Suizidales Verhalten und Internetplattformen


Facharbeit (Schule), 2004

15 Seiten, Note: 1,0


Gratis online lesen

Suizidales Verhalten und Internetplattformen

1. Einleitung

2. Was ist Suizid – Eine kurze Definition

3. Eine kurze Untersuchung der Selbsttötung

4. „Suizid-Foren“ – Internetplattformen mit Suizid als Inhalt

5. Resümee
5.1. Zusammenfassung
5.2 Warum habe Ich dieses Thema gewählt

Literaturverzeichnis

Internetquellen

Anhang

1. Einleitung

In meiner Hausarbeit beschäftige ich mich mit dem Thema des Suizids, im Speziellen aber mit den im allgemeinen Sprachgebrauch als „Suizid-Foren“ titulierten Internetplattformen, die den Suizid zum Inhalt haben. Zu diesem Zweck werde ich zunächst den Begriff Suizid definieren, um dann mit einer kurzen Untersuchung des Suizids fortzufahren. Anschließend werde ich mich den Internetplattformen zuwenden. In der Hausarbeit habe ich als Alternativbegriff für Suizid „Selbsttötung“ gewählt, da dieser Begriff moralisch wertfrei ist, wohingegen Selbstmord eine tabuisierende und Freitod eine heroisierende Stigmatisierung darstellt.

2. Was ist Suizid – Eine kurze Definition

Unter einem „Suizid“ oder einer „Selbsttötung“ versteht man den bewusst herbeigeführten eigenen Tod, wobei sich der Begriff „Suizid“ vom lateinischen „ sui caedere“, was soviel bedeutet wie „sich selbst totschlagen“, ableitet1. Suizidprobanden werden in vier Kategorien eingeteilt: Todessuchenden, Todesinitiatoren, Todesverächter, Todesherausforderer.2 Der bloße Selbsttötungsversuch wird in der Fachsprache parasuizidal genannt.

3. Eine kurze Untersuchung der Selbsttötung

Menschen beenden ihr Leben im Suizidalen Sinne willkürlich, wohingegen der selbstgewählte Tod von Tieren eine Instinktreaktion darstellt, welcher das Überleben der Art sichert3. Der Suizid steht auf der Liste der häufigsten Todesarten auf Platz 94 wobei sich im Jahr 2000 in der Bundesrepublik Deutschland nach Angaben der WHO5 etwa 815 000 Menschen das Leben genommen haben.6 Damit steht die Selbsttötung auf Platz eins der Liste der Todesfälle durch Gewalt. Suizide sind laut Ronald J. Comer allerdings keine Erscheinung der Neuzeit, sie kommen vielmehr laut entsprechenden Aufzeichnungen in der gesamten Geschichte der Menschheit vor. So beging zum Beispiel König Saul im Alten Testament Suizid7. Mindestens die Hälfte aller Suizide geht auf psychische Störungen wie Alkoholabhängigkeit oder Schizophrenie zurück oder haben nichts mit eindeutigen psychischen Störung zu tun. Andererseits spielen klinische Variablen wie Verlust der Bewältigungsfähigkeit, emotionale Verwirrung und verzerrte Wahrnehmungen eine tragende Rolle.

Allerdings lassen sich zur Selbsttötung keine genauen Zahlen angeben, da Suizid erstens häufig nicht von einer versehentlichen Medikamentenüberdosierung oder einem Verkehrs- oder Badeunfall unterscheiden lassen und zweitens sehr stigmatisierend auf Angehörige wirken, sodass sich diese weigern zuzugeben, dass sich ein naher Verwandter selbst das Leben genommen hat oder darüber zu reden. Diese Stigmatisierung ist durch die mangelnde und falsche Information über Symptome und Ursachen der Selbsttötung der Bevölkerung bedingt, die sich trotz der langen Geschichte des Suizids nicht gegen Vorurteile erwehren können. Zu diesen falschen Annahmen gehört unter anderem, dass jemand der Selbsttötungsgedanken habe, diese sein Leben lang hat. Diese Meinung trifft man häufig an, obwohl es vielmehr so ist, dass jemand der sich sein Leben nehmen möchte nur über einen bestimmten Zeitraum suizidgefährdet ist; in diesem Zeitraum kommt die betroffene Person entweder darüber hinweg, holt sich Hilfe oder begeht tatsächlich einen Suizidversuch mit letalem Ausgang. Eine weitere Fehlannahme ist, die Gefahr eines Suizidversuches sinkt nach dem ersten Versuch. Demgegenüber steht zum Beispiel die Tatsache, dass mindestens 80% der letalen Suizidversuche bei jungen Menschen auf einen vorangegangenen Suizidversuch folgen8.

Heute ist die Untersuchung des Suizidphänomens zu einem Schwerpunkt der klinischen Untersuchungen geworden.9

Der Suizid an sich setzt sich aus drei Komponenten zusammen: Dem Wunsch zu töten, der Wunsch getötet zu werden und der Wunsch zu sterben. Die Komponenten des Wunsches zu sterben und der des Wunsches getötet zu werden unterscheiden sich dahingehend, dass der Wunsch oder das Verlangen getötet zu werden nicht bedeutet sein Leben zu verlieren, sondern vielmehr eine extreme Form der Unterwerfung darstellt, wohingegen der Wunsch zu Sterben den Wunsch nach dem Verlust des Lebens darstellt. Dies bedingt auch, dass Menschen, die einen Suizidversuch begehen, kurz darauf darum Flehen, dass ihr Leben gerettet wird. Dies kann häufig in Krankenhäusern beobachtet werden, wenn Menschen, die ihre Zerstörung initiiert haben, ihren Arzt um den Erhalt ihres Lebens anflehen.10 Laut Karl Menninger vereint ein Suizidgefährdeter den Mörder und das Mordopfer in einer Person. Siegmund Freud, der die Theorie des Todestriebes (Thanatos) formulierte, geht auch davon aus, dass ein suizidgefährdeter Mensch eine Person ist, bei der die Zerstörungslust über den Selbsterhaltungstrieb obsiegt, wobei diese gegensätzlichen Triebe in jedem Menschen vorhanden seien.11

Die existierenden Statistiken zum Thema Suizid weisen große Unterschiede auf. So unterscheiden sich die Suizidraten nicht nur von Land zu Land12, sondern auch zwischen den Geschlechtern: Frauen begehen im Schnitt etwa dreimal soviel Suizidversuche wie Männer, wohingegen sich mehr als dreimal so viele Männer tatsächlich umbringen. Auch zwischen den Familienständen sind Schwankungen erkennbar13. Selbst die Religionen haben augenscheinlich einen Einfluss auf die Suizidrate: Länder die überwiegend katholisch, jüdisch oder muslimisch geprägt sind weisen meist eine niedriger Suizidrate auf als vorwiegend protestantische Länder. Laut Ronald J. Comer hängt diese Diskrepanz möglicherweise mit den strikten Suizidverboten der Religionen und der individuellen Frömmigkeit zusammen: Religiöse Menschen scheinen sich seltener das Leben zu nehmen als nicht oder weniger religiöse Menschen.14

4. „Suizid-Foren“ – Internetplattformen mit Suizid als Inhalt

Im Internet gibt es eine nicht zu überschauende Menge an Foren15, welche den Suizid zum hauptsächlichen Inhalt haben. Diese inhaltlich identischen Foren unterscheiden sich jedoch in mehreren Punkten und Regeln. Einen der Hauptunterschiede findet man im Umgang mit der so genannten „Methodendiskussion16 “. Einige Webmaster oder Moderatoren dieser Foren unterbinden diese grundsätzlich, bei anderen Foren ist sie gestattet oder gar erwünscht17. Einen weiteren Unterschied stellt das Verhältnis der Webmaster zu den „Usern18 “. Bei den meisten Suizidforen muss man sich registrieren, um an den Diskussionen teilnehmen zu dürfen oder Beiträge zu „posten“19. Bei anderen ist es auch möglich als Anonymer, also unregistrierter „Gast“, Beiträge zu verfassen20. Doch nicht nur die Foren unterscheiden sich untereinander, auch das Verhalten der Benutzer untereinander ist äußerst differenziert: Die Reaktionen der Benutzer decken die gesamte Bandbreite zwischen „Du möchtest nur Mitleid erregen“ über das Angebot der gegenseitigen Hilfe, bis zu der Verabredung zum gemeinsamen Suizidversuch ab. Auch über die Intentionen der Benutzer, an solchen Foren teilzunehmen, sind sehr unterschiedlich. Einige „User“ suchen auf diesen Seiten Trost bei anderen Suizidgefährdeten oder jemanden der ihnen zuhört und ihre Lebensgeschichte teilt oder zumindest die Probleme, die dieser „User“ hat, versteht, da das eigene Umfeld diese augenscheinlich nicht erkennt oder nicht erkennen möchte21. Die angemeldeten Benutzer verstehen sich häufig als „Familie“ oder zumindest als „Leidensgenossen“22. Andere Benutzer verwenden die Suizidforen lediglich, um Aufmerksamkeit oder Mitleid zu erhalten.

Bemerkenswert ist es, dass sich nicht nur Suizidgefährdete über die Plattform Internet Gedanken machen. Die Suizidforen haben auch das Interesse der Fachwelt erlangt23, die über mögliche Konsequenzen der Suizidforen nachdenken und sich hierüber auch austauschen. So gab Prof. Dr. med. Armin Schmidtke während des Kongresses der deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde in Berlin bekannt: Internetforen und -hinweise auf den eigenen Suizid oder Chatroom-Diskussionen über die „effektivste“ Suizidmethode müssten in ihren Folgewirkungen auf jugendliche Computernutzer sehr ernst genommen werden. Die hauptsächliche Gefahr hierbei sieht er darin, diese Suizidalen Inhalte könnten den Eindruck erwecken, Selbsttötung stelle eine adäquate Form der Problemlösung dar. Die Selbsttötung stelle schließlich bei Jugendlichen die zweithäufigste Todesursache dar. Prof. Dr. med. Armin Schmidtke gab dort allerdings auch zu bedenken, „der anonyme Austausch von Suizidfantasien im Internet [könne] eine emotionale Entlastung“ darstellen.24

5. Resümee

5.1. Zusammenfassung

Diese Hausarbeit hat gezeigt, dass Suizid eine der häufigsten Todesursachen ist, dieses Thema aber dennoch mit einem nahezu unüberwindbaren gesellschaftlichen Tabu behaftet ist. Des Weiteren lässt sich anhand der Fachpublikationen erkennen, dass es eine nahezu unüberschaubare Menge an Theorien zum Suizid gibt, welche sich vor allem in ihrer moralischen Anschauung des Suizids („Selbstmord“ oder „Selbsttötung“) unterscheiden, aber zumeist von psychischen Ursachen des Suizids ausgehen. Dies lässt den Schluss zu, dass „Suizid“ eine äußerst vielschichtige Thematik darstellt.

5.2 Warum habe Ich dieses Thema gewählt

Zum Einen habe ich dieses Thema gewählt, da es in der Vergangenheit ein großes persönliches Interesse am Thema „Selbsttötung“ gab, zum Anderen, da die oben erwähnte Vielschichtigkeit und die Menge an unterschiedlichen Theorien zu dieser Thematik mein Interesse geweckt haben. Ein weiterer Faktor, der mich zu dieser Wahl veranlasste, war der Umstand, dass sich ein Grossteil der Texte meiner persönlich bevorzugten Musik mit dieser Thematik auseinandersetzt. Meine Einstellung zu diesem Thema wird sicherlich an der Wahl des Terminus „Selbsttötung“ als Alternativbegriff für „Suizid“ deutlich. Dennoch möchte ich noch einmal deutlich machen, dass der Suizid meiner Meinung nach nichts moralisch Verwerfliches oder Verachtenswertes darstellt. Dies trifft vor allem bei der Selbsttötung schwerkranker Menschen oder Personen die in der Vergangenheit beispielsweise sexuell missbraucht wurden, zu oder wenn Menschen in ihrem Leben keinen Sinn mehr sehen oder die Existenz als Mensch, beziehungsweise das Leben im Allgemeinen, generell für Verachtenswert befinden. Ich bin der Überzeugung, dass die „Pflicht zum Leben“ keineswegs als Gegenargument für den Suizid gelten kann und jeder Mensch dass Recht darauf hat, selbst zu bestimmen, wann er sein Leben beenden möchte, auch wenn es einige Suizidanten gibt, die mit einem Suizidversuch darauf aufmerksam machen wollen, dass sie mit ihrem Leben unzufrieden sind oder ein anderes Leben führen möchten.

Das Recht auf die Bestimmung des eigenen Lebensendes trifft allerdings nicht auf „Kurzschlussreaktionen“ zu, ein Suizidant sollte sich vor seinem Suizidversuch gründliche Gedanken über die Konsequenzen seines Verscheidens machen, hauptsächlich im Bezug auf seine Umwelt und diejenigen Menschen, denen er etwas bedeutet beziehungsweise auf, vor allem jüngere, Menschen, die ihn als Vorbild sehen. Dies gilt vor allem bei berühmten Personen, den so genannten „Stars“, wie Beispielsweise Marilyn Monroe oder Kurt Cobain, die eventuell Jugendliche dazu animieren, die Tat ihres Vorbildes nachzuahmen.

Für mich stellt der Suizid grundsätzlich ein äußerst interessantes Thema dar, dass eine Vielzahl von Betrachtungsweisen, gerade in philosophischer Hinsicht25, offeriert.

Literaturverzeichnis

Comer, Ronald J. : Klinische Psychologie, Berlin 2001

Menninger, Karl : Selbstzerstörung – Psychoanalyse des Selbstmords Frankfurt am Main 1974

Internetquellen

http://www.wikipedia.org

http://www.aerzteblatt.de

http://www.suicideinfo.org

http://www.fireball.de - diese Seite wurde nicht direkt als Quelle verwendet

http://www.johannes-bogner.de

http://www.uni-essen.de

Anhang

Übersicht über die prozentuale Verteilung der Suizide auf die vier Familienstände26

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bekannte Personen, die durch Selbsttötung um ihr Leben kamen: 27

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


1 Siehe hierzu http://de.wikipedia.org/wiki/Suizid

2 Siehe Hierzu die Tabelle „Die vier Kategorien der Suizidanten und deren Symptome“ im Anhang

3 vgl. hierzu Ronald J. Comer: Klinische Psychologie, Seite 228

4 Ash 1999, US National Center for Health Statistics

5 Word Health Organisation

6 http://www.aerzteblatt.de

7 vgl. hierzu Ronald J. Comer: Klinische Psychologie, Seite 228

8 vgl. hierzu http://www.suicideinfo.org (Eine Seite der „Befrienders International“

9 vgl. hierzu Ronald J. Comer, Klinische Psychologie Seite 229

10 vgl. Karl Menninger: Selbstzerstörung – Psychoanalyse des Selbstmords Seite 37 ff.

11 vgl. Karl Menninger: Selbstzerstörung – Psychoanalyse des Selbstmords Seite 17 ff.

12 Russland, Ungarn Deutschland, Österreich, Finnland, Belgien Dänemark, China und Japan weisen eine Suizidrate von bis zu 20 Selbsttötungen pro 100.000 Einwohner auf, Ägypten, Mexiko, Griechenland und Spanien haben beispielsweise nur eine Suizidrate von 5 Suiziden pro 100.000 Einwohner

13 siehe „Übersicht über die prozentuale Verteilung der Suizide auf die vier Familienstände“ im Anhang

14 vgl. Ronald J. Comer: Klinische Psychologie, Seite 233

15 so ergibt Beispielsweise die Suchmaschine „Fireball“ bei der Suche nach "Suizid + Forum" 3537 Treffer alleine im deutschsprachigen Internet

16 Bei der Methodendiskussion handelt es sich um den Austausch der subjektiv „besten“ Suizidmethode

17 siehe „Einige Suizidforen im Internet“ im Anhang

18 Verwender oder Benutzer

19 Eröffnung eines Neuen Diskussionsthemas

20 vgl. z.B.: die im Anhang angegebenen Suizidforen

21 Dies stellt eine häufige Überzeugung Suizidgefährdeter dar, vgl. z.B.: http://www.johannes-bogner.de

22 vgl. http://www.johannes-bogner.de

23 siehe hierzu zum Beispiel den „Kannibalenmord von Rothenburg“

24 http://www.aerzteblatt.de hier im speziellen aus: Deutsches Ärzteblatt 100, Ausgabe 15 vom 11.04.2003, Seite A-1004 / B-840 / C-785 MEDIZIN

25 Die Ansicht der Philosophen unterscheiden sich hauptsächlich in ihrer Einstellung zum Suizid, der griechische Philosoph Hegesias (3. Jahrhundert v. Chr.) schrieb dem Individuum das Recht zu, sich umzubringen, da das menschliche Leben an sich keinen besonderen moralischen Wert hätte. Vgl. hierzu: http://de.wikipedia.org/wiki/Selbstt%F6tung#Ansichten_zum_Suizid_in_der_Antike

26 Siehe hierzu: Ronald J. Comer: Klinische Psychologie, Seite 234

27 http://de.wikipedia.org/wiki/Suizid#Forschungsgeschichte

28 vgl. Ronald J. Comer: Klinische Psychologie, Seite 231

15 von 15 Seiten

Details

Titel
Suizidales Verhalten und Internetplattformen
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
15
Katalognummer
V110809
ISBN (Buch)
9783640115839
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Suizidales, Verhalten, Internetplattformen
Arbeit zitieren
Marcel Behringer (Autor), 2004, Suizidales Verhalten und Internetplattformen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/110809

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Suizidales Verhalten und Internetplattformen



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden