwei-, oder dreidimensionalen Raum. Ob diese räumliche Vorstellung in zukünftigen Argumentationen revidiert werden muss, ob sie hilfreich ist, oder der Weiterentwicklung des Konzepts hinderlich sein wird, ist im Moment nicht abzuschätzen.

2.5.7. Metapher und Metonymie

Ich habe in der Diskussion des ICM im Zusammenhang mit Prototypikalität zwischen metaphorischer und metonymischer Projektion unterschieden. Nachdem im vorhergehenden Kapitel der Schritt von 'mapping' als kognitivem Mechanismus zur Kategorienbildung und - strukturierung hin zur Metapher als sprachlichem Phänomen gemacht wurde, muss nun auch die Metonymie auf dieser Ebene diskutiert werden. Man könnte argumentieren, dass Metonymie und Metapher sich nicht grundsätzlich unterscheiden, da beide auf 'mapping' beruhen. Auf einer detaillierteren Ebene, muss diese Unterscheidung jedoch erfolgen. Lakoff/Turner fassen zusammen, wie Metonymie und Metapher zueinander stehen.79

Gemeinsame Basis von Metapher und Metonymie:

- Es sind beides konzeptuelle Phänomene.
- Beide sind mappings.
- Beide können konventionalisiert werden, und somit automatisierter und unbewusster Teil unseres alltäglichen konzeptuellen Systems werden.

Weitere Eigenschaften der Metapher:

- Die Metapher verbindet zwei konzeptuelle Bereiche, wobei ein Bereich im Rahmen des anderen Bereichs verstanden wird.
- In der Metapher wird eine vollständige konzeptuelle Struktur (mit zwei oder mehr Einheiten) auf eine andere vollständige konzeptuelle Struktur projiziert.
- In der Metapher wird die Struktur des Herkunftsbereichs auf die Struktur des Zielbereichs projiziert.

Dies trifft für die Metonymie nicht zu:

- Metonymie bedingt einen einzigen konzeptuellen Bereich. Metonymisches 'mapping' findet innerhalb dieses einzelnen Bereichs statt, und nicht zwischen Bereichen.
- Metonymie wird vor allem zum Herstellen von Referenzen gebraucht: In der Metonymie steht eine Einheit in einem Schema für eine andere Einheit im selben Schema, oder sie steht für das Schema als Ganzes.

Die Schlüsseloppositionen sind also 'innerhalb desselben Bereichs' gegenüber 'zwischen Bereichen', sowie 'Referenz' gegenüber 'Projektion'. Zwei Beispiele:

Dieses Restaurant akzeptiert American Express."80

Es bestünde die Möglichkeit, diesen Satz metaphorisch zu verstehen, indem 'akzeptieren' metaphorisch als Beziehung zwischen den personalisierten Körperschaften 'Restaurant' und 'American Express' verwendet wird, im Sinne von "Ich akzeptiere Dich." Auf der anderen Seite, die in diesem Falle wohl naheliegendere metonymische Interpretation von 'American Express' als 'die American Express Kreditkarte' und ein eher wörtliches Verständnis von 'akzeptieren' als 'entgegennehmen'.

Amerika glaubt an die Demokratie."81

Dieser Satz verdeutlicht vielleicht noch besser die Nähe von Metapher und Metonymie einerseits und ihre funktionalen Unterschiede auf der anderen Seite. Es gibt nämlich zwei vertretbare Möglichkeiten der Interpretation: a) 'Amerika' wird metaphorisch als Personifizierung, als 'Belebung des Unbelebten' verstanden. b) 'Amerika' wird metonymisch verstanden im Sinne von 'das Land steht für das Volk, das in ihm lebt'. Es sind dies zwei verschiedene kognitive Vorgänge, zwischen denen ein Hörer/Leser unbewusst, oder bewusst auswählt.82

2.6. Lesen und Schreiben vor dem Hintergrund des kognitiven Ansatzes

Dieses Kapitel nimmt eine Zwischenstellung ein. Es soll die vorherigen Erkenntnisse der kognitiven Linguistik den Fragestellungen der Literaturwissenschaft annähern. Die kognitive Linguistik macht Aussagen, die in den psychologischen Kontexten 'kategorisieren', 'verstehen/Bedeutung zuweisen' allgemein stehen. In einer ersten Fokussierung sollen sie nun einfliessen in den engeren Kontext von Lesen und Schreiben.

2.6.1. Text und Bedeutung

Im Zentrum der wichtigsten gegenwärtig angewendeten literaturwissenschaftlichen Ansätze steht der Text, als einziges manifestes, und daher untersuchbares Glied in der Kette '(Welt)

- Autor - Text - Leser - (Welt)'. Die Werkimmanente Interpretation selbst steht jedoch vor einer epistemologischen Crux, indem auch sie über Bedeutung (als etwas, das Text und Konvention transzendiert) sprechen muss. Wenn man sich einig ist, dass ein sprachliches Zeichen aus sich selbst heraus keine Bedeutung hat, sondern nur indem es als auf etwas verweisend anerkannt wird, Bedeutung akquiriert, so muss auch am Anfang eines Texts mindestens ein solcher Verweis auf Aussertextliches angenommen werden.83 Kann man denn über Texte reden, ohne über Bedeutung zu reden? Dies ist nicht möglich, ohne dass der meiner Ansicht nach wichtigste Aspekt des Wesens von Text bewusst ausgeklammert wird.

Die kognitive Semantik legt nun nahe, die aussertextliche Verankerung von Bedeutung nicht in der objektiven Welt zu suchen, sondern in der Kognition. Der experientialistische Ansatz vermag weiter zu präzisieren: Sprache erhält ihre Bedeutung durch Verweise auf Erfahrungen, Teile von Erfahrungen oder Netzwerke von Erfahrungen in der Form von ICMs, die der kognitive Apparat des Menschen aus der Interaktion mit seiner symbolischen wie realen Umwelt aufbaut. Daraus entwickelt sich die Sicht auf den Text seinerseits als strukturiertes Netzwerk von Symbolen im Spannungsfeld zwischen Codierung (Verweis auf Erfahrungsnetzwerke des Kommunikators) und Decodierung (Verweis auf Erfahrungsnetzwerke des Rezipienten). In diesem Kontext tritt 'mapping' als Mechanismus auf, welcher allgemein den Verweis von Instanzen von Sprache auf Instanzen von Erfahrung ermöglicht. Sprache an sich ist metonymisch, indem Wörter für kognitive Strukturen stehen.84

2.6.2. Lesen und Schreiben - Schreiben und Lesen?

Die von der Kommunikationswissenschaft, der Linguistik und der Literaturwissenschaft geprägte Terminologie für 'Lesen' und 'Schreiben' ist vielfältig und drückt aus, dass Unstimmigkeiten darin bestehen, wie diese beiden Tätigkeiten zu charakterisieren sind, und welche Wichtigkeit ihnen im Zusammenhang mit der Sprache zugestanden werden soll.85

Für ein kognitiv-adäquates Verständnis der schriftlichen Kommunikationssituation interessant und allenfalls verfolgungswürdig, ist jedoch der folgende Umstand: Der Volksmund spricht vom 'Lesen und Schreiben' - in genau dieser Reihenfolge. Wissenschaftliche Modelle jedoch, beginnen ihre Argumentation durchwegs mit dem Paradigma 'Kommunikator, Autor, Sprecher' jeweils gefolgt von 'Rezipient, Leser, Hörer'. Ich möchte nun argumentieren, dass der Volksmund Recht hat, dass Lesen sehr wohl vor dem Schreiben kommt, und der wissenschaftliche Diskurs in diesem Zusammenhang möglicherweise Opfer einer zu engen analytischen Perspektive geworden ist.

Die experientialistische Perspektive auf Lesen und Schreiben ist hier eindeutig: Es gibt keine Bedeutung ohne Erfahrung. Es gibt aus diesem Grund in der Ontogenese auch keinen sprachlichen Output ohne vorherigen sprachlichen Input. Oder noch stringenter formuliert: Der Mensch kann nicht Sprechen und Schreiben lernen, ohne zuvor Verstehen und Lesen gelernt zu haben, das heisst, das Sprechen und Schreiben anderer erfahren zu haben. Die Implikationen dieses Verständnisses sind weitreichend: Nicht nur wird das Lesen, Hören, Rezipieren als kognitiver Akt im Sinne von Decodierung oder Re-Konstruktion von Bedeutung anerkannt und auf Rezipientenseite in den Mittelpunkt gerückt, sondern auch auf der Seite des Autors, Sprechers, Kommunikators, muss die Fähigkeit zur Konstruktion von Bedeutung vor dem Hintergrund früherer Rezeption gesehen werden.

2.6.3. 'Feedback'

Die Grundannahme des Feedbackprinzips: 86 Der menschliche Organismus (kognitiver und motorischer Apparat) funktioniert in seiner Umgebung so, dass aus aufgenommener Information eine Hypothese über Umstände der Welt gebildet wird, die mit jeder neu aufgenommenen Information zu einer neuen Hypothese über die Umstände aktualisiert wird. Zur Verbildlichung denke man an ein volles Glas Wein, das an die Lippen gehoben werden soll: Der Trinker bildet, bevor er das Glas in die Hand nimmt, auf seiner Erfahrung aufbauend, eine Hypothese darüber, welcher Kraftaufwand nötig sein wird, und welcher Winkel nicht überschritten werden darf, wenn der Wein nicht verschüttet werden soll. Im Heben des Glases wird diese Hypothese laufend aktualisiert. Indem das registrierte Schwappen der Flüssigkeit die Hypothese über den Bewegungsablauf des Trinkens aktualisiert, wird auch der Fleck auf dem Tischtuch vermieden werden können, vorausgesetzt, die Feedbackschlaufe ist durch den Alkohol nicht beeinträchtigt. Das Prinzip des Feedback, auf die kognitiven Tätigkeiten im Rahmen der Sprache ausgeweitet, unterstützt alle bisher getroffenen Annahmen und daraus resultierenden Erkenntnisse. Es ist anzunehmen, dass Feedback ein allgemein kognitives Prinzip darstellt.87 Auch die Argumentation, die eben zu einer Revision der Konstellation von Lesen und Schreiben aus 'Schreiben und Lesen' geführt hat, kann um das Prinzip des Feedback aktualisiert werden:

Im Lesen werden basierend auf der Erfahrung des Lesers laufend Hypothesen darüber aufgestellt, wie der Text, oder Elemente des Textes am besten interpretiert werden sollen. Einen Text 'verstehen' hiesse dann, als Leser eine Konfiguration von Hypothesen gefunden zu haben, welche die verschiedenen Aspekte des Textes in einen Zusammenhang zu bringen vermögen.88

Zum feedback-orientierten Ablauf des Schreibens, möchte ich folgendes Schema vorschlagen: Der Gedanke sei eine autogene Aktualisierung und ein In-Bezug-Setzen von Teilen und von Netzwerken von ICMs. Indem der Gedanke verbalisiert werden soll,89 beginnt ein Feedbackprozess analog zum oben umschriebenen: Das gesetzte Wort wird vom Formulierenden selbst gelesen/gehört und interpretiert. Diese Interpretation wird auf das ICM Netzwerk des Gedankens projiziert und mit ihm verglichen. Dadurch wird die Hypothese, wie der Gedanke auszudrücken sei, wiederum aktualisiert, was das Setzen eines nächsten Wortes oder Satzes veranlasst oder beeinflusst.

Der Begriff Feedback und verwandte Terminologie wie "scanning"90, ist für die Kognitionsforschung sehr wichtig und wird dort extensiv diskutiert. Ich möchte hier auf einige Konsequenzen hinweisen, die das bisher skizzierte Verständnis von 'Lesen und Schreiben' für den Umgang mit Literatur haben kann. Die bisher verfolgte Argumentation hat an der Oberfläche gewisse relativistische Tendenzen. Es könnte auf der Basis der skizzierten kognitiven Abläufe der Eindruck entstehen, Sprache und Bedeutung wären rein subjektive Vorgänge. Tatsächlich weisen auch kognitive Linguisten darauf hin, dass kein Individuum semantisch wie grammatisch exakt dieselbe Sprache spricht.91 Ich habe vorher argumentiert, dass das Lesen eine re-konstruktive Tätigkeit ist. Das heisst, Lesen baut eine Feedbackschlaufe zwischen Text und dem 'belief system'92 des Lesers auf. Lesen sei die Iteration einer Funktion:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten93

T sei der Text. K sei das 'belief system' des Lesers (verwandte Terminologie: 'Weltwissen'). F sei eine allgemeingültige Funktion von K und T 94 , die Lesen auf eine bestimmte Art funktionalisiert.95 Aus dieser Funktion ergibt sich eine Interpretation, oder ein Set möglicher Interpretationen I. Um die Feedbackschlaufe in der Iteration dieser Funktion als steuernden Faktor zu berücksichtigen, muss sie weiter elaboriert werden, muss ferner eine Funktion angenommen werden zwischen K n und I n-1,. Das heisst, dass die jeweilige Interpretation einen Einfluss darauf hat, wie der Text weiter interpretiert wird. Die vollständige, iterierbare Funktion hiesse dann:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.6.4. 'Belief Systems'

Ich habe festgehalten, dass F eine generalisierbare Funktion ohne individuelle Notation sein soll, im Sinne einer allen lesenden Menschen gemeinsamen kognitiven Fähigkeit. Insofern als zwei Leute über ein- und denselben Text sprechen, so ist auch Faktor T konstant. Die Frage: "Wie individuell ist I (Interpretation)?" reduziert sich damit auf die Komponente K und auf die Formulierung: Wie individuell sind 'belief systems'?

Ich möchte das 'belief system' in drei Ebenen aufteilen: a) die generelle Ebene, b) die institutionelle/kulturelle Ebene und c) die individuelle Ebene. Dies ist eine Simplifizierung, die dazu verhelfen soll, auch eine tendenzielle Hierarchie der Arten von Bedeutung zu zeigen. Ausserhalb dieses Modells ist jedoch anzunehmen, dass die Übergänge zwischen den Ebenen fliessend sind, wie auch die effektive Grösse der Gruppe, die eine Bedeutung teilen.

Auf der generellen Ebene finden sich mehr oder weniger konstante Parameter des Menschseins. Ich spreche von genetisch-physiologischen Voraussetzungen und daraus entstehenden, tendenziell universalen Bedeutungen. Orientationale Schemata wie oben - unten, schwer - leicht, die unabhängig von Kultur oder Lebensumständen des Individuums zum Erfahrungsschatz eines Menschen gehören, sind Teil dieser Ebene, sowie physiologisch begründete Erfahrungen (Müdigkeit, Hunger, Schmerz, Freude etc.) und programmatische Verhaltensmuster.96 Es ist zu vermuten, dass diese generelle Ebene vor allem bildschematisch strukturiert ist. Interkulturelle empirische Untersuchungen sind der Schlüssel zur genaueren Bestimmung dieser Ebene.97

Die institutionelle/kulturelle Ebene liefert wahrscheinlich das meiste an propositionalem und bildschematischem Wissen. Es ist anzunehmen, dass diese kulturelle/institutionelle Ebene einen grossen Teil des basic level hervorbringt.

Die individuelle Ebene: Die bisherige Argumentation hat gezeigt, dass das 'belief system' zu relevanten Teilen aus generellen, oder zumindest innerhalb einer Kultur verallgemeinerbaren Bedeutungen besteht. Individuell verschiedene Arten von Bedeutung sind damit stark eingeschränkt.

2.6.5. Dreidimensionale Netzwerke

Welche Arten von Bedeutung tatsächlich individuell verschieden sind, lässt sich wiederum aus dem Prinzip des Experientialismus herleiten: Das, was eine bestimmte Erfahrung, eines Individuums einer kulturellen Gruppe von der Erfahrung eines anderen Mitglieds derselben kulturellen Gruppe unterscheidet.98 Solche Unterschiede gibt es auf den ersten Blick viele.99 Sie lassen sich jedoch einigermassen zuverlässig als periphere Verknüpfungen einordnen. Im Modell kognitiver Organisation, das im Laufe dieser Arbeit entwickelt worden ist, lässt sich eine Erfahrung als ICM beschreiben, welches in ein bestehendes Netzwerk von ICMs eingegliedert und so kategorisiert wird. Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass dieses Netzwekmodell nicht flächig, sondern dreidimensional strukturiert ist, und dass sich auf der räumlichen Achse der Schematisierungsgrad des ICM ausdrücken soll. Diese Differenzierung ermöglicht die folgende Organisation: Ein spezifisches Erfahrungs-ICM stehe durch flächige Vernetzung in Relationen zu einer Anzahl von Umständen und damit zu weiteren spezifischen ICMs, die das gesamte Spektrum der Erfahrung100 ausdrücken. Andererseits steht ein spezifisches Erfahrungs-ICM auch immer in Relation zu mindestens einem kategoriellen ICM, welches diese 'Art' von Erfahrung in einem höheren Schematisierungsgrad darstellt. Dieses kategorielle ICM wiederum steht in Relation zu einem, auf der Schematisierungsachse nochmals darüber angeordneten kategoriellen ICM, und so weiter. Je höher der Schematisierungsgrad des ICMs, desto weniger Einfluss haben im allgemeinen individuelle Umstände der spezifischen Erfahrung.101 Insofern gibt der experientialistische Zugang im Zusammenhang mit dem vorgeschlagenen Modell kognitiver Organisation eine Perspektive zur Bestimmung, Begrenzung und Einordnung der Individualität von Interpretationen.

2.6.6. Strategien der Interpretation

Welcherart ist die kognitive Strategie, Bedeutungen zu kommunizieren und zu rekonstruieren? Ich habe weiter vorne argumentiert, dass aus experientialistischer Sicht die Rekonstruktion vor der Konstruktion kommt, und dass der kognitive Apparat in einer Feedbackschlaufe über das Gelesene Hypothesen aufstellt und diese im weiterlesen kontinuierlich modifiziert. Ich beginne also mit einem Vorschlag zur Strategie der Rekonstruktion und begründe das Modell im Prinzip des Feedback.

Ausgehend von dem, was ebenfalls in früheren Kapiteln über Prototypikalität102 und den basic level103 gesagt wurde, ist es sinnvoll anzunehmen, dass eine Erstinterpretation nach Abend' mit dem Bus 'zur Arbeit'. Sie 'hasst' die 'Enge' und fühlt sich 'unwohl', weil 'Männer sie anstarren'.

Möglichkeit genau hier ansetzt: Die erste Hypothese zur Interpretation von 'Haus' wird ein prototypisches ICM der basic level Kategorie 'Haus' vorschlagen.104 Dasselbe geschieht auch beim Lesen des Ausdrucks 'gelbes Haus mit Scheune' - die Interpretationshypothese wird sich wahrscheinlich aus prototypischen ICMs der 'basic level' Kategorien 'gelb', 'Haus' und 'Scheune' zusammensetzen. Diese Strategie optimiert die Universalität der Interpretation bei grösstmöglicher Informationsdichte, indem die Auswahl von ICMs möglichst aus basic level Kategorien getroffen wird, die selbst in ihrem Schematisierungsgrad optimiert sind, und indem die Auswahl tendenziell auf prototypische Elemente fällt, deren Eigenschaft es ist, dass sie metonymisch für alle Elemente einer Kategorie stehen können. Es sind zwingende Umstände nötig, um eine Hypothese direkt auf eine spezifische Ebene, oder ein spezifisches Element einer Kategorie herabzuführen. Beim Lesen des Ausdrucks 'das Riegelhaus', zum Beispiel wird die erste Hypothese zwar ein prototypisches ICM vorschlagen, jedoch aus der vorgegebenen 'specific level' Kategorie 'Riegelhaus'.105 Wenn ein Leser die Instanz 'Riegelhaus' nicht kennt, wird wiederum die basic level kategorie 'Haus' zur Interpretation herbeigezogen.

Interessant wird es, wenn Aussagen interpretiert werden sollen, die ein offensichtliches Spannungsverhältnis zwischen Autor, Text und Leser generieren. Dies ist überall dort der Fall, wo der Leser einer Kategorie nicht teilhaftig sein kann, wo auf einer spezifischen Ebene genau die weiter oben diskutierten individuellen Bedeutungen aktualisiert werden sollen. 'Haus meines Vaters' ist so ein Fall. 'Haus' generiert eine erste Hypothese aus der 'basic level' Kategorie 'Haus' mit dem prototypischen Element 'Haus'. 'Haus meines Vaters' produziert Feedback auf diese Hypothese und will sie präzisieren, doch das Spezifische des ICMs 'Haus meines Vaters' ist aus der Position des Lesers nicht rekonstruierbar. Der Leser kennt zwar selbst die Kategorie 'Haus' und darin das Element 'Haus meines Vaters', doch dieses Element ist durch 'mein' als individuelles ICM markiert, und deshalb nicht als Hypothese verwendbar. Die Strategie, die Universalität der Interpretation bei grösstmöglicher Informationsdichte zu optimieren, müsste die folgende Interpretation favorisieren:

'Haus meines Vaters' = 'Haus' (prototypisch) + 'gehörend dem Vater der Erzählninstanz' ('Vater' prototypisch) + unbestimmbare bildschematische, propositionale und assoziativemotive Komponenten.

auf der Schematisierungsachse, welche das Verhältnis zwischen bildschematisch-propositionalem Informationsgehalt und möglichst hohem Schematisierungsgrad optimiert.

Im Kontext kann diese vage Hypothese anhand von Zusatzinformationen revidiert und ausgearbeitet werden, z.B. durch "im Haus meines Vaters, wo früher der Holzofen immer brannte". In dieser Argumentation kristallisiert sich heraus, dass nicht 'Objektsprache' und 'uneigentliche Sprache' einfach, bzw. schwierig, genau bzw. ungenau zu interpretieren sind. Im Gegenteil: Der kognitive Blickwinkel auf die Metapher legt nahe, diese vielmehr als spracherweiternde und Kommunikation vereinfachende Grundfunktion der Sprache anzuerkennen. Die Problematik der Interpretation ist vielmehr rein in Instanzen von Texten begründet, die einer Forderung nach 'Allgemeinverständlichkeit' im Sinne von 'Nachvollziehbarkeit' ausweichen und auf der spezifischen Ebene rein individuelle Erfahrungskomponenten metaphorisch oder metonymisch aktualisieren - unabhängig davon, ob an der Sprachoberfläche metaphorisches und metonymisches 'mapping' vorausgesetzt wird, oder nicht.

3. Literatur und kognitive Linguistik

Ich habe in der Einführung, den status quo der Literaturwissenschaft in Frage gestellt. Ich habe zu zeigen versucht, wo im heutigen wissenschaftlichen Diskurs die Unsicherheiten dieser Disziplin liegen. In diesem dritten Kapitel möchte ich noch einmal auf die wichtigsten Punkte eingehen, um hervorzuheben, wo und wie eine neue Perspektive wie die kognitive Linguistik fruchtbar zur Anwendung kommen kann.

Desweiteren soll diskutiert werden, ob es möglich ist, den kognitiven Ansatz in bestehende Positionen der Literaturwissenschaft zu integrieren, oder ob es aufgrund zu grosser Differenzen nötig sein wird, eine eigenständige kognitive Position anzunehmen. Daraus hervorgehend und aufbauend auf den wesentlichsten Prinzipien und Annahmen der kognitiven Linguistik, wird im dritten Unterkapitel eine mögliche kognitive Position skizziert werden.

3.1. Für einen kognitiven Ansatz in der Literaturwissenschaft

3.1.1. Die eine Methode der Literaturwissenschaft

Die Literaturwissenschaft ist ein unübersichtliches Gebiet, in welchem sich über die Zeit hinweg unzählige 'Methoden' entwickelt haben, wobei 'Methoden' im Grunde der falsche Begriff ist. Es handelt sich in den wenigsten Fällen um eindeutig unterscheidbare Vorgehensweisen, wie dies von den Naturwissenschaften mit Methoden wie zum Beispiel Chromatographie oder Spektralanalyse vorgelebt wird. Methoden im naturwissenschaftlichen Sinne sind innerhalb des naturwissenschaftlichen Paradigmas unterschiedliche, geregelte Vorgehensweisen zur Analyse oder Synthese von Stoffen.

Auf der Suche nach unterschiedlichen Vorgehensweisen in der Literaturwissenschaft, unabhängig von ideologischen Diskursen, was das Erkenntnisinteresse und die Grenzen der Interpretation betrifft, findet sich im Grunde nur eine Methode. Diese ist jedoch zusammengesetzt aus vier unterscheidbaren Aktivitäten:

1 Introspektion: Introspektion als Methode heisst, dass ein Text aus der Sicht eines

kompetenten Lesers auf seine Funktionen hin überprüft wird. Die Bandbreite introspektiver Arbeit erstreckt sich einerseits von dem 'genauen Lesen' eines Rezensenten bis hin zur detaillierten Analyse der Funktion semantischer, metaphorischer und syntaktischer Strukturen eines Textes durch den Germanisten. Es muss anerkannt werden, dass jede Aussage, die über einen Text oder im Umfeld eines Textes gemacht wird, zuallererst auf der Introspektion basiert, und nicht in Bezug auf den Text 'schlechthin' formuliert werden kann.106

2 Interpretation: Interpretation ist im gegenwärtigen Gebrauch der Allerweltsbegriff zur Umschreibung literaturwissenschaftlicher Tätigkeit. In diesem weiteren Sinne umfasst er sowohl seine ursprüngliche Definition im Rahmen der Hermeneutik, wie auch alles, was eben über Introspektion gesagt wurde. Ich möchte den Begriff hier etwas einengen. Interpretation wird verstanden als Methode, einen Text über die Konstruktion von Verbindungen zu Inner-, Ausser-, oder Intertextlichem zu charakterisieren.107 Dieser Methode bedienen sich die meisten literaturwissenschaftlichen Arbeiten, indem sie einen Text jeweils in ein Netz von intratextlichen bzw. gattungstheoretischen bzw. intertextlichen bzw. individualhistorischen bzw. allgemeinhistorischen Inferenzen einspannen.

3 Argumentation: Die Argumentation als Methode ist in der Literaturwissenschaft insofern zentral, als dass sie selbst Mittel zur Findung und zur Abstützung von Erkenntnis ist. In den naturwissenschaftlichen Methoden der Chromatographie und der Spektralanalyse ist der Vorgang 'Chromatographie' oder 'Spektralanalyse' selber die Argumentation. Ein wissenschaftlicher Text über die Erkenntnisse (die auch ausserhalb jenes Textes sichtbar bestehen) liefert tendenziell lediglich einen Bericht.108 In der Literaturwissenschaft verkehrt sich dieses Verhältnis, indem die Argumentation selber Experiment ist. Erkenntnisse über einen Text werden unter Umständen erst in der Argumentation erreicht, in der Umwandlung von kognitiven in textliche Strukturen, und sie werden erst in der Argumentation intersubjektiv greifbar.

4 Empirie: Die Empirie als Methode zieht in der gegenwärtigen wissenschaftlichen Landschaft eine Grenze zwischen der Linguistik und der Literaturwissenschaft. Es stellt sich die Frage, ob das so richtig ist. Literaturwissenschaft nur nach induktiv-empirischen Grundsätzen zu betreiben, kann wohl in einer mehr oder weniger zwecklosen Datensammlerei ausarten.109 Andererseits ist die Empirie als heuristische Impulsgeberin und als Methode zur Überprüfung von Hypothesen und zum Abstützen von Erkenntnissen auch in der Literaturwissenschaft wünschenswert.

3.1.2. Perspektiven der Literaturwissenschaft

In der Literaturwissenschaft wird oft über 'Methoden' verhandelt, wenn auch von unterschiedlichen Positionen oder Ansätzen gesprochen werden könnte. Was im gegenwärtigen Diskurs als literaturwissenschaftliche 'Methode' bezeichnet wird, unterscheidet sich oft nur durch Perspektive und/oder Erkenntnisinteresse. 'Ansatz' wie 'Position' sollen dem Umstand Rechnung tragen, dass die 'Methode' literaturwissenschaftlichen Arbeitens in den meisten Fällen ein und dieselbe ist: versteckte Introspektion, gefolgt von der Interpretation, welche anhand von Beispielen argumentiert.110 Innerhalb dieser einen 'Methode' liegen die Variablen, die zu den vielfältigen Perspektiven und Positionen (aber nicht Methoden) der Literaturwissenschaft führen:

1 Perspektiven:

- Text - Text (werkimmanente Interpretation)
- Text - Intention des Autors (Hermeneutik)
- Text - Leser (Rezeptionsästhetik)
- Text - Sprachsystem (linguistische Poetik)
- Text - Intertext (Diskursanalyse)
- Text - Individualgeschichte des Autors (Positivismus)
- Text - Unbewusstes des Autors (Psychoanalyse)
- Text - Hierarchie sozialer Systeme (Marxismus/Feminismus)
- Text - historische Erwartungshorizonte der Leser (Wirkungsgeschichte)
- Text - Verhalten des Lesers (Leserpsychologie)
- Text - Konventionssystem einer Literaturgesellschaft (Literatursoziologie)111

1 Positionen: In vielen Fällen werden oben genannte Perspektiven zu Prämissen oder

Grundannahmen emporgehoben112, was tendenziell zur Folge hat, dass Vertreter einer jeweiligen Perspektive sich zwingend von den übrigen Perspektiven abkapseln und vielleicht öfter als notwendig im Sinne von 'wahrem Glauben' versus 'falschem Glauben' argumentieren. Konkurrenzierende Grundannahmen zwischen Positionen, die sich unter anderem auch aus den unterschiedlichen Perspektiven ergeben, sind in dieser Arbeit zum Teil schon diskutiert worden:

- Grenzen der Interpretation: "Es gibt nur eine richtige, weil wahre", versus: "es gibt naheliegendere und entferntere, allgemeinere und spezifischere", versus: "Interpretation erlaubt keine Grenzen und keine Wertung".

- Epistemologische Grundannahmen: "Literaturwissenschaft ist die Suche nach Wahrheit", versus: "Literaturwissenschaft ist eine Human- und/oder Sozialwissenschaft", versus: "Literaturwissenschaft ist ein epochenabhängiger Paratext".

- Methodologische Prinzipien: "Extra-, intra- und intertextuelle Bezüge können in kausale Relation zum Text gestellt werden", versus: "Kausalität kann ohne Empirie nur plausibel gemacht, jedoch nie abgesichert werden", versus: "freie, folgenlose Assoziation ist alles, was der Literatur und der Literaturwissenschaft zusteht".

Das Bild, das sich nun von der Literaturwissenschaft ergibt ist bestimmt von einer viergliedrigen Methode literaturwissenschaftlichen Arbeitens. Weiters resultieren aus der Komplexität des Gegenstandes 'Literatur' eine Reihe von Perspektiven, die jedoch nicht paradigmatisch einander ausschliessen, sondern als spezialisierte Teilbereiche eines übergeordneten Erkenntnisinteresses respektiert werden können.

Schliesslich finden sich in bestimmten Bereichen tatsächlich konfligierende Grundannahmen, auf welche eine literaturwissenschaftliche Position auch Position beziehen muss.113 Damit möchte ich in dieser Arbeit einer Forderung zur "Linderung dieser 'neuen Unübersichtlichkeit'"114 der Literaturwissenschaft nach der Methodendiskussion der späten sechziger und frühen siebziger Jahre115 nachkommen.

3.2. Einbettung des kognitiven Ansatzes in bestehende Perspektiven

Ausgehend davon, dass in der Literaturwissenschaft bestimmte paradigmatische Grundannahmen, bestimmte Positionen charakterisieren, muss wahrscheinlich auch die 'kognitive Literaturwissenschaft' als Position betrachtet werden. Prämissen, wie Experientialismus, Holismus und der phänomenologische Grundgedanke, bestimmen deren Einordnung. Daneben jedoch scheint der Versuch lohnend, innerhalb dieser Position auf eine systemische Literaturwissenschaft hinzuarbeiten und die zahlreichen Perspektiven weitestgehend zu integrieren.

Nicht zufälligerweise lässt sich jene eine Methode der Literaturwissenschaft mit unterschiedlichen kognitiven Mechanismen in Einklang bringen. Um diesen Zusammenhang zu verstehen, muss sich der Forscher selbst als lesender und schreibender Mensch verstehen. - Lesend: Den zu untersuchenden Text. - Schreibend: Die Forschungsarbeit.

- Introspektion: Aktive Rekonstruktion mit konstantem Feedback. Elemente des Textes werden aufgenommen, und über 'mapping' formuliert der kognitive Apparat Interpretationshypothesen. Im fortlaufenden Lesen, werden diese Hypothesen gestärkt, modifiziert, oder verworfen. Introspektion ist das Bewusstwerden dieses kognitiven Vorgangs in der spezifischen Interaktion mit einem Text.

- Interpretation: 'Mapping'. Ich führe die spezifische Funktion der Textinterpretation zurück auf die kognitive Grundfunktion des 'mapping'. Damit steht die Interpretation nicht selbständig als Methode da, sondern wiederum als funktionales Prinzip im Zusammenhang mit den Methoden der Introspektion, wie auch nachfolgend der

Argumentation. Der Vorgang der Interpretation sei damit sowohl zentraler Bestandteil der rezeptiven Feedbackschlaufe wie auch der produktiven Feedbackschlaufe.

- Argumentation: Produktion aktualisierter Zusammenhänge mit 'mapping' in der Feedbackschlaufe. Argumentation kann zunächst beschrieben werden als Aktualisierung jener Interpretationen, die während des Leseprozesses stattgefunden haben, im Hinblick auf ein bestimmtes Erkenntnisinteresse.116 Der zweite Schritt in der Argumentation ist die Produktion solcher aktualisierter Zusammenhänge in Form von Sprache. Dabei wird das Geschriebene gelesen und die aus dem Lesen entstehenden Hypothesen mit den ursprünglich aktualisierten Zusammenhängen verglichen und beeinflussen die weitere Argumentation. Dass die wissenschaftliche Argumentation gewissen kommunikativen Regeln folge, ist die Forderung, die im Ziel 'Intersubjektivität' begründet ist: Dass ein beliebiger Leser innerhalb einer kulturellen Gemeinschaft (Literaturwissenschafter) zu einer bestimmten Argumentation möglichst dieselben Hypothesen aufstelle, die im Argumentationsprozess auf der Seite des Schreibenden aktualisiert wurden. Problematisch ist dabei der Umstand, dass in jeder Argumentation (der literarische Text selbst ist auch eine) ein synchrones, dreidimensionales Netzwerk117 transponiert werden muss in einen diachronen, linear-syntaktischen Strang von Sub-Netzwerken (Begriffen).118

- Empirische Überprüfung: Im Zusammenhang mit der Empirie von kognitiver Aktivität zu sprechen mag abwegig erscheinen. Doch sie ist eine Methode, die von einem Forscher grundsätzlich im Bewusstsein bestimmter Ziele angewendet wird, was die Fragestellungen und die Kriterien der Auswertung bestimmt.

Diese resümierte Beschreibung der literaturwissenschaftlichen Methode aus kognitiver Sicht verdeutlicht, dass die Integration von Erkenntnissen der Kognitionsforschung in die Literaturwissenschaft auf der methodischen Ebene keine grundsätzliche Neuausrichtung verlangt, sondern lediglich die Argumentation zur Bewusstwerdung der Vorgänge, ihrer Beschränkungen und ihrer Möglichkeiten liefern will. Die Methode der Literaturwissenschaft muss deswegen nicht grundsätzlich in Frage gestellt werden, weil sie über die kognitive Anlage des Menschen bereits adäquat in der Sache 'Literatur' begründet ist. An diese Argumentation angelehnt, können auch die verschiedenen Perspektiven in der Literaturwissenschaft kognitiv funktionalisiert werden. Zunächst ist festzuhalten, dass jede Perspektive, die irgend einen Bezug zu einem Text herstellt, der intersubjektiv das Etikett 'relevant' erhalten würde, als Perspektive anerkannt werden soll.119

3.3. Skizze einer modularen Literaturwissenschaft

Die wichtigsten Bedingungen für die Integration des kognitiven Ansatzes mit bestehenden Perspektiven der Literaturwissenschaft sollen im folgenden kurz angedeutet werden. Dabei ist es sehr wahrscheinlich, dass bekennende Vertreter der jeweils genannten Position die Vorschläge ablehnen. Distanziertere Beobachter des literaturwissenschaftlichen Diskurses wiederum mögen sich anregen lassen. Die Grundbedingung lässt sich so formulieren: "Ein kognitiver Ansatz kann als Ergänzung zu bestehenden Perspektiven fruchtbar gemacht werden, wenn in folgenden Punkten Übereinstimmung erreicht wird:"

Mit den Perspektiven der werkimmanenten Interpretation:

- Das literarische Werk sei wesentlich bestimmt durch nichts als den Text selbst. Aussagen über ein literarisches Werk seien jedoch immer vermittelt. Das heisst, sie seien immer als Aussagen eines realen oder hypothetischen Lesers zu behandeln.120
- Es muss übereingekommen werden, dass syntaktische und semantische Strukturen eines Textes sowohl im Schreibprozess als auch im Verstehensprozess grundsätzlich kognitiv funktionalisiert sind.
- Es seien Beziehungen auf der Ebene des Textes, die das subjektive oder intersubjektive Feststellen einer oder mehrerer kognitiv wahrer Bedeutungen ermöglichen. Es sei nicht möglich, darüber hinaus irgendeine Aussage über die objektive Welt zu machen. Mit hermeneutischen Perspektiven:
- Es muss übereingekommen werden, dass Intention ein kognitiver Zustand des Autors ist. Dieser Zustand kann sich im Text produzieren.
- Der Interpretationsvorgang stelle ein Herantasten des Interpreten an die kognitive Wahrheit des Textes dar, mit dem Hauptaugenmerk auf Stellen und/oder Ebenen des Textes, an/auf denen jener kognitive Zustand des Autors sich produziert.
- Aussagen über die einem Text zugrundeliegende Intention seien jedoch immer im Bewusstsein einer dreifachen Vermittlung zu fällen: Erstens der Vermittlung der Intention durch den poetischen Gedanken (die Strukturierung der Intention im Hinblick auf etwas zu Schreibendes, eine Fiktion, etc.), zweitens der Vermittlung des poetischen Gedankens in der Umwandlung in die Linearität und Beschränktheit der Sprache, drittens der Vermittlung des geschriebenen Textes in der Rekonstruktion durch den Forscher. Mit rezeptionsästhetischen Perspektiven:121
- Der Verarbeitungsprozess des Lesers stellt eine kognitive Aktivität dar.
- Diese Aktivität sei beschreibbar als Integration von Umständen des Textes mit Umständen eines lesenden Individuums und seinem Schatz an Erfahrungen innerhalb einer Gesellschaft, sowie mit Umständen der zeitlichen Linearität des Lesens im Sinne von Erwartung, Leseprozess (Feedback) und abschliessender Hypothese. Mit der Perspektive linguistischer Poetik:
- Sprache als Trägerin von Bedeutung sei ein kognitives Phänomen. Allein in ihrer phonetischen oder visuellen Manifestation (gedruckter Text) ist Sprache objektiv.
- Erst die Voraussetzung eines Autors und/oder eines Lesers als kognitive Instanz vermöge eine Instanz von Sprache als Trägerin von Bedeutung zu funktionalisieren.
- Sprachsysteme seien dynamisch (im Gegensatz zu normierbar) und bestimmt durch kognitive Prinzipien der Generalisierung, Kategorisierung und Vernetzung als Fähigkeiten aller Individuen einer Sprachgemeinschaft, sowie durch Elemente des individuellen und kollektiven Erfahrungsschatzes im Umgang mit Instanzen der objektiven Welt wie im Umgang mit Instanzen von Sprache selbst.

Mit der diskursanalytischen Perspektive:

- Es muss übereingekommen werden, dass das Prinzip der kognitiven Wahrheit beliebiger Interpretation Grenzen setzt. Einerseits weil die phylogenetische Entwicklung des kognitiven Apparats (Kategorien und Mechanismen) bis zu einem bestimmten Grad im 'Menschsein' konventionalisiert ist, andererseits weil die ontogenetische Entwicklung des kognitiven Apparats (Kategorien und Mechanismen) bis zu einem bestimmten Grad innerhalb einer Gemeinschaft konventionalisiert ist.
- Mehrdeutige und hermetische Textstellen werden damit nicht negiert. Es gelte vielmehr die Haltung, dass jede sprachliche Einheit tendenziell eine kognitive Wahrheit verkörpert, das heisst: Jede sprachliche Einheit hat als Konstrukt tendenziell eine bestimmte Bedeutung (hermeneutische Perspektive), und: Jede sprachliche Einheit hat in ihrer Rezeption tendenziell eine bestimmte Bedeutung (werkimmanente Interpretation, rezeptionsästhetische Perspektive). Mehrdeutigkeit oder Hermetik einer Textstelle kann beschrieben werden und als Erkenntnis zugelassen werden.

Mit der positivistischen Perspektive:

- Die Biographie eines Autors als Nachvollzug seiner individuellen experientiellen Ontogenese kann in einem relevanten Bezug zum Werk stehen, und umgekehrt.
- Die Distanz zwischen objektiver Biographie, subjektiver (erfahrener) Biographie, erinnerter Biographie (so etwa in einer Autobiographie) und verzerrter erinnerter Biographie (im Falle eines 'nicht-' oder 'nur-zum-Teil'-autobiographischen Textes), mit den aus ihr resultierenden Vorbehalten auferlegen der positivistischen Perspektive massive Vorbehalte.

Psychoanalytische Perspektive:

- Es gelten dieselben Vorbehalte wie eben bei der positivistischen Perspektive. Soziologische Perspektive:122
- Konventionssysteme stehen in relevantem Bezug zum Werk.
- Konventionen und gesellschaftliche 'Orte' als wiederkehrende Instanzen täglicher Erfahrung können als überindividuelle kognitive Wahrheiten bestimmt werden und stellen in ihrer sprachlichen Manifestation weitgehend die Grundlage der Verständigung innerhalb einer Sprachgemeinschaft dar.
- Soziologische Bezüge zum Werk seien eingeschränkt durch die Konkurrenz der vorher erwähnten individualpsychologischen, individualhistorischen und intentionalen Perspektiven, sowie durch dieselben Vorbehalte der Vermittlung.

Wenn die bisher als unvereinbar betrachteten 'Methoden' der Literaturwissenschaft als Perspektiven zugelassen werden, wird es möglich, die Literaturwissenschaft als im positiven Sinne differenziertes Forschungsfeld zu charakterisieren. Die kognitive Linguistik könnte dazu beitragen, einen Zusammenhang stiftenden Blickwinkel den einzelnen Perspektiven gegenüber einzunehmen und am jeweiligen Ort im übergeordneten Kommunikationsmodell den Perspektiven die kognitive Basis bewusst zu machen. zähle ich hierzu auch die bei Fricke 1991, S. 177 getrennt aufgeführten Perspektiven 'Wirkungsgeschichte' und 'Leserpsychologie'

Teil II: Exemplarische Untersuchungen zur Wiederholung in Texten Peter Handkes

1. Die Wiederholung als konstituierendes Prinzip von Literatur

Auf dem Fundament der eben ausführlich hergeleiteten Methode und literaturwissen- schaftlichen Position, sollen nun im zweiten Teil dieser Arbeit exemplarisch zwei literarische Phänomene untersucht werden: Einerseits das Phänomen der Wiederholung, das als syntaktisch-semantische Textstruktur und als erkenntnistheoretisches Prinzip im gegenwärtigen literaturtheoretischen Diskurs zunehmend zu neuem Ansehen gelangt. Andererseits Texte Peter Handkes, in welchen, wie sich herausstellen wird, der Wiederholung weit mehr Bedeutung zukommt, als nur für die Titel zweier Bücher bedeutungsvoll Pate gestanden zu haben.123 Beide Phänomene, die Wiederholung, wie Handkes Schreiben stehen in der Forschung in einem spannungsgeladenen, oft wertenden Kontext, welcher ihre Bedeutung in der Vergangenheit eher verschleiert denn herausgearbeitet hat.

Die Wiederholung ist im literaturwissenschaftlichen Diskurs der letzten zehn Jahre vermehrt in den Mittelpunkt des Interesses getreten, durch das Bestreben verschiedener Literaturwissenschafter, die wertende Dichotomie von Trivial- und 'hoher' Literatur zu überwinden. Die Wiederholung war zuvor als Zeichen für mangelnde Differenziertheit des Ausdrucks, als Defizit gegenüber der normativen stilistischen Maxime 'varietas delectat', tendenziell aus dem Kanon 'guter' epischer Stilmittel verbannt worden. Dies hängt unter anderem mit der strengen Handhabung des Begriffs zusammen, welcher sich auf die morphologisch-syntaktische Ebene beschränkte, im Sinne von exakter Wortwiederholung oder der Wiederholung syntaktischer Strukturen. Der Wiederholungsbegriff, der sich heute zunehmend in den Vordergrund drängt, ist grundsätzlich um die semantische Komponente erweitert. Der neue Begriff integriert die morphologisch-syntaktische Ebene mit der Ebene thematischer Wiederholung (Leitmotiv, Isotopie) und mit ihrer erkenntnistheoretischen Dimension im Kontext von Erinnerung, Erwartung und Existenz, wie sie zum Beispiel bei Kierkegaard124 verankert sind. Diese Integration führt dazu, dass die Wiederholung im Umgang mit Texten drastisch an Bedeutung gewinnt und als relevanter Faktor im Nachdenken über Literatur allgemein anerkannt werden will.

1.1. Die Wiederholung auf der wortsemantischen Ebene

1.1.1. Die Wiederholung als 'Abweichung'

Ein Beispiel für die Argumentation, welche die Wiederholung aus ihrem Schattendasein als defizitäres Merkmal von Trivialliteratur herausführen will und hinter der normativen Unterscheidung zwischen 'erwünschten' und 'nicht erwünschten' Wiederholungen125 nach einer generellen Funktionalisierung sucht, ist bei Fricke126 zu finden. Auf der Basis der Dichotomie von Norm und Abweichung127 stellt er fest: "Eine Verletzung implizit gültiger sprachlicher Normen erfüllt eine >Funktion< genau dann, wenn sie eine Beziehung herstellt, die ohne diese Normabweichung so nicht bestünde."128 Und weiter hinten: "Eine bei der Bestimmung von internen Funktionen auffällig häufig sich aufdrängende Kategorie ist die der >Wiederholung<"129. Es stellt sich in der Folge die Frage: "Wie kann diese Funktion, die eine Wiederholung als 'gerechtfertigte' Abweichung zulässt, definiert werden?" - "Gibt es überhaupt Fälle, die nach dieser Definition keine 'Funktion' erfüllen?" Fricke schränkt seine Definition weiter ein: "Diese Beziehung muss eine empirisch nachweisbare Disposition zur Erzeugung bestimmter Leserwirkungen besitzen [...]"130

Wenn wir aber davon ausgehen, mit einem Text (denn wir reden ja über Literatur) konfrontiert zu sein, der ohne Druckfehler das Produkt eines mit der Sprache vertrauten Autors ist, dessen Ausführungen wir hermeneutisch interpretieren wollen, dann muss konsequenterweise jede Abweichung/ Wiederholung131 als prinzipiell durch die Intention des Autors funktionalisiert verstanden werden. Und noch zersetzender: Wenn wir, wie Fricke selber, davon ausgehen, dass Bedeutung allein zwischen Text und Leser entsteht, unabhängig von Intentionalität, dann könnte die Haltung vertreten werden, jede Art von Abweichung/Wiederholung sei funktionalisiert, auch wenn sie allenfalls auf der Produktionsseite ein Fehler, oder ein Defizit war.132 Abgesehen davon, dass allein schon die Abweichung/Wiederholung in sich selbst bedeutungstragend ist, so ist sie in den meisten Fällen zusätzlich ein kreatives Ereignis, im Zuge dessen neue Bedeutung generiert wird. Dazu einige Beispiele:

'Warrum?'

Bereits die onomatopoetische Qualität dieser Wortschöpfung durch die Wiederholung eines Konsonanten muss als Funktion im Sinne Frickes gelten. Die Funktion ist es, dass ein geschriebenes Wort, welches normalerweise als nurmehr semantisches Ereignis registriert wird, durch die Verdoppelung den automatisierten 'semantischen' Lesefluss unterbricht, und ein 'phonetisches' Lesen provoziert. Eine weitergehende Funktionalisierung im Kontext, im Rahmen von Figurencharakterisierung, oder als rhytmisierendes Element können diese 'Abweichung' zusätzlich rechtfertigen.

'Die "weissweissen Wurzeln"'133

Dieses Kompositum aus zweimal demselben Lexem erfüllt in sich selbst zwei Funktionen: Erstens eine wortsemantische, als Verdoppelung=Steigerung des Adjektivs 'weiss'. Zweitens eine textsemantische, indem die Wahl der 'Abweichung' 'weissweiss' anstelle der 'Normbegriffe' 'schneeweiss', 'blütenweiss' oder 'blendendweiss'134 etwas über den sprachlichen Anspruch des Textes aussagen kann.

"Der Schweiss brach ihm aus, ein anderer als der Todesschweiss eine Zeitlang zuvor. Sie lacht. Lacht sie ihn aus? Sein Herz beginnt zu bluten. Gibt es das also? Ja, das gibt es. Endlich blutet also sein Herz, und er kann wieder sprechen, zuerst nur mit einem Schrei: >>Was wollen Sie von mir? Was willst du von mir? Sag, was willst du von mir?<<"135 Zur detaillierteren Auseinandersetzung mit der Wiederholung bei Handke werde ich in einem späteren Kapitel kommen. Dieses Beispiel soll jedoch aufzeigen, wie in der Wiederholung morphosyntaktische, semantische und textsemantische Funktionen wahrgenommen werden können.

Um gewisse Vorurteile im Umgang mit der Wiederholung zu vermeiden, ist es meines Erachtens nötig, die Kategorien 'Norm' und 'Abweichung' etwas auszudifferenzieren. Ich werde sprechen von 'Konvention', 'Kreation' und 'Dysfunktion' und in diesem Zusammenhang von 'auffällig' versus 'nicht-auffällig'. Dabei ist 'Konvention' synonym zu 'Norm', und wird lediglich wegen der verhältnismässig demokratischeren und präziseren Semantisierung bevorzugt. 'Kreation' als eigentlich neu geschaffener Terminus entspricht der 'funktionalisierten Abweichung', die in der Literatur ein kreatives Moment darstellt. 'Dysfunktion', schliesslich bezeichne, wo sie auftritt, die dysfunktionelle, und damit nicht gerechtfertigte 'Abweichung'. Es sollen in dieser Dreiteilung erstens die Konnotationen 'richtig' und 'falsch', (auch 'verbreitet' und 'selten') die den Termini 'Norm' und 'Abweichung' anhaften, ausgeschaltet werden. Zweitens wird das zentrale Kriterium 'Funktion' klarer in der Terminologie verankert, indem sowohl Instanzen von 'Konvention' als auch 'Kreation' immer das Kriterium der Funktionalität erfüllen, und 'dysfunktionelle' Instanzen von Sprache dieses nie erfüllen. Mit den neuen Termini gesprochen, kann man für die Literatur sagen: 'Die auffällige Wiederholung in der Literatur ist im allgemeinen eine kreative Instanz von Sprache, indem sie sich über Konventionen hinwegsetzt und dadurch im Leser neue Bedeutung zu generieren vermag. In Fällen, in denen ihr keine Funktion zur Generierung neuer Bedeutung nahegelegt werden kann, ist die Abweichung/Wiederholung dysfunktional.

Exkurs: Grenzen der Bedeutung

Die Grenze zwischen Bedeutung und Nonsens, und damit Dysfunktion136 einer sprachlichen Instanz scheint je nach literaturwissenschaftlicher Perspektive anders zu ziehen zu sein. Charakteristisch für die verschiedenen Perspektiven (und das verlangt auch danach, dass sie unterschieden werden müssen) ist, dass sie die Bedeutung eines Textes in unterschiedliche Bezüge stellen. So ist aus hermeneutischer Sicht, wie schon angetönt, genau das dysfunktional, was nicht im Zusammenhang mit einer Intention des Autors begründet werden kann. Sie würde damit hermetische Textpassagen als kreative Instanzen von Sprache dulden, und mit allen Mitteln zu knacken versuchen. Druckfehler und ähnliches, als Instanzen von Sprache, die intentionslos generiert wurden, würde sie hingegen als dysfunktionale Instanzen von Sprache verwerfen müssen.

Ein echter werkimmanenter Ansatz, der den Text in all seinen Facetten erfassen will, müsste hingegen selbst solche 'Fehler' als kreative Instanz von Sprache akzeptieren. Wenn eine

'Spur' physischer Teil eines Werks ist, wird sie gezwungenermassen zum Symbol und erfüllt eine semantische Funktion. Eine lesergerichtete Perspektive möchte hier gewichtigere Einschränkungen machen. Um die Definition von Fricke nochmals aufzugreifen und weiterzuführen:

"Eine Verletzung implizit gültiger sprachlicher Normen erfüllt eine >Funktion< genau dann, wenn sie eine Beziehung herstellt, die ohne diese Normabweichung nicht bestünde. Diese Beziehung muss eine empirisch nachweisbare Disposition zur Erzeugung bestimmter Leserwirkungen besitzen: Dies kann eine textinterne oder auch eine textexterne Beziehung sein."137

Was Fricke mit 'Disposition zur Erzeugung bestimmter Leserwirkungen' beschreibt ist im literaturwissenschaftlichen Diskurs jedoch eine weite interpretative Grauzone, in der sich zwei Gretchenfragen der Literaturtheorie stellen. Erstens: Die Frage nach der Grenze der Interpretation. Zweitens: Die Frage nach der Grenze von Bedeutung. Es sind dies beide fundamentale erkenntnistheoretische Fragen, die bereits einleitend im Zusammenhang mit der Kognitionsforschung andiskutiert wurden. Die empirische Leserwirkung hängt nämlich genauso vom Text ab, wie vom 'empirischen Leser', der mit seinen mitunter auch situativ bestimmten 'belief systems'138 an den Text herantritt, und wie weiter vorne beschrieben wurde, im Zuge des Lesens Hypothesen aufstellt und kontinuierlich überprüft. Dieser Vorgang soll nun in Bezug auf die Abweichung modellhaft nachvollzogen werden.

Kreativ sei eine Abweichung dann, wenn sie im Leser mindestens drei Hypothesen provoziert: die Hypothese der Ähnlichkeit, gefolgt von der Hypothese der 'Nicht- Konventionalität' und einer Hypothese der 'anderen Bedeutung'.139 Wenn ich auf die weiter vorne benutzten Beispiele von Wiederholung zurückgreife, lässt sich dieser Ablauf veranschaulichen:

Sowohl die sprachliche Instanz 'warrum?', wie auch 'weissweiss' sind erkennbar als auffällige Variationen der bekannten ICMs 'warum?' und 'weiss'. 'Erkennbar' heisst, dass das bildliche und/oder akustische und/oder semantische Schema des angetroffenen Lexems über 'mapping' im Hinblick auf ein bestehendes ICM, eine Hypothese grundsätzlicher Ähnlichkeit aufstellt. 'Grundsätzliche Ähnlichkeit' heisst, dass die Deckung der bildschematischen Strukturen der beiden Lexemfolgen 'warrum?' und 'warum?' ausreicht, um 'warrum?' im Netzwerk kognitiver Erfahrungsstrukturen einem bestimmten Schema zwingend zuzuordnen.

Die Hypothese der 'Nicht-Konventionalität' entspringt der kognitiven Fähigkeit zur Kategorisierung. Dadurch, dass der Erfahrungsschatz an Instanzen geschriebener Sprache in unserem Kulturkreis höchst konventionalisiert ist, das heisst, die Konvention auf der semantischen, wie auf der orthographischen Ebene genau umrissen ist, fällt diese Hypothese in Bezug auf 'warrum?' relativ leicht: Die Kategorie 'Frage nach kausaler Relation' beherbergt eine endliche Anzahl von definierten Lexemen 'warum?', 'weswegen?', 'weshalb?', etc.140 Da das Lexem 'warum?' Produkt arbiträrer sprachlicher Konvention ist, repräsentiert es selbst keine Kategorie, sondern eine einzelne Instanz141, zu welcher Ähnlichkeitsrelationen hergestellt werden können, die jedoch keine Varianten duldet, sondern nur Abweichungen registrieren kann.

Die Hypothese der 'anderen Bedeutung' ergibt sich aus dem im ersten Teil dieser Arbeit beschriebenen kognitiven Ziel der Zuweisung von Bedeutung zu Phänomenen der Umwelt. Insofern als 'warrum?' der Instanz 'warum?' vorerst als Abweichung zugeordnet ist, wird das Lexem nun im kognitiven Netzwerk mit als Element in die Kategorie 'Abweichung' eingegliedert, wo es mit den anderen Elementen der Kategorie die bildschematische Struktur des 'Nicht-Konventionellen' teilt. Den Elementen der Kategorie 'Abweichung' gemeinsam ist, je nach 'belief system' des Individuums, eine inhärente, schematische Kausalität (warum der Bonsai so klein ist, warum ein Auto nur drei Räder hat, warum in 'warrum' das 'r' verdoppelt wurde). Wenn ich mich auf die Subkategorie 'von Menschen verursachte Abweichung' konzentriere, treffe ich auf zwei verschiedene schematische Begründungszusammenhänge: einerseits die weiter erforschbaren Begründungen 'Zweck', oder 'Intention', andererseits die finalen Begründungen 'Fehler', 'Zufall', oder 'Ich-Weiss-Nicht'. 142

Wenn nun der Erfahrungskontext, wie im Falle von Literatur nahelegt, dass 'Fehler' und 'Zufall' in dieser neuerlichen Subkategorie von 'durch Schriftsteller verursachte Abweichungen' ihrerseits Abweichungen darstellen, so wird die Hypothese der 'anderen Bedeutung' weiterverfolgt und bleibt solange bestehen, bis ein kognitiv wahrer Begründungszusammenhang die endgültige Einbettung der Abweichung in kognitive Strukturen erlaubt.

Ich stehe als Literaturwissenschafter vor zwei Möglichkeiten: Einerseits, die Hypothese der 'anderen Bedeutung' a priori als Ziel zu formulieren, indem ich der Grundannahme folge, dass alles Geschriebene bedeutungstragend ist, und damit jede Abweichung eine kreative Instanz von Sprache ist. Andererseits habe ich die Möglichkeit, zwischen kreativ und dysfunktional zu unterscheiden, indem ich eine Grenze definiere. Was durch die vorherigen Ausführungen über den kognitiven Ablauf der Interpretation von Abweichungen veranschaulicht wird, ist nämlich, dass diese Grenze eine arbiträre sein muss: Grundsätzlich stellen in diesem kognitiven Modell 'Fehler', 'Zufall', oder 'Ich-Weiss-Nicht' bereits Bedeutungen dar, die zu erreichen eine Hypothese der 'anderen Bedeutung' voraussetzt. Doch selbst wenn jene Begründungszusammenhänge (arbiträr) als unzureichend definiert werden, ist die Kognition des Menschen, und hier des lesenden Menschen fähig, über die weitere Modifikation der Hypothese der 'anderen Bedeutung' im Leseverlauf unter Miteinbezug immer entlegenerer Netzwerke innerhalb seines 'belief systems' zu einer Interpretation zu gelangen, die dann so lange kognitiv wahr ist, bis weitere Erfahrungen diese Interpretation widerlegen, oder eine plausiblere vorschlagen. Diesem Prozess einer selbst Bedeutung herstellenden Kognition auf Leserseite muss sich meines Erachtens die Literaturwissenschaft unterordnen.143 Die vorerst elegante Lösung, nur als kreative Instanz von Sprache anzuerkennen, was beim (ersten?, zweiten?, dritten?) Lesen eine 'Leserwirkung' (ist der Leser weiblich?, männlich?, mit Aristoteles, oder Arno Schmidt vertraut?) erzielt, erweist sich als mindestens so komplex, wenig zielführend, und dabei arbiträr, wie die Aussage: "Jede Abweichung in einem Text kreiert neue Bedeutung, ist funktionalisiert, und damit eine poetische Abweichung."144 Aus dieser Argumentation heraus ist meine Stellungnahme auf das zugrundeliegende Zitat von Fricke, dass die 'empirisch nachweisbare Disposition zur Erzeugung bestimmter Leserwirkungen' in der Literatur ohne Ausnahme in jeder anzutreffenden Abweichung gegeben ist.

1.1.2. Hypothesen aufstellen: Zur Wiederholung auf der wortsemantischen Ebene

Ich möchte auf eines der Beispiele zurückkommen, die eingangs dieses Kapitels zitiert worden sind, welches aus der eben gewonnenen Perspektive betrachtet werden soll: Die "weissweissen Wurzeln"145

Charakteristik dessen, was negativ besetzt als 'blosse' Aequivocation bezeichnet werden kann, ist aus kognitiver Sicht, dass durch zweimalige Aktualisierung ein- und desselben ICMs neue Bedeutung kreiert wird. Die menschliche Kognition ist ein dynamischer, aus jeder seiner Handlungen in der Zeit lernender Organismus. Das heisst, dass a priori jede wiederholte Instanz von Sprache, auch wenn sie durch den Leser nicht bewusst als Wiederholung erfasst wird, auf Struktur und Einbettung des wiederholten ICMs Auswirkungen hat. Auch die nicht-kognitiv ausgerichtete Wissenschaft anerkennt im allgemeinen den Umstand, dass Wiederholung Gewohnheiten produziert,146 und gerade in diesem Aspekt der Gewohnheitsbildung liegt die intrinsische Bedeutung der Wiederholung.147 Wenn nun, wie im vorliegenden Fall davon ausgegangen werden kann, dass die Wiederholung als solche bewusst registriert wird, ergeben sich zusätzliche Dimensionen von Bedeutung: Der traditionelle Diskurs spricht von 'Amplifikation'. Kognitiv gesehen ist dies jedoch nicht zwingend richtig. Amplifikation entstünde aus 'weisser', oder 'sehr weiss', die Funktion von 'weissweiss' ist möglicherweise anders zu beschreiben.

'Weissweiss' ist eine auffällige Wiederholung. Sie provoziert eine Hypothese der Ähnlichkeit148 zum konventionellen ICM 'weisse Wurzel'. Diese Hypothese wird im Anschluss differenziert mit der Hypothese der Nicht-Konventionalität, durch welche 'weissweiss' als Abweichung in den Kontext der Kategorie 'weiss' mit den Elementen 'blütenweiss', 'schneeweiss', 'blendendweiss', etc. gestellt wird.

Die Hypothese der anderen Bedeutung veranlasst in der Folge eine Re-Aktualisierung möglicher Verknüpfungen, um Bedeutung zu determinieren. Es gibt mindestens zwei verschiedene Ansätze auf der bildschematischen Ebene, wovon der eine der linguistisch 'richtige', der andere jedoch kognitiv ebenso wahrscheinlich ist:

- Der 'richtige' Ansatz: 'Weissweiss' ist ein Kompositum. Komposita implizieren eine syntaktische Beziehung zwischen ihren Gliedern ('scharfkantig' - mit scharfen Kanten, oder: 'blütenweiss' - weiss wie eine Blüte, etc.). Im Fall 'weissweiss' ist es ein weisses Weiss als Farbe eines Gegenstandes. 'Weiss' ist dann die Pr ä zisierung von weiss (als Sache).

- Der ebenso wahrscheinliche Ansatz: Die beiden Instanzen von 'weiss' werden in der Aktualisierung der Verknüpfungen direkt auf den Gegenstand 'Wurzel' bezogen, 'weissweiss' wird nicht als Kompositum, sondern als einfache Epenalepse im Sinne von 'weiss, weiss' aufgefasst. Das sich daraus ergebende dynamische Bildschema würde dann auf der Struktur 'Wurzel: weiss, weiss' basieren. Es gibt wiederum mindestens zwei Möglichkeiten, wie diese bildschematische Struktur in eine spezifische Bildsequenz basierend auf der Handlung 'Ausgraben einer Wurzel' aktualisiert werden kann: Einerseits als Amplifikation, als Steigerung der Intensität von 'Wurzel' (graubraun), zu 'Wurzel: weiss' (milchig-, dreckigweiss), zu 'Wurzel: weiss, weiss' (Colgate-weiss). Andererseits als Transzendierung, Säuberung im Sinne des Idealen, von 'Wurzel' (graubraun), zu 'Wurzel: weiss' (weiss, mit Dreck an Fasern und in Knicken), zu 'Wurzel: weiss, weiss' (weiss, mirakulöserweise auch dort, wo normalerweise Dreck, und damit Verfärbung ist).

Damit könnten der Hypothese der anderen Bedeutung mindestens drei Interpretationen entspringen: 'weissweiss' als Pr ä zisierung, als Amplifikation oder als Transzendierung. Es wäre Unklug, nun in eine Argumentation eintreten zu wollen, die ohne empirische Grundlage unter diesen Interpretationen die 'richtige' oder die wahrscheinlichere eruieren möchte. Kognitiv wahr können alle drei sein. Die Literaturwissenschaft muss sich dem Umstand stellen, dass spezifischen Interpretationen durch Leser oder Forscher allenfalls ein Prozentsatz statistischer Intersubjektivität zugeordnet werden kann. Andererseits ergeben sich auf dem Weg zu spezifischen Interpretationen in jedem Fall Stationen von allgemeinerer Qualität, welche intersubjektive Aussagen darüber machen können, wie diese Art von Interpretation zustande kommen kann. Das heisst, es lässt sich feststellen und beschreiben, dass eine Instanz kreativer Sprache vorliegt, wie diese beschaffen ist, und auf welche Arten sie neue Bedeutung kreieren kann. Die Grenze einer sich intersubjektiv gehabenden Argumentation muss dort gezogen werden, wo die Individualität der 'belief systems' gegenüber den Übereinstimmungen, die innerhalb einer kulturellen Gemeinschaft vorausgesetzt werden können, Überhand nehmen.

Etwas kürzer nun, möchte ich auf das dritte der eingangs dieses Kapitels zitierten Beispiele zu sprechen kommen:

"Der Schweiss brach ihm aus, ein anderer als der Todesschweiss eine Zeitlang zuvor. Sie lacht. Lacht sie ihn aus? Sein Herz beginnt zu bluten. Gibt es das also? Ja, das gibt es. Endlich blutet also sein Herz, und er kann wieder sprechen, zuerst nur mit einem Schrei: >>Was wollen Sie von mir? Was willst du von mir? Sag, was willst du von mir?<<"149

Literatur sei im Kern geprägt von der Überlagerung zweier Funktionen: Der syntaktisch- linearen Konstruktion bzw. Rekonstruktion von Bedeutung im Schreib- und Leseprozess und der Elaboration dieser Bedeutung im netzwerkartigen kognitiven System. Wie der kognitive Ansatz diesen strukturalen Unterschied mittels Feedback und 'mapping' bewältigen will, ist bereits diskutiert worden, und ist auch in das vorangehende Beispiel miteingeflossen. Dieses neuerliche Zitat stellt in seiner Komplexität an diese Feedback-Funktion zusätzliche Ansprüche. Ich konzentriere mich deshalb nur exemplarisch auf die durch die Wiederholung direkt kreierte neue Bedeutung, tue dies jedoch auf zwei Ebenen: Die spezifische Wiederholung und die Wiederholung als konstituierendes Merkmal der ganzen Passage:

- Spezifische Wiederholung:

"Der Schweiss brach ihm aus, ein anderer als der Todesschweiss eine Zeitlang zuvor."

Hypothese der Ähnlichkeit: Die Instanz 'Schweiss' wird im Begriff selbst dem ausserkontextuellen 'basic level' Begriff 'Schweiss', sowie im Kontext der Wiederholung dem Begriff 'Todesschweiss' zum Vergleich gegenübergestellt. Die Hypothese lautet: "Das ICM 'Schweiss' ist hier in erster Linie zu vergleichen mit dem 'basic level' ICM 'Schweiss', durch 'anders als' in Abgrenzung zum 'subordinate level' ICM 'Todesschweiss'".

Hypothese der Nicht-Konventionalität: 'anderer Schweiss' ist ein Element der Kategorie 'Schweiss', und wird abgegrenzt gegenüber einem Element dieser Kategorie 'Todesschweiss'. Das Element wird auffällig in der Kategorie 'Schweiss', indem es selber nicht benannt wird (nur in Abgrenzung, was es nicht ist) und somit nicht mit einem bereits sprachlich erfahrenen ICM in Deckung gebracht werden kann.

Hypothese der anderen Bedeutung: im linearen Leseablauf noch schwebende Bedeutung, primär lediglich über die Aktualisierung der Verknüpfung 'anders als Todesschweiss' bestimmt, das heisst über die Wiederholung als r ü ckwirkende Pr ä zisierung. Die 'andere Bedeutung' ist nur über 'mapping' auf den Kontext, Intertext, oder auf Aussertextliches näher zu bestimmen.

Metaphorisches 'mapping' über Kategorien hinweg:

'Anderer Schweiss' im Kontext: 'Anderssein', 'ausgelacht werden', 'Herzbluten', 'sprechen/schreien'

'Anderer Schweiss' im erweiterten Kontext: z.B. 'Sprachverlust und Todesangst'150 'Anderer Schweiss' im Werkskontext: z.B. 'Verwandlung als Würgen'151 'Anderer Schweiss' im Intertext: z.B. "Moment des >>ganz Anderen<<"152

Als neue Bedeutung aus der Instanz hervorgehendes ICM:

Intersubjektiv: Abweichung von anderen Elementen der Kategorie, unbestimmt funktionalisiert als Zeichen von Anstrengung, rückwirkend präzisiert in Abgrenzung zum Begriff 'Todesschweiss'. Im Kontext der Rückgewinnung von Sprache, begleitet, neben dem Umstand des 'Andersseins', von Instanzen der Körperlichkeit, des Schmerzes und der Unsicherheit, sowie eingebettet in erweiterte Kontexte 'Verwandlung', 'Sprachverlust'. Individuell:153 Zum Beispiel als 'Lebensschweiss'. Die Rückgewinnung der Sprachfähigkeit wird in ihrer Metaphorik als 'Geburt' beschrieben. Schematischer Ablauf des Ausbruchs: Schweiss-Blut-Schrei. Strukturierung durch Schemata der Intimität, des Neuen, der Körperlichkeit: Aus/angelacht werden - Gibt es das? - Schweiss/Blut/Schrei.

Nun finden sich im angeführten Zitat weitere Wiederholungen, die auf diese Art untersucht werden müssten (vor allem da bei der Bildung der Hypothese der anderen Bedeutung eine Verknüpfung mit dem weiteren Kontext einer Instanz stattfindet). In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage: "Wäre ein genauer Leser nicht auch ohne dieses Schema von Hypothesen und kognitiven Prinzipien zu einer gleichwertigen Interpretation gelangt?" Dazu möchte ich im Hinblick auf den Gesamtanspruch dieser Arbeit die folgende Haltung wiederholen: Es ist nicht die Hauptproblematik in der Literaturwissenschaft, dass die Interpretationsstrategie, die in der literaturwissenschaftlichen Arbeit verfolgt wird, falsch wäre. Interpretation ist vielmehr darin begründet, wie wir als Menschen die Welt in all ihren Aspekten, inklusive der Literatur be-greifen, und ist damit wahrscheinlich das einzige und das beste Mittel, über Literatur zu reden. Die Problematik ist es, dass dem Forscher das Wesen seines interpretativen Tuns nur am Rande bewusst ist, oder dass er/sie es unterlässt, die Subjektivität einer Interpretation unverkleidet zur Diskussion zu stellen. Anspruch dieser Arbeit ist nicht, eine neue Methodik vorzuschlagen (was eben als Exempel durchexerziert wurde ist sicherlich zu langwierig, um als Argumentationsform zu funktionieren), sondern sie will die bestehende Methodik in ihren Beweggründen und Abläufen sichtbar machen.

1.2. Die Wiederholung als textsemantisches Phänomen

In der eben untersuchten Passage als Beispiel für einen (wenn auch kurzen) Text kann die Wiederholung als textkonstituierende Funktion herausgearbeitet werden. Die Auffälligkeit des Zitats ist nur zu einem kleinen Teil in der einen, untersuchten Wiederholung begründet, ist diese doch im alleinstehenden Satz 'Der Schweiss brach ihm aus, ein anderer als der Todesschweiss eine zeitlang zuvor.' nicht besonders auffällig. In der Gesamtheit der Passage kommen jedoch eine Reihe weiterer Wiederholungen auf der Ebene der Wortsemantik vor, einerseits rückwirkend präzisierend154 funktionalisiert, andererseits amplifizierend.

A) Präzisierungen:

'Sie lacht. Lacht sie ihn aus?'

'Sein Herz beginnt zu bluten. [...] Endlich blutet also sein Herz' 'Gibt es das also? Ja, das gibt es.'

'[...] und er kann wieder sprechen, zuerst nur mit einem Schrei'

B) Amplifizierung:

'>>Was wollen Sie von mir? Was willst du von mir? Sag, was willst Du von mir?<<'

1.2.1. Wiederholungsstrukturen als Bedeutungsträger:

Erst die Häufung von Wiederholungen, und die Häufung der eigentümlich rekursiven Syntax führt dazu, dass dieses Zitat 'auffällt', 'rhythmisiert' ist, einen 'Stil' bekommt. Doch es sind in diesem Fall nicht primär die gedruckten Wörter, die auffallen. Die Auffälligkeit ist vielmehr darin begründet, wie in der Ordnung und im semantischen Zusammenspiel der Begriffe die Elaboration von Bedeutung gesteuert wird, und wie diese Art von Steuerung vom 'belief system' des Lesers allenfalls mit anderen Arten erlebter oder vollzogener Bedeutungselaboration in Beziehung gesetzt wird. Ohne kognitiv zu argumentieren, entdeckt zum Beispiel Jahraus: "Das Invariante ist ordnungsbildend[...]".155 Dies ist richtig, wenn von einem durch Wiederholungsstrukturen definierten Schema ausgegangen wird:

Die wiederholte syntaktische Rekursivität der Instanzen präzisierender Wiederholung in diesem Beispiel, kann als kognitiver Ablauf schematisiert werden und mit den erfahrenen Schemata mündlicher Kommunikation oder mit ebenfalls erfahrenen Schemata des Denkens verknüpft werden. In jedem Fall entwickelt ein Schema, nach welchem im Text Bedeutung elaboriert wird, eine eigene Bedeutung.

1.2.2. Wiederholung und die Generation von Bedeutung:

Im Zusammenspiel zwischen wortsemantischer und textsemantischer Ebene können Wiederholungsschemata weiters eine Rechtfertigungsfunktion für andere Instanzen von kreativer Sprache erfüllen. Wenn zum Beispiel nach der Funktion und Bedeutung von Neokomposita in Handkes Texten gefragt wird, so ist gerade die Häufigkeit des Phänomens, das heisst die Intensität der Wiederholung des kreativen Aktes oft ausschlaggebend für die Beurteilung seiner Funktion im Textzusammenhang. Insofern: Wenn nach der Funktion der Wiederholung in einem Text gefragt wird, wird die Antwort zu einem grossen Teil in der 'Wiederholung der Wiederholungen' begründet sein. Man kann sagen, Wiederholungsschemata in einem Text seien funktionalisiert in ihrer Eigenbedeutung als auf eine bestimmte Weise den Text ordnende Struktur, und sie seien funktionalisiert indem untergeordnete Instanzen des Textes in dieser Struktur bestimmte neue Bedeutungen entwickeln. Eine Basisversion dieser Doppelstruktur wäre die folgende: In der Wiederholung produziert sich eine Gewohnheit (darin liegt ihre eigene Bedeutung). Die Gewohnheit amplifiziert wiederum die Differenzen zwischen den wiederholten Einheiten (und entwickelt damit Bedeutung).156

1.2.3. Wiederholung in der Zeit

Ein relevanter Faktor für die Disposition der Wiederholung, Bedeutung zu generieren, ist die Zeit. Gemeint ist die lineare Lesezeit. Vorkommen von Wiederholung über den Gesamttext hinweg sind grundsätzlich in verschiedene Kontexte eingebettet. Selbst wenn von an sich identischen Instanzen von Wiederholung ausgegangen wird, oder gar von einem identischen näheren Kontext, so findet sich, weiter ausgreifend, zwingend neuer Kontext, der in die Konzeptualisierung der Wiederholung mit hineinspielt. Textsemantisch gesehen, entwickeln sich Bedeutungen über den gesamten Leseverlauf hinweg. Das heisst, im Leseablauf werden gemäss dem Feedbackmodell laufend Hypothesen bezüglich des eben Gelesenen in Relation zu Erinnertem (im Text und über den Text hinweg) aufgestellt. In diesem Rahmen entwickeln sich auch laufend neue Hypothesen in Bezug auf den Gesamttext. Wenn man nun von zeitlich verschoben wiederkehrenden Instanzen von Wiederholung ausgeht, so produzieren diese eine Wechselwirkung auf der Textsemantischen Ebene: Einerseits strukturieren sie den Text und generieren in dieser Struktur neue Bedeutung. Andererseits wird wiederum die Bedeutung der wiederholten Instanz rückwirkend modifiziert, in einem sich verändernden Kontext und aufgrund sich wandelnder Interpretationshypothesen auf der Seite des Lesers.

Eine weitere Funktion der Wiederholung in der Zeit, ist eine prognostische. Wenn eine Iteration eine Gewohnheit generiert, so entsteht mit dieser Gewohnheit eine Erwartungshaltung. Dieser Ablauf ist vergleichbar mit dem Komplettieren einer angefangenen Reihe und repräsentiert eine kognitive Fähigkeit, die tief im sensomotorischen Erfahrungsschatz verwurzelt ist: Holistisch gesehen, kann nämlich kein grundlegender Unterschied bestehen zwischen der prognostischen Aktivität, die uns die voraussichtliche Linie eines in der Kurve entgegenkommenden Autos 'berechnet', und der Erwartung, am Ende des Hollywood-Streifens ein Happy-End zu erleben. Beides sind Fälle wiederholter Aufnahmen eines Sachverhalts, deren Schematisierung und das In-Bezugsetzen zu vergangenen Aufnahmen ähnlicher Sachverhalte (mapping) und der Ableitung von Erwartungen aus der schematischen Überlagerung der zu verschiedenen Zeitpunkten aufgenommenen Instanzen. Im Text äussert sich dies dahingehend, dass eine wiederholte Instanz eine Folgeerwartung auslöst.157 Die Literaturkritik spricht in solchen Fällen von 'spannend', von 'ahnungsvoll' und dergleichen. Kognitiv können mindestens drei Arten von Folgeerwartung unterschieden werden:

- Die Folgeerwartung im Moment der Wiederholung äussert sich darin, dass im Moment einer auffälligen Wiederholung einer sprachlichen Instanz der Kontext, in welchem diese Instanz bisher aufgetaucht ist, aktualisiert wird. Das heisst, die Wiederholung wird von der Erwartung überlagert, einen vergleichbaren Kontext anzutreffen, an welchem der tatsächlich angetroffene Kontext gemessen wird. Damit bestimmt die Erwartungshaltung aus früheren Kontexten mit, auf welche Art in einem Folgekontext Bedeutung elaboriert wird.

- Eine Folgeerwartung in Bezug auf die Weiterentwicklung der Wiederholung ergibt sich dann, wenn durch den Text ein Wiederholungsschema aufgebaut wird, welches eine semantische Dynamik entwickelt. Als Beispiel seien hier Fluchtgeschichten im Stil von 'Bonnie and Clyde' aufgeführt, in welchen der Verlauf der Geschichte im wesentlichen von einer dynamisierten Aventiurekette bestimmt wird. Die dynamisierte Aventiurekette besteht aus einer Reihe von 'Abenteuern', also schematisch ähnlichen Abläufen, die jedoch eine Steigerung darstellen, und so scheinbar auf ein bestimmtes Ziel zusteuern.

Die Folgeerwartung, die sich nach einigen Aventiuren einstellen muss, ist vergleichbar mit der Berechnung der Fahrt jenes Autos in der Kurve: Es wird in den Abgrund stürzen. Umgekehrt kann auch ein statisches Wiederholungsschema eine Folgeerwartung

motivieren: die Erwartung, dass weiterhin 'nur' wiederholt werden wird. Das heisst: Die Elaboration von Bedeutung in einer bestimmten Instanz basiert hier unter anderem auf einer wie auch immer beschaffenen bildschematischen Struktur eines Ziels.

- Die Folgeerwartung, wiederholt zu werden wird in jeder Kette von Wiederholungen relevant, die eine gewisse Wiederholungsfrequenz erreicht hat. Es ist dies eine Erkenntnis wie: "Der nächste Winter kommt bestimmt." In einem fiktionalen Kontext haftet diese Erwartung zum Beispiel dem Slapstick-Humor an, indem das Amüsement durch das Wissen verstärkt wird, dass derselbe Fehler schon einigemal passiert ist, und durch die Folgeerwartung, dass er noch mehrmals passieren wird. Die Erwartung, wiederholt zu werden ist dabei weniger auf den tatsächlichen Fortlauf des Textes gerichtet, wie dies bei der Erwartung einer Weiterentwicklung der Wiederholung der Fall ist, sondern als prognostische Erkenntnis vor allem rückwirkend auf die aufgenommene Instanz selber. Anders ausgedrückt, die Elaboration von Bedeutung (von der sprachlichen Instanz zum ICM) zu einem bestimmten Zeitpunkt basiert unter anderem auf dem bildschematischen Aspekt 'wird wiederholt werden' und einem propositionalen Wissen um mögliche Umstände dieser Wiederholung.

1.2.4. Wiederholung im Kommunikationsmodell

Ich habe bisher lediglich eine grobe Aufteilung der Wiederholung auf zwei Ebenen im Text angestrengt: Wiederholung auf der wortsemantischen Ebene und Wiederholung auf der textsemantischen Ebene. Diese Dimension gilt es noch näher zu beschreiben, wenn die Wiederholung als textkonstitutives Prinzip gefestigt werden soll. Fricke stellt den Anspruch klar: Wenn im Prinzip der Wiederholung das eigentliche Geheimnis eines Textes liegen soll, dann "müsste sich dieses Prinzip der Makrostruktur [...] auch in der Mikrostruktur wiederholen; dann müsste es sich bis in die Ebene des stilistischen Details hinein nachweisen lassen."158 Wie viele Ebenen dabei zwischen der Makrostruktur und der Mikrostruktur eingezogen werden, soll davon abhängen, wie vielen Ebenen unterschiedliche kognitive Funktionen159 zugeordnet werden können.

Ich möchte fünf Ebenen vorschlagen, spiegelgleich auf der Seite der Konstruktion (Schreiber) wie auf der Seite der Rekonstruktion von Bedeutung (Leser). Jede Ebene ist dadurch charakterisiert, wie sie zur Elaboration von Bedeutung beiträgt:

1. Implizite Ebene der Aktualisierung von Erfahrung: Ich gehe davon aus, dass im Verlauf der Textproduktion laufend eine Aktualisierung von Erfahrung stattfindet, eingebettet in den im ersten Teil beschriebenen Feedbackprozess des Schreibens. In diesem Modell wird im Normalfall jedes ICM gleich dreifach wiederholt. Zuerst wird eine Erfahrung in der Erinnerung idealisiert wiederholt, ins 'Bewusstsein gebracht'. Weiters wird sie den Regeln einer fiktiven Welt160 gemäss re-aktualisiert, und schliesslich wird sie, über die lineare, 'langsame' und in ihren Ausdrucksmöglichkeiten beschränkte schriftliche Sprache im Text wiederholt. Spiegelverkehrt ist dieser Ablauf auch in der Rekonstruktion anzunehmen: Im Lesen aktualisiert sich die Bedeutung zuerst als Hypothese der Ähnlichkeit. Begriffe werden als direkt korrelierte ICMs im 'belief system' des Lesers wiederholt. In der Hypothese der anderen Bedeutung werden diese wiederum in einem weiteren kontextuellen und intertextuellen Erfahrungsumfeld re-aktualisiert. Schliesslich können sie aus der Fiktion herausgelöst metaphorisch wiederholt werden als 'das, was mir ein Text an Erfahrung gebracht hat'.

2. Ebene der spezifischen Elaboration von Bedeutung: Auf dieser Ebene ist die Wiederholung im Text manifest. Sie kann dabei als lexikalisches, syntaktisches oder semantisches Phänomen auftreten, oder als eine Kombination. Charakteristisch ist, dass sie in einem überblickbaren Textrahmen stattfindet. Funktionalisiert ist sie jedoch erst auf der Ebene der Kognition. Elaboration von Bedeutung findet statt, indem das wiederholte Element sich selbst gegenübergestellt wird, und mindestens drei semantische Funktionen erfüllen kann: Amplifikation, Präzisierung und Transzendierung. 3. Ebene der textuellen Elaboration von Bedeutung: Textuell ist hier zu verstehen als 'auf das Bedeutungsgewebe bezogen'. Sie entspricht dem, was in diesem Kapitel unter dem Titel 'textsemantische Ebene' bisher besprochen worden ist: Die Wiederholung funktionalisiert als strukturierende und vernetzende Instanz im Text. Sie ist ein wesentliches Mittel zur Elaboration von Bedeutung einer bestimmten Stelle im Hinblick auf den Gesamtkontext, sowohl rückwirkend, als auch prognostisch.

4. Ebene der intertextuellen Elaboration von Bedeutung: Wenn unter Punkt 1 bereits von Intertextualität gesprochen wurde, so war dies im Kontext impliziter Aktualisierung von Intertext in der Konstruktion und Rekonstruktion von Bedeutung. Diese Art von Intertextualität ist charakteristisch für die gesamte Tradition von Literatur. Die Überlieferung als Teil der Erinnerung, die bewusst oder unbewusst beim Schreiben aktualisiert wird, ist Kontext eines jeden literarischen Werks, ob in Fortführung, in Modifikation, oder in Abgrenzung zur Tradition. Explizite Intertextualität ist jedoch eines der herausragendsten Merkmale der sogenannten 'Postmoderne'. Hier ist sie ein zusätzliches Mittel zur Elaboration von Bedeutung durch die explizite Wiederholung bereits anderswo elaborierter Bedeutung.

5. Ebene der durchdringenden Elaboration von Bedeutung: Diese Ebene der Wiederholung integriert zwei oder mehrere der gerade angeführten Ebenen: Es findet eine Elaboration von Bedeutung zwischen Ebenen der Wiederholung statt, indem eine Ebene die andere in ihre Wiederholung integriert. Bezugnehmend auf die eingangs zitierte Formulierung von Fricke, kann diese Ebene definiert werden als die Ebene, in der sich die Wiederholung als textkonstitutives Prinzip manifestiert.

1.3. Die Wiederholung in phänomenologischen und kognitiven Ansätzen

Die Wiederholung als Re-Aktualisierung von Erfahrung in der Zeit ist ein erkenntnistheoretisches Phänomen, welches in phänomenologischen Diskursen häufig den zentralen Begriffen Erinnerung und Phantasie gegenübergestellt wird. Der phänomenologische Begriff der Wiederholung ist bereits mehrmals in dieser Arbeit aufgetaucht, unter anderem im vorherigen Kapitel als erste 'textgeographische' Ebene der Wiederholung: 'implizite Aktualisierung von Erfahrung'. Das folgende Kapitel beschäftigt sich also nicht primär mit manifesten Wiederholungen der Textebene, sondern mit der Wiederholung als erkenntnistheoretischem Phänomen im Zusammenhang mit der Generation jeglicher Bedeutung.

1.3.1. Wiederholung und Erinnerung - zwischen Faktizität und Freiheit

Die Erinnerung ist in dem Masse eine Wiederholung, als dass in ihr eine in der Vergangenheit gemachte und dabei phänomenologisch reduzierte Erfahrung aktualisiert (= wiederholt) wird. Dieser Vorgang stellt aus kognitiver wie aus phänomenologischer Sicht die Basis einer jeden Elaboration von Bedeutung dar.161 Inwieweit das aufgrund einer Erfahrung gebildete ICM in seiner Schematik eine 'genaue' Repräsentation der Erfahrung überhaupt sein kann, und im folgenden, ob die Aktualisierung dieses ICMs zu einem späteren Zeitpunkt noch dieselbe Kraft, Differenziertheit und Bedeutung hat, sind Fragen, die im Zusammenhang mit dem Entstehen von Literatur relevant sind. Ich habe weiter vorne von einer Barriere gesprochen, die durch Mechanismen der Fiktion und der Umwandlung von Bedeutung in Sprache zwischen Autor und Text aufgebaut werden. In diesen Kontext tritt nun auch diese Überlegung: Wie weit entsprechen die ICMs, die im Zuge des Schreibens mitaktualisiert werden überhaupt den 'eigentlichen' Erfahrungen des Autors? Husserl stellt die Frage ähnlich: "Ist das Wiedererinnerte, das als Wiederholung ablaufende, wirklich dasselbe, was abgelaufen ist?"162 Abgesehen von der zusätzlichen Hürde, die dieser Umstand in den Weg einer autorgerichteten Textinterpretation stellt, ist die Täuschung in der Erinnerung in der Literatur als kreatives Moment funktionalisiert. Weiter noch, als zur blossen Idealisierung von Erfahrungen kann solch 'poetisches Vergessen' allgemein als Freiheit im Umgang mit Erinnerung funktionalisiert werden: Indem unwillentliches Vergessen und/oder Verfremden von Aspekten der Erfahrung in der 'Natur' der Erinnerung liegt, ebnet es den kognitiven Weg zum willentlichen Vergessen, und damit zu einem freien Umgang mit der Erinnerung in der Konstruktion neuer Bedeutung.163 Gerade bei Handke wird man sehen können, wie die Flexibilität im Umgang mit der Erinnerung zur Schöpfung neuer Bedeutung und neuer Wirklichkeit benutzt wird.

1.3.2. Wiederholung und Phantasie - nach vorne gerichtetes Erinnern

"Ich komme durch aktualisierendes Tun zu einem durch kontinuierliche Erinnerung wieder vergegenwärtigten stetigen Bewusstseinsstrom, zu einem Kontinuum von vergangenen cogitationes, deren jede ihr Jetzt hat und ihren Hof, der sich immer wieder und in verschiedener Weise entfalten lässt. Zu jedem Jetzt habe ich ein neues Gebiet des Bewusstseinsgleichzeitig, ebenso des Bewusstseinsvergangenen und des Künftig."164

In direktem Zusammenhang zum poetischen Vergessen und der Freiheit in der Erinnerung steht der Schritt, auch die Phantasie als auf der Wiederholung aufbauend zu definieren. Zuerst muss festgehalten werden, dass den kognitiven Grundannahmen dieser Arbeit folgend, die 'Phantasie' nur in Abhängigkeit von Erfahrenem in Funktion bestimmter kognitiven Fähigkeiten definiert werden kann. Wenn es etwas wie 'Inspiration' als der Phantasie zugrundeliegende Funktion geben soll, so ist diese nur in den Umständen des Neu-Inbezugsetzens von Gegebenem und dessen Verfremdung165 durch 'poetisches Vergessen' (im weiteren Sinn auch als 'Erfinden') zu suchen. Aus phänomenologischer Sicht beschreibt der zitierte Satz von Husserl, wie aus dieser rekursiven Argumentation ausgebrochen werden kann, und die vorwärtsgerichtete Qualität des Begriffs 'Phantasie' gewürdigt werden kann: "Zu jedem Jetzt habe ich ein neues Gebiet des Bewusstsseinsgleichzeitig, ebenso des Bewusstseinsvergangenen und des Künftig."166 Das Jetzt im Zusammenspiel mit der Erinnerung ist das kognitive Instrumentarium, mit dem der Mensch in die Zukunft geht.167 Anknüpfend an die Argumentation, die ich über die prognostische Qualität der Wiederholung auf der Textebene geführt habe, kann auch in diesem Zusammenhang die Wiederholung als ein 'sich nach vorne erinnern'168 beschrieben werden, oder wie es Handke selber beschreibt: "Jeder wird, um nach vorne denken zu können, die alten [...] Lebensumstände für sich neu - schreibend, oder lesend - festhalten müssen (wiederholen müssen)."169 Dabei werden auf eine Jetzterfahrung hin in der Erinnerung vergangene Erfahrungen zur Rekonstruktion von Bedeutung aktualisiert. In der Phantasie werden Erinnerungen mit oder ohne relevante Jetzterfahrung phänomenologisch aktualisiert und darin neue Bedeutung konstruiert.170

1.3.3. Wiederholung und Erzählung - Erinnerung und Zusammenhang

Aus der bisherigen Argumentation heraus entwickelt sich die phänomenologische Wiederholung als Prinzip des Erzählens, noch vor der Wiederholung auf der Textebene. Damit wäre nur erzählbar, was auch wiederholbar ist. Oder anders formuliert: Die Erzählung entsteht immer im phänomenologischen Nachhinein. In phänomenologischen Diskursen wird hier der Wiederholung, im Speziellen der Erinnerung, eine zusammenhangsstiftende Kraft eingeräumt. Diese Funktion ist sicherlich relevant, indem jede neuerliche Aktualisierung von Erfahrungen in sich verändernden Kontexten, angefangen mit der ursprünglichen Kategorisierung der Einzelerfahrung in bestehenden semantischen Netzwerken, über die Re- Aktualisierung im fiktionalen Kontext und der Umsetzung (und damit des Neu- Inbezugsetzens) im Text, Zusammenhang stiften.171 Auf der Rezeptionsseite findet dieser Ablauf seinen Spiegel. Wiederholungsfunktionen, die zwischen Erfahrung und Text determiniert wurden, sind in dieser Arbeit vor allem auf die Elaboration neuer Bedeutung hin untersucht worden. Der phänomenologische Hinweis auf die zusammenhangsstiftende Funktion der Wiederholung legt nun nahe, solch neue Bedeutung immer auch als neuen Zusammenhang zu würdigen.172

1.3.4. Wiederholung und Wahrheit - Iteration und Annäherung

Prämisse des kognitiven Ansatzes ist, dass Bedeutung nur in Bezug auf kognitive Wahrheit analysiert werden kann. Dennoch kann auch hier eine grundsätzliche Funktion der Wiederholung, diesmal der im Text manifesten Wiederholung, erkannt werden. Die Kluft zwischen phänomenologischer Bedeutung und der Versprachlichung dieser Bedeutung, mit welcher ein Autor im Produktionsprozess konfrontiert ist, stellt das Kernproblem dar: Wie kann phänomenologische Bedeutung in einem Text kognitiv wahr umgesetzt werden? Die Sprache bietet dazu eine Reihe kreativer Funktionen, die über die Funktion der Lexeme des Lexikons in ihrer konventionellen Bedeutung hinaus Bedeutung elaborieren können. Neben der Metapher ist die Wiederholung eine der wichtigsten. Eine phänomenologische Bedeutung kann dabei grundsätzlich über die Herstellung metaphorischer Inferenzen und deren variierender Wiederholung mittels der Sprache annäherungsweise ausgedrückt werden. Das Bild mathematischer Näherungsfunktionen drängt sich auf: Als solche Annäherung an eine aussersprachliche Bedeutung äussert sich die auf der wortsemantischen Ebene bereits untersuchte Wiederholung in der Funktion der Pr ä zisierung. Das Ziel der Präzisierung heisst in diesem Kontext 'Bedeutungselaboration zur Herstellung kognitiver Wahrheit im Text'.

Auf einer anderen Ebene der Annäherung an eine Wahrheit, kann der Wiederholung auf der Textebene eine illusionsbildende Kraft nachgewiesen werden: Indem sich die Subjektivität durch die Wiederholung im Objektiven zu begründen scheint. Experientialistisch begründet phänomenologische Eigendynamik, die Bedeutung über die Jetzterfahrung hinweg elaboriert. Das Ziel der Phantasie provokant formuliert: Selbstdarstellung auf der Suche nach einer 'anderen Bedeutung'.171 In dieser Kette von Aktualisierungen ist möglicherweise eine Verdichtung von Zusammenhängen inhärent. Diese könnte dadurch motiviert sein, dass Erfahrungen gerade in ihren Zusammenhängen für die Fiktion relevant sind und in der phänomenologischen Wiederholung diese Zusammenhänge amplifiziert werden. In diesem Sinne wäre der Text wohl richtig als verdichtete und bis zu einem gewissen Grad schematisierte Instanz ursprünglich relevanter Zusammenhänge zu sehen. Interpretation wäre demnach ein Akt der 'Dekomprimierung', was er in den meisten Fällen auch zu sein vorgibt, nun jedoch mit kognitiver Rechtfertigung.

ist diese Funktion im Umstand, dass ein Subjekt aufgrund einer sich wiederholenden Erfahrung in der Interaktion mit der objektiven Welt eine Hypothese aufstellt, nach welcher diese Erfahrung einen direkten und 'richtigen' Bezug zur objektiven Gegebenheit aufweisen müsse. Auf der 'Bühne' des Textes legitimiert die Wiederholung einer textlichen Erfahrung diese im Hinblick auf die 'Textwirklichkeit'. Dies ist auch als weitere Differenzierung und ontogenetische Verankerung dessen zu sehen, was weiter vorne als die gewohnheitsbildende Kraft der Wiederholung beschrieben wurde.

2. Wiederholung in Texten Peter Handkes

Dieser Teil der Arbeit wird auf konkreten Textbeispielen basieren. Was bisher theoretisch behandelt wurde, soll hier exemplarisch zur Geltung kommen. Exemplarisch heisst, dass neben der nunmehr kontextspezifischen Anwendung und Fokussierung der Positionen und Erkenntnisse der vorhergehenden Kapitel auch das übergeordnete Ziel, zu einer um die kognitive Position erweiterten Literaturwissenschaft anzuregen, weiterhin mit hineinspielen wird. Dieses Kapitel muss also versuchen, die Argumentation im Hinblick auf die Allgemeingültigkeit des Vorgehens offen zu halten, um zu verhindern, dass die entwickelte Position auf den Einzelfall beschränkt erscheine.

Ich glaube nämlich zeigen zu können, dass in vielerlei Hinsicht die Texte Peter Handkes, insofern sie selber forschende sind, ähnliche Erkenntnisinteressen haben, wie die Kognitionsforschung.173 Dies ist ein sehr fruchtbarer Umstand im Hinblick auf die 'Untersuchungen zur Wiederholung in Texten Peter Handkes', gleichzeitig jedoch ein Umstand, welcher mit der angestrebten exemplarischen Geltung der Erkenntnisse einer 'kognitiven Position in der Literaturwissenschaft' konfligieren kann, weil dadurch gerade dieser Anschein situativer Beschränktheit verstärkt wird. Zwar formuliert Klaus Bonn meines Erachtens richtig, wenn er sagt:

"Gerade die zeitgenössischen Texte laden den Interpreten zu einer veränderten Betrachtungsweise ein. Als fatal wirkt es sich aus, wenn die wesenhafte Unüberschaubarkeit alles Gegenwärtigen den Literaturforscher dazu verleitet, in entlegene, historiographisch abgesteckte Wissensgebiete auszuwandern, um dort Register zu ziehen."174

Hingegen kann diese Haltung zum Fehlschluss verleiten, dass ganz allgemein die literaturwissenschaftliche Methodik sich einem "epochalen Sinnsystem"175 unterwerfen müsse. Das hiesse im Extremfall: Ein jeder Gegenstand rechtfertigt eine eigene Methode. Genau dies will der hier skizzierte Ansatz jedoch vermeiden.

Der 'heilsame' Mittelweg zwischen allgemeingültiger Methode und dem adäquaten Umgang mit zeitgenössischen Text- und Sinnsystemen liegt einmal mehr in der strengen Unterscheidung zwischen Interpretationsstrategie und Interpretation. Anders formuliert: zwischen Methode, Position als regelhaftem Vorgehen bzw. als Satz konstituierender Grundannahmen auf der einen Seite, und der eigentlichen Interpretation als situative Elaboration von Bedeutung auf der anderen. In Bezug auf eine kognitive Position müssten also die Ansprüche folgendermassen formuliert werden: Die Verwurzelung von Literatur in der menschlichen Kognition, sowohl auf Produktions-, wie Rezeptionsseite, sei epochenunabhängig gegeben. Die grundlegenden Prinzipien, Mechanismen oder Fähigkeiten der menschlichen Kognition, wie sie zum Beispiel über Lakoffs ICMs beschrieben werden, seien ebenfalls epochenunabhängig. Insofern sei auch eine Interpretationsstrategie, die auf den Erkenntnissen der kognitiven Forschung basiert, grundsätzlich unabhängig von epochalen und kulturellen Einflüssen gültig. Kultur- und Epochenabhängig sei jedoch immer der spezifische Teil einer Interpretation, der sich entsprechend mit epochenspezifischen 'Inhalten', 'Bedeutungen', oder epochenspezifischen Erfahrungszusammenhängen im Sinne von propositionalen und bildschematischen Erfahrungsstrukturen befasst.176 Hier, da stimme ich mit Bonn, oder auch Bartmann177 ) überein, ist es nötig, den Autor und/oder den Text in seiner Zeit zu untersuchen, wenn man nicht zu einem verzerrten Bild gelangen möchte.

Die im folgenden angenommene Perspektive entspricht weitgehend dem Modell 'werkimmanenter Interpretation', indem sie einem 'Primat des Textes' folgt, und indem sie Aussagen über Beweggründe des Autors ausschliesst. Dies unter anderem, um zu verhindern, dass über zu starke Fokussierung auf die in der Öffentlichkeit 'starke' Person Handkes, die Argumentation eine 'politische' Dimension gewinne. In einer Hinsicht wird der Rahmen einer rein werkimmanenten Perspektive jedoch regelmässig durchbrochen werden, indem die Gesamtheit der Argumentation von einem Leser kommen muss: Gemäss der kognitiven Grundannahme, dass Text allein keine Bedeutung hat, ist die Integration eines Lesers ins Interpretationsmodell zwingend. Der effektive Unterschied zur rein werkimmanenten Interpretation ist dann aber doch nur der folgende: Wenn steht: "Handkes Erzählung >>Mein Jahr in der Niemandsbucht<< wendet sich im Vierten Teil auf sich selbst zurück.", dann sei klargestellt, dass diese Erkenntnis nicht objektiv ist, sondern er-lesen, methodisch argumentiert, und der Kritik ausgesetzt worden ist von einem (wenngleich genauen) Leser.

Handkes Werk, dies lässt sich vorweg sagen, weist zwischen den Texten eine verhältnismässig hohe Dichte von Äquivalenzen und Korrespondenzen auf. Anlass für verschiedene Arbeiten, Bezugsgebäude von Altem auf Neues, Neuem auf Altes, oszillierend aufzubauen. Dies ist tendenziell verwirrend, wenn die Dynamik eines Werks in der Zeit nicht gestört werden soll. Ich möchte auch hier die 'natürliche Perspektive' wählen: In Annäherung an die Perspektive eines treuen Handke Lesers, der sich kürzlich "In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus"178 gekauft hat, und zu Hause schon eine Reihe (eine chronologische) von Texten stehen hat, die wegen des Wieder- und Wiederlesens auch überhaupt nicht verstaubt sind.

Die Interpretation fängt an bei Handkes neuestem Text. In ihm soll die Wiederholung primär herausgearbeitet werden. Überall dort, wo Bezüge zu früheren Texten erkannt oder erinnert werden, soll ihnen nachgegangen werden, in der Absicht, herauszufinden, ob ihre Erkenn- und Erinnerbarkeit abzustützen ist, und wie ihre Funktion zu beschreiben ist. Dabei soll sich die Argumentation, ausgehend von der Beschreibung von Instanzen manifester Wiederholung im Text, jeweils in Richtung ihres Funktionszusammenhangs weiterentwickeln. Was sich im Text als Wiederholung manifestiert, soll als Korpus zusammengetragen werden, auf dessen Basis die Diskussion der Funktion der Wiederholung in Texten Handkes stattfinden soll. Angesichts der anzutreffenden Fülle von Wiederholungen und Verweisen in Handkes Texten, ist zum Verständnis dieses Kapitels etwas an Beschäftigung mit Handke sicherlich notwendig. Es wird nicht von vornherein möglich sein, Wiederholungsphänomene bei Handke auf eine simple Formel zu reduzieren. Alles, was hier vollbracht werden kann, ist das Ans-Licht-Bringen verschiedener relevanter Passagen und - ansatzweise - deren Diskussion. Es wird nötig sein, eine Ausgabe insbesondere von 'In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus' in Griffweite zu haben, um die zitierten Stellen in ihrem Kontext nachzuschlagen.

2.1. Wiederholung auf der Wortebene

In Abgrenzung zu den Beispielen, die in der Arbeit aus Gründen der Anschaulichkeit bisher benutzt wurden, soll die Wiederholung auf der Wortebene im folgenden definiert werden als explizite Wiederholung eines Worts innerhalb des gesamten Textes.179 Das Wort wird in diesem Zusammenhang definiert als Instanz semantischer und phonologischer, nicht aber als Instanz syntaktischer Bedeutung. Es ist hingegen davon auszugehen (und damit verwischt sich die Grenze zwischen Wortebene, Satzebene, thematischer Ebene und Strukturebene), dass eine jede Wortwiederholung in einem wechselseitigen Verhältnis zum jeweiligen Kontext steht, und daher die textliche Umgebung die Wiederholung und die Wiederholung die textliche Umgebung semantisch beeinflussen. Ohne diesen Argumenta- tionsstrang im Moment weiterentwickeln zu wollen, hiesse dies: Eine Wiederholung auf der Wortebene hat immer auch textsemantische Relevanz.

In Texten Peter Handkes kann einem Leser auffallen, dass bestimmte Wörter während der Lektüre 'immer wieder auftauchen'. Stilistisch argumentierend wäre dagegenzuhalten, dass in literarischen Texten grundsätzlich Autor- oder Textspezifische Vokabulare vorherrschen, in welchen jeweils bestimmte Lexeme im Vergleich zur Normalsprache eines Lesers häufiger auftauchen, ohne dass dabei explizit von einer Wiederholung gesprochen werden müsste. Anhand von Beispielen soll dargestellt werden, wie Handkes Texte verfahren und weshalb es in vielen Fällen richtig ist, von einer funktionalisierten Wiederholung und nicht von einem 'nur' stilistischen Merkmal zu sprechen.

2.1.1. Der Kaffee der Blauen Berge

In 'In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus' erscheint der Kaffee, des "Blue Mountain aus Jamaika, wie immer das Beste, das er in der Gegend kriegen konnte", zum ersten Mal auf Seite 30, als der Apotheker von Taxham nach einer morgendlichen Schwimmübung zu Hause einen Kaffee trinkt. Die detaillierte Bezeichnung ist auffällig, da im ganzen Buch nur sehr wenige Markennamen auftauchen, und die Marke 'Blue Mountain' zumindest diesem Leser unbekannt ist.

Leicht verändert taucht weiter hinten der "Blue-Mountain-Kaffee"180 erneut auf, wiederum in Taxham, wiederum nach der morgendlichen Schwimmübung. Weitere Stellen: Der Dichter besorgt unterwegs zum Frühstück "Kaffee aus den Hügeln von Jamaika",181 sowie "dass der Einsiedler unversehens mit dem >>Blue Mountain<<-Kaffee, dem aus Jamaika, herausrückte."182

An der zweitletzten Stelle, an welcher die Marke erwähnt wird, befindet sich der Protagonist bereits kurz vor der Abfahrt nach Hause: "Sie trinken erst Kaffee in der Bar des Busbahnhofs, keinen von dem Blauen Berg auf Jamaika, und statt aus der Tasse aus dem Glas."183 Im Epilog schliesslich, bereitet der Apotheker dem Erzähler der Autorfiktion "seinen Kaffee der Blauen Berge zu, von dem mir schon mit dem Einatmen anders wurde."184

Diese Wiederholungen haben eine klare Disposition, vom Leser wahrgenommen zu werden, aufgrund ihrer Einzigartigkeit185, sowie aufgrund der jeweiligen Hervorhebung im Text durch Anführungszeichen, bzw. Grossbuchstaben und/oder dem exotischen Begriff 'Jamaika'.

Die erste Interpretationshypothese, die im Zuge des Lesens aufgestellt wird, ist möglicherweise, dass der Name des Kaffees einfach nur Teil eines detaillierten Stimmungsbildes darstelle, welches etwa in der Art eines Werbespots den Protagonisten als Kenner und Kosmopolit distinguieren soll, der nur "das Beste, das er in der Gegend kriegen konnte"186 trinkt.

In diesem Bild äussert sich die erste Hypothese der Ähnlichkeit. In der Wiederholung, entwickelt sich der Ausdruck, sofern er wiedererkannt wird, jedoch zu einer Art Markierung, zu einer Stelle, die Fragen aufwirft: 'Wo habe ich den Ausdruck schon gelesen?' - 'In welchem Zusammenhang stand er dort?' - 'In welchem Zusammenhang steht er nun?' - 'Warum wird dieses scheinbar unwichtige Detail wiederholt?' Die Hypothese der Ähnlichkeit wird gefolgt von der Hypothese der Nicht-Konventionalität, welche eine genauere Überprüfung der Textstellen fordert. Es fällt auf, dass die Vorkommen des 'Blue-Mountain- Kaffees' gewisse kontextuelle Parallelen aufweisen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Von der ersten zur zweiten Stelle entwickelt sich die Hypothese des 'Geniessers' nur wenig. Der 'Blue-Mountain-Kaffee' bleibt ein Kuriosum, das zum Morgenritual des Protagonisten gehört. Die Hypothese wird allenfalls dadurch gestärkt, dass der Kaffee wiederum in einem Kontext von 'Klarheit des Sehens' und der Thematik des Aufbruchs auftaucht. Die beiden nächsten Stellen provozieren erst eine Hypothese der Nicht-Konventionalität, nämlich in der Frage, weshalb auch andere Figuren der Erzählung (der Dichter und der Einsiedler Loser) derart auffällig durch ihre Kaffee-Kennerschaft ausgezeichnet werden sollen. Eine Hypothese der anderen Bedeutung wird formuliert, indem die Stelle mit verschiedenen Annahmen bezüglich der Art von Geschichte, die in diesem 'Roman' erzählt wird, und mit verschiedenen Erfahrungen, die mit Texten Handkes bereits gemacht worden sind, in Bezug gesetzt wird. In dieser Kombination ergeben sich diesem Leser vorerst drei mögliche Interpretationen:

- "Der 'Blue-Mountain-Kaffee' ist ein autobiographisches Fragment, welches hinter der gesamten Autorfiktion Handke wiederholt als Erzähler seines eigenen Alltags entlarvt."

- "Die Wiederholung des einzelnen Markennamens als wiederkehrende Selbstverständlichkeit ist charakteristisch für die autonomen Weltbilder, die oft in Handkes Texten aufgebaut werden. Alle beschriebenen Figuren sind Teil eines poetischen Systems, welches Motivationen für 'Dinge, die geschehen' grundsätzlich neu definiert."

- "Mit dem 'Blue-Mountain-Kaffee' thematisiert und zerlegt die Erzählinstanz den populären Mythos in Form des Konsumguts, indem er ein scheinbar nebensächliches Produkt über die Wiederholung zu einem Schlüsselelement in der von ihm erzählten Welt hochstilisiert."187

Auch wenn die genannten Interpretationshypothesen durchaus ihre Rechtfertigung haben, indem sie verschiedene mögliche Perspektiven spiegeln, so werden sie durch die letzte Textstelle signifikant weiterentwickelt:

- Im Epilog, noch innerhalb der Autorfiktion, jedoch bereits ausserhalb der Erzählerfiktion,188 wird der vom Apotheker zubereitete Kaffee von der Erzählinstanz als etwas aussergewöhnliches validiert: "[...] von dem mir schon beim Einatmen anders wurde."189 Dieser Umstand beschränkt den Geltungsbereich des 'Blue-Mountain-Kaffees' als kulturelle Konstante allein auf die erzählte Welt des Apothekers. Die Interpretation kann demnach lauten: "Die starke Präferenz des Erzählers der Erzählfiktion, die in den beiden ersten Textstellen auffällt, wird von diesem in der erzählten Welt als Konstante auch auf erzählte Figuren übertragen. Das heisst, während in der Autorfiktion der Kaffee in einem mystifizierten und mystifizierenden Kontext als persönliche Präferenz des Apothekers aufscheint, wird sie in der Erzählfiktion zur Konstante. In Anbetracht ('mapping') von Handkes Vorgehensweise, zum Beispiel in >>Mein Jahr in der Niemandsbucht<<, kann weiter die Vermutung aufgestellt werden, dass die beschriebenen Figuren in der Erzählerfiktion des vorliegenden Textes in dieser Hinsicht fiktionale Elemente aufweisen, die den Einfluss des Apothekers auf seine Geschichte markieren."

2.1.2. Krieg

Eingeführt wird das Wort Krieg in "In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus" im Zusammenhang mit einem Wahrsager, der südlich von Taxham ein Erdbeben voraussagt, welches in der Nähe von Kapstadt dann auch gerade stattfinde. Dieser Wahrsager sagt auch einen Krieg voraus, der noch vor Ende des Sommers ausbrechen soll, "ein Dreitagekrieg, aber mit unendlichen Folgen!"190 Es folgt keine weitere Motivierung oder Präzisierung im unmittelbaren Kontext. Der Krieg ist für diesen Leser bereits in seinem ersten Auftauchen ein Grund, den Bleistift zu zücken, indem die Hypothese der Ähnlichkeit nicht etwa im Hinblick auf den geläufigen Begriff 'Krieg' formuliert wird, sondern im Hinblick auf den in anderen Texten Handkes implementierten. Bereits dort hat nämlich eine Interpretation stattgefunden, mit welcher die Lektüre des Wortes im vorliegenden Text verknüpft wird. Bei 'Krieg' handelt es sich um einen Begriff, der im Werk Handkes wiederholt ähnlich zweideutig semantisiert auftaucht, wodurch eine Wiederholung des Wortes im vorliegenden Text zwangsläufig auffällig wird. Exemplarisch seien drei unterschiedliche Stellen zitiert:

Aus 'Die Stunde der wahren Empfindung': Auf die Zeitungsnachricht, in der Türkei stehe der Krieg bevor: "Wie lästig, dachte Keuschnig: was für eine Einmischung in mein Leben! Auf der Brücke kam ihm ein Paar entgegen, Arm in Arm. Dass die Frau von einem langen Weissbrot abbiss, als ob es diesen Krieg gar nicht geben könnte, besänftigte ihn."191

Aus 'Mein Jahr in der Niemandsbucht': "Ganz Deutschland erschien in den Monaten nach dem Binnenblitzkrieg befreit von dem, was (seit wann?) auf ihm lastete, ähnlich wie ein Gebirgsstock, sagt man, durch Erosion leichter würde, und sogar noch höher aufwachsen konnte [...]."192

Aus 'Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien': Hier wird der Krieg im Verlaufe des gesamten Textes analysiert. Besonders charakteristisch für die Ambiguität, die sich auch in diesem Text im Hinblick auf den Begriff 'Krieg' äussert, ist dabei das einleitende Zitat: "Der Tod ist noch einmal gekommen, aber nach ihm wird die Freiheit kommen. Wir werden frei und komisch sein."193

Die Hypothese der Ähnlichkeit, mit welcher dieser Leser den Begriff 'Krieg' im Moment der Lektüre im vorliegenden Roman kategorisiert, beinhaltet damit einerseits Bezüge zu Konzepten der Bedrohung, andererseits zu Konzepten der Neuerung. Die "unendlichen Folgen"194 dürften dabei, vor allem im Hinblick auf das obenstehende Zitat aus 'Mein Jahr in der Niemandsbucht', tendenziell als Positivum interpretiert werden.195

Wo der Krieg im vorliegenden Roman weiter auftaucht, wird die Vielschichtigkeit des

Begriffes in der Wiederholung offenbar196:

"Erlebnis einer Kraft dann unterwegs [...] >>Urlage<<, das war in dem mittelalterlichen Epos ein Wort für den Krieg."197

"[...] die Truppen der Vereinten Nationen im Einsatz gegen einen neuen Krieg, oder eher auf der Rückkehr davon [...]"198

"[...] als sei es ohnedies noch nicht der richtige Moment gewesen für solch einen alles Weitere auslösenden Gewaltakt, noch zu früh für den Ausbruch des Krieges in dem Land."199

"Und wo er jetzt hinzeigte, das Gesicht über die Schulter zu mir verrenkt, dort fanden, seit dem Ende der Zwischenzeit, da seine Geschichte spielt, die aktuellen Kriege statt."200

"Einer der aktuellen Kriege findet dort statt, und sein Hauptschauplatz ist die freie Steppe."201 Die ersten beiden Textstellen zeichnen nach, wie eine Hypothese über die Bedeutung von 'Krieg' in der Wiederholung jeweils modifiziert202 wird. Vereinfacht formuliert stellt das erste Zitat einen emphatischen, positiven Bezug 'Krieg - Kraft' her, welcher von der Beiläufigkeit des zweiten Zitats sogleich relativiert wird.203 Das dritte Zitat sodann, schlägt dieser modifizierenden Reihe einen Haken: Aufgrund des Kontextes "solch einen alles Weitere auslösenden Gewaltakt"204, kann eine Hypothese der Ähnlichkeit zur allerersten Textstelle "Dreitagekrieg, aber mit unendlichen Folgen!"205 hergestellt werden. Im Epilog erfährt dieser Bezug eine zusätzliche Einbettung:

Ursprungshafte mit dem ursprünglichen Ding zu wiederholen, oder zu erneuern." (Peter Handke: Aber ich lebe nur von den Zwischenräumen. Ein Gespräch, geführt von Herbert Gamper. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1990 (=Suhrkamp Taschenbuch 1717), S. 112.)

Nach der Geschichte findet nach Aussage des Apothekers in der Region der Reise einer der aktuellen Kriege statt. Wer die Geschichte der Reise mitverfolgt hat, weiss, dass diese nach Westen ging, in die spanische Steppe206.

Um so mehr wird deutlich, dass die Prophezeiung, die im allerersten Zitat durch die Erz ä hlinstanz vermittelt wird, scheinbar in Erfüllung gegangen ist: "Und ebenso sollte westlich von T., wieder laut Wahrsager, noch vor dem Ende des Sommers ein Krieg ausbrechen, ein Dreitagekrieg, aber mit unendlichen Folgen!"207 Sie entpuppt sich rückblickend als Vorausdeutung aus der Rahmengeschichte in die Binnengeschichte - auf die Reise, wie auch auf die Bemerkung im Epilog. Es kann hieraus die Vermutung aufgestellt werden, dass die Binnengeschichte fiktionale Elemente aufweist, die den Einfluss der Erzählinstanz auf sowohl Rahmen-, wie Binnenerzählung markieren.

2.1.3. Eine mögliche Interpretation

"Der Text selbst demonstriert wörtlich eine 'self-fulfilling prophecy', indem des Wahrsagers Prophezeiung aus der Rahmengeschichte in der Binnengeschichte wieder aufgenommen wird. In solchen Übertretungen zeigt sich, wie Erzählinstanz und Erzähler die 'Wahrheit' der Geschichte, wie sie sich zugetragen haben könnte, mit eigenen Anliegen überlagern. Die Vermutung stellt sich ein, dass die Geschichte der Reise als Erzählerfiktion, wie schon im Fall des 'Blue-Mountain-Kaffees', weitgehend auf jenen Themen aufbaue, die schon vor dem Beginn der Geschichte der Erzählinstanz bewusst, oder zumindest bekannt waren."

Auf der Ebene der Wortwiederholung gibt es zur Stützung dieser Interpretation weitere Instanzen, die aus der Autorfiktion in die Erzählerfiktion übernommen werden und im Epilog wieder auf der Autorebene validiert werden.208 Zum Beispiel die Steppe:

Im Zusammenhang mit der Steppe von Wiederholung zu sprechen, mag abwegig erscheinen, angesichts des Umstandes, dass ein grosser Teil des Romans in der Steppe selber spielt, und das Wort dort primär handlungsbestimmt und nicht als Wiederholung funktionalisiert in Beschreibungen auftaucht. Andererseits taucht die Steppe schon mehrfach auf, bevor die Reise beginnt. Sie wird eingeführt auf Seite 19: Beschrieben von der Erzählinstanz, steht die Apotheke von Taxham im Stadtzentrum inmitten eines "unverhältnismässig grossen Rasen-, fast Wiesenstücks, schütter bewachsen mit niedrigen, dabei alten Bäumen und ebensolchem Gesträuch, wie das Überbleibsel einer einstigen Steppe."209 In der Wiederholung des Wortes eine Seite später210, wird dieser Bezug verstärkt, das heisst, in der Wiederholung bestätigt, diesmal durch einen Traum des Apothekers als subjektives Moment transzendiert.211 Auf der Reise in der Steppe werden wiederum Teile des ersten Zitats aktualisiert: Sowohl die Bäume, der Wald in der Steppe (eine Auffälligkeit, weil Bäume nicht zum normalen Bild der Steppe gehören)212, wie auch die Qualität "Überbleibsel einer einstigen Steppe."213 Im Epilog wird eine Möglichkeit zur Reaktualisierung dieser Empfindung am erzählten Ort Taxham (gewissermassen die Möglichkeit zur Reise innerhalb der eigenen vier Wände) geboten. An ziemlich auffälliger Stelle, als Auslöser für das Lied des Apothekers im Epilog, wird beschrieben, wie er sich zu Hause "über die Steppengewächsgarbe - tatsächlich garbendick - beugte, tiefstmöglich inhalierte und dann im Gegenzug einen Singsang anstimmte [...]."214 Die Interpretation dieser Stelle, in ihrem Status am Ende einer Wiederholungskette kann sein: "Durch das Einatmen des Duftes dieser Steppengewächsgarbe hat diese Reise überhaupt stattgefunden.

- Läufer und Quersteppeneinradfahrer: 30 (wieder wird der Läufer, Mountainbikefahrer in einem bestimmten Kontext bereits in der Binnenerzählung vorgegeben, gemäss welchem er auch in der Wiederholung auf der Reise auftauchen wird), 234, 241, 269.

Eine eigentliche Reise hätte es demnach nie gegeben, und wenn, dann vor längerer Zeit, und auf eine ganz andere Art." Diese Interpretation wird noch gestützt durch die Art, wie in anderen Texten Handkes die ICMs 'Reisen', 'Aufbrechen' ebenfalls mit dem Geruchssinn zusammenhängen und mit dem virtuellen Reisen in der Phantasie. So zum Beispiel in 'Mein Jahr in der Niemandsbucht': "Der Aufbruch [...] ist schon geschehen mit dem ersten Satz dieser Geschichte. Aber für eine möglichst lange Zukunft soll dieser [Rucksack, JE] so leer bleiben, höchstens dass ich vielleicht ab und zu in ihn hineinschnüffele, zum Beispiel nach dem Geruch jenes Feldweges [...]."215

Dieses Kapitel hat angefangen mit besonders auffälligen Wiederholungen auf der Wortebene, also gewissermassen mit der Peripherie, was die Bedeutung der Wiederholung in Texten Handkes betrifft. Dennoch konnte festgestellt werden, wie solche Instanzen von Wiederholung im Hinblick auf ein Textganzes, und/oder Werksganzes funktionalisiert sein können. Aus kognitiver Sicht lässt sich diese Funktion im vorliegenden Fall so beschreiben, dass in der Rahmengeschichte eine Art Primärerfahrung mit einem Wort stattfindet, indem es in jedem Fall dort bereits auffällig verwendet wird, im Sinne einer Erneuerung des dahinterstehenden Begriffs.216 In der Binnenerzählung tauchen diese Wörter dann wiederum auf, in vergleichbar auffälligen Kontexten, nur zeitlich und örtlich scheinbar getrennt, und verknüpfen damit die Rahmen- und Binnenstruktur des Textes über die Hypothese der Ähnlichkeit auf dieser neu ausgebildeten Begriffsebene. Die Neuerfahrung von Begriffen, die in der Rahmengeschichte begründet wird, setzt sich in der Binnengeschichte also fort, und schafft einen Zusammenhang. Auf diesem Zusammenhang gründet schliesslich die Hypothese, dass auch in der Autorfiktion selbst die in der Rahmengeschichte beschriebene, alternative Erfahrung von Welt die Primärerfahrung darstelle, auf deren Basis die Binnenerzählung aufbaue.

2.2. Thematische Wiederholung

Unter Thematischer Wiederholung möchte ich diejenigen Instanzen von Wiederholung zusammenfassen, die weniger an die Wiederkehr eines einzelnen Lexems gebunden sind, als an die Wiederkehr eines semantischen Bereichs. Diese Differenzierung treffe ich im Hinblick auf den traditionell-linguistischen Unterschied zwischen lexematischer und semantischer Wiederholung, der sich im Reden über Literatur oft in den Begriffen 'Wiederholung' (eher lexematisch) und 'Leitmotiv' (eher semantisch) niederschlägt. Aus kognitiver Perspektive lassen sich die beiden Phänomene funktional erklären: In der Wortwiederholung basiert der Vorgang, welcher zur Aufstellung der Hypothese der Ähnlichkeit führt, zunächst auf der Wiedererkennung einer auffälligen lexikalischen Äquivalenz als primär visuelle Erfahrung.217 Erst in einem zweiten Zyklus würde die semantische Ähnlichkeit postuliert oder gesucht.218 Die thematische Wiederholung hingegen, macht schon in erster Instanz Gebrauch von den metonymischen und metaphorischen Fähigkeiten der menschlichen Kognition. Exemplarisch soll der thematische Bereich 'Vögel' im vorliegenden Text herangezogen werden. Charakteristisch für die thematische Wiederholung ist nun, dass neben Vorkommen des Lexems 'Vogel', auch metonymisch Vorkommen von Lexemen wie 'Rabe', 'Spatz', 'Eule', etc., und metaphorisch die ihrerseits metonymisch strukturierten Bereiche 'Flugzeug', 'fliegen', 'Vogelperspektive', etc. in die Argumentation miteinbezogen werden müssen. Im Aufzeigen dieser Zusammenhänge soll eine Aussage darüber gemacht werden können, wie sich insbesondere bei Handke ein Themenbereich im Laufe eines Textes zu einem insgesamt schwer zu überblickenden Bezugsnetz entwickeln kann. Ein Korpus219 von Textstellen aus Handke 1997 soll in dieser Hinsicht untersucht werden:

1. ">>Zum Adler<<, das war der Name der Apotheke von Taxham [...]." (S.18) Der Name wird in der Folge diskutiert, und durch andere, der Lage und Erscheinung des Gebäudes vielleicht angepasstere ersetzt. Es scheint der Erzählinstanz wichtig, einen Zusammenhang zwischen der Apotheke und deren Bezeichnung herzustellen. Eine der Alternativen heisst: >>Zum Igel<<.

2. "Es war ausserdem die Periode im Jahr fast ohne Früchte, die Kirschen schon geerntet, oder von den Vögeln, besonders den Raben, geplündert, und die Äpfel längst noch nicht reif, bis auf die reifen Frühäpfel [...]" (S.24) Neben dem Zusammenhang, der zum im Text mehrfach wiederholten Lexem 'Apfel' hergestellt wird, werden die Vögel, und insbesondere der Rabe im Rahmen einer Zeitschwelle220 funktionalisiert, und damit auffällig gemacht. In Handkes Texten geschieht die jahreszeitliche Situierung einer Handlung mehrfach über die Beschreibung von Vorgängen oder Zuständen in der Umgebung des Erzählers, die eine bestimmte Zeit ausdrücken. In 'Mein Jahr in der Niemandsbucht' finden sich solche Stellen im letzten Teil des Buches. Erstaunlich sind die Ähnlichkeiten zur oben zitierten Passage. Es heisst dort: "Es ist schon Sommer, aber selbst für Frühäpfel noch zu früh [...]."221 Im vorliegenden Text findet sich die nächste Schwelle dieser Art bereits etwas weiter hinten: "Es war das jene Zwischenzeit im Jahr, da es in der Natur, sonst sozusagen sein Revier, nichts zu suchen gab, weder Früchte noch Pilze noch sonst etwas."222 Interessant ist die Art, wie diese Stelle mit der vorherigen (S. 24) übereinstimmt: Es handelt sich um ein- und dieselbe Zeitschwelle. Zuerst wird diese von der Erzählinstanz benutzt, dann taucht sie auf aus der Sicht des Binnenerzählers. Beide, sowohl die Erzählinstanz des Textes, wie auch der Apotheker verwenden dieselbe Zeitschwelle.

3. "Er stand wie üblich früh auf, >>mit dem ersten Rabenschreien<<." (S. 25) Wiederum wird der Rabe in eine Zeitschwelle miteinbezogen, diesmal in direkter Rede des Apothekers. Das 'erste Rabenschreien' wird in der Folge wiederholt und variiert, und mit der Dichotomie 'Tag und Nacht' verknüpft. Siehe dazu die Zitat 2.

4. "Die Schwalben hoch im Himmel dabei tiefdunkel, wie noch in der Dämmerung. Nur wo eine im Kurven die Flügel kurz senkrecht stellte, auch dort oben jeweils ein Aufleuchten, von der Sonne an dem Gefieder; es war als spielte der Vogel so mit dem Morgenlicht." (S. 27) Es treten verschiedene Elemente der in diesem Text häufig vorkommenden Epiphanieerlebnisse in Zusammenhang mit der Vogelthematik. Epiphanien geschehen in diesem Text im Vergleich zu früheren Texten Handkes allgemein viel müheloser und auch häufiger.223

5. "Ein Frühflugzeug landete, schon tief, über den Baumkronen, und er bemerkte hinter einem der Bordfenster ein Kindergesicht. So scharf sah er nicht nur nach dem Schwimmen in dem eisigen Fluss. Und insofern war der Name, den sein Bruder der Apotheke von Taxham gegeben hatte, vielleicht berechtigt." (S. 29) Diese Stelle 'erfüllt' sozusagen die Suche nach Zusammenhang, die im ersten Zitat (1) angeklungen ist. Gleichzeitig muss das Ansichtig-Werden des Kindergesichts im Flugzeug als Epiphanieerlebnis im Sinne von Zitat 17 gewertet werden.224 Siehe auch die Zitat 4) 6. Eine Amsel "mit einem schwarzen, schimmernden, wie augenlosen Kopf, ein Ritter auf der Suche nach einem Zweikampf, sein Visier schon zugezogen." (S. 42) Die Thematik des Rittervisiers wird einige Seiten später, S. 50 wieder aufgenommen, im Zusammenhang mit einem 'toten Maulwurf'. Das Rittervisier selber, auffällig wie es in diesem Kontext erscheint, mag einen Bezug herstellen zur Thematik des Ritterepos, in welchem der Apotheker liest, und auf welches der Text immer wieder anspielt.225 7. "Und noch im Wegfahren dann, beim Blick zurück über die Schulter, erschien der Flachquader dort in der Reststeppe abgedreht von dem Umland, unzugehörig, sogar zu dem Erdreich drumherum, als eine Art Findlingsstein. Kein Kind mehr wach. Kein Vogel im Himmel." (S. 60). Auch die Dichotomie Unzugehörigkeit/Zugehörigkeit226, beziehungsweise in ihrem weiteren Umfeld Fremdsein/Einheimisch227 sein und Auffallen/Übersehen werden228, ist ein wiederkehrender thematischer Bereich, zu welchem der Bereich 'Vögel' in Bezug gesetzt wird. 'Kein Kind mehr wach. Kein Vogel im Himmel' können als Negation der typischerweise um die Epiphanie angesiedelten Begriffe und Bereiche wörtlich als 'umgekehrte Vorzeichen der Epiphanie' (siehe Zitat 4) verstanden werden. Der Korpus an Bezügen zwischen verschiedenen Arten von Vögeln, bzw. Fluggeräten und Schlüsselerlebnissen wie Epiphanie, Zeitschwellen etc. ist mittlerweile breit genug, um ein jedes Vorkommen a priori auffällig zu machen. 8. "Draussen, im Kopfheben, kam die Dämmerung über die Felder, und das letzte Flugzeug landete; es gab keine Nachtflüge." (S.61) Diese Art von Passagen basieren auf Handkes charakteristischer Basismetapher "Greif ein mit deinem Zuschauen!"229 Das Kopfheben selber kann etwas verändern. Dabei ist ausschlaggebend, dass die häufigste Perspektive, aus welcher Protagonisten in Texten Handkes die Welt aufnehmen, der Blick nach unten230 ist. Das 'Kopfheben' steht damit in einem Bereich mit wichtigen Momenten wie 'über die Schulter schauen'.231 Siehe auch Zitat 7.

9. "Die ersten Vögel im Himmel nicht so hoch, wie vielleicht im üblichen Blau, oder doch höher?, und jedenfalls so hoch, wie kein Flugzeug und auch kein Satellit je fliegen würde." (S. 73) Vergleiche Zitat 4. Wir befinden uns im Roman an jener Stelle zu Beginn des zweiten Kapitels, an der sich auch der Blue-Mountain-Kaffee wiederholt, sowie der Akt des Schwimmens im kalten Wasser. Insgesamt scheint es sich hier um eine Wiederholung des ersten Morgens in allen seinen Gegebenheiten zu handeln, wie hier auch im Bereich der Vögel festgestellt werden kann. In der Diskussion der Wiederholung auf der Strukturebene wird dieser Umstand näher untersucht werden.

10. ">>Rabe, komm und sprich!<< Und der Rabe kam aus der Baumkrone geflogen, landete auf dem Gartentisch neben dem aufgeschlagenen Buch und dem Blue-Mountain-Kaffee, vollführte zunächst mit Kopf und Schwingen eine Serie von stummen Lotsensignalen und sagte dann: >>...<< [...] >>Zünd endlich die Zündschnur an!<< hatte er unter anderem gesagt." (S. 74) Die Bedeutung des Raben wird hier vollends transzendiert, indem er zum aktiven Protagonisten einer Vision wird. Der Text schafft damit eine neue Bedeutung, hat durch die wiederholte Inszenierung des Raben die Werkzeuge zur Kreation einer Erwartungshaltug bereitgelegt, die jede Begegnung mit diesem Element in der Folge beeinflussen wird. Die Art der Vermittlung von Bedeutung durch >>...<< erinnert an die stille Erzählnacht in 'Mein Jahr in der Niemandsbucht<<: "Am Abend hat dann jeder von uns hin und wieder den Mund aufgemacht, aber in der Hauptsache blieben wir stumm. Und das eben war die Erzählnacht."232

11. ">>Ab heute, bis zum Ende der Geschichte keine Zeitung mehr!<< (Der Rabe.) Und in der Tat war ja die Zeit, da diese Geschichte spielt, nicht die Zeitungszeit." (S. 75) Der Sprechende oder besser: Bedeutungsvermittelnde Rabe gibt Anleitung zur Reise. Diese

Passage provoziert wiederum die Hypothese der fiktionalen Reise, indem sich diese

Anweisung als Anweisung in Bezug auf den Poetischen Schaffensprozess lesen lässt. Es ist zudem ein bekanntes, weil wiederholt ausgedrücktes, poetisches Prinzip Handkes, aus der unreflektierten Sprache des Alltags - insbesondere des medial vermittelten

Alltags - auszubrechen, und mit der Sprache entdeckerisch umzugehen.233

12. ">>Und ab heute, bis zum Ende der Geschichte, hast du keinen Namen mehr!<< Und ein Nachbar ging an dem Auto vorbei, ohne ihn darin zu erkennen." (S. 76) Der Rabe entpuppt sich zusätzlich als Kenner der Gesetze der Welt des Apothekers (welcher tatsächlich nie einen Namen erhält). Der einzige, der je beim Namen genannt wird, ist Alfons, der Sportler.234

13. "Wie dunkel so ein Flughafen sein konnte, dunkler als sonstwelche Zivilisationsanlagen, samt den mit Bodenlichtern gesäumten Rollbahnen." (S. 93) Wenn der Bereich 'Vögel' über 'Flugzeuge' auch auf den Bereich des Flughafens ausgedehnt wird, so ergeben sich weitere Vernetzungen zu Bereichen, die im Text wiederholt werden. Der Flughafen selbst ist im Zusammenhang mit den charismatischen Orten des Erdkellerrestaurants235 und der Zwickelwelt236 (als geographischem Ort: Natur, Steppe, Stadt, eingegrenzt durch Verkehrswege), sowie im Kontext des Schlags auf den Kopf237, ein eigentlicher Knotenpunkt im Bezugsnetz des Gesamttextes. Der Schlag ist ein Schlüsselerlebnis des Apothekers, vor allem im Zusammenhang mit dem Aufbruch in seine Geschichte, und markiert als bedrohlich-panisches Moment (nicht so bedrohlich wie auch schon bei Handke) gleichzeitig den Beginn eines Anders-Sehens, einer Verwandlung.238 In dieser Textstelle wird zusätzlich der Bereich der Dunkelheit/Nacht239 angesprochen.

14. "Ein kleiner Vogel flatterte dann unversehens im Autoinneren umher, ein Spatz. [...]Sie hielten am Strassenrand an und öffneten jeder sein Fenster." (S. 99f) Die Stelle befindet sich im Text zu Beginn der erzählten Reise. Ihr voran steht eine Passage, die drei Reisenden als 'Desperados' einerseits beschreibt, sie im selben Atemzug jedoch mit 'Idiotenfreude' entschärft. Es folgt die Vorstellung einer möglichen anderen Geschichte: "Kurz hatte er die Vorstellung, es seien die beiden gewesen, die ihm im Wald hinterm

Flugfeld über den Schädel geschlagen hatten, und er sei jetzt ihr Gefangener."240 In diesem Kontext ist die obige Stelle, welche auffallen muss, nachdem der Bereich 'Vögel' im Text bisher zu dem Knotenpunkt geworden ist, der in den obigen Zitaten herausgearbeitet wurde. In dieser Passage kann eine spezifische Funktion nur in der Relativierung der Konnotationen 'Desperado' und 'Entführung' liegen, die in der vorgelagerten Passage provoziert werden.

15. ">>Hier sind wir!<< [...] >>Das ist der eine aus der Mauer gefallene Ziegel, und da ist immer noch der Einschlupf eines kleinen Vogels darin!<< [...] >>Ja, genau, da ist sie, die Spatzennische im Mauerloch<<" (S. 145) Der Spatz kehrt wieder, hier transzendiert als Erkennungszeichen für den Ort, den die drei Reisenden aufsuchen wollen. Damit reiht er sich ein in den Kontext von 'den Weg finden/sich verirren', der weiter vorne im Zitat 7 unter 'Fremdsein/Einheimisch sein' erwähnt wurde, sowie in den Kontext des Suchens,241 in welchem ein Leser des Öfteren auf solche Instanzen von transzendierten Detailbeobachtungen als unbestimmte Wegweiser trifft.

16. "Und wenn es schon keinen Flugplatz gab, so blieb der Himmel tagsüber doch nicht nur von Vögeln bevölkert: Eine Flugroute musste über der Gegend verlaufen [...], herausgetrennt aus der übrigen Welt war man hier demnach nicht." (S. 175) Durch die Flugroute rückt der Ort in den Bereich der Zwickelwelt (siehe Zitat 13) und damit zusammenhängend die Thematik der Enklave.242

17. "[...] und wenn das dazugehörige Flugzeug ausnahmsweise einmal sichtbar wurde, in einem Aufblinken, [...] so ging davon auf den darunter befindlichen vordringlich über, dass es schon tausende solcher Flugmeilen hinter sich hatte, vor langem gestartet war in einem ziemlich anderen Land und noch eine geraume Zeit in derselben Flughöhe dort unterwegs bleiben würde." (S. 175/176) Ein Epiphanieerlebnis, wie es in den Zitaten 4 und 5 bereits stattgefunden hat wird hier wiederholt. Im chronologischen Leseablauf liegt hier eine dem geübten Leser auffällige Ähnlichkeit zu jenen Stellen viel weiter vorne im Text in den Wörtern 'Flugzeug' und aufblinken'. Das Erlebnis der Vorgeschichte und der "Unausbleiblichkeit"243 ist im Werkzusammenhang zum Beispiel in der 'Stunde der Wahren Empfindung', angesichts der gleichzeitig stattfindenden Vorgänge in der Stadt Paris, noch mit Ekel behaftet. Hierin zeigt sich wiederum das Moment der Wiederholung im Werkskontext, die Weiterentwicklung, die Handkes Werk als Prozess erscheinen lässt.244 Tatsächlich finden sich auch in früheren Texten Belege für die Mystifizierung des Flugzeugs.245

18. "Das eine Mal, dass ihn am Rande der Steppe etwas mit Wucht auf den Schädel traf, war das ein Apfel, aber wo war der Baum? [...] und erst dann sah er, schon in einiger Entfernung, den Raben, dem die Frucht dort im heiteren Himmel wohl aus dem Schnabel gefallen war." (S. 189/190) Wiederum chronologisch im Leseablauf betrachtet, findet hier eine weitere Transzendierung der Bedeutung des Raben statt, das Beziehungsgeflecht 'Vögel' - 'Schlag' - und des mystischen Details 'Apfel' wird weiter gefestigt.

19. "In einem anderen Nachtwindmomente schlug ihm neuerlich etwas auf den Kopf, oder zumindest empfand er das so - in Wahrheit streifte ihn nur das Fell einer Maus, ausgespuckt von einer Eule [...]." (S. 192) In dieser Wiederholung des in Zitat 18 bereits heraufbeschworenen Bildes, stellt sich wiederum verstärkt die Frage nach der 'Wahrheit' der Geschichte, die erzählt wird, im Zusammenhang mit der Hypothese der Fiktionalität, dem 'doch nur erfunden sein' der Binnenerzählung. Die Eule wird hier über 'Nachtwindmomente' als Zeitschwelle in die Tag/Nacht-Dichotomie eingeführt.

20. "Das grösste war der über ihm in Spiralen savannenwärts ziehende Adler [...] im Schlepptau eine Zeitlang noch eine Schwadron tiefschwarzfunkelnder Stadtfelsendohlen [...]." (S. 232/233) Der Adler wird in dieser Passage als das "grösste"246 beschrieben, was ihm an diesem Tag in der Steppe begegnete. Der Adler, in seiner Seltenheit im Text ist zusätzlich markiert durch die Beschreibung: "während der Adler höchstens hier und da einsilbig voranblökte",247 die Disposition ist gegeben, dass dieser Adler mit dem Adler im Apothekennamen beim aufmerksamen Leser eine Hypothese der Ähnlichkeit provoziert. Diese wird im folgenden unversehens dringlich gemacht, indem vier Seiten später ">>das grösste Tier überhaupt meiner Reise<<"248 auftaucht: ein Igel.249

21. "Entdeckerisch wirkte ein derartiges Erzählen, schuf Übergänge, brachte zum Aufschauen, auch im Sinn einer Aufschau, Vogelschau, Adlerschau!" (S. 246) 'Entdeckerisches Erzählen' im Zusammenhang mit 'Übergänge schaffen' ist bei Handke eine zutiefst poetologische Aussage, sie spiegelt auch im vorliegenden Text den programmatischen Wunsch, durch das Erzählen das Verhältnis von Sprache zum Erleben der Umwelt neu, 'entdeckerisch' zu definieren. Handkes Protagonisten wiederholen, in Abwandlungen, diesen Programmpunkt in den meisten seiner Texte.250

Zitat 8 hat sich schon mit dem Thematischen Bereich des Blickwinkels auseinandergesetzt. Interessant ist das inhärente Wortspiel, welches im Reden über den Blickwinkel diesen gleichzeitig in seiner orientationalen Ausrichtung (von oben nach unten) in Frage stellt: Die erste Instanz von 'Aufschauen' wird in ihrer 'Normalbedeutung' verstanden (von unten aufschauen). In der Zusammenlegung des Wortes mit den Instanzen 'Vogelschau' und 'Adlerschau' ('Vogelperspektive: von oben hinab), entwickelt der Begriff eine gezielte Ambiguität, indem die Hypothese der Ähnlichkeit von 'Aufschauen - zu etwas auf schauen' umformuliert wird zu: 'Aufschauen - auf etwas schauen'. Der Ausdruck wird seziert, in die Präposition 'auf' und das Verb 'schauen', und gemäss der inhärenten Polysemie der Präposition neuverwendet. Im vorliegenden Text ist diese spezifische Art des Entdeckens von neuen Bedeutungen in der Sprache mehrfach angewendet, wiederholt, in Form von Wortspielen, die durch die Dekonstruktion bekannter Wendungen neue Bedeutung kreieren.251 Im Text wird dies einmal explizit formuliert, als der Apotheker in der Steppe die Frau trifft, nach der er sucht: "Deswegen wirst Du einen Anlauf zum Neu-Sprechen unternehmen, zum Worte- Neufinden, zum Satzneubilden, laut, zumindest tonhaft."252

22. "Wo blieben sie nur, das erste Licht und der erste Tagesvogel? Schluss mit dem Eulengebläse." (S. 247) Der Apotheker verwendet die bekannte Zeitschwelle, nunmehr unter Miteinbezug der Eule als 'Nachvogel' Siehe rückblickend die Zitate 3, 4 und 19.

23. "In einem Kiefernwald - es gab also auch Wälder in der Steppe? Ja - stand für die Eichhörnchen ein bestimmter Zapfen-Essbaum (so wie in den Städten für Vögel Schlafbäume stehen); der Nadelboden übersät wie mit Apfelresten. (S. 256) Der Vogel Schlafbaum ist ein soweit rein intertextuelles Zitat. In 'Mein Jahr in der Niemandsbucht' findet sich dieser Begriff als "Vogelschlafbaum".253

24. "Selbst als ihm so etwas vor langer Zeit Verlorenes entgegenblinkte, hob er es unter seinen Schritten auf und lief zugleich weiter (dabei hatte er die Sache, von der er nicht sagte, was es war, ganz woanders verloren - wieder ein Rabe als Transporteur?)." (S. 267) Rückblickend steht diese Stelle in enger Beziehung zu den Zitaten 18 und 19. Offensichtlich erscheint hier das Zeit und Raumgefüge relativiert, was ich schon in einer früheren Arbeit in Bezug auf 'Mein Jahr in der Niemandsbucht' feststellen konnte.254 Im Kern geht es darum, dass, wie dies in der bisherigen Argumentation schon mehrfach angetönt wurde, der Zusammenhang zwischen Dingen neu definiert, in ihrem Wesen im ontologischen Sinne gesucht wird. Ein erhellendes Zitat findet sich in der 'Geschichte des Bleistifts': "Beim Schreiben muss nicht die Erinnerung an den Gegenstand genau sein, sondern an mein Gefühl dabei. Das Gefühl wird sich dann im Schreiben mit einem Gegenstand ohnedies wieder verbinden: das wäre nicht die 'Genauigkeit', sondern die 'Realisation'."255 Räumliche Trennung und Zeitlichkeit ausserhalb der bereits diskutierten, ebenfalls wesensbezogenen Zeitschwellen, werden nicht, oder nur am Rande respektiert.256

25. "Der Apotheker brachte mich noch zur Tür, und ich erinnerte mich an die Zeit, da ich am Morgen jeweils ab dem ersten Vogelflug ans Schreiben hatte gehen wollen." (S. 311) Interessant an dieser Stelle ist, dass wiederum eine bekannte Zeitschwelle aktualisiert wird, diesmal jedoch durch die Erzählinstanz selbst. Der Umstand, dass die Erzählinstanz für sein eigenes Empfinden dieselben Zeitschwellen benutzt wie der Apotheker, verwischt die Grenze zwischen Erzählinstanz und dem Apotheker als Erzähler der Binnengeschichte. Was sich bei der Wiederholung des Wortes 'Geschichte' herauskristallisieren wird: Die Erzählinstanz erhebt keinen Anspruch auf 'Richtigkeit' seiner Nacherzählung, die der Text darstellt.257 Dieser Vermischungsgedanke wird weiter verstärkt durch die nachfolgenden Passagen am Ende des Buches, wo der Apotheker und die Erzählinstanz im Chor, oder abwechselnd sprechen - ohne zu wissen, wer nun gesprochen hat: ">>Schneie!<< sagte einer von uns beiden. [...] >>Da ist er, der Schnee!<< sagten wir gemeinsam."258 Siehe auch die Zitate 3 und 4.

26. "Und jetzt kam endlich an diesem Morgen der erste Vogel, ein dicker Rabe [...]. >>Schrei und brüll nur, du Rabe<<, sagte der Apotheker von Taxham, mit seiner wie nun seit langem fast versagenden Stimme, die aus ihm heraus erst ihren Weg finden musste: >>Ich weiss, dass du auch anders kannst.<<" (S. 315/316) Der letzte Satz des Buches nimmt nochmals die Thematik des Raben auf, und stellt sie damit rückwirkend erneut in den Mittelpunkt. Er ist der erste Vogel am Morgen, nachdem der Apotheker seine Geschichte erzählt hat, das 'erste Rabenschreien'. Interessant: Des Apothekers Stimme droht zu versagen: Ein Umstand, der nur einmal noch im Text vorkommt (auf seiner Reise ist er stumm): "Meine Stimme komme wie aus einem Brunnenschacht [...] wie aus einem Kanalloch [...]."

Das Bild, das sich aufgrund dieses Flickwerks von Wiederholungen und Verweisen ergibt, als einer Art Spiegelkabinett von Bedeutungen, ist einerseits richtig, indem das aufgezeigte, verzweigte Netzwerk in der Analyse des Textes unweigerlich in Erscheinung treten muss. Andererseits suggeriert die eben durchgeführte Untersuchung eine Gleichzeitigkeit der Beziehungen, wo strenggenommen keine ist.259 Eine prozessorientierte Betrachtung muss diese Bezüge jedoch in einem zeitlichen Kontext der Kreation, respektive der Rekreation eingebettet betrachten. Eine verbreitete Fehlüberlegung besteht darin, das eigene Verständnis als Kritiker/Leser/Forscher als prozessorientiert zu betrachten. Die Analyse ist jedoch in den seltensten Fällen kompatibel mit den eigentlichen Vorgängen der Konstruktion oder Rekonstruktion von Bedeutung, auf Autor-, und Leserseite. Bei der Analyse von Handke muss man doch von verschiedenen Lesezyklen sprechen, innerhalb derer Bedeutung er- lesen wird, Wiederholungen identifiziert und Bezüge geknüpft werden: In einem ersten Lesezyklus können die Wiederholungen, die eben aufgezeigt wurden, kaum derart analytisch in Bezug gesetzt werden. Eine erste Stelle (1) wird eine mehr oder minder auffällige textliche Erfahrung darstellen. Eine zweite Stelle (2) wird möglicherweise eine reduzierte Erinnerung an jene Erfahrung wachrufen: "Ich kenne das von irgendwo.

" Der Zweite Lesezyklus beginnt mit diesem, stärkeren Bewusstsein der wiederholten Momente (1) und (2) und vermag sie nun möglicherweise a priori zu identifizieren: "(1) ist die Stelle, die irgendwo wiederholt werden wird." Der dritte, vierte, etc. Lesezyklus, oder die Analyse geht dann typischerweise davon aus, dass eine Stelle (1) mit den Stellen (2) bis (n) in Bezug steht. Aufgrund der wiederholten Beschäftigung mit dem Text, sind die Wiederholungsmomente für den Forscher möglicherweise zusammengerückt, so dass ein nach Vorne verweisender Bezug (1) zu (2) ebenso in die Argumentation einfliessen kann, wie ein nach hinten verweisender Bezug (2) zu (1). Daraus ergibt sich jenes Bild gleichzeitiger und wechselwirkender Bezüge, die zu Aussagen wie der von Gamper, betreffend 'Die Wiederholung' führen können: "Während des Versuchs, das Gewebe des Buches in den Grundlinien nachzuvollziehen, verstärkte sich mir der Eindruck, mich in einem Spiegelkabinett zu bewegen, wo die Spiegel sich gegenseitig ihre Bilder zuwerfen."260 Diese Aussage stimmt dann, wenn alle im Text fixierten Aussagen als koexistent behandelt werden. Ausgehend von den Prozessen des Lesens und Schreibens, müssen Wiederholungen jedoch im Normalfall als nur rückwärtsgerichtet angenommen werden. Das hiesse, ein Bezug kann grundsätzlich nur von einer wiederholten Instanz (2) zu ihrem vorherigen Erscheinen im Text (1) gemacht werden, und nicht umgekehrt. Das Bild vom strukturlosen und beliebig reflektierenden Spiegelkabinett muss aus dieser Perspektive abgelehnt werden. Statt dessen schlage ich das Bild eines Kaleidoskops vor: Der Aufbau von Bedeutung durch die Wiederholung hat eine klare Richtung, und mit jeder wiederholten Instanz wird das Kaleidoskop ein kleines Stück gedreht, wodurch dieselben Farbeinheiten eine leicht andere Konstellation einnehmen.

Worin im untersuchten Text jedoch eine sehr starke Wechselseitigkeit besteht, ist in den Bezügen, die horizontal zwischen den verschiedenen Wiederholungssträngen aufgebaut werden. Ich habe in diesem Beispiel den thematischen Bereich 'Vögel' als Grundlage genommen und habe eine sehr grosse Anzahl von anderen Wiederholungsketten, oder thematischen Bereichen im Text daran anknüpfen können. Nun sind die Vögel sicherlich ein prominentes Thema, sowohl in diesem Text, wie auch insgesamt im Werk Peter Handkes, doch es fällt leicht, andere Bereiche zu finden, an welche wiederum eine grosse Anzahl von Bereichen sich auf diese Art angliedern könnten. Es ist anzunehmen, dass dieselbe Quantität und auch dieselbe Qualität von Bezügen zu entdecken wären, wenn 'Vögel' durch einen der folgenden thematischen Bereiche ersetzt würde: 'Sehen, die Sinne',261

'Sprechen/Stammeln',262 'Blick nach unten',263, 'Pilze',264 'Die Leere, das Fehlen',265 'Verwandte, Tote, Vorfahren'.266 Diese Mannigfaltigkeit, und in diesem Falle auch Wechselseitigkeit von Anspielungen und Verknüpfungen thematischer Bereiche hat zur Folge, dass sich auf dieser Ebene kein eigentliches Leitmotiv im Text oder im Werk Handkes herauskristallisieren lässt. Die Wiederholung und Vernetzung selbst, muss in den Vordergrund rücken, als die den verschiedenen Themenbereichen zugrundeliegende Leit- Funktion.

2.3. Syntaktische Wiederholung

Zur Vervollständigung der Argumentation muss hier die Frage nach der Rolle der syntaktischen Wiederholung in Texten Peter Handkes gestellt werden. Dabei ist zu bemerken, dass syntaktische Wiederholung im weiteren Sinne im gesamten Text stattfindet: Der 'Stil' eines Autors ist grundsätzlich in einem bestimmten Umgang mit syntaktischen Regeln, beziehungsweise in der Herausbildung (i.e. Wiederholung) eigener syntaktischer Schemata begründet. Die Besonderheiten der Syntax in Handkes Texten allgemein zu analysieren kann jedoch nicht das Ziel der vorliegenden Arbeit sein. Es soll hier lediglich darum gehen, bestimmte Auffälligkeiten wiederholter syntaktischer Schemata aufzuzeigen, und damit nachzuweisen dass die Funktion der Wiederholung den Text auch diese Ebene durchdringt. Ein Beispiel ist schon im allgemeinen Kapitel über die Wiederholung gegeben worden. Es wurde dabei die syntaktische Wiederholung innerhalb einer Textstelle untersucht. Analog zu vorherigen Unterkapiteln, soll sich nun jedoch das Augenmerk auf die syntaktische Wiederholung innerhalb des Textganzen richten.

Es sollen exemplarisch zwei Instanzen definiert werden, in denen sich im vorliegenden Text syntaktische Wiederholungen abspielen:

1. Beispiel wiederholter syntaktischer Rekursivität.
2. Der Bereich der Neokomposita.

Die Funktion syntaktischer Wiederholungen ist gemäss kognitiven Grundannahmen auch eine semantische. Für die nachfolgenden Beispiele für syntaktische Wiederholung im Text soll festgehalten werden:

- Die syntaktische Struktur einer Textstelle ist immer bedeutungstragendes Element, indem sie Reihenfolge und Zusammenhang festlegt, in welchem Einheiten von Bedeutung zur Gesamtbedeutung einer Aussage elaboriert werden können.
- Eine im Text wiederholte syntaktische Struktur kann dazu beitragen, Zusammenhänge zwischen einzelnen Textstellen herzustellen, und eine Semantik des Textes zu entwickeln.

1. Beispiel wiederholter syntaktischer Rekursivität: Im vorherigen Kapitel, im Zusammen- hang mit der Relativierung von Zeit und Raum im Text, wurde eine Stelle (1) bereits erwähnt: "Gab es denn das, Feigenbäume, noch dazu mit reifwerdenden Feigen, so hoch nördlich? Ja, inzwischen gab es fast überall alles."267 Die syntaktische Struktur ist eine rekursive, wie sie uns schon einmal in dieser Arbeit im Zusammenhang mit syntaktischer Wiederholung begegnet ist (Teil II, Kapitel 1.2.). Bei näherem hinschauen, entpuppen sich beide Stellen als syntaktisch parallel. Die Stelle (2) dort heisst: "Sein Herz beginnt zu bluten. Gibt es das also? Ja, das gibt es."268 Es soll hier nicht die Frage beantwortet werden, ob diese syntaktische Wiederholung etwa intentional bedeutungstragend ist. Dadurch dass die Parallele erkannt wird, ergibt sich bereits eine Bedeutung: In diesem Fall wird eine Textstelle (1), die im Zusammenhang mit der Relativierung von Zeit und Raum einigermassen prominent erschien, über die auffällige syntaktische Parallele in einen zweiten Zusammenhang gebracht - dem der Wiedergewinnung der Sprachfähigkeit, wofür die Stelle (2) steht. Auffällige Stellen solcher rekursiver Syntax weiter zurückverfolgend, trifft man auf eine Passage, die im Zusammenhang mit der Wortwiederholung 'Krieg' bereits aufgetaucht ist, der Moment, in dem der Apotheker in seiner Geschichte gewalttätig wird: "Und jetzt rannte er den Burschen [...] nieder, und der Andere fiel gegen die Arenenmauer und stand nicht mehr auf. Auch das gab es. [...] Und das Auto des Fahrers stand gleich um die Ecke. Auch das gab es."269

2. Dadurch dass diese Stelle wiederum über syntaktische Parallelen eine Hypothese der Ähnlichkeit provozieren kann, sobald sie als Wiederholung erkannt wird, kann durch die Wiederholung ein Zusammenhang im weiteren Sinne auch zwischen den drei thematischen Bereichen 'Raum/Zeitverlust', 'Sprachverlust' und 'Krieg/Gewalt/- Veränderung des Apothekers durch die Geschichte' hergestellt werden.

3. Bereich der Neokomposita: Am Beispiel 'weissweiss' wurde weiter vorne argumentiert, dass Komposita im Grunde syntaktische Gebilde sind, dass sie jedoch im kognitiven Verstehensprozess nicht notwendigerweise so kategorisiert werden,270 sondern in ihrer Repräsentation als eigenes Bild, als etwas anderes als die syntaktische Aussage dargestellt werden können. Ein Wort 'Edelkastanienblütenschnüre'271 würde möglicherweise repräsentiert als 'Schnurhafte' Einheit, lediglich in einem bestimmten Zusammenhang stehend mit einer Blüte, und nicht zwingend verstanden als 'Schnüre an Blüten der Edelkastanie'. Das einzige, was in diesem Zusammenhang als Basis dienen kann ist die abgestützte Aussage, dass die Teile eines Kompositums anders repräsentiert sind, als das im Kontext jeweils alleinstehende Wort. Wie die Repräsentation eines Kompositums gegenüber der Repräsentation der Einzelwörter aussieht, kann vorläufig nicht beurteilt werden. Möglicherweise ist das 'Frühflugzeug'272 Primär ein eigener Begriff, ein erzählender Name für etwas, das die traditionell- syntaktische Bedeutung 'Flugzeug in der Früh' transzendieren kann. Andererseits könnte mangels der Determination von Fällen, Präpositionen, und/oder Konjunktionen das Wort durchaus als 'frühes Flugzeug', oder aber als 'Flugzeug in der Früh', 'Flugzeug der Früh (Genitiv)', oder 'das frühere Flugzeug' repräsentiert werden. Dann wäre gerade diese Mehrdeutigkeit, was das Kompositum vor der Summe seiner Teile auszeichnet. In diesem Sinne ist die Technik, Hauptwörter zusammenzusetzen (und wenn nötig, dazu Verben zu substantivieren, z.B. 'Zur-Gegend-Hinausfahren'273 ), in jedem Fall bedeu- tungserweiternd. Neben der lexematischen/syntaktischen Auffälligkeit solcher Begriffe, die in der Wiederholung den Text vor allem dort strukturieren, wo sie vom alltäglichen Gebrauch von Komposita abweichen,274 führt die Verwendung von Komposita (das heisst, das wiederholte Zusammenfügen von Wörtern) zu einer Art semantischem Schwebezustand, der als für Handke charakteristisch bezeichnet werden kann:

Indem, je nach Hypothese, entweder aus bestehendem Wortmaterial wirklich neue und damit undeterminierte Wörter geschaffen werden, oder indem gewissermassen bereits im Wort ein zu interpretierender Satz steckt.275

2.4. Wiederholung auf der Strukturebene

Ich habe in der früheren Arbeit über Handkes 'Mein Jahr in der Niemandsbucht'276 unter anderem an der Wiederholung bestimmter Elemente festgestellt, dass das vierte Kapitel des Buches seinen Stoff aus den Schreib-Umständen der ersten drei Kapitel gewinnt, indem darin das Jahr wiederholt wird. Der Text stellt sich dar als Gebäude mit doppeltem Boden, indem die ersten drei Kapitel in der Autorfiktion im Verlaufe eines Jahres geschrieben werden. Dies geschieht wohl ausgehend von jeweils Erlebtem im Sinne des 'Mitgehens', jedoch gleichzeitig im Hinblick auf die angestrebte Erzählung als Wiederholung durch Erfindung erweitert. Aus dieser Kombination von Erleben - Erinnern - erfinderischem Erzählen entstehen zunächst die abklärenden, poetologischen Kapitel 'Wer nicht? Wer?' (I) und 'Wo nicht? Wo? Und die Geschichte meiner ersten Verwandlung' (II), doch im Weiteren, in exemplarischer Anwendung der Erkenntnisse, auch 'Die Geschichte meiner Freunde' (III). Das vierte Kapitel, genannt 'Mein Jahr in der Niemandsbucht', wendet sich dann an den Anfang des Jahres zurück, und beschreibt in einer neuerlichen Wiederholung zusammenfassend die Umstände der Entstehung der Ersten drei Kapitel.

Ohne diese Erkenntnis zwangsläufig auf 'In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus' projizieren zu wollen, sind in den bisherigen Abschnitten und Kapiteln zur Wiederholung doch einige Verdachtsmomente aufgetaucht, die hinter den gehäuften Wiederholungen sowie hinter der thematischen Vernetztheit der einzelnen Episoden im Text ein bestimmtes System vermuten.277 Es wurde darauf hingewiesen, dass eine Anzahl von Begriffen, die im ersten Kapitel des Buches bereits geprägt werden, in die Erzählerfiktion als Wiederholung einfliessen.

Darauf aufbauend möchte ich versuchen, die Struktur des Gesamttextes klarer herauszuarbeiten, indem ich diejenigen Themen im ersten Kapitel identifiziere, die in den folgenden Kapiteln wiederholt werden.

2.4.1. Die Orte des Romans

Bereits auf der ersten Seite des Textes werden zwei Themen aufgegriffen, die in der Folge wiederholt werden. "Die meisten Bewohner der nahen Stadt Salzburg hätten nicht sagen können, wo der Ort lag, vielen klang schon der Name fremd. Taxham? Birmingham? Nottingham?"278 Die 'Unwissenheit der Ansässigen' wird in der Folge in Santa Fe wieder aufgenommen. Am prägnantesten formuliert auf Seite 199: "Dieses Nicht-bewandert-Sein selbst der Alteingesessenen mit dem, was vor der eigenen Tür war, mitsamt der Angst davor, begegnete ihm von morgens bis abends." Das zweite Thema, die Verwechslung von Ortsnamen mit ähnlich und berühmt klingenden Namen, wird mehrfach wieder aufgenommen. Zunächst im zweiten Kapitel, auf der Reise nach Santa Fe: "Viele, ja, nahezu ein jedes der Ortsschilder, an denen sie vorbeifuhren, zeigte [...] den Namen eines sonst weithin bekannten [...] Orts, oder immerhin eine nahe Verwandtschaft mit dem berühmten Namen, konnte zunächst damit verwechselt werden."279 Weiters auf seiner eigenen Reise in der Steppe: "Andererseits: war er nicht schon vorher an einem Ortsschild vorbeigekommen, mit Namen >>Los Lobos<< [...] ebenso an einem >>Weymar<< - danach nichts und wieder nichts?"280 - "Statt der Ortsschilder [...] (die Orte selber ganz versunken), wie >>Santa Ana<<, >>San Juan<<, oder >>San Francisco<<, hätte er sich mit der Zeit eines mit der Aufschrift >>Santa Paciencia<< gewünscht."281

Erstens geschieht hierdurch kognitiv eine Annäherung der verschiedenen Orte der Erzählung, indem sie in ähnliche Bezugssysteme eingegliedert werden. Es ist nämlich so, dass von drei Zentralen Orten gesprochen werden kann: Taxham, Santa Fe und Zaragoza. Indem die Verwechslungsthematik in allen drei Instanzen wiederkehrt, drängt sich eine Hypothese der Ähnlichkeit auf, rücken die drei Orte in dieser Beziehung zu einem einzigen zusammen. Dazu ein zweiter Umstand: Während zu Beginn des Buches, der Grundstein zu diesen Themen von der Erzählinstanz selber gesetzt wird, werden Ortsverwirrungen in der Folge als das Erleben des Apothekers geschildert. Es resultiert daraus ein Ansatz zur Vermischung der beiden Instanzen, auf die schon an anderer Stelle hingewiesen wurde.

Ähnlichkeit diesbezüglich gewissermassen verpflichtet. Es bleibt dem Leser überlassen, im Anschluss an meine Argumentation zu beurteilen, ob es sich dabei lediglich um eine Projektion handelt. 278 Peter Handke 1997, S. 7.

Weiters wird in diesem ersten Kapitel die Umgebung Taxham von der Erzählinstanz extensiv als "Zwickelwelt" beschrieben, ein Thema, welches als geographischer Lageplan sowohl das Konzept von Santa Fe282 (Nachtwindstadt), wie auch das von Zaragoza283 (ebenfalls Nachtwindstadt) beeinflusst. Im Epilog ist es wiederum die Erzählinstanz, die zurückblickt auf den dunklen und klaren Dezembermorgen, im "Taxhamer Dreieck"284, an dem die Geschichte zuende erzählt ist (und feststellt: "der Nachtwind wehte auch hier"285 ). Diese Stellen stiften durch die eben umrissenen Verbindungsstränge, die im Text selbst als Wiederholungen auffallen, gleich einen zweifachen Zusammenhang, indem sie einerseits die Orte der Geschichte zusammenrücken lassen, und indem sie in der Art ihrer Vermittlung die Distanz zwischen Binnenerzähler und Erzählinstanz verringern. In der Folge tritt im Ersten Kapitel wie schon erwähnt auch die Steppe auf,286 als das Wiesenstück, auf welchem die Apotheke >>Zum Adler<< steht.287

Das Erleben der Einheit des Ortes, durch den Leser, welches durch die Funktion dieser Wiederholungen nahegelegt wird, intensiviert sich über weitere Textstellen, welche explizit den Unterschied zwischen physischem Aufbrechen, und Aufbrechen in der Erinnerung und Phantasie relativieren. Aus dem Munde eines zuverlässigeren Erzählers wären die Stellen stark genug, allein den Nachweis dafür zu erbringen, dass es sich hier in der Tat um eine phantasierende Art des Reisens, 'der Reise im Aufblicken von einem Schreibblock', handelt: "Er selber war früher viel gereist, fast durch die ganze Welt. Inzwischen zog es ihn nicht mehr weg, nirgendwohin. An Ort und Stelle, gerade da, war ihm allmorgendlich, als breche er auf, oder sei schon vor langem aufgebrochen, und die Reise gehe heute um eine Station weiter. >>Ich wollte hierbleiben, lange noch, lange noch.<<"288 In dieser Textstelle wird die Metapher 'Reisen in der Phantasie ist eigentliches Reisen' aktualisiert, die bereits in 'Mein Jahr in der Niemandsbucht' Grundlage für den Begriff des 'Mitgehens' und für das Verständnis der 'Geschichte meiner Freunde' war. Eine zweite Stelle hierzu findet sich, wo auf der Reise selbst deren Eigentlichkeit in Frage gestellt wird: ">>In der Ferne<<: Wer setzte so etwas fest? Einmal, wie schon gesagt, sie selber, ihre Stimmung und ihr Zustand, ihre Lage, und dann die Geschichte, die Erzählung; die Tatsache, dass sie sich zusammen unterwegs in einer Geschichte wussten. Das Bewusstsein, eine Geschichte zu erleben, noch dazu eine gemeinsame, gab also ein Fernegefühl, auch wenn man sich gar nicht von zu Hause aufgemacht hätte?"289 Daraus entwickelt sich, aufbauend auf vorherige, schwächere Hypothesen der Durchdringung nunmehr die Folgende: "In diesem Roman wird nicht gereist. Weder die Erzählinstanz (genannt 'Aufschreiber'), noch der Erzähler der Binnengeschichte bewegen sich im Verlaufe des Textes aus dem Bereich Taxham heraus. Die Reise findet in der Phantasie statt, sie ist fiktiv."

2.4.2. Die Figuren des Romans

In der Figurenkonstellation des Romans ergeben sich gewisse Regelmässigkeiten, welche zumindest als Indizien für ein sich in der Wiederholung ständig erneuerndes System gelten können. Solch ein Indiz ist insbesondere die Dreier-Konstellation, welche einen Grossteil der Episoden des Romans bestimmt: Zu Beginn des ersten Kapitels wird eine Dreier- Konstellation zwischen Andreas Loser, dem Apotheker und der Erzählinstanz angedeutet.290 Weiter hinten folgt die Beschreibung einer Dreier-Konstellation am Arbeitsplatz: der Apotheker und zwei Angestellte, "eine ältere Frau und ein junger Mann".291 Beim monatlichen Treffen mit seinen Zunftgenossen292 sieht er sich ebenfalls zwei anderen Apothekern gegenüber. An dieser Stelle finden sich gleichzeitig gewisse Attribute, als Links,293 die in der Charakterisierung anderer Personen wieder Auftauchen. So ist der Apotheker von Liefering fast taub,294 ein Attribut, welches im Roman weiter nur der Figur 'Andreas Loser' als Einsiedler in der Steppe zusteht.295 Die Apothekerin von Itzling ihrerseits ist "schön",296 ein Wort, das ansonsten nur zweimal, im Zusammenhang mit der 'Siegerin'297 verwendet wird. Die Auffälligkeit dieser Figur unterstützend kommt hinzu, dass der Apotheker seine Kollegin 'von Itzling' als mögliche "Hauptfigur für ein Buch"298 sieht. Er wird vom 'Aufschreiber' vertröstet: "Und überhaupt möge er erst einmal abwarten."299

Die Hypothese: Die Erzählinstanz weist damit darauf hin, dass die Apothekerin in der Geschichte noch eine Rolle spielen wird. Sie täte dies, in der Wiederholung verändert, wenn man sie in der Rolle der 'Siegerin' wiedererkennt. Im Konzept des 'erfinderischen Erzählens' (Erfahrung - Erinnerung - erfinderisches Erzählen), in welchem starke emotive Elemente ('schön') einer Erfahrung (in der Erinnerung) wichtiger sein können, als deren propositionaler Gehalt300 (Beruf, Wohnort, etc.), gewinnt diese Hypothese dann an Plausibilität. Die prominenteste Dreier-Konstellation schliesslich bestimmt den Grossteil der Reise: der Apotheker (im Zweiten Kapitel dann 'Fahrer'301 genannt, im dritten und vierten 'Erzähler'302, im Epilog wieder 'Apotheker'303 ) und seine beiden Begleitern 'Dichter' und 'Sportler'.

Das Treffen mit den 'Zunftgenossen' welche, durch die Attribute 'schön' und 'taub' selbst bereits als Elemente thematischer Wiederholung gekennzeichnet sind, und dadurch kognitiv Elemente einer Kategorie 'ausgezeichnete Figuren im Text' darstellen, wird durch einen weiteren Hinweis der Erzählinstanz in den Vordergrund gerückt. Der Nachmittag des Treffens wird beschrieben als der "Nachmittag, da ich den Anfang seiner Geschichte spielen sehe".304 Nun beginnt auf der allgemeinen Handlungsebene die 'Geschichte' dort, wo der Apotheker mit den zwei unbekannten Begleitern in seinem Auto nach Westen aufbricht. Eine Hypothese der Ähnlichkeit (die aufzustellen durch die Erzählinstanz angeregt wird) ist wiederum erst dann plausibel, wenn der Wiederholung von Erlebtem die Erfinderische Komponente zugestanden wird. Die Hypothese heisst dann: "Die Dreier-Konstellation der 'Zunftgenossen' bildet möglicherweise die Basis für die Fortführung der Dreier-Konstellation, mit welcher die 'Geschichte' beginnt."

Zu Andreas Loser: Loser ist deswegen eine interessante Figur, weil er ein gemeinsamer Bekannter des Aufschreibers und des Apothekers ist. Wieder lässt sich anhand seines Beispiels zeigen, wie ein Element, das im ersten Kapitel von der Erzählinstanz eingeführt wird, in der vermeintlichen Binnenerzählung eines Anderen erneuert wieder auftaucht. Die Bemerkung des Aufschreibers: "Mein Freund Loser ging inzwischen wer-weiss-wohin",305 findet weiter hinten ihr Echo, als ihn der Erzähler auf seiner Steppenreise als Einsiedler antrifft. Es fällt ihm dort auf, "die Ähnlichkeit des Mannes mit [...]dem verschollenen Salzburger Lehrer für alte Sprachen, Andreas Loser [...]. Ja, er war es."306

Loser lebt in 'ich-weiss-wo', trinkt 'Blue-Mountain-Kaffee' und ist mittlerweile tauber als der

'Apotheker von Liefering'.

Angesichts der Mutationen, die in der Verarbeitung der Eindrücke des ersten Kapitels geschehen, muss es interessieren, auch die Entwicklung der Figur des Apothekers nachzuverfolgen. Es ist schon darauf hingewiesen worden, dass er im Verlaufe des Romans, in der Abfolge der Kapitel, unterschiedliche Bezeichnungen erhält. Diese sind jedoch keine Namen, sondern am ehesten Berufsbezeichnungen, verknüpft mit bestimmten Attributen, welche die Rolle der Figur in den jeweiligen Kontexten charakterisieren und weiterentwickeln. Wenn der 'Apotheker' im zweiten Kapitel nurmehr als 'Fahrer' auftaucht, so verändert sich nämlich damit die Perzeption der Figur, indem sie eigentlich neu kategorisiert wird. Die Veränderung in der Repräsentation dieser Figur ist in diesem Fall besonders frappant, weil die beiden Kategorien 'Apotheker' und 'Fahrer', zumindest in der Vorstellung dieses Lesers wenige bis gar keine überlappenden Elemente aufweisen. Dabei werden die Auffälligkeiten einer solchen Wandlung auch durch den Kontext amplifiziert. Einerseits dadurch, dass der Apotheker am Tag zuvor noch mit dem Fahrrad unterwegs ist,307 andererseits durch die wiederholte Thematik 'Geschwindigkeit': Der 'Fahrer' tritt "gegen seine Art, aufs Gas",308 und handelt damit entgegen der Angst des Apothekers vor der Geschwindigkeit.309 Anhand der syntaktischen Wiederholung der Phrase 'gegen seine Art', trifft man auf eine erste, offene Formulierung zu Beginn des Romans: "ob das nun seine Art war, oder nicht".310 Im folgenden finden über den gesamten Text hinweg Präzisierungen statt, was der 'Art' dieser Figur weiters nicht entspreche, auch im Fall des 'Erzählers', wie die Figur im dritten und vierten Kapitel genannt wird: "Als mein Erzähler nun, ganz gegen seine Art, in einen Lauf fiel".311 Ersichtlich wird an diesen Stellen auch die Art, wie die jeweiligen Figurenbezeichnungen in solchen Passagen reflektiert werden. Die allgemeine Wendung hin zur Geschwindigkeit ist in beiden Fällen konstant, doch es ist etwas eigentümlich Anderes, ob ein Fahrer gegen seine Art aufs Gas tritt, oder ein Erzähler zu rennen anfängt. Obschon es sich um ein- und dieselbe Figur handelt, erhalten die beiden Passagen die Qualität einer Analogie zwischen zwei verschiedenen Figuren. Die Frage nach der 'Art' des Apothekers ist im vorliegenden Text zentral, stellt sich doch im Epilog die Frage "ob er sich durch seine Geschichte verändert habe."312 Insgesamt kann man von einer grösseren Gefasstheit und mittlerweile "taub geworden, und gerade von der Steppenlandstille?! Und das gerade in einem Landstrich, der >>Sabana de la Sonora<< heiss?" (S. 238).

Souveränität sprechen, welche die Figur im Laufe ihrer Geschichte akquiriert. Der Aufschreiber bemerkt, dass der Apotheker "auf kleinstem Raum hantierte, kaum eine weitausholende Bewegung unternahm und zudem fast geräuschlos blieb".313 Etwas weiter hinten wird dann auch die Geschwindigkeitsthematik wiederholt: Ein "mit Vollgas vorbeifahrendes Auto bekam von ihm den gleichen ruhigen Blick, wie der Rauch, der aus dem Kaffeeglas stieg."314 Die Parallelen zu 'Mein Jahr in der Niemandsbucht' treten auch hier zutage. Dort war zu beobachten, wie Erzählinstanz Keuschnig eine Verwandlung durch das wiederholende Erzählen selbst angehen will, und dies tut, indem er aus Fragmenten die Geschichten seiner Freunde, als Projektion seiner eigenen Geschichte entwickelt.315 Hypothese: "Auch in diesem Text findet in der Projektion eine Verwandlung statt."

2.4.3. Die Struktur

Im folgenden möchte ich die bisherigen, wegbereitenden Vermutungen und Hypothesen bündeln, und die Argumentation zu einem Abschluss bringen. Ich habe zu Beginn dieses Kapitels vorsichtshalber die intertextuellen Bezüge zwischen 'In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus' und 'Mein Jahr in der Niemandsbucht' ausgeklammert. Es gilt nun, dies wieder rückgängig zu machen, und den vorliegenden Text auch als Folgetext zu 'Mein Jahr in der Niemandsbucht' zu sehen.316 In wesentlichen Zügen wird 'In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus' nämlich dort bereits skizziert:

"In beiden Bereichen, als namenloser Zuschauer und als Person der Handlung, ging ich jeweils völlig auf. [...] Das erstaunte mich schliesslich so, dass mir eine Zeitlang, frei nach Balzac, eine andere Menschliche Komödie vorschwebte, eine Gesellschaftserzählung in stetem Hin und Her zwischen Namen und Namenlosen [...] und wenn auch nur im Vorübergehen oder Vorbeifahren. Das Buch hatte in meinem Kopf sogar schon einen Titel. Es hiess >>Der Apotheker von Erdberg<<. Aus meinem zeitgenössischen Gesellschaftsroman - durchlüftet vom ständig mitklingenden Epos des unbestimmbaren Strassen- und Fahrvolkes - wurde nichts. Ich fing nicht einmal damit an (obwohl der wirkliche Apotheker von Erdberg, der seinerzeit für einen Abend mein Tischnachbar war, mir noch Jahr für Jahr aus der Ferne Material schickt und mir andeutet, er hätte unter vier Augen viel für mein Buch zu erzählen). Je näher ich mein Vorhaben betrachtete, desto weniger kamen die Leute, mit denen ich verkehrte, als Helden oder auch nur Gestalten eines Buches in Frage."317

Ich habe beim Schreiben dieser Arbeit bis zu diesem Zeitpunkt nicht nur mit dem Zitieren, sondern auch mit dem Aufsuchen dieser Textstelle in 'Mein Jahr in der Niemandsbucht'318 gewartet, um sie in der Argumentation nicht überzugewichten. Um so mehr scheint die Struktur des vorliegenden Textes sich durch diese Beobachtung herauszukristallisieren:

"In beiden Bereichen, als namenloser Zuschauer und als Person der Handlung, ging ich jeweils völlig auf." - In der bisherigen Argumentation wurde mehrmals die Vermutung angestellt, dass im Text eine Vermischung319 von Erzählinstanz ('Aufschreiber') und Erzähler ('Apotheker', 'Fahrer') stattfinde. Das hier zitierte Schema der Vereinigung von namenlosem Zuschauer (Erzählinstanz) und Person der Handlung (Apotheker) in Einem liefert dafür ein plausibles Bild. Zurückkehrend zum vorliegenden Text kann auch eine andere, zunächst verwirrende Stelle erstmals argumentiert werden, in welcher der Apotheker mit sich selber Schach spielt: ">>Was willst Du?<< sagte der eine Spieler zum andern. [...] >>Ja. Ich will die Fortsetzung. Ich bin ziemlich gespannt, wie es weitergeht.<< - >>Womit? Mit wem?<< - >>Mit mir. Mit uns. Mit meiner Geschichte. [...]<< ->>Und warum hast du solch eine gepresste Stimme?<<" Indem der Erzähler als Projektion der Erzählinstanz, sozusagen als deren erlebendes alter ego interpretiert wird, wird plausibel, dass auch der Apotheker sich selbst um seine Geschichte befragt und gleichzeitig Erzähler der Binnengeschichte und Erzählinstanz sein kann. Damit schliesst sich auch der Kreis in der Wiederholung, als die 'echte' Erzählinstanz von der "wie nun seit langem fast versagenden Stimme [des Binnenerzählers], die aus ihm heraus erst ihren Weg finden musste",320 spricht. Weiter spricht das Zitat noch verschiedene Bereiche an, die auch im vorliegenden Text bearbeitet werden: So 'stimmt' der Verweis auf das Epos, in welchem auch der Apotheker vor und nach seiner Reise liest, die Bezeichnung des zu schreibenden Textes als 'Roman',321 sowie der Verweis auf das Strassen- und Fahrvolk.322 Im Zusammenhang mit dem "steten Hin und Her zwischen Namen und Namenlosen", erscheint schliesslich auch die bereits diskutieren Ortsverwechslungen, sowie das Lied, das der Apotheker im Epilog anstimmt.323

Ein letzter Baustein, neben den Wiederholungen, die nun aus dem ersten Kapitel in den Hauptteil der Geschichte verfolgt wurden, und der Wiederholung auf der intertextuellen Ebene, die gerade festgestellt worden ist, sind die Andeutungen von Wiederholung, die aus dem Epilog rückwirkend gemacht werden. In der Beschreibung der Nacht, in welcher der Apotheker seine Geschichte erzählt,324 tauchen Gestalten auf, deren Bedürfnisse nach allen bisher aufgezeigten Parallelen und Wiederholungen zusätzliche déjà-vus verursachen: Eine Frau auf der Suche nach einem Brustschmerzpulver,325 ein Kind, das seinen Kopf blutig geschlagen hatte,326 sowie ein Mann, der seinen Schmerz nicht auszudrücken vermag, nicht mehr sprechen kann, was auf die andauernde Stummheit des Apothekers in seiner Geschichte verweisen mag. Wohlverstanden, es sind dies keine starken Bezüge mehr, lediglich Anspielungen ohne weiteren, zwingenden Kontext, die von einem auf die Wiederholung ausgerichteten Leser unter Umständen aufgenommen werden.

Ihre Funktion in der Autorfiktion: Sie perpetuieren gewisse Inhalte der Binnengeschichte im Epilog. Damit wäre eine dreifache Wiederholungsstruktur327 im Text angedeutet: Erstens die Aktualisierung eigener Erfahrung im Schreiben der Rahmengeschichte, dann die Wiederholung von Elementen des Rahmens in der Binnengeschichte und schliesslich die Wiederholung und Perpetuierung von Elementen der Binnengeschichte auf der Ebene des Rahmens im Epilog.

In der Integration von bisher aufgestellten Hypothesen mit den Erkenntnissen, die sich aus dem intertextuellen Verweis ergeben, ergibt sich ein zunehmend eindeutiges Bild des vorliegenden Romans als exemplarische Konstruktion der Phänomenologie des Erzählens.

2.4.4. Der 'eigentliche' Handlungsverlauf

Auf der Handlungsebene präsentiert sich dem Leser eine Rahmenerzählung. Erzählinstanz ist der 'Aufschreiber', der den Apotheker zu einem bestimmten Zeitpunkt erstmals trifft,328 noch vor dem Zeitraum, in dem die Geschichte angesiedelt ist.329 Die Stelle "An jenem Nachmittag, da ich den Anfang seiner Geschichte spielen sehe",330 bezeichnet die Beschreibung der zweiten Hälfte des Tagesablaufs, in welcher auch die Frau des Apothekers als sprechende auftaucht,331 als noch zur Rahmengeschichte gehörig. Die Binnenerzählung beginnt daher mit Kapitel zwei. Der zweite Morgen als eine Art Vorgeschichte aus dem Mund des Apothekers kommend wird von der Erzählinstanz nurmehr vermittelt. Der dort geschilderte "dunkle klare weithorizontige Tag"332 mit den folgenden Momenten der Epiphanie gliedert sich ein in den Thematischen Bereich 'Schwarz'333 und markiert den Aufbruch ins Erzählen des Apothekers.334 Mit der Reise beginnt die eigentliche Geschichte. Diese Geschichte, die im Sommer spielt,335 wird im Verlaufe einer Nacht erzählt, als Aufschreiber und Apotheker in Taxham wiederum zusammenkommen: "Ich traf mich mit dem Apotheker dann mitten im Winter, während eines Nachtdienstes in seiner Taxhamer Apotheke [...].Und er erzählte mir weit über die halbe Nacht, mit ein paar Unterbrechungen, seine Sommergeschichte."336 Ohne sich dazu Notizen gemacht zu haben,337 stellt der Aufschreiber den vorliegenden Roman als Nacherzählung mit angeblichen Zitaten zusammen, inklusive erstem Kapitel und Epilog. Die Autorfiktion der Rahmengeschichte wird nie durchbrochen.

2.4.6. Hypothese: Die phänomenologische Handlung

Die verschiedensten Wiederholungen auf allen Ebenen des Textes führen nun dazu, diese Konstellation vor allem in einer Hinsicht in Frage zu stellen: Die Erzählinstanz ist in höchstem Masse subjektiv und unzuverlässig darin, ihre eigenen Gesichtspunkte von denen des Apothekers, dessen Geschichte nachzuerzählen sie vorgibt, zu unterscheiden. Die Geschichte erscheint dadurch in verschiedenster Hinsicht die alleinige Erfindung der Erzählinstanz zu sein, indem die Anschauungen der Erzählinstanz im ersten Kapitel und im Epilog die Geschichte des Apothekers überlagern, und zwar auf eine Art und Weise, die es unmöglich macht, das Ausmass und die Struktur der 'eigentlichen' Geschichte des Apothekers wiederzuerkennen.

Daher ein Schritt zurück: Nun sei der fiktive Autor338 nicht der bloss weitergebende 'Aufschreiber', sondern der bestimmende Erzähler des gesamten Romans. Aus dieser Perspektive ist die Handlung des Textes nun nicht mehr das, was darin abläuft, sondern wie das, was abläuft, entsteht. Der Leser ist während des gesamten Textes mit Kontexten konfrontiert, die bestehende Kategorisierungen von Begriffen in Frage stellen, Wortbedeutungen in der Wiederholung dekonstruieren oder transzendieren und virtuos verschiedenste thematische Bereiche miteinander in Bezug setzen. Die Frage beim Lesen ist nicht mehr: "Was geschieht als nächstes?", sie lautet eher: "Wie wird das, was kommt mit dem was war zusammenhängen?" Hierhin hat sich die Handlungsebene verlagert. Das Erzählen wird selber zur Handlung.339

In der vorher zitierten Stelle aus 'Mein Jahr in der Niemandsbucht' ist die Idee zu einem Roman angelegt. In erster Linie geht es nun nicht darum, ob und wie diese Idee nun im vorliegenden Text wirklich umgesetzt wurde, die Funktion des Verweises soll in diesem Kontext auf das Grundlegende reduziert werden: Der Verweis macht darauf aufmerksam, dass ein Text notwendigerweise auf etwas bereits bestehendem, einem Konzept, oder einem Schema, aufbaut. Aufbauen heisst immer auch Wiederholung (1) des Konzeptes und dessen Erweiterung zur Erzählung. Ein parallel dazu verlaufender Strang von Wiederholung (2) entsteht durch die Distanz, die in der Erweiterung des Konzepts zur Erzählung notwendigerweise zwischen Erlebtem und Erzähltem bestehen muss. Sie wird im vorliegenden Text exemplifiziert, indem die Erzählinstanz auf Erlebnisse zurückblickt, die in der Zeit zurückliegen, mindestens über ein Jahr hinweg verstreut in einer unbestimmten Vergangenheit. Das heisst, es werden auf der Ebene der Fiktion keine Aussagen darüber gemacht, welche Zeitspanne zwischen der Nacht "mitten im Winter",340 in welcher der Apotheker seine Geschichte zuende erzählt, und dem Aufschreiben der Ereignisse durch den fiktiven Autor verstreicht. Dennoch wird deutlich, dass die Implikation zeitlicher Distanz zwischen mündlicher Erzählung und schriftlicher Nacherzählung einen wichtigen Teil des gesamten Unternehmens darstellt: "Und dann fragte wiederum er mich, ob ich mir absichtlich keine Notizen gemacht hätte. [...] >>Recht so<<, sagt er. >>Hauptsache, Sie schreiben in einem grossen Bogen auf, was ich ihnen gerade erzählt habe [...].<<"341 Hierin liegt der Kern der phänomenologischen Handlung: Die Nacherzählung einer Geschichte, genauso wie das Erfinden einer Geschichte, ist die Erneuerung von Erlebtem in der Wiederholung. Dies ist keine besonders umwerfende Erkenntnis. Doch der vorliegende Text schafft es, genau diesen Umstand zu thematisieren, 'vor Augen zu führen'. Durch die Wiederholung von Schlüsselbegriffen zwischen Rahmen- und Binnengeschichte provoziert er laufend Hypothesen der Ähnlichkeit zwischen den grundverschiedenen Handlungen 'Interview/Gespräch in Taxham' (im ersten Kapitel und im Epilog, in der Gegenwart der Erzählinstanz) und 'Abenteuerliche Reise nach Westen' (die Handlung der Geschichte). Durch die Wiederholung von Schlüsselbegriffen des Apothekers durch den Aufschreiber und der Wiederholung von Begriffen des Aufschreibers durch den Apotheker provoziert er Hypothesen der Ähnlichkeit zwischen Erzählinstanz und Binnenerzähler.342 Die daraus entwickelten spezifischen Hypothesen der anderen Bedeutung lauteten zusammenfassend, dass dadurch die Geschichte des Apothekers als zum grössten Teil reine Erfindung343 entlarvt würde, respektive, dass durch die Vermischung von Erzählinstanz und Binnenerzähler deren Vereinigung zu einer Person vollzogen würde.

Wenn die 'Nacherzählung in zeitlichem Abstand', die der Roman zu sein vorgibt, mit dem Konzept eines erfinderischen Erzählens in Zusammenhang gebracht wird, wie es eben mit 'in einem grossen Bogen aufschreiben'344 umschrieben wurde, lassen sich diese beiden Hypothesen zu einer einzigen Hypothese zusammenfassen:

"Die Verweise, Wiederholungen und Zusammenhänge, welche die Strukturen auf der Handlungsebene des Textes, wie auch die Rahmen- und Binnenstruktur überlagern, entlarven die vordergründige Nacherzählung, als Konstruktion von Zusammenhang primär durch das erzählende Subjekt (die Erzählinstanz). Das Nach-Erzählen von Gegebenheiten stellt sich heraus als erfinderisches Neu-Erzählen. In diesem Zusammenhang erscheint auch der Erzähler der Binnengeschichte als fiktive Projektion der Erzählinstanz."345

2.5. Überlegungen zur Nacherzählung einer noch zu erfindenden Geschichte

Die eben aufgestellte Hypothese bietet erstmals eine konsolidierte Perspektive auf 'In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus' und soll zur Überprüfung noch einmal an den Text heran getragen werden. Es ist über weite Strecken bereits herausgearbeitet worden, wie die verschiedenen Ebenen und Instanzen von Wiederholung zwischen Rahmen und Binnenerzählung auf den Leseablauf eines hypothetischen Lesers einwirken und wie sie rückwirkend im Detail die Vorgegebene Struktur des Textes relativieren. Die Erkenntnisse in diesem Zusammenhang haben zu einer Hypothese der Struktur des Textes, wie sie nun vertretbar erscheint, geführt. Gleichzeitig können dieselben Belegstellen, erneut konsultiert, zu ihrer Rechtfertigung dienen. In diesem Sinne beruht der context of discovery auf denselben Daten wie der context of justification.

Die 'Nacherzählung als erfinderische Neu-Erzählung' äussert sich in diesem Fall alleine durch die Transparenz der Erzählweise im Hinblick auf die Wiederholung. In dieser Transparenz steckt auch das, was in einer Fussnote die 'exemplarische Subjektive' genannt wurde. Dadurch dass im Text die sich wiederholenden Instanzen auffällig gemacht werden, ergibt sich erst die Möglichkeit, Aussagen über die Vorgehensweise der Erzählinstanz als Erfinderin der Geschichte zu machen. Die Wiederholung des Wortes 'Geschichte' selbst, die bisher noch nicht erschöpfend behandelt wurde, soll das nunmehr heraufbeschworene Bild des Romans als 'Nacherzählung einer noch zu erfindenden Geschichte' bestätigen und abrunden.

Die Erzählinstanz tastet sich im ersten Kapitel nur sehr vorsichtig an die 'Geschichte' heran. Im ersten Schritt lediglich in einer allgemeinen Zeitlichen Einbettung: "Zur Zeit, da diese Geschichte spielt, war Taxham fast vergessen."346 Die Funktion jener Stelle: der Hinweis, dass eine zeitgenössische Geschichte erwartet werden kann. Im folgenden finden fünf Präzisierungen347 statt, allesamt zeitliche, welche auf die kommende Geschichte nur vage vorgreifen und sie vor allem gegen die auf jenen Seiten stattfindenden Beschreibungen abgrenzen: 'Die Geschichte hat noch nicht angefangen.', und: 'Sie steht auch noch gar nicht fest.'348 Dabei markieren diese Präzisierungen als auffällige syntaktische Wiederholungen des ersten Zitats zum Grossteil ein schrittweises Näherkommen an die zeitliche Einbettung: von der epochalen,349 zur jahreszeitlichen,350 zur tageszeitlichen,351 zur Einbettung in der erzählten Zeit.352

Die Wichtigkeit dieser Stellen, insbesondere der jahreszeitlichen und der tageszeitlichen Einbettung der Geschichte im Hinblick auf die Binnenerzählung, ergibt sich aus ihrem weiteren Kontext: "Zur Zeit, da diese Geschichte spielt, war es Sommer."353 wird gefolgt von einer Beschreibung des Tagesverlaufs des Apothekers, die sich bis ans Ende des Kapitels hinzieht. Diese Beschreibung wird unterbrochen von der Stelle: "An jenem Nachmittag, da ich den Anfang seiner Geschichte spielen sehe, versank er vor den zwei andern wieder in Gedanken [...]."354 Diese Stelle erscheint zunächst verwirrend. Wenn aber davon ausgegangen wird, dass die nachfolgende Geschichte eine von einer fiktiven Figur Erfundene sein soll, so erhält die Formulierung eine klare Bedeutung: Es ist der Erzähler, der beschreibt, an welcher Erfahrung seine Figur ihre Erzählung anknüpfen wird. Aufgrund dieser Erkenntnis verstärkt sich die Vermutung, alles allem, was nach der Formulierung "da diese Geschichte spielt, war es Sommer" beschrieben werde, sei durch diese Stelle definiert als Stoff auf dem die nachfolgende Geschichte aufbaue. Angesichts der Intensität der Wiederholung von Fragmenten aus jener Tagesbeschreibung im Verlauf der 'Geschichte', erscheint dies plausibel.355 Die letzte Stelle, an der die 'Geschichte' im ersten Kapitel auftaucht wurde im Zusammenhang mit der Vermischung von Erzählinstanz und dem Apotheker als Erzähler bereits diskutiert. Der Apotheker teilt sich dort selbst in zwei Schachspieler, von denen sich der eine fragt, wie es weitergeht ">>Mit mir. Mit uns. Mit meiner Geschichte. Mit unserer Geschichte [...].<<"356 Es ist dies eine in jedem Fall bedeutungsvolle Passage im Hinblick auf die Rolle der 'Geschichte' in der Geschichte. Aber sie 'geht nicht auf', nicht wenn von einer üblichen Rahmenkonstruktion ausgegangen wird. Ausgehend von der vorne aufgestellten Hypothese ergibt sich jedoch das folgende Bild:

- Ein Autor schreibt einen Text, in welchem eine fragende und kommentierende Erzählinstanz die erfundene Geschichte eines fiktiven Erzählers nacherzählt. Der fiktive Erzähler ist dabei bereits in verschiedener Hinsicht als eine Projektion der Erzählinstanz determiniert worden.
- In dieser Passage nimmt der fiktive Erzähler kurzzeitig zwei Positionen bezüglich seiner eigenen Geschichte ein: die des aussenstehenden Fragers357 und die des involvierten, erfinderischen Erzählers,358 die sich über den Fortgang der Geschichte unterhalten.
- Dabei geschieht nichts anderes, als dass die Konstellation Erzählinstanz - fiktiver

Erzähler ihrerseits, in der Aufsplittung des fiktiven Erzählers in Spieler eins und zwei, eine Spiegelung erfährt. Dadurch trägt diese Passage wiederum dazu bei, den fiktiven Erzähler als Projektion der Erzählinstanz auch in dieser Hinsicht zu festigen. Ein intertextueller Verweis zur Verbildlichung des Vorgangs kann auch gefunden werden: "Mir ist, als müsste ich, um mich der Wahrheit zu nähern, die Geschichte von jemand anderem, von anderen, erzählen [...]."359

Im folgenden treten im Text eine Anzahl weiterer Passagen zur 'Geschichte' auf, in welchen die auf den letzten Seiten aufgedeckten Zusammenhänge und insbesondere die zuletzt aufgestellte Hypothese bestärkt werden. Abschliessend seien die wichtigsten, mit einem kurzen Kommentar versehen, aufgelistet:

- ">>Und ab heute, bis zum Ende der Geschichte, hast Du keinen Namen mehr!<<"360

Nach dem Tagesablauf im ersten Kapitel, der zu einem grossen Teil die Geschichte mitbestimmt, stellt der Tag zu Beginn des zweiten Kapitels eine Art Vorgeschichte dar, indem verschiedene Parameter für die Geschichte gesetzt werden. Dazu gehören auch die Aussagen des sprechenden Raben.

- ">>In meiner Geschichte wird nicht gestorben.<<"361 - ">>Ich merkte, meine Geschichte stand auf dem Spiel.<<"362 Die beiden Stellen sind durch mehr als fünfzig Seiten getrennt und dennoch muss der Bezug halten. Die Geschichte des fiktiven Erzählers (er spricht nicht von einer Reise) folgt klaren Regeln. Indem an der zweiten Stelle eine 'Exekution' zu erfolgen droht, 'steht die Geschichte auf dem Spiel'. Als Erzähler und Person der Handlung kann er jedoch - überraschend - eingreifen.363 Der Kontext ist durch eine Reihe terminologischer und thematischer Ausrufezeichen markiert: Er kann für kurze Zeit wieder sprechen, die syntaktische Wiederholung 'das gab es' taucht gehäuft auf, und im Kontext finden sich die prominenten Wörter 'Herz', 'Krieg', 'Zittern'. Unmittelbar nach dem Vorfall werden die beiden Begleiter aus der Geschichte entfernt, und der fiktive Erzähler geht alleine ins dritte Kapitel.

- ">>Denn was ist das für ein Erzählen [...] einzig für den, dem die Geschichte zugestossen ist, selber?<< [...] >>Vielleicht ist gerade so eines das ursprüngliche Erzählen? So hat es überhaupt angefangen?<<"364 Das Erzählen nicht als eine Form von Kommunikation, sondern als Selbstzweck ist in Texten Peter Handkes eine Konstante. So auch hier: Was im folgenden Kapitel noch näher ausgeführt wird: Das Erzählen schafft Zusammenhänge, und damit Bedeutung für den Erzähler selbst. Der fiktive Erzähler im vorliegenden Text ist auch hier Projektion: indem er durch das Erzählen eine Verwandlung durchmacht.

2.6. Überlegungen zur revelatorischen Kraft der Wiederholung in Texten Peter Handkes

Peter Handke erscheint als forschender Schriftsteller, der mit jedem seiner Texte ein poetisches und gleichzeitig ein poetologisches Experiment durchführt. Einige poetologische oder erkenntnistheoretische Aussagen Handkes wurden im Verlaufe dieser Arbeit in 'vorausdeutenden' Fussnoten plaziert, darunter waren Überlegungen zur Gestalthaftigkeit von Empfindungen,365 zur Arbitrarität von Bedeutung,366 zum Bewusstsein als kategorisierender und reduzierender Apparat,367 sowie zum Zusammenhang zwischen gegenwärtigem Unterscheiden und kategorisierter Erinnerung.368

Aus der phänomenologischen und kognitiven Argumentation, die zu Beginn dieses zweiten Teils über die Wiederholung stattfand, dürfte sich herauskristallisiert haben, welche erkenntnistheoretische Wichtigkeit der Wiederholung in den Bereichen 'Erinnerung' und 'Phantasie' zukommt. Auch hier finden sich in verschiedenen Texten Handkes Belegstellen, welche die Auseinandersetzung seiner Protagonisten mit der Wiederholung in poetischem und erkenntnistheoretischem Kontext nachweisen können.

Ein Bild der Situation und Problematik des Erlebenden und Schreibenden, wie sie bei Handke auftauchen, kann mit den folgenden Zitaten gezeichnet werden::

1. "Meine Art zu denken: ich denke eine Zeitlang völlig frei und ziellos dahin, lasse es sozusagen denken; dann stoppe ich mich und überdenke alles [...] überdenke dann das Überdachte noch einmal usw.; dann überlasse ich mich von neuem dem Durcheinander der Vorstellungen, Phantasien, Erinnerungen, Wünsche, fixen Ideen [...];"369
2. "Kunst: Die sich zufällig ereignenden Momente von Leben zu einer undurchdringlichen, notwendigen, nicht zufälligen Einheit verbinden[...]"370
3. "Und Erinnerung hiess nicht: Was gewesen war, kehrte wieder; sondern: Was gewesen war, zeigte, indem es wiederkehrte, seinen Platz."371
4. "Aber grad diese leicht veränderte Form, das ist eigentlich das Kunstwerk: das Wiederholen in einer leicht veränderten, in der Regel ja nur ganz wenig veränderten Form."372
5. "Der Schrecken [war, dass ich] die Gewissheit verlor, in meinem Innersten sei bei jedem Aufschreiben neu wieder eine Geschichte zu entdecken [...]. Das Erzählen, das erfinderische, ohne ein spezielles Erfinden."373
6. "Hauptsache, Sie schreiben in grossem Bogen auf, was ich Ihnen gerade erzählt habe."374

Diese Stellen gehen alle von der Wiederholung als Fundament des Denkprozesses aus. Insofern stellt Zitat 1 die Grundlage dar, indem es das Denken als rekursiven und gleichzeitig dynamischen Prozess verbildlicht, ganz im Sinne des bereits beschriebenen Konzeptes der Phantasie als 'sich nach vorne erinnern'.375 In den Zitaten 2 und 3, ist das Konzept der Zusammenhang schaffenden Erinnerung verankert. Damit wird die Wiederhoulung funktionalisiert im Sinne der Erinnerung bei Husserl: "Die früher in der Wahrnehmung nicht beachteten werden in der Erinnerung zu beachteten, die früher nicht gruppierten werden in der Erinnerung gruppiert."376 Die letzten drei Zitate (4, 5, 6) führen von hier aus weiter in den Bereich der Poetik: die Variation in der Wiederholung als Prinzip der Kunst schlechthin. Was durch diese und andere Zitate immer wieder in den Vordergrund des jeweiligen Textes rückt (die Thematik ist in Handkes Werk weitreichend dokumentiert), ist der schon beschriebene Prozess poetischer Tätigkeit:

- Erleben (Erlebnis wiederholt sich in der Repräsentation im Moment des Erlebnisses)
- Erinnern (Wiederholung der Repräsentation, nunmehr kategorisiert, 'im Zusammenhang stehend')
- Erfinden (Wiederholung und Verknüpfung anderer Erfahrungen in der Erzählfiktion)
- Erzählen (Wiederholung in der Umwandlung des Gedankens zum Text)

In Handkes Texten geschehen Exemplifizierungen genau dieses Vorgangs unter jeweils veränderten Bedingungen. Ich habe von der exemplarischen Subjektive gesprochen. Handkes Text entwickelt über die explizite Wiederholung von Elementen eigener Texte (ich erinnere an den "Apotheker von Erdberg"377 ), über die explizite Aktualisierung von Intertexten (im vorliegenden 'Roman' v.a. das "Epos"378 ) und über den expliziten Aufbau von intratextlichen Wiederholungsstrukturen Erzählungen über Erzählungen und Geschichten über Geschichten.

Angesichts der Transparenz, mit welcher sich Begriffe und Texte bei Handke in ihrer Wiederholung zum Werk entwickeln, wäre es sicherlich falsch, generell von einer Hermetik der Texte zu sprechen; wäre es falsch, seine Texte politisch zu interpretieren; wäre es möglicherweise richtig, Handke als Narziss zu bezeichnen. Nach allen Überlegungen dieser Arbeit kann die Welt doch nur über das Ich erfahren werden.

Literaturverzeichnis

Texte von Peter Handke (chronologisch nach dem Publikationsjahr der zitierten Ausgaben):

1997: In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus. Roman. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

1996: Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

1994: Mein Jahr in der Niemandsbucht. Ein Märchen aus den neuen Zeiten. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

1986: Die Wiederholung. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

1985: Die Geschichte des Bleistifts. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

1984: Langsame Heimkehr. Roman. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

1984b: Die Lehre der Sainte-Victoire. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

1983: Phantasien der Wiederholung. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

1981: Die linkshändige Frau. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

1977: Das Gewicht der Welt. Ein Journal. Salzburg: Residenz Verlag.

1977b: Die Innenwelt der Aussenwelt der Innenwelt. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. 1976: Der kurze Brief zum langen Abschied. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. 1975: Die Stunde der wahren Empfindung. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Sekundärliteratur:

Nicolae Babuts: The Dynamics of the Metaphoric Field. A Cognitive View of Literature. London und Toronto: Associated University Presses 1992.

Elmar Besch: Wiederholung und Variation. Untersuchung ihrer Stilistischen Funktionen in der deutschen Gegenwartssprache. Frankfurt a.M., Bern, New York, Paris: Lang 1988 (=Europäische Hochschulschriften: Reihe 1, deutsche Sprache und Literatur; Bd. 1118).

Klaus Bonn: Die Idee der Wiederholung in Peter Handkes Schriften. Würzburg:

Königshausen und Neumann 1994 (=Epistemata: Reihe Literaturwissenschaft; Bd. 124).

Edward De Bono: Lateral Thinking. A Textbook of Creativity. Harmondsworth: Penguin Books 1977.

Noam Chomsky: Thesen zur Theorie der generativen Grammatik. Übers.v. F. Columas und B. Wiese. 2. Aufl. Weinheim: Belz Athenäum 1995 (=Studienbuch Linguistik).

Conceptualizations and Mental Processing in Language. Hg.v. R. A. Geiger und B. Rudzka-Ostyn. Berlin, New York: Mouton de Gruyter 1993 (=Cognitive Linguistics Research 3).

Gilles Deleuze: Differenz und Wiederholung. München: Frank 1992.

Duden Fremdwörterbuch. 5. erw. Auflage. Hg.v. Wiss. Rat der Dudenredaktion unter Mitwirkung von Maria Dose et al. Mannheim, Wien, Zürich: Dudenverlag 1990 (= Duden Band 5)

Lex Egila: Peter Handke und die Unschuld des Sehens. Untersuchungen zum Verhältnis von Sehvorgängen und Sprache in Peter Handkes Prosa und Gedichten. Thalwil: Paeda-Media- Genossenschaftsverlag 1985 (=Reihe Dissertation).

Johannes Eisenhut: Ganzheitlich träumen. Ein Versuch über die Wiederholung in Peter Handkes 'Mein Jahr in der Niemandsbucht". Hauptseminararbeit am Institut für neuere deutsche Literatur an der Universität Fribourg 1995.

Fischer Lexikon. Publizistik und Massenkommunikation. Hg.v. E. Noelle-Neumann, W. Schulz und J. Wilke. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1989.

Eberhard Frey: Text und Stilrezeption. Empirische Grundlagenstudien zur Stilistik. Unter Mitarbeit von Mitsue Miyata Frey. Königstein/Taunus 1980.

Harald Fricke: Norm und Abweichung - Gesetz und Freiheit. Probleme der Verallgemeinerbarkeit in Poetik und Ästhetik. In: Sonderdruck aus Germanistik und Komparatistik. DFG - Symposion 1993. Hg.v. Hendrik Birus. Stuttgart, Weimar: J.B. Metzler 1993.

Harald Fricke: Literatur und Literaturwissenschaft. Beiträge zu Grundfragen einer verunsicherten Disziplin. Paderborn, München, Wien, Zürich: Schöningh 1991 (=Explicatio).

Harald Fricke/Rüdiger Zymner: Einübung in die Literaturwissenschaft. Parodieren geht über Studieren. Paderborn, München, Wien, Zürich: Ferdinand Schöningh 1991 (=UTB für Wissenschaft 1616)

Harald Fricke: Wie trivial sind Wiederholungen? Probleme der Gattungszuordnung von Karl Mays Reiseerzählungen. In: Erzählgattungen der Trivialliteratur. Hg.v. Zdenko Skreb und Uwe Baur. Innsbruck: Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft 1984 (= Germanistische Reihe Band 18).

Fuchs/Melzer: Peter Handke. Graz: Literaturverlag Droschl 1993 (=Dossier Extra).

Victor Guarda: Die Wiederholung. Analysen zur Grundstruktur menschlicher Existenz im Verständnis Sören Kierkegaards. Königstein: Forum Academicum 1980.

Dirk Geeraerts et al.: The Structure of Lexical Variation. Meaning, Naming and Context. Berlin, New York: Mouton de Gruyter 1994 (=Cognitive Linguistics Research 5).

Peter Handke: Aber ich lebe nur von den Zwischenräumen. Ein Gespräch, geführt von Herbert Gamper. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1990 (=Suhrkamp Taschenbuch 1717).

Jeremy Hawthorn: Grundbegriffe moderner Literaturtheorie. Ein Handbuch. Übersetzt von Waltraud Kolb. Tübingen und Basel: Francke Verlag 1994 (=UTB für Wissenschaft 1756).

Johannes Helmbrecht: Universalität und Vagheit semantischer Funktionen. Untersuchungen zum funktionalen Zusammenhang morphosyntaktischer und kognitiver Kategorien der Sprache. Kaufbeuren: Selbstverlag 1994 (=Diss. Philosophische Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn).

Jerry R. Hobbs: Literature and Cognition. Stanford: Center for the Study of Language and Information 1990 (=CSLI lecture notes; no. 21).

Norman N Holland: The Brain of Robert Frost. A cognitive approach to literature. New York und London: Routledge 1988.

Holland/Quinn: Cultural Models in Language and Thought. Cambridge 1987.

Edmund Husserl: Grundprobleme der Phänomenologie 1910/11. Text nach Husserliana, Bd. XIII. 2. erw. Aufl. Hg.v. Iso Kern. Hamburg: Felix Meiner Verlag 1992 (=Philosophische Bibliothek; Bd. 348).

Edmund Husserl: Ding und Raum. Vorlesungen 1907. Text nach Husserliana, Band XVI. Hg.v. Karl-Heinz Hahnengress und Smail Rapic. Hamburg: Felix Meiner Verlag 1991 (=Philosophische Bibliothek Band 437).

Edmund Husserl: Erfahrung und Urteil. Untersuchungen zur Genealogie der Logik. Hg.v. Ludwig Landgrebe. Hamburg: Felix Meiner Verlag 1972 (=Philosophische Bibliothek Band 280).

Oliver Jahraus: Die Wiederholung als werkkonstitutives Prinzip im Oeuvre Thomas Bernhards. Frankfurt a.M., Bern, New York, Paris: Peter Lang 1991 (= Europäische Hochschulschriften; Reihe 1: Deutsche Sprache und Literatur Bd. 1257).

Sören Kierkegaard: Die Wiederholung. Die Krise und eine Krise im Leben einer Schauspielerin. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt 1991.

Kognitive Semantik. Ergebnisse Probleme Perspektiven. Hg.v. Monika Schwarz. Tübingen: Narr 1994.

George Lakoff: The Invariance Hypothesis: is Abstract Reasoning Based on ImageSchemas? 1990. In: Cognitive Linguistics 1,1:39-75.

George Lakoff: Women, Fire and Dangerous Things. What Categories Reveal about the Mind. Chicago und London: University of Chicago Press 1987.

George Lakoff/Mark Turner: More than Cool Reason. A Field Guide to Poetic Metaphor. London, Chicago: The University of Chicago Press. 1989.

George Lakoff/Mark Johnson: Metaphors we live by. Chicago: The University of Chicago Press 1980.

Christoph Bartmann: Suche nach Zusammenhang. Handkes Werk als Prozess. Wien: Braumüller 1984 (=Wiener Arbeiten zur deutschen Literatur; 11).

Ronald W. Langacker: Foundations of Cognitive Grammar. Vol. I: Theoretical Prerequisites. Stanford: Stanford University Press. 1987.

Ronald W. Langacker: Foundations of Cognitive Grammar Vol. II: Descriptive Application. Stanford: Stanford University Press. 1991.

W.A. Liebert: Metaphernbereiche der deutschen Alltagssprache. Kognitive Linguistik und die Perspektiven einer kognitiven Lexikographie. Frankfurt a.M., Berlin, New York, Paris: Lang 1992.

Linke/Nussbaumer/Portmann: Studienbuch Linguistik. 2., ergänzte Aufl. Tübingen: Max Niemeyer Verlag 1994 (=Reihe Germanistische Linguistik 121 Kollegbuch).

Huiru Liu: Suche nach Zusammenhang. Rainer Maria Rilkes ”Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge”. Frankfurt a.M. Bern, Berlin, New York, Paris, Wien: Peter Lang 1994 (=Tübinger Studien zur deutschen Literatur Bd. 15).

Maurice Merleau-Ponty: Sens et non-Sens. Paris: Editions Gallimard 1996 (=nrf, Bibliothèque de philosophie).

André Müller: André Müller im Gespräch mit Peter Handke. Hg.v. Richard Pils. Weitra: Bibliothek der Provinz 1993.

Peter Prechtl: Saussure zur Einführung. Hamburg: Junius Verlag 1994 (=Zur Einführung; 93).

Positionen der Literaturwissenschaft. Acht Modellanalysen am Beispiel von Kleists >>Das Erdbeben von Chili<<. Hg.v. David E. Wellbery. 3. Aufl. München: C.H. Beck 1993.

Postmoderne. Zeichen eines kulturellen Wandels. Hg.v. A. Huyssen, K. R. Scherpe.

Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 1986 (=Rowohlts Enzyklopädie 427).

Allan Reid: Literature as communication and cognition in Bakhtin and Lotman. New York und London: Garland 1990 (=Garland Studies in comparative literature)

Lance J. Rips: Inductive Judgements about Natural Categories. In: Journal of Verbal Learning and Verbal Behaviour. Vol. 14, 1975. S. 665-681.

Eleanor Rosch: Natural Categories. 1973. In: Cognitive Psychology 4:328-50.

Eleanor Rosch: Human Categorization. In: Studies in Cross-Cultural Psychology. Hg.v. N. Warren. London: Academic 1977.

D.E. Rumelhart: Schemata: The Building Blocks of Cognition. In: Theoretical Issues in Reading Comprehension: Perspectives from Cognitive Psychology, Linguistics, Artificial Intelligence, and Education. Hg.v. Rand J. Spiro, Bertram C. Bruce und William F. Brewer. Hillsdale NJ: Erlbaum 1980.

Geoffrey Sampson: Schools of Linguistics. Stanford: Stanford University Press 1980.

Lee R. Snyder: The Development of Cognitive Synthesis in Immanuel Kant and Edmund Husserl. Lewiston/Queenston/Lampeter: The Edwin Mellen Press 1995 (=Studies in the History of Philosophy Volume 36).

Text + Kritik. Zeitschrift für Literatur. Peter Handke. Hg.v. Ludwig Arnold. 5. Aufl. November 1989. München: Text + Kritik 1989 (=Heft 24 Peter Handke).

Mark Turner: Death is the Mother of Beauty. Mind, metaphor, criticism. Chicago und London: The University of Chicago Press. 1987.

Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 7., verb. und erw. Auflage. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag 1989 (=Kröners Taschenausgabe; Bd. 231).

Ludwig Wittgenstein: Werkausgabe. Band 1: Tractatus logico-philosophicus. Tagebücher 1914-1916. Philosophische Untersuchungen. Frankfurt am Main: Suhrkamp. 1989.

Klosters, Januar 1998,

Johannes Eisenhut

[...]


1 Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen. In: Ludwig Wittgenstein. Werkausgabe Bd.1. Frankfurt: Suhrkamp 1989. S. 397

2 Mark Turner: Death is the mother of beauty. Mind, metaphor, criticism. Chicago, London: University of Chicago Press 1987.

3 Präkommunikativ meint 'bis unmittelbar vor dem beschriebenen Kommunikationsvorgang' und meint nicht präkommunikativ im Sinne der ontogenetischen Entwicklung des Menschen.

4 Edmund Husserl: Grundprobleme der Phänomenologie 1910/11. Text nach Husserliana. Bd. XIII. 2.erw. Aufl. Hg.v. Iso Kern. Hamburg: Felix Meiner Verlag 1992 (= Philosophische Bibliothek; Bd. 348), S. 104.

5 Die kognitive Linguistik stellt sich diese Frage auch, jedoch, ohne Norm und Abweichung a priori festlegen zu wollen: "What are the factors that determine whether X is chosen as a name for a particular referent?" Dirk Geeraerts et al.: The Structure of Lexical Variation. Meaning, Naming and Context. Berlin, New York: Mouton de Gruyter 1994 (=Cognitive Linguistics Research 5), S. 193.

6 Kritiker sprechen von der unerlaubten, weil spekulativen 'Ferndiagnose' Persönlichkeiten anhand von Texten und Berichten.

7 Conceptualizations and Mental Processing in Language. Hg.v. R. A. Geiger und B. Rudzka-Ostyn. Berlin, New York: Mouton de Gruyter 1993. (=Cognitive Linguistics Research 3), S. 1. Stelle übersetzt von mir, J.E.

8 Ein Tip für gesunde Zimmerpflanzen: Jeden Tag der Pflanze fünf Minuten lang gut zureden. Nun gedeiht die Pflanze auch, wenn sie angeflucht wird, alleine aufgrund der physikalischen Aspekte des Sprechens. Sprachliche Bedeutung entfaltet sich erst in der Interaktion zwischen Menschen.

9 Ich gehe in dieser Argumentation von einer idealisierten Situation aus, in welcher der Begriff "kalt sein" im Kontext "kaltblütig abdrücken" als Metapher noch nicht konventionalisiert ist, umgekehrt jedoch möchte ich anhand der Rekonstruktion kognitiver Wahrheit auf die Möglichkeit verweisen, wie eine Konventionalisierung stattfinden kann.

10 Das Verhältnis dieser Erfahrungen zu den 'eigentlichen' physiologischen Vorgängen (als Vorgänge in der Objektwelt) ist ein enges, aber kein ausschöpfendes. Die in Bezug auf die kognitive Wahrheit zwingend umkehrbaren Bedingungen sind auf der objektweltlichen Ebene keineswegs zwingend umkehrbar: Aufregung muss physiologisch gesehen weder ein inneres Hitzegefühl noch äusserlich erkennbare Anzeichen verursachen.

11 Ich spreche von einer Tendenz. Eine Überbewertung intuitiv richtigen Handelns führt zur Rechtfertigung jeglicher Interpretation. Ich möchte festhalten, dass das Modell, welches hier aufgestellt werden soll, sich am Text orientiert und sehr wohl davon ausgeht, dass 'die bessere Interpretation', wenn nicht gar die 'richtige Interpretation' intersubjektiv nachvollziehbar aus einem Text herausgearbeitet werden kann.

12 Harald Fri>Klarheit und Zurückhaltung im Reden über Literatur. Aus meiner Sicht lässt sich die Ursache für die Vielfältigkeit der Erkenntnisinteressen und der Methoden darauf zurückführen, dass vor Beginn jeder Untersuchung eine vor-wissenschaftliche Intuition des Forschers bezüglich eines Werks oder eines Autors etc. das Erkenntnisinteresse beeinflusst. Oder: Das ursprüngliche, intuitive Erkenntnisinteresse eines Forschers am Anfang seiner Karriere bestimmt dessen Zuwendung zu einer bestimmten Forschungsrichtung, die dieses Erkenntnisinteresse teilt. Die Verwirrung ihrerseits wächst unter anderem, weil die Angst des Forschers vor dem 'Ich' eine klare Positionierung des Erkenntnisinteresses von vornherein unterdrückt, indem der context of discovery und der context of justification denselben Ton annehmen. "Systematisierung von Intuition" will so verstanden werden, dass jedes Erkenntnisinteresse a priori berechtigt ist, weil es eine Vermutung darstellt, die verifiziert werden will. Die Arbeit selber soll darin bestehen, die empirische Grundlage (primär den Quellentext selber, sekundär andere Texte oder Umstände) konsequent nach jenen Strukturen und Mechanismen zu befragen, welche dieses Erkenntnisinteresse geweckt haben und deren Funktion zu argumentieren. Dabei gelte: lieber offen vermuten, als Spekulationen terminologisch tarnen.

13 Eleanor Rosch: Natural Categories. 1973. In: Cognitive Psychology 4:328-50.

14 Auch die generative Grammatik ist eine kognitive Forschungsrichtung genannt worden, indem sie nämlich "[...] nicht auf die >faculté de langage< des Lesers baut, sondern vielmehr versucht, die Mechanismen dieser Fähigkeit zusammenzustellen". Noam Chomsky: Thesen zur Theorie der generativen Grammatik. Übers.v. F. Columas und B. Wiese. 2. Aufl. Weinheim: Belz Athenäum 1995 (= Studienbuch Linguistik).

15 Insbesondere zu seinen 'Philosophischen Untersuchungen', Wittgenstein 1989.

16 Maurice Merleau-Ponty: Sens et non-Sens. Paris: Editions Gallimard 1996 (=nrf).

17 Husserl nimmt in seinen Schriften verschiedene zentrale Prämissen des kognitiven Ansatzes vorweg. Edmund Husserl 1992, zum Beispiel S. 76, 104.

18 Darin liegt auch die grösste Gefahr für die kognitive Linguistik, im wissenschaftlichen Diskurs diskreditiert zu werden - in ihrer Plausibilität.

19 Eleanor Rosch 1973.

20 Ein Vorgeschmack auf Peter Handke: "Es beschäftigte ihn ja schon seit langem, dass offenbar das Bewusstsein selber mit der Zeit in jede Landschaft sich seine eigenen kleinen Räume erzeugte, auch da, wo es bis zum Horizont hin keine Abgrenzungsmöglichkeit zu geben schien." Peter Handke 1984, S. 107.

21 Eleanor Rosch: Human Categorization. In: Studies in Cross-Cultural Psychology. Hg.v. N. Warren. London: Academic 1977, S. 20f. "Categories have tended to be treated in philosophy, psychology, linguistics and anthropology as "Aristotelian" and digital, that is, as logical bounded entities, Memership in which is defined by an item's posession of a simple set of criterial features".

22 Wittgenstein 1989, z.B. S. 354.

23 Siehe dazu auch: George Lakoff: Women, Fire and Dangerous Things. What Categories Reveal about the Mind. Chicago und London: University of Chicago Press 1987, S. 12ff.

24 Es muss jedoch zugestanden werden, dass hier zwar die Merkmale der Elemente möglicherweise objektweltlich gegeben und verankert sind, die Entscheidung, welche Merkmale zur Kategorisierung die effizientesten sind, hingegen arbiträr vom kategorisierenden Wesen getroffen werden muss. Insofern vermute ich, dass wohl Merkmale unabhängig von einem beobachtenden Wesen existieren, jedoch keine Kategorien unabhängig von einem kategorisierenden Wesen.

25 Nicolae Babuts präsentiert ein kognitives Prinzip, 'the Encoding Specificity Principle', welches aus Experimenten mit zusammengesetzten Hauptwörtern hervorgegangen ist, und auf die Revision der Kategorisierung von 'Delphin' im Kontext des Biologieunterrichts eine interessante Pointe zu setzen vermag: Das Encoding Specificity Principle besagt, dass die Repräsentation des Begriffs 'Stuhl' im Wort >Stuhl< eine andere ist, als die Repräsentation des Begriffs 'Stuhl'2 im Wort >Schaukelstuhl<. Nicolae Babuts: The Dynamics of the Metaphoric Field. A Cognitive View of Literature. London and Toronto: Associated University Presses 1992. Exkurs in die eigene Vergangenheit: Bis zu meinem siebten oder achten Lebensjahr war der Delphin mein Lieblingsfisch. Dann trat ein Biologielehrer mit der Erkenntnis an uns heran, dass Wale und Delphine in Wirklichkeit Säugetiere wären. Er überzeugte uns mit wissenschaftlicher Kompetenz. Aber: Der Delphin in meiner kognitiven Kategorie 'Fisch' existiert nach wie vor (dazu aufgefordert 'einen Fisch' zu zeichnen, würde ich mit grösster Wahrscheinlichkeit etwas Delphin-Ähnliches skizzieren). Er ist noch immer mein Lieblingsfisch. Nach jener Biologiestunde jedoch besitze ich eine zweite Repräsentation: den 'Delphin-als-Säugetier'.

26 Johannes Helmbrecht: Universalität und Vagheit semantischer Funktionen. Untersuchungen zum funktionalen Zusammenhang morphosyntaktischer und kognitiver Kategorien der Sprache. Selbstverlag 1994 (=Diss. Philosophische Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn), S. 112

27 Eleanor Rosch 1977, S.33. Ich benutze weitgehend Roschs Beispiele, jedoch in ihrer deutschen Übersetzung.

28 Johannes Helmbrecht 1994, S. 113.

29 Johannes Helmbrecht 1994, S. 113.

30 Johannes Helmbrecht 1994, S. 113.

31 Ein weiterer Vorgeschmack auf Peter Handke: "Kaum fange ich an, die Augen zu öffnen - schon fange ich an, Einzelheiten zu unterscheiden. [...] Kaum fange ich an zu unterscheiden - schon macht mich das Unterscheiden eins mit meiner Umgebung [...] schon muss ich mich erinnern [...]." Peter Handke 1977b, S. 135ff.

32 Nicolae Babuts 1992, S. 55ff

33 "...that we organize our knowledge by means of structures called idealized cognitive models, or ICMs, and that category structures and prototype effects are by-products of that organization." George Lakoff 1987, S. 68.

34 Lakoff wählt dieses Beispiel Rückgreifend auf Charles J. Fillmore: Frame Semantics. In: Linguistics in the Morning Calm. Hg.v. Linguistic Society of Korea. Seoul: Hanshin. S. 111-138.

35 Ich habe das Englische Wort 'Bachelor' beibehalten, weil sein ICM im Amerikanischen hedonistischer, aggressiver angelegt ist, als das des deutschen Begriffs 'Junggeselle'.

36 Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, wie sich Prototypikalität innerhalb von Kategorien in der Zeit oder unter veränderten kulturellen Umständen verschieben kann. Wie in der vorherigen Fussnote angedeutet, existiert wahrscheinlich ein empirisch überprüfbarer Unterschied zwischen den ICMs der Kategorie 'Junggeselle' im Deutschen und der Kategorie 'Bachelor im Englischen (obschon beide Kategorien auf der Ebene zwingender Merkmale exakt dieselben Bedingungen stellen).

37 "Image-schematic structure", Lakoff 1987, S. 68.

38 Dass für propositionale und bildschematische Struktur jeweils verschiedene Beispiele herangezogen wurden hat keinen zwingenderen Grund als die Anschaulichkeit. Auch das ICM 'Stuhl' ist propositional strukturiert, indem es zum Beispiel Wissen um Statik, Material, und gesellschaftliche Bedeutung beinhaltet. Dem ICM 'Bachelor' jedoch eine bildschematische Struktur nachzuweisen dürfte schwieriger sein, obschon dies nicht zum vornherein ausgeschlossen werden darf. Grundsätzlich ist jedes ICM auf beide Arten strukturiert, wobei eher bildschematisch strukturierte und eher propositional strukturierte Instanzen angenommen werden müssen.

39 "Wenn Kategorien nur durch Eigenschaften definiert werden, die alle Elemente der Kategorie teilen, dann sollte kein Element der Kategorie ein besseres Beispiel für die Kategorie sein, als ein anderes." Johannes Helmbrecht: 1994, S. 110.

40 Wenn wir davon ausgehen, dass im Normalfall das ICM 'Stuhl' sich auf dem basic level befindet und Subkategorien wie Hocker, Schaukelstuhl, Sessel darunter auf einer spezifischeren Ebene, so ist anzunehmen, dass im Falle eines Möbelfachmanns das ICM 'Sessel' sich auf dem basic level implementieren kann.

41 'Mapping' hat gegenüber 'Projektion' vor allem eine Komponente, die ich 'Residualität' nennen möchte. D.h. dass 'mapping' einerseits 'Projektion' bedeutet, andererseits einen bleibenden Charakter im Sinne von 'Fäden spinnen' hat. In ähnlichem Zusammenhang steht auch Langackers Begriff 'scanning' (Ronald W. Langacker: Foundations of cognitive Grammar Vol.1: Theoretical Prerquisites. Stanford: Stanford University Press. 1987. S. 102f.). Dabei geht es auch Langacker um 'scanning' als zentrale Fähigkeit der menschlichen Kognition, Erfahrungen in Relation zu anderen (vorherigen)

42 "... correspondences between the two conceptual domains...", George Lakoff/Mark Turner: More than Cool Reason. A Field Guide to Poetic Metaphor. London, Chicago: The University of Chicago Press. 1989. S. 3f.

43 Auf die Akquisition von Sprache und die Bedeutung von Lexemen ausgedehnt, kann dieses Modell folgendermassen gehandhabt werden: Ein Wort ist an sich eine senso-motorische Erfahrung (visuell oder auditiv). In einer ersten Stufe des Lernprozesses (so beim Kleinkind) wird die Worterfahrung direkt mit einer bereits aufgenommenen Dingerfahrung bedingungslos korreliert: "Hund" - (man muss sich nun vorstellen, dass in einem Raum ein Kind, ein Hund und ein auf den Hund zeigender Erwachsener anwesend sind). Da sowohl die Dingerfahrung 'Hund', als auch die Worterfahrung 'Hund' im Sinne eines ICMs strukturiert sind, bieten sie multiple Ansatzpunkte für die Kategorisierung von weiteren Erfahrungen: Begegnet dem Kind ein zweiter Hund, so kann die Kategorisierung dieser Dingerfahrung unter Umständen über 'mapping' auf die bestehende Erfahrungseinheit bereits selbsttätig erfolgen (z.B. wenn der zweite Hund auch bellt). Andererseits: Wird auch eine neue Worterfahrung über 'mapping' mit bestehenden Worterfahrungen, meist in Abgrenzung, kategorisiert.

44 George Lakoff 1987, S. 78.

45 George Lakoff 1987, S. 79

46 George Lakoff 1987, S. 85ff

47 Dass diese Ideale wie Werbeslogans anmuten, kommt nicht von ungefähr.

48 Zum Verhältnis ICM, Kategorie und Element (einer Kategorie) muss festgehalten werden, dass kognitive Vernetzung nicht flächig, sondern dreidimensional strukturiert ist, und dass das ICM selbst weder ein Element noch eine Kategorie darstellt, sondern ein Strukturprinzip, welches sowohl Element als auch Kategorie zugrundeliegt. Das heisst: 'Hund' ist einerseits Element der Kategorie 'Haustier', andererseits jedoch selbst Kategorie, deren Elemente 'Rauhaardackel' oder 'Beppo' sein können. Dabei ist jedes Element und jede Kategorie in Form eines ICM strukturiert, es ändert sich jedoch der Schematisierungsgrad.

49 Lance J. Rips: Inductive Judgements about Natural Categories. In: Journal of Verbal Learning and Verbal Behaviour. Vol. 14, 1975. S. 665-681.

50 "It is normal for us to make inferences from typical to nontypical examples." Lakoff 1987, S. 86.

51 "Salient Examples" Lakoff 1987, S. 89

52 Lakoff zitiert eine Untersuchung von Tversky und Kahnemann (1983), in welcher zwei verschiedene Kontrollgruppen gefragt wurden, wie gross sie die Wahrscheinlichkeit einschätzten,
- dass im Jahr 1983 in Nordamerika eine Flut eintritt, die 1000 Menschenleben fordert.
- dass im Jahr 1983 in Kalifornien ein Erdbeben eintritt, welches eine Flut auslöst, die 1000 Menschenleben fordert.

53 Ich bezeichne mit Lokus den 'Ort' Kategorisierung. Es wäre jedoch falsch, sich vorzustellen, dass eine Erfahrung einen bestimmbaren Ort im physiologischen Apparat einnimmt, genauso wie es falsch wäre, einen einheitlichen symbolischen Ort, im Sinne von 'Bedeutung' anzunehmen. Vielmehr legt die kognitive Anschauung nahe, dass der Lokus durch vielfältigen Verknüpfungen bestimmt wird, die ein ICM mit anderen, oder über andere ICMs eingeht.

54 Harald Fricke/Rüdiger Zymner: Einübung in die Literaturwissenschaft. Parodieren geht über Studieren. Paderborn, München, Wien, Zürich: Ferdinand Schöningh 1991, S. 45.

55 Lakoff/Turner 1989, S. 129

56 Lakoff/Turner 1989, S. 221ff

57 George Lakoff 1987, S. 610

58 "[...] that semantic units are characterized relative to cognitive domains, and that any concept or Knowledge system can function as a domain for this purpose." Ronald W. Langacker 1987, S. 63. Der Begriff 'domain' wird auch von Lakoff im Zusammenhang mit metaphorischem 'mapping' verwendet. Mit ICMs gesprochen, wäre eine 'domain' zu charakterisieren als Netzwerk, welches um eine bestimmte Erfahrung gruppiert ist. Die 'domain' ist deshalb weiter als eine Kategorie, weil sie tendenziell mehrere Kategorien mindestens zum Teil umfasst.

59 "The essence of metaphor is understanding and experiencing one kind of thing in terms of another." In: George Lakoff/Mark Johnson: Metaphors we live by. Chicago: The University of Chicago Press, 1980, S. 5.

60 Als Vorausdeutung auf die Beschäftigung mit Handke: "Dämmerung, worin die Farben der meerwärts treibenden Blumen dann, vor allem das Rot, Dinge für sich wurden." Peter Handke 1994, S. 913.

61 W.A. Liebert: Metaphernbereiche der deutschen Alltagssprache. Kognitive Linguistik und die Perspektiven einer kognitiven Lexikographie. Frankfurt a.M., Berlin, Bern, New York, Paris. Lang 1992. S. 5-8.

62 Auf diesen Fall eines greifbaren 'tertium comparationis' zwischen Herkunfts- und Zielbereich konzentriert sich tendenziell die Perspektive der traditionellen Metapherntheorie.

63 Lakoff formuliert in seiner 'Spatialization of Form Hypothesis' die These, dass konzeptuelle Strukturen grundsätzlich in Form räumlicher Strukturen verstanden werden (Kategorien als 'Container', Hierarchien als 'oben-unten' und 'teil-ganzes' Schemata). Lakoff 1987, S. 283.

64 George Lakoff: The Invariance Hypothesis: is Abstract Reasoning Based on Image-Schemas? 1990. In: Cognitive Linguistics 1,1:39-75, S. 39, 54.

65 Engl.: 'salient'.

66 Lakoff/Turner sprechen von 'slots' die 'mappings' zwischen beiden Bereichen begünstigen, oder die durch die Metapher im Zielbereich geschaffen werden. Lakoff/Turner 1989, S. 63f.

67 Lakoff/Johnson 1980 S. 10.

68 Lakoff/Johnson 1980 S. 10.

69 'Ein Schritt ergibt den nächsten.'

70 Fricke Zymner: Einführung S. 46.

71 George Lakoff 1987, S. 610

72 Lakoff/Turner 1989, S. 221ff

73 Was im folgenden diskutiert wird, ist Lakoffs 'Invariance Hypothesis' und die Hypothese, dass ALLE Abstrakt metaphorisch auf der Basis von erfahrbaren 'domains' verstanden werden.

74 Zum Beispiel 'Verstehen ist Begreifen'

75 Lakoff/Turner 1989, S. 113f

76 Duden Fremdwörterbuch. 5., neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Mannheim, Wien, Zürich: Dudenverlag 1990 (= Duden Band 5), S. 24.

77 "Abstract reasoning is a special case of image-based reasoning." Lakoff 1990, S. 65. Lakoffs Hypothese ist meines Wissens noch nicht widerlegt worden. Offen bleibt jedoch die Frage, inwieweit sie als Tendenz, als Regel oder als Prinzip Gültigkeit beanspruchen kann.

78 Zum Beispiel: Edward De Bono: Lateral Thinking. A Textbook of Creativity. Harmondsworth: Pelican Books 1977.

79 Lakoff/Turner 1989 S. 103f. Übersetzung von mir, J.E. Nicht alle Punkte sind zitiert.

80 "This restaurant accepts American Express." Jerry R. Hobbs: Literature and Cognition. Stanford: Center for the Study of Language and Information 1990 (=CSLI lecture notes; no. 21), S. 74.

81 "America believes in democracy." Jerry R. Hobbs 1990, S. 74

82 Hobbs rollt es von einer anderen Seite auf: "When selectional Constraints are not satisfied, there are two interpretive moves we can make. We can decide that the intended argument is not the explicit argument but something fuctionally related to it; this is metonymy. Or we can decide that the intended argument does not mean what it ordinarily means, [...] one example of this is metaphor." Jerry R. Hobbs 1990, S. 75.

83 Im Normalfall kann man sagen, dass jedes einzelne Wort eines Textes eine solche texttranszendente Komponente aufweist (die Bedeutung eines Wortes als Verweis auf etwas aussertextliches). Es ist jedoch vorstellbar, dass ein Text aus einem aussertextlichen Verweis und subsequenter Herstellung von Relationen zwischen diesem Verweis und Wörtern im Text eine Art Textbedeutung herstellen könnte.

84 "There is a general metonymy whereby WORDS STAND FOR CONCEPTS THEY EXPRESS:" Lakoff/Turner 1989, S. 108.

85 Es gibt zwei Begriffspaare, die diese Differenzen vielleicht am besten veranschaulichen: Man kann von 'Kommunikation' und 'Rezeption' reden, was eine aktiv/passiv Bewertung der beiden Vorgänge impliziert. Um diesem Ungleichgewicht entgegenzuwirken, werden jedoch zunehmend Termini im Sinne von 'Codierung' und 'Decodierung' gebildet, die auch den Rezipienten als agens würdigen.

86 Norman Holland: The Brain of Robert Frost. A Cognitive Approach to Literature. New York and London: Routledge 1988, S. 69ff.

87 In einem erweiterten Sinn ist wiederum Husserl mit seiner Konzeption des Bewusstseinsstroms wegbereitend: "Ich gehe von irgendeinem aktuellen Erlebnis aus, einer Erlebnisimpression, natürlich reduziert. [...] Ich komme durch aktualisierendes Tun zu einem durch kontinuierliche Erinnerungen wieder vergegenwärtigten stetigen Bewusstseinsstrom, zu einem Kontinuum von vergangenen cogitationes [...]" Edmund Husserl 1992, S. 119.

88 Siehe dazu D.E. Rumelhart: Schemata: The Building Blocks of Cognition. In: Theoretical Issues in Reading Comprehension: Perspectives from Cognitive Psychology, Linguistics, Artificial Intelligence, and Education. Hg.v. Rand J. Spiro, Bertram C. Bruce und William F. Brewer. Hillsdale NJ: Erlbaum 1980, S. 38.

89 Aus der dargestellten Konzeption von kognitiver Organisation über ICMs abgeleitet, ist anzunehmen, dass 'das passende Wort' nicht in einem autonom strukturierten Lexikon 'gesucht' wird, sondern dass Lexeme und Begriffe als Teile von Erfahrungen mit den ICMs dieser Erfahrungen vernetzt sind. So werden sie als Teil des 'firing pattern' mit aktualisiert. Es ist ferner anzunehmen, dass wenn wir, um einen Gedanken zu verbalisieren 'nach einem Wort suchen', wir tatsächlich verwandte 'patterns' oder ICMs mit ihren Links zum Lexikon aktualisieren.

90 Ronald W. Langacker 1987, S. 102.

91 "Each speaker of a language differs from all others in details of grammar, of word meaning, and of conceptual structure." Lakoff/Turner 1989, S. 109. Einschränkend dazu jedoch: Chris Sinha in Geiger/Rudzka-Ostyn 1993, S. 229. (Übersetzung von mir, J.E.): ">Mentale Repräsentation< ist zuerst und vor allem inter -subjektiv, und die kognitiven und linguistischen Fähigkeiten von Individuen sind ableitbar aus sozial geprägten, diskursiven Repräsentationen."

92 Jerry R. Hobbs 1990, S. 15.

93 Jerry R. Hobbs: 1990, S. 23.

94 Während K und T individuell notiert sind, soll F allgemein bleiben. Jegliche subjektive Aspekte, Einstellungen, Kulturelle und Intellektuelle Kompetenz, etc. sollen in K konsolidiert sein.

95 F beinhaltet als Funktion alleine generalisierbare kognitive Prinzipien, allen voran das mapping.

96 Der Experientialismus hört dort auf, wo ein physiologisch verantwortetes stimulus-response Modell angenommen werden muss. Es ist wahrscheinlich nicht möglich, zum Beispiel den Fortpflanzungsoder Überlebenstrieb des Menschen rein experientialistisch zu begründen.

97 Siehe dazu u.a. verschiedene Artikel in Geiger/Rudzka-Ostyn 1993.

98 Mit 'kultureller Gruppe' ist eine Menge von Individuen gemeint, die über bestimmte fundamentale Gemeinsamkeiten im Lebensumfeld zu einer Kategorie zusammengefasst werden können. Im Rahmen einer linguistischen Argumentation ist es angebracht, eine Sprachgemeinschaft, zum Beispiel 'kompetente Sprecher des Deutschen', als kulturelle Gruppe zu definieren.

99 Wenn ich zum Beispiel meine Erfahrung 'Busfahren' mit der Erfahrung einer hypothetischen Sitznachbarin vergleiche, so decken sich die Umstände der jeweiligen Erfahrung weitgehend nicht. Ich fahre 'selten', aber 'gerne' Bus, und manchmal bin ich 'nervös', weil ich 'keine Zeit hatte, eine Karte zu lösen', sehe diese Situation jedoch 'als Spiel'. Sie fährt möglicherweise 'jeden Morgen' und 'jeden

100 Ich habe bildschematische und propositionale Aspekte aufgezählt.

101 in Bezug auf das Beispiel 'Busfahren' hat dieses Organisationsmodell folgende Konsequenzen: Während auf der Ebene spezifischer Erfahrung sich die ICMs in ihrer Struktur und Einbettung noch wesentlich unterscheiden, so stehen sie doch bei beiden Individuen aufgrund gewisser bildschematischer und propositionaler Übereinstimmungen in zwingender Relation zum kategoriellen ICM 'Busfahren', und damit in Opposition zu ICMs wie 'Fahrradfahren' oder 'Fliegen', welche jedoch wiederum im super-kategoriellen ICM 'von A nach B gelangen' aufgrund ihrer schematischen Grundstruktur zusammengefasst seien.

102 Zur Erinnerung: Prototypikalität wurde definiert als Grundlage für die asymmetrische Struktur von Kategorien. Sie bezeichnet den Umstand, dass innerhalb einer Kategorie Elemente sind, die in gewisser Weise kognitiv herausragend ('salient') sind. Im Zusammenhang mit Metonymie wurde weiters festgehalten, dass prototypische Elemente einer Kategorie häufig metonymisch, als für die Gesamtkategorie stehend, verwendet werden können.

103 Zur Erinnerung: Der 'basic level' wurde als herausragende ('salient') Ebene der Kategorisierung beschrieben, die einerseits in sprachlichen Äusserungen besonders oft vorkommt, andererseits den einfachsten Zugriff bietet (empirische Daten). Modellhaft wurde der 'basic level' definiert als die Ebene

104 Ich würde ein Giebeldach zeichnen, senkrechte Wände, eine Tür und einige Fenster, nicht unähnlich der typischen Kinderzeichnung von einem Haus. Der Ausdruck 'das Haus' aktualisiert nicht etwa ein spezifisches Haus, wie dasjenige, in dem ich gerade wohne.

105 Gemäss dem 'Encoding Specificity Principle' ist 'Riegelhaus' als Kompositum ein eigenes ICM, und nicht trennbar aus zwei ICMs 'Riegel' und 'Haus' zusammengesetzt. Dasselbe würde für 'Einfamilienhaus' gelten. Das heisst, dass eher eine spezifische Repräsentation von 'Einfamilienhaus' aktualisiert wird, als jenes prototypische Haus des basic level.

106 Die Kluft zwischen Introspektion und Intersubjektivität kann nur über die detaillierte Offenlegung einer Argumentation überbrückt werden. Im Versuch, das Verhältnis von Subjektive und Intersubjektive im Hinblick auf die Repräsentation zu beschreiben, spricht Chris Sinha (In Geiger/Rudzka-Ostyn 1993) von drei Prinzipien (Übersetzung von mir, J.E.):
- 'Mentale Repräsentation' ist zuerst und vor allem inter -subjektiv, und die kognitiven und linguistischen Fähigkeiten von Individuen sind ableitbar aus sozial geprägten, diskursiven Repräsentationen.
- Diskursive und konzeptuelle Repräsentationen sind abhängig von 'verkörperlichten' oder 'materiellen' Erfahrungen.
- Etwas mit der Disposition zu einem Zeichen kann zum Zwecke der Repräsentation eingesetzt werden, und jede Repräsentation benutzt Zeichen. Aber nicht alle Zeichen sind Repräsentationen.

107 Nach dem, was im Teil 2 dieser Arbeit über Mechanismen der menschlichen Kognition gesagt wurde, ist Interpretation die kognitiv naheliegenste Methode, einen Text zu charakterisieren. Interpretation bedeutet nichts anderes, als kognitive Netzwerke, die ein Text aktualisiert, möglichst intersubjektiv aufzuzeigen. Kognitive Netzwerke müssen es deshalb sein, weil ausserhalb der Kognition keine Bedeutungsnetzwerke bestehen können.

108 Erst in dem Moment, wo im naturwissenschaftlichen Text, zum Beispiel im Schlusswort, Daten 'interpretiert' werden, wird dieser argumentativ.

109 Obschon die Arbeit mit Computern den Aufwand einer Aufschlüsselung eines Textes nach bestimmten Begriffen derart vereinfacht haben, dass eine solche Analyse durchaus wieder lohnend erscheinen würde. Leider gibt es Handke zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf CD-ROM.

110 'Im Text über etwas stolpern', oder 'etwas nicht auf Anhieb verstehen' sind solche Introspektiven, die oftmals die heuristische Grundlage literaturwissenschaftlicher Arbeiten stellen, ohne dass dies explizit erwähnt wird. Der zweite Schritt ist typischerweise die Interpretation. Das heisst, die Inbezugsetzung dieser auffälligen Phänomene mehr oder weniger plausiblen Korrespondenzen inner- oder aussertextlicher Art. Argumentativ wird versucht die Interpretation zugänglich zu machen und abzusichern.

111 Gliederung der Perspektiven nach Fricke 1991, S. 177.

112 Auch Fricke unternimmt die Übernommene Einteilung literaturwissenschaftlicher Perspektiven im Sinne einer Segmentierung nach der jeweils "zentralen Prämisse". Fricke 1991, S. 177.

113 Zur Klarifizierung: 'Methode' wird hier definiert im Hinblick auf ein bestimmtes Vorgehen ("Wie mache ich etwas, mit welchen Instrumenten?"). 'Perspektive' wird definiert im Hinblick auf ein bestimmtes Erkenntnisinteresse und die zu berücksichtigenden Variablen ("Wo fange ich an, wo will ich hin und was berücksichtige ich dabei?"). 'Position' wird definiert im Hinblick auf bestimmte Grundannahmen ("Was ist das Wesen des Gegenstandes und welche zwingenden Implikationen ergeben sich daraus?").

114 Harald Fricke 1991, S. 173

115 Siehe auch: Positionen der Literaturwissenschaft. Acht Modellanalysen am Beispiel von Kleists >>Das Erdbeben von Chili<<. Hg.v. David E. Wellbery. 3. Aufl. München: C.H. Beck 1993, S. 7

116 Siehe die Auflistung der verschiedenen literaturwissenschaftlichen Perspektiven weiter vorne. Interpretationshypothesen, die während des Leseprozesses aufgestellt werden, können sich gleichermassen auf intratextliche, intertextliche, wie aussertextliche Bedeutungsnetzwerke beziehen, die oftmals stark von spezifischem Vorwissen geprägt sind (um Fachkompetenz führt kein Weg herum - weder im 'context of discovery' noch im 'context of justification'). Das spezifische Erkenntnisinteresse selegiert schon beim Lesen, jedoch weit eingreifender bei der darauf folgenden Argumentation diejenigen Interpretationen, die eingebracht werden sollen.

117 Der neurophysiologische Befund der 'firing patterns', sowie das Modell, das ich ausgehend von Lakoffs ICMs von der menschlichen Kognition entworfen habe, stellen diese als Konstellation von synchron zu aktivierenden Netzwerken dar.

118 Argumentative Regeln stellen dabei gewissermassen die 'Bauanleitung' dar, wie diese Umsetzung bewerkstelligt wurde.

119 Ich spreche hier von der Perspektive an sich. Beispiel: Die Psychoanalyse ist wegen ihrer oft kausalen Verbindung von spekulativen psychologischen Umständen mit dem Werk eines Autors in wissenschaftliche Ungnade gefallen. Dennoch wäre wohl intersubjektiv belegbar, dass die Diskussion von der Psyche des Autors im Hinblick auf sein Werk, oder umgekehrt, an sich eine relevante Perspektive in der Literaturwissenschaft darstellt.

120 Der Forscher ist selber ein Leser und ein Schreiber, und nur so können Aussagen über einen Text zustande kommen. Werkimmanente Interpretation kann einen Text nur über den Forscher als kognitive Instanz vermittelt behandeln.

121 Nach Jeremy Hawthorn: Grundbegriffe moderner Literaturtheorie. Ein Handbuch. Übersetzt von Waltraud Kolb. Tübingen und Basel: Francke Verlag 1994 (=UTB für Wissenschaft 1756) S. 275f,

122 Ich zähle hierzu auch den Marxismus, der bei Fricke 1991, S. 177 separat aufgeführt ist.

123 Peter Handke: Die Wiederholung. Frankfurt: Suhrkamp 1986 und Peter Handke: Phantasien der Wiederholung. Frankfurt: Suhrkamp 1983. (= Edition Suhrkamp 1168. Neue Folge Band 168)

124 Sören Kierkegaard: Die Wiederholung. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt 1991, z.B. S. 23.

125 Für eine ausführliche beschreibende Aufarbeitung des traditionellen stilistischen Regelkanons in Bezug auf die Wiederholung, siehe Elmar Besch: Wiederholung und Variation. Untersuchung ihrer stilistischen Funktionen in der deutschen Gegenwartssprache. Frankfurt a.M.; Bern; New York; Paris: Lang, 1989 (Europäische Hochschulschriften: Reihe 1, Deutsche Sprache und Literatur; Bd. 1118). Insbesondere Seite 81 für eine umfassende Liste von Repetitionsfiguren mit Beispielen.

126 Harald Fri>

127 N.B. die Dichotomie 'Norm und Abweichung' deckt sich nicht ohne weiteres mit dem vorher genannten normativen Diskurs. Hier versteht sich die Norm im allgemeinen als 'Quasi Norm', in Relation zu einer Erwartungshaltung, die einen typischen, empirisch fassbaren Leser dazu bewegt, einen gegebenen sprachlichen Ausdruck in einer gegebenen Situation als 'bedeutsam', oder 'funktionell' zu sanktionieren, oder nicht. Im normativen Diskurs wird eine Norm undemokratisch als Regelwerk 'richtigen' Sprechens institutionalisiert.

128 Fricke, 1993. S. 506f.

129 Fricke, 1993. S. 526.

130 Fricke 1993. S. 507.

131 Ich paare diese beiden Begriffe, um klarzustellen, dass die Argumentation im spezifischen Rahmen dieser Arbeit primär aus Betrachtungen des Phänomens 'Wiederholung' heraus stattfindet, gleichzeitig jedoch exemplarisch für die 'Abweichung' als solche verstanden werden will.

132 Ein aktuelles Beispiel findet sich bei Handke 1997, S. 143 oben: "You were welcome" - wenn es doch heissen müsste 'You're welcome' oder 'You are welcome'. Die Abweichung kann bedeuten, dass Handke, trotz seiner Amerikaaufenthalte mit englischen Redewendungen nicht ganz vertraut ist, was (wenn auch nur am Rande) Implikationen haben muss auf die Erwartungshaltung, mit der ein Leser Handkes Amerikabeschreibungen mitverfolgt: Als die Aufzeichnungen eines Fremden, und nicht eines 'Ortsansässigen'. Oder sie kann bedeuten, dass nicht Handke, sondern seine Figuren durch diesen sprachlichen Mangel charakterisiert werden. Die Abweichung kann aber auch wörtlich den Umstand der Vergangenheit hervorheben wollen: "You were welcome", wie es doch auch im Deutschen 'gern geschehen' heisst. Weiter unten auf derselben Seite findet sich ein weiterer 'Fehler': "weg von Salzburg,.weg von Taxham". Absichtlich oder nicht, diese Abweichung auf der Ebene der Interpunktion hebt 'Taxham' anders von 'Salzburg' ab, als dies das normale Komma tun würde. Im jeweiligen Kontext sind dies wohl beides Fehler - das Eine deutscher Akzentfehler im Englischen, das Andere ein ausgerutschter Punkt oder Fleck. In jedem Fall aber wären sie unter den genannten Gesichtspunkten bedeutsam.

133 Peter Handke 1994, S. 558.

134 N.B. Alle drei sogenannten 'Normbegriffe' sind Metaphern, die ihrerseits ursprünglich 'Abweichungen' darstellten. Auch 'blendendweiss' ist eine Metapher, indem die Erfahrung des Geblendet-Werdens auf die Farbe weiss dieser Wurzel projiziert wird.

135 Peter Handke 1997, S. 280.

136 Ich selbst gehe davon aus, dass das Argument der intrinsischen Bedeutung der Abweichung, bzw. das Argument der Sinnhaftigkeit des Nicht-Sinnigen (Nonsens), nicht in jedem Kontext ausreicht, um eine Untersuchung weiterzubringen. Hingegen wird es in der Literatur eher selten vorkommen, dass eine sprachliche Instanz tatsächlich dysfunktional ist.

137 Fricke 1993, S. 506f.

138 Siehe Jerry R. Hobbs 1990, S. 20ff. Hobbs benutzt 'belief system' als Begriff, der alles umfasst, was ein bestimmter Mensch an propositionalem Wissen und bildschematischen Erfahrungszusammenhängen an die Interpretation eines Textes heranträgt.

139 Bei einer dysfunktionalen Abweichung würde alleine die Hypothese der Nicht-Konventionalität aufgestellt werden können. 'Ähnlichkeit' und 'andere Bedeutung' wären ausgeschlossen.

140 Die geschriebene Sprache ist in jedem Fall äusserst normiert: Während eine Kategorie 'Baum' eine unendliche Anzahl von ähnlichen Erfahrungsmustern 'Baum' beherbergen kann, die nicht als Abweichung, sondern lediglich als Varianten in Bezug auf Prototypen in die Kategorie eingegliedert werden können, so beinhaltet dieselbe Kategorie 'Baum' in ihrer propositionalen Struktur lediglich eine endliche Zahl von Lexemen 'Baum', 'Eiche', etc.. Diese sind allesamt dahingehend normiert, dass ein Lexem 'Bauhm' in Relation zum Lexem 'Baum' zwar über 'mapping' als ähnlich, und damit kategoriezugehörig eingegliedert werden kann, in Relation zur strikten Norm (das heisst rein mengentheoretische Dominanz und hier zusätzlich die Erfahrung von Sanktionen bei Abweichung), jedoch als Abweichung markiert wird, wie dies in der bildschematischen Struktur der Kategorie 'Baum' allenfalls mit einem Erfahrungsmuster 'Bonsai' geschehen würde.

141 Im Gegensatz zu einem Verb wie 'sein' das die Konvention als Kategorie bestimmter Subformen 'bin', 'bist', 'ist', etc. definiert hat.

142 Ich gehe davon aus, dass der Literaturwissenschafter, wie jeder Forscher aufgrund der Erfahrung, dass die Abweichung oft mehr Erkenntnisse birgt, als der Normalfall, über eine ausgesprochen starke, weil oft aktualisierte Vernetzung zwischen 'Abweichung' und 'Begründung' verfügt. Umgangssprachlich vielleicht zu beschreiben als Neugier. Typischerweise ist der Begründungszusammenhang des 'Ich-Weiss-Nicht' in intellektuellen Kreisen inakzeptable, weshalb die Frage der Grenzen der Interpretation in der Literaturwissenschaft eine derartige Dringlichkeit entwickelt hat.

143 Ein Vorgeschmack auf Peter Handke (1976, S. 57): "es würde gleich finster werden, und alles würde dann etwas anderes bedeuten".

144 Ich vertrete dabei auch die Ansicht, dass 'Kunst' versus 'Trivialität' eine Frage nicht von Techniken im Umgang mit Sprache, sondern eine Frage von Qualität im Umgang mit diesen Techniken darstellt. Diese Qualität lässt sich zugegebenermassen noch nicht als kognitiver Ablauf fassen. Sie hängt möglicherweise mit 1. Innovation, 2. Konsequenz, 3. Komplexität in kognitiven Bezügen zusammen.

145 Peter Handke 1994, S. 558.

146 Siehe Gilles Deleuze: Differenz und Wiederholung. München: Frank 1992, S. 103.

147 Eberhard Frey: Text und Stilrezeption. Empirische Grundlagenstudien zur Stilistik. Unter Mitarbeit von Mitsue Miyata Frey. Königstein/Taunus 1980, S. 89: "dass eine mehrfache Wiederholung stärker wirkt, als eine einfache, zumindest solange sich eine fortlaufende Wiederholung nicht als neue Norm etabliert hat". Ich habe im Zusammenhang mit der Metapher aus der kognitiven Perspektive bereits argumentiert, dass die Wirkung des spezifischen Schemas einer Metapher oder einer Wiederholung auf die Kognition und damit auf die Art, wie ein Individuum seine Umwelt kategorisiert und Bedeutung zuweist, stärker wird, je öfter dieses Schema angewendet und damit internalisiert wird. Es gilt, den Begriff der Wirkung zu differenzieren.

148 Quinn/Holland stellen in ihrem Buch die 'Analogy Hypothesis' auf, welche besagt, dass Unklarheiten auf der Ebene von Bedeutung grundsätzlich durch das 'mapping' von Analogien in einen bestimmten Zusammenhang gebracht werden. Jene Argumentation wird hier weiterentwickelt: Auf der Suche nach Bedeutung stelle das Subjekt eine erste Hypothese als Analogie zu einer möglichen Konventionellen Bedeutung auf. Sofern dies nicht zufriedenstellend sei (Hypothese der Nicht- Konventionalität), würden Analogien zu anderen Bereichen gesucht, in der Hypothese der anderen Bedeutung. Siehe dazu: Holland/Quinn: Cultural Models in Language and Thought. Cambridge 1987, S. 247.

149 Peter Handke 1997, S. 280.

150 "Er hatte die Sprache verloren, und das für länger als nur für den Augenblick. Warum aber waren der Schlag und die Schläge vorhin im Stockfinsteren begleitet gewesen von so gar keinem Schrecken, auch nicht von Todesangst?" Peter Handke 1997, S. 86.

151 "Die Verwandlung kam über mich ohne ein Bild, als ein einziges Würgen." Peter Handke1994, S. 11.

152 Klaus Bonn. Die Idee der Wiederholung in Peter Handkes Schriften. Würzburg: Königshausen und Neumann 1994 (= Epistemata: Reihe Literaturwissenschaft; Bd. 124), S. 38.

153 Individuell heisst hier, dass unternommene Interpretationsschritte zu komplex, und allenfalls zu abhängig von persönlicher Erfahrung sind, als dass sie a priori eine Chance haben, intersubjektiv validiert zu werden. Es heisst jedoch nicht, dass sie, transparent aufgearbeitet, einer kritischen Diskussion gestellt, nicht wertvolle Erkenntnisse liefern können.

154 Die aufgeführten Instanzen von Wiederholung teilen neben der semantisch präzisierenden Funktion auch einen rekursiven syntaktischen Aufbau, welcher die Konzeptualisierung der Wiederholung mitbestimmt: Ein weniger bildschematisch strukturiertes ICM wird in der Zeit zuerst aktualisiert ("Sie lacht.") und über 'mapping' mit einem spezifischeren ICM aus einer subordinaten Kategorie oder mit einem ICM, das durch den Kontext spezifiziert ist, verknüpft ("Lacht sie ihn aus?"), und damit präzisiert. Eine solche Rekursivität hat also aus kognitiver Sicht einen unmittelbaren Effekt auf den Ablauf, der zur Elaboration von Bedeutung führt.

155 Oliver Jahraus: Die Wiederholung als werkkonstitutives Prinzip im Oeuvre Thomas Bernhards. Frankfurt a.M., Bern, New York, Paris: Peter Lang 1991 (=Europäische Hochschulschriften; Reihe 1: Deutsche Sprache und Literatur Bd. 1257), S. 32. In seiner Untersuchung des Werks Thomas Bernhards postuliert Jahraus, dass die Wiederholung das eigentlich normale sei, und die Varianz die Abweichung, indem die Wiederholung ordnungs- und zusammenhangstiftend sei, die Varianz jedoch erweiternd, radikalisierend, ausdifferenzierend.

156 Siehe dazu Gilles Deleuze 1992, S. 103

157 Zur prognostischen Qualität der Wiederholung siehe auch Gilles Deleuze 1992, S. 159.

158 Harald Fri>Innsbruck: Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft 1984 (= Germanistische Reihe Band 18), S. 140.

159 Dies im Gegensatz zu Positionen, welche diese Ebenen im Text selbst suchen: Zum Beispiel Jahraus 1991, S. 25: "Diese Ebenen betreffen einen in sich strukturell-kategorial abgeschlossenen Teilbereich des Gesamtkomplexes." Die kognitive Perspektive lässt solches nur bedingt zu, indem strenggenommen mit Kategorien oder Ebenen des Textes an sich nicht argumentiert werden kann, sondern nur mit der Erfahrung verschiedener Ebenen im Umgang mit einem Text. In diesem Sinne liegt die 'wahre Wiederholung' in der Einbildungskraft. Siehe dazu auch Deleuze 1992, S. 106.

160 Zu dieser 'fiktiven Welt' gehört die Wiederholung durch das Medium - die Autorfiktion, die im allgemeinen eine Barriere ziwschen Text und Biographie/Psychopathologie des Autors aufbaut.

161 "S o h a t j e d e r p h ä n o m e n o l o g i s c h e G e g e n s t a n d s e i n e n g e g e n s t ä n d l i c h e n Hintergrund, der für die Wahrnehmung Hintergrund von mitbewusstem, aber nicht mitgemeintem Gegenwärtigen ist." Husserl 1992, S. 76.

162 Husserl, 1992, S. 67.

163 Bonn diskutiert die dahingehenden Stellen bei Kierkegaard: "Die Interdependenz von willentlichem Vergessen (d.i. nicht Vergesslichkeit) und Sich-Erinnern beruht so auf der genuin poetischen Art der Wirklichkeitsauslegung. Der Bewusstseinsmodus des Sich-Erinnerns resp. des Vergessens, später von Kierkegaard als Wiederholung im Gegensatz zur platonischen anamnesis bezeichnet, wirkt erfinderisch." Klaus Bonn, 1994. S. 177.

164 Husserl, 1992. S. 119.

165 Auch die Verfremdung von Gegebenem (= Erfahrenem) kann nur als 'drill-down' der genannten Neu-Inbezugsetzung von wiederum Gegebenem betrachtet werden. Das heisst, die poetische Verfremdung von Gegebenem basiert, neben dem 'Weglassen' von Aspekten eines ICM, einzig auf der Neu-Inbezugsetzung des ICMs in der Erinnerung.

166 Husserl, 1992. S. 119.

167 Siehe dazu auch Victor Guarda: Die Wiederholung. Analysen zur Grundstruktur menschlicher Existenz im Verständnis Sören Kierkegaards. Königstein: Forum Academicum 1980, S. 98-99

168 Siehe dazu Kierkegaard 1991, S. 8.

169 Peter Handke 1985, S. 40.

170 Aus der rein kognitiven Position würde ich argumentieren, dass jederzeit eine relevante Jetzterfahrung als Auslöser für erinnernde Aktualisierung definiert werden kann. Ich würde die Grenze zwischen Erinnerung und Phantasie vielmehr in ihrem kognitiven Zweck ziehen: Erinnerung dient der Elaboration von Bedeutung im Hinblick auf eine Jetzterfahrung. Die Phantasie entwickelt eine

172 Dies ist in der Argumentation dieser Arbeit keine neue Erkenntnis, sondern lediglich eine Erinnerung (im umgangssprachlichen Sinne...): Aus kognitiver Sicht ist die Bedeutung 'schlechthin' im Zusammenhang kognitiver Netzwerke bestimmt.

173 Vorausgesetzt es gelingt, eine andere kognitive Klippe der Literaturwissenschaft zu umschiffen: Die 'gesteuerte' oder 'steuernde' Interpretation, mit der sich auch Handke phänomenologisch auseinandersetzt: "Wie vieles beim Suchen dem Gesuchten ähnlich sieht". Peter Handke 1985, S. 222.

174 Klaus Bonn 1994, S. 9f.

175 Klaus Bonn 1994. S. 17.

176 Wie durch den Einschub 'Kulturspezifisch' angedeutet, muss diese Argumentation auf der synchronen Achse analog für die literaturwissenschaftliche Beschäftigung mit Texten mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund gelten.

177 "Eine Interpretation, die den Schwerpunkt auf die in einem Werk enthaltenen Traditionsbezüge legt, stärkt unweigerlich die ästhetische Norm, gegen die das Neue, das nie harmonisch in die Tradition eingebettet ist, rebelliert. [...] Ein Blick auf die vorliegende Sekundärliteratur zu Handkes Werk zeigt, wie massiv eine philologische Konvention die Rede von Einflüssen zuungunsten einer Hermeneutik des 'Gegenwärtigen' bevorzugt." Christoph Bartmann: Suche nach Zusammenhang. Handkes Werk als Prozess. Wien: Braumüller 1984, S.6.

178 Peter Handke 1997.

179 Wiederholungen im Wort, oder im Satz kommen bei Handke zwar vor, werden jedoch im Kontext der konkreten Analyse als von untergeordneter Wichtigkeit eingestuft. Wichtiger, weil beim Lesen auffälliger, häufiger registriert und in der Interpretation des Textes grundlegender, erscheint die Wiederholung von Wörtern, von Sätzen und Themen innerhalb des Gesamttextes.

180 Peter Handke 1997, S. 74.

181 Peter Handke 1997, S. 107. Hier ist es der Dichter, der auf der Reise zum Frühstück "alles Nötige und Beiläufige, bis zum Kaffee aus den Hügeln von Jamaika, selber aufgestöbert und zubereitet hatte [...]."

182 Peter Handke 1997, S. 238. Der Protagonist befindet sich auf seiner Steppenwanderung.

183 Peter Handke 1997, S. 282.

184 Peter Handke 1997, S. 299.

185 Die einzige Markenbezeichnung, die ansonsten aus dem Roman herausragt, ist die des 'Santana Jeeps'.

186 Peter Handke 1997, S. 30.

187 "Mythenzerlegung ist das Zentrum dessen, was in Bezug auf Handkes Sprachkritik genannt wurde. Dass diese Mythen populär sind, ist ein erster Grund für die Popularität seiner sprachkritisch verfahrenden Arbeiten." Christoph Bartmann 1984, S. 90f.

188 Strukturelles Charakteristikum dieses neuesten Buches ist eine Rahmengeschichte, in welcher der Apotheker von Taxham einem 'Aufschreiber' seine Geschichte erzählt. Ich werde im folgenden von 'Erzählerfiktion' dann sprechen, wenn der Apotheker als Erzähler seiner Geschichte gemeint ist, von 'Autorfiktion' dann, wenn der 'Aufschreiber' und damit die Erzählinstanz des Textes an sich gemeint ist.

189 Peter Handke 1997, S. 299.

190 Peter Handke 1997, S. 25.

191 Peter Handke 1975, S. 16f.

192 Peter Handke 1994, S. 928f.

193 Peter Handke 1996, S. 9. Zitiert ist Milos Crnjanski: Tagebuch über Carnojevic. O.O. 1921.

194 Peter Handke 1997, S. 25.

195 So kann der bei Handke entwickelte Begriff 'Krieg' unter anderem auf das programmatische Moment der Erneuerung von Sprache und Bedeutung zurückgeführt werden, welches der Autor zum Beispiel in seinen Gesprächen mit Gamper formuliert: "[...] die deutsche Sprache ist ja tückisch: dass durch die Wechselfälle der Geschichte jedes Wort seinen pejorativen Beigeschmack haben kann [...]. Aber was mein Ehrgeiz ist und auch mein Streben, ist eben, die Wörter ursprünglich... das

196 Im folgenden werden Textstellen aus Peter Handke 1997, S. 76, 79, 223, 305 und 309 herbeigezogen. 'Krieg' taucht dabei noch an anderen Orten auf, so S. 159 in einem Monolog des Dichters über das Verhältnis von Mann und Frau. Diese Textstelle scheint im Rahmen der sich ebenfalls wiederholenden Thematisierung der Frau aufzugehen, und lässt sich nur schwer in die obige Reihe von Wiederholungen einordnen.

197 Peter Handke 1997, S. 76.

198 Peter Handke 1997, S. 79

199 Peter Handke 1997, S. 223.

200 Peter Handke 1997, S. 305.

201 Peter Handke 1997, S. 309.

202 'Modifiziert' steht hier im Gegensatz zu Pr ä zisierung, Amplifikation und Transzendierung als den bereits bestimmten Funktionen der Wiederholung. Während die Wiederholung am Beispiel des 'BlueMountain-Kaffee' als eine transzendierende beschrieben werden könnte, scheint die vorliegende Reihe zu schwach, um ein solches Prädikat zu tragen.

203 Diese Interpretation der 'Beiläufigkeit' wird provoziert, wenn in Bezug auf die syntaktische Bedeutung der Aussage: 'im Einsatz gegen - oder auf der Rückkehr davon' eine Hypothese der Ähnlichkeit aufgestellt wird. Das syntaktische Schema 'dies oder das', wobei 'dies' als das (polare) Gegenteil von 'das' erkannt wird, ist erfahrungsgemäss gekoppelt mit Instanzen der Ratlosigkeit oder der Unwichtigkeit. In der Koppelung des starken und kontroversen Begriffs 'Krieg' mit dieser spezifischen syntaktischen Struktur liegt dann auch die Auffälligkeit dieser Passage.

204 Peter Handke 1997, S. 223.

205 Peter Handke 1997, S. 25.

206 N.B. der Apotheker zeigt gegen Westen: möglicherweise die fiktive Konsequenz aus der Tatsache, dass die wirklichen aktuellen Kriege doch meistens im Osten liegen, oder lagen?

207 Peter Handke 1997, S. 25.

208 Einige Instanzen von Wiederholung auf der Wortebene, die aus der Rahmengeschichte (Autorfiktion) in die Binnenerzählung (Erzählerfiktion) hineinwachsen, seien hier lediglich aufgelistet:
- Schatten: Der Schatten taucht erstmals auf im Kontext: "[...] so vermied er den eigenen Schatten vor sich - ein Anblick, der ihm von jeher unangenehm gewesen war." (Peter Handke 1997, S. 32). Im folgenden im exakt gleichen Kontext in der Geschichte der Steppenwanderung: "Was ihn beim Weitergehen zunächst störte, war, mit der östlichen Sonne im Rücken, vor sich ständig den eigenen Schatten zu sehen." (Peter Handke 1997, S. 239). Korpus weiterer Stellen für 'Schatten' in Handke 1997: 44, 53, 265.
- Apfel: Der Apfel ist in seiner Wiederholung ein Begleiter in verschiedenen Texten Handkes: Zum Beispiel Handke 1975, S. 43, Handke 1994: 195, 614, 642, 814, 928, 932, 1022, 1030, 1055, und im vorliegenden Text, Handke 1997: S. 24, 27, 28, 45, 190, 284. Der Apfel erscheint oft auffällig im Zusammenhang mit einem Epiphanieerlebnis. Auch er wird in der Binnengeschichte in diesem Umfeld wiederholt.

209 Peter Handke 1997, S. 19. N.B.: Die Stelle geht weiter mit einer Aussage des Apothekers: ">>Manchmal am Morgen, wenn ich zum Dienst gehe, sehe ich Rauch dort aus der Kate steigen.<<" 'Kate' ist ein alter Begriff für das Haus eines Kleinbauern, eines Landarbeiters. Ein anderes Wort für einen Menschen dieses Standes ist 'Keuschnig': ">>Kleinhäusler<<, oder, in der Version meiner Herkunftsgegend, Keuschler." (Handke 1994, S. 776) Keuschnig wiederum ist der Name der Protagonisten in 'Mein Jahr in der Niemandsbucht' und 'Stunde der Wahren Empfindung'. Diese Entdeckung am Rande soll lediglich die Dichte der Beziehungsnetze zwischen Handkes Texten in Erinnerung rufen, und die Beiläufigkeit (manche Arbeiten nennen es Eklektizismus), mit der diese Bezüge aktualisiert werden.

210 "[...] (und einmal landete er im Traum vor der Apotheke mit seinem Privatzeppelin, seilte sich davon ab ins Steppengras)." Peter Handke 1997, S. 20.

211 In beiden Fällen ist die Steppe auffällig markiert, einerseits explizit, indem sie als Zwickel inmitten der Stadt Taxham beschrieben wird. Andererseits wird sie im Rahmen eines Traums (immer auffällig) transzendiert, und damit noch weiter hervorgehoben.

212 " - es gab also auch Wälder in der Steppe? Ja -" Peter Handke 19)7, S. 256.

213 Peter Handke 1997, S. 19. Die Wiederaufnahme steht im Kontext mit den Skeletten bereits verblühter Pflanze. und dem nach w)e vor pbäsenten Geruch als deren Essenz: "Und ein Geruch stieg davon erst auf, sowie er mit den beiden freien Händen da hineingriff, in die grauverblühte Kamille, die Anisstauden, die ebenfalls grauverblühten Lavendelbüschel." Peter Handke 1997, S. 231.214 Peter Handke 1997, S. 309.

215 Peter Handke 1994, S. 21.

216 Das heisst, dass zwar eine Hypothese der Ähnlichkeit aufgestellt werden kann, bezüglich des 'normalen Gebrauchs' eines Begriffs, dass aber in jedem der angesprochenen Fälle eine Hypothese der Nicht-Konventionalität auf das 'mapping' folgt, da die Begriffe in neue Bezüge gestellt werden.

217 Die Erkenntn)s, dieses Wort 'schon einmal ge#ehen zu haben.'

218 So ha"e ich in der Analyse der Wiederholung des Worte3 'Krieg' eine Textstell% (Peter Handke 1997, S. 283) au3 meiner Argumentation a5sgrenze. müssen* Obschon dort das Wort 'Krieg' wiederho,t wird, so hat der Krieg zwischen den Geschlechtern in Texten Handkes doch eine grundsätzlich andere Bedeutung als der politische Krieg, in sei.er Ambiguität. Dem Krieg ziwschen den Geschlechtern fehlt die schöpferische Komponente.

219 Trotz seines Umfangs ist dieser Korpus für den Text zwar repräsentativ, aber nicht vollständig.

220 Die Art der Umschreibung einer Zeitlichen Gegebenheit wird in 'Mein Jahr in der Niemandsbucht' als Zeitschwelle bezeichnet. Siehe Peter Handke 1994, S. 983.

221 Peter Handke 1994, S. 983.

222 Peter Handke 1997, S. 50.

223 Dies ist lediglich eine Beobachtung. Anhand einer Auflistung der Epiphanieerlebnisse im vorliegenden Buch lässt sich jedoch zumindest die Frage der Häufigkeit ohne abzuschweifen stützen. So finden sich epiphanieartige Erlebnisse mit typischen, korrelierten Ausdrücken mindestens an d%n folgenden Stellen: 29 (Kind, scharf Sehen), 4" (Flimmern), 44 (Helligkeit), 56/57 (Stille, Blühen, Luft zwischen den ingern), 59 (Wippen, Perspektivenwechsel), 60 (Blick über die Schulter, Kind, Vægel), 71-76 (Vi"rieren, dunkle larheit), 85/86 (Fröste,n), 113 (Knistern), 176 (Aufblinken), 186 (Leuchten des Gesichts, Namengebung), 206 (Klarheit, Helligkeit, Gleichzeitigkeit), 249 (federnde Schritte), 262 (selbstleuchtend).

224 Klaus B/nn umschreibt diesen Bereich in Handkes bisherigem Werk mit "Idee des >>ganz Anderen<<" (Bonn 1994, S. 45).

225 Die Bedeutung des Ritterepos als Gattung und als Vorbild für diesen 'Roman' wird weiter hinten noch etwas elaboriert werden. Textstellen rund um das Epos in Handke 1997: 47, 72, 76, 214, 228 (nicht wörtlich erwähnt - "Tausend Strassen musst du reiten, oder dein Abenteuer wird nie zu Ende gebracht!" als Anspielung), 293, 301.

226 Zu Zugeh¶rigkeit/Unzugeh¶rigkeit: Peter Handke 1997, S. (Unei.gemeindeter, Uneingebundener), 60 (das Erdkellerlokal mittlerweile aus dem Flughafenkom0lex ausgegrenzt), 84 (Vertrautsein der Ausgegrenzten - Epiphanieerlebni#), 188 (der let:te Bewohner der Herberge am Ste0penrand). Siehe auch Peter Handke 1994 z.B. S. 18: "bed¼rftig des Mitgehens". Handke en4wickelt in 'Mein Jahr in der Niemandsbucht' übe2 weite Strecken die Position des Zuscha5ers auf der Schwelle zw)schen Aussenseiter und Jugehöriger.

227 Interessant sind die Stellen, in welchen der Fremde einen Ort besser kennd als Ansässige, oder solche die schon einmal dort waren. Peter Handke 1997, S. 100f, 198f.

228 Dies ist i.sgesamt der am besten belegte Bereich. Peter Handke 1997, S. 21f (Übersehen, Vergessen des Apothekers in der eigenen Stadt), 45f (unscheinbare Kleidung, die sich "kaum von jener der Waldarbeiter abhob."), 50 ("Im Salzburger Zentrum bewegte sich de2 Apotheker von Platz zu Platz wie unter einer Tarnkappe.), 60 ("unsichtbar"), 139 ("Wie der eine mir nichts, dir nichts als Tänzer einsprang und dabei doch von niemandem schee, oder als Eindringling oder Fremder angesehen wurde."), 148-150 (Dichter und Skifahrer bleiben unerkannt, der A0otheker/Fahrer 7ird erkannt und verwechselt.), 183 (Von den Arb%itern kaum zu u.terscheiden.), 200 (Übersehen), 289 (De2 Apotheker wird zu Hause erkannt.). Diese Dichotomie prägt auch andere Texte Handkes, so zum Beispiel 'Die Stunde der wahren Empfindung'. Stellen dazu: Peter Handke 1975, S. 25f, 51, 69.

229 Peter Handke 1994, S. 694.

230 Bartmann interpretiert diese Perspektive unter dem Schlagwort 'der gesenkte Blick' für Handkes früheres Werk: "An der Öffnung des Blicks vom gesenkten Blick des Frühwerks hin zu den synoptischen Blicken auf Landschaften in späteren Werken lässt sich der Prozess der Befreiung von traumatischen Kindheitserfahrungen beschreiben, den Handkes Werk darstellt." Christoph Bartmann 1984, S. 67. Ich selbst sehe keinen Grund, etwas derartiges anzunehmen. Der Blick nach unten ist primär eine bestimmte Art der Wahrnehmung, der bewussten Beschränkung auf das Naheliegende, den Boden.

231 Zum Blick nach unten bei Peter Handke 1997, siehe die Stellen S. 22 ("Baumkronen-, Ähren- und Regentropfen-in-Wegstaub-Höhe"), 55 (Anstachelung von "unten, aus dem Untergrund."), 64 (Photo vom Sohn mit dem Kopf nach unten.), 70 ("Mond [...] mit dem Gesicht nach unten."), 78 ("In die Hocke gegangen, um dem Vorgang näher zu sein; und ausserdem war man hockend auch sich selber am nächsten. Das Gesichtsfeld blieb dabei so weit wie möglich:"), 84 ("- übrigens mit gebücktem Kopf[...]"), 85 (das Frösteln kommt von unten herauf), 89 (Aufsicht: "als könnte man alle in dem Erdkeller von hinten sehen, und zudem von hoch oben"), 154 ("Gesicht hinaufgedreht in den Nachthimmel [...] mit einem Blick so von höchst oben herab."), 197 ("Blick auf dem Boden [...] Pilze"), 218 (Die Bande der 'Herausforderer' schauen "öffentlich in die Luft [...] als eine Übereinkunft"), 227 (Der Dichter: "Mein Platz: mit dem Gesicht nach unten."), 239 ("in seinem Schatten die Einzelheiten am Boden, die sich so deutlicher abzeichneten."), 244 ("vor sich die Steppe mehr denn je in Breitwand aufnahm."), 252 ("zu den Pflanzen gebeugt, erlebte ich für Momente eine Himmelfahrt").

232 Peter Handke 1994, S. 63f.

233 Zum Beispiel: Peter Handke 1985: "Nimm den Leuten ihre täglichen Metaphern weg" (S. 66), oder: "Am Schluss einer Erzählung müsste erreicht sein, dass die blossen Wörter für die Dinge stehen können." (S. 320).

234 Peter Handke 1997, S. 187.

235 Peter Handke 1997, S. 60ff, 84ff.

236 Peter Handke 1997, S. 10, 15, 145, 270f, 273, 310.

237 Peter Handke 1997, S. 28, 80-89, 99, 156, 189, 254, 267, 292, 305f.

238 In Peter Handke 1977, S. 154 ("Vorstellung, wahrscheinlich doch zu versagen in meiner besessenen täglichen Suche nach dem gemeinsamen Nenner des (unseres) verborgenen Lebens - aber dass irgend jemand irgendwo es schaffen müsste, schlagend"). In Peter Handke 1994, S. 11 (als die Verwandlung "damals anfing, nicht gemächlich, sondern mit einem Schlag, hielt ich sie zunächst für mein Ende.").

239 Peter Handke 1997, im Titel, S. 71, 115, 128, 143-146, 246f, 274, 276, 297.

240 Peter Handke 1997, S. 99.

241 Peter Handke 1997, S. 50 (Früchte, Pilze), 64 (Automatenphoto vom Sohn mit Kopf nach unten), 189 (ein Stück Fingernagel als Ausgangspunkt für die Suche nach der Frau), 190 (unauffällig), 200 (die Begleiter suchen: Streit, Geld, Publikum, Helfer, ein Volk der Retter, ihren Vollstrecker), 233 (Bitterpilze, Blick zu Boden), 242 (Suchtrupp nach einem Verwirrten/Verirrten), 255 (nichts suchen - Freiheit, Visionen), 266 (stummes Suchen unter den Toten), 307 (Eine Art Essenz des Suchens im Text: "dass derjenige, der einer Kostbarkeit ansichtig wird, im selben Augenblick schon Ausschau hält nach einer weiteren Kostbarkeit. Nur finde ich jenen besonderen, schwarzglühenden Einstieg nicht mehr. Damals, zur Zeit meiner Geschichte, da hatte ich ihn.").

242 Peter Handke 1997, S. 11, 34. Siehe auch Peter Handke 1994, die 'Niemandsbucht'.

243 Peter Handke 1975, S. 79f.

244 Christoph Bartmann 1984 ist als Ganzes dieser Sichtweise gewidmet.

245 Peter Handke 1975, S. 139. Peter Handke 1976, S. 73, 155, 165, 184. Peter Handke 1981, S. 9, 66. Peter Handke 1984, S. 49, 128.

246 Peter Handke 1997, S. 232.

247 Peter Handke 1997, S.233.

248 Peter Handke 1997, S. 237.

249 ">>Zum Igel<<" war eine der Alternativen in der Passage nach Zitat 1. Peter Handke 1997, S. 18.

250 Zum Beispiel: "Das Erzählen, das erfinderische, ohne ein spezielles Erfinden." (Handke 1994, S. 705) - "Kunst: die sich zufällig ereignenden Momente von Leben zu einer undurchdringlichen, notwendigen, nicht zufälligen Einheit verbinden" (Handke 1985, S. 40) - "Der Zusammenhang ist möglich. Jeder einzelne Augenblick meines Lebens geht mit jedem anderen zusammen - ohne Hilfsglieder. Es existiert eine unmittelbare Verbindung: ich muss sie nur freiphantasieren." (Handke 1984b, S. 117).

251 Einige Belegstellen solcher Wortspiele in Handke 1997: S. 58 (Nachgeruch: 'verdufteter Zirkus' - die neue Bedeutung von 'verduftet wird S. 252 wiederholt), 100 ('Nicht-Fragen' als 'stillschweigende' Spielregel), 167 (Stehlen: 'Lange-Finger-Machen' und 'Mitgehen-Lassen' als Gebärden visualisiert), 215 ("er als der Geruchsmensch sagte: >>alle Nase lang<<), 227 ("der Dichter am Steuer mit einem Satz, dann einem zweiten"), 230 (Steppe als "Schutt- und Asche-Ablagerung" - S. 271: "Kraut- und Rübensavanne"), 257 (Heupferde zeigen "in der Tat Pferdeprofile"), 258 (Wärter des Bienenkastens als "Volkspolizisten" - 'Bienenvolks-Polizisten')

252 Peter Handke 1997, S. 266.

253 Peter Handke 1994, S. 1045.

254 Johannes Eisenhut: Ganzheitlich träumen. Ein Versuch über die Wiederholung in Peter Handkes 'Mein Jahr in der Niemandsbucht". Hauptseminararbeit am Institut für neuere deutsche Literatur an der Universität Fribourg 1995, S. 36. Es geht dort um Visionen, für welche der Protagonist gegen Ende des Textes zunehmend empfänglicher wird. Die Visionen sind im allgemeinen dadurch bestimmt, dass Dinge, Pflanzen und Personen ausserhalb ihrer normalen zeitlichen und räumlichen Umgebung auftauchen. Ein relevantes Zitat in 'Mein Jahr in der Niemandsbucht' welches auch für den vorliegenden Text gelten mag, steht S. 814: "[...] und ihnen allen gemeinsam war noch, dass sie mir weniger als Menschen oder Tiere denn als Wesen erschienen."

255 Peter Handke 1985, S. 300.

256 Im vorliegenden Text finden sich eine grosse Anzahl Stellen, die in dieser Hinsicht auffällig sind.
1. Textstellen rund um die Relativierung des Raums: 44 (Wald im Wald mit für die Region ungewöhnlichen Bäumen), 74 (Rabe mit exotischen Früchten im Schnabel), 142f (Sprachverwirrung und die Frage: "Waren sie überhaupt von der Stadt Salzburg weggefahren?"), 144 (">>In der Ferne<<: wer setzte so etwas fest?"), 256 (Kiefernwald in der Steppe), 289 (Gab es denn das, Feigenbäume, noch dazu mit reifwerdenden Feigen, so hoch nördlich? Ja, inzwischen gab es fast überall fast alles.").
2. Zur Relativierung der Zeit: 56 ("Manchmal, schien es, wurde die Zeit fassbar in einem Bild: so wie jetzt als Bild einer Kurve"), 63f ("Spinnweben [...] so als sei er viel länger weg gewesen als nur diesen Tag.), 73 (Fledermaus am Morgen), 96 (">>Du und ich, wir sind im gleichen Alter, aber Du erinnerst mich an meinen Vater. [...]<<"), 194ff (Verschiedene Zeitschwellen, die nicht zum Sommer passen.), 197 ("wobei selbst Alte Hüpfschritte machen konnten [...] im Brautpaarwagen zwei solcher Alten"), 219 ("Am ehesten hatten sie [die Burschen, J.E.] etwas von frühzeitig gealterten Weibern"), 221 ("Der Bursche, der bei näherem Hinschauen ein faltiges, ältliches Gesicht hatte"), 231 (Muezzinrufe aus der spanischen Stadt - ein Verweis auf die Gegenwart der Geschichte?), 256 ("Blüten im Steppenherbst?"), 259 (Im Spätsommer: "Der vorherrschende Eindruck freilich [...] war der von Vor-Frühlingstagen."), 304 (Grille mitten im Winter. Eine Beobachtung der Erzählinstanz selber.).
Klaus Bonn (1994) spricht vom Verschmelzen von Zeitlichkeit in der Wiederholung zu lediglich zwei zeitlichen Instanzen - ante rem und post rem. (S. 60)

257 Peter Handke 1997, S. 303f: "Und dann fragte wiederum er mich, ob ich mir absichtlich keine Notizen gemacht hätte. Ich bejahte. >>Recht so<<, sagte er. >>Hauptsache Sie schreiben in einem grossen Bogen auf, was ich ihnen gerade erzählt habe."

258 Peter Handke 1997, S. 315.

259 Die meisten literaturwissenschaftlichen Untersuchungen, die mir bisher begegnet sind, stellen ausgehend von der gleichzeitigen physischen Präsenz von Texten die entdeckten Zusammenhänge dar als etwas Gegebenes, im Sinne einer Landkarte von Bezügen und Bedeutungen in einem Werk.

260 Herbert Gamper. In: Fuchs/Melzer. Peter Handke. Graz: Literaturverlag Droschl 1993 (=Dossier Extra), S. 180.

261 Dazu gibt es ein Buch von Egila Lex: Peter Handke und die Unschuld des Sehens. Untersuchungen zum Verhältnis von Sehvorgängen und Sprache in Peter Handkes Prosa und Gedichten. Thalwil: Paeda-Media-Genossenschaftsverlag 1985. Bei Handke 1997 liesse sich der Geruchssinn des Apothekers an folgenden Stellen elaborieren: S. 57, 147, 157, 188, 213f, 214f, 250, 300.

262 Ein Bereich, der vor allem im Hinblick auf das Gesamtwerk interessant ist. Bei Handke 1997 liesse sich die Thematik anhand folgender Stellen aufarbeiten: S. 62 (Sprachverwirrung), 63 (stammelnder Priester), 67 (gepresste Stimme), 86f (Sprachverlust), 92 (spezielles Deutsch des Dichters), 169 (Musik als Stottern), 192 (Stummheit gleich Freiheit), 216 (vom Murmeln und Spucken zum Schreien), 218 (Herausforderer haben einen Sprachkodex), 222f (Apotheker spricht ein Wort, dann wieder stumm), 224 (Olympiasieger singt), 225 (Dichter spricht), 266 (Frau fordert ihn zum Sprechen auf), 280f (Rückgewinnung der Sprache), 310f (das Lied des Apothekers).

263 Christoph Bartmann (1984) widmet ein Kapitel seines Buches diesem Bereich. Textstellen bei Handke 1997 wurden weiter vorne bereits zusammengestellt.

264 Pilze bei Handke 1997: S. 38-42, 50, 61, 68, 203, 233, 253ff, 264, 290.

265 Die Leere als Thema bei Handke 1997: S. 21 (Streichen statt hinzufügen), 34 (Abwesenheit), 49, 69 (das Schwarz), 86 (Sprachverlust), 100 (Nicht-Fragen), 108f (Nichtigkeiten), 244f, 252 (Duft von den Leerformen).

266 Verwandte, Tote, Vorfahren bei Handke 1997: S. 28, 62, 166, 168, 255, 262f, 266.

267 Peter Handke 1997, S. 289.

268 Peter Handke 1997, S. 280.

269 Peter Handke 1997, S. 222/223.

270 Ich erinnere an das 'Encoding Specificity Principle', welches besagt, dass die Repräsentation des Begriffs 'Stuhl' im Wort >Stuhl< eine andere ist, als die Repräsentation des Begriffs 'Stuhl'2 im Begriff >Schaukelstuhl<. Siehe dazu: Nicolae Babuts 1992, S. 71.

271 Peter Handke 1997, S. 46.

272 Peter Handke 1997, S. 29.

273 Peter Handke 1997, S. 98.

274 Auch hier lässt sich die Argumentation weiterentwickeln, die in der Wiederholung von auffälligen Komposita ein einheitstiftendes Moment sieht: So ist die 'Nachtwindstadt' auf Seite 145 Santa Fe, doch auch "Zaragoza erwies sich als Nachtwindstadt wie jene zuvor." (S. 276). Im Epilog schliesslich der Hinweis: "Der Nachtwind wehte auch hier" (S. 304).

275 Weitere Belegstellen zu Neokomposita bei Handke 1997: S. 99 (die 'Unterwegs-Gegenwart'), 162 (Strasseneinheimische - 308 kehren sie als 'Strassenmehrheit' wieder), 176 ('Steppenstrassenbar'), 182 (mehrere Komposita), 192 ('Zungensegel', 'Schläfensegel'), 234 ('panzerfaustbereifte Quersteppeneinradfahrer'), 262 ('Vorgeschichtengebirge').

276 Johannes Eisenhut 1995, S. 32-35.

277 Dadurch dass ich diese grundlegende strukturelle Wiederholung in 'Mein Jahr in der Niemandsbucht' nachzeichnen konnte und somit erfahren habe, bin ich einer Hypothese der

279 Peter Handke 1997, S. 136f.

280 Peter Handke 1997, S. 236.

281 Peter Handke 1997, S. 247f.

282 Peter Handke 1997, S. 140.

283 Peter Handke 1997, S. 270.

284 Peter Handke 1997, S. 311.

285 Peter Handke 1997, S. 304.

286 Peter Handke 1997, S. 19 und 20.

287 Peter Handke 1997, S. 18f. Dass auch der Adler, sowie die vorgeschlagene Alternativbezeichnung >>Zum Igel<< dem Apotheker weiter hinten auf der Steppenreise wieder begegnen, ist auch schon festgestellt worden.

288 Peter Handke 1997, S. 30.

289 Peter Handke 1997, S. 144.

290 Peter Handke 1997, S. 9: "Und der Apotheker von Taxham, mit dem wir damals nicht selten zusammenkamen".

291 Peter Handke 1997, S. 33.

292 Peter Handke 1997, S. 53.

293 Ein 'Link' ist ein konnotativer Reiz, welcher zwei Konzepte verbinden kann. In Texten Handkes tritt diese spezifische Art, Bedeutung zu generieren wiederholt auf: Handke 1994, S. 703 (Es begegnet dem Erzähler viel, für das das "Benennen das Falsche oder etwas Unmögliches war. Es kam dafür allein in Frage dass ich es [...] umkreiste, oder es streifte, oder es anklingen liess (..)."), 927 ("Das noch so unscheinbar angeschaute konnte sich zum Erdkreis auswachsen."). Handke 1983, S. 8 ("Meine Schreib-Zukunft wird es vielleicht sein, alles - jeden Gegenstand nur noch anzutupfen."). Bartmann 1984 S. 219 bringt dieses Vorgehen in Zusammenhang mit der Konstruktion des Mythischen: "wie Handke konnotative Reize auslöst, als deren Effekt das Mythische sich als Erlebnis einstellen kann."

294 Peter Handke 1997, S. 54.

295 Peter Handke 1997, S. 237f.

296 Peter Handke 1997, S. 52.

297 Peter Handke 1997, S. 265 ("der schönste Schatten"), 280 ("Sie ist schön.")

298 Peter Handke 1997, S. 52.

299 Peter Handke 1997, S. 53.

300 Dieses Konzept der Phantasie, welches bei Handke entwickelt wird, deckt sich dabei weitgehend mit der phänomenologischen und kognitiven Perspektive.

301 Peter Handke 1997, S. 100.

302 Peter Handke 1997, S. 187.

303 Peter Handke 1997, S. 297.

304 Peter Handke 1997, S. 53.

305 Peter Handke 1997, S. 9.

306 Peter Handke 1997, S. 237f. Übrigens findet sich hierin ein höchst verzweigtes Wortspiel wieder: Der Name ist Loser (Schweizerdeutsch: Hörer), und er wird als Hörmensch beschrieben (S. 57f). An dieser Stelle (S. 237f), ist er der 'Verschollene' (etymologisches Wortspiel mit der Wurzel 'Schall'),

307 Peter Handke 1997, S. 31.

308 Peter Handke 1997, S. 116.

309 Peter Handke 1997, S. 123-128.

310 Peter Handke 1997, S. 10.

311 Peter Handke 1997, S. 207.

312 Peter Handke 1997, S. 302. Veränderung, Verwandlung durch das Erzählen (nicht das Erleben) einer Geschichte ist wiederum eine Metapher, die in 'Mein Jahr in der Niemandsbucht' bereits weit entwickelt wurde. Siehe Johannes Eisenhut 1995, S. 35.

313 Peter Handke 1997, S. 298. Vor der Geschichte (S. 38) waren seine Bewegungen noch "weitausholend, mit Anläufen" gewesen.

314 Peter Handke 1997, S. 302.

315 Johannes Eisenhut 1995, S. 23-29.

316 Strenggenommen befindet sich dazwischen noch 'Eine winterlicher Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina" (1996). Ich beziehe mich wenig auf diesen Text, um in die Arbeit keine unnötige Kontroverse einzustreuen. Es wäre sicherlich fruchtbar, dies in der hier exemplifizierten Art zu tun - es könnte sich herausstellen, dass jener Text in der Tat viel eher eine erkenntnistheoretische Kritik am Zeitungsjournalismus ist, als eine politische Provokation. In diesem Zusammenhang könnte die hier vorliegende Thematik des 'Aufschreibers', der in der Wiederholung einer 'Geschichte, zu der er sich keine Notizen gemacht hat' dennoch als Filter 'poetischer' und damit verfremdender 'Berichterstattung' fungiert als Weiterentwicklung einer solchen Kritik aufgefasst werden.

317 Peter Handke 1994, S. 94-95.

318 Ich erinnerte mich, die Bezeichnung 'Apotheker von Erdberg' irgendwo gesehen zu haben, habe die Stelle jedoch erst jetzt nachgelesen.

319 Insbesondere auch im Gebrauch von Zeitschwellen und im Epilog (S. 315f), wo sie gleichsam im Chor sprechen, die Aussage des Einen von der des Anderen nicht mehr zu trennen ist.

320 Peter Handke 1997, S. 316.

321 Es wird in dieser Arbeit kein Platz sein, um Auf die Thematik des Epos im vorliegenden Roman ausführlich einzugehen. Die Struktur des vorliegenden Romans insgesamt mit der Struktur eines Epos zu vergleichen, wäre sicherlich fruchtbar. Eine Art Exposition, einen Heldendichter (die Erzählinstanz), einen Charismatischen Helden (den Apotheker), und eine Reise voller Aventiuren werden im vorliegenden Roman nicht schwer zu erkennen sein. Ausserdem ist zu vermuten, dass auch in der Art wie im Epos mit Fakt und Erfindung umgegangen wird einige Parallelen zur Unterstützung der Hypothesen dieser Arbeit gefunden werden könnten.

322 Peter Handke 1997, S. 162, 228, 308, 58 (weitergezogener Zirkus), 169 (Sohn als Fahrender). Dazu kommen die weiten Strecken im Buch, in denen der Apotheker selbst 'Fahrender' ist.

323 Peter Handke 1997, S. 310f.

324 Peter Handke 1997, S. 297.

325 Peter Handke 1997, S. 222-226 (Thema des Herzens).

326 Peter Handke 1997, S. 88 (der Apotheker hat eine blutige Stirn - im Zusammenhang mit dem Thematischen Bereich des 'Schlags vor den Kopf')

327 Wobei 'Wiederholung' im weiteren Sinne 'poetischer Erneuerung' oder der 'Erneuerung in der Erinnerung' verstanden werden muss.

328 Peter Handke 1997, S. 9 ("an einem Winterabend").

329 Peter Handke 1997, S. 9f ("hatte zur Zeit, da diese Geschichte spielt, fast ebenso lange nichts mehr von sich hören lassen").

330 Peter Handke 1997, S. 53.

331 Peter Handke 1997, S. 26f. Die Präsenz der Frau deutet darauf hin, dass neben der Nacht, als der Apotheker seine Geschichte erzählt, ein zweites Gespräch stattgefunden hat.

332 Peter Handke 1997, S. 71.

333 Peter Handke 1997, S. 69 (das raumverdängende Schwarz, das nach dem Traum am Ende des ersten Kapitels zurückbleibt), 307 ("jenen besonderen, schwarzglühenden Einstieg in die Geschichte).

334 Dieses Aufbrechen manifestiert sich zusätzlich im Umstand, dass die beiden Träume "ohne ihn, jenseits seiner Person, spielende Träume waren." (Handke 1997, S. 68). Egila Lex (1985, S. 63) spricht im Zusammenhang mit dem 'Kurzen Brief zum langen Abschied' davon, dass der Gedanke, sich selbst los zu sein für den Erzähler Voraussetzung sei, "seine Beschränkungen loszuwerden und offen für Neues zu sein."

335 Peter Handke 1997, S. 23 ("Zur Zeit, da die Geschichte spielt, war es Sommer").

336 Peter Handke 1997, S. 297.

337 Peter Handke 1997, S. 302f.

338 N.B. Ich spreche hier nicht von Handke, sondern von der Erzählinstanz, die von Handke speziell für diesen Text erfunden wurde. Wie nahe die Erzählinstanz Handke steht, ist nicht abzuschätzen.

339 Nicht nur in neueren Texten Handkes lässt sich diese Art von 'epischer Erzählforschung' nachweisen. Siehe dazu z.B. auch Bartmann 1984, S. 85f.

340 Peter Handke 1997, S. 297.

341 Peter Handke 1997, S. 302f.

342 Eine Untersuchung der übrigen Figuren des Romans würde dies vermutlich bestätigen: Bei den Ähnlichkeiten in der Figurencharakterisierung handelt es sich um eine Art exemplarischer Subjektive der Erzählinstanz.

343 Unterstützende Stellen, welche u.a. zeigen, dass der Apotheker im Zitat statt von einer 'Reise' überwiegend von seiner 'Geschichte' spricht, finden sich bei Handke 1997, S. 30, 75f, 144, 221, 306f.

344 Oder, wie der Vorgang in 'Mein Jahr in der Niemandsbucht beschrieben wird: "Nicht die Wiedergabe zählte, sondern die Verwandlung, oder die Wiedergabe durch die Verwandlung." (Peter Handke 1994, S. 514).

345 Die Frage, ob die Figur des Apothekers und die Geschichte seiner Reise nun 'zum grössten Teil fiktiv' sind, oder von der Erzählinstanz nur 'leicht verändert' wurden, wird in diesem Zusammenhang überflüssig. Im erkenntnistheoretischen Umstand der Verfremdung selber erschöpft sich die Interpretation.

346 Peter Handke 1997, S. 7.

347 Peter Handke 1997, S. 16, 23, 41, 53, 59.

348 Die Idee des schwebenden, unbestimmten Erzählens taucht im Text mehrfach auf (Handke 1997, S. 12, 49, 165). Sie ist auch im Werk keineswegs neu. Z.B. in 'Mein Jahr in der Niemandsbucht': "das Entscheidende für ein Buch, die Ahnung" (Peter Handke 1994, S. 983)

349 Peter Handke 1997, S. 7.

350 Peter Handke 1997, S. 23.

351 Peter Handke 1997, S. 53.

352 Peter Handke 1997, S. 59.

353 Peter Handke 1997, S. 23.

354 Peter Handke 1997, S. 53.

355 Einige Stellen, die in diesem Zusammenhang noch nicht erwähnt wurden, in der Geschichte jedoch wiederholt werden: S. 29, 55, 261 (nicht atmen müssen), 46, 249 (Kraft, die vom Boden her kommt), 50f, 95f, 150, 301 (Personenverwechslungen), 56, 284 (Busfahrt mit Epiphanie - Zeit wird fassbar "als Bild einer Kurve" - dann in der Wiederholung: "nicht auf dem allergeradesten Weg nach Hause"), 57f, 181, 231, 292 (Nachbilder), 64, 189 (Suche nach Zeichen einer Frau - zuerst seiner, in der Geschichte die der Siegerin). Bemerkenswert im Zusammenhang mit der Hypothese ist auch die Stelle auf S. 63f: Der Apotheker kehrt nach dem einen Tagesablauf zurück zum Haus und findet Spinnweben an der Tür, "so als sei er viel länger weg gewesen als nur diesen Tag."

356 Peter Handke 1997, S.67.

357 Peter Handke 1997, S. 66f ("Was willst du? [...] Warum? [...] Und warum hast du so eine gepresste Stimme?").

358 Peter Handke 1997, S. 66 ("Ich will die Fortsetzung.").

359 Peter Handke 1994, S. 317.

360 Peter Handke 1997, S. 76

361 Peter Handke 1997, S. 165.

362 Peter Handke 1997, S. 221.

363 Peter Handke 1997, S. 222f.

364 Peter Handke 1997, S. 303f.

365 "Dämmerung, worin die Farben der meerwärts treibenden Blumen dann, vor allem das Rot, Dinge für sich wurden." Peter Handke 1994, S. 913.

366 "[...]es würde gleich finster werden, und alles würde dann etwas anderes bedeuten[...]". Peter Handke 1976, S. 57.

367 "Es beschäftigte ihn ja schon seit langem, dass offenbar das Bewusstsein selber mit der Zeit in jede Landschaft sich seine eigenen kleinen Räume erzeugte, auch da, wo es bis zum Horizont hin keine Abgrenzungsmöglichkeit zu geben schien." Peter Handke 1984, S. 107.

368 "Kaum fange ich an, die Augen zu öffnen - schon fange ich an, Einzelheiten zu unterscheiden. [...] Kaum fange ich an zu unterscheiden - schon macht mich das Unterscheiden eins mit meiner Umgebung [...] schon muss ich mich erinnern [...]." Peter Handke 1977b, S. 135ff.

369 Peter Handke 1977, S. 303.

370 Peter Handke 1985, S. 40.

371 Peter Handke 1986, S. 101.

372 Peter Handke (Gamper) 1990, S. 190.

373 Peter Handke 1994, S. 705.

374 Peter Handke 1997, S. 303.

375 Ein anderes Bild für das Verhältnis von 'zurückblickend fortschreiten' ist in Handke 1997, S. 231 und 278 beschrieben: das Rückwärtsgehen in der Steppe, und anschliessend die Reise im Bus, "mit dem Rücken zur Fahrtrichtung", was dem Protagonisten eine neue, Zusammenhang schaffende Perspektive ermöglicht.

376 Edmund Husserl 1992, S. 80.

377 Peter Handke 1994, S. 94ff.

378 Peter Handke 1997, z.B. S. 47.

124 von 124 Seiten

Details

Titel
Kognitive Linguistik in der Literaturwissenschaft
Hochschule
Université de Fribourg - Universität Freiburg (Schweiz)
Veranstaltung
Lizentiat
Note
Summa Cum
Autor
Jahr
1998
Seiten
124
Katalognummer
V110789
ISBN (eBook)
9783640089499
Dateigröße
918 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Bringt Literaturwissenschaftliche Fragestellung mit Kognitiver Linguistik zusammen - Fragen von Kategorisierung, Metapherntheorie und der Wahrnehmung fiktionaler Literatur allgemein werden anhand von Wiederholungsphänomenen in Texten Peter Handke exemplarisch untersucht.
Schlagworte
Kognitive, Linguistik, Literaturwissenschaft, Lizentiat
Arbeit zitieren
lic. phil. 1 (Germanistik) Johannes Eisenhut (Autor:in), 1998, Kognitive Linguistik in der Literaturwissenschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110789

Kommentare

  • Gast am 25.5.2007

    Not bad!.

    Kaum zu glauben, dass diese Arbeit 1998 geschrieben wurde! Die meisten Gedanken hier sind nach wie vor "ganz vorne", was das Verhältnis von Literatur und Kognition/Kognitiver Wissenschaft betrifft. Dazu kommen einige interessante, eigene Ideen, die man entweder mitnehmen kann, oder auch nicht.

    Auch gut: Da eine Magisterarbeit, ist das Buch von Johannes Eisenhut sogar zitierfähig... nix wie hin, ihr kognitivistichen Literados!

Im eBook lesen
Titel: Kognitive Linguistik in der Literaturwissenschaft



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden